Bericht des Morgenblatts, ein deutscher Flieger sei über die Grenze
geflüchtet, besagte nichts; aber als Lauda am Abend die Villa Graumanns
betrat, sah er unter den Politikern den Arzt, der ihm während seiner
Militärzeit das Attest geschrieben hatte, durchblicken lassend, es werde
nicht mehr lange Wert haben. Dieser Arzt war der Deserteur, er hieß
Wendling.
Der Konflikt war ausgebrochen, als er darauf bestand, einen Epileptiker
zu entlassen, der Hauptmann neue Bestimmungen entgegenhielt. Dann sind
die Bestimmungen verbrecherisch, sagte der Arzt; die militärischen
Erfordernisse gehn vor, der Offizier. Es fiel das Wort Pflicht, Wendling
stellte das Primat der menschlichen auf, machte eine Bemerkung über
Gewissenlosigkeit des Arztes, der denselben Patient, den er in seiner
Sprechstunde für schwerkrank erklärte, im Revier als Simulant behandeln
mußte, ward angezeigt. Hunderte dachten wie er, dieser eine sprach aus,
ausgesprochnes Wort entfesselte die Lawine der Folgrungen. Er wurde
entlassen, um danach als Gemeiner eingezogen zu werden -- Hölle des
Diensts, jeder Vorgesetzte erkundigte sich nach dem Mann mit den
Säbelnarben, vernahm, verhärtete sich.
In Bewegung versetztes Denken verwarf Schritt für Schritt Auswüchse des
Militärsystems, Militärsystem als solches, deutsches Bürgertum, das in
den Mittelpunkt seiner Geistigkeit die Kriegsbereitschaft stellte,
deutschen Staat. Als ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet wurde,
weil er Aufsätze veröffentlicht hatte, ohne sie vorzulegen, vollzog er
den Schritt vom Persönlichen zum Grundsätzlichen, floh.
Führer des Flugzeugs war Rudolfi, ganz junger Mensch. Dieser hatte sich
begeistert aus der Schule zum Heer gemeldet, die Erfahrung gemacht, daß
er nicht befördert wurde, weil er zu zaghaft war, um sich ins Licht zu
stellen: er galt bei den Offizieren für unfähig, Mitmenschen als Herr
entgegenzutreten, bestand die Probe der Brutalität nicht. Verwirrung in
dem Religiöserzognen, nicht Ruhe gebender Gegensatz zwischen Erinnrung
an Abende der Mutter, die Schubert sang, und Brüdern, die als
Schlachtfeldandenken Todesarten photographierten: erschütternd
Gesichter, über die wie bei bitterlich weinenden Kindern ein Rinnsal
lief, aber es war schwarz verbrannt, die ausgelaufnen Augen. Ein
Gespräch mit Wendling, und das Grundsätzliche trieb auch diesen Knaben
zum Tun.
Nun stand er, der mädchenhafte Zwanzigjährige, im Kreis der Abtrünnigen,
und suchte verstört nach einem, der ihm noch einmal zuredete, daß er
recht getan hatte; die Kameraden daheim kämpften, waren treu geblieben,
er wurde steckbrieflich verfolgt.
Man beriet, wie Beschäftigung für ihn zu finden sei; Fünfkorn schlug ihm
vor, als Volontär in seine neu gegründete Zeitung einzutreten, das
nunmehr durch das Geld Shillers ermöglichte Organ der deutschen
Opposition. Der Knabe konnte nicht, als er das Programm entwickeln
hörte. Da bot Graumann an, für seinen Unterhalt zu sorgen, er brauchte
einen Chauffeur. Madeleine Betz widersprach, der Junge sollte, was er
getan hatte, ganz tun, die Idee, die ihn geleitet hatte, nicht
verleugnen; mochte das Blatt mit amerikanischem Geld gegründet sein --
was für Fünfkorn hätte unerlaubt sein müssen, war es nicht für den
Unverantwortlichen.
Ausfall auf Fünfkorn erregte Shiller, Graumann trat auf die Seite der
Elsässerin, plötzliche Scheidung der Geister. Fünfkorn hoffte einen
Trumpf auszuspielen, fragte Wendling, ob er für sein Blatt arbeiten
werde. Der Arzt lehnte ab, Fünfkorn und Shiller verließen das Zimmer.
»Da wir symbolisch zurückgeblieben sind,« sagte Fräulein Betz, »laßt uns
überlegen, wie wir die Einheit der Anständigen sichtbar machen. Gegen
unsre Regierung aufzutreten, ist Pflicht, der Wille ist da, es fehlt:
das Geld.«
»Das Geld fehlt nicht,« sagte Lauda und sah Graumann an, »es fehlen die
Leiter, es sei denn, daß Herr Wendling, der am ehrlichsten von uns
Männern den Untertanengehorsam gekündigt hat, bereit ist, die Redaktion
zu übernehmen. Seine Flucht, sensationeller Akt der Anschaulichkeit, ist
gegebner Augenblick.«
Man begann zu verhandeln. Wendling stellte die Bedingung, daß Graumann
sich als Geldgeber nannte und ein zweiter als Mitherausgeber. Lauda
schlug Fräulein Betz vor, sie ihn, Wendling sie und Lauda. Graumann
hatte damit zu rechnen, daß sein deutscher Besitz beschlagnahmt werde,
erbat sich Bedenkzeit; dieselbe Lauda.
Seine Stellung war zweideutig; der zweimal verlängerte Urlaub lief ab,
aber zwischen diesem Termin und seiner Ankunft lagen nun drei Monate,
Erklärung möglicher Wandlung. Er suchte am nächsten Tag Graumann auf,
entschlossen anzunehmen, wenn dieser die Bedingung Wendlings erfüllte.
Die Entscheidung wurde ihm in der Form mitgeteilt, daß Graumann einen
anwesenden Deutschen als ersten Mitarbeiter vorstellte, Doktor Schmitts.
Er war Dozent für Geologie an der Konstantinopler Universität gewesen
und von der Regierung nach Armenien geschickt worden, um Minerale für
die Kriegswirtschaft zu erschließen. Dort war er Zeuge der Systematik
geworden, mit der eine ganze Nation, Mensch für Mensch, ausgerottet
werden sollte.
Lauda erfuhr zum erstenmal von den amerikanischen Greueln, der
entsetzlichsten aller Wellen von dampfendem Blut, die jemals über diese
Entsetzliches gewohnte Gegend gerollt waren. Früher hatte man
Ortschaften dem Erdboden gleichgemacht, im Zeitalter der Organisation
wurde der Plan gefaßt, ein Millionenvolk bis in sein letztes Glied
verschwinden zu lassen. Und die erste Million ward getötet. Man mordete
an Ort und Stelle, man schickte Züge von Frauen und Kindern in die
südliche Wüste, man rief die Kurden. Im Tal von Musch sah Schmitts einen
Platz, wo die Kurden zweitausend Frauen geschändet, danach verstümmelt,
danach mit Petrol übergossen und verbrannt hatten -- in den Überresten
wühlten sie dann, weil das Gerücht ging, die Christinnen hätten Geld und
Perlen verschluckt, um sie zu retten. Schmitts' levantinisches Weib
hatte seiner Nation, die das geschehn ließ, geflucht, und der erregte
Mann zitterte wieder, als er von diesem Augenblick sprach; er wollte
nicht mehr Deutscher sein.
Fluchszene, biblischer Erinnrung, weckte Mißbehagen, männlicher
Entscheid sollte nicht von Tränen einer Frau abhängig sein, und
Moralität, die aus zusammenbrechenden Nerven kam, enthielt von
Sentimentalität ein Gran, das auch in der breitren Anhängerschaft des
Pazifismus zu finden war -- gleichwohl, man durfte über das
christianisierte Naturell allzuberedter Männer hinwegsehn, es galt: die
Sache. Die Sache hieß: Kampf ansagen dem deutschen Block aus Stahl und
Willen, mit Worten des Hasses in seine Fuge dringen -- ob sie sich
sprengen ließ.
»Wir haben Thomas Schreiner vergessen,« sagte Lauda, »er gehört in unser
Komitee.« Es erwies sich, daß Schreiner keinen Wert darauf legte, mehr
als Mitarbeiter zu sein.
»Was Sie tun,« sagte er, »ist bürgerlich, ich bin russisch geschult,
Sozialrevolutionär, Anhänger der direkten Propaganda an der Front und in
den Fabriken.«
»Wie vermögen Sie zu wirken,« fragte Lauda erstaunt, »wenn Sie fern in
der Schweiz leben.«
Schreiner lächelte geheimnisvoll, deutete an, daß es von der Schweiz aus
möglich war, die Soldaten zu erreichen.
»Durch Flugblätter, die Sie von der feindlichen Seite her in die Gräben
bringen?«
»Vielleicht, und durch Schulung der Gefangenen in den Lagern, dort läßt
sich die Avantgarde der Revolution ausbilden.«
»Dies ist Fünfkorns Plan,« sagte Lauda, »Sie arbeiten mit den
Amerikanern.«
»Ja, insofern ich sie benutze; nein, insofern mir ihr Sieg so
verhaßt wäre wie der preußische. Ich stehe außerhalb Ihres
Reinlichkeitskonflikts, mein Ziel ist: die allgemeine Revolution.«
»Mit einem Wort das russische Programm. Wo ist der Unterschied zwischen
Sozialrevolutionären und Bolschewisten?«
»Er wird sichtbar werden oder verschwinden, ich weiß es nicht.«
* * * * *
Graumann räumte der Redaktion das Dachstockwerk seiner Villa ein; nach
kurzem zog Lauda in sein Haus, Wendling siedelte nach Bern über; es war
nötig, dort einen Vertreter zu haben.
Ich bin, dachte Lauda, den Dingen der Realität fremd geworden, es wird
notwendig, alle Energie des Denkens auf sie zu richten; hier ist Rhodus
der Tat, hier springe. Er stellte angesichts jedes einzelnen der vielen
Menschen, mit denen er zu unterhandeln begann, dieselbe leise Befremdung
fest, der ihn Schmitts und Fünfkorn ausgesetzt hatten: der Eifer, mit
dem sie Politik trieben, erschien ihm eng, ihr Fanatismus banal.
Demokratie, Wort, das sie wie eine goldne Münze liebkosten, trug ihm
Altersspuren der Abgegriffenheit; Teilung, die sie zwischen dem
deutschen Block und dem der Entente vollzogen, jener Hürde der schwarzen
Schafe, dieser der weißen, begegnete in ihm einem warnenden Instinkt.
Was Lisbao derb mit dem Wort bezeichnete, Schweine sind sie auf beiden
Seiten, und Mitrofan mit dem andren: sie sind beide Verbrecher, formte
sich in ihm als Einsicht, daß die Staatsform, die sich ein Volk gab,
nicht Schuld war, sondern Schuld wurde. Es konnte sich höchstens um
Entwicklungsstufen handeln und nur die Feststellung erlaubt sein, daß
das eine System besser geeignet sei, bestimmte Grundfordrungen des
staatlichen Lebens, etwa gleiches Recht und gleiche Verantwortlichkeit
des Einzelnen zu verwirklichen, als das andre.
Er ward sich klar, daß diese Betrachtung die der reinen Anschauung war,
die nur feststellt, nicht wertet. Er ward sich danach auch klar, daß,
wer nicht wertet, sich von der Sphäre der Tat ausschließt --
unmoralischer Vorgang im Sinn eines unhygienischen, denn es verlangt die
Energie, die die Erscheinungen schafft, Betätigung, Einsatz, Rotation,
Umwandlung -- alles Ersatzworte für den einen Grundbegriff: Gehorsam
gegen das Gesetz, das Stillstand untersagt.
Der Begriff der Mutation war es, der ihm die moralische Wertung des
Phänomens des deutschen Militarismus und die Anerkennung von Regulativen
des Gesellschaftlichen erlaubte. Unterhaltungen mit Wendling brachten
eine große Überraschung: es deckten sich die Ideen. Der Arzt hatte
unternommen, den Begriff Krieg wissenschaftlich zu zergliedern, nicht a
priori setzend, daß Krieg eine Degeneration der natürlichen Anlage,
sondern durch Zivilisationen hindurch ihr adäquater Ausdruck sei; aber
was ursprünglich natürlich war, wurde mit fortschreitender
Vermenschlichung und wachsender Suveränität Atavismus.
Genau das war im Begriff Mutation enthalten: neue Ideen bedingten eine
neue Achse des gesellschaftlichen Zusammenlebens; neben den Begriff
Einer und Ego, trat der des Bruders -- unethisch, rein rationell
ausgedrückt, der der Organisation. Der Natur gehorsames Tier bedurfte
keiner Regulative; der Natur sich entwöhnender Mensch bedurfte ihrer;
Ethik war nur der Imperativ, der von einem Präsens in ein Futurum
führte.
Die Form, die sich der deutsche Organismus gegeben hatte, war wohl
Schicksal, unentrinnbar kausal verkettet; aber die deutsche Schuld
begann da, wo Widerstand geleistet wurde gegen eine deutliche Mutation
der ganzen Menschheit, die daran arbeitete, Macht durch Reglung zu
ersetzen. In einem Augenblick, wo sich aus dem Denken des Erdballs der
Gedanke des höheren Regulativs bereits hervorrang, hatte Preußen noch
einmal alle Energie darauf verwandt, ein Instrument der Macht zu
schaffen, jede Äußrung geistigen Lebens, Philosophie und Wissenschaft
zum Trabantendienst zu zwingen -- Schuld hieß hier: eine alte Methode
als größte Tatsache Europas aufzurichten.
Selbst der Vergleich mit England war nicht richtig. England war wohl
durch dieselbe Methode groß geworden, aber in der Blütezeit dieser
Methode, und von England war zu sagen, daß es Bereitwilligkeit zeigte,
den neuen Fordrungen sich anzupassen, es war der Mutation gehorsam.
Schuld Deutschlands war, daß es sein Schicksal ohnmächtigen und durch
ihr Machtgefühl verdorbnen Menschen überließ, die Parolen ausgaben, wo
sie Rechenschaft hätten ablegen müssen, ihren Dienern Befehle erteilten,
wo sie Männer hätten zu Rat ziehn müssen -- Deutschlands Schuld war der
unbeschränkte Freibrief, den es seinen Regierenden gab.
Wenn Demokratie einen Sinn hatte, dann den, daß der christliche Gedanke,
wir seien alle Menschen hilflosen Hirns und darum gleichberechtigt und
gegenseitig zur Hilfe verpflichtet, in ihr eine grundsätzlich politische
Form gefunden hatte. Möglichkeit der Mitbestimmung und der Kontrolle;
wurde Schicksal gemacht, so trugen es alle. Man konnte zugeben, daß in
den westlichen Demokratien dieses Kontrollrecht noch nicht rein
ausgebildet war, durch Demogogie befleckt wurde: worauf es ankam, war,
daß dort gleichwohl dieses Recht aufgerichtet stand, sein Sieg nicht
bezweifelt werden konnte, die Idee gefunden war.
Überall in den Demokratien wurden die Ideenträger als Hüter,
Bahnbrecher, geistige Elite angesehn, Pazifist war nicht verächtlich,
heißblütiger Wächter über garantierten Rechten galt als Mann von Adel
und Herz -- in Deutschland wetteiferten die Intellektuellen, eine
irrationale Philosophie zu treiben, die dem Herrn sein Herrenrecht
bewies, oder standen lustlos zur Seite -- Mangel an Noblesse, die wacht,
eintritt, kämpft.
Daraus ergab sich ihm die Aufgabe, der vielfache Gegner: die Feigheit
der deutschen Geistigen, die triumphierende Selbstunterordnung der
deutschen Menschen unter die Herren, die Anbetung eines nicht mehr
lebensfähigen Prinzips. Und es ergab sich die Möglichkeit, diesen
Dreifrontenkrieg, obwohl er nur mit dem Wort, dem Abgegriffnen,
Verhurten, operierte, reinlich, straff zu führen, ohne die
Geschwätzigkeit derer, denen die Welträtsel gelöst waren, weil sie den
Freisinn hatten.
Die Aufgabe gestellt, brach er die Brücke zur Sphäre des Absoluten
entschlossen ab, stand in der der Tat, der wertenden, streitbaren;
Energie des Totalen durfte nur Florett sein, den Stoß zu führen. Kein
Zweifel, nur Glaube, keine Zersetzung, nur Konzentration. Er fühlte die
Grausamkeit der Tat in sich strömen, Sphäre des Geschehens war die des
Hasses, der täglich wachsenden Feinde, des Hohns, der unterdrückten
Liebe, der sich suchenden Männer. Traf er Elena, die sich La Putana
nennen ließ, sah er im Schwung ihres Munds denselben Trieb, sich vom
Blut der andren zu nähren, denselben Triumph, zu sein und Schicksal für
Menschen zu werden; und sich mit ihr verstehn, war wie Kommunion des
Irdischen; Sinnlichkeit des einem Zweck dienstbar gewordnen Geists und
die des Fleisches, das Macht suchte, waren eins.
