Else: »Sie sind gütig zu mir, warum?«

Lauda: »Weil Sie keinen Anspruch auf mich erheben, ich nicht an Sie.

Darum besagt es auch noch nichts über meine wirkliche Fähigkeit zur

Güte, und ich weiß nicht, ob ich sie frei machen könnte, wenn ich die

Stelle Ihres Freunds einnähme. Güte trotz Verpflichtung ist etwas

durchaus andres als Güte aus Stimmung.«

Und da es die Stunde der Vertraulichkeiten im nächtlich stillen Zimmer

war, fügte er hinzu:

»Ihr Bericht seines Wesens wirkte auf mich wie mein Verkehr mit Siriwan

-- irgendwo schneidet auch Ihr Freund sich mit mir, und als Ihre

Schildrung, nur durch Aneinanderreihung der Tatsachen, ungewollt

ironisch wurde, empfand ich, heiß und unbehaglich es wäre leicht, auch

deine Gastspiele unter den Töchtern der Bürger in dieses Licht zu

rücken. Unterschied mag da sein, als Verzicht auf die olympische

Gebärde, von der Sie sprachen. Wenn ich etwas bin, so Antipode des

Schauspielers, worunter ich den verstehe, der aus dem magischen Wechsel

seiner Wallungen rasch irgendeine Form zusammenrafft in der

zwitterhaften Absicht, zugleich Einheitlichkeit zu haben und auf die

Tiefe seiner Verwandlungen schließen zu lassen; Eitelkeit ist Stolz auf

Tiefe.«

»Geben Sie mir einen Rat, nennen Sie eine Idee, eine Tätigkeit, in die

ich mich retten kann, wie man in ein fremdes Land geht, sich eine neue

Existenz zu schaffen und -- Abstand zwischen sich und die alte zu

legen.«

Er betrachtete sie, sah ihre jüdischen Züge, sagte:

»Zuerst wollte ich Ihnen Frauenbewegung oder Pazifismus nennen, alle

diese Bestrebungen haben den großen Illusions- und Beschäftigungswert --

es kommt mir ein andrer Gedanke: arbeiten Sie im Zionismus. Er wird

Wirklichkeit werden, wenn die Türkei zerschlagen ist und England sein

Versprechen einlöst.«

»Was wissen Sie von ihm?«

»Nichts als daß er jede andre Idee, die auf Staatengründung ausgeht,

durch seinen Gehalt an überrealen Gefühlswerten übertrifft, also

religiöse Bindung ermöglicht.«

»So könnte ein Konservativer sprechen.«

»Wer sagt Ihnen, daß Konservativismus als Idee nicht weiser als jeder

Radikalismus ist? Niemand kennt sich, auch ich nicht mich. Manchmal habe

ich das Gefühl, von mir und nebenbei von allen, die die Bindungen

lockern, daß wir wider unsren Willen in das scharfe, künstliche Licht

des Rationalen schreiten, von einem Dämon gestoßen, der nur Verführer zu

Erkenntnis ist. Wir können uns nicht anders verhalten und wir sollen es

auch nicht, denn es liegt wohl ein Gesetz der nach irgendeinem

Mittelpunkt vorrückenden Kosmen vor, und man kann nur ahnen, daß die

Erkenntnis eine neue Naivität ermöglicht -- immer wenn ich handeln muß,

glaube ich sie schon zu haben. Temperament kann immer ungebrochen sein,

gleichgültig, wieviel Hemmungen es durchschritten hat. Immerhin zeigt

sich, daß das, worauf der Mensch seine ganze Energie konzentriert, der

freie Wille, auch seine problematische Seite besitzt: Züchtung von

freier Energie sprengt die Bindungen -- ohne Bindung kann man nicht

leben, und wenn ich mich als Kosmos, Bruder des Himmelskörpers Mensch

empfinde, von Druck, Achse und Rotation spreche, denke ich nur ein

andres Wort: Bindung, diese Legierung von Ja und Nein; denn gebunden

wird das Nein, die Sehnsucht nach der Totalität und der tödlichen

Rückkehr. Mit andren Worten, Bindung ist Demut, Gehorsam gegen den Zwang

zur Existenz, Bindung ist Scheu vor dem zu Radikalen, von dem man sagen

kann, daß es sich nur der Maske der äußersten Energie bedient und in

Wirklichkeit Gehilfe des zerstörenden Tods ist. In diesem Sinn ist

Bindung konservativ, in demselben Sinn konservatives Denken religiös.«

»Sie lösen sich vom Radikalismus, bevor er sichtbar geworden ist.«

»Darf man der Zeit nicht vordenken?«

»Man soll mitdenken,« sagte sie.

