Lauda: »Also eine moralisch begründete Seelenwandrung.«

D'Arigo: »Ja, und es ist mir unbegreiflich, daß sie unter den Dogmen des

Christentums fehlt.«

Lauda: »Sie fehlt nicht ganz, Fegfeuer, Hölle, Paradies bringen

denselben Gedanken zum Ausdruck; nur die indische Fassung fehlt, weil

das Hauptgewicht ganz auf das Jenseits gelegt wurde. Sie dürfen

ruhig sagen, daß Sie gläubiger Christ im Schulsinn sind,

Anschaulichkeitsmensch durch und durch, jeder philosophischen

Differenzierung bar, Anthropomorphist durch und durch -- wenn ich

Wortspiele machen wollte, würde ich sagen Anthropomorphinist, es gäbe

einen Sinn.«

D'Arigo: »Worin bestände philosophisches Denken, wenn nicht in demütiger

Beschäftigung mit den höchsten Fragen?«

Lauda: »Ich könnte antworten: in dem Ausscheiden der Demut, denn Fragen

stellen heißt undemütig sein; ich sage besser: in dem Versuch, das, was

Sie Gott, Seele, moralischen Sinn des Ganzen nennen, als

Anschauungsformen Ihres Ich, genauer Ihrer Grundanschauungsform, der

Kausalität, zu erklären. Gott, Seele, moralischer Sinn sind Varianten

der Kausalität, es sind Projektionen der Logik, der Teleologie. Sie

sprechen von der Unsterblichkeit des Ich, der persönlichen Seele; für

mich sind diese Worte unerträglich an Banalität, sentimentalische

Eifrigkeiten.

Sie legen zu großen Wert auf den Begriff Eigenschaft, Seele ist

philosophisch betrachtet eigenschaftslos, in allen lebenden Wesen

gleich, unindividuell. Eigenschaften sind Phänomene der gestalteten

Welt, der Sphäre des Geschehens oder der Manifestation, Akzidenzien

sekundärer Art, Resultate des Aufbaus von Organismen. Es ist vielleicht

nicht richtig, zu sagen, daß mit dem Zerfall des Organismus die

Eigenschaften erlöschen, sie können latent in den kleinsten Zellen

weiterbestehn, so daß Vererbung nicht an den elterlichen Organismus

gebunden wäre; aber nicht darauf kommt es an, sondern darauf, ob, was

Sie persönliche Eigenschaften eines Ich nennen, eine grobe oder feine,

gute oder egoistische Art des Handelns, eine bestimmte Tendenz des

Denkens, die Ihnen eigentümlich ist, wie Farbe und Geruch der Pflanze --

es kommt darauf an, ob man von diesen Eigenschaften annehmen kann, daß

sie ursprünglich sind oder im Verlauf der Differenzierung entstanden,

anders ausgedrückt, ob sie in der absoluten Sphäre existieren. In ihr

löst sich mir alles in Vitalität, Dynamisch-Primäres auf, und

Unsterblichkeit wird selbstverständlich, Individualität aber ohne Sinn,

denn Sinn hätte ja nur ihre Bewahrung mit Haut und Haar, den Lastern und

der erreichten Erkenntniskraft. Der Naturwissenschaftler, der von

Erhaltung der Energie sprach, war der Wahrheit näher als Sie Christ, der

seine Zeitlichkeit retten will.

