Lauda: »Warum zeichnet er also noch?«

Hans: »Letzte Zuneigung, auch wenn er höhnt, letzte Illusion einer

Beschäftigung, ich weiß es nicht, nur erträglich, weil wir frühere

Sachen von ihm kennen, die ihn als Berufnen der Farbe auswiesen.«

Lauda: »Alle Künstler des Abstrakten werden diesen Weg sich öffnen sehn,

der aus der Kunst führt. Sie werden more geometrico auf das Religiöse

stoßen und den Pessimismus des Religiösen. Wer bis zum Religiösen

vorstößt, wird unbrauchbar für die Sphäre der Realität, wo alles

einzeln, von seinem Bruder getrennt ist; ich weiß heute, daß das es war,

was mich der Existenz als Künstler entfremdete. Für mich steht abstrakte

Kunst mit der gegenständlichen in der Sphäre des Anschaulichen; beide

_zielen_ auf das Primäre in den Erscheinungen, sie erreichen es nicht.

Kunst, in welcher Gestalt sie auch auftritt, ist nicht vollendete

Geistigkeit, nur angewandte; sie ist immer Veranschaulichung. Ist

wirklich der Unterschied zwischen einem Maler, der unter Beibehaltung

der menschlichen Gestalt einen in Farben rotierenden Organismus

zusammensetzt, und dem, der ohne diese Beibehaltung Farbenwerte

ausbreitet, so groß, daß er grundsätzlich wäre? Nein. Der Unterschied

besteht nur darin, daß jener verführt wird, die Gestalt als Selbstzweck

zu wollen und zu vergessen, daß sie bloß Kristallisationspunkt, Hemmung,

Widerstand ist, und daß dieser dem Absoluten näher kommt, der Vorstoß in

die Sphäre des Primären deutlicher, also die religiöse Ahnung

unmittelbarer wird. Der vollkommen religiöse Zustand aber wäre passiv,

buddhistisch -- Kunst unterscheidet sich von Religion durch ihren Gehalt

an Aktivität, Kunst ist Wille, Religion ist Sein, Kunst ist

optimistisch, wie alle Tat optimistisch ist, Religion ist pessimistisch,

Rückkehr zur unpersönlichen Totalität.«

Hans: »Daß Religion pessimistisch sei, ist meinem Gefühl unerwartete

Behauptung. Meine Stimmung der Welt gegenüber ist religiös, aber sie ist

gerade darum duldsam, nachsichtig, von einem aus Komik und Liebe

gemischten Mitfühlen, voll des Wunschs, daß jeder der kleinen oder

großen Narren seinen Willen habe.«

Lauda: »Wie sehr bestätigen Sie mit diesen Worten meine eignen. Mitleid,

Komik, Duldsamkeit sind Ausstrahlungen des Pessimistischen, gemildert

durch das Jasagen, das sich mit der Tatsache, daß wir nun einmal

existieren, abfindet. Ihre Stimmung ist also eine Mischung -- ich fälle

die Mischungsteile und erhalte als den primären Teil: das Nein.«

Hans: »Ich will Ihnen einen andren unsrer Maler zeigen, den

religiösesten, in dem die Sehnsucht nach Gott so wenig pessimistisch

ist, daß sie sich ganz mit Ethik, Gutsein identifiziert; er ist nah

daran, an den persönlichen Teufel als das Prinzip des Bösen zu glauben,

und quält sich in von uns allen nur geahnten Kämpfen, ihn durch Zucht

des Willens zu überwinden -- er ist in die Netze der Christian Society

geraten und spricht wie ein Buddhist davon, daß es keine Krankheit gebe,

wenn man den Willen zum Guten nur so steigre, daß er sie besiegt. Als

sein Bruder neulich, abgestürzt und zerschmettert, auf den Tod lag,

beschwor er den Ohnmächtigen, seine Lebensgeister zusammenzuraffen, und

raufte in biblischer Verzweiflung die strähnigen Indianerhaare, weil

seine eigne Kraft nicht groß genug war, den Sterbenden der Lockung des

Tods zu entreißen.«

Lauda: »Erscheint Ihnen das als Widerspruch? Das Verständnis stellt sich

ein, wenn Sie von seinem Glauben an den Dämon Teufel ausgehn. Der Wille

zum Ja symbolisiert in ihm das pessimistische Grundgefühl, kämpft gegen

es an, und der Glaube an das Gute ist nichts als ein diktatorischer

Versuch, das Ja stärker als das Nein sein zu lassen. Außerdem sind Güte,

Mitleid, Duldsamkeit ein Ausweg, um sich trotz des Wissens um die

Sinnlosigkeit des Geschehns in der Sphäre des Geschehns einzurichten,

sie sind die suveränste Leistung des ausgesetzten Geschöpfs -- fast

gelingt es ihm, sich von seiner tragischen Hilflosigkeit frei zu machen;