»Ja, aber das einfügen, was überall eingefügt werden muß und die

eigentliche menschliche, geistige Leistung ist, den Widerstand. Ist eine

Betrachtung, die den Widerstand in den Mittelpunkt stellt, nicht

konservativ?«

»Sie kann nicht umhin, auch dem verwirklichten Konservativen Widerstand

entgegenzusetzen.«

»Nichts kann wahrer sein, Sie legen das System der Denkströme bloß, die

Ebbe und Flut, lebende Vorgänge der Mensch genannten kleinen Welt sind.

Das Nein, das die Positivismen des Lebens in Frage stellt, ist nur ein

Phänomen des Ja, das sich durch Widerstand verstärken will, und das Ja

des Radikalismus ein Phänomen des Nein, das die Lockung des größten

Glücks vorschiebt, um das Jasagen tödlich zu treffen.«

* * * * *

Sie hatten sich am nächsten Morgen kaum an die Schreibtische gesetzt,

als Rutt gemeldet wurde.

»Ich komme,« sagte sie, »weil ich mit dem Regisseur in der Auffassung

meiner Rolle uneins bin, Sie sollen entscheiden.«

Sie berichtete; es erwies sich, daß das Tempo einer Figur nicht geändert

werden konnte, ohne alle andren zu beeinflussen. Der Regisseur arbeitete

mit Hebeln und mit Schrauben, holte die Sätze schwer hervor, ließ sie

langsam zerfließen, starre Lava, und goß das Dämmer wechselnder

Lichtmagie darüber. Lauda nahm das Buch, las den Partner, bat Rutt, ihre

Rolle zu sprechen. Vollkommne Harmonie, rasch rollten die Szenen, leise

gedämpft -- Beschleunigung und Abstand waren die Absteckungen, zwischen

denen zwei Stunden Geschehn sichtbar wurden, aufschwellend wie

Kammermusik, danach nicht mehr. Schauspieler durfte nicht lebensgroß,

wuchtige Materie sein; fern Pathos, Agieren; Gestalten _sind_,

überflüssig, daß sie sich erklären; Probleme knüpfen sich, lösen sich

wie eine Schleife, Lauda legte keinen Wert darauf, den Zuschauer durch

sie aufwühlen zu lassen -- Zuschauer sollte zuschaun. Zuschauer sollte

bleiben, was er war, dem Schicksal Andersgearteter, Verstrickter

beiwohnen.

Es gab andre Stücke, elementarere, wie es neben Kammermusik die

heroische gab -- dieses Stück war, wie es war, also galt es, seinen Stil

einzuhalten. Rutt, die nervenzerrende Rollen liebte, hatte verstanden,

daß sie hier Härte unter zarter Hülle und süßem Dunkel verbergen mußte

-- am Regisseur, gleichermaßen zurückzustellen, was er gelernt hatte,

den großen Apparat, und sich unterzuordnen.

Lauda begleitete Rutt auf die Probe, griff ein, ließ von vorn beginnen,

warf das Tempo von Grund aus um, reduzierte Kulissen auf ein Minimum.

Konflikt mit dem Regisseur trat, dem Direktor anheimgegeben, in das

Stadium, wo Ausgleich unmöglich wurde. Lauda verlangte die Regie für den

Rest der Proben und den Abend selbst, drohte öffentlich zu widerrufen,

drang durch, indem er dem Regisseur den nominellen Oberbefehl überließ,

und sah sich auf zwei Wochen als unumschränkten Herrn über sechs

Menschen und die Trabanten. Es war Vergewaltigung -- wie immer beim

Sprung in die Tat empfand er, daß, wenn er handelte, er ganz handeln

konnte, Geistigkeit wie ein Fächer war, den man schloß und zum

Dirigentenstab machte: kurzes Klopfen, Heben, -- und die klirrende

Symphonie begann.

