VI

Achtzehnhundert Meter über dem Meer lag der Ort, sechshundert über dem

Ort das Hotel; steilste Leiter verband sie, die Zahnradbahn.

Mehr als zweitausend Meter über den Ebnen stehend, in denen sie töteten,

weil sie nicht einig wurden, ob ein Streifen Land dem Reich im Westen

oder dem im Osten gehören sollte, empfand er die Verlockung des

Hochmuts, der die Menschen unter sich sieht. Jenseits des Tals öffnete

sich die ewige Weihnacht des Gletschers, und in der Schußlinie einer

Kette von Seen erblickte er das Dorf, in dem Nietzsche dem schwachen

Körper die starken Gedanken abgerungen hatte.

Einsamkeit, ihm selbst einst lustvolle Vorstellung, gefüllt mit hundert

Reizen, wie ein andrer sich Liebe der Kinder, heiligen Abend, Walten der

Lebensgefährtin ausmalt; Einsamkeit, einzige Möglichkeit, um Gebot des

Egoismus und gutes Gefühl für Menschen zu vereinigen, weil gerecht gegen

Menschen nur ist, wer nicht die Personen sieht, einzige Möglichkeit

auch, naiv zu leben, fern der Ungeduld über die Konsequenzen, durch die

eine Begegnung getötet wird, Einsamkeit war nicht mehr Realität, nicht

die ohne Zögern gegebene Antwort auf die bisweilen gestellte Frage, wie

er die Zukunft des nächsten Jahrzehnts wünsche, sondern hatte sich in

ein Ideal verwandelt, das verwirklicht matt geworden wäre.

Wer Verweilen in der Arena der Menschen verwarf, so entschlossen dem

Absoluten sich zuwandte, daß er jenseits der Manifestationen des

Absoluten stand, solches Heimweh nach der Totalität hatte, daß seine

Antwort auf die Frage Ja-Nein dadurch bestimmt wurde -- er mußte das

Leben von sich werfen, es sei denn, daß er gläubig war und die Bürde als

Geheiß seines Gotts trug.

Fehlte dieser Glaube und wählte er doch die Einsamkeit, dann log er,

denn er suchte nur einen Annäherungszustand des Nein und ließ sich noch

vom Ja bestimmen. Aus der Einsamkeit die großen Worte in die Ebne

hinabsenden: hinüberschauend nach jenem Sils-Maria, ahnte er, wieviel

nutzlos verbrauchte Energie dazu gehörte, das Pathos der Distanz

durchzuführen -- so viel, daß sie genügt hätte, in der Gemeinschaft der

Menschen sich zu behaupten, teilnehmend an ihren Angelegenheiten, der

Kausalität dieser Angelegenheiten nicht zu verfallen und souverän zu

bleiben. Einsamkeit war der Mantel der Größe, in den sich der hüllte,

dessen Widerstandskräfte versagten.

Sich nicht ausschließen, auch wenn das Verlangen nach Einsamkeit immer

wieder durchbrach; es durch Aufhebung rechtfertigen und erkaufen, wenn

es sich als stärker erwies; lieber Leid erfahren und Leid zufügen, als

dem täglichen Verschwenden, sinnlichem wie geistigem Umgang Kraft

entziehn, um sie dem Werk zuzuführen; verschwenden und doch sowohl genug

Kräfte für das Werk als genug Energie für den Wechsel aufbringen;

zuzeiten Asket sein, trotzdem man zu andern ganz in Hellas war, dem

geliebten, heitren.

Der Pächter des Hotels war ein gebildeter Mann; in den Monaten zwischen

den Fremdenwochen gab er sich der Familie hin, erzog die Kinder in

aufrechter Frömmigkeit, versammelte sie abends zum Musizieren:

Übungsstück war die Verdiarie, er am Klavier begleitend, der Knabe die

rührend schwache Stimme der Geige führend, das Mädchen singend die

Klage. Familie gründen, Kinder haben, für andre den Unterhalt verdienen,

auch das war Bürde und mutig. Alles war wahr, was der, der Einsamkeit

wählte, gegen die Fron der Familie sagte, und der Bürger darum doch

tapfer.

Nun wäre die Zeit gewesen, Claire zu sehn; nichts war gekommen als ein

kurzer Brief: »Du bist so weit, Unwiderrufliches ist geschehn, ich mag

nicht schreiben, wenn man mich einläßt, besuche ich dich.«

Es war November, die Wintergäste noch fern, Lauda wähnte sich allein, da

sah er am zweiten Tag, daß noch ein Gast da war, der allein aß, nach

Tisch fortging, über die Kuppen wanderte, nachts wachte -- hinter den

Gardinen des Nebels schimmerte sein Fenster.

Lauda begegnete ihm auf Spaziergängen und im Haus, erfuhr, daß er Stein

hieß, sah, daß er Jude war und das Stigma des geistigen Menschen trug;

aber im Freien bog jener ab, sobald er ihn bemerkte, und im Haus senkte

er den Kopf tiefer, um nicht grüßen zu müssen. Scheu in jeder Gebärde

eines mißhandelten Tiers, das in den Winkel strebt, wo es still sein

Leiden übersteht oder sterben wird, niemand weiß, was es dabei Düstres

empfindet.

Eines Tags, als Lauda im Ort Else abgeholt hatte, sah er dort, wo das

letzte Haus schon allein stand, eine Gruppe Menschen; seltsam schwarz

und deutlich die Konturen im föhnenden Regentag. Sie alle hantierten

wild erregt, bückten sich, warfen Dinge, die wie Kohlköpfe aussahn, zur

Seite, aber es wurde geschossen, und nun blitzten Messer. Einer nur

stand regungslos, im flatternden Mantel, Stein. Hinzutretend erblickte

Lauda das Grauenhafte.

Im Innern dampfte ein Brühkessel, in den noch zuckende Schweine geworfen

wurden; vor dem Kessel eine Blutlache, in der der Metzger, Stiefel bis

zum Knie, stand und den Tieren den Hals durchschnitt. Hinter dem Haus

wartete eine Herde Großvieh wie eine Kompagnie, die sich in Deckung

hält, daraus führte man Stück für Stück an den Waldrand und erschoß es

militärisch. Daneben ließ einer die Keule auf das Genick von Ziegen

sausen, ein andrer hackte die Köpfe ab. Eine riesige monströse Grube war

Abgrund von Blut, Wiederkäuermägen, Köpfen, Eingeweide, das mit fast

ausgetragener Leibesfrucht verwachsen war -- stinkend, verwesend vom

gestrigen Schlachten; Chlorkalk schwamm darauf, übertäubte den Geruch

nicht und nicht die schwarze Farbe.

Die Ställe waren verseucht, alles Lebende wurde ein Tal entlang

geschlachtet, Weiber weinten, die Mienen der Männer waren finster, der

Beamte des Veterinäramts zuckte die Achseln und überwachte. Das war die

Erklärung, die Else erhielt, aber Stein sagte schneidend:

»Rauchen Sie eine Zigarre, wenn Sie den Gestank nicht ertragen, aber

bleiben Sie, halten Sie dem Anschauungsunterricht stand. Der Mensch tut

das, was ihm Gesetz und Lust ist, er mordet. Wo ist der Unterschied, ob

er Stück für Stück zur Bank führt, oder Keule und Gewehr zu Hilfe nimmt?

Entsetzt es Sie? Ich sah das gleiche dort, wo der Krieg ist, warf in die

gleiche Grube Eingeweide, Köpfe, Arme von Menschen, manchmal stand ein

Pfaffe dabei, manchmal keiner. Sehn Sie die Hände der Metzger an, sie

eitern von der Blutarbeit; dieser Eiter ist das Geschwür, das alle im

Innern tragen; bisweilen bricht es durch, wird sichtbar, es ist ihre

Seele; Seele ist Stank und Eiter.«

Danach verließ er sie, stieg zum Hotel auf. Sie holten ihn ein. Ihre

Schritte vernehmend, wandte er sich um, und Lauda sah seine Augen: da

erkannte er, wie aus dem Tiefsten der Hohn jener Worte gekommen war, so

tief, daß er Gift in den Wurzeln des Lebens sein mußte. Hier ging einer

mit dem Gedanken um, die Konsequenz zu ziehn, und der Umgang war wohl

stündliche, einzige Beschäftigung. Es war nicht schwer zu erraten, daß

diesen der Krieg zerstört hatte.

»Wenn Sie Zerstörung,« antwortete Stein, »die Durchschmelzung der

lebenschützenden Hemmungen nennen, die vor die Erkenntnis gelegt sind.

Was heißt Zerstörung -- ich habe die Realität wiederhergestellt, die so

tief liegt, so sehr mit Sentimentalität, Optimismus, Zähigkeit überdeckt

ist, daß man sie mit dem bequemen, unverbindlichen Wort Metaphysik

bezeichnet und tut, als ob die davorliegenden Hemmungen schon die

Realität seien.

Es gibt Philosophien, die ihr System auf dem Leid aufbauen; sie sind die

relativ besten, die wir erdacht haben, und doch Schwindel, weil sie

immer ein Hintertürchen aufmachen, durch das sie das Ja hereinlassen,

die Liebe etwa, wenn sie gerührt die Vielheit der Menschen betrachten,

oder den Anarchismus, wenn sie beim Ego haltmachen. Herr, es ist mir

unmöglich, Ihnen zu sagen, bis zu welchem Grad des Entsetzens Einsicht

möglich ist; es gibt eine verzweifelte Klarheit hinter dem mitteilenden

Wort, die nur noch _einen_ Befehl enthält: vernichte dich, um überhaupt,

ein einziges Mal, Moralisches getan zu haben.

In Wien tötete sich vor Jahren jung Weininger, als er die Siegel über

dem innren Schacht soweit gelöst hatte, daß er das Verbrechen daraus

aufsteigen fühlte, körperlich als ein grauenhaftes, in ihm lebendes und

mit ihm fressendes Tier -- er glaubte vielleicht noch, daß nur in ihm

die Bestie rüttle, wie es in einigen Lebewesen Parasiten gibt, in andern

jedoch nicht. Ich aber erkannte, daß sie in allen sitzt, ich sah sie in

allen, und während sie ihm nur ein Abstraktum, das Verbrechen, war, sah

ich sie konkret, und sie heißt Mörder, blutsaufender Dämon. Sein Ausweg

war einfach, er hatte nur sich zu töten, aber nach mir greift der

Wahnsinn, weil ich vergebens das Mittel suche, das die Existenz selbst,

die sadistische Lebensgier selbst ein für allemal austilgen könnte.«

Stein war Wiener. Als man sich erbot, ihn als Literat im sichren

Pressequartier unterzubringen, hatte er sich geweigert -- man schickte

ihn ins Feld. Nach seinem eignen Bericht war die Entwicklung seiner

Gedanken folgende gewesen. Im Anfang spaltete er sich in Haß und Liebe;

Haß denen, die Jünglinge und Wehrmänner dem hochmütigen Phantom

opferten; Liebe den Geopferten, die verbraucht wurden, wie man Wasser

verschüttet, nach der Laune, der Dummheit, der Ohnmacht, dem Ehrgeiz von

Führern, deren niederträchtige Verwesung er kennenlernte, als der Zufall

ihn zum Burschen eines Stabsoffiziers machte.

Ihrer zwanzig saßen in einem Schloß, zwanzigmal Pose Moltkes, Napoleons,

weil sie unverzeihlich über Leben verfügten, deren keines ihnen mehr

galt als das Streichholz, mit dem sie ihre Zigarette anzündeten. Haß

stieg auf unsäglich über Verhältnisse, die zwanzig von Ehrgeiz

Verseuchten Macht über den Mitmenschen gaben.