Sie verschwand auf Tage, Wochen, das Goldnetz aus ihren Opfern zu
spinnen, aber wenn sie zurückkehrte, suchte sie ihn auf, bei dem sie
unausgesprochne Bestätigung der Idee ihrer Erdentage fand. Was er
schrieb, verstand sie nicht, aber die Gemeinsamkeit aller Dinge, die aus
dem Willen kommen, gab ihr: das Brudergefühl.
* * * * *
Fräulein Betz hatte ihn mit Elena gesehn; sie riet, vorsichtig zu sein.
»Warum?« fragte er, »weil der Agent des Konsulats, den ich nun wie einen
plumpen Schatten hinter mir beobachtete, mir zu einem Aktenvermerk
verhilft, in dem neben >Landesverräter< steht >Verkehrt mit einer
Dirne<? Wie hilflos man gegen solche abstrakten Charakteristiken ist
(und fügte in Gedanken hinzu: sie fallen ins Gebiet der Bewertungen,
Beweis wie brutal dumm diese sein können, wie infiziert vom Unrecht des
Urteilens).«
»Nicht darum allein handelt es sich,« antwortete Fräulein Betz, »Sie
sind der Bewegung, die Sie vertreten, Rücksicht schuldig, und Sie dürfen
den schweizerischen Detektiven, die mit den deutschen Agenten in
Verbindung stehn, nicht Gelegenheit geben, ihrerseits einen Aktenvermerk
zu machen. Sie sind doppelt rechtlos, man wird Sie hetzen; sobald Ihre
Regierung Vorstellungen über Ihre Tätigkeit erhebt, werden Sie der
politischen Polizei lästig. Sie müssen auf Leumund bedacht sein, dürfen
nur als politischer Idealist, demokratischer Vorkämpfer gelten. Es ist
wahrscheinlich, daß unter der Klientele des Mädchens auch Parteigänger
oder Spione der Entente sind: eine Denunziation des deutschen
Überwachungsdiensts, und Sie geraten in den Verdacht, Mittelsmann zu
sein.«
»Das sind Winke,« sagte er, »an die ich nicht gedacht hatte; aber sie
gehören zu denen, die man nur zu erhalten braucht, um ihre Realität
einzusehn -- alles Gemeine, Egoistische, Lieblose, das man von der
Realität erfährt, leuchtet ein; es ist, als wachse man sofort als
vollgültiges Mitglied in sie hinein und trage das Wissen um sie als
eingebornen Besitz in sich.«
Danach besprachen sie die Aufgabe, die Madeleine Betz bei dem Blatt
zufiel. Sie war Frau, ihr Wirkungskreis war die Frau. Es kam weniger
darauf an, für ihre staatsbürgerlichen Rechte und Politisierung
einzutreten, als ihre natürlichen Instinkte, die gegen Krieg und Gewalt
standen, zu wecken, es galt, ihr die Augen zu öffnen, wie erbärmlich es
war, daß sie dem Mann nachsprach, was er zur Rechtfertigung des harten
Geschehens vorbrachte, und in Lazaretten seine Wunden heilte, damit er
wieder an die Front ging.
»Ich lese,« sagte Fräulein Betz, »die Schriften jenes einzigen Indiers,
der uns bekannt ist, Tagore. Es ergreift mich, wie ein Asiate, der der
Verwalter des Geists Buddhas ist, Europa vom Osten her sieht. Was wir
wohl sagen, aber nicht Erschüttrung werden lassen, daß der Europäer der
Materialität verfallen ist und wie ein mißbrauchter Sohn des Bösen die
Eingeweide der Mutter in Eisen und Chemie verwandelt -- er fühlt es
unmittelbar, schmerzhaft; er sieht es legendenhaft wie einen Aufmarsch
von Urprinzipien; Europa muß ihm der Fluch heißen. Was kann, für ihn,
grauenhafter sein, als daß unsre Frauen Granaten drehn, Hochöfen
speisen, Bahnen baun? Der Orient, der die Frau in ihrer Passivität
niederhält, muß ihm doch als Hüter der Weisheit und der mütterlichen
Kräfte erscheinen, die weibliche Passivität als der große ewige
retardierende Faktor, Gegenstück des von seiner Aktivität verzehrten
männlichen.«
Am Abend dieses Tags durchblätterte Lauda, während Elena auf seinem
Divan lag, Zeitschriften. Blickte er auf, sah er die hohe Kurve ihrer
Hüfte, und an Madeleines Worte sich erinnernd, dachte er: Verkleide sie
dort auf dem Diwan in die orientalische Tänzerin, nicht mit Stoffen
behängt, mit Rubinen, Smaragden, Steinen, spitz wie ihre Brüste, und sie
ist ein Tempelmädchen, mühlos zur noch symbolischeren Astarte erhöhbar
-- auch das ist indisch, fern dem mütterlichen oder auch nur
lotussanften Mädchenhaften.
Nicht Indisch und Europäisch sind Gegensätze, sondern Zart und Hart,
Mild und Grausam; nur die Dichtigkeitsunterschiede sind Prinzipien.
Gretchen und Astarte, Lotusmädchen und Messalina sind erst dann auf den
gemeinsamen Nenner Frau, Attila und Christus auf den des Manns zu
bringen, wenn man statt in den Frauen Passivität, in den Männern
Aktivität zu sehn, in ihnen allen den Kampf zwischen Passivität und
Aktivität erkannt hat; erst das Vorwiegen, der Sieg, der vielleicht auf
einem winzigen Mehr beruht, bestimmt den Gesamtcharakter. Die Aktivität
Messalinas ist zunächst primärer als die Christi, unendlich stärker als
sie; das ganze Temperament des in die Existenz schießenden Willens ist
darin, die Urenergie vor aller Geschlechtsdifferenzierung ist darin.
Was macht den Unaktivren gleichwohl zum Überlegneren, was befähigt ihn
zur Handlung, wenn man die Ersinnung einer Religion Handeln nennt? Etwas
Sekundäres: das Vermögen, Vitalität in Geistigkeit zu verwandeln, die
Einschaltung eines Widerstands, an dem die Sinnlichkeit sich bricht und
als Gedanke ausstrahlt. Primäre Sinnlichkeit braucht sich auf, bleibt
Phänomen, findet keine Projektion; verwandelte wird Wirkung über das
Individuum hinaus.
Aber nun erhob sich die Komplikation, die Madeleine schon einmal
ausgesprochen hatte: die Widerstandsfähigkeit, diese Voraussetzung des
Denkens, wurde von den Müttern vermittelt, war Gabe der Frau an die von
ihr Gebornen, das Männlichste wuchs aus dem Weiblichsten. Trägheit --
Passivität -- Widerstandskraft, in dieser Atomkette lag das Geheimnis.
Praktisch gesprochen: wie in der Sphäre der Existenz alle Erklärung
dualistisch operierte, waren Gretchen und Lotusmädchen das eigentliche
Weib, und Madeleine durfte sagen, daß die Frau, die hütete und hegte,
wenn sie sich nicht astartehaft selbst verbrannte, der ewige große und
retardierende Faktor war, der die Instinkte der Liebe und Güte
ausbildete. Liebe, diese Liebe, was war sie, wenn man sie nicht als ein
moralisches Faktum ohne präzise Definition hinnahm, sondern auf das
letzte Prinzip der Energie zurückführen wollte, andres als ein
Hemmungsphänomen, das der rein vitalen Wut des Sinnlichen und noch nicht
Gestalteten die Idee des Gestalteten, das Recht des Einzelnen und
Vereinzelten auf Selbständigkeit entgegensetzte?
Hier ward faßbar: die Geburt eines Gedankens aus dem Sinnlichen, einer
Idee aus dem Gefühl der Totalität, eines Verständlichen aus dem Vitalen,
eines Herzlichen aus dem Energetischen, eines Moralischen aus dem
Egoistischen: es _mußte_ erlaubt sein, Phantasie und Verstand
gleichzustellen, weil die Gleichstellung auf ein Drittes, Übergeordnetes
zielte.
Er schaute, während er dachte, Elena in die Augen, unbewegt; sie
beobachteten sich wie Tiere, deren Blick durch die Dinge geht, weil die
Dinge nicht Widerstand für sie werden. Was war Denken, von der Physis
und in ihr gesehn? Ein Dunst aufsteigend aus der innren Landschaft, wie
Regen aus der der Täler und Berge aufsteigt, ein Niederschlag des Bluts,
des Fleischs, des ganzen Organismus, der sie rotierend ausschied, wie
kreisende Erde die Atmosphäre; ein Duft gleich dem der Pflanze war
Denken, so sehr, daß von der unsterblichen Seele nicht mehr zu sagen war
als von der der Pflanze.
»Sie träumen,« sagte Elena und lenkte ihn ab. In der Zeitschrift
blätternd sah er ein Bild der Duse; sie stand in einer Szene der »Toten
Stadt« am Turm, ihre Schlankheit in schwarzen Kleidern parallel zu der
des höheren, aber der Kopf war zurückgelegt und sie schaute hinaus. In
diesem Blick alle Zartheit, die gebrochen worden war und doch sich
behauptet hatte, alle Tragik, die erlebt hat und doch demütig stolz ist,
ewige Bereitschaft, weiter zu dulden und stolz zu sein, die
vollkommenste Frau, Barbaren zur Huldigung zwingend, Siegerin über den,
dessen eitler Kopf neben ihr abgebildet war und der sie in die Bücher
gebracht hatte. An ihr ward klar der tiefe schöne Inhalt, mit dem sich
das Wort Passivität der Frau erfüllen konnte; diese Frau am Turm war
Hüterin des Retardierenden, der Liebe, Gestaltung des Gedankens des
Indiers, große Europäerin.
* * * * *
Am vierten Jahrestag des Kriegsbeginns ging Lauda durch die
Bahnhofsstraße, um fünf Uhr sollten die Straßenverkäufer die erste
Nummer der Wochenzeitung ausbieten. Er sah ein Gedränge, hörte Schreie;
ein Polizist warf einen knabenhaften Mensch in eine Kutsche, drückte
neben ihm sitzend seine Hände nieder, den Vergewaltigten schüttelte ein
Lachkrampf, es war Puck. Lauda dem Wagen nachgehend ward von Lisbao
angehalten. Lisbao sagte:
»Wir saßen, Miß Lilian, er und ich, beim Tee im Hotel; er war wie sonst,
beobachtete die Menschen, kleidete die Reizung in die ihm eigentümlichen
preziösgewundnen Worte, so daß man empfand, die Menschen ziehn an ihm
wie Marionetten vorüber, jeder am Draht seiner Eitelkeit, Lüsternheit
und gespreizten Wichtigkeit. Langsam begann er anzüglicher zu reden;
wenn Frauen vorübergingen, zeichnete er die Kurve ihrer Sinnlichkeit auf
dem Tischchen nach, ekelte sich, hob die Hand gegen Lilian und sagte:
>Blancheflor, ich habe einen Augenblick des Muts, den ich zu Haus nicht
finde, entlassen Sie mich aus Ihrem Dienst. Wenn wir uns ansehn, finden
wir uns beide bleich, uns ist Frau Minne Flagellantin. Ich sehe eine
Wand, den Totentanz darauf und ich und Sie darin Figuren. Mir graut --<
und bei diesem Wort machte er einen Satz gegen die Fensterscheibe, als
wolle er durch sie springen. Sie war hochgezogen, er stürzte draußen auf
die Kniee, Auflauf, Abtransport ins Irrenhaus.«
Sie gingen ins Polizeigebäude, es war unmöglich, zu Puck zu gelangen. Er
hatte, als er Uniform und Gitterfenster sah, sich widersetzt, den Agent
in die Hand gebissen, sich selbst zu einer Beobachtungszeit beim
Psychiater verurteilend. Lauda ging mit Lisbao in die Stadt zurück. Als
er an einem Stand seine Zeitung kaufte, hielt ihn Lisbao fest und zeigte
auf ein Heft:
»Wir hängen nebeneinander, Herr Lauda,« sagte er spöttisch, »wir sind am
gleichen Tag herausgekommen, Ihr ernstes Blatt und unser unernstes.
Vielleicht ist Puck über der Redaktion verrückt geworden, es wäre die
schönste Reklame, vielleicht ist er nur überarbeitet, wir haben alles
selbst in einer Winkeldruckerei gesetzt.«
Sie gingen in ein Café, die Blätter zu lesen. Das Pucks enthielt
Manifeste Siriwans und Pucks, Verse Lisbaos und Hans'. Wenn nun Puck es
bei sich trägt, dachte Lauda, wird es sein, als finde man bei einem des
Mords Verdächtigen Besitztum des Getöteten.
»Was erwarten Sie von diesem Blatt?« fragte er.
»Nichts. Sie wollten einmal wissen, warum ich noch Verse mache, wenn ich
das Wort Kunst hörend nur eine Grimasse ziehn kann. Sie haben recht,
Kunst ist nicht einmal das, was ich antwortete, Zeitvertreib. Als wir
das Blatt vorbereiteten und zwischen Schreibmaschine und Setzkasten
tätig waren, erfaßte mich der Rausch der Geschäftigkeit, nun ekelt mich
davor. Was erwarten Sie von Ihrem Blatt?«
»Die Durchführung einer Idee, zu der ich mich entschlossen habe. Sie
sichtbar machen, alle Energie an sie wenden, alle Konsequenzen tragen,
ist auch Zeitvertreib, Ausfüllung des großen Nichts, in das wir stürzen,
wenn wir vom Absoluten her das Leben betrachten. Der Unterschied
zwischen uns ist, daß ich mir zum Aufbau meiner Geometrie, dieser
Illusion mit saubren, klaren Gesetzen, eine Idee wähle, die mich von
mir, einem Anlaß zur Selbstvergiftung, fernhält und Mitmenschen erlaubt,
ihre Energie ihrerseits mit meiner zu vereinigen. Verziehn Sie nicht das
Gesicht, Mitmensch ist Tatsache neben mir und Energiebetätigung ist so
sehr Gesetz, daß sie unterbinden heißt, an Stauung sterben. Der tiefste
Gedanke, auf den praktisches Denken stoßen kann, ist hygienischer Art:
gehorsam sein der Kraft, die uns erzeugte. Sie ist blind, sie ist aber
auch Mutter -- sehn Sie, wie das rein Phänomenologische ins
Gefühlsmäßige übergeht? Was ist _diese_ Liebe? Gehorsam, Aufgeben des
Widerstands gegen die Tatsache der Existenz. Sie hassen Moralität?
Warum? Vorausgesetzt, daß man sich nicht auslöscht, hat man die
vernünftige Pflicht, sich mit der Existenz abzufinden, und sich abfinden
hat zur Folge, daß man nicht grämlich Ja sagt, sondern energisch, klar;
nicht leidet, sondern seine Aufgabe erledigt. Es bleibt Ihnen erlaubt,
Kunst eine fixe Idee zu nennen, aber eine fixe Idee, an die man seine
Energie setzt, wird Inhalt.«
»Geben Sie acht,« sagte Lisbao, »daß Sie nicht Wanderprediger des
Optimismus und des Maximums an Glück werden.«
»Angst vor Banalität? Haben Sie noch nicht erlebt, daß Gedanken, die
Ihnen seit Wochen unerhört erschienen, mit einem Durchbruch in längst
gesagte Banalität endeten, wie man, sich verirrend, nach Visionen
mittelalterlicher Verzauberter, auf der wohlbekannten Ebne vor der Stadt
herauskommt? Wissen Sie, wo wir alle enden, wenn wir Himmel und Hölle
durchschritten haben? Bei dem Gedanken, daß es gut ist, die
Heranwachsenden zu erziehn und den Erwachsnen durch Kunst, Wissenschaft,
andres ein wenig Glück zu geben, auch dabei, das Haus des Menschen, die
Gesellschaft, vernünftig zu baun.
Das ist die praktische Form von Souveränität, alle andren, die
sprengenden und grundsätzlich revoltierenden, werden auf die Dauer
Leidensformen. Was ist Puck? Ein Psychopath, einer, dessen Nerven
schwächer sind als die Säule der Existenz, die auf ihnen lastet. Jeder
ist Psychopath, der schwächer als die Ideen ist, die in ihm nisten.«
»Heute morgen,« antwortete Lisbao, »dachte ich allerdings wie Sie.