sie sind rührende Illusion, die über die Grausamkeit des

Existierenmüssens hinwegtäuscht.«

Sie traten vor die Bilder dieses Malers, da winkte Hans Obrecht selbst

herbei -- gleich wesentlich der Eindruck des Menschen und des Werks. Er

war bäurisch, in einem andren Sinn als die Genossen jener Zunft, mit der

Materie verbunden durch Heiligung; Fron in ihrem Dienst war auferlegte

Last Gottes, Sphäre des Schweren und Sündigen durch Denken und Demut zu

überwinden; er sah auf den ersten Augenblick alt aus, das Gesicht in

Rinnen zum Mund komponiert, der nicht die Schwingung der Frohen noch der

Sinnlichen hatte; Böswilliger konnte sagen, es sei ein Karpfenmund, und

es hätte nichts besagt.

In den Bildern viele franziskanische Farben, Gold, Weiß und Braun. Als

Längsachse eine weibliche Figur auf der Grenze zwischen

Gegenständlichkeit und Zersetzung; ein Verzauberter konnte so träumen,

daß ein lebendes Geschöpf vor ihm in seine Elemente zurückzuwachsen

begann, und die Elemente waren bausteinhafte Quadrate. Haube der Madonna

wurde zum Rundbogen, aufgeteilt in Schrägsteine einer Rustica; dieses

Prinzip übertrug sich auf die ganze Ebne des Bilds und zerlegte sie in

eine Summe von Vierecken, deren jedes wieder eine grathafte Mittelachse

herauszutreiben begann: die Kristallisationsachse, die Widerstandslinie,

an der sich Licht brach und Farbe wurde, Eigenschaft annahm --

gleichzeitige Wiedergeburt der Energie in vielen Feldern und

Vergeistigung von Licht und Farbe, wenn Vergeistigung Einschaltung eines

Widerstands bedeutete. Großer Eindruck von Heiligung der Farbe, des zu

Sinnlichen, brünstige Glut der Farbe in demütige Glut verwandelt. Lauda

sagte:

»Ich fühle, Herr Obrecht, nachdem ich abtrünnig war, langsam, unmerklich

Lust zu eigner Arbeit, Lockung des eignen Könnens wieder nahn, Ihre

Bilder sind wie neue Ermutigung, daß es möglich ist, mit dem Mittel der

Anschaulichkeit eine Stufe der fast vollendeten Anschauung zu erreichen

-- jenes Fast und Beinahe, das den Ehrlichen genug sein wird.«

Es bot ihm Obrecht eine Madonna zum Geschenk; zwischen zwei der

Aufteilungsfelder gebrochen stand Neumondsichel in einem

gründurchhauchten Blau, in das ein Matt stieg wie Nebel aus einer

Sommernacht; Körper der Frau wie durch zwei Spiegel gesehn, so fern.

Sie gingen weiter; ein andrer hatte ein Gebilde gemalt, wie wenn man aus

dem photographierten Meßwerk des Sternenhimmels ein Stück Milchstraße

vergrößert hätte und dieses Stück Himmel wäre der durchs Mikroskop

gesehne Querschnitt durch die Rotation eines Pflanzenleibs gewesen --

Mondkraterlandschaft als Blütenreigen gedeutet, Scheibenbild von

vergrößerten Blutkörperchen, den schwingenden Zellchen, den kreisenden

Tierchen: wo war der Unterschied zwischen Blume, Tier, Mond,

Sternenmeer? So nahliegend, den Querschnitt durch einen Baumstamm, einen

Stein ergänzend heranzuziehn, so selbstverständlich.

Und es hatte ein andrer, die Wand zweiteilend, neben Photographien von

Schmetterlings-, Käfer-, Seesternornamenten die eignen Variationen

dieser Rhythmen gehängt: er lehrte Lauda die Ornamente der Natur lesen.