Danach sah er sich in die anonyme Herde der Frontsoldaten

zurückversetzt, glaubend, er verlasse das Reich des gesättigten Tiers,

um in dem der Armen zu weilen. Sie waren selbst Tier, feiges, das gegen

den Stachel löckte, dem Stachel gehorchte, die tiefsten Kräfte der

eignen Vitalität entfesselte, um sich zu behaupten, mitzutun; mordend,

henkend, stehlend, triumphierend, wenn es Erfolg hatte, lüstern nach

Gewalt, egoistisch bis in die letzte Faser, nachgeredete Phrasen

auswerfend, wie das Meer Kadaver, und sich doch nicht reinigend; es

nisteten die sentimentalen Gefühle wie Schleim in den innren Wänden.

Welche Menschenkenner waren die gewesen, die den einen die Macht, den

andern den Gehorsam angewiesen hatten: es konnte Mensch nicht ohne

Druck, Gebot, Anweisung leben, das gebändigte Raubtier. Aber Philosophie

der Autorität so fern, Haß gegen die einen blieb, Mitleid mit den andern

schlug in Verachtung um und ward Qual, Ende, Weigrung, noch fürder

Mensch zu sein. Geistliche segneten die Mörder, Troß von Schwestern

pflegte die Verwundeten, damit sie wieder töten konnten; in jedem Weib,

das im Dunstkreis dieser Hölle weilte, schwelte ein Gemisch von

Gefühlen, Idealen, Sinnlichkeit, so schauerlich verschlungen in

unentwirrbarer Vielfältigkeit wie in den Männern.

Und er selbst nicht besser; was in ihm vom Geist Christi, des großen

Juden, war, rang verzweifelt an, ward im Strudel fortgeschwemmt, tauchte

auf, nicht mehr erreichbar, fern; helfen, bessern -- wer konnte helfen

und bessern, wenn sein Wesen sich in einen rasenden Trichter

verwandelte, in dem der Brocken Güte im Schaum von Schmutz, Gier,

Lüsternheit wirbelte?

In den Nächten brannten Feuerwerke aus Raketen, Gaswolken, Bomben auf,

als begännen die Mondkrater phantastisch zu speien; in Stacheldrähten

brüllten die Zerfetzten; da schickte man, am vierten Tag, den Strom

durch sie. Ein Zug der Kompagnie kam zu spät zum Angriff, man ließ sie

antreten, wählte den zehnten Mann, erschoß ihn, es waren aus dem Kampf

Zurückkehrende darunter. Hunde, knirschte er und raste, bis er sich

erbrach. Töte dich, schrie es in ihm, solange du es noch nicht aus

Wahnsinn tust, solang es noch Einsicht, einzige moralische Handlung der

Bestie ist -- und tötete einen andern: beim Angriff der Italiener war er

Zeuge, wie sein Leutnant, achtzehnjähriger, drei Mann, die nicht

standhielten, mit dem Revolver niederschoß. Da knirschte er abermals:

Hund, du Henker im Auftrag der Kaste, und stieß dem Knaben das

Seitengewehr in den drohenden Mund, so fest, daß er ihn an den Boden

spießte.

Er floh über die Schneejoche, ohne Bewußtsein des Wegs, war nun im

Hotel, seine letzten Gedanken zu ordnen und, was aus den Nerven kam,

abermals aus dem Hirn zu rechtfertigen. Starre war gelöst, es blieb der

Entschluß aus stöhnender Seele.

So schlimm wie die Dämonie des Kriegs würde das Vergessen sein, die

Rückkehr der Überlebenden zum Alten, die prangende Decke des Frühlings

über dem Moder, die großen Worte der Geistlichen, Dichter und

Zeitungsschreiber, rubriziert als: Triumph des Lebens.

»Daß sie am Ende aller Wenn und Aber immer wieder diesen Triumph des

Lebens ausspielen, diese schlaue Weisheit des Geschöpfs, das wohl fühlt,

daß es eine Kolonie fressender Zellen ist, dieses Sichabfinden mit der

Tatsache, eine wimmelnde Welt von Raubmonaden zu sein, überzogen mit

glatter Haut und lockender Rundung, diese Dynamik aus hundert Milliarden

von Appetiten -- das ist es, was mich das Grauen nicht vergessen läßt.

Nicht vergessen wollen, Widerstand leisten dem schamlosen Egoismus des

Jasagens, das ist nun die mir eigentümliche Denkkonstellation geworden.

Hören Sie einen Satz, den ich bei Hermann Bang las: >Ich sage dir, sähe

ein einziger Mensch einem andern ganz bis auf den Grund der Seele, er

würde sterben. Und wäre es denkbar, daß man sich selber auf den Grund

seiner Seele sähe, man würde es als eine geringe, aber notwendige Strafe

betrachten, ohne einen Laut sein Haupt auf den Block zu legen.<«

»Und dieser eine wollen Sie sein?« fragte Lauda leise, »ist das noch

ganz Entschlossenheit des souveränen Menschen, der einmal, er wenigstens

und für alle symbolisch, ehrlich sein möchte? Ist es nicht schon eine

Lockung, Sehnsucht nach dem Martyrium, Hingabe an einen Dämon, ein

gotthaftes Gebilde, dem Sie Aufenthalt in sich geben? Ist es nicht schon

herostratischer Ehrgeiz, Spiel mit dem Gedanken, eine noch nie gefundne

Methode entdeckt zu haben, um von den Menschen genannt zu werden? Ihr

Leid hat sich schon verschoben, die Lockung des demonstrativen Tods ist

vielleicht nichts als der erste Schritt der Heilung, weil sie nichts als

eine unmerkliche Einschmugglung des nicht sterbenwollenden Egoismus

ist.«

»Grund mehr, noch rechtzeitig den Riegel vorzuschieben, die Lockung zu

morden, indem man sie befolgt.«

»Das ist Dialektik der Todesgedanken, nicht mehr Ehrlichkeit. Unsre

äußerste Tragik ist, daß das Nein immer als Dialektik endet. Sie mußten

sich töten, als Sie jenen Offizier getötet hatten, im Impuls. Was nicht

Impuls bleibt, wird Dialektik. Sich töten, um nicht wahnsinnig zu

werden, -- das ist noch nicht die äußerste Leidensstation; diese heißt:

erkennen, daß man sich nicht töten kann, weil man sofort wieder zum

Aufbau verwendet wird, wahnsinnig werden, weil Wahnsinn nicht erlöst,

das >Du mußt leben!< wie Donner hallt.

Es gibt nur eine Rettung: sich damit abfinden. Metaphysisch gesprochen:

Was Sie leiden, ist die zu späte Frage des Urwillens, ob er recht getan

hat, sich zu manifestieren; da er es tat, hat er seine Freiheit

verloren, ist selbst in den Kreis der Tragik gestellt; wir sind verdammt

ohne Rettung.

Aber real gesprochen: Haben Sie den Appetit der Tierkolonie in Ihnen,

seien Sie die Dynamik ihres Zusammenschlusses, erbrechen Sie sich nicht

in Gedanken an den Bodensatz in der Seele des Weibs neben Ihnen, nehmen

Sie es und machen Sie ihm das Kind, lassen Sie sich von dem unsaubren

Egoismus beflügeln statt zersetzen. Seien Sie schneidend hart, nie

vergessend, und gleichwohl fröhlich, ein wenig nur, nur soviel als nötig

ist, um das Leid zu ertragen.

Jede Philosophie endet mit dem Gehorsam, sei es der gegen einen außer

uns existierenden Gott, sei es der gegen die Identität mit der Kraft,

die uns zur Existenz verurteilt hat. Sich mit der Tragik abfinden, heißt

sie niederhalten, sie trägt ihr Heilmittel in sich selbst; man muß

lachen können. Lüge des Daseins wird Illusion, das Tragende; Bewußtsein,

wie schmutzig wir sind und wie ohnmächtig, kann groß sein, größer als

das Phantom von Pathos und Herrentum, das jener dort in Sils-Maria

ersann, weil er selbst weich, gütig und physisch zu schwach war -- wie

idealistisch, das heißt, wie vorsichtig stand er mit Frauen. Seine Lehre

der Härte war nur Symbol, er predigte das Maximum und meinte nur ein

Minimum -- gerade soviel Härte, als nötig ist, um sowohl vor dem Hochmut

des Eifers als vor der Sentimentalität des Allheilmittels Güte zu

bewahren.

Verstehn Sie mich? Ich spreche von der Tatsache, daß, wenn wir auf der

Suche nach Rettung vor dem Tierischen die Güte finden, das Tierische und

Egoistische vergessen oder als Feind betrachtet wird, während es darauf

ankommt, aus Zynismus, Lebenshunger und Gerechtigkeit gegen die andern

eine Synthese zu bilden, die uns ein neues kompliziertes, aber darum

nicht weniger tragfähiges und unmittelbares Temperament gibt. Mensch,

sei die Summe deiner Widersprüche, diszipliniere dich so, daß du mit

vierzig Jahren der Massenerkrankung aller Reifenden, dem hemmungslosen

Einbruch der Güte widerstehst. Wie viele in diesem Alter, glauben Sie,

vermögen Widerstand zu leisten? Konnte es doch die ganze antike Kultur

nicht, als sie alterte, sie zersetzte sich christlich. Widerstand

leisten heißt nicht, die Dämonie eines neuen Gedankens leugnen; es heißt

sie fühlen, aber nur in kontrollierter Dosis ins Blut aufnehmen.«

Und auf einem Gang über die Kuppen, als sie von der Möglichkeit der

Erziehung sprachen, fuhr er fort:

»Wenn ich mich frage, ob es noch überhaupt neue Gesichtspunkte der

Erziehung gebe, die über die Trivialität der moralischen Forderungen

hinweghelfen, finde ich diesen Gedanken: Erziehung noch mehr als auf

Moralität, das Selbstverständliche, auf Überlegenheit anzulegen.

Überlegenheit nenne ich den Entschluß, Einsichten über die Grundlagen

unsrer Natur nicht wieder untersinken zu lassen, sondern festzuhalten.