Siriwan und ich wohnen im selben Hotel. Um sechs verlangte ihn ein Paar
zu sprechen, eine erschöpfte Frau, ein mitgenommner Mann, zwei
österreichische Revolutionäre, die ersten, die dem russischen Vorbild
nacheiferten und zum Streik gegen den Krieg aufforderten. Der Mann der
Frau wurde verhaftet, sie flüchtete mit dem Genossen über Hochgebirge
und Schnee, zu Fuß von Innsbruck bis Zürich. Siriwan sollte sie
unauffällig mit Nüßli in Verbindung setzen, sie bringen Botschaft von
den Russen. Sah man sie, Fanatismus war größer als Erschöpfung, dachte
man: sie sind arme Tiere, von einer Idee gehetzt, die ihnen alles gibt,
was Menschen zu innrer Nahrung zu brauchen scheinen, Gefühl der
Wichtigkeit, des Mehr als-andre-Seins, des Geheimnisses, des Schmerzes,
der ein süßer Druck ist, des Hasses, der den Druck verstärkt, der
Beredsamkeit, in der die Spannung entströmt, und der Tat, die sie, wie
eine vergiftete Katze die Droge, in sich tragen.«
»Ganz recht,« antwortete Lauda, »so gesehn ist das Bild real und
objektiv.«
»Also mein Ekel berechtigt.«
»Doch nicht. Denken Sie scharf. Der Ekel ist etwas, was Sie
hineintragen. Sie finden ihn nicht im Bild, dem betrachteten Material.
Er ist subjektiv, durchaus Auslegung. Sie müssen sich, wie ein neuer
Kant, fragen: welches sind seine Grundlagen, realen Bedingungen? Und
hier ergibt sich, daß wir mit der gleichen Legitimität zwei Auffassungen
haben können, eine so begründbar wie die andre, Nein und Ja, deren jede
aber die Pflicht enthält, die Konsequenz zu ziehn. Sehn Sie in allem
Treiben nur das Sinnlose, das Leid, das Abrollen einer Vitalität, die um
ihrer selbst, nicht um unsrerwillen da ist, dann vollziehn Sie, als
Imperativ gesagt, den Akt der Souveränität und der Ablehnung, den
Selbstmord. Erklären Sie sich einverstanden mit dem unverlangten
Geschenk der Existenz, dann erklären Sie die Autonomie des von der
Urenergie ausgesetzten Geschöpfs und verhelfen Sie ihm zu einer saubren
Ordnung, dem wohnlichen Haus, proklamieren Sie das Glück an Stelle des
Leids; und Glück heißt Beherrschung der Kräfte, Überlegenheit den
Geschehnissen der Existenz gegenüber. Glück ist Waffenstillstand, den
innren Vorbehalt des Wissens berührt es nicht. Das ist die Souveränität
des Ja, wie der Selbstmord die des Nein ist. Was Sie, Puck, Siriwan tun,
ist Halbheit, ihr schleppt die Existenz weiter und hebt euch nicht aus
dem Leid.«
»Sie raten mir also kurz und klar, mir eine Kugel durch den Kopf zu
schießen?«
»Nur konsequent zu sein. Löschen Sie sich aus, so halte ich Ihnen eine
unbefangne Nachrede; Feststellung darin, daß Sie nicht gesund genug
waren, wird Ihnen gleichgültig sein. Denn von Gesundheit darf man reden,
weil jedes Geschöpf die vorwärtsdrängende Sinnlichkeit mitbekommt, und
wenn Sie wollen, ist diese Mitgift das einzige Prä, das das Ja vor dem
Nein hat.«
»Wie banal.«
»Durchaus, wenn auch Gesundsein nicht besagt, daß man nichts von dem
Ekel verspüre, den die Feststellung der überall existierenden
Sinnlichkeit auslöst. Mich verläßt das Wissen um sie keinen Augenblick,
ich sehe sie im Glanz der Augen, der Kurve der Wangen, höre sie im
Mezzosopran der Sängerin, notiere sie halb zynisch, halb gelassen, und
wenn ich wie ein Tier über der Frau bin, denke ich, wir ordnen das alles
in unser Dasein ein, wissen darum, verhöhnen damit den Gott, dem wir für
das Leben danken sollen -- es sei. Was Ihnen und Ihresgleichen fehlt,
ist das Mitleid, das annähernd Aufhebung des Leids ist. Auch ich bin
nicht gütig, aus mir wird nie das Bekenntnis der großen Liebe brechen,
mit dem man am bequemsten zu einer repräsentativen Stellung gelangt;
aber ich mische in mein Denken genau die Dosis Mitleid, die real und
objektiv ist: Mitleid gründet sich auf die Tatsache, daß Einzelgeschöpfe
neben mir sind und, noch metaphysischer, daß das Individuum, an sich nur
Vorwand der Energie, sein eignes Dasein auszubauen unternimmt, sich der
Totalität entzieht; mein Mitleid ist Gerechtigkeit.«
Die Saaltöchter begannen die Tische zu decken, nach französischer Manier
wandelte sich die Galerie des Cafés zum Speisesaal. Hans und Siriwan
tauchten auf, erklärten, fünfzig Franken zusammengelegt zu haben, um
sich den Abend der Illusion zu schenken, Kommunion mit der Grundtatsache
essender Körperlichkeit und ihrer nach dem Geistigeren ausgreifenden
Derivate, als da waren Flirt, Musik, Gespräch, Blick auf Kristall und in
Taft entblößte Schlankheit von Armen.
Hans, sparsam lebend, feierte solchen Abend selten, Siriwan, als kenne
er keine andre Art, zu Tisch zu gehn; Hans empfing von jedem, der um ihn
saß und kam, die Schwingung, Siriwan sah nichts, sagte alles zu wissen.
»Was denken sie,« fragte Hans, »die geldmachenden Männer mit den
blaurasierten Wangen und die Weiber, die sie vom Goldschmied hierher
führen? Vielleicht, daß es so in der Ordnung sei; aber vollzieht sich
nicht in jedem von ihnen, hinter seinem Bewußtsein, fortwährend eine Art
religiöser und philosophischer Auseinandersetzung? Kreisen sie nicht
ununterbrochen um den Grundgedanken von Ja- und Neinsagen? Es schlechtes
Gewissen zu nennen, wäre zu viel, aber sie alle operieren mit dem
Gegensatz, dem Reiz, daß draußen andre hungern, schlecht verdienen,
nutzlosen und verachteten Ideen des Altruismus nachhängen.
Als ich das letztemal hier war, wurden plötzlich die eisernen Läden
herabgelassen, weil Streikende demonstrierten, Steine gegen die Scheiben
warfen. Eine Sekunde erblaßten sie, dann wandten sie sich um so breiter
dem Genuß zu, und in dieser Nacht umarmten sie ihre Weiber gesteigert in
Befriedigung, die zugleich Bewußtsein war, das richtige Weltbild zu
haben, mit der Sinnlichkeit identisch zu sein -- ja ein
Gehorsamkeitsgefühl ist in ihnen, das >Lebt! -- So wollen wir leben.<
Und dafür gestehe ich ihnen zu: das Brudergefühl. Seht, wie sie stopfen
und schütten, wie die Brillanten sprühn.
Suche ich zu überlegen, was die in diesem Raum Versammelten an diesem
einen Tag an List, Niedrigkeit, Raub, Lüge begangen haben, die Frauen an
Verkauf ihrer selbst, Betrug, Habgier, die Musiker und Angestellten an
Eifersucht, Neid, dann ist es, als sei die Existenz, durch die ich gehn
muß, die brennende Stadt der Apokalypse, die über mir zusammenschlägt.
Ich erkläre so den Traum von der brennenden Stadt, der oft in meinen
Nächten wiederkehrt. Ich glaube, daß wir uns in jeder einzelnen Sekunde
mit dem Leben auseinandersetzen, eingehüllt in einen Dunst, der aus uns
steigt, oder in erregteren Momenten ein Gleichnis für es suchend.«
»Sie haben recht,« antwortete Lauda, von Freundschaftlichem zu ihm
bewegt, »es kann nicht anders sein, als daß der Kosmos, der keine
Sekunde ohne Rotation und ohne Wärme ist, jederzeit auch eine
Bewußtseinssphäre um sich legt, aus der alles steigt, was wir Traum,
Denken, Fühlen nennen. Der Schmarotzer dort mit den kauenden Backen
fühlt sich selbst, seine Stellung im All, die Nähe der andren, den
Gegensatz zu ihnen, der nur ein andres Wort für Einheit mit ihnen ist.
Wir atmen Denken, und man könnte sich vorstellen, daß wir alle jederzeit
gegen einen Mittelpunkt der vollkommnen Bewußtwerdung vorrücken, wie die
Himmelskörper nach einem Zentrum der Rotation.«
»Ist es erreicht --«
»Werden die einen sehn die vollkommne Harmonie, Summe der Verkettungen,
Sphärenklang, die andren die grauenhafte Entsieglung des sinnlosen
Geheimnisses, Rasen, Wüten, Ablauf, Sturz in die Zeit, Asche der sich
selbst verbrennenden Energie. Ob Anfang, Mitte, Ende der Zeit, es ist
jeden Augenblick gleich erlaubt, Ja und Nein zu sagen, Widerstand zu
leisten und ihn aufzugeben, Welt zu regulieren und von der Illusion der
Regulative zurückzutreten. Höre ich in mich hinein, vernehme ich das
Geschrei des jüngsten Tags so gut wie den geordneten Gesang der Chöre,
die Zeiten und Räume zusammenfassen.«
»Ich habe über Ihre Theorie des Widerstands nachgedacht,« sagte Siriwan.
»Widerstand ist das Prinzip, aus dem Sie die Geburt der Existenzen
erklären, weiterhin im Mensch die Entstehung von Idee und Gefühl; und es
ist gewiß überraschend, wenn Sie Liebe ein Phänomen des Widerstands
nennen. Die Gesamtheit der Widerstände ergibt den Zustand der
Souveränität, der Leid nicht leugnet, aber bändigt. Also ist derjenige,
der leidet, widerstandslos. Wie aber kann er leiden, wenn nicht deshalb,
weil er Widerstand leistet? Und der Souveräne, der sich mit der Tatsache
der Existenzen abfindet, gibt er Widerstand nicht auf?«
»Beweis, daß jeder Entschluß, genauer die Verwirklichung einer Idee, uns
auf die andre Seite setzt -- wir finden uns staunend auf dem jenseitigen
Ufer. Tat ist ein Prisma, das die Strahlen der Ideen im rechten Winkel
zum Einfall bricht. Tat ist Aufhebung der Idee, obwohl von ihr erzeugt.
Im übrigen unterscheiden Sie nicht scharf genug zwischen Leiden und
Erleiden. Wenn man eine Idee Dämon in sich werden läßt, der von
Konsequenz zu Konsequenz treibt, erleidet man, und dieses Wort ist nur
eine vom Beobachter ausgesprochne Wertung; macht man den Versuch,
Widerstand zu leisten, so leidet man, und das ist bereits ein
subjektives Gefühl oder ein objektiver Zustand. Man leidet, weil man
nicht radikal Widerstand leistet; radikaler Widerstand heißt
Souveränität; sie besteht darin, den Widerstand mühelos sowohl ein- als
ausschalten zu können. Deutsche Bücher sind schwächlich, weil sie, wie
ein französischer Dramatiker auf die große Szene, auf den Augenblick
zueilen, wo der Held endlich seine endgültige Weltanschauung erreicht
haben wird, meist die der Harmonie, unter Leugnung und Vergessen der
vorher erlebten Verneinungen. Es sind Bücher ohne Aufhebung.«
»Das Kaffeehaus wird zum Anschauungsunterricht,« sagte Siriwan und wies
auf die Nische, »der perfekte Harmonist sitzt neben uns, Nachtwächter
der Ethik an einem Tagblatt, Umwechsler des geistigen Pfunds in
Leserkurant, Abteilungschef für Literatur im Warenhaus zur öffentlichen
Meinung, kurz ein Feuilletonredakteur, von allen Soldstellen des
Kapitalismus die anrüchigste, weil ihm freie Meinung gelassen wird,
vorausgesetzt daß Abonnent sich nicht beklagt. Schrieb er nicht heute im
Abendblatt vom Glück bei Gelegenheit irgendeines Franzosen, der die
Freuden der Familie empfiehlt, weil sie die vollkommenste Kombination
von Sorge für sich und Sorge für andre ist? Da haben Sie einen Deuter
Ihres Glücksbegriffs.«
»Einen bürgerlichen,« antwortete Lauda. »Ich verstehe unter Glück die
Energie, nicht im Zustand des Erleidens zu beharren, stärker zu sein als
Vorgänge in uns. Das ist eine dynamische Angelegenheit, was hat sie mit
dem Glauben an die moralische Weltordnung zu tun? Nichts, es sei denn,
daß sie versteht, wie Menschen dazu kommen, einen Gott zu erfinden.«
»Verstehn ist Abschwächung des Urteilens. Sie billigen mein Urteil über
den Redakteur nicht?«
»Ich müßte erst die Not kennen, die Sie dazu führt, einen Mensch radikal
zu verwerfen, radikal böswilligen Dummkopf zu nennen. Ich kenne von
Ihnen nur Urteile, die absolut verwerfen -- ich müßte fühlen, durch
welche innre Katastrophe oder Neulagrung Sie in den Gegensatz zur Welt
geraten sind; ich müßte Atmosphäre um Sie spüren. Sie werden antworten,
daß Ihnen alles Tun, Wollen, Sichregen der Menschen eine Verirrung ist,
daß sie sich spreizen und blähn. Aber dann wäre die Konsequenz
unerläßlich: daß Sie unter diesem Zustand des Menschen leiden, sich
nicht ausschließen. Das Recht auf Urteil wird durch Miterleiden erkauft,
durch Aktivität. Urteil und nur Urteil ist rein passiv. Urteil, das
nicht aus der Wärme des eignen rotierenden Organismus kommt, ist kalt,
Urteil, das diese Wärme in sich trägt, ist entweder Haß oder Liebe oder,
wenn es das Hoffnungslose feststellt, Trauer. Ich kann nur sinnliche
Urteile gelten lassen, alle andren gehn der wichtigsten Frage: Und du
selbst? aus dem Weg.«
* * * * *
Am nächsten Morgen gelang es Lauda, Puck zu sprechen; er wurde gebeten,
sich danach bei der Assistentin des Psychiaters, selbst Ärztin, zu
melden. Puck, lustiger Gnom, saß auf einem Stein und suchte einem frei
umhergehenden Melancholiker zu erklären, daß inzwischen draußen der
Weltkrieg ausgebrochen war.
»Was ich auch an Zahlen ersinne,« sagte er, »um auf die Depression
dieses Alten die letzte Last zu legen, es bleibt Wirklichkeit; der
zwanzig Millionen Streiter müde, suchte ich ihn zu überzeugen, daß die
sämtlichen Kriegsschulden abgetragen werden können, wenn die Steuer auf
Liebesfreuden eingeführt wird: fünf Pfennig, Rappen, Heller pro
Umarmung, der Kavalier zahlt willig, Damen bleiben steuerfrei. Ich war
gerade dabei, auszurechnen, wieviel eine Stadt wie Zürich in einem Tag
einbrächte, was meinen Sie? Auch die Vermutung über die einträglichsten
Stunden ist ergötzlich.
Der Sprung durch die Fensterscheibe? Mein Lieber, ich sah ja, daß sie
hochgezogen war. Allerdings, die Stimmung war ernst, ich kann nicht mehr
Lilian zu Willen sein. Ich will Ihnen ein Märchen erzählen. Es war
einmal ein armer Junge, der gern mit seinem Wissen prahlte, aber von
freiwilliger, geheimer Zärtlichkeit der Frauen wenig wußte. Niemand
starrte ungläubiger als er, als Blancheflor an einem Sommerabend die
Gewänder löste und ihn an sich zog. Es werden wohl auf den weißen Altar,
der aus dem dämmernden Zimmer leuchtete, Tränen getropft sein. Er
glaubte, nun sei die Hemmung, die vor die Entrückung gelegt ist und die
er so gefürchtet hatte, ausgelöst, warum hätte sie sonst sich ihm
angeboten? Da erwies es sich, daß er die größte und unerwartete noch zu
besiegen hatte. Keine Liebkosung, kein Gespräch über das, was ihn Liebe
suchen ließ, kein Lachen und keine Güte konnte ihr die Erregung des Eros
geben; statt geborgen zu sein, stieß er auf eine Aufgabe, die ihn
abscheulich dünkte -- durch Brutalität, Bisse, Schmerzzufügen ihr zur
Lustvorstellung des männlichen Tiers zu verhelfen. Sie lag, die Härte
erwartend, den Rücken zugekehrt, was er zuerst für eine Geste der
Laszivität hielt, und _gebot_ ihm ungeduldig, weh zu tun.