Ihrem Glauben an Seelenwandrung kann ich nur ein Zugeständnis machen: es

wäre denkbar, daß auch nach Auflösung eines Organismus, zum Beispiel

Mensch, die Zellenkerne, als eigentliche Träger der reizbaren Energie,

von seiner Individualität imprägniert blieben -- gleichsam kleine

ausgesetzte Minen mit eingestelltem Zünder, mit einem Vorzeichen

geschlüsselt, Zellen, _die ihr Erlebnis hatten_; sie würden

milliardenfach von den Späteren auf dem Nahrungsweg verschlungen und

wären an dieselbe Bedingung wie etwa krankheitserregende Bazillen

gebunden, den günstigen Boden, Prädisposition zu finden: Zellenkerne des

Plato sind unwirksam im Organismus des Cortez, wirksam in dem des

Paracelsus. Voraussetzung wäre, daß diese Zellenkerne nicht durch

Verdauung zerstört würden, das wird in der Tat behauptet. Sie also

würden eine Art seelischer Wandrung ermöglichen, Erinnrung des Plato

keimte in Paracelsus auf, wird weitergegeben an Kant, und Existenz wäre

eine ewige Wiederholung von typischen Kernen, die in einer fernen

Vorzeit ihre »Eigenschaft« adoptiert hätten, wie Tiere und Pflanzen,

heute im wesentlichen unverändert, früher einmal erste Eigenschaften

annahmen. Aber diese Theorie ist wie eine Einlage in der Symphonie der

monistischen Phänomenologie, und keine Stärkung Ihrer ethischen

Seelenwandrung, die hilflos an ihrem Dualismus zugrunde ginge, wenn Sie

klar dächten.«

D'Arigo nahm einen gelben Band, den Lauda nun schon kannte, und las:

Der Sinn den man ersinnen kann

ist nicht der ewige Sinn.

Der Name den man nennen kann

ist nicht der ewige Name.

Lauda: »Wie dunkel muß die Weisheit Laotses sein, wenn so verschiedne

Naturelle wie Puck und Sie sich auf ihn berufen. Aber was Puck ansteht,

steht Ihnen nicht an. Lassen Sie mich alles rücksichtslos sagen:

betrachte ich Sie, Ihre Herrengestalt, lasse ich die Schwingungen auf

mich wirken, die von Ihrer hagren, verschloßnen Energie ausgehn, dann

bedaure ich, daß Sie, geboren sich in allen Störungen der innren

Rotation zu behaupten, das neue Erlebnis der Demut nicht organisch

verarbeiten, nicht gleichsam dosieren, sondern alles Feste, Nervige

durchsetzen und zersetzen lassen. Jeder neue Gedanke, der in uns

aufkeimt, ist Störung und wird Wuchrung, wenn wir ihm nicht aus unsrer

Gesundheit heraus Schutzstoffe entgegensetzen; verdünnen wir ihn nicht,

vergiftet er uns. Es gibt eine geistige Schwängrung, der auch der Mann

erliegt, es ist die Vergewaltigung durch die Seele; sie erfolgt immer

dann, wenn in die Sphäre des Ich, des Einzelnen, die Vorstellung der

andren oder der Totalität einbricht.

Sie sagen, ich sei nicht religiös. Ich verzichte nur darauf, das zu

vereinigen, was sich nicht vereinigen läßt, die Sphäre des Ich und die

der andren, oder die Sphäre des Geschehens und die des Absoluten, ich

bewege mich in beiden, nacheinander, der Brückenlosigkeit bewußt, und

bin so, Sucher des Zugleich und der Einheit, doch im praktischen

Gebrauch reiner Dualist. Sie aber grenzen den Fremdkörper, der in Sie

getreten ist, nicht ab -- vielleicht ist er eine Frau, diejenige, die

Sie porträtieren.«

D'Arigo begann die Figuren mit nassen Tüchern zu bedecken; symbolische

Handlung, Bedeutung Laudas, daß Freundschaft nicht sein werde.

Sie gingen zusammen zur Stadt, vor einem Garten gab d'Arigo die Hand,

sagte: »Leben Sie wohl, hier ist Sellos Atelier, ich werde erwartet.«

Absicht war deutlich, Lauda sagte ruhig: »Wenn es möglich ist, nehmen

Sie mich mit, es ist erwünschte Gelegenheit, ihn kennen zu lernen.«

Sellos Statuen der triumphierenden Nacktheit schmückten Brunnen und

Hallen, auch war er Liebling der Kunstzeitschriften.