Ringsum vollzieht sich alle Entwicklung so, daß die Menschen den

vorletzten Gedanken durch den letzten totschlagen, der Weltliche

plötzlich asketisch wird, der Individualist Güte predigt. Dieses

Nacheinander scheint das Gesetz der innern Vorgänge zu sein, aber es

kann ersetzt werden durch das Zugleich. Nie vergessen, daß wir der Gott

sind, der die Ideen und Gebote schafft, nicht dualistisch aus Ohnmacht

werden.«

»Ja,« sagte Stein, »das Entmutigendste und Sinnloseste ist, daß

gewonnene Erkenntnis mit dem einzelnen zugrund geht, immer wieder der

sentimentale, eifervolle, pathetische Prozeß von vorn beginnt -- sie,

die von Entwicklung der Menschheit reden, müßten darüber verzweifeln.«

»Nein, sie müßten die Erkenntnis sichern,« antwortete Lauda, »und es

wäre nicht unmöglich. Hier interessiert mich erst Erziehung, hier zeigt

sich die höchste Aufgabe des Widerstands. Eine Propädeutik der Energie

ist denkbar, fußend auf einem noch nicht geschriebnen Katechismus, darin

von den Gesetzen des Denkens die Rede wäre, von seiner Halbheit und

Mühseligkeit, von seinen Rückfällen, vom primären Nacheinander und

späteren Zugleich, von dem Versagen des Widerstands und seiner Größe,

von der innern Physik, der seelischen Mathematik und der Überwindung des

Tods durch die Generation. Aller Aktivismus wäre darin, die ganze Lehre

vom Willen zur Selbstbehauptung, der den zur Macht ersetzen soll und

seine gereinigte, geistige Form ist.«

»Voraussetzung wäre der Glaube an den freien Willen, ich habe ihn nicht

mehr -- hätten Sie erlebt, was ich erlebt habe.«

»Ich könnte sagen, ich habe es, beschränke mich darauf, zu sagen: ich

behaupte die Mutationsfähigkeit der Seele -- sie ist eine Frage der

Trainierung von Hirnmuskeln durch den Willen, der identisch ist mit

Selbstbehauptung, leichtfüßiger Energie. Das Hirn ist ein Kosmos, in dem

neue Erdteile angelegt werden können: ein so mystischer Vorgang wie das

Phänomen des Denkens überhaupt. Wie ist es möglich, daß wir immer wieder

an derselben Stelle Empfindungen haben, ohne daß die früheren den

späteren den Platz fortnehmen? Nur dadurch, daß Seele oder Hirn eine

Masse ist, durch die in beliebiger Wiederholung Ströme gehn: es empfängt

sie, reagiert raum- und zeitlos, leitet sie ab, ist aufs neue bereit,

magische Landschaft der blauen Phosphorblitze, wunderbare Gelatine,

berstend von Erinnrungen und doch keine lokalisierend, willig jeder

Zucht und Steigrung, freudig wie ein edles Tier, das sich als Künstler

und adlig fühlt, wenn es Aufgaben bewältigen lernt.«

* * * * *

Warum war Else zu ihm gekommen? Sie sagte:

»Weil meine Gedanken dorthin folgen, wo ich jemand unbrutal und

verstehend weiß.«

Daß sie solchem Menschenwunsch wie etwas Selbstverständlichem

nachgegeben hatte, gefiel ihm; das war die ethische Regsamkeit von

Jüdinnen, die entschloßner als andre sich von geistigen Werten bewegen

ließen. Stolz der Christin, sich suchen zu lassen und nicht zu

offenbaren, bis der Mann um sie warb, erschwerte das Bekenntnis, daß

menschliche Angelegenheiten, Nöte, seelische Interessen überpersönlich,

allen gemeinsam sind; das Geschlecht wurde weniger wichtig genommen;

erhob es danach seine Ansprüche, war eine geistige Fundamentierung

gelegt.

Auch zwischen ihm und ihr kam dieser Augenblick. Beisammensein des Tags

ward an den Abenden fortgesetzt; schon hatte sich seit jener Nacht, in

der sie sein Manuskript abgeschrieben hatte, eine Gewohnheit gebildet;

sie las, während er schrieb, und störte nicht. Stand sie dann auf, in

ihr Zimmer zu gehn, fühlten beide, daß die unsichtbare Spinne Fäden um

sie gewoben hatte, die zu zerreißen größren Entschluß kostete als,

dableibend, sie bestehn zu lassen.

Aus Bemerkungen des Unwillkürlichen schloß er, daß sie diesen Augenblick

bedacht hatte; sie stand allein, war ihm gut, hatte das Bedürfnis der

Frau nach einem Gefährten bekannt. Aber er seinerseits glaubte die Tiefe

dieser Sehnsucht, der die Melancholie des ersten Erlebnisses

vorangegangen war, zu ermessen und ahnte, daß sie eine Bindung von ihm

verlangen werde, die ihn, für das Mädchen, die Qualen spätrer Lösung

scheuen ließ.

Er fühlte, Tag für Tag im Freien zubringend, wandernd, dem

Champagnerrausch der Höhenluft ausgesetzt, so große schöne Beschwingung

aller Energien, so straffen, frohen Hunger nach Begegnung, Mensch und

Tat, daß er sich Auslösung nicht anders als unbeschwert durch

Seelenhaftigkeit und die den Frauen teure Aussprache, Bestätigung,

Feststellung denken konnte -- er erkannte sich: wenn er ganz wahr war,

zog er Frauen vor, die durch äußre und innre Bedingungen so selbständig

waren, daß sie begegneten, ohne Häuser zu bauen. Und Else wußte es, aus

dem Eindruck seines Naturells abstrahierend, er merkte es an der

Wiederkehr ihres: Es ist gleich, was geschieht, dieses schmerzlichen und

wagenden Fatalismus.

Während sie so, sich nachdenklich in die Augen sehend, einander

zutrieben, geschah es, daß er zwei Tage das Zimmer hütete: sie wanderte

allein, begegnete Stein und trat Lauda verändert entgegen.

»Als ich ihn das erstemal, mit Ihnen,« sagte sie, »von dem Gebot reden

hörte, sich zu vernichten, um einmal wenigstens Moralisches getan zu

haben, ergriff es mich wohl, aber meine Gedanken antworteten ihm schon

aus denen Laudas heraus. Mit ihm allein, war es, als trete ein andrer

Geist in mich, ihm und mir und unsrer Rasse Gemeinsames, ferner dem

Ihrigen, mitleidvoller, wissender um das jüdische Leid. Sie, Lauda,

setzen ihm entgegen, was Sie sind; mir scheint es möglich, ihm den

Revolver zu entwinden, indem ich mich mit ihm identifiziere.«

»Das Resultat,« sagte Lauda, »wird gemeinsame Ethik sein, der Ethik

wiedergegeben, wird er in Flammen stehender Revolutionär werden, und er

wird Ihre Mütterlichkeit nicht erfüllen, denn sie ist Wunsch nach Ruhe.«

Sie verstand, wie er es meinte, nicht abratend, man muß sein Schicksal

erfüllen, sehend dem Konflikt entgegengehn, vor jeder neuen Bindung

wissen, daß sie, auf andre Art, das gleiche bringen werde wie die

frühren. Immerhin berichtete sie am nächsten Tag:

»Vielleicht erspart er sich und mir die Abbiegung in die revolutionäre

Heerstraße, wählt eine kleinre, frohere Aufgabe: wir sprachen vom

Zionismus. Er fühlt, daß die Zeit naht, wo der jüdische Geist wieder

Anspruch erhebt, eine der Kräfte der Welt zu sein, neue Gestaltung oder

Untergang sucht.«

»Man darf annehmen,« antwortete Lauda, »daß er sowenig untergehn wird

wie in der Vergangenheit. Die Rationalen werden die Anpeitscher der

Revolution werden, um durch Zerstörung der Nationen Gleichberechtigung

für die ihrige zu erlangen, die Religiösen den jüdischen Kosmos zu

bilden suchen. Wird ein Palästina, mit Londoner und Pariser Bankiergeld

saniert, Musterfarmen und Häuser mit Zentralheizung gründend, auf enges

Gebiet beschränkt, sentimental längst verstorbne Rabbiner studierend,

mehr als rationalistische Angelegenheit sein?«

Sie wußte es nicht und er nicht, es ging ihn nichts an.

Er ward überflüssiger Zeuge der zwei, erinnerte sich, einen Brief vom

Personal Hannahs erhalten zu haben, der nahlegte, am Brienzer See nach

dem Rechten zu sehn, blieb zuvor in Zürich drei Tage, seinen Überschuß

Elena zutragend, in deren Zimmer er nun doch wieder saß, fatalistisch

überzeugt, daß ihm Begegnung mit der zartren und innigeren Frau nie

gewährt werde, weil er sie nicht suchte -- Feststellung, die tragische

Koketterie zu vermeiden hatte -- und hielt mit seinen Koffern acht Tage

vor Weihnachten Einzug im Landhaus jenseits des Brünig.

* * * * *

Er fand den Knaben gewachsen, und Funken der Intelligenz in seinem Auge

entzündeten alsbald eine Assoziationskette, die über fünfzehn kommende

Jahre hinweg zu einem jungen Menschen führte, den er erzogen hatte.

Wunsch, Erkanntes und Errungenes weiterzugeben, nahm erste Gestalt an.

»Ein Schloß sprang ein,« sagte er, »ich habe mich in die

Generationsreihe gestellt: Die Schale weitergeben, nicht auf die

Barrikade rufen; Erziehung ist die wirkliche Tat, Aufpeitschen nur

Über-die-Tat-reden.«

Am Weihnachtstag, in Interlaken, wo er Geschenke gekauft hatte, legte

sich, als er das Abendschiff betrat, eine Hand auf seinen Arm. Hannah,

durchfuhr es ihn, so hatte sie ihn auf dem Brünig berührt. Aber als er

sich umwandte, sah er Assenstand, jenen Patriziersohn aus Danzig, der in

Brüssel am schmucklosen Tisch dem vor Chrisanthemen auf Pergament

schreibenden Dichter gegenübergesessen hatte, selbst Dichter, einer

andern, herrenhaften Prägung, und Hasser der demokratisierten Welt.

Lauda begrüßte ihn froh, da sah er die Zurückhaltung im Gesicht des

einst Befreundeten -- Assenstand sagte:

»Ich freute mich, Sie aufzusuchen, da erfuhr ich, daß Sie die Sache

Ihres Volks aufgegeben haben, um nicht zu sagen beschimpfen. Es ist mir

darum unmöglich, Ihre Gastfreundschaft anzunehmen, ich beschränke mich

darauf, mich meines Auftrags zu entledigen. Lassen Sie uns in ein Café

gehn.«

Aber das Schiff war das letzte des Tags, und Lauda nicht auf Übernachten

vorbereitet.

»Sie nehmen nicht _meine_ Gastfreundschaft an,« sagte er, »sondern einer

abwesenden Dame, die Eigentümerin des Guts ist, Frau Graumann.«

»Und trotzdem die Ihrige,« antwortete Assenstand, folgte aber aufs

Schiff, »denn ich komme, um Ihnen zu sagen, daß Sie ihr Erbe sind, ich

verließ Petersburg am Tag vor ihrer Erschießung.«

Er erzählte. Er war als Dolmetscher nach Brest-Litowsk gerufen worden,

im Verlauf der Verhandlungen fuhr er nach Petersburg. Man führte ihn in

den Salon der Freundin eines der neuen Machthaber, Frau Hannahs. Sie

stellten gemeinsame Bekanntschaft mit Lauda fest, er verkehrte bei ihr.

Daß er einmal Lauda von ihr berichten werde, bewirkte, daß sie von sich

sprach.

Wer in dieser Sphäre von Macht, Neid, Mißtrauen, Beaufsichtigung lebte,

dem war nicht mehr erlaubt, sich zurückzuziehn. Sie dort waren auf

Erfolg und Verderben miteinander verbunden, wie eine Goldjägerschar, die

in den unbekannten Kontinent vordringt -- kein Brudergefühl, Mißtrauen

schlich um, Fieber derer die die Dünste des Bluts atmen. Aus dem Blut

stiegen die Geister des Tödlichen auf und waren dämonisch Verwandlungen

des verleugneten Gotts; unerbittlich, grausam, lauernd, wie sie ihn

verlangten, wies er ihnen die Verschreibung des eignen Lebens vor, sie

einzulösen.

»Wie die Augen der Menschen hier sind.« sagte sie, »keiner erträgt ihren

Blick, nicht der, dem er gilt, und nicht der, der ihn hat -- er weiß von

ihm; das unerträglich überspannte Leben haßt sich selbst darin und

findet keine Erlösung, weil es kein Zurück mehr gibt.«

Das Geschlecht schützte nicht, aber es gab Frauen neben ihr, die mit

herausfordernder Sicherheit ihren Weg gingen, männerantreibende, die

fanatisch über der Revolution wachten, und männererregende, die geil

gediehn.