Er ward ganz schlaff, das Gefühl, um das Schönste betrogen zu sein,
formte sich in harten Worten; die trank sie gierig, lächelte verzückt
und -- war willig. Seither wurde er gehorsamer Schüler, lernte
gewünschte Energie, staunte über die Phantasie der doch Unberührten, die
sich schuf, was sie brauchte, verließ sie jedesmal um einen Grad
elender. Ich kann nicht mehr, dem Frau das Heimlichste, Zärtlichste ist,
Wärme ihres Körpers Güte des Bergens. Arme Kleine, warum verfiel sie auf
mich, da ihr Lustmörder und Fleischergeselle das süße Grauen geben? Was
tun? Es blieb nichts, als durch das Fenster zu springen. Immerhin ist zu
sagen: in diesem Augenblick war ich so durchaus Schauspieler, daß Grenze
zwischen Lüge und Wahrheit verschmolz; in fünf Minuten steigre ich mich
in jeden Wahnsinn, begehe jede Tat, finde für jede Verwandlung die sie
erschaffenden Worte. Was ist Phantastik? Die Fähigkeit, die
Assoziationsbrücken von irgendeiner Vorstellung zu der entferntesten und
nicht verwandten herzustellen, also nachzuweisen, daß doch
Verwandtschaft ist. Ich bin der blaue Funke des Hirns, der die Bahnen
überspringt.«
»Haben Sie dem Arzt das alles erzählt?«
»Die Ärztin hielt mich ab, sie ist scharfsichtiger als er, ich mache ihr
nicht das Vergnügen, mich zu durchschaun.«
»Und doch entgehn Sie nur so der Drohung, Sie acht Tage lang zu
beobachten.«
»Was machen sie mir aus, sie sind mir willkommen. Wolke voll erregenden
Leids hat sich auf mich gesenkt, ich will durchaus in ihr weilen, bis
sie sich wieder hebt. Darüber schwebt, auf der Sichel, Maria, zaghaft
leise begehrt, weil sie Königin und Mutter ist, gelästert, weil sie Frau
ist. Lassen Sie mich, es formen sich Verse, Gedicht einfach im Schmerz
des Geschundnen.«
Lauda suchte den Arzt auf, wurde ins Zimmer der Assistentin geführt. Es
standen alte kräftige Möbel mit Grün bezogen, lag Teppich, Raum war
Mischung aus Sachlichkeit und Frauenhand. Die Frau trat ein, Blick auf
sie ward Huldigung vor Persönlichkeit -- schöne Frau, ganze Frau. Flut
von Adjektiven drang auf ihn ein: groß, fest, üppig, gesund, dunkel an
Kraft, hell an Wirkung; zugreifend, braunäugig, warm; bisweilen derb, im
ganzen königlich. Wie sie komponiert war, wie sie vor ihm stand; aus
straffen Säulen der Beine kam die mächtige Kurve des Beckens, bog in die
Wölbung des Rückens ein, floß über die Schultern in die der Büste. Farbe
des Gesichts war wie bei dunklen Keltinnen, die er in Vogesentälern
gesehn hatte, von Welle des Bluts erzeugt, das zurückweichend weiße Höfe
ließ -- Stoß des Bluts durch die ganze Frau.
Puck, den er um Barbaras willen nun öfter besuchte, sagte:
»Es ist eine groteske Situation. Wenn sie eine Brille und
schlechtsitzende Röcke trüge, würde es mir ein Vergnügen machen, ihr
einen Indianertanz von Irrsinnigkeiten vorzuführen. Ich kann es nicht,
ihre Augen, in denen ein schlaues und lustiges Bewußtsein von Energie
ist, würden es nicht dulden. Die Ärztin anzuerkennen weigert sich
Männliches in mir. Es bliebe nichts übrig, als mich in sie zu verlieben,
nach dem Rezept, daß Liebe eine Schutzhandlung und Abgang mit Ehren ist,
aber es wäre aussichtslos und -- sie macht mir Angst. Es ist eine
Vitalität in ihr, eine Fülle des Bluts, der ich nicht gewachsen wäre.
Sie versetzt mich in denselben Furchtzustand wie Lilian, einen andren
und doch den gleichen, daß Frauen Raubspinnen seien, die meine Kräfte
aussaugen wollen. Freund Lauda, unsre Sehnsucht, bei einem Weib geborgen
zu sein, ist ein übler Trick der Natur. Ich merke es, wenn ich meine
Stunden Maria auf der Sichel schenke. Wie raffiniert ist diese Fiktion:
Wolke und Sichel schweben dicht über unsrem Kopf, damit wir die
Himmlische gerade noch mit unsren sinnlichen Wünschen erreichen können.
Manchmal überfällt mich eine tolle Lust, ihr, das Auge am Saum ihres
Rocks, die deutlichsten Zynismen zu sagen; dann, um die Abendstunde,
kommt die namenlose Melancholie, so schwer, daß sie sich wie ein Block
von Leid in das Gelatinemeer des Geschehens senken möchte, in ihm die
eine feste, große Tatsache.
Was die Ärztin betrifft, so habe ich mit offnen Karten gespielt und ihr
zu verstehn gegeben, daß ich von selbst in Ordnung komme, wenn man mich
hier ein paar Tage in Ruhe sitzen läßt -- es ist so gut zu schreiben,
wenn ringsum die schweren Fälle heulen und einem auf dem Gang der Mann
begegnet, der von einem andren erzählt, daß er in seiner Manie alle
Türen öffnen müsse -- er macht es einem vor, und er ist dieser Mann
selbst.«
Nach acht Tagen wurde Puck nach Hause geschickt, er brachte ein
Manuskript mit und sagte spöttisch:
»Positive Arbeit, die einzige, die ich geleistet habe. Nun kann ich sie
drucken lassen, so beweist man seine Prinzipien. Es ist keine Spur von
Humor in den Versen, dieweil ich mich der Welt als Humorist angekündigt
habe. Aber ich gebe mich nicht besiegt. Was tut man mit Versen, wenn sie
gedichtet und gedruckt sind? Falsch bescheiden warten, bis einer sie
aufgreift? Das ist unanständig, dann schon lieber selbst nachhelfen,
tun, als ob man etwas geleistet hätte, und ein Vergnügen daran haben,
daß man vom Produkt von acht Tagen ein Jahr lebt -- ich werde das
Heilsarmeetempo, das wir an irgendeinen fiktiven Einfall wenden wollten,
an mich selbst wenden, auch das ist Ironie.«
Größre Ironie war, daß der Redakteur, den seine Freunde verachteten, ihn
entdeckte. Aufsatz des Kritikers war Posaunenstoß, es folgte
Einladung der literarischen Gesellschaft zu lesen, Vorstand des
Gottfried-Keller-Bunds drückte ihm die Hand, Auffordrung erfolgte aus
Berlin, ein Stern war aufgegangen.
Lauda, der Vorlesung beiwohnend, fand ihn liebenswert, Kind mit der
ernsthaften Brille bemühte sich zu zeigen, daß Erfolg es nicht
verschlingen werde.
»Warum,« fragte er ihn, »verbergen Sie Ihren Kern, der Stärke des Leids
ist, Demut des Schmerzes?«
»Ich komme nur auf Brücken der Lustigkeit zu ihm, lassen Sie sie mir.
Soll ich mich als Dichter des großen Pathos etablieren, Firma
eingetragen in das Register der Literaturgeschichte? Wer andrer als Sie
sprach von Aufhebung?«
»Das konstruieren Sie nachträglich. Ich wollte sagen, daß Sie selbst
nicht wußten, was in Ihnen Kern ist, Sie sollen ihn nicht leugnen.«
»Noch verläßt mich das Schauspielergefühl nicht, von dem ich Ihnen
erzählte, aber seltsam ist, daß es mir selbst nur Verkleidung zu sein
scheint, der Kunstgriff eines Gotts, der mich in eine Bahn drängt, gegen
die ich mich sträube. Niemand kann begreifen, wie befremdend es ist,
sich auf dem andren Ufer wiederzufinden. Es sprang einer durch eine
hochgezogne Fensterscheibe, Akt reinen Bluffs, und ward durch ihn zum
Bürger.«
* * * * *
Lauda hatte versucht, den jungen Rudolfi zu seinem Gehilfen zu machen.
Gehilfe hieß Kamerad, es lag ihm nichts daran, einen Angestellten zu
haben. Zwanzigjährige Jugend und deutsche Weichheit, die an Schubert
dachte, wenn Brüder von Krepierten sprachen -- doppelte Möglichkeit.
Wenn er erreichte, dem Knaben Straffheit, dem Musikalischen einen
Tropfen lateinischer Bestimmtheit zu geben, ihn zu lehren, daß, wer
wirken will, klar von einer gegebnen Stellung aus entwickeln muß, den
Gegner ohne Relativität und Gefühlsbrücken als Gegner sehend, dann
gelang Synthese, auf die es ankam, aus Geistigkeit und politischem
Willen.
Der geistige Mensch, wie er ihn empfand, Herrscher in der absoluten
Sphäre, in der es keine Wertung mehr gibt, konnte nur dadurch brauchbar
für die reale Sphäre gemacht werden, daß er seine fluktuierende Energie,
die dazu diente, die Berechtigung aller Standpunkte kausal zu erklären,
entschlossen auf ein ordnendes Prinzip verdichtete, die Hochspannung in
den Transformator eines ethischen Postulats leitete.
Jeder Deutsche trug eine irrationale Philosophie in sich, war nicht
praktisch wie Engländer, noch ironisch-doktrinär wie Franzose. Soweit
überhaupt vitale Kraft in ihm war, leitete er, wie alle dem Religiösen
Zugänglichen, der Idee des Staats Metaphysik zu. Gesellschaft ohne Achse
der Rotation, ohne übergeordnetes Regulativ, war Sphäre des Chaos -- der
Organismus eines Volks mußte unter Druck gehalten werden, damit er sich
ballte und einheitlich kreiste: solchen Druck ermöglichte die Idee des
preußischen Systems, das seine Herkunft aus dem Protestantismus nicht
leugnete. Und Protestantismus, so fest er in der Irdischkeit stand, den
Mensch recht eigentlich auf seine Souveränität verwies, kam doch, da er
Religion war, im letzten aus dem Pessimismus: es gab eine Verwandtschaft
der preußischen Herrenkaste mit dem katholischen Priester, für den die
Existenz das Reich der Sünde war, das Befehl und Gebot brauchte. Die
Junker waren Menschenkenner: entfesselt das Individuum und es weigert
Arbeit; unterstellt es der Idee des Gehorsams und es wird nutzbare
Energie, sich und dem Ganzen Inhalt schaffend.
Vom Absoluten her war dieses System nicht materialistisch, es wurde es
erst, weil es alle Kräfte dem Irdischen zuführte und die Verwalter zu
Ausnutzern machte, während katholischer Priester Diener blieb und von
ihm gepredigte Ordnung nicht in Marschleistung von Bataillonen umgesetzt
wurde. Es geschah nicht ohne Grund, daß selbst die edler denkenden
Geister in Deutschland am preußischen System festhielten, sie waren
nicht alle, Fünfkorn und den Mittelmäßigen unter den Demokraten zufolge,
verlogen und böswillig; ihr unverzeihlicher Fehler war, daß sie zur Idee
zurückgriffen, wo sie die Tragik ihrer Überspannung sehn mußten.
Schicksal von Ideen war romanhaft wie das von lebenden Menschen, man
konnte vom Verfall eines Ideensystems wie von dem einer Familie reden
und seinen Roman schreiben.
Klarblickender sah den Punkt, wo ein geistiges Prinzip religiöser
Färbung durch zeitliche Entfernung von der religiösen Quelle ins
Gegenteil umschlug, Hebel in der Hand der an die Spitze gesetzten
Familien wurde -- Dämonie auch das einer Idee, die Herrschaft gewonnen
hat, statt reguliert zu werden. Axiom: Regulative bedürfen der
Regulierung; Lehrsatz: sich zum Tun entschließen, heißt die radikale
Energie regulieren, nicht zerstören, sondern beaufsichtigen, nicht
hinnehmen, sondern selbst verwalten. In Rotation gesetzt, kreiste der
deutsche Kosmos nun um die Idee der zentralisierten Monarchie, bis er
zerschellte. Aufgabe war, unter den Denkenden solche zusammenzurufen,
die durch Einfluß und Menge der Anhänger stark genug waren, eine
Gegenbewegung oder Hemmung zu erzeugen; gelang das nicht, dann einige zu
retten für den Augenblick der Katastrophe und die Zukunft.
Das war die Rechtfertigung seiner Opposition, daraus entsprang auch sein
Wunsch, mit dem Jungen ein Experiment zu versuchen. Letzter Beweggrund
war, wie bei allem, was Mensch tat, der eigne Gewinn, für sich wollte er
die Fordrung, Mutation in das deutsche System zu bringen, sichtbar
machen. Und da es klar war, daß Sprung in die Sphäre der Tat nichts
bedeutete, als sich vom Egoismus der Anschauung den andren zuzuwenden,
begann ihn das ihm selbst Unerwartetste und Fernste zu beschäftigen, die
Möglichkeit, dereinst Erzieher zu werden. Bejahte man die Tat und
stellte Regulative der Ordnung auf, erhielt der Ablauf des menschlichen
Geschehns einen selbst gesetzten Sinn, dann war die vornehmste dieser
Illusionen die Pädagogik, Vermittlung der Energie an die Nachwachsenden.
Wie mit einer Frau, die zum steilen Flug der Entrückung entfesselt wird,
suchte er mit Rudolfi dem neuen Land der Ideen zuzueilen. Tempo der
Flucht im Flugzeug war noch in dem Knaben; als er den Rhythmus seines
eignen Bluts wiedergefunden hatte, kam die Hemmung. Eine geistige
Bastion mit stürmender Hand nehmen, war nicht deutsch, an Stelle des
strahlenden Siegs trat das schrittweise Ringen. Ungeduld Laudas, er
bezwang sie, sich erinnernd, wie er selbst in diesem Alter gewesen war,
von Erdbeben geschüttelt, wenn er sah, wie verschiedenartig Menschen
dieselbe Sache betrachteten; aber es war der Loyolawille dagewesen, in
Quadern zu bauen.
Rudolfi war schwerfällig, Namen der Mitarbeiter machten ihm Mühe;
Vorstellung mit ihnen zu verbinden, größre; Ideen so klar wie Bildhaftes
zu sehn, die größte. Lauda schlug den Umweg über die Anschaulichkeit
ein, führte Rudolfi in Gesellschaft, so abendliche wie die der Straße.
Dem Knaben fiel die besondre Art der Schweizer auf, sie schien ihm von
bäurischer Gleichartigkeit zu sein, niemand trat aus der Masse hervor.
Lauda half die Linien nachziehn: bestimmtes Bekenntnis zu einer
Anschauungsform wie der des deutschen Beamten und Offiziers wurde
hierzulande vermieden; man fühlte nicht unmittelbar, daß alle Kräfte
eines Lands von einem Willen zusammengehalten wurden, sich um ihn
lagerten, in jedem Augenblick des Privatlebens von ihm Bestimmung
erhielten; das Bewußtsein großer Aufgaben, der Ausblick auf den
Welthorizont des deutschen Lebens fehlte. Deutscher war straffer in
Umrissen, großzügiger in Ideen, an ein anschauliches, repräsentatives
Zurschautragen der das Volk durchsetzenden Energie gewohnt, in der
Schweiz blieb alles anonym. Lauda sagte:
»Es ist zunächst der Unterschied der Größe zweier Länder. Das kleine war
von je darauf bedacht, Existenz zu wahren; Ehrgeiz, wie ein Sonnensystem
zu wachsen, benachbarte Zellen in seine Rotation zu ziehn, fehlt
vollständig. Es wurden nicht ausgebildet Kräfte der Konzentration noch
das gefährliche und, wenn es sich mit Klugheit verbindet, schöne
Schauspiel der Vitalität. Daher das Gefühl, das man unter Schweizern
immer hat, daß sie mißtrauisch und schwerstirnig, bäurisch wie Sie
sagen, importierte Ideen der Fremden abweisen, froh sind, wenn sie unter
sich bleiben können. Das Positive dieses Zustands ist schwerer zu
erfassen, darum nicht weniger wertvoll: kein Hochmut der Kaste, keiner
von Offizier Polizist Beamten, es ist menschlich, unter ihnen zu leben,
Anonymität wird wohltätig.«
»Auf mich wirkt unser System stärker, seine Idee ist verständlicher,
weil jeder Gebildete sie zur Schau trägt. Auch Sie verwerfen ja nicht,
wie ich eigentlich gedacht hätte, den Willen eines Volks zur Expansion.