Folgendermaßen erklärte er den Schmuck eines Schmetterlingsflügels:

»Links unten sind in zehn wagrechten Parallelen gewellte Linien: der

Stoß, der Satz im musikalischen Sinn. Er endet in einem senkrechten

Strich, der Zäsur. Von rechts oben kommend, eine verworfne Scholle,

dasselbe System: der Gegensatz. Zwischen beide eingeschlossen eine

Variation der in jenen Wellen enthaltnen Themen, nämlich der Kurve, des

Kreises, der Geraden, als Schema von kleinen Kugeln, die durch Stangen

verbunden sind: das ist die Fuge. Links oben eine tiefschwarz nächtliche

Partie, konturlos wie Öffnung einer Höhle: die Antithese des

Gestalteten, der Kontrapunkt des Ja. Und nun das Tiefste: da wo die Fuge

an den zweiten Satz stößt, ein vereinzelter roter Fleck, der deutlich

gesetzte Akzent, die Dissonanz und doch Zentrum der Mathematik des

Ganzen. Was ist das alles? Eine Kunstform der Natur? Richtiges und

nichtssagendes Wort. Es ist die Manifestation der innren Energiegesetze,

Abbild der rasenden Seismographie, des in die Existenzschießens, der

Hemmungen, Abreagierungen (Kurve, die Grundfigur der Natur). Wer die

Geburt der Kräfte, die Rhythmik des Bluts, das Geheimnis des Wachsens

studieren will -- hier ist sein Objekt. Mir gab die Beobachtung dieser

Rhythmen den Mut, meine eignen nach meinem Naturell zu zeichnen, die

Isobaren meiner Erregung, die Wetterkarte meines Tags.«

Doch waren diese Seelenkarten maßvolle Variation der studierten Natur,

und dieses Temperament fand Genüge in der kunstgewerblichen Anwendung;

es hingen Beutel, standen Gläser, Töpfe. Anders ter Brink, der

Holländer; er hatte ohne Studium der Natur die gleichen Grundgesetze von

Satz und Fuge gefunden, und die Pädagogik kam aus ihm selbst: als

fanatische Pedanterie sich äußernd. Lauda sah einen ausgehöhlten Mensch,

der in zwei Jahren Bergeinsamkeit sein Gehirn zuschanden gegrübelt

hatte, um als Beckmesser der neuen Kunst die Tafeln und Weisen zu hüten,

aufrechterhalten von der fixen Idee, in seiner Mappe die

Kompositionslehre der Zukunft zu tragen und berufen zu sein, den

Zeichenunterricht der Schulen umzugestalten. Dieser war der erste, der

auf der Ausschau nach einem Mittel, das ihm die pädagogische Macht in

die Hand spielen konnte, auf die Diktatur des Proletariats rechnete:

dann würde er als roter Kultusminister die Säle mit den Gipsmodellen

zertrümmern und die abstrakte Kunst als Staatskunst einführen. Stellt

euch mit mir gut, scherzte er -- es war wenig Scherz darin, er sandte

lauernde Blicke und notierte jakobinisch Gegnerschaft. Er war früher

recht und schlecht Maler gewesen, Landschaft abwandernd, und damals

hatte er eine Frau genommen und in einem nicht zu schlimmen

Reisezigeunertum gelebt. Als der neue Geist über ihn gekommen war,

quälte er die kleine Frau, vorwerfend, sie erkenne seine Messiassendung

nicht genug. Sie kam weinend zu Freunden, ohnmächtig, weil er es für

nichts erachtete, daß sie sich mit dem Verlust der Einnahmen abfand und

mit ihm hungerte. Hunger war ihm die Wollust des Märtyrers, Stigma

seiner Größe.

Um die Frau willenlos zu machen, ihr die zitternden Nerven der

Empfänglichkeit zu geben, die anzubeten bereit ist, setzte er vor ihren

Augen den Revolver an die Schläfe, sprang dann die Treppe hinauf, um im

abgeschloßnen Stockwerk über ihrem Kopf stundenlang auf- und abzugehn,

bisweilen stehnbleibend und den Hahn der Waffe knackend -- sie wand sich

unten in Angst; danach kam er blöde lächelnd wieder zum Vorschein und

ließ sich streicheln. Der Hunger trieb ihn wie ein Tier im Winter vom

Dorf hinunter, die Frau ging zum Konsulat, er nach Zürich, in

Nachtkaffees Klavier zu spielen; Biographie Leid von Künstlers

Erdenwallen, falscher Strindberg ganz. In Lauda entstand beim Anblick

des Überwachten Abwehr, wie in einem Europäer, der in chinesischen

Spelunken einen aufgegebnen Weißen sieht; harte Empfindung, doch ganz

elementar: man hat kein Recht zum Leid, wenn man unzulänglich ist, sich

darin spreizt. Leid ist Vorrecht derer, die die unpersönliche Demut

haben, Reinigung erleben werden.