Rutt sagte:

»Elses Freund und Sie sind absolute Gegensätze; er faßt die Energie in

anfeuernde Formel, Sie üben sie aus, undenkbar, daß Sie an irgendeinen

Gedanken Worte wenden.«

Er lachte, antwortete:

»Fragen Sie andre, sie werden Ihnen sagen, daß ich der sei, der den

Entschluß durch Reflexion hemme. Weil sie weder Denken noch Tun des

andren naiv nehmen, sondern die Dilettantenkunst des Schlüsseziehens

üben, zwingen die Leute, fast selber Schauspieler zu sein, Denken und

Tun wie eine Maske zu tragen. Ihnen gegenüber, Fräulein Rutt, werde ich

allerdings nie philosophieren, nur handeln; Sie fordern heraus, zum Tun,

zum Spiel der Klingen oder zum straffsten Gegenübertreten. Warum, fragen

Sie? Weil Sie ganz im Vordergrund Ihres Wesens leben, zu bestimmt, zu

unmittelbar Energie in Handlung umsetzen.«

»Was tun Sie denn andres,« fragte sie erstaunt; »wenn man Sie auf den

Proben sieht, zugreifend, jäh in eine Trägheit oder auch Verdrossenheit

fahrend, leben Sie doch auch im Vordergrund Ihres Wesens.«

»Und mache doch nur Vorstöße aus seinen Hintergründen -- nichts ist so

sehr Instinkt in mir, als die Brücke nicht abzubrechen. Als ich noch die

Form meines Naturells suchte, zog ich mich oft zu früh auf die Brücke

zurück, war feig, ließ im Stich -- man darf die Brücke nur in der

äußersten Not benutzen, wenn man aus dem Absoluten dem Tun neue Kräfte

zuführen muß.«

»Wie dem auch sei,« antwortete sie, »Sie sind für mich so, wie ich Sie

kennen gelernt habe, und manchmal denke ich, daß Sie der seien, dem ich

einen Vorschlag machen möchte, einen nie ausgesprochnen, weil der

Partner fehlte.«

Aber sie lenkte ab, als er ihn hören wollte.

»Wie seltsam ist Ihr Name,« sagte er, »was ist Rutt, eine Abkürzung?«

»Eine Umwandlung aus Ruth. Mit dem Namen Ruth sind zu bestimmte

Vorstellungen verbunden, als daß ich ihn hätte tragen können.«

Lauda machte Barbara mit Else bekannt, nur andeutend, daß es galt, einer

schon wankenden Melancholie den letzten Stoß zu geben. Er fürchtete, der

Optimismus Barbaras möge Else zu derb erscheinen -- unnütze Furcht, er

wurde Zeuge des Gemeinschaftsgefühls von Frauen, das ein Wissen um Nöte

des Erlebens war. Barbara stellte Derbheit zurück, bis sie wagen konnte,

die Männlichkeit jenes Freunds als die eines Tenors zu erklären. Und sie

drang mühlos zum Kern des Mädchens vor, führte sie in die Sphäre des

Kinds und der zu betreuenden Mütter.

Auch mit Hans machte er Else bekannt, ohne Absicht, sah unerwartet den

Freund von der kleinen Schwester Barbaras zu der noch weiblicheren

Orientalin übergehn, aber hilflos werden vor ihren geistigen Interessen,

dieser Bereitschaft für praktische Dinge. Ahnend, daß sie Kummer

erlitten habe, erkundigte er sich bei Lauda, faßte die Begegnung mit dem

Berliner Freund so natürlich auf, daß ihm der Gedanke andrer, man müsse

sich darüber hinwegsetzen, gar nicht kam; aber beim Versuch, mit ihr

davon zu sprechen, hatte er nichts zu bieten, als die Empfehlung des

Wechsels, Selbstquälerei des Zwischenstadiums für unnaives Übermaß an

Seele erklärend -- sie fand ihn täppisch. Der Ansatz zur Werbung

scheiterte kläglich, er war vom Stamme derer, die sich die Frau selbst

nimmt. Siriwan wirkte auf Else zynisch, auf Rutt als männlicher

Kavalier; sah er sie an, trat in seine Augen der Blick, mit dem Männer

Kokotten auf die Verheißung äußerster Dinge schätzen.