Warum also billigen Sie den Deutschen nicht zu, was Franzosen und
Engländern erlaubt ist?«
»Ich wäre gern national,« antwortete Lauda, »weil ich alles liebe, was
Kristallisationspunkt für Energie wird, abgegrenzte Wirkungsfelder
schafft, Differenzierung in die Welt bringt. Ich kann nicht national
sein, weil es mir verwehrt wird, man duldet nur hochfahrend ergebne
Diener. Auch ist Expansion und Wachsen in Größe nicht dasselbe; jenes
nur die brutale, materialistische, herrische Spielart. Bildung eines
großen Kosmos darf nicht auf Kosten andrer Rotationssysteme erfolgen,
die schon ihre endgültige Lagrung gefunden haben. Einbeziehung Belgiens
in das deutsche System ist nicht Verschmelzung, sondern Einbruch,
Diebstahl, Gewalt. Die Kosmen der zivilisierten Nationen, kleine und
große, müssen nebeneinander rotieren, es ist ihnen nur eine höhere Form
des Ausgleichs erlaubt, die der Verträge, des Handels, des geistigen
Tauschs. Keine Dialektik kann das Verbrechen ungeschehn machen, daß man
die beschworne Neutralität Belgiens brach. Jedes Gefühl, das mir
befähle, trotzdem zu meinem Volk zu stehn, da es nun einmal um seine
Existenz kämpft, ist Dialektik. Anerkennend die Vitalität des deutschen
Systems und das Recht auf sie, verwerfe ich bedingungslos ihre Methode.«
Aber in dem Knaben war dieses Gleichwohl und Trotzdem stärker. Heimweh
ward stärker, wuchs zur Sehnsucht, die deutsche Atmosphäre, bekannte, zu
atmen, Befehle zu empfangen, die vorstellbar waren, weil Blut der Väter
sie schon empfangen hatte. Es kam der Tag, wo Rudolfi Reue gestand;
siegreicher als die Moralität auf sich selbst vertrauender Gegnerschaft
wurde die Gewissensqual, Kameraden im Stich gelassen zu haben.
Lauda ging aufs Konsulat, erreichte, daß in Berlin Straflosigkeit
zugesagt wurde, eröffnete Rudolfi, daß er heimkehren könne. Weinender
umarmte ihn, fuhr an die Grenze, um sühnend im vordersten Graben zu
sterben.
Lauda hatte nicht mit dem Widerspruch der politischen Freunde gerechnet,
seine Stellung wurde so erschüttert, daß nur der Fahndungsbrief, den das
Generalkommando gegen ihn erließ, ihrem Argwohn ein Ziel setzte.
Heftigste Vorwürfe hatte Justus erhoben, Mitglied des
Redaktionskomitees, Veteran des demokratischen Gedankens. Die meisten
waren erst im Krieg zu Bekennern geworden, er seit 1885, Jahr, in dem er
das Deutschland Bismarcks verlassen hatte. Er war in Paris mit den
Politikern des Republikanismus verwachsen und Zeuge gewesen, wie schwer,
langsam, zuerst nur äußerlich, der Gedanke von 1870 sich durchgesetzt
hatte: Erschüttrungen und Rückschläge kamen, bis er zu den letzten
Wurzeln der nationalen Existenz vordrang, Macht auf die Erziehung der
Jugend, Heer, Kirche gewann.
Die Überwindung der Tradition, in Fleisch und Blut nistender, die
Ausscheidung noch immer kreisender Säfte, die innerste Umschichtung, die
Entstehung einer neuen Vitalität, die letzte große Krise des
Dreyfusprozesses, das Schritt für Schritt, die Energie, ein Ideal der
Zukunft sichtbar und sieghaft zu machen, das war Justus die Größe der
Männer von 1890, und er hatte bewundernd die Geschichte der bürgerlichen
Führer geschrieben, die ein größres Werk als die Sozialisten
vollbrachten die theoretische Fordrung gänzlich andrer Grundlagen schien
ihm banal, der zähe Kampf mit realen Interessen, die Mutation der
Realität war Leistung. Und Lauda verdankte ihm Einsicht, was es heißen
wollte, in den lebenden Kosmos eines Volks einzugreifen und Mutation zu
erzeugen. Es war die Zeit, da in Deutschland die Parole der
Neuorientierung ausgegeben wurde, demokratische Vertreter Anteil
verlangten, fühlend die Katastrophe.
»Machen Sie sich keine Illusion über die Ohnmacht dieser Ansprüche,«
sagte Justus, »das ist, als hätten vor 1870 die französischen Demokraten
die Republik im Bund mit Napoleon dem Dritten einrichten wollen.
Frankreich hatte ein Jahrhundert republikanischer Tradition, es hatte
Temperamente und Charaktere ohne Zahl hervorgebracht, und doch bedurfte
es einer von uns nicht gekannten und nicht begriffnen Größe der
Anstrengung, um die Idee zu sichern. Der Deutsche versagt vor der
Schwierigkeit dieser Fordrung, er ahnt die Problemstellung nicht einmal,
ist ohne Sinn für die Noblesse derer, die, was sie tun, ganz tun, die
Lösung einer Aufgabe nicht den Beamteten überlassen, sie wie eine
Leidenschaft bis zum Ende erleben und nicht auf halbem Weg zur bequemen
Hausfrau zurückkehren. Dieser Mangel an radikalem Anstand ist von allen
Lastern das deutschste und für mich das verächtlichste -- was hilft die
innre Freiheit, die gefunden zu haben, Deutsche sich rühmen, sie ist nur
Feigheit und Flucht vor Realität.«
Bei Ausbruch des Kriegs erlangte er Erlaubnis, zu bleiben, wurde im
zweiten Jahr vom schützenden Minister gebeten, ihn der Aufgabe zu
entbinden, ging nach der Schweiz, mittellos, Opfer des Sequester. Er
ernährte sich von Unterricht, Zeitung, Arbeit der zu schneidern
beginnenden Töchter und Sparsamkeit der Frau, kleinbürgerlicher
Französin -- Demokratie ward Märtyrertum, fanatisch getragnes; Züge des
Alternden wurden scharf; bitter und tröstend die Stimmung eines
verspäteten Achtundvierzig.
Lauda war bei ihm zu Gast, sah, in wie engem Bezirk ein Mensch leben
kann, Grenzen des Käfigs waren die der Welt. Es durchwanderte der Alte
diesen Bezirk unermüdlich, hatte Wege angelegt, alles eingeteilt: wer
nicht böswillig war, brauchte sie nur zu begehn und schaute die in
Demokratie geordnete Welt. Sie war die Wahrheit, es gab keine andre;
noch größer als Erregung über Nichtbereitschaft der Geister war Staunen
-- darüber grübelnd, fand er neuen Beweis, fügte ihn ein, nun war die
logische Kette geschlossen. So war einer Freidenker -- er selbst war
Freidenker, Priester hieß Pfaffe, König Tyrann. Justus gestand, einst
Romane und Verse geschrieben zu haben, Thema des Romans: Kampf gegen
Vorurteile, Verse: Epigramme, darin einer die Welt am gesunden Verstand
maß. Die Welt hatte sie nicht gelesen, ihr Schade.
Lauda, dem er der rationalistische Mensch schlechthin war, reines
Extrem, klar zu überschaun, folgte der Einladung, wiederzukommen,
begegnete plötzlicher Herzlichkeit und dem Geständnis eines entbehrten
Ideals: Verkehr aufrechter Männer, zweimal in der Woche, Schachspiel zur
Übung der Hirnkräfte und Kegeln zu der des Körpers; Gemütlichkeit bei
Bier und einfachen Sitten. Er entwand sich höflich, Justus kam ihn mit
seiner Familie besuchen, Prinzip der Gegenseitigkeit. Mensch, den er als
Mensch gelten lassen wollte, ward lästig, zwang dazu, Beschränktheit
lieblos zu benennen, Abstand mit allen Mitteln zu setzen, und aus einem
Freund ward Feind, der ihn geheimen Anhänger des preußischen Systems
nannte, weil er von dessen Philosophie sprach.
Es kam der Augenblick, wo Justus vor den Versammelten aufsprang, sagte:
»Er ist nicht das, was uns nottut, Politiker, er ist der Geistigen
einer, die alles verstehn, mit jedem Gedanken huren; sie werfen ihre
Leidenschaft auf ein Objekt für drei Monate wie ein Schauspieler seine
unehrliche Glut für drei Stunden in eine Rolle. Denkt er ans Volk? Er
denkt an sich, er will nicht Zustände ändern, sondern Ideen klären«, und
mit gerecktem Zeigefinger dastand, als fordre er das Volk auf, zu
steinigen.
Lauda war versucht, für einen Augenblick hinauszugehn, nicht
wiederzukehren -- es hätte jener recht gehabt. Blick in das verzerrte
Gesicht des Manns gab ihm das skrupellose Argument unbefriedigter
Ehrgeiz, und er war gehorsam dem Gesetz der Realität, Angegriffner wehre
dich. Danach ekelte ihn vor erlangter Kenntnis, was ein Tribun sei,
Beredsamer in Geste der Treuherzigkeit.
Ruhiger geworden, sprach er mit Hans von dem leisen Grauen, dem
Widerwillen im Hintergrund, die er empfand, wenn wieder die
Bekanntschaft eines Menschen durchlaufen war. Zuerst, war er noch neu,
sah man das Tüchtige in ihm, seine Energie, das, um was er kämpfte, die
durchdachten Ideen; dann, schattenhaft, verschob sich das Bild, es
traten hervor die Banalität, die fixe Idee, die Grenzen, die Enge;
zuletzt wies er die Zähne des Egoismus, verteidigte den Käfig, in dem er
saß und den er nannte Leuchtturm der Wahrheit.
»Was schwerer wiegt,« sagte er, »und was zu lähmen droht, ist der
Widerstreit in mir, wie ich solchen Menschen, jeden, werten soll.
Wertung ist nicht nur Anmaßung, sie ist auch durchaus willkürlich, denn
wir tragen keine andre Norm in uns als selbstfestgesetzte, eine von
vielen. Wonach aber setzen wir fest? Nach Interesse, nach einem
politischen oder gesellschaftlichen Standpunkt, von dem ich wenigstens
weiß, wie relativ er ist. Was habe ich ausgesagt, wenn ich Justus einen
Dummkopf nenne -- gestern hatte ich Respekt vor ihm, morgen werde ich
mit ihm zusammenarbeiten. Klarheit ist nur, wenn ich jemand liebe oder
hasse, Urteil ausscheide oder einschalte. Alle scharfen Urteile sind
diesseitig; in der Welt, in der jede Existenz von der andren getrennt
ist, kann es nur Urteile des Hasses, des Gegensatzes, der Trennung
geben. Aber in sie spielen fortwährend die Urteile des Absoluten hinein,
die skeptisch gegen Benennung sind, weil sie religiös sind, die
Getrennten vereinen und, nun nicht mehr pessimistisch, Nachsicht, Milde,
Duldung gebieten. Nicht darum zuletzt ist die Sphäre der Realität die
der Qual, des Hin- und Hergezerrtseins -- man könnte, man sollte ein
neues Lehrfach der Erziehung finden: Unterweisung in Grundtatsachen der
Existenz; Zwiespalt, Unversöhnlichkeit der Prinzipien würden gelehrt,
Ableitung daraus einer großen Klarheit, einer Kenntnis der Maschinerie
in uns, einmündend in die Nachsicht mit ihrer Ohnmacht und das Suchen
nach Überwindung der Ohnmacht -- erkannte Gesetze werden Schalter mit
spielenden Gelenken. Der Mensch hat noch nicht denken gelernt, weilt
noch im Stadium des geistigen Manchestertums, wo die Welt der
Empfindungen ein Haufe durcheinander kriechender Schlangen ist.«
Sie saßen am Kai, Wellen des Sees schlugen nach den Bänken. Barbara ging
mit einem Mädchen vorüber, grüßte. Lauda stand auf, Barbara sagte:
»Wir wollen segeln, meine Schwester und ich, wir haben Platz, schließen
Sie sich an?«
»Darf ich meinen Freund mitnehmen?« fragte er, wandte sich nach Hans um
und sah ihn verzückt das Mädchen anstarren.
Barbara richtete die Segel selbst, die Kleine ließ sich schelten, weil
sie Handreichung verschmähte, lächelte nur aus so dunklen Augen, daß die
Pupille nicht sichtbar war. Andres Temperament, innigeres, derb
schaltende Herzlichkeit Barbaras gedämpft durch Süße.
»Wenn ich hätte tun können, was Gefühl mich hieß,« sagte Hans nachher,
»würde ich wie mit einer kleinen Insulanerin ein zärtlich-lehrhaftes
Gespräch über mein Entzücken auf den ersten Blick und seine Gesetze, die
Gesetze in ihr selbst, begonnen haben. Denn es gibt Gesetze unsres
Naturells und wir müssen ihnen nur gehorsam sein, um ohne Vorbehalt und
Lüge zu lieben. Fast immer entschließen wir uns unter Vorbehalt und Lüge
zur Werbung: Zufall führt mit einer Frau zusammen, die uns fast ganz,
aber doch nicht ganz gefällt, Gelegenheit ist günstig, man ist des
Suchens müde, und das übrige tut die Frau, sie fühlt, daß wir zur
Anpassung bereit sind und holt sich, was sie haben will.
Ich, der kleine feste Körper ohne differenzierte Nerven anbetet und auf
die Entdeckung der heimlichen Fülle um der sichtbaren willen verzichtet,
bin immer von Schlanken, Nervösen erobert worden, selbst zu underb und
hilflos, um zu widerstehn. Das war die Untreue gegen das erste Gesetz,
das mich kräftigere Körper, als meiner ist, lieben heißt. Das zweite
hebt die Gegensätzlichkeit wieder auf und verlangt, daß ganz zarte,
heimliche Wärme in ihnen ist, ohne Dämonie oder kaporalhaftes
Temperament. Wie ein kleines warmes Tier schaute sie aus Mantel und Muff
heraus; die Eigenwärme des Geschöpfs ist das Herrlichste.«
V
Wie Puck es gesagt hatte, in den Augen Barbaras war ein schlaues und
lustiges Bewußtsein von Energie. Sie konnte nicht untätig sein, und sie
ertrug es nicht, wenn ihre Patienten untätig der Mattheit in sich selbst
zuschauten. Indem sie bei denen, die Kranke des Willens waren, das
Gefühl, dem Leben nicht gewachsen zu sein, nicht duldete, hatte sie
große Erfolge, heilte durch persönliche Kraft, selbst Heilfaktor; es
geschah aber bisweilen, daß einer unbesiegbar sich vor ihr verschloß,
ihrer zu deutlichen Gesundheit die Verachtung des Differenzierten
entgegensetzte.
Lauda beobachtete, daß es ihr dann nicht darauf ankam, die bei jenen
erprobte Macht bei diesem bewußt zu versuchen, indem sie sie in
weibliche Reizung verwandelte, Wünsche erregte, Wunsch erlaubte. Auf die
stumme Frage des Zeugen gab sie gleichsam die Antwort: was macht es, daß
einer mich nachts in seine Träume zieht?
War das königlich, oder mütterliche Klugheit, die um den erotischen
Untergrund aller Wirkung wußte, oder ein hetärischer Anflug? Was war
prachtvoll an ihr? Daß sie alles Komplizierte und Getrennte mit
optimistischer Energie hinwegschob -- aber um diese Geste war ein
Schleier zu wenig. Ihre beste Zeit, dachte er, wird sein, wenn sie in
reifem Alter steht, noch immer eine schöne große Frau, die erlauben
wird, gewisse Dinge sehr deutlich zu benennen, nicht prüde, erfahren,
unverwüstlich an Spannkraft, von jener Klugheit des Nahen, die
Beschränktheit des Fernen ist, und Derbheit durch Würde gebunden.
Gegenwärtig ist sie eine Frau, die noch nicht selbst erlebt hat, erregte
Wünsche noch nicht erfüllt.
Konnte sie sie erfüllen? Ihm nicht, dem sie zu der erstaunten
Feststellung verhalf, daß sie, Gefäß des drängenden Bluts, ihn nicht in
Versuchung führte. Sah er sie an, wünschte er seiner nächsten Geliebten
ihre Gestalt, die Erfüllung der Sehnsucht war, im Körper der Frau das
Symbol des Kosmos zu umfangen, der mühlos rotiert, denn alles ist fest,
reich an Energie, voll Spannung, nicht nur eben lebensfähig, Nerven
gebettet in Fülle -- und blieb doch kalt bei so viel Wärme, weil sie den
dunklen süßen Schmerz nicht gab, Hauch der Bitterkeit nicht kam; zu
positive Frau.
Und da er Zeuge des fast knabenhaften Idylls wurde, in das sich Hans mit
der heimlich getroffnen Schwester spann, verzückt vom Glück des kleinen
straffen Puppenleibs, dem innigen Dunkel lächelnd hingegebner Augen
sprechend, ward das Bedauern, nicht selbst die volle Summe notwendiger
Bedingungen erfüllt zu sehn, zur Trauer, daß es ihm versagt sein werde,
sie je erfüllt zu sehn. Ein neuer Typus ersehnter Frau ergriff von ihm
Besitz, der königlicher, üppiger als der frühere war -- gesunder Körper,
der machtvoll in sich ruhte, sieghaft, stark.
Vorstellung war es, die parallel auf der ganzen Linie vorrückte. Tag
brachte Geschäftigkeit in Fülle, Wirken durch Wort, Einsatz von Mut, der
die Folgen des Bekennens nicht mehr scheute, Umgang mit Menschen.