Eines Tags fand er Hannahs Wohnung geplündert, von Soldaten besetzt;

Gang zu ihrem Beschützer, dem selbst gefährdeten, war vergeblich -- sie

hatte einer vom Tribunal gesuchten Oberstentochter zur Flucht verholfen.

Es gelang Assenstand, die Zelle zu betreten; sie wußte, daß es ihre

letzte Nacht war. Warum hatte sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt?

»Einer,« antwortete sie, »ist, der es versteht, ohne Erklärung, wir

hatten ein Gespräch auf dem Brünig.«

Assenstand fühlte, daß Tage der Befreundung für nichts galten, sie

öffnete sich nicht; in ihren Augen war ein Feuer, das er das Wunderbare

nannte; sanfter Glanz der Ruhe, harter der Verachtung darin,

abgeschloßnes Leben, zitterndes. Konnte eine Frau so sterben, edles

Tier, das lautlos den Winkel sucht, edel wie der Mensch der Antike, der

das Haupt verhüllend, sich in den Ablauf seines Lebens versenkte?

Welche Kraft, die durch keine Anerkennung, weder eigne noch andrer

belohnt wurde, denn ob einer Großes oder Feiges in dieser Nacht dachte,

es war im nächsten Frühlicht wesenlos. Und dann, daß sie beim Abschied

aufstand, die Hände um seinen Kopf legte und ihn küßte -- erschütternd,

weil es eine Situation war, in der die Geste des äußersten Gefühls rein

von Theater blieb: er hatte keine andre je erlebt. Sie löste das Angebot

an Hannah aus, in seiner Kleidung zu fliehn, und das war pathetische

Geste, denn sie war irgendwie Erinnrung an Gelesnes. Hannah schrieb in

sein Notizbuch Worte für Lauda und Bestimmungen, dann ging er.

Lauda nahm das Heft in Empfang, schloß es ein, sagte:

»Um Frau Hannahs willen werden Sie vergessen, daß Sie nicht mein Gast

sein wollten, als denkender Mensch sich sagen, daß Überzeugung so

handeln lassen kann, wie ich gegen mein Land handelte.«

Sie blieben auf, sprachen von Europa. Es erwies sich, daß Assenstand den

Glauben nicht teilte, daß der Friede mit Rußland Erleichtrung sein

werde.

»Es ist zu spät,« sagte Lauda, »Kraft, die an der Lüge dessen krankt,

der behauptet, daß er sich nur verteidige und doch darauf brennt, seinen

Willen aufzuzwingen, wird müde. Jener englische Minister, der von den

Deutschen sagte, sie seien ein wildes Tier, das in seinem Käfig nur zu

weiten Tatzenschlägen ausholt, wird Recht behalten.«

»Wenn es sich so verhält, wie ist es möglich, daß Sie so kalt zuschauen,

wie das Tier sich verblutet? Von welcher Art sind Sie?«

»Von Ihrer eignen, die sauber sich entscheidet, Feind alles

Verschwommnen, unsachlich Sentimentalen. Daß Sie das Aristokratische

wählten, ich das scheinbare Gegenteil, ist vom Wesentlichen her kein

Unterschied. Sind Sie noch wie in Brüssel der Überzeugung, daß der

deutsche Junker die Manifestation einer Idee sei?«

»Daß Radikalisierung, Zerstörung jeder Bindung durch überpersönliche

Hemmungen das größte Unglück ist, das die innre Ordnung treffen kann,

steht seit den Petersburger Tagen so fest in mir, daß ich nicht nur

religiöse Regulative, sondern sogar kirchliche wünsche.«

»Ganz recht, man könnte mit den stärksten Gründen belegen, daß

Sozialismus seinen Sinn noch nicht gefunden hat, solang er weltliche

Macht werden will, daß er vielmehr ein Akzidenz, geistiges Prinzip ist,

das sich mit jeder zivilisierten Staatsform verbinden läßt -- er wäre

also nur Kontrolle, treibende Kraft, moralischer Faktor; aber ich muß

meine Frage wiederholen: glauben Sie, daß die preußischen Konservativen

ein Gran der Besonnenheit und Geistigkeit besitzen, die ihnen erlaubten,

die sozialen Ideen zu binden und den Deutschen das zu geben, was sie

nicht haben, Charakter?

Charakter nenne ich Ausgleich zwischen der Widerstandskraft gegen den

Ansturm von Ideen und der Bereitwilligkeit, diese Ideen als ernstestes

Gebot zu empfinden. Das ist unsagbar fern der Gier, sich die Macht ohne

Gegendienst zu sichern -- bei den Junkern finden Sie nichts als diese

Gier. Haben Sie je gehört, daß Junker von der Notwendigkeit der

Erziehung gesprochen haben, einer Erziehung, die radikale Fordrungen,

statt sie als Verbrechen zu erklären, bereitwillig, sachlich, ohne

Hintergedanken verarbeitet, weil sie das Recht auf Nachdenken und

Bessrungsvorschläge grundsätzlich, aus Moralität, als menschlichste

Angelegenheit anerkennt?

Ziel der Erziehung ist, Charakter geben, den Mensch mit geschickten und

klugen Händen zur Selbstbehauptung führen, ihn das Schritt für Schritt

lehren, das keinen Augenblick Stehnbleiben sein darf. Wie sind denn die

Deutschen? Überhitzte Brutale als Konservative, feig als Demokraten,

Leugner ihrer eignen Grundsätze als Sozialisten, weichlich in einer

gepanzerten Hülle, schwankend, verschwommen, unfähig alles Präzisen,

Unbeirrbaren, Durchdachten -- sie sind das Volk ohne Charakter.«

»Nun gut,« antwortete Assenstand, »es ist zwecklos zu leugnen, daß mich

der Verkehr mit den deutschen Bevollmächtigten in Brest erschreckt hat:

Man hatte das entsetzliche Gefühl, daß das Schicksal den mit Hochmut

füllt, den es schlagen will. Ich verglich die Idee des leitenden

Menschen, der der Masse Bindungen gibt, mit ihren Vertretern: es stieg

siedend heiß in mir auf. Aber ich glaube so fest an diese Idee der

Führer im Staat, daß ich keinen andren Weg sehe, als den, den ich bisher

wählte. Sie sprechen von Erziehung. Ich bin ein Mensch, dem Einwirkung

auf andre ganz fern liegt, man muß sich selbst finden. Die deutsche

Sache von heute ist meine Sache, wir sind zu weit gegangen, als daß es

ein Zurück gäbe.«

»So wird ihr Zusammenbruch Sie unvorbereitet treffen; was werden Sie

dann tun? Revanche lehren? Es ist gut, sich vorzubereiten, denn dann

wird es nur eine Aufgabe geben: in die Charakterbildung einzugreifen.«

»Und welche Methode werden Sie befolgen?«

»Ich weiß es nicht. Es gehört mir dieses Haus. Heute nacht dachte ich

darüber nach, wie gut es wäre, eine Schar deutscher Knaben aus ihrer

heimatlichen Atmosphäre zu versetzen und durch eine Zahl von Menschen

erziehn zu lassen, die die Katastrophe der deutschen Menschlichkeit so

stark in sich erlebt haben, daß sie auf alle deutsche Tradition

verzichten und sich die Grundsätze einer neuen Pädagogik selbst zimmern.

Deren Taktik wäre, die innre Mathematik, man könnte auch sagen Mechanik

von Ideen und Gefühlen durchforschen, ihnen allen sich öffnen und nur

ein Ziel im Auge behalten: die Demut nicht Schwäche werden zu lassen,

sondern mit letzter Überlegenheit zu verbinden -- es wäre diese

Überlegenheit der Ausgleich aus Hingabe und Souveränität, ihre

schwebende gegenseitige Aufhebung. Es sind auch andre Formen der

Einwirkung auf Menschen denkbar -- welche ich wähle, weiß ich nicht;

gewiß ist nur, daß die höchste Illusion, die man Menschen bieten kann,

diejenige Einwirkung ist, die vom Individuum zur Generationenfolge

vorschreitet. Die Generation ist die dem Menschen mögliche

Unsterblichkeit, sie allein erlaubt, Ideen zu erfinden.«

»Ihr Ziel ist also,« sagte Assenstand, »Charakterbildung auf Grundlage

des Widerstands, aber mit Ausschaltung des Religiösen im gläubigen Sinn.

Wenn Sie eine neue Bindung durch Religion fänden, wäre Ihre Idee

vollkommen.«

»Sie irren, sie würde Halbheit werden; es wird nie mehr neue sichtbare

Formen des Religiösen geben, nur noch die gereinigte Idee des

Verhältnisses zu Ja und Nein, die Gott nicht mehr kennt. Wie ist der

Mensch? Er ist so beschaffen, daß er auch Gott stets und überall zu

einem Mittel zur Befestigung seiner Machtgier erniedrigt; darum müssen

wir soweit kommen, daß wir Gott weder bejahn, noch bekämpfen, sondern

ganz frei von ihm sind.

In ferner Zukunft ist eine Zivilisation denkbar, die über Absolutes und

Zeitliches, Bejahung und Verneinung, Idee und Tat, Geistigkeit und

Materialität klare, weise, unpathetische und unsentimentale,

durchdachte, bindende Vorstellungen hat. Diese Vorstellungen sind nicht

mehr gefährdet durch Rückfälle in das Chaotische, weil das Chaotische

nicht geleugnet, sondern als große primäre Macht benannt wird. Es ist

die Verwirklichung dessen, was ich suche: eine gewisse Summe von

Erkenntnissen nicht mehr untergehn zu lassen, sondern kraft der Energie

und des Widerstands gegen Zeitlichkeit zu vererben.

Dem Charakter Form geben, ihm zugleich Widerstand und Einlaß des

Radikalen lehren, so daß er das Maximum beider Ströme einschalten kann,

wird die höchste Idee sein. Die Mutationsfähigkeit züchten, Leid durch

Zersetzung vermeiden, Glück vermittels Steigrung der Kontrollfähigkeit

vergrößern. Wissen ist uns noch Gegensatz zum Schöpferischen, und wir

stehn ihm noch kritisch gegenüber, weil es das Ideal des Aufklärers, des

Nuroptimisten ist: in der Zukunft liegt eine neue Möglichkeit, klare

Energie in unmittelbares Temperament umzusetzen, eine neue

Menschlichkeit, die nicht mehr wie die unsrige Feminität ist.

Es gibt kein Ja ohne Glaube an die Generation, die Kette der

Geschlechter, und nirgends wird so deutlich, daß Glaube für uns nur noch

gesetzter Wille ist. Insofern dieser Wille bewußt ist, genau soweit sind

wir bewußt, aber nicht mehr; wir sind im Grund ebenso naiv wie die

Früheren. Lehren, die nicht der Naivität neue Kraft zuführen, sind

ohnmächtig.«

* * * * *

Am Neujahrsmorgen saß Lauda im Zimmer, in dem Helle des Schnees und

Wärme der Kacheln war, und las die Zeitungen. Die deutschen brachten die

Versichrung der ungebrochnen Kraft und des kommenden Siegs, die

schweizerischen Betrachtung des mitarbeitenden Pfarrers, daß der Krieg

Prüfung des zürnenden, gleichwohl gerechten Gottes sei; schleimige

Hirne. Für ihn selbst stand der Plan des Jahrs fest, und als der Gärtner

kam, seinem neuen Herrn aufzuwarten, ließ er ihn wissen, daß er bei ihm,

sobald die Arbeit im Freien begänne, Lehrstunde nehmen werde. Er wollte

sein kleines Reich verwalten können.