Es waren die Schwestern in allem Gegensatz, gleichwohl so jüdisch die

eine wie die andre -- wie war Einheit bei so viel Verschiedenheit

möglich? Es gab zwei jüdische Typen, wie es sie unter allen Menschen

gab, den in der zeitlichen Sphäre heimischen und den religiösen. Waren

Menschen dieser Rasse materiell, so waren sie es ganz; für ihre Leistung

im Reich des Absoluten erübrigte sich der Beweis. Temperament im

weltlichen Sinn hatte nur der Bewohner der sichtbaren Sphäre, der andre

hatte Stoßkraft, Vorstellungskraft, Ideenkraft. Wenn es rationalistisch

gerichtet war, bewegte sich jüdisches Temperament leichter, sichrer,

anmaßender als jedes andre auf der Oberfläche der Dinge, stets noch

vermehrt um den Hunger nach dem Anteil, die egoistische Energie -- sie

schwammen in der Materialität wie Raubfische im Wasser; Lehrzeit und

Verpuppungsstadium waren abgekürzt, sie sprangen wissend in die Arena,

mit dem glänzenden Blick, die Frauen so eifrig wie die Männer, aber die

Frauen dieser Art unbeschwert von der Melancholie der Männer, ganz

Energie -- geborne Trägerinnen des Radikalen, unfähig, jene Bindung zu

finden, durch die die vitale Energie so tief versenkt wird, daß sie

Geheimnis wird.

Versenkung der Energie und Befreiung der Energie, das bedingte den

Unterschied von Vordergrundsmenschen und Religiösen -- religiös nach

Laudas Definition der, der Ja und Nein vereint. Und dieses Verhältnis

von Versenkung und Befreiung erlaubte auch, die tiefre Gleichheit beider

Typen zu behaupten, wie die aller menschlichen Wesen. Praktisch

gesprochen, wies die Melancholie Elses darauf, daß ihr die geistige

Sphäre zugänglich war, wie allgemein die Melancholie der jüdischen

Menschen Ausstrahlung der stärkren Geistigkeit war -- den

rationalistischen Frauen fehlte sie, trat höchstens als Surrogat

Fanatismus auf; wo auch das Surrogat fehlte, drohte Selbstverbrennung

der Energie, die sich in den kleinen Explosionen der täglichen

Verausgabung vollzog, siehe Rutts Mitreden, Dabeisein, sofortige

Umsetzung jeden Impulses.

Ein paar Tage darauf erzählte ihm Else von Vorstellungen, die Rutt an

die Person Laudas knüpfte, wünschend, daß Else den Weg zu ihm ebne, und

den Wunsch verleugnend. Sie träumte von einem Bündnis zweier Energien

und Intelligenzen, deren eine die ihrige war, die andre die des zu

findenden Manns. Da sie Schauspielerin war, glaubte sie den Partner in

dem Dramatiker gefunden zu haben; Ziel: die Erobrung der Zukunft,

Mittel: kopulierter Ehrgeiz, Zusammenhalten, gemeinsames Arbeiten,

Schaffung von Verbindungen und Benutzung einer jeden unter

Schultergefühl; so steigen, wie es zwei klaren Willen möglich war, sehr

hoch, ganz weit.