* * * * *

Im letzten Zimmer hingen die Gipsreliefs eines Rumänen. Sie waren

bestimmt, als Fläche in die Fläche einer Wand eingemauert zu werden,

Überwindung des törichten plastischen Schmucks, der sich aus der

Mutterebene gelöst hat und stolz selbständig geworden ist, Überwindung

des Angeklebten, Daraufgestellten, Aufgehängten: es kehrte einer zur

Einheitlichkeit der alten Kunstvölker zurück, die noch nicht dualistisch

Bau und Schmuck zerrissen. Unnötig zu sagen, daß auch diese Reliefs

nicht schon existierende Körper noch einmal verwandten (Definition von

Schmuck, dem schlimmen Wort), sondern aus der Idee der Fläche der Fläche

entsprechende Motive gestalteten, ausstrahlende Linien, das Spiel von

Kante und Schatten darunter. Es gab der, der die Schmetterlingsflügel

photographiert hatte, die grundsätzliche Erklärung, er sagte:

»Der Mensch versteht den Sinn des Ornaments nicht mehr. Niemals in der

Natur werden Sie finden, daß irgendein Geschöpf, Tier, Pflanze oder

Stein, die Gestalt eines andren bestehenden Geschöpfs als Schmuckmotiv

verwendet, der Schmetterling ein Blümchen oder gar den Zwerg -- das tut

nur der Mensch auf seinen Lampenschirmen. Das für sich abgeschloßne

Geschöpf kommt als Motiv nicht in Betracht, denn es ist andrer Art;

jedes Geschöpf findet seinen Schmuck aus sich selbst, das heißt aus

seiner körperlichen Form; ist sie ein Kegel etwa, wie man sie am

Seestrand findet, laufen von der Spitze zum Kreis der Basis Rillen,

seien sie punktiert, seien sie zwei parallele Linien. Europäische Kunst

von heute ist unorganisch, das ist ihre Lüge. Der Maler, der die Kuh

malt, der Plastiker, der die Nymphe meißelt, ist so Pfuscher, wie es ein

Schmetterling wäre, der auf seine Flügel Putten setzte.«

Puck sagte: »Ich kann Ihnen die Bestätigung vor Augen führen, sie liegt

in meinem Hof.«

Man ging hinaus, er richtete das Licht einer Taschenlampe auf

Holzstämme, die auf die Säge warteten, und wies eine Stelle, wo die

Rinde gelöst war. Man sah die Gänge, die der Borkenkäfer zwischen Stamm

und Rinde gebohrt hatte, sie waren eingegraben in Stamm und Rinde.

Rillchen lag neben Rillchen, zitternd gewellte Parallelen, durch

Querstückchen miteinander verbunden -- das war das einzelne Feld. Feld

stand mit Feld durch Hauptgänge in Beziehung, Hauptgänge strahlten in

den Mittelpunkt. Entscheidend aber wurde, daß als Ganzes genommen dieses

Rillensystem nichts andres war als der Längsschnitt durch die Ebne des

Käfers selbst, so geschlossen und rund wie das Wappen eines Heraldikers

-- das Tier hatte sich selbst reproduziert, der Idee nach, als Gerüst

sowohl wie als innre Anatomie.

»Gut,« sagte Puck, »wir ziehn unsre Berechtigung aus der Natur selbst,

und wenn wir so praktisch demonstrieren, können wir das Publikum

überzeugen. Dürfen wir das Geheimnis verraten? Wir würden zu neuen

Naturalisten werden. Meine Herren, ich stelle in uns auch noch einen

andren Trieb fest, einen diesem Jasagen, diesem realistischen Ernst

entgegengesetzten. Wir wollen eine Diskussion eröffnen, ich will nicht

verschweigen, daß in einigen unter uns eine Opposition gegen die

Religiösen besteht, wenn wir religiös Obrecht, Hans und die den

Kunstformen der Natur Anhängenden nennen.«

Wieder im Haus, stehend vor den Sitzenden, entwickelte er:

»Laßt uns die Kräfte überschaun, die uns zu Gebot stehn. Vorfahren sind

deutsche Romantiker und Pariser Bohemiens, die einen erfanden die

romantische Ironie, Aufhebung des Ernsts, die andren das

Den-Bourgeois-Ärgern. Beides bleibt zu benutzen, ist nicht genug. Gegner

ist die Realität, der Bürger; wir können ihn nur schlagen, wenn wir ihn

mit seiner eignen wundervoll zum Existenzkampf ausgebildeten Waffe

bekämpfen, der Organisation, auf die er so stolz ist. Auch denkt er

bereits in Kontinenten, erdballkosmisch, international. Organisieren wir

den Welthumor, schärfren, höhnenderen als den alten. An zehn Stellen muß

die Bewegung auftauchen -- Ansätze sind ja da -- und in einem Gewand

auftreten, daß er sie für ernst nimmt. Wir suchen ihn in seinem Lager

auf, benutzen seine Publikationswege, Zeitung Reklame Prospekt und

Straße, sie alle ad absurdum führend, ohne daß er es merkt. Fortwährend

durch selbstverfaßte Notizen in den Blättern stehn, den Nobelpreis für

uns verlangen, wenn er fällig wird, die eigne Todesanzeige in die

Zeitung setzen und sie behaglich im Morgenblatt lesen, um acht Uhr früh

Extrablätter der »Neuen Zürcher Zeitung« herausgeben, daß Japan und

Mexiko auf die deutsche Seite getreten seien, und um neun die

Kursbeßrung ausnutzen, das heilige Vertrauen der Bürger in die Presse

stören, gefährlich sein, das Tamtam der Heilsarmee an etwas wenden, was

der Nachhilfe gar nicht bedarf, weil es schon in allen Köpfen sitzt; ein

nicht existierendes Genie durch tägliche Bulletins berühmt machen; die

Sensationslust der Menge wie ein Geschäftsmann gewordner

Psychoanalytiker berechnen und, ist der Fisch an der Angel, ihm die

Schuppen der Überzeugungen vom lebendigen Leib ziehn.«

Obrecht erhob sich, sagte schwer:

»Ich bin kein Redner, man soll das Wort sparen für heilige Dinge, das

Wort kommt vom Geist. Sprudelt es hervor wie bei Doktor Puck, lachend zu

tanzen, kommt es vom Bösen. Wir sind Künstler, das sind Suchende, Hüter

und Heger des Anvertrauten. Wir malen anders als Rembrandt und

Delacroix, sind sie darum weniger als wir? Ich nenne sie Brüder.«

Lisbao erregt zu ihm: »Sie malen besser als Sie philosophieren, warum

philosophieren Sie? Sie machen Kunst zu einer sozialen Angelegenheit, es

fehlt nicht viel, so definieren Sie sie als Hilfe, die wir den andren

bringen. Kunst ist die asozialste Angelegenheit, die egoistischste, die

es gibt, Traum des Ego in der Höhle der Individualität von sich selbst.

Kunst treiben und den andren verekeln, sie treiben und vor sich selbst

verekeln, anders ist sie nicht erträglich.«

Der letzte, den Lauda nicht kannte, stand auf und sagte kühl:

»Warum also, Freund Lisbao, sie überhaupt noch treiben? Aus Paradoxie,

Abneigung gegen Konsequenz? Ich schlage in diesem Fall doch vor, logisch

zu sein und nicht mehr zu dichten und zu malen. Sie sehn in mir den, der

mit dem Ehrgeiz begann, schrieb, wirkte, las und stritt, an einem

schönen Tag das große Manuskript verbrannte, seither anonymer Gentleman,

der ruhig durch die Leute geht und seine Freude an ihrer Dummheit hat,

klar, bestimmt, gepflegter Egoist. Laotse ist mir nicht nötig, ich forme

mein Brevier mir selbst.«

Er hieß Siriwan. Bei seinen ersten Sätzen glaubte Lauda sich selbst zu

hören, und dieser ward ihm wie ein hingehaltner Spiegel, sich zu sehn.