Sello war bei der Arbeit; straff, mit geschloßnen Schenkeln, die Arme

rückwärts gestreckt, damit die Kuppel des Bauchs, die Fanfare der Brust

sieghafter sei, stand in Lebensgröße das Weib. Sie stand und schritt

doch entgegen den Blicken, furchtlos vor Männern, Spitzen der Brüste

gegen sie gerichtet; im archaisierten Blick letzte Erinnrung an junge

Astarten.

Sello sagte: »Es ist mir etwas begegnet, wovon ich nicht weiß, ob es

mich entzückt oder stutzig macht: dieses Geschöpf (er wies auf die

Statue), Produkt der innren Energie, Überhöhung der Wirklichkeit, lebt,

sie war heute morgen hier und stand neben der Figur, ihre Kopie. Sie

wird mich zwingen, meinen Stil zu ändern, ich wäre nur noch

Modellnachahmer. Es ist eine junge Tessinerin, im ersten Jahr der

Hetäre, die wiedererstandne Renaissancekurtisane, von einer ältren

Schwester begleitet, die sie einführte. Die Grenzen sind geschlossen,

sonst wäre sie die Sensation Roms; statt mit jungen Fürsten lebt sie mit

den Zürcher Kriegsjuden. Sie ist sich ihrer Karriere bewußt, erlaubt

königlich, daß man sie La Putana nennt, als sei es der Name einer großen

Schauspielerin.«

* * * * *

Sello, umgänglicher Mensch, lud Lauda ein zur Zunft; einmal in der Woche

trafen sich die einheimischen Künstler in der Trinkstube einer

historischen Hotellerie, darin seit den Tagen der Humanisten jeder

Europareisende von Rang abgestiegen war. Sie waren trinkfreudiger als

Literaten, Malerei war sinnlichres Handwerk, Malerei hielt die

Berührung, mehr, die Verbindung mit Scholle Gebirge Landschaft aufrecht;

Malerei verwies auch auf die bodenständige erste Derbheit der

Erscheinungen -- so war um jeden etwas von der Philosophie des ebenfalls

mit der Realität verwachsnen Gottfried Keller, mannhafter Freisinn

bäurischer Färbung, sozialen Instinkts.

Dazu kam nach Wahl ein Akzidenz fremdländischer Reizung,

Italiensehnsucht wie bei Sello, vergnügte Erinnrung an Münchner Treiben,

Pariser Aufenthalt. Man war bei aller Freiheit eingeordnet in seßhafte

Wirklichkeit, fand Aufträge und konnte sich darauf verlassen, daß das

Organ der öffentlichen Meinung, die große Zeitung der geistigen

Hauptstadt, gewissenhaft von Zeit zu Zeit den Namen druckte, kurz man

durfte ruhig wie der Steuerzahler am Nebentisch seinen Veltliner

trinken, man war nicht mehr als er, man war gut demokratisch soviel wie

er.

Für Stimmung solcher Existenz und des Gewordnen, das sich auf Erden

einrichtet, war Lauda nicht unempfänglich, und Herzlichkeit der Aufnahme

verpflichtete menschlich; aber daß künstlerisch hier das Geruhige galt,

sie alle in überkommner Atmosphäre lebten, nicht eine neue bildeten, war

klar. Hier war noch Farbenfreude, Lust an der Unerschöpflichkeit der

sichtbaren Dinge; sie malten Spargel Engadinsee Kuh, und Duft stand

höher im Wert als Auflösung in Geometrie, Renoir höher als die

Mathematik Picassos. Irgendwie bestand Zusammenhang, grundsätzlicher,

beleuchtender, zwischen der Behaglichkeit des Stammtischs und der

Überlegung Sellos, ob sein Stil nun gefährdet sei, weil in der Realität

ein Modell aufgetaucht war, das ihn zum Kopisten machte. Daß solcher

Zufall möglich wurde, bewies, wie gering Umformung war, die er mit der

Natur vornahm.