Lauda sagte:

»Ihr Freund, Fräulein Else, wäre der gewesen, den sie hätte wählen

müssen; Tenor und Diva sind nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich

von der gleichen Welt. Nichts könnte mir ferner liegen, als meinem

Ehrgeiz durch Organisation nachzuhelfen. Wie ich naiv leben, nach innrem

Gesetz bald denken, bald handeln, bald mich binden, bald mich befreien

will, soll auch Wirkung auf andre naiv sich vollziehn; hat man Wirkung,

ist es ein natürlicher Vorgang, bleibt sie aus, desgleichen. Niemand

weiß, ob das, was er sagt, Wert hat, mag er es als noch so neu

empfinden; man kann es nur feststellen. Reisender im eignen Ruhm sein

ist so anrüchig wie den Leuten einen Fabrikartikel aufreden.«

* * * * *

»Wenn ich auch nicht Kaiser dieser Stadt bin, kann ich doch ihr Harun

sein,« sagte er, auf der Brücke Siriwan begegnend, an einem der Abende,

an denen er durch Straße, Fabrikviertel, Restaurants der Reichen und

Vorstadtkinos ging. Siriwan lächelte mit dem Blick des Augurn, wenn er

Lauda so begegnete:

»Man muß methodisch, gründlich und immer allein streifen,« sagte er, »es

ist das wahre Kennzeichen des selbständigen Menschen, die andren werden

schon feig, wenn sie fünfhundert Meter vom Zentrum sind.«

Noch einem dritten begegnete Lauda oft, Schreiner -- diesem in den armen

Vierteln und immer einem über die menschlichen Höhlen, die

Schnapsschenken, die lieblosen Vergnügungsorte Stöhnenden. Ein vierter

wäre denkbar gewesen, der, der aufsucht, sieht, leidet und nicht

spricht, sich vorbereitend auf den Tag, wo Sprechen nicht mehr Wort,

sondern Lehre ist -- er hätte vielleicht gesagt, daß Partei,

Organisation, Selbsthilfe nicht das Wesentliche seien, wie Christus

nichts von diesen Dingen gesagt hatte. Was hätte er also sagen können?

Daß wesentlicher sei, das Reich in sich zu suchen, die Bürde der

Existenz in sich zu erleben? Was hätte es dem Armen, Ausgestoßnen,

Schwachen, Mutlosen geholfen? Die Bürde des Existierenmüssens nicht

vergessen: das war Mahnung an die, die irgendwie fest und geordnet

lebten; der, der unter der Bürde stöhnte, verlangte andres, Lindrung,

und Lindrung bot ihm die Partei, die Hoffnung auf Vergeltung und

Umsturz.

Wie anders war die Situation als zur Zeit Christi; es ließ sich der

Mensch nicht mehr auf die innre Zukunft verweisen; Resultat von zwei

Jahrtausenden hieß: Mißtrauen gegen die Lehre der Demut, denn Demut

hatte zu dem System geführt, das von dem Besitzenden nur die Steuer des

Almosens erhob, Kirche hatte ihren Frieden mit den Mächtigen gemacht.

Sinn dieser Streifzüge war Lauda, das zu erkennen, Tragik des

Christentums zu fühlen, das gezwungen worden war, die Idee der Nichttat,

des Religiösen, durch Tat zu verwirklichen. Mission für das Reich des

Mehr-als-Irdischen treiben, hieß zu den Mitteln des Irdischsten, der

Organisation greifen. Darum hatte, als das Christentum gescheitert war,

der Sozialismus die Verwirklichung der Idee auf ganz materiellen Wegen

unternommen: Organisation der Kräfte und Wille zur politischen Macht.

Kein Christus war mehr möglich, die Menschen hätten ihn gefragt: und was

rätst du zu _tun_? Man hätte ein Programm von ihm verlangt, und

Programme sind irdischer als alles andre, so fern dem Pessimismus der

Religionsstifter, der Mißachtung des Leibs und des Staats. So war das

Zeitalter, in dem wir alle leben; unmystisch, unlegendisch, unreligiös

auf immer. Staat war der Gott, Gesellschaft die Form, mit der sich jeder

Gedanke, jede Energie verbinden mußte, wollten sie überhaupt Form

annehmen und mehr sein als Rezept für Individualismus. Noch gestern,

dachte er, lebte der letzte große Christ, Tolstoi, begann das Beispiel

bei sich und dem kleinen Kreis, der um ihn war -- die Ausdehnungskraft

dieses Kreises, wie schwach blieb sie, auf das Gut beschränkt; Dorf,

Provinz, Land, Staat konnte sie nicht erreichen -- es war vergrößerter

Individualismus, Nachfolge Christi als Angelegenheit des Privatmanns.