Zeit der Zürcher Wirkung war fern, als sei sie nicht gewesen, nichts

blieb als Erinnrung an Energie; es würde eine Zeit neuer Wirkung kommen

-- dazwischen Hingabe an das Beruhigte. Wechsel der Existenz, ewige

Wanderschaft, durchgeführte Naivität: sie wurden Sinn und erlaubt, wenn

man sie nicht erhitzt beschleunigte und in jeder Station sich willig

zeigte.

Er hörte das Dampfboot pfeifen, sah es im Geist am Gebirgsstock

entlanggleiten, der wie ein Wall gegen Norden und den Krieg war,

Geborgenheit zaubernde Kulisse. Er hörte das Kind lärmen, bedauerte, daß

es zu jung war, um schon von Menschlichem mit ihm zu sprechen, erinnerte

sich an ein zwölfjähriges Mädchen, das er bei den Streifzügen in Zürich

mit einer verderbten Mutter, demnächst oder bereits kuppelnder, gesehn

hatte, und sann über die Möglichkeit nach, solcher Kinder einige

auszuwählen; sie mußten den wesentlichen Keim haben und ihn verräterisch

in Gesicht oder Gliedern tragen; Durchschnitt und die Reizlosen

interessierten ihn nicht. Gegen das Mittelmaß gerecht zu sein genügte;

ihm Wärme und das Freiwillige entgegenbringen, das war Angelegenheit

derer, die in Güte tiefer einzuschreiten vermochten als er. Liebe zu

dem, was ist, war möglich, aber ihm nur, wenn die Urenergie in den

Geschöpfen nicht verkümmert noch gehemmt war.

Das Telephon schlug an; hebend die Muschel vernahm er eine süße, von

Erregung rauhe und ganz in die Ferne gerückte Stimme -- Claires.

»Ich bin mit dem Schiff gekommen, rufe dich vom Gasthaus an, denn ich

weiß nicht, bei wem du wohnst und ob ich dir willkommen bin.«

Er ging zum Ufer, sah sie entgegenkommen. Was von denen gesagt wird, die

in den Sekunden der Todesgefahr ihr ganzes Leben schauen, empfand er bei

ihrem Anblick: sich selbst, die Summe von Komponenten, die wie ein

Gerüst verschrägt waren und sich in der Schwebe hielten, Aufbau aus

Gegensätzlichkeiten, sowohl allgemein als im besondren Fall des

Verhältnisses zu Claire. Ich liebte sie -- ich entfremdete sie mir; sie

ist nicht mehr in mir -- ich bin ihr noch gut; die junge schuldlose

Bereitschaft ist nicht mehr herzustellen -- ein neuer Mensch kommt; sie

ist durch von mir nur geahntes Geschehn belastet -- hinter jedem

Erlebnis steht neue Naivität.

Da hob sich die Welle, die ihn ihr entgegenführte, barst und gebar den

Sturm, der ihn erschütterte, Taifun des Ekels vor sich selbst und dem

Wesen des Menschen, der leiden macht, sich nicht einem Geschöpf neben

ihm verbrüdert, der Dämonie gehorsam um die eigne Achse rotiert. So

plötzlich, wie der Aufruhr ihn durchfegt hatte, legte er sich, und als

Lauda den letzten Schritt machte, die Hand Claires ergriff, war er

ruhig, bis in die letzte Zelle durchdrungen von dem Entschluß, zu sein,

wie er war, Leid abzukürzen, erworbne Erkenntnis über sich selbst nicht

zu verlieren, für sie beide zu denken -- Ehe war nicht mehr möglich.

Und während er sprach und sie sprechen hörte, lauschte er in seine

Tiefe, wo die Klarheit mit äußerster Anstrengung dagegen ankämpfte, von

den Erregungen des Augenblicks und kommender Tage überdeckt zu werden;

Botschaften wie ein Schiff in Seenot sendend, sagte sie: Mache den

Schritt, den Claire von dir getan hat, nicht ungeschehn, sie hat ihn

allein gefunden, das ist ihre Kraft. Ziehst du sie zu dir und erlebst

erst dann den Rückschlag, muß sie den Schritt zum zweitenmal machen und

ist kraftlos. Wenn du nicht so gütig sein kannst, daß du dein Leben ihr

unterordnest, sei so besonnen, daß du ihr Selbständigwerden nicht

erschwerst -- memento.

Sich zurückwendend zu dem, was Claire sagte, empfing er die zitternden

Untertöne und wußte: sie spricht Nebensächliches, weil sie danach bebt,

zu hören, warum du sie sich überließt. Da handelte er bewußt und

benannte das, was wohltätig geeignet war, zwischen ihnen zu sein,

fragte:

»Weiß Leutnant Berger, daß du hier bist?«

»Ja.«

»Ließ er dich gehn?«

»Er gab mir Freiheit.«

»Erwartet dich zurück?«

»Wenn ich zurückkehre.«

»Hat er das Recht, dir Freiheit zu geben?«

»O Lauda, muß das zuerst zur Sprache kommen, ist dir das Wichtigste,

mich zur Rechenschaft zu ziehn?«

»Nicht im persönlichen Sinn. Bot er dir die Ehe an?«

Sie senkte schweigend den Kopf. Er atmete auf, das Rohste war vorüber,

wie niederträchtig war Taktik. Zu ihr gehörte, Claire beim Glauben zu

lassen, ihre Beziehung zu Berger stehe zwischen ihnen.

Er gedachte der Gewissensnot, die Berger von Moltke zu Lagarde geführt

hatte, und wußte, bevor Claire erzählte, daß nicht er Verführer gewesen

war, sie war zu ihm gekommen. Sie begriff nicht, daß Lauda von dieser

Zeit und ihrer Qual nichts zu erfahren verlangte, Gespräch darüber sanft

ablenkte. Als sie ruhig geworden war, führte er sie darauf zurück, und

Freunde besprachen seelische Dinge; Aussprache war Schmerz, doch nicht

Leidenschaft; sie hatten die Form gefunden, unheftig ihre Gefühle

auszubreiten.

Eine Woche verging, da begann er zu ahnen, daß Claire sich diese Form

aneignete wie ein von Krankheit Aufstehender, der Schritt für Schritt

wieder gehn lernt: er hat sein Ziel, nähert sich ihm zäh. Sie paßte sich

an, verzichtete nicht darauf, von ihm das Bekenntnis seiner selbst zu

erlangen. Sie kreiste ihn unmerklich ein, sie war in diesem Jahr

bewußter geworden. Auch herber. Herb war, wer sich zu fragen begann, ob

sein Einsatz an Bereitschaft belohnt wurde. Er sah, daß sie zu dem Kind

freundlich war und es doch lästig empfand -- versteckte Feindschaft. Zu

Anfang hatte er ihr vorgeschlagen, Aufsicht über den Haushalt zu

übernehmen, und betroffen, im Verkehr mit Köchin und Mädchen, eine neue

reale Seite an ihr kennengelernt, deren Folge Gespanntheit im Haus war.

Mißgriff ward rasch dadurch beseitigt, daß sie wieder nur Gast war, aber

es blieb die Erkenntnis, die, festgestellt, so selbstverständlich war:

daß die Frau nur in ihrer Liebe unkleinlich, ganz bereit, ganz

liebenswert war. Und die Idee Claire durch die Claire der Wirklichkeit,

die frohe Möglichkeit durch den Alltag modifizieren zu müssen, weckte

nochmals das schmerzhafte Bewußtsein, daß es an ihm gelegen hatte, der

Frau den zärtlichen Duft des Mädchens zu bewahren. Es tat weh

festzustellen, daß sie älter, bestimmter und auf ihre Interessen

bedachter geworden war, eingeordnet in die Reihe der Vielen --

Schicksal, Gesetz und Notwendigkeit. Es betraf nicht Claire allein, sein

Wissen um Frauen vermehrte sich um eine Einsicht, ihm fremd gebliebne:

der Weg jeder Frau senkte sich den Niedrungen des Alltags zu.

Es heftiger aussprechen, mehr als leises Bedauern empfinden, war nicht

erlaubt, nur Tölpel nannten, was im Geschlecht der Frau lag,

Minderwertigkeit. Auch Eifersucht gehörte dazu, von der jede Frau

überzeugt war, daß sie Geschlechtsmerkmal sei, doch überwunden von ihr.

Claire verlangte von Hannah zu hören; was war natürlicher, als daß sie

die nicht verwand, die ihr Kind Lauda hinterlassen hatte.

An der Stelle, wo er Hannah aus dem Felsspalt befreit hatte, sagte

Claire:

»In Brüssel sagtest du eines Tags zu mir: >Heute nacht, als ich ans Bett

trat und dich schlafen sah, dachte ich, es wäre schön, so immer durch

alle Jahre den einen Mensch zu sehn, vielleicht von ihm getrennt, durch

Schicksal, Abwesenheit, freiwillige Trennung, stets doch mit ihm sich

treffend, um ihn wissend, solang bis Alter Unruhe löscht und letztes

Gleichmaß kommt.< O Lauda, das grub sich in mich ein und es ist kaum ein

Jahr her. Was bleibt heute von Worten, die ich damals nicht als Worte

empfand? Die Schlafende wird dich nie mehr zu gutem Entschluß rühren und

Alter wird uns nicht gemeinsam sein. Letztes Gleichmaß wird nicht mir

zugut kommen, die dann die spärlichen Briefe, die du schriebst, mit

mattem Herzen liest, denn auch sie erwiesen sich nur als Worte.«

»Claire,« bat er.

Sie lehnte sich an den Fels, der den hilflos ausgestreckten Armen nur

breite Wand war, sagte:

»Damals, als mich deine Selbständigkeit verzweifeln machte, dachte ich

oft: O, wenn er krank würde, damit er mich braucht; wie würde ich gut

sein, ihn gewinnen.«

»Und danach, wenn ich wieder gesund wäre?«

»Wären wir uns nah gewesen, und es würde über lange Zeit hinweggeholfen

haben; nichts andres hätte ich verlangt als einst, rückblickend, so mein

Leben mit dir Kette von Höhepunkten zu nennen -- ich hätte nur sie

gesehn, die langen, öden, einsamen Wegstücke dazwischen vergessen.

Hattest du nicht selbst solchen Wechsel aus Begegnung und Trennung die

Lösung genannt? Wie bereit wäre ich gewesen.«

»Und konntest doch die erste Trennung nicht überstehn, lehntest dich

auf, und Auflehnung gab dich einem andren hin.«

»Weil du mich nicht vor dem Zweifel bewahrtest; Zweifel, ob dir

überhaupt daran lag, daß ich auf dich wartete, verwundete den Stolz,

Stolz wurde Trotz, Trotz Entschluß, nicht das demütige Mädchen zu sein.