Der Gentleman als Variation der sich selbst genügenden Weisheit, der

geringste Einschlag von Religiosität oder Aktivität mit höflicher

Bestimmtheit abgelehnt, seltsam, wo die Durchbrüche des Geists mündeten;

auf jeden wartete eine schon längst gestaltete, banale Form. Causeur mit

Frack und Orchidee, war das sein, Laudas, Ergebnis? Ihm war, als habe er

den äußersten Punkt erreicht, Fuß halte zögernd an, für Umschlag sei die

Zeit gekommen.

Der Rest des Abends war lärmende Diskussion, es sprach ein jeder von

sich selbst. Ideen der andren lösten die eignen, und von allgemein

gültigen Gesetzen redend, setzte man als Norm ausschließlich sich. Hans,

der ihn nach Haus begleitete, sagte:

»Immer wenn ich wie eben Zeuge theoretischer Gespräche bin, denke ich an

Wiesen, auf denen Tiere weiden, jedes ruhig, schweigsam, eine

Tatsächlichkeit, und ketzerische Gedanken steigen auf, welch ein

besondres Tier der Mensch sei: als wäre er verdammt, _zwischen_ den

Typen zu weilen, nicht fest, nicht flüssig, ohne endgültigen

Aggregatzustand; als ob ein Dämon Rache an ihm genommen, Strafe auf ihn

gelegt hätte. Warum sind wir nicht wie die Tiere -- weil wir denken?

Also ist Denken Zersetzung, Krankheit, Verlust der Sicherheit? Es gibt

viele, die sicher scheinen, aber dieses Nichtschwanken ist Erstarrung,

und es ist nicht absoluter Natur, sondern bürgerlicher: Macht der

Verhältnisse. Ich verstehe Obrecht, den ich liebe, aber ich verstehe

auch Lisbao, den Empörer, und selbst Siriwan, der das Bequemste gewählt

hat, Zuschauer mit dem scharfen Auge zu sein. Ekstase ist Dämonie,

müssen wir dämonisch sein? Ich wäre so gern kindlich; kindliche Dämonie

finde ich wunderbar; vor den dunklen Sturm, der aus uns weht, eine

Sourdine der Milde setzen oder eine kleine Maschine aus dünnem Stoff,

farbigem Papier, die nun zu fächeln und zu glühn beginnt. Stolz der

andren, heftig zu sein, ist so fern.«

Lauda dachte an Siriwan, fragte Hans, was er von ihm wisse; Hans sagte:

»Man weiß nichts von ihm. Fragen nach seiner Nationalität beantwortet er

mit einem gut pointierten Scherz. So kommt es, daß diejenigen, die sich

für solche Realitäten interessieren, allerlei Vermutungen haben, weshalb

er nicht dient. Er geht durch alle Kreise; so kommt es, daß der eine,

dem er im Hotel in Gesellschaft begegnete, ihn einen schlanken

Diplomaten nennt, Freund bürgerlicher Damen oder aristokratischer; der

andre, der ihn nachts um zwei Uhr in einer verrufnen Schenke sitzen sah,

von ihm als jemand spricht, der den Straßenmädchen Geld abnimmt --

Cafégeschwätz, Legendenrankung um die Maske, die Siriwan trägt. Er hat

ihrer ein halbes Dutzend, es sind seine Gesichter.«

»Das alles,« sagte Lauda, »klingt merkwürdig literarisch; man sucht in

der Erinnrung, in welchem Stück man dem Gentleman begegnet ist, der

durch alle Kreise geht und Masken trägt -- es war die kitschige

Symbolisierung der tiefen Wahrheit, daß wir Gesichter tragen, um ein

Gesicht zu haben, und der noch tiefren, daß wir in verschiednen

Gestalten leben müssen, um einigermaßen dem Wirrwarr unsrer Wünsche und

Auffassungen gerecht zu werden. Was aber spielt sich dahinter ab, im

Zentrum dieses Menschen? Ist sein Denken schmerzlich oder nur obenhin?

Ist seine Abneigung gegen Kunst, Reden, Tat geistige Haltung, Mittel

naiv zu bleiben und sich Illusion zu wahren? Beruht sie auf einer

Energieleistung, denn den Widerstand durchführen, ist eine Leistung, und

ihr Sinn kann heißen: es darf sich nicht hingeben, wer sich behaupten

will. Wer aber mitdenken, mitleben, mitfühlen will, muß sich öffnen,

unlöslicher Widerspruch. Wie löst man ihn annähernd? Durch Nacheinander,

durch Rückkehr aus dem femininen Stadium in das männliche, durch Kampf

um die Selbstbehauptung, nicht durch ihre Proklamation. Deshalb ist der

Gentleman im geistigen Bereich so verdächtig, er wird Systematiker und

kalter Verneiner. Es ergibt sich: Aufhebung ist eine Methode, nicht ein

Dogma, und das entspricht ihrem Wesen -- sie muß sich selbst aufheben.