Keiner heute, keiner in Zukunft wird mehr lehren, mehr erreichen können

als dieses »Beginne bei dir selbst«, Beispiel sein, Da-sein, nach seinen

Kräften wirken, und das war der tiefste Sinn des Pädagogischen; aber

welche Tragik darin -- unsre Tragik, des Menschen Tragik, dem Ideen,

sobald sie aus der Sphäre des Elementaren in die der Materialität

traten, zu Materie erstarrten, nützliches Handwerkzeug wurden.

Er hatte an diesem Tag das Buch einer Gruppe junger Dichter gelesen,

Aufständiger gegen solche Irdischkeit. Haß darin gegen die sichtbaren

Formen, in denen Weib nur Frau der gesitteten Welt, Mann nur Nutztätiger

war. Dichtung ward als das Ewige und folgerichtig als Sprengung der

bürgerlichen Regulative proklamiert; nicht weniger als drei hatten

Frauen gestaltet, die sich, die einen aus Demut, die andren aus

Sehnsucht nach dem Totalen, die dritten aus Fanatismus der Weibidee

vielen, allen maßlos hingaben, keusch zuchtlos, schreiend brennend --

was war es? Literatur, Ding für sich, denn alles blieb Literatur, was

das Elementare absolut in die Welt des Existierenden werfen wollte;

Existenz hieß Kontrolle des Elementaren; Existenz war Form, Form

Rationierung des Elementaren.

Die Kritiker und die vom Bürgertum verehrten Dichter selbst hatten schon

längst die Philosophie auf den Zwang gemacht, Elementar hieß ihnen

Mildrung des Materiellen und Ewig Menschlichkeit -- sie hatten das

Pathos des Elementaren, nicht es selbst, sonst wären sie Zerstörer

gewesen, denn das Elementare war, insofern es auf das schon Bestehende

traf, Prinzip des Umsturzes, und es war, absolut betrachtet, doch

zugleich die Ursache dieses Bestehenden; Entschluß des Urwillens zur

Existenz war Selbstverurteilung zur Form.

Und er, Lauda, stürzte von neuem in den Abgrund, der sich zwischen ihm

und Künstlertum aufgetan hatte, als es ihm feststand, daß Dichter und

Künstler nur Leute waren, die das Elementare in maßvoller Dosis dem

Materiellen zusetzten. Aber die Wirkung war heute anders; Ja war zu

stark, denn starkes Nein hätte in drei Tagen zur selbstvollzognen

Auslöschung geführt; Ja war zu stark, und es ergab sich Abfindung mit

dem Gedanken, daß

Kunst Dosierung ist,

Handeln Kompromiß,

Leben Hut vor dem Elementaren,

Alle menschlichen Angelegenheiten banale Tapferkeit, maßvolle Abfindung

sind,

Menschen sich nicht zerstören wollen, Lobpreisung der Kunst als einer

Verschönrung und Beschäftigung Wert hat,

Der Radikale, der vor dem Meer von Leid stehn bleibt, ohne sich zu

töten, es mit der großen Geste an deklamierend, ein Lügner ist,

Ein wenig Glück besser ist als die Ohnmächtigen nicht zur Ruhe kommen

lassen,

Alles Starke, Elementare, Kompromißlose sich auf die einsamen Stunden

des Einzelnen beschränkt und der der Anständigste ist, der doch nicht

zum Egoist wird, sondern dem Bruder das Recht gibt, ein wenig hilft, ihm

den Glauben an die Allmacht von Ideen, Tat, Kunst und Gedichtetem nicht

zerstört.