Und was war von der Antwort zu halten, die d'Arigo gab, als Sello sich

anbot, ihm La Putana zu schicken, damit er ihren Akt studiere -- die

Antwort war, er dürfe sein Werk nicht gefährden. Lauda bekam Sehnsucht,

die Jungen, andren zu sehn, in denen Revolte war gegen die dumme

Existenz einer Malerei, die nun seit vierhundert Jahren sich in der

Sphäre der Realität eingerichtet hatte, den Zugang zur absoluten nicht

anders fand als durch die Dialektik, Abbildung der Erscheinung ziele auf

das Absolute hin, gemaltes und gemeißeltes Geschöpf lobe Gott.

Nein, das war in mittelalterlicher Kunst gewesen, als Geschöpf noch

nicht dualistisch Selbstzweck war, sondern nur Schmuck und Lobpreisung

in den dem Schöpfer gebauten Räumen. Nie sah er unmittelbarer die

Sinnlosigkeit einer Beschäftigung, die inmitten einer bürgerlich

fronenden Welt Weiber in ein Atelier führte, um sie auszuziehn und zu

malen -- kein Unterschied auch, wenn andre die Staffelei in die

Landschaft stellten, Schönheit von Weidenbaum und Wiese einzufangen. Das

alles war tragisch irreligiös in dem Maß, wie es religiös zu sein

behauptete, letzte Verbeugung der Zivilisation vor dem verlornen

Elementaren.

Er verließ die Zunft und ging dorthin, wo man die Jungen traf, ins

Kaffeehaus. Die in der Trinkstube mißachteten das Café, nannten es die

Börse der Heimatlosen. Die Literaten blieben nichts schuldig, hießen sie

ihrerseits Bürger -- es lag dieser Feindschaft objektiv eine

Tatsächlichkeit zugrund; gemeinsame Norm, an der sie sich beide maßen,

war das Verhältnis zur Realität, als welche philosophisch Sphäre der

Existenz, des Sichtbaren, Getrennten, praktisch Bürgerlichkeit,

Bejahung, Wille zum Positiven hieß. Kein Zweifel, wo die größre

Geistigkeit war: bei den Literaten; sie warfen doch wenigstens wie der

religiös, grundsätzlich denkende Mensch die Frage nach dem Wert der

Bejahung auf, erklärten die Sphäre der Tat mitsamt ihrer optimistischen

Philosophie des Du sollst Dich regen und bürgerlich voranbringen, als

problematisch -- Antwort auf diese Frage war also nur bei ihnen zu

erlangen, und wenn sie hundertmal Nichtstuer, in der Luft Schwebende

waren, sie waren diejenigen, die den Mut hatten, das Prinzip des Geists

dem der Tat radikal entgegenzustellen, und es war klar, daß, wenn nach

dem Krieg die Revision aller Grundlagen begann, das Prinzip der reinen

Intellektualität gleichberechtigt neben das des Positivismus treten

würde.

Die braven Maler waren Leute des Kompromiß, die Literaten Radikale der

Idee. Bei ihnen allein war eine Parallele zum System der Geometrie zu

finden, die, von gewissen letzten Abstraktionen ausgehend, eine Welt der

Statik und Konsequenz errichtete. Das Werk Picassos war eine solche

Parallele: die ersten Konzeptionen waren ganz, wie der Bürger und die

Kritiker sagten, künstlich, ohne Beziehung zu seelischen Nöten und

Bedürfnissen, aber das künstliche Gebilde begann zu sprossen und zu

blühn, alle Vitalität und Säfte ließen sich ihm zuführen, so daß es ein

Kosmos wurde wie ein andrer; das verstanden in deutschen Ländern die

Leute nicht, klagten befremdet, daß in dieser Kunst nichts von Trost für

ihren Seelenhunger sei, nicht Anhalt für ihre Ehe- und Gottprobleme.