Nachtstunden waren der eignen Arbeit zugewandt -- Energie wuchs aus
Energie, er sah sich ganz versetzt in die Arena der Tat, und die Zeit,
da er bei allem die Frage nach dem Wert des positiven Treibens
aufgeworfen hatte, lag fern zurück, entglitt; er fühlte wohl, daß er ein
Seil verlor, an dem sich entlang zu tasten gut gewesen war, aber er
konnte es nicht halten, neue Jugend war stärker als vergangnes Alter. Es
zog ihn zu den Menschen, über deren Ohnmacht, Egoismus, Sentimentalität,
sich eingeschlossen, er keine Illusionen hatte. Gleichwohl, ein Rest
blieb, der durch Scheidewasser nicht aufzulösen war, ein radiumhafter,
unerschöpfliche Potenzen schleudernder Kern, mystisch und zäh, und war
wohl die vitale Energie an sich, das sieghafte Ja, das triumphierte,
sobald man nicht die letzte Konsequenz des Nein zog, die
Selbstaustilgung.
Und dieser Kern war mit einer bestimmten Eigenschaft positiv geladen,
die zu benennen es ihn nun drängte: mit einer seltsam süßen
Zärtlichkeit. Bei Barbara stellte er negativ fest, daß diese Eigenschaft
irgendwie existieren müsse. Eines Abends ging er durch die
Bahnhofstraße, sah vor einem Kürschnergeschäft eine Frau stehn, auch sie
königlich, ganz in Biber gehüllt. Er fühlte den elektrischen Schlag,
trat neben sie, es war Elena. Abermals Bedauern in ihm und in
unmittelbarer Reaktion Erkenntnis jener Eigenschaft, nach der er sich
sehnte: die Vitalität durfte nicht zu direkt ausströmen, mußte einen
Widerstand passieren, der die Scham der Frau gebar, die in sich
lauschende Innigkeit.
Nicht zu positiv sein, nicht als Frau herausfordernd zur Schau tragen,
daß in ihrem Schoß die Quellen springen, es in Geheimnis hüllen, das nur
ein andres Wort für Demut ist -- Demut enthielt noch immer den
Bestandteil Mut; aber Elena hatte nur den Mut, nicht die Wärme des
Bergens. Schauend in die Auslage, wo kostbarer Pelz ausgebreitet lag,
hatte er die Vision einer Frau, von der dieses Rauchwerk fallen könnte:
sie stand gleichwohl in Wärme, Wärme war Ausstrahlung des in sich
geschlossnen Kosmos, dessen Wesen ist: Hüten, Hegen.
Jene Eigenschaft des vitalen Kerns war also, um in seiner Sprache zu
reden, nicht primäre Eigenschaft, erst sekundäre, erworbne, Produkt
eines Widerstands gegen das Elementare, und es fiel ihm ein, daß er
schon einmal Güte und Liebe als Widerstandsphänomen empfunden hatte.
Widerstand wessen? Des vom Primären erzeugten Geschöpfs, das nun
selbständig geworden ist, dem Elementaren nicht mehr willenlos untertan
sein wird. Hier war die Geburt der Menschlichkeit.
Elena war ihm nie Geliebte gewesen: Brudergefühl, das er, Geistiger,
ihr, der Hetäre, gab, war wie eine Kameradschaft, heterogen und parallel
-- nun geschah es, daß er auf dem Umweg über das luxushafte Restaurant
mit ihr nach Hause fuhr; aber zum erstenmal Gast in ihrem üppigen
Gemach, der stolz selbstbewußten Verwertung ihr verliehner Reize, wußte
er, daß er es nicht mehr betreten werde, sehnsüchtig nach leisrer
Weiblichkeit. Und Claire, fragte es in ihm, ist sie nicht von dieser
Art? Auf der innren Szene stand die Ferne, Halbvergessne, alles Licht
auf ihr vereint, und siedend stieg das Gewissen auf. Aber welchen Wert
hätte es gehabt, zu leugnen, daß Gewissen nur Macht über ihn hatte, wenn
die Zeit gekommen war, daß er selbst, aus sich, auf den Mensch neben ihm
stieß?
Im Anfang hatte er nicht geschrieben, weil Sinn der Trennung war, jeden
sich selbst zu überlassen, abzuwarten, unter welchen Umständen er sich
dem andren wieder zuwenden werde; danach nicht, weil schriftlicher
Verkehr ihm gesperrt war. Er wußte nur, daß Claire Brüssel verlassen
hatte, als er nicht zurückkehrte, und in Berlin lebte. Er schrieb ihr,
Graumann erbot sich, den Brief auf geheimem Weg, der der direkteste des
Botschaftskuriers war, zu besorgen.
* * * * *
Suchend den Mensch, begann er, im ersten Schimmer die Frage zu sehen,
die wie ein verhülltes Bild dort stand, wo der Weg der letzten
Erkenntnis sich verlor, scheu gemieden, immer umkreist -- die Frage nach
der Freiheit des Willens.
Wer tätig war, wer an Einwirkung glaubte, wer irgendwie Erzieher sein
wollte, mußte die Mutationsfähigkeit des menschlichen Kosmos bejahn. Es
stand ihr gegenüber die reine Anschauung, die keine Wertung, nur
Abrollen der Dinge kennt.
Glaube an die Mutationsfähigkeit war Widerstand des Optimistischen gegen
den religiösen Pessimismus, der Tat verwarf, wie er den Eintritt des
Willens in Existenz verwarf, weil Teilung der Totalität Untreue
der Totalität gegen sich selbst war. Das von der Totalität
hinausgeschleuderte Geschöpf trug ihre Energie in sich, verwandte sie
dazu, in der Existenz seßhaft zu werden -- aber die Energie drängte zur
Totalität zurück, erreichte sie durch den Tod. Konnte nun das Geschöpf
einen Teil der Energie dazu benutzen, um sich ihrem eignen Ablauf
entgegenzustellen, wie man vom hochgespannten Strom einen Teil für den
Hausgebrauch ableitet? Ohne Zweifel, die Tatsache des Widerstands stand
fest, Zeitlichkeit, das heißt Tat, verhielt sich zum Elementaren wie
Hausstrom zur Hochspannung. Das war die eine Wurzel des freien Willens.
Der Mensch richtete sich in der Existenz ein, als sei er nicht
sterblich, schuf die eigne Domäne und erfand Regulative, die nichts
waren als Hemmung des Triebs, sich und nur sich zu manifestieren, den
man Egoismus nannte. Die geteilten Existenzen, von Natur aus Todfeinde,
einander zur Nahrung brauchend, erkannten das Recht des Bruders an --
freier Wille war Spaltung des Willens, Aufruhr des Gezeugten gegen den
Vater, ein Widerstandsphänomen.
Barbaras Umgang mit den Patienten beobachtend, fragte er: »Woher nehmen
Sie diesen positiven Glauben an die Mutationsfähigkeit des Organismus,
aus der Wissenschaft oder Ihrem Naturell?«
Sie verstand die Problemstellung nicht, er erläuterte: »Soweit die
Medizin Wissenschaft ist, arbeitet sie mit materialistischen, das heißt
passivistischen Auffassungen. Der Organismus ist das Gegebne, ein
Gegenstand mechanischer, chemischer, physikalischer Einwirkung, nicht
aber seelischer, über die nichts ausgesagt wird, weil der Begriff Seele
nicht objektiv erfaßbar ist. Der Wille entzieht sich dem Mikroskop, also
geht man ihm aus dem Weg. Haben Sie schon einen Wissenschaftler gesehn,
der den Mut hätte, etwas über die Freiheit des Willens zu sagen, es sei
denn, daß er zu den Psychoanalytikern gehörte? Deren große Leistung ist
dieser Mut, Angriff auf die Materie von der vitalen, lebenden Seite her
und Glaube an Mutationsfähigkeit -- sie dringen von dem, was nur
Manifestation des Willens ist, dem Körper, zu dem vor, was primär ist,
dem Willen. Die große Frage lautet: ist Wille, sobald er einmal eine
körperliche Form gefunden hat, an ihre Struktur gebunden, oder kann er
Einfluß auf sie gewinnen, das heißt sie und das heißt doch wieder sich
selbst ändern? Sehn Sie die Tiefe des Problems?
Was ist ein schwächlicher Mensch, einer Ihrer Psychopathen? Zunächst
Manifestation eines bestimmten Zustands der vitalen Kraft, der zwar auf
erblichem, historischem Wege bedingt worden ist, uns aber durch und
durch bestimmt. Können diese Bedingungen geändert werden? Wie kann ein
solcher schwächlicher Wille dazu gebracht werden, von sich selbst frei
zu werden? Das ist nur denkbar, wenn man ein rein philosophisches Glied
einfügt: daß in allen Existenzen, mindestens derselben Gattung, der
gleiche Grad von Energie gebunden sei und daß diese Bindung sich
irgendwie wieder lockern lasse. Wodurch? Gewiß nicht durch den freien
moralischen Willen, den die Dualisten annehmen, sondern eben durch
Lockrung, mit andren Worten durch zähe, langsame Einwirkung, Erziehung,
Absolvierung unendlicher Stadien und Zwischenglieder.
Grundsätzlich sind ein plumper Realist und ein differenzierter
Ideenmensch durch nichts getrennt als durch verdickte Ebnen, die
aufgelockert werden können; Genie und Durchschnittsmensch durch noch
nicht überschrittne Zwischenglieder. Es eröffnet sich eine wunderbare
und ungeheure Demokratie der Existenzen, und sie ist, nebenbei, die
metaphysische Begründung der politischen Demokratie.
Aber kehren wir zu dem Schwächlichen, am Willen Krankenden zurück.
Wissen Sie in Ihrer Gesundheit, wie dumpf, matt, stündlich aussetzend
das Hirn eines blutarmen Menschen funktioniert? Was werden Sie als
Ärztin tun? Die Blutarmut durch Ernährung und andre Einflüsse beheben
wollen. Gut, aber da Sie Frau sind, vital und praktisch, tun Sie noch
mehr, als die Wissenschaft Sie lehrt, Sie suchen auf die Energie selbst
zu wirken, das heißt, Sie üben aus, was ich theoretisch errechnete, die
Gleichheit des Energiequantums in allen Menschen; Sie glauben instinktiv
an die Mutationsfähigkeit, Sie arbeiten mit einem unwissenschaftlichen
Prinzip, dem Willen, der in das Gebiet der Metaphysik gehört, und --
berichtigen die Wissenschaft.«
Danach machte er die alte Erfahrung, daß Einstellung auf einen Gedanken
genügte, um ihn auch bei allen andren, in jeder Stunde des Tags, zu
finden. Es war Schreiner, mit dem er die nächste Diskussion hatte.
Schreiner schrieb alles Elend, Verbrechen, geistige Dumpfheit den
Verhältnissen zu -- ändert die Verhältnisse und es wird kein Verbrechen
mehr geben, der Mensch ist von Natur aus gut; belehrt ihn, er wird gütig
sein; versetzt eine Schar Proletarierkinder in lichte, warme Sphären,
und ich mache mich anheischig, so tüchtige, talentierte, geniale
Menschen aus ihnen zu machen, wie das wohlhabende, studierende,
herrschende Bürgertum sie stellt; Erziehung ist alles.«
»Erziehung ist viel,« sagte Lauda, »sie ist sogar alles, vorausgesetzt,
daß man sie weit genug nimmt. Wir betreten ein Gebiet, wo äußerste
Differenzierung der Behauptungen nötig wird. Zunächst ist zu sagen, daß
der Mensch nicht gut ist, sondern gut werden kann, in dem Sinn, daß das
Regulativ des Guten sich in ihn wie eine Achse senken läßt, um die sein
Kosmos rotieren soll. Gut sein ist eine Korrektur des natürlichen
Egoismus, wird nie mehr sein, es ist eine Idee über der Wirklichkeit,
nicht Wirklichkeit selbst. Ferner ist zu sagen, daß keine Erziehung das
Verbrechen ganz aus der Welt schaffen wird, denn das Verbrechen ist nur
vom Standpunkt der Gesellschaft und des Brudergedankens aus verwerflich;
neben dem Bruder wird es immer das Ego geben, und hier ist Verbrechen
eine Manifestation der primären Energie des Ego, es ist eine ganz tiefe
und so reale Erscheinung, daß man es metaphysisch nennen kann, es ist
unmittelbare Aktivität, Widerstand des Ego gegen Gesellschaft und
Bruderidee, es ist das Leben selbst; würde die Gesellschaft je ganz
licht organisiert und Armut ausgeschaltet, das Verbrechen würde als
Reaktion gegen die Sanftmut und Banalität dieser Ordnung auftreten, denn
Verbrechen ist Aufhebung der Idee der Ordnung, wie diese ihrerseits
Aufhebung der Idee der egoistischen Einzelerscheinung.«
»Worte,« sagte Schreiner.
»Nein, Metaphysik.«
»Erbärmliche Worte, weil ich nach der Konsequenz fragen muß, die Sie aus
dieser Anerkennung des Verbrechens ziehn. Sie reden wie ein Ästhet, der
die sogenannte Schönheit und Wildheit des sich zerfleischenden Lebens
nicht missen will; es soll alles bleiben wie es ist, denn das soziale
Elend erzeugt eine Differenzierung und eine Zerlegung des Daseins in
Milieus, die ihm wohlgefällig sind, weil er Romanstoffe daraus gewinnen
kann.«
»Mögen Sie das dem Ästheten sagen, nicht mir,« antwortete Lauda.
»Richtig ist, daß es auf die Konsequenz ankommt, die man zieht. Die
meine heißt, daß die Einsicht in den ewigen, elementaren Charakter des
Verbrechens der Idee der Güte ihre Größe und ihre idealistische, das
heißt relative Eigenschaft gibt. Güte ist Setzung, nicht Wahrheit,
souveräne Leistung, nicht Gehorsam. Ohne das Hintergrundsgefühl ihrer
Künstlichkeit ist sie sentimental -- der moralische Optimismus der
deutschen Pädagogen ist sentimental, weil er bekehren und zum Guten
zurückführen will, während es gar keinen Punkt gibt, wo das Gute
tatsächlich existiert. Rousseau suchte diesen Punkt und fand ihn in der
paradiesischen Vergangenheit; auch Sie sind rousseauisch und darum
bolschewistisch, denn bolschewistisch sein heißt, durch Zwang zum
Normalguten zurückführen wollen.«
»Leugnen Sie,« fragte Schreiner, »daß durch Verpflanzung in günstiges
Erdreich verkümmerte Arbeiterkinder zu Menschen werden können?«
»Niemand leugnet es, obwohl ich jede Präzision dessen vermisse, was Sie
in diesem Satz unter Menschen verstehn. Leute, die freier von Neid, Haß,
Bitterkeit, reicher an Würde, Selbstbewußtsein, Unbefangenheit sind?
Ohne weiteres zugegeben. Aber Ihre Meinung scheint zu sein, daß solche
entlasteten Kinder auch besser, gütiger hilfsbereiter sein müssen. Es
wäre ein Irrtum. In dem ungeduckten Mensch wird Energie frei, die er
nicht mehr zur kümmerlichen Behauptung seiner Existenz braucht -- er
wird sie sofort seinem primären Egoismus zuführen, mehr Macht, Geld,
Genuß erreichen wollen; das in günstige Verhältnisse gestellte
Proletarierkind wird Unternehmer, Beamter, Offizier, so banal wie
irgendein Bürger werden, wenn Sie nicht den Druck der Not, unter dem es
stand, durch einen andren _ersetzen_, denn das tiefste Geheimnis des
Menschen ist, daß sein Kosmos nur dann Dichtigkeit besitzt und rotiert,
wenn er unter einem atmosphärischen Druck gehalten wird. Statt daß das
Proletarierkind durch die bloße Befreiung gut werde, wird es entfesselt
werden, es sei denn, daß Sie ihm das Regulativ einer Idee setzen: das
ist der Sinn der Erziehung, und dieses Regulativ ist jener Druck -- das
heißt, genügt nicht, den Menschen zu befreien, es ist erforderlich, ihn
danach zu leiten. Energie braucht Form; befreite Energie zerstört die
Form. Druck durch Not, eine ausnutzende Kaste, irgendwelche andre
materielle Faktoren: das ist niederträchtig; Druck durch eine Idee, ein
Erziehungsideal: das ist notwendig.