Vor dem Zweifel bewahren, das wäre allerdings Voraussetzung jener

Verabredung; du warst es, der sie nicht erfüllte. Und es kam hinzu der

Gedanke, tückischer, schlechter, einflüsternder Freund, daß du mich

absichtlich auf Berger verwiesen habest, und Bergers Güte kam hinzu, den

man lieben lernte, wenn man mit ihm umging.«

»Es war mir nicht ernst, als ich sagte, du habest schon die erste

Trennung nicht überstanden. Dich auf die Probe zu stellen lag fern; wer

das tut, muß auch dem andren den Weg zur Rückkehr freihalten. Ich tat es

nicht, vergaß dich. Ich zog aus auf die innre Jagd, das Jägerglück

allein zu sein, war stärker.«

»Ich lasse dich noch nicht,« sagte sie, »weil ich dich kenne. Alle

Gefühle erschöpfen sich dir, wenn die natürliche Zeit vorüber ist. Wenn

der Jäger zu den Menschen zurückkehrt, geht er dorthin, wo die Heimat

seines Herzens ist. Sag mir das letzte, ob du so nie mehr an mich

gedacht hast.«

»Nun ist äußerste Offenheit nötig. Ich dachte so an dich, aber nicht

ausschließlich an dich, in dem Sinn, daß nicht auch andre Frauen an

deine Stelle treten könnten. Es ist Menschen wie mir, die die letzte

Gleichbeschaffenheit und darum Gleichberechtigung der Geschöpfe finden,

unmöglich, durch eine Frau alle andren Variationen zu binden, nur in

dieser Frau die Erfüllung dessen zu sehn, was zur Frau führt.

Das Warme, Schöne, Zärtliche; das Erregende, Dunkle, die sinnliche oder

seelische Kommunion, die eine Frau gibt -- es liegt theoretisch in

allen, praktisch in unendlich vielen. Die einzelne Frau wird Symbol,

Statthalterin. Dieselben Kräfte, die in ihr sind, bei den andren zu

übersehn oder sich zu verbieten, wird unmöglich in dem Maß, wie die

Einsicht in jene Brüderlichkeit der Existenzen wächst; bricht sie zum

umfassenden Weltgefühl durch, schwindet auch das Individuelle der

einzelnen Geliebten; höchste Gerechtigkeit wird Ungerechtigkeit gegen

die eine. In diesem Sinn lockt mich nicht mehr das Persönliche, nur noch

das Geschlecht.

Und da jede Zunahme an Geistigkeit, wenn sie echt war, auch eine Zunahme

an Sinnlichkeit ist, so wird unvermeidlich, daß ein solcher Mensch in

einem den andren unverständlichen Grad die Lust kennt, neben der einen

Frau den Schwestern zu begegnen. Es will verstanden sein; die Lust ist

das sinnliche Symptom einer geistigen Feststellung, und diese ist so

tief fundamentiert, daß ihr Träger sich als Lügner vorkommen müßte, wenn

er der einen Frau sagte, sie sei ihm alles.

Stärker mit jedem Tag wird mir der Widerwillen, im absoluten Denken das

Totalitätsgefühl, dieses Umfassen alles Lebenden, zu entfesseln, und es

im Praktischen zu unterdrücken. Im Totalen schwingen ist Naivität, die

Ehe hemmt sie -- sie sind unvereinbar. Hier ist der Punkt, wo ich mich

zuerst hart zu sein zwang, dann hart sein konnte: nicht das tun, was

alle tun, den Kompromiß schließen, schon geschlossnen rückgängig machen.

Viele unternehmen Vorstöße in die Erkenntnis, fast keiner geht zu Ende;

der seltenste Mut ist, nicht zurückzukehren.«

»Sublimierter Egoismus,« sagte sie matt.

»Dein Recht, so zu sagen, und doch nur Feststellung des Geopferten. Es

ist nicht gut, Bekenntnis in diesen letzten Dingen zu erzwingen, weil

der Bekennende seinen Egoismus mit dem Hermelinmantel des höheren Rechts

auf Egoismus drapieren müßte. Laß mich es anders sagen. Als ich dich am

Steg in Empfang nahm, dachte ich nicht an mich, sondern an dich. Leid

kann ich dir nicht ersparen, aber es kürzen. Es ist Konstruktion, an die

schöne Kammlinie der Höhepunkte zu glauben, sie genügen nicht, jedes

Geschöpf will Dauer, es will Sicherheit und im Tal wohnen. Solcher

Konstruktionen werden im Tag fünfhundert gemacht, Verabredungen tausend

getroffen, weil schon gewonnene Erkenntnis überdeckt wird. Sie nicht

überdecken, ist neue Moralität, des Mathematischen.«

»In das ich dir nicht folgen kann.«

Er fuhr fort:

»Weshalb nicht? Es ist nicht so schwer. Du verstehst, wie die Kirche

dazu kommen konnte, dem Priester die Vermischung mit der Frau zu

verbieten, oder wie religiöse Menschen sich die absolute Enthaltsamkeit

auferlegten: weil die Frau in die reinliche, ewig mit sich selbst

identische Rotation dieser Menschkosmen eingegriffen hätte. Nimm jemand

an, der zwar nicht mehr religiös im Sinn des Kirchlichen, gleichwohl von

ihrem Blut ist. Da er das Geistige soweit vortreibt, daß es sich mit dem

Sinnlichen wiedervereinigt, kann er nicht mehr asketisch sein, aber er

wird die Bindung durch die Frau vermeiden, die in diesem Zusammenhang

Bindung mit der Sphäre des Geschehns, des Irdischen, Nurmanifestierten,

Sozialen ist.

Wiederum, man soll dieses nicht breittreten, noch zum Programm

erniedrigen. Es für einen Augenblick tuend darf ich sagen: wessen

Anschauungsform die des Totalen ist, so daß er neben dem einzelnen

Geschöpf die Summe aller andren sieht, kommt, soweit er sinnlich ist,

dem Inzest nah; das, was vom Geist her umfassende Liebe ist, wahrhaft

katholisch und demokratisch, wird von den Sinnen her Schamlosigkeit --

sublimierte, dürftest du wiederum sagen.

Du weißt nicht, wie oft ich am Eingang der Askese stand. Sie ist nicht

der Aufhebung fähig, zwingt finster zu werden, nicht heiter zu bleiben,

wird Dämonie. Behaupte dich gegen Dämonie, das ist Lauda, dein Freund.«

»Also ist auch Ehe Dämonie?«

»Ganz recht, die kleine.«

Sie schwieg, er wandte sich langsam zurück, stieg abwärts. Sie folgte

ihm, nahm seinen Arm und -- war heiter. Er empfand wie sie und sah die

Gefahr. Heiterkeit war nicht Abschluß, nur Befreiung durch Aussprache,

Überblick vom Punkt aus, an dem sie jetzt standen. Und bevor sie das

Haus erreicht hatten, merkte er in ihr das Sinnen dessen, der die ihm

gebliebenen Kräfte sammelt.

Das war der Augenblick, von dem geschrieben stand, daß am Ende aller

Begegnungen, der vertrauten, gequälten, haßerfüllten sogar, die Umarmung

stand, Aufhebung des Wühlens im Wort und des Bewußten. Vielleicht dachte

sie daran, daß er es einmal ausgesprochen hatte. Er begann am Abend mit

Absicht von Berger zu sprechen.

»Ich konnte,« sagte sie, »ihn nur mit deinen Augen sehn. Die benennenden

Worte fehlten mir, ich fühlte nur: sein Zustand des geistigen Menschen

war anders als deiner. Denken hieß ihm, Bücher von der Bibliothek nach

Hause tragen, mit grübelnder Falte sich in sie versenken. Dann kam, was

er Verarbeitung nannte, und es war oft Vergleichen mit dem, was wieder

andre geschrieben hatten. Ernst um ihn gab mir seltsame Wünsche ein, die

wohl der Frau eigentümlich sind: ihn zu stören, seine Ideenreihungen zu

verwirren. Ich wußte nicht, ob es boshaft war oder Wiederherstellung der

von ihm vergeßnen Welt.

Dann besiegte er mich jedesmal, weil er mir von dem erzählte, was ihn

beschäftigte. Er glaubte inmitten alles Verhärteten und Hochmütigen, das

grauenhaft im Krieg geschah, so unerschütterlich an das Gute, daß man

fühlte: auch das ist Wille, Männlichkeit, Widerstand. Und diese Güte war

in ihm selbst. Er sprach nie gegen dich, aber er ließ mich fühlen, daß

er dein Schweigen verwarf. Ich konnte mich öffnen, und selbst die

Anfechtungen der Enthaltsamkeit wurden menschliche Angelegenheit -- nun

war es wie bei dir.

Es kam ein Abend wie dieser, warm durch Ofen und Licht, von Regalen

umstellter; ich ging nicht, wollte die Tat tun, damit sie vorwegnehmend

den Zustand schuf, dem sie folgt, wenn sie natürlich ist; an diesem Tag

war die Nachricht gekommen, daß du durch deine gewollte Tat nie mehr

zurückkehren werdest. Wie war ich in so erzwungner Sinnlichkeit matt. Er

sah nur die Entfeßlung, es war dann durch Tage Scheu in ihm vor dem

Körper des Weibs, als habe sich ihm ein unreines Geheimnis enthüllt; er

nahm mich an der Hand, begann mich einer ruhigen Innigkeit zuzuführen,

in der Umarmung nur Vertrautheit ist.

Wie wenig stark wir sind; gewähren wir Zeit, formt uns jeder Mann. Als

ich die Wandlung fühlte, floh ich, zwischen die Männer Gestellte, jeden

in mir tragend, hilf mir.«

»Helfen kann nur, wer sich selbst anbietet oder ganz ausschaltet. Mich

ausschaltend wäge ich Berger und Lauda ab und weiß: bei jenem ist die

Sicherheit, die Treue und das Angebot, Gefährtin der geistigen Arbeit zu

sein. Bei mir ist nichts als Begegnung auf Zeit. Du bist mir nah, die

milde Stunde bringt Sehnsucht nach deiner Liebe. Ihr nachgeben ist

schön, aber morgen früh wäre jeder Schritt, der dich befreite,

rückgängig gemacht, Gewinn eines Jahrs zerstört. Ist sich begegnet sein

nicht genug, vermag der Mensch nicht so stark zu sein, daß es genug sein

könnte?«

Sie kniete neben ihm, sah ihn mit tiefen Augen an:

»Als ich kam, tobte Schlechtes in mir: daß du mich nähmest, ob du mich

behalten wollest oder nicht --, nur genommen werden, um ein Gut, das du

verschmähst, zu beschmutzen, und ihm, der es heilig zu halten versprach,

beschmutzt zurückzubringen, als ob ich Rache an ihm nehmen müßte, bevor

ich bei ihm bleiben kann. Mir war, als seien es deine Gedanken, in mir.

Leugnest du, daß du so denken könntest? Ich gebe mich in deine Hand.«

Er zog sie an sich, lag mit ihr in schweigender Umarmung, letzter,

reinigender; den Sinnen verwehrte Kraft strömte dem Sinnen zu über

Menschen bewegende Dinge. Als die Weinende in Schlaf sank, stand er auf

und schrieb.

Gleiten der Feder über das weiße Papier ward Laut der Ewigkeit, es

rollte die Zeit in den Abgrund, aus dem die letzte Lockung kam: nimm was

sich dir bietet, Tor ist, wer verschmäht.

»Stark ist, wer sich beherrscht,« antwortete er.

»Abhängig wird, wer Beherrschung über sich setzt.«

»Nichts wird Dämon werden,« verwies er, »morgen wird Claire in

wunderbarer Scheu leise zärtlich sein, nicht mehr erreichbare Geliebte.«

Aber einige Tage darauf sah er, daß sie viel zu liegen begann.