So falsch. Sie wollten in der Kunst noch einmal die gegenständliche Welt

sehn, in der Meinung bestärkt werden, daß diese Sphäre für sie das

Wichtigste sei, ohne zu erkennen, daß sie nur Projektion einer

absolutren Sphäre war, nur Vorwand, um deren Gesetze, Proportionen,

Stoß, Gegenstoß, Mischungsverhältnisse sichtbar zu machen: sie wußten

nicht, daß das reale Geschöpf nur ein Kristallisationszentrum für

dynamische Kräfte war -- Ausgangspunkt jenes Grauens, das Lauda

bisweilen angesichts der Rührigkeit und des Optimismus des menschlichen

Treibens überfiel; denn das nur als Vorwand dienende Geschöpf, diese

_Hemmung_, an der die absolute Kraft sich brach, differenzierte,

Eigenschaften gewann, sichtbar wurde, neu sammelte, hielt sich für

selbständige Individualität, baute sein innres Leben aus, sprach in

groteskem Mißverständnis von einem Gott, der ihm gutgesinnt sei.

Der Abend war warm, Gang die Kais entlang zum Café schön, aber er spürte

das Grauen in allen Haarspitzen, hörte das böse Lachen aus der Lüge der

Schöpfung und verstand, daß in dieser neuen Kunst, die nicht mehr die

äußre Erscheinung der Gegenstände, sondern ihre innren Rotationsfiguren

darzustellen begann, so seltsam neben den ernst Arbeitenden die

Höhnenden, Überdrüssigen, Verwerfenden auftraten -- aus gemeinsamer

Wurzel entsprang der Geist der Demut und der Dissonanz, der bejahten

Kunst und der Ironie.

Er fand Lisbao und Puck, Miß Lilian und Hans in einen Kreis unbekannter

Menschen, aber es ward ihm nicht erlaubt Platz zu nehmen, Puck ging ihm

entgegen, sagte:

»Wir brechen auf, zwei Autos warten, kommen Sie mit, zum ersten

Versammlungsabend aller Ungegenständlichen und zur Besichtigung ihres

Ausstellungshauses, das kein andres als mein eignes ist.«

Das Haus war in dem einen Tag umgestaltet worden, nicht

wiederzuerkennen. In jedem Zimmer lag ein Teppich, an jeder Wand hingen

Bilder -- nur dadurch möglich, wie Puck sagte, daß jeder Künstler seinen

Teppich mitgebracht und seine Werke selbst aufgehängt hatte. Da die

Ausstellungshallen verweigert worden waren, hatten die Maler Selbsthilfe

beschlossen. Hans führte Lauda vor seine Arbeiten in Tusche, Holz und

Wolle.

»Auf morgen,« sagte er, »sind die Kritiker geladen. Sie werden vor

meinen Stickerein feststellen, daß ich ein begabter Kunstgewerbler sei,

denn sie werden zwar begreifen, daß man in Wollfäden nicht Zwerge und

Häuschen sticke, sondern abstrakte Flächen und Wertverhältnisse, aber

sie werden nicht fühlen, warum ich das für höher als Malerei achte, für

reiner. Denken Sie sich diese Komposition hier, die gleichnishalber wie

ein Querschnitt durch die innren Organe, ihre Aufeinander- und

Nebeneinanderlagrung ist, in Öl: es wäre zu direkt, die Farbe zu brutal,

es wäre der wirkliche Querschnitt durch die geöffnete Bauchhöhle.