Deshalb halte ich nicht viel von dem Angebot des Sozialismus, Ersatz für
Religion zu sein. Er meint, es genüge, die materiellen Bedingungen des
Arbeiters zu ändern, um bereits den bessren Mensch zu erhalten; er ist
ganz optimistisch, es fehlt ihm jener Einschlag von Pessimismus, der
weiß, daß der Mensch Bindung, Gebot, übergeordnete Ziele braucht -- die
Herrenkasten, die Konservativen wissen es, auch die Kirche, die darum so
gern das Bündnis mit den Regierenden eingeht. Sozialismus ohne eine
pessimistisch abgeleitete, optimistisch orientierte Erziehungsarbeit,
mit andren Worten Sozialismus ohne das Verhältnis zu Ja und Nein, wird
sich als kraftlos erweisen, wenn je der Augenblick kommt, wo er die
Macht erhält.«
Aber hier begann erst das Problem, das ihn interessierte: war
Naturelländrung durch Einwirkung möglich? Das Proletarierkind, um bei
diesem Beispiel zu bleiben, brachte, Befreiung vollzogen, doch sein
Naturell mit, das in einem bestimmten Verhältnis zwischen freier und
gebundner Energie bestand -- es hatte Eigenschaften, die Zellen waren
von den Eltern, der Vorgeburt her, imprägniert. Konnte ein
Unzuverlässiger zuverlässig, Jähzorniger beherrscht, Eitler sachlich,
Zögernder und Unschlagfertiger rasch und bestimmt werden? Hier, in der
mitbekommnen Form des Ich, lag die zweite Wurzel des freien Willens und
war nur die angewandte Form der ersten, daher man auch fragen konnte:
ist Lockrung der Form des Ego, Ändrung des Verhältnisses von freier und
gebundner Energie, Verstärkung des Quantums an freier, also Verwendung
der Reserven, möglich?
Antwort lautete: unaufhörliche Schläge lösen das festeste Gefüge, sei
es, daß der Wille zur Lösung von dem an seinem Naturell leidenden
Individuum selbst oder von Erziehern ausging. Lauda erinnerte sich
seines Vaters. Dieser war ein weicher, impulsiver, schwankender,
ruheloser, unbefriedigter Mensch gewesen, der eines Tags freiwillig
schied, als der Ausweg verstellt war, eine zu spät überlegte Handlung
Konsequenzen zeigte, wie ein Gläubiger den Schuldschein präsentiert. Er
war im Kampf des Willens gegen das Naturell unterlegen, aber er hatte
dessen Gefüge so gelockert, daß der Keim des Sohns von diesem Willen
neue Richtung, den mystisch elektroiden Stoß erhalten hatte. Was er
selbst nicht erreichte, erreichte er generativ: der Nachkomme, gezeugt
in einem Augenblick von Energieanstrengung, die für den Vater ein
Maximum und doch nicht genügend war, vollzog die Mutation durch einen
verhältnismäßig leichten und in frühe Jahre fallenden Kampf -- Erinnrung
Laudas an Selbstbehauptungskrisen um das zwanzigste Jahr.
Man konnte die Mutation auch in sich selbst dadurch erreichen, daß man
zwischen zwei extreme Zustände unendlich viele Zwischenglieder einlegte,
fort und fort die unmerklichen Schritte vollzog; doch das war nur denen
gegeben, die in sich selbst den Gegner sahn, sich nicht hinnahmen,
sondern Widerstand leisteten. Für die Masse galt, daß der freie Wille
die Generation zu Hilfe nehmen mußte, und das wurde Lauda die Begründung
des sich ihm anbietenden Erziehungsgedankens. Das Individuum genügte
nicht; wer das Ja aussprach, wurde dazu gezwungen, in Generationen zu
denken; Gestaltung einer Idee, Formung eines Charakters griff in die
Zukunft über den Einzelnen hinaus. Errichtung des vollkommnen Staats
durch Festsetzung eines Termins und durch die lebende Generation selbst
wurde sinnlos: Ablehnung des Terrors von der energetischen
Auffassung des freien Willens her, der darin bestand, daß neue
Kristallisationsachsen des Kosmos Mensch gefunden wurden.
Aber für seine Person stand er nun tief im Land der gestalteten Welt.
Gemeinschaft griff nach ihm, drängte den einst am fernsten liegenden
Gedanken der Erziehung im Sinn der Umschichtung auf, wie andre in dieser
Zeit sich in den Gedanken der Macht gedrängt sahn -- wurde Erziehung die
für ihn eigentümliche Form der Tat?
* * * * *
Schreiners Tisch und der Laudas im Café standen nebeneinander, bei Lauda
saßen Hans und Siriwan. Seitdem in Rußland Lenin und Trotzki Kerenski
gestürzt hatten, war Schreiner in ungeheurer Erregung; ihre Ablehnung
des Kriegs bedingte, daß sie den Widerstand gegen die Deutschen
einstellen mußten -- die Frage war, ob sie Frieden mit ihnen schlossen
oder einfach die Operationen abbrachen. Ihm war nur der zweite Fall
denkbar: sie würden zurückweichen, die Deutschen einmarschieren und sich
in dem ungeheuren Land verlieren lassen.
Das Abendblatt wurde ausgerufen, Schreiner stürzte hinaus, als er wieder
eintrat, stierte er in die Zeitung:
»Ungeheures geschieht, sie verhandeln.«
So groß war sein Glaube, daß er sich bezwang und sagte:
»Sie wissen, was sie tun, wir übersehen ihre Pläne nicht. Der
Friedensschluß des Partners wird in den Völkern der Entente das gleiche
Verlangen, der Widerstand der Regierungen die Revolution erzeugen,
zwischen zwei Revolutionen wird Deutschland nicht kaiserlich bleiben; es
ist im Marsch: die Weltrevolution. An Neujahr ist Europa sozialistisch.«
»Was ist dann?« fragte Lauda hinüber, »es beginnt die Epoche der
äußersten Irdischkeit, der großen Materialität, der souveränen Macht des
Staats. Ich leugne nicht, daß es der grandioseste Versuch sein wird,
Wirklichkeit nach der Idee zu formen, ganz schöpferisch zu sein -- ich
stelle nur die Frage, was wird geschehn, wenn Ihre Erwartung nicht
eintrifft, daß alle großen Staaten gleichzeitig diesen Willen haben? Im
System der kapitalistischen Staaten kann System der sozialistischen
nicht bestehn -- es kündigt sich an, was der an die reine Idee Denkende
vergißt, die Frage der Überführung von Idee in Form. Werden die
russischen Arbeiterheere die Revolution nach Europa tragen? Schon daß
sie sich bilden, ist Negation der Idee, Rückfall in das von ihnen
verworfne Prinzip der Gewalt. Sozialismus darf keine Heere bilden, auch
nicht zu Kreuzzügen.«
Danach begab es sich, daß Puck eintrat und erzählte, daß vor der großen
bürgerlichen Zeitung Streikende demonstrierten: Steinwürfe fielen auf
die herabgelassnen Läden, Patrouillen wurden bedrängt. Schreiner sprang
auf, sagte:
»Jetzt fünf Minuten zu ihnen reden können, die russischen Nachrichten
vor ihnen verlesen, sie anfeuern zum Glauben, daß heute die Umwandlung
der Welt beginnt.«
Er zog seinen Mantel an, ging zur Tür, kam zurück und bat Hans, ihm
seinen Überzieher zu leihn, unscheinbaren, sein eigner war mit Pelz
gefüttert, ungeeignet unter Demonstrierenden getragen zu werden. Und er
vertauschte die Mäntel.
Das war Wirklichkeit gewordner Vorfall aus einem Pamphlet »Der
Revolutionär im Pelz,« dessen grober Ironie man Anerkennung versagt
hätte, weil sie zu direkt gewesen wäre. Puck lachte schallend, Siriwan
sagte befriedigt: »Der Revolutionär hat sich entschleiert« und schien
nicht erstaunt zu sein; Hans erklärte:
»Die Menschen sind erstaunlich, und es ist mir immer wieder im Innersten
fremd, was sie treiben. Warum soll einer, der die Lage des Volks
verbessern will, nicht einen Pelz tragen; heißt denn Sozialist sein, den
Sansculotten spielen? Statt zu denken: jeder, der im rauhen Wetter zu
tun hat, soll einen Pelz besitzen, trägt er den seinigen mit schlechtem
Gewissen.«
»Aber er trägt ihn, und darauf kommt es an,« antwortete Siriwan, »und
schlechtes Gewissen besagt nichts andres, als daß er zwischen den
Gesinnungen steht, mutlos, unaufrichtig, verlogen, der Intellektuelle,
der Schaumschläger des großen Worts, begierig auf die Führerrolle, die
nie dem Könner, immer dem Hetzer oder Schmeichler übertragen wird. Tat,
Tat schreit er sich und den Geistigen zu und weiß nichts andres darunter
zu verstehn als Demagogie. Was ist er? Einer, der die Bequemlichkeiten
des Bürgers kennen gelernt hat und zu schätzen weiß, sein Instinkt sagt
ihm ganz richtig, daß Aufstieg immer eine Vermehrung von Komfort ist.«
»Nehmen wir zu seinen Gunsten an,« sagte Lauda, »daß er nicht nur
subjektiv unklar zwischen den Lagern steht, sondern objektiv in einem
Konflikt ist, gern das Recht auf den Pelz aussprechen möchte,
vorläufiges Mißverständnis fürchtet.«
Aber die Verteidigung war matt: auch wenn man statt von Schreiner vom
radikalisierten Intellektuellen sprach -- die Lüge des Intellektuellen
blieb, der nicht so identisch mit seiner Idee wurde, daß er als
Proletarier unter Proletariern lebte.
Als Lauda an dem kleinen Hotel der Gasse vorüberging, in der seit
Jahrhunderten fahrendes Volk, Varietéleute, Jodler, Soubretten über den
Bierhallen des Erdgeschosses hausten, fiel ihm ein, daß Lisbao darin
wohnte und bettlägrig war. Er stieg hinauf. Das Zimmer hatte keinen
Ofen, es standen Bett, Tisch und Becken; hinter dem Vorhang des
Wandschranks hing ein einziger Anzug, den zweiten trug Lisbao im Bett,
die Wärme fehlender Decken zu ersetzen. Franziskanische Armut des Poeten
-- wäre er Poet im alten Sinn gewesen, Dachkammer mit Versen des
klagenden Kinds verbrämend, er hätte auf die Dauer Besitz von der
Vorstellungskraft des Bürgers ergriffen.
Daß er kein Wesen von dieser Dachkammer machte, gewann ihm Respekt
Laudas, dem er die Hand lächelnd entgegenstreckte. Melancholie der
leisen Stimme war natürliche Haltung eines, der Rimbauds Flucht aus
Paris liebte, ganz anders war, nur Kaffeehaus und die Druckerei kannte,
in der er seine Hefte selbst setzte, zwischen Winkelhaken und
Holzschnittpresse jeden Handgriff übte. Nie hatte Lauda ein Wort der
Intrige von ihm gehört, in einem Milieu von Künstlern und Literaten,
dessen Spannungen sich täglich durch Intrige lösten.
Vielleicht vermied er deshalb, Einblick in seine arme Privatexistenz zu
geben, weil sich um ihn, den Entfernten und Angreiferischen, für
Entfernte und Nacheifernde ein Nimbus wob -- es hielten ihn manche für
einen Alten und Weisen. Auch konnte man sicher sein, daß, wenn er an den
Tisch im Café trat, seine Brieftasche mit Zeitungsausschnitten gefüllt
war, in denen das Wort Lisbao blau angestrichen -- jeder Charakterzug
eines Menschen, dem innren Anstand entsprungen, diente zugleich seinen
egoistischen Interessen; es stand ganz in der Willkür des Urteilenden,
welche Seite er sehn wollte.
Der Typus dessen, der den Blick für die egoistische Seite hatte, saß
neben dem Bett Lisbaos, Brause, Literat aus der deutschen Hauptstadt,
Typus in allem, berlinerischer Sprache, Schußfertigkeit des Urteils,
Zurstreckebringen. In zehn Minuten war der Kranz der Zeitgenossen durch
die unterrichtete Zunge entblättert, es stand die Misere deutscher
Geistigkeit in erschreckender Nacktheit. Daß er selbst in einem
Propagandaamt saß, war Handlung des Zwangs mit dem jesuitischen
Vorbehalt des Klügren. Seinen Einfluß zu beweisen, erbot er sich, Lisbao
und Freunde in Berlin berühmt zu machen, genaustes Programm. Halb ward
Lisbao verlockt, halb fürchtete er nationalistische Ausnutzung,
schädigend in französischen Kreisen. Lauda tröstete ihn, Brause würde
hinter der Tür vergessen, was er im Zimmer versprochen hatte.
Heimkehrend fragte er sich, in welche Schicht er selbst gehörte, den
Literat nicht liebend, der sich wichtig nahm, nicht den der Bildung und
Erziehung hingegebnen deutschen Idealisten, der unfähig war, die Idee
des pädagogischen Positivismus zwar zu setzen, aber zugleich durch
äußersten Vorstoß des Denkens aufzuheben, und nicht das bürgerliche
Lager, das seßhaft in Existenz war und Geistiges zum Schmuck
degradierte.
Keine Frage war das, die ihm Qual bereitete; unbedingt abgelehnt nur der
Literat, Entfeßler des Worts und Pathetiker der heroischen Geste;
möglich das Verhältnis zu Idealist und Bürger -- der eine Mitarbeiter,
der andre Feld des vor Lauda tretenden Missionsgedankens. Der zu
sentimentale Idealismus konnte ersetzt werden durch den, der Synthese
aus Ja und Nein war, und das Bürgertum, die Irdischen, war der Boden,
aus dem die Jugend wuchs, die Zahl derer herkam, denen man die Idee
bringen mußte -- eine Verwandtschaft bestand zwischen diesem Boden und
dem Mütterlichen, das um einen Grad heiliger als alles andre Leben war.
Es erzeugte das Wort Erziehung, mit dem er nun zu operieren begann,
Mißbehagen in ihm. Erziehung war ein zu positiv geladnes, pathetisch
moralisches Wort, eifervoll, sentimentalisch. Erziehung bezeichnete
nicht das, was er wollte, eine Auffassung, die Komponente aus zwei
Gegensätzen, bedingtes Ja war, das seine Bedingtheit nicht fortwährend
zur Schau trug, alle Energie des bedingunslosen Ja enthielt, aber durch
das Hintergrundsgefühl des Nein straffer, gereinigter wurde. Erziehn
wollen war Anmaßung; Erziehen schlechthin, Da-sein, Wirken,
Daseiendwirken, mit andren und für sie denken, wäre die Umschreibung des
fehlenden Worts gewesen.
So verhielt es sich auch mit dem Begriff Religiös. Er konnte ihn nicht
umgehn, denn das Verhältnis von Ja und Nein, Aufhebung von Irdischkeit
und Zeitlichkeit durch Totalität war religiös -- es war die Quintessenz,
wenn man die gemünzten Konkreta Gott und Seele einschmolz und den
Stimmungsgehalt ausdampfen ließ, so daß nur die reale Abstraktion,
präzise, übrigblieb. Und abermals verhielt es sich so mit dem Begriff
Güte; sie war wie Religiös moralisch gerichtet, als Eigenschaft, Besitz,
Gebot bestimmt, und sollte von diesen stimmungsmäßigen Beimischungen
frei sein.
Diese Fordrung, empfand Lauda, ist nicht Willkür. Die Selbstbespieglung
des Menschen in der gewählten Idee der Güte war das, was er
Sentimentalität nannte -- sie war die Lust, einen Gott gefunden zu
haben, in dessen Hände man sich geben konnte: edelste Form der
Sentimentalität, aber doch Rührung über sich selbst; das Bewußtsein
fehlte, daß dieser Gott Geschöpf des Menschen, Symbol, nicht
Wirklichkeit war. Es bestand ein Unterschied, ob man sich unter den
_Druck_ begab aus dualistischem Unterordnungsbedürfnis, oder aus einem
Entschluß, den man letzthin hygienisch nennen konnte, weil man für
seinen Kosmos einen Zustand suchte, in dem er am leichtesten rotieren
konnte -- Demut des Moralischen wandelte sich in Anpassung an
energetische Gesetze um, Mensch trat aus der ethischen Sphäre in die
mathematische und war nur so im Stand, Güte, so weite Macht er ihr
einräumte, doch jederzeit zurückzuziehn.
Er brauchte nur zu bedenken, wie verschieden an den verschiednen Tagen
in ihm, Lauda, der Grad an Güte, das freie Quantum an Güte war. Es gab
Tage, an denen sie schlechthin alle seine Anschauungen und Handlungen
bestimmte, andre, in denen sie wie ein dekulminierender Stern ein wenig,
ziemlich weit, ganz weit abseits stand; und das Entscheidende nun war,
daß er für diese Unterschiede keinen objektiven Grund fand, stets sich
mit sich selbst im Einklang fühlte. Bereitwilligkeit -- Zurückhaltung --
Ablehnung; Verzicht auf Egoismus -- Einschlag oder Triumph von Egoismus
waren Aggregatzustände, so berechtigt und notwendig wie atmosphärischer
Niederschlag, der bald Schnee, bald Wasser, bald leichter Morgendunst,
verschwunden am Mittag, war. Die Freiheit, naiv atmosphärisch zu sein,
darauf kam es ihm an -- grundsätzliche Güte wäre Vergewaltigung,
Zwangszustand gewesen.