Aufblühende junge Frau, war sie nicht krank. Da sagte sie ruhig:

»Ich wußte es noch nicht ganz, als ich kam, und ahnte es doch. Aber nun

ist fast Gewißheit seines Kinds.«

Er telegraphierte Berger zu kommen. Das Telegramm wurde an der Grenze

zurückgewiesen, er sandte es danach in ihrem Namen. Zwei Wochen später

erwartete er Berger am Schiff. Der Begrüßende suchte in seinem Gesicht

zu lesen, Lauda dachte im Flug eines Augenblicks: es ist undenkbar, daß

ich je mein Schicksal so von einem andern entgegennähme; dann: was

besagt es? Nichts, es fehlte diesem nur das letzte Glied der Kette, an

die er sich binden will -- in der Sekunde, da er die Gewißheit erhält,

wird die Kette Kreis, Eisenband um den vollen runden Kosmos, der nun die

doppelte Schwingung gefunden hat, eigne um sich selbst und um die Frau

-- er ist ein ganzer Mensch und jener einer, die nur einmal lieben.

Liebe war: sich Ordnung geben, darum wurde sie die Eheweisheit des

Bürgers, der wie der höchste Geist Ordnung suchte; aber sie war nicht

das einzige Mittel, Ordnung zu finden -- das war alles, was sich

vernünftigerweise in dieser Frage sagen ließ. Jeder suchte das Mittel,

das ihm erlaubte, geschlossen in sich zu rotieren.

Wenn die Menschen über Wert oder Unwert der Ehe diskutierten, bejahten

oder verneinten sie immer bedingungslos; aber Nein und Ja waren nur

relative Wahrheiten; nur Aussagen über das einzelne Naturell waren

erlaubt, in allen irgendwie gearteten Problemen der praktischen Sphäre.

Durch Bergers Anwesenheit verschob sich die Konstellation der handelnden

Personen, Claire stand nun von Lauda entfernt, Lauda einsamer und

fester; er war der, der Gäste bewirtete.

Claire sah ihn bisweilen verwirrt an, schmerzhaftes Starren und

brennende Erinnrung; ihm begannen sie schon Ehepaar zu sein, das

gemeinsam auftritt, Phalanx verbündeter Interessen -- unmerklicher

Überdruß des Fremden vor solchem Bündnis. Da sagte Claire zu ihm:

»Ich fühle, was in dir vorgeht. Bist du nun der, der nicht durchführen

kann, was er selbst begründete? Würdest du billigen, daß ich

übergangslos von einem zum andern wechsle? Ich finde es vor mir selbst

nicht abstoßend, daß ich wechsle, nur unsagbar seltsam; es ist, als sähe

ich eine Unzahl von Stationen vor mir, endlos wie gespiegelte Türen,

durch die man einen Pfeil schießen könnte -- sind sie alle durchwandert,

wird die Wandlung vollzogen sein. Ich weiß nicht, ob es niederziehend

oder tröstend, ob es Güte der Natur oder vernichtende Aussage über die

hohe Idee der Liebe ist.«

»Es ist tröstend und Güte,« antwortete er, »schiebe die Zwischenglieder

ein, verweile bei allen, und jede für undenkbar gehaltne Mutation ist

möglich.«

»Verstehst du, daß mir der Wunsch, reinlich Entfernung zwischen uns zu

legen und in den Tagen bis zur Abreise dich zu meiden, als armer Stolz

erscheint, über den wir hinausgeschritten sind?«

»Lebte Hannah, wäre es mir ebenso natürlich erschienen, zwei Frauen, die

beide mir Freundin sind, miteinander bekannt zu machen. Natürlichkeiten

neuer Art kann nur schaffen, wer die alten der Eifersucht und des

mißtrauischen Stolzes nicht mehr anerkennt. Haß, verwundete Würde, die

Skala der Leidenschaft, das ist gut genug für französische Stücke, die

der Tragödin, rollenfressendem Tigerweibchen, auf den Leib geschrieben

sind. Das Tragische wird eines Tags so bombastisch und dumm sein wie

jenes Drama Hebbels, in dem Vater, Tochter und Liebhaber Ehre wie Leben

verlieren, weil das Mädchen ein Kind bekam. Überlegenheit, die das

Schicksal gestaltet, wird auch ein neues Glück gestalten: Mensch stärker

als die Leidenschaft.«

Berger bedauerte, seine Arbeit nicht mitgebracht zu haben, Darstellung

der Wandlung des Offiziers zum religiösen Reformer. Lauda bot ihm

Schreibtisch, Papier, eignes Zimmer; es erwies sich, daß Berger das

Manuskript fehlte, Ablauf der Gedanken war abgebrochen, Abbruchstelle

nicht gegenwärtig.

Wie verschieden Denken sein konnte, es arbeitete dieser auf der Geraden,

er, Lauda, aus dem Kreis vorstoßend; was man auch an Erkenntnissen fand,

es war ihm nur Variation der Grundanschauung, so daß er in welcher

Situation immer nichts nötig hatte als Heft und Stift -- ausgesetzt in

der Südsee hätte er nicht anders gedacht als im Land der Philologen; er

vermochte auf Stimmung und die Bedingungen der Vorbereitung zu

verzichten, schrieb nur sich selbst.

»Sie sind zu deutsch,« sagte er Berger, »das war auch die Beschränkung

Lagardes. Ein Deutscher kommt immer von den Büchern der Vorgänger her

oder von der Billigung des deutschen Kosmos; auch Sie lassen Heer,

Kaiser, Ständegliederung darin, wollen sie nur ethisch vertiefen. Was

ist der ethisch vertiefte Offizier? Etwas Undenkbares. Ethiker kann

nicht Offizier sein, löst die Seelen von der Verpflichtung des Staats.

Sie sind auch zu protestantisch. Der protestantische Reformer ist ein

Unding, nicht nur, weil Protestantismus die Ausliefrung des Religiösen

an den Staat ist, so daß protestantische Geistliche nichts andres

genannt zu werden verdienen, als vom Staat eingesetzte Beamte, dessen

gute Beziehungen zum lieben Gott zu pflegen, sondern auch, weil

Protestantismus wie sein Halbbruder Sozialismus, im Gegensatz zum

Katholizismus, ganz unpessimistisch ist, dem bedingungslosen Ja des

Irdischen, des Tuns, der Pflicht zu leben, nichts von dem Vorbehalt

entgegenstellt, der das Wesen des Religiösen ist.

Der Pflichtbegriff Kants ist unhaltbar geworden, der deutsche Moralismus

strahlt keine irrationale Vitalität aus, alle Erziehungsreformen, die

auf Pflicht und Moralität sich aufbauen, sind matt. Wer der Erziehung

neue Wege weisen will, muß vom Widerstand gegen diese deutschen Begriffe

ausgehn, sie ihrer Absolutheit entkleiden; der Zentralbegriff alles

künftigen Denkens wird Relativierung heißen und im Ethischen Ausgleich

zwischen Ja und Nein sein.

Es ist nicht schwer, die Katastrophe des deutschen Denkens

vorauszusagen. Sollten sie siegen, was nicht sein darf und nicht sein

wird, würden sie blasphemisch die Lehre des Tuns zur Unerträglichkeit

steigern; verlieren sie den Krieg, werden sie in ihrer Feigheit, die

nicht die Verpflichtung kennt, sich der Entwicklung zu öffnen,

Wiederaufrichtung des Alten fordern. Wer diese Nation erziehn will, darf

nicht mit ihr gehn, er muß gegen sie stehn.«

* * * * *

Als die Formalitäten erfüllt waren, rüsteten sich Claire und Berger zur

Reise.

Lauda begleitete sie nach Zürich. Es kam der Augenblick, wo er Abschied

von ihr nahm, belastet durch Rückerinnern, scheuend vor der Frage, ob es

erlaubt war, das Natürliche durch Eigenmächtigkeit umzuformen, dann zog

der Zug an, und Unwiderrufliches war geschehn.

Ihre Augen brannten noch in ihm, er ging schwer denselben Weg, den er am

Tag seiner Ankunft gegangen war, zum See. Kein Silber flammte,

nüchterner Tag. Es galt, Dinge zwischen sich und sie zu bringen, er

suchte die Bekannten auf. Er fand Hans in Erregung, es war aufs

Bestimmteste die Nachricht gekommen, daß Picasso in Paris zum

Gegenständlichen zurückgekehrt war und herausfordernd akademisch, betont

konventionell malte, scharfen Kontur setzend; bereits hatte ein

Schweizer Aufnahmen gemacht, kein Zweifel war mehr erlaubt.

Wird er Widerstand leisten oder die Weichen in sich herumwerfen? dachte

Lauda; stählt es ihn, allein auf dem ungewissen Weg weiterzugehn, oder

ist das Bedürfnis nach Kampfgenossen stärker? Er fühlte, wie in den

Kosmos des Freunds der Stab der Verwirrung gestoßen war, Rotation

gestört und der Gedanke an gänzliche Umschichtung, parallel zu der

Picassos, erregt umkreist wurde. Er erinnerte sich der starken

Zeichnungen nach Körperakten, die er aus früheren Perioden des Freunds

gesehn hatte, und sagte:

»Nach dem Gesetz des Gegensatzes werden Sie zum Körperlichen

zurückkehren, wie Lisbao eines Tags feststellen wird, daß es unhaltbar

ist, mit dreißig Jahren noch den Weltekel des Dreiundzwanzigjährigen zu

verkünden. Extreme schlagen um, weil Nein in Ja umschlägt, das Ja

automatisch das Nein auslöst. Gleichmäßig, stark, unerschütterlich ist

nur, wer über seinen Extremen steht, indem er sie zu Vorgängen in sich

macht, wie Sommer und Winter wechseln. Ich versandte heute das neue

Stück, das ich geschrieben habe, Rückkehr zur Illusion von Wirken und

Arbeiten.

Es ist im Großen dasselbe, was sich im Kleinen jede Nacht begibt: ein

Tag endete mit solchem Überdruß, das Treiben mitzumachen, daß man sich

wie zum Nichtmehrerwachen ins Bett legt -- am nächsten Morgen erwacht

man frisch und hat ihn, den Appetit der Kolonie von Raubmonaden, deren

Summe man ist. Jeder Müdigkeitszustand ist so natürlich wie dieser

Hunger, und die Einheit der Persönlichkeit besteht nicht, wie deutsche

Moralisten glauben, darin, daß man den Widerwillen unterdrückt und den

Hunger in Ethos fälscht, sondern in der Fortdauer des Kosmos, der die

Phänomene seiner Aggregatzustände erduldet, wie Landschaft die des

Himmels.«

Puck kam, um Hans vorzuschlagen, er möge seine jüngste Arbeit

illustrieren, die Groteske vom Fleischseelenmenschen.

»Ich will es an Ort und Stelle erklären,« sagte er und führte die

Freunde in eine Seitenstraße des Geschäftsviertels, wo in der

Hinterfront von Warenhäusern und Bankpalästen ein altes Fachwerkhaus

sich erhalten hatte. Er zog sie an die Gitterfenster, sie sahn eine

Halle mit Schlagschatten, düstren Ecken; Männer mit nackten Armen

standen über Tische gebeugt, Bewegung wie von hobelnden Tischlern, aber

das Gehobelte spritzte Blut.

»Sie schneiden und häuten,« sagte Puck, »schinden und säbeln, seht Ihr

an den Wänden die senkrechten Parallelen? Es sind Leichname, die Rippen

glänzen, das Nierenfett leuchtet gelb wie Honigballen von

Eingeweidebienen. Es ist eine Roßschlächterei; aber späht schärfer hin:

darunter wird eine Stunde der Inquisition sichtbar, Henkersknechte

beugen sich über Liegende, wühlen darin. Warum arbeiten sie in so

düsterm Licht? Ich weiß den Grund: in dieser Halle wurde in der Tat

einst gefoltert, es ist der Geist des Baus, der ihnen die Atmosphäre

schafft.