Dadurch, daß ich die Farbe an ein Material binde, vergeistige ich sie,

rücke sie hinaus; in uns, in mir wenigstens, ist eine Abneigung gegen

die Heftigkeit der Farbe, ihre triumphierende, vergewaltigende

Sinnlichkeit.«

»Mir ist es verständlich,« antwortete Lauda, »vorhin, als ich zu Ihnen

ging, dachte ich, daß die Energie, um sichtbar zu werden, Materie

braucht, Materie ihr Kristallisationspunkt ist; Sie fügen eine neue

Phase hinzu: daß, zum zweitenmal vollzogen, die Materialisation die

Energie vergeistigt; die von der Materie auf den Künstler ausstrahlende

Energie bedarf abermals der Kristallisation, Kunst ist durch zwei

Instanzen von der primären Energie entfernt, Phantasie ist also Brechung

und Hemmung, ein Widerstand -- wessen? Offenbar des Individuums, des von

der Totalität Getrennten, gegen die Totalität. Das erlaubt mir, die oft

erhobne Forderung der Suveränität zu begründen und zugleich

festzustellen, an welchem Punkt sie kunstfeindlich wird: wenn der

Widerstand andauert, nicht nur dazu dient, die Materie prismatisch zu

zersetzen; Suveränität ist also der durchgeführte Widerstand des

Individuums gegen die Totalität, Kunst nur der kurzfristige.«

»Wir sollen nicht dauernd widerstehn,« sagte Hans mit einer

Herzenshöflichkeit, die aus dem Gefühl geistiger Begegnung kam, und

Lauda empfand: mit ihm wird Freundschaft möglich sein, Ablehnung

d'Arigos ward hier Milde.

Sie traten vor eine Tuschzeichnung Hans'. Lauda sagte:

»Durch Ihre von Lisbao vorgelesnen Gedichte bin ich dem Verständnis

näher. Es ist eine phantastische Ballade, Märchenelemente darin, die

Totenbarke Dantes oder die Versammlung der Bremer Stadtmusikanten; es

steht frei, Marhaftes und Tierhaftes anklingen zu fühlen.«

»Ja, es ist der Niederschlag der Stimmung eines bestimmten Tags. Man

kommt nach Hause; Erinnrung an Wald, Spuk, Barke im Licht, Gespanntes in

sich und andren, Quälen, Gutzueinandersein zieht noch einmal aus dem

innren Schacht, gleichzeitig, nebelhafter Schwaden abgeschiedner

Gespenster: hier sind sie, in Schwarz gebannt, unmateriell,

unaufdringlich; nicht Unterschrift und Legende darunter, sondern dem

Beschauer überlassen, sie nach seinen eignen Erlebnissen auszulegen;

denn auch diese, seine Erlebnisse, reduzieren sich auf Spannung, Härte,

Weichheit, Atomverbindungen des Temperaments.«

»Wissen Sie auch,« antwortete Lauda, »daß das, was Sie eben sagten, dazu

nötigt, mit dem Begriff abstrakte Kunst vorsichtig zu sein? Sie geben

den Niederschlag Ihrer _Stimmung_, Ihres Temperaments, in ihrem Fall

eines unheftigen, pflanzenhaften, weichen Temperaments, Sie sind also

nicht radikal abstrakt im philosophischen Sinn, denn dann wären Sie ganz

unsinnlich, sondern nur mild sinnlich, annähernd abstrakt im

anschaulichen Sinn eben der Kunst. Sie geben nicht reine Geometrie,

sondern nur gereinigtes Gefühl wie im Lied des Musikers. Es ist aber

theoretisch denkbar, daß ein Künstler auf die Stimmung verzichtet und

nur Geometrie darstellt, er würde die Farbe, die Sie ja auch haben, ganz

meiden, nur Linien gelten lassen, und sie wären nur noch die Verbindung

von Punkten, durch Gerade oder Kurve.«

»Es ist nicht nur theoretisch denkbar, es hängt praktisch hier,« sagte

Hans lächelnd und führte ihn vor die Zeichnungen eines Hispanofranzosen.

Es waren Querschnitte durch imaginäre Maschinen, die Kurve eines Beckens

endete in einem Läutwerk, Bleigefäß mit Spirale, und um sich

verständlich zu machen, hatte er gleichgültig oder herausfordernd längs

der Kurve geschrieben: vagin brillant, schlüpfrige Scheide.

»Warum zeichnet er noch überhaupt, warum verzichtet er nicht? Er hat die

Grenze der Kunst überschritten, muß Zyniker oder ganz Müder sein.«

»Sie erraten ihn gut, er spricht mit grenzenloser Gleichgültigkeit von

Kunst, schleppt heute sein einst hart angreifendes Temperament müde

durch die Welt, ein reisender Mylord, der zu träge ist, zu gehn, er

nimmt eine Kutsche am Bahnhof, wenn das Hotel gegenüber liegt.«

Nein und Ja: Roman · 第 12 / 26 题