Letztes Ziel, stärkster Trieb in ihm war in der Tat: naiv zu sein; nicht
in dem Sinn, daß er Denken, Widerstand leisten, sich selbst Zersetzen je
als Hemmung empfunden hätte, sondern in dem des rücksichtslosen
Durchbruchs zum Wechsel der atmosphärischen Aggregatzustände.
So kam es, daß nach einem Tag, an dem er sich ganz etwa einer Frau
gewidmet hatte, am nächsten dieselbe Frau lästig fiel, weil sie aus dem
beglückenden Gestern den Anspruch auf das fortsetzende Heute ableitete.
Nichts aber war so schwer, als ihr klarzumachen, daß seine veränderte
Haltung heute nicht Verleugnung des Gestern bedeutete, nur
Selbstregulierung und die gleiche Naivität wie gestern war: der Konflikt
mit ihr wurde unvermeidlich, und es gab nur einen Ausweg -- nicht Trost
für sie -- das Nacheinander der Zustände als Gesetz zu formulieren, das
unvereinbar mit dem Wunsch nach Dauer war.
* * * * *
Eine der Bühnen der Stadt setzte sein letztes Stück an; eingeladen den
Proben beizuwohnen, sprach er mit dem Regisseur, selbstbewußtem Mann,
und enthielt sich darauf jeder Teilnahme, vorschützend die ungünstig
gelegnen Stunden.
Einiges vom Gang der Einstudierung erfuhr er in der Folge von Graumanns
neuer Sekretärin, Else Jakobi, deren Schwester Rutt Schauspielerin war
und in einer Rolle des Stücks auftrat. Lob Graumanns ihrer Intelligenz,
die er der jüdischen Rasse zuschrieb, veranlaßte Lauda, sie zur Aushilfe
heranzuziehn, er hatte für den jungen Rudolfi, der nach Deutschland
zurückgekehrt war, noch keinen Ersatz. Sie arbeitete so gut, daß er
Graumann vorschlug, sie ganz in die Redaktion zu versetzen. Graumann
weigerte sich, da erbot sich Fräulein Jakobi, beide Aufgaben zu
übernehmen -- Andeutung, daß sie Grund habe, Arbeit zu häufen.
Der Grund war mühlos zu erkennen: Melancholie; ihre Augen starrten
manchmal in Grübeln, und die Freizeit der Abende war ihr tot. Kleine
Orientalin, warm und üppig, von Wesen ganz unaufdringlich. Sie kam aus
einer großen Landstadt des Ostens, wohin die Söhne, Studium beendet,
zurückkehrten, um mit der Praxis die Familie zu gründen, suchend unter
den Töchtern nach Geldinteresse und dem Rasseideal, der vollbrüstigen
Frau, die Vorstellungen befriedigt und gute Mutter ist. Unlust der
Schwestern, so zu warten und gewählt zu werden, Provinz nie zu
überschreiten, war in Rutt mit Temperament verbunden, in Else mit Ethik.
Als jene Schauspielerin wurde, entließen die Eltern auch diese, der
Schwester zur Seite zu stehn. In Berlin liebte Rutt sich durch die Reihe
der Schauspielschüler, in dem Augenblick alles wissend, wo sie sich
entschloß, ganz wissend zu sein, und zahlte den Preis, um den Erlebnis
erkauft wurde; aber Erlebnis war das Mittel, das der Stimme Fülle, den
Gesten Bestimmtheit, dem Blut Macht über die Leute gab. Spannkraft
wölbte Brücken über die Stationen; die letzte war das Tor, hinter dem
die wenigen sich sammelten, die den äußersten Ehrgeiz kannten -- vor
ihnen die Ebnen der Städte, in denen Gold, Hermelin und der große Name
warteten. Sie brannte auf die Fahrt in sie mit den Nerven eines Renners,
gewiß anzukommen, und sparte sich nicht für den Grafen auf, gewiß ihn
gleichwohl zu finden.
Else, Hüterin nach dem Willen der Eltern, verständigte sich mit der
Schwester. Hüten, das war ein Begriff aus der Sphäre des
Patriarchalischen, die Welt war anders geworden. Else sah dem Schauspiel
zu, das die Schwester gab, nicht abgestoßen, der Verschiedenheit bewußt.
Mochte sich auch für Rutt aus Geschehn und Geschehn eine Einheit formen,
ihr eignes Wesen war: Einheit bleiben. Sie wurde von den blonden
Schauspielern begehrt, die Naturell voraussetzten. Verkehrend im Kreis
der Verwandten, fand sie, großstädtisch modifiziert die gleiche Welt, in
der die Männer heirateten, klug Sinnlichkeit und Interesse vereinend;
sie fühlten, daß dieses schwellende Mädchen mütterlich war, Anträge
folgten sich wie die feststehenden Namen der Tage. Else floh; es zog sie
nicht an, was diese bewegte, Praxis des Anwalts, des Kaufmanns Gewinn.
Sie suchte ein andres Lager auf, in dem die Standarte der sich
befreienden Frau wehte.
Wenn sie die überzeugten Worte vernahm, fühlte sie wohl dahinter die
mächtige Idee, aber wenn sie die Idee aussprechen wollte, wurden ihr
dieselben Worte platt im Mund. Was lag vor? Ein Mangel dieser Worte, die
so nützlich klangen; doch sie verstand ihn nicht zu benennen. Andre
mochten dasselbe empfinden, sie steigerten die Nützlichkeit in
Fanatismus, Fanatismus donnerte gegen den Mann -- war sie selbst dem
Mann feind? Er gab das Kind, er gab Erlebnis, er war zum mindesten eine
der Möglichkeiten der Frau, den eignen Mittelpunkt, das innre Kreisen zu
finden -- war das nichts?
Berge legten sich vor, ehe sie den Umkreis des Menschlichen überblicken
würde, Gang eines Jahrzehnts. Ihn anzutreten, begann sie mutlos zu
machen, denn manchmal war es, als sende das noch ferne vierte Jahrzehnt
nach dem kaum beschrittnen dritten das aus, was es an Ergebnis barg --
Enttäuschung.
Zurückkehrend in den Kreis Rutts begegnete sie einem, der ihr den Punkt,
an dem sie stand, geheimes Zögern, Atemschöpfen vor dem Antritt der
Reise, mit bestimmtesten Worten benannte; seine Geistigkeit Wirbel aus:
Wissen um die menschliche Natur, Spott über die Angst vor Erlebnis,
klarstem Befehl, Erlebnis zu suchen. Er galt als Wortführer unter jungen
Literaten, die Beschleunigung des Tempos in Stil und Aussprechen
verlangten, war über Nacht aus dem Nichts in das Getümmel gesprungen,
schon war ihm eine Fahne zugefallen.
Er zog von Stadt zu Stadt, in jeder fand er eine Freundin unter den
Töchtern der Bürger; als die erste Dekade erreicht war, begann er die
Rundreise von neuem und zwang jene, sich damit abzufinden, daß ein jeder
die Folgen einer Begegnung, Sehnsucht nach Dauer, Qual des Alleinseins,
Konflikt mit Bürgerlichkeit für sich zu tragen habe; Sehnsucht, Qual,
Konflikt waren in Energie zu verwandeln, die Denken und Gefühl in
Bewegung setzte; Begegnung war Festtag, und Festtage sind Episoden. Die
Konsequenz verlangte, daß es auch der Frau erlaubt war, sein System der
Vielheit und des Nacheinander zu proklamieren; da es konsequent war,
erkannte er es an.
Er kam nach Berlin und stand vor Else Jakobi -- an ihr, den Sinn zu
begreifen. Er strahlte wie ein junger Gott in Energie; störend die
olympische Gebärde. Sie durchschaute ihn, empfand die Lockung, gab nach;
er mochte recht haben, daß, wer den Sprung nicht wagt, den Schritt nicht
findet. Woche der Entrückung, Meister lehrte die Novize, vollkommner
Kurs, dann reiste er ab, nahm sie in die Zahl derer auf, die er
Korrespondentin zu sein würdigte; seine Briefe waren wie neue Berührung
mit dem elektrischen Kontakt.
Sie sprach, als Lauda ihr Vertrauen gewonnen hatte, ohne Verhüllung.
Ihre Schildrung des Freunds war ironisch, aber auch von einem
Fatalismus, der hellsichtig war. Was half es, den Selbstsichren
moralisch zu werten? Erlebnissen durfte man nicht fluchen, selbst wenn
ihr Gewinn nur Melancholie war -- vielleicht hieß Melancholie der letzte
Sinn? In guten Stunden erkannte sie an, daß er ihr viel erspart hatte,
den Umweg des Herzens und die Qual, verlorne Unabhängigkeit mühsam
wiederzugewinnen.
Hätte sie nur gewußt, was mit diesem Gewinn anfangen. Wohltat war, daß
die Ländergrenze, schwer überschreitbar, zwischen ihm und ihr lag; da
las sie in der Zeitung, daß er zu einem Vortrag kommen werde. Sie erbat
Urlaub, um so lang in die Berge zu gehn, zog ihn dann selbst zurück;
bleiben und ihm wieder auf acht Tage untergeordnet sein, war weniger
feig als flüchten. Lauda gab ihr recht; sie gehörte zu denen, die sich
selber heilen, indem sie austragen, was in sie gesenkt wurde, langsam
Wandelnde, doch sicher.
Als der Freund kam, erhob er nicht viel Anspruch auf ihre freie Zeit,
eine Zuhörerin lud ihn aufs Seegut ein. Dort traf er Rutt, entführte sie
nach St. Moritz. Else kam nicht aufs Büro, am zweiten Tag suchte Lauda
sie auf, fand sie in einem der Mietszimmer, in denen Frauen zu sehn
bewegte; freudlose Wände, nicht der Mühe wert, weibliche Hand daran zu
wenden.
»Es ist gut so,« sagte sie, »er verhalf zur Krise. Das Entsetzliche war,
daß ich immer fühlte, etwas müsse noch kommen, um die Erniedrigung voll
zu machen; es selbst herbeizuführen, fehlte weniger der Mut, denn ich
sehnte mich danach, als die Vorstellungskraft; ich grübelte und fand es
nicht.«
Er fragte, ob er es verantworten dürfe, sie allein zu lassen; sie
antwortete:
»Am Tag gewiß, die Nächte sind schlimm, aber dann sind Sie ohnmächtig.
Gut, daß es Nacht gibt, in der man die Dinge, sich selbst absolut sieht,
das Absolute ist die Sphäre des Tods.«
Er hielt sie an diesem Abend durch Beschäftigung hin, dann führte er sie
hinunter ins Fremdenzimmer Graumanns, da zu schlafen. Sie nahm an, aber
als sie erfuhr, daß er die Nacht durcharbeiten wolle, bat sie, bei ihm
lesen zu dürfen. Er begann zu schreiben, legte die Blätter auf den
Stuhl, sie griff danach, nach einer Weile bemerkte er, daß sie selbst
schrieb. Als er aufstand, sah er, daß sie seine Arbeit abgeschrieben
hatte.
»Warum tun Sie das?« fragte er, »Abschrift hätte nur Sinn, wenn sie mit
der Maschine in vielen Exemplaren angefertigt würde.«
»Ich weiß, ich wollte nicht Ihnen helfen, sondern mir. Geistiges vom
Keim bis zur Ausbreitung zu verfolgen tut wohl, es gibt nichts andres,
was standhält. Ich fing zuerst das Buch einer Politikerin an, dann kam
der Wunsch, die stärkre männliche Energie zu spüren, stärker weil sie
weiter und duldsamer ist. Liegt in der Tiefe nicht das Gefühl, daß alles
auch anders sein könnte, als es ausgesprochen wird? In den Büchern der
Vorkämpferinnen begegne ich ihm nie.«
Sie bereitete den Kaffee der zweiten Morgenstunde, danach sprachen sie
von dem, was der Frau bleibt, die jenseits der Ehe getreten ist.
»Als die Frau noch aufs Haus angewiesen war,« sagte Lauda, »gestern
noch, war sie derjenige, der kraft des Gehorsams gegen die
Tatsächlichkeiten von Geschlecht und Wirkungskreis, identisch mit ihnen
zu bleiben vermochte, allein dauernde und reine Menschlichkeit
erreichte, weil er duldend war. Herr bleiben, also identisch sein, diese
Idee des Manns, ist nur eine Fiktion, ein künstliches Ideal. Jeder Mann
ist nur eine Zeitlang, periodisch, identisch mit Sinnlichkeit oder
Geistigkeit; zuletzt ekelt ihn immer vor sinnlicher Unverbindlichkeit,
die Güte ausschließt, und vor Güte, die totale Befriedigung des
Sinnlichen verbietet. Der Mann, nicht die Frau, war damals der ewig
Zerrissne; er ist das Geschöpf, das die Bekehrungen, die
Sinnesänderungen, das Nacheinander erfunden hat; er ist der Zerstörer
der Bindungen.«
»Und heute ist die Frau wie er, zerrissner als er, weil selbst das
Nacheinander nicht ihren Instinkt übertäubt, daß sie sich Gewalt antut.
Wenn wir nicht krampfhaft sind, glauben wir nicht an die Illusion, die
in den politischen und andren Freiheitsidealen liegen könnte. Keine von
uns gibt zu, wie schwer es uns fällt, einsam zu sein, nur auf uns und
Abstraktionen angewiesen; jede hat die Sehnsucht nach Bindung durch den
Mitmensch, der Geliebter oder das Kind heißt. Als ich mich damit quälte,
etwas zu tun, was mich zugleich ganz meinem Freund auslieferte und dann
von ihm befreite, kam ich auf den Gedanken, ein Kind von ihm zu haben --
sein Triumph, denn bereits proklamiert er die zwanzig Kinder, die von
ihm zeugen sollen, und danach meiner, wenn ich ihn, Dienst erwiesen,
gynokratisch verabschiedet hätte.«
»Warum haben Sie es nicht getan?«
»Weil er mir die Gelegenheit nicht mehr gab, sondern an Rutt Gefallen
fand,« antwortete sie mit einem Lächeln, das plötzlich in ein Lachen
überging, helles, befreites.
»Ein wenig Kaffee,« sagte sie, »ein helles Zimmer, und das Blut pulst
mit einer Leichtigkeit, als könne es nie anders sein. Morgen früh werde
ich es ebenso unbegreiflich finden, daß ich leicht war; nicht eine Spur
des gegenwärtigen Zustands wird geblieben sein, selbst wenn ich ihn mit
der größten Willensanstrengung suche. Was für ein barometerhaftes
Gebilde ist ein Naturell -- ich denke das oft, wenn ich eine Geschichte
lese oder im Theater sitze: immer sind die Menschen der Literatur
unveränderlich, als liefen sie, einmal in Bewegung gesetzt, auf
Schienen. Ist das Wesen der Kunst oder Ohnmacht der Dichter?«
Lauda: »Fast immer Ohnmacht, ganz selten Stilisierung zum Zweck der
Vereinfachung. Die Einheit von Zeit und Ort hat man längst aus dem Drama
verabschiedet, die Einheit des Charakters ist noch unangetastet und
macht die Dichtungen so unzulänglich. Von hier aus könnte man die ganze
Welt der Kunst aus den Angeln heben -- um am Ende die Einheit des
Charakters doch wieder einzuführen, allerdings eine neue, härtre,
gereinigte.«
Else: »Warum wird es mir morgen früh nicht gelingen, die Stimmung von
jetzt zu verwerten? Glauben Sie, daß man es überhaupt könnte?«
Lauda: »Durchaus. Das ganze Geheimnis, das eines der wesentlichen ist,
besteht darin, daß man einen neuen Gedanken, eine neue Willensrichtung
hundertmal wiederholen muß, bis sie geläufig, vertraut, aktivistisch
werden. Sich seiner augenblicklichen Stimmung, die nur ein andres Wort
für Dichtigkeitszustand des innren Kosmos ist, entgegenstellen -- das
ist Widerstand der freien Energie gegen die gebundne. Nicht das Ich
stellt sich entgegen, sondern im Ich ein kleines Quantum freier Kraft
dem großen der unfreien. Verstehn Sie die Tragweite? Es ist eine
Erklärung des Phänomens Ich. Ein Freund, d'Arigo, spielte diesen
Vorgang, daß das Ich sich auflehnt, als Beweis der Seele aus und sah in
ihr ein selbständiges X, das souverän die Körperlichkeit reguliert. Das
ist natürlich dilattantischster Dualismus. Freier Wille heißt: das
Quantum ungebundner Energie vergrößern und danach als Widerstand
trainieren. Wenn irgendwo der Punkt ist, wo indische Willensreglung und
das banale europäische Wie werde ich energisch sich decken können, dann
hier.«