Hier bringe ich Stunden zu, während ihr im Café sitzt; gegen Zahlung

einer Runde lassen sie mich zuschaun. Sie glauben, ich sei ein Sadist,

der sich aufs Kinderschlachten vorbereitet; ich lächle und sie sehn

nicht die Verzerrung des Munds. Hier läßt sich alles empfinden, was vom

Mensch zu sagen ist, er atmet nicht Luft, sondern Dunst des Bluts; er

ist Methodiker, er zerreißt nicht, er schneidet. Ist es denkbar, daß es

Leute gibt, die ihren Achtstundentag damit füllen, Mitgeschöpfe zum

Kochen fertigzumachen? Ein ganzer ehrenwerter Stand tut ein Lebenlang

nichts andres, und die Meister sind Gemeinderäte.

Von hier gehe ich in die Metzig am Quai, wo das Fleisch für die gehobnen

Bürger bereitet wird, es liegen gebrühte Köpfe, Kutteln, Lungen. Dort

sind auch Fleischerinnen, blühende Mädchen, schwellend vor Sinnlichkeit,

die sie aus braunen Augen gratis verschleißen -- man möchte sie über den

blutigen Ladentisch legen, das bekannte Spiel mit ihnen zu treiben. Die

Dame kommt, ein Stück zu kaufen, und aus dem Schlachthaus geht sie zu

ihren Kindern und ist gut zu ihnen.

Nachts träume ich von einem Planet, auf dem der Mensch die Rolle des

Tiers übernommen hat, man hängt junge Mädchen geöffnet ins Schaufenster

und weiche Brüste sind gesucht; Hirn wird gewogen und enthaarte Köpfe

stehn in Reihe. Das Epos schwillt, ich habe den großen Stoff gefunden,

der das Erhabne enthält, den Triumph des Lebens und die tragende Lüge.

Zwischen der Kannibalenszene des Anfangs, wo man mit Knütteln zermalmt,

und dem Salon, wo man Lende des Bruders Tier verzehrt, über die Dinge

des Geists diskutiert, ist alles enthalten.

Das Thema ist so ungeheuer, daß mir manchmal der Schweiß vor Angst

ausbricht, daß ich nicht in jedes Kapitel die schneidende Lustigkeit,

die unsagbare Mischung von Grauen und tanzender Befeurung bringen

könnte.«

»Ich schenke dir einen Beitrag,« sagte Hans, »den ich in einem Buch

gelesen habe. In Südamerika schneiden Wilde ihren Feinden den Kopf ab

und zermalmen ihn durch vorsichtige Schläge so geschickt, daß die Haut

unverletzt bleibt. Sie schrumpft danach in der Sonne zu der Größe eines

Apfels ein; indem sie eine Schnur durch den Rand ziehn, machen sie einen

Beutel daraus, darin sie Geld und Kleinigkeiten bewahren. Man geht dort

mit diesen Gesichtsbeuteln zu Markt, siehst du sie an den Schürzen

hängen?«

»Famos,« antwortete Puck, »es leuchtet mir nur eins nicht ein, daß

Kannibalen Geld verwahren, sie müßten schon Zivilisierte sein.«

»Wie alle Kannibalen,« dachte Lauda, »Kannibalismus ist religiös,

Ausfluß des Totalitätsgefühls. Statt den Bruder zu lieben, frißt man

ihn, es ist durchaus dieselbe Kommunion, dieselbe Aufhebung der

Vereinsamung durch Einzelexistenz.«

Sie wandten sich zur Stadt, da kam ihnen Lilian mit einer Dame entgegen

und übersah sie, Gruß ablehnend. Puck sagte:

»Die Begleiterin liefert die Erklärung. Es ist eine verheiratete

Amerikanerin, die mit ihrem europäischen Mann in Geschwisterehe lebt,

das Fleisch ward verworfen. Sie verbietet Lilian Umgang mit uns. Aber

glauben Sie, daß sie dieselbe ist, die Obrecht in Christian Society

unterweist, die von Problematik durchseuchte Puritanerin den inbrünstig

Religiösen?

Welch ein Hexensabbat ist das Treiben der Existierenden. Jeder einzelne,

der unter der Sonne atmet, ist eine Brutstätte, in der Ideen,

Stimmungen, Triebe, Gefühle und Gebote unaufhörlich, ohne eine Sekunde

auszusetzen, die perverseste Unzucht miteinander begehn; es mischt sich

das Heterogenste, der Fülle von Mißbildungen ist kein Ende, und das

alles schwimmt in einem Schleim, der dem innersten Schoß des Egoismus

entfließt und sich klebrig Ethik nennt.

Gott sei dem gnädig, der wirklich ethisch ist, er müßte sich mit Dynamit

in die Luft sprengen, um der Qual zu entgehn -- Beweis, wie dumm und

dumpf das Hirn eines Ethikers organisiert sein muß. Mir wächst -- ich

stehe dem Phänomen hilflos gegenüber -- mit jedem Tag die Kraft des

Lachens, was mit andren Worten heißt, daß ich in das Schamlose

hineinwachse. Das befreiende Lachen, von dem sie reden, ist das

Sprungbrett, das der Egoismus uns unter die Füße schiebt. Unser aller

Lebensbaum wurzelt in einem Schlangennest -- manchmal fühle ich sie

körperlich sich regen und finde mich damit ab, wie einer sich damit

abfindet, daß er Trichinen in sich hat. Halloh, da kommt Siriwan, jagend

in der Stunde, wenn die Läden sich leeren und die Kokotten vom Berg

steigen. Er wählt eine andre Methode, sich abzufinden, und treibt die

Weiber dem ewigen Dämon zu.«

Lauda aß mit Siriwan zu Nacht, erzählte von Pucks Definition.

»Ich bin heute vierzig,« sagte Siriwan, »und fühle schwer die Luft über

mich streichen, die mit den Erkenntnissen des fünften Jahrzehnts beladen

ist. Wissen Sie etwas von den Begierden, die in ihm in Männern und

Weibern brennen? Sie zu erforschen wird Inhalt sein, ich kenne keinen

andren mehr. Es findet nicht Ihren Beifall? Es ist gleich.

Zu Hause liegen die Bücher, aus denen sich rekonstruieren läßt, welch

ungeheuerliches Bordell die Vergangenheit gewesen ist. Sieht man näher

zu, gibt man sich die Mühe, die Menschen aufzusuchen, so zeigt sich, daß

auch die Geschichtsschreibung der Gegenwart sich lohnt. Ich wittre aus

den Jahren, wenn der Krieg zu Ende sein wird, noch Stärkres,

Vergangenheit wird übertrumpft werden. Mein selbstgewolltes Ziel steht

fest, ich will der Historiograph dieser Zeit sein. Reisen nach Brüssel,

Genf, Berlin, Paris und in das ungeheuerliche Rußland, dessen Rasereien

durch ein Jahrtausend ich jetzt lese. Bis dahin ist Zürich Vorbereitung,

anerkennenswert, nicht übel.

Erinnern Sie sich der Alten, die keinen Schritt ohne ihr zwölfjähriges

Mädchen machte, dasselbe, das Sie rührte? Sie vermuteten zuerst, sie

hüte das Kind, dann kamen Sie der Wahrheit näher, daß der Weg zur

Tochter über sie geht, aber die ganze Wahrheit ist, daß der Mann, der

mit dem Mädchen allein zu sein glaubt, sich zwei Frauen gegenüber sieht

und eine Perversion der Gleichzeitigkeit erlebt, die in der Alten nach

dem Taumel eine wahrhaft stürmische, ekstatisch röchelnde Zärtlichkeit

zu der Kleinen entzündet. Die Wege, die der Mensch zur überindividuellen

Kommunion findet, sind phantastisch, und je sinnlicher sie sind, desto

tiefer sind sie.«

»Es kommt auf das Gehirn an,« antwortete Lauda, »das sie feststellt. Es

wäre mir unmöglich, an ihre Erforschung Jahre zu wenden, wie Sie planen,

weil nichts mich überraschen kann, während die Art, wie Sie sich ihr

widmen, nicht Feststellung ist, sondern Ihrerseits Abhängigkeit von der

Dämonie dieser Dinge verrät. Es ist nicht die ganze Wahrheit, was Sie

sehn, es ist nur die halbe. Der Baum ist nicht beschrieben, wenn Sie

seine Wurzeln ausgegraben haben.

Man soll nicht sagen, Laub, Krone, Blüten seien Manifestationen der

Güte, denn sie wachsen in der Tat aus der Wurzel, im Schlamm. Gleichwohl

gibt es neben der primären Sinnlichkeit die transformierte, Wille, Idee,

und das weite, schöne Reich der Geistigkeit; es gibt Denken und Wissen

durch Unmittelbarkeit, es gibt die Einheit des Ichs, die um so

energischer, freier, reflexionsloser wird, desto ungehemmter die

Verbindung zwischen Wurzel und Krone ist.

Die Begierden eines Jahrzehnts? Man muß neben ihre Dämonie die Kraft zur

Undämonie setzen. Wer die Dämonie nicht kennt, ist nur ein Rationalist,

seßhaft im Tun; wer nicht stärker bleibt, nur ein Fanatiker, unter dem

Griff Stammelnder. Militarist und Literat, wo Sie in dieser Zivilisation

hinschauen, ist jeder das eine oder andre, vergewaltigend männlich oder

vergewaltigt ethisch, Mensch durch Ausgleich keiner.«

* * * * *

Er kehrte ins Hotel zurück und lag in folgendem Traum.

Er lebte mit Claire, matt alles; der Tag setzte sich aus hundert

Handlungen zusammen, und er wußte: sie sind ihr alle Symbol der Liebe,

Werben der Zärtlichkeit, Bereitschaft. Er wußte es und konnte es nicht

erleben, er wollte und der Wille genügte nicht, der Schluß aus der

Handlung auf das Motiv genügte nicht; er ging neben einem andren und

schwang nicht in ihm. Er fand sie mit den Augen schön, aber der Wunsch

blieb aus, sie zu berühren, er mied sie.

Er erhielt eine Sendung, öffnete sie, es lag eine Oblate darin. Claire

sah ihn mit tiefen Augen an, brach die Oblate, reichte die Hälfte. Er

aß, ein Sturm ging durch ihn; er wußte wieder alles von ihr. Zehnmal

etwas für ihn tun von den kleinen Dingen des Tags, war zehnmal frohe

Liebe, weil es Gewißheit war, daß sie in alle Jahre bei ihm sein werde.

Zeit vor sich haben, gab das Vertraun; an ihrem Ende stand eine schöne

alte Frau und ein weißhaariger Mann. Das war ihr tiefster Wunsch, alt

mit ihm werden.

Er legte den Arm um sie, und lächelnd nahm sie das stumme Versprechen.

Es gab nur eine mordende Sünde, das Kind in der Frau nicht verstehn, das

nicht die Kraft hat, allein zu sein. Sie nannte ihn gut, weil er es

wußte.

_Ende_

Von Otto Flake erschien bei S. Fischer:

Das Mädchen aus dem Osten

Zwei Erzählungen

Schritt für Schritt

Roman. 9. Auflage

Freitagskind

Roman. 7. Auflage

Horns Ring

Roman. 30. Auflage

Das Logbuch

Roman. 24. Auflage

Abenteurerin -- Im Dritten Jahr

Zwei Stücke

Die Stadt des Hirns

Roman. 6. Auflage

Das Ende der Revolution

Aufsätze. 3. Auflage

Das kleine Logbuch

Kleine Prosa. (In Vorbereitung)

Im Rolandverlag, München:

Nein und Ja: Roman · 第 16 / 26 题