Man darf nicht die produktive Tätigkeit des Künstlers verwerfen, wenn

man nicht selbst produktiv ist. Ich werde mit diesem verkehren, er ist

mein Spiegel.«

* * * * *

In dieser Nacht blieb Lauda auf und nahm aus dem Koffer die seit zwei

Jahren nicht mehr berührten Manuskripte. Legitimes Gefühl, zwei Jahre

geschwiegen zu haben, reinlich wie Enthaltung vom Weib und stärkend wie

sie.

Er las das Stück durch, dessen letzten Akt er damals abgebrochen hatte,

und es strömte zu: Reichtum der Vorstellungen. Er nahm Platz, schrieb,

und der Akt ward gehoben in die Sphäre des Jenseits. Nachdem ihm

Geistigkeit zwei Jahre lang Zersetzung der in den Erscheinungen

wirkenden Energien gewesen war, wurde sie Zusammenballung der Kraft.

Ersparte Energie löste aus die verschwendende, vermehrt um den Willen

zur Formung: gestaltete Energie. Gespräch mit Hans vor den Bildern hatte

finden lassen, daß Kunst Energie ist, der Sphäre des manifestierten

Willens angehört (Irrtum Schopenhauers). Phänomen der Anschaulichkeit,

war sie von Anschauung getrennt durch die Aktivität.

Das war ihm keine neue Erkenntnis, wohl aber neue Fordrung. Also lag ihm

nichts mehr daran, Anschauung erreicht zu haben? Es lag ihm nicht daran,

in ihr zu verweilen -- auch sie verlangte, aufgehoben zu werden, der

Strom floß als Kurve in sich zurück. Entweder man sagte radikal zu

allem, was sich in der Sphäre der Tat bewegte und vollzog, Nein und

löschte sich aus Ekel oder Erkenntnis aus, oder man kehrte in diese

Sphäre zurück, die die Arena des Einsatzes war. Nannte man Anschauung

den religiösen Zustand, dann war Rückkehr zum Ja Abschwächung des

Religiösen -- Schicksal, das noch jede Religion erlitten hatte, als sie

sich in der als Reich der Sünde und des Leids verworfnen Welt doch

einzurichten begann.

Im Garten schwoll, von einem Augenblick zum andren, die Ekstase der den

Morgen verkündenden Vögel auf. Er trat ans Fenster. Schwer starrten die

Kronen, er empfand wieder die Düsterkeit des prangend Sinnlichen,

Astarte in der Anadyomene des jungen Lichts, die nur Nordländern mit dem

weißen Blut das Mädchen der knospenden Brüste war. Und als er den Gang

zum See antrat, war Morgenrot über den Bergen nicht nur rosiges Erglühn

-- auch brennende Flamme. Gleichwohl -- Glühn oder Glut, ob sie Mensch

kosten oder fraßen, sie waren Fanfare des Ja, und Wind, ob er der Holden

oder der Grausamen vorausging, war Kind des Morgens; wen er anwehte,

ward stark, so froh, erfüllt mit dem Hunger nach Tat.

An der Seemauer stand ein Mädchen, wandte sich um, als die Schritte des

Einsamen hallend herabkamen, erwartete ihn, sagte:

»Helfen Sie mir ein Boot lösen, fahren Sie mich hinaus.«

Er erkannte sie, nachdem er sie in Stein gesehn, und tat, was La Putana

hieß. Auf dem See löste sie das Gewand, sprang in die Flut, schwamm, er

tat ein Gleiches. Danach stand sie am Mast, furchtlos vor Männern, im

ersten Strahl die Haut trocknend; das Wasser zerrann wie Öl auf

wölbenden Flächen. Er sah in den Raum, das Leere, gestellt: die Form,

das Bestimmte, den Akzent der Energie, das von Grenzen Umschloßne --

Gefäß des Dämons Tat. Er sah im funkelnden Blick, der entzündeten Kohle,

und in geschürzten Lippen: den Dämon Tat.

Nein und Ja: Roman · 第 13 / 26 题