Er war nicht Schreiner, nicht Siriwan, nicht der vierte imaginäre, nie

mehr wiederkehrende Christ aus Nazareth, er ging in diesen Nächten

einfach auf die Begegnung mit Menschen aus,

Zu fühlen bei ihrem Sein und Tun die Verschlingung der beiden Ströme Ja

und Nein,

Dem Ja, in dessen Lichthälfte er nun getreten war, nicht so untertan zu

werden, daß er streitbarer Optimist wurde,

Von Leid, Elend, Schmutz sich ein Wissen zu wahren, denn der Mensch war

ein Wesen, das, was es war, ganz war, nicht aus Stärke sondern aus

Ohnmacht: das Hirn vergaß, suchte zu beharren.

Siriwan hätte Lauda nicht verstanden; Lauda sprach mit den Mädchen, die

jener bei ihm gesehn hatte, nicht, weil er auf die Jagd nach der

Nachtbeute ging, sondern weil sie die waren, die über den Weg liefen. Er

erfuhr Biographien, so gleich an geschminkter Lüge und so verschieden an

Zustand, Motiv und Herzenston, daß er, wäre er noch Autor gewesen, auf

Material versessen, die weite Anlage des Werks Balzacs hätte planen

können.

Das war so fern, die Zeit war derart beschaffen, daß es des Romanhaften

zu viel wurde; die Zeit lockerte in solchem Maß das Feste, das gewesen

war, daß sie Krepierende wie die See Fische auswarf; ein Angebot an

Material, Schicksal, Variation fand statt, daß Überdruß in ihm entstand,

Verzicht auf Material, das nicht mehr vom Dichter gesucht werden

brauchte, sondern dem Zeitungsschreiber auf den Tisch flatterte.

Oft war zu helfen, er half oft, durch Graumanns Geld; gleichwohl, es

wuchs ein Gedanke, der nur deshalb nicht Zynismus war, weil er bitter

war: daß wichtiger als die schon Leidenden die noch nicht Leidenden

seien, deren Jugend, sei es die physische, sei es die innre, sich noch

durch Einwirkung, Lehre, Beispiel in Energie verwandeln ließ. Den schon

Leidenden helfen, daß sie, in irgendeinen Winkel kriechend, schlecht und

recht den Rest ihrer Jahre ablebten; aber diejenigen _aufsuchen_, die

noch dem Existenzableben Existenzgestalten entgegensetzen konnten, der

Passivität die Aktivität, die Wille zur Mutation war.

Welches Regulativ blieb, es den Menschen zu lehren, nachdem das größte

gelehrt war, das sentimentalisch Güte, sachlich Anerkennung der

Gleichberechtigung des Mitgeschöpfs hieß? Man konnte die Güte ihres

dualistisch-theologischen Charakters entkleiden (denn sie war nicht

jenseits des freien Willens als Imperativ in uns gelegt) und ihr statt

der moralischen Färbung die tragisch-reale geben (die von Natur aus

Feindlichen und vom Totalen her Getrennten verbinden sich gegen das

dämonisch gleichgültige Abrollen, Brüder durch Widerstand); aber das war

nur eine Reinigung des Begriffs Güte, der dadurch allerdings aus einem

Sittengesetz zu einem Regulativ, einer der großen starken

Künstlichkeiten wurde, mit aller Einsicht in ihr illusionistisches,

idealistisches, nie zu verwirklichendes, nur den Egoismus

modifizierendes Wesen.

Lauschte er in sich, schien es ihm, es gäbe noch andre, neue, nie

ausgesprochne Formen des Widerstands, Keime einer künftigen

Erziehungslehre. Sie lagen nicht auf der Linie der Radikalisierung,

sondern der innren Energie, die in neue Kontinente des Hirns vorstößt,

sie findend, indem sie sie erschafft, und nicht auf der Linie der Tat,

die versklavt, sondern der geistigen Freiheit.

* * * * *

Als er nach Hause kam, fand er eine Mitteilung der Behörde vor, die ihm

die weitre Herausgabe seines Blatts verbot; die deutsche Regierung hatte

Vorstellungen wegen Verletzung der Neutralität erhoben. Auch Fünfkorn

war das gleiche Schicksal widerfahren, aber die Entente hatte ihn

geschützt. Da niemand hinter ihm stand, wußte Lauda, daß der Berner

Entscheid unwiderruflich war.

Nein und Ja: Roman · 第 15 / 26 题