III

Lauda wohnte in Miß Lilians Pension. Auf seinem Tisch lag die Karte

Zürichs, Erleichtrung der Besuche, die er machte. Sooft er eine neue

Straße nachsah, zog er die Linie von der Pension zu ihr; die Karte

bedeckte sich mit einem Netz. Dieses Netz, sagte er, ist wie einer der

Schlüssel, die man auf Geheimschriften legt; es bildet eine Figur, unter

der sich die fremde Siedlung einmal in der Erinnrung darstellen wird; es

ist so persönlich und einmalig wie die Linien meiner Hand. Immer und

überall legen wir solches Netz auf die Erscheinungen; auch das Bild, das

ich von einem Mensch gewinne, ist nicht anders, ich stecke Momente ab,

durch die er sich enthüllt, und dieses konstruktive Gebilde nenne ich

dann seinen Charakter. Verkehre ich nicht viel mit ihm oder treten nicht

Situationen ein, in denen er bestimmte Stellung nehmen muß, so bleibt es

noch unvollkommner, als selbst das der Stadt, ohne daß doch ich, wir

alle, den Hochmut aufgeben, zu glauben, man kenne einen Mensch. Wir

wissen wenig vom andren, wir können ehrlicherweise nur feststellen, wie

er uns in einem bestimmten Fall erschienen ist, Klarheit über ihn ist

Schwindel.

Wie Bestätigung war der erste Besuch, den er machte, bei Fräulein Betz.

Sie empfing im Schlafzimmer; der Schreibtisch und die Bücher standen

darin, obwohl sie eine kleine Wohnung hatte; man konnte entweder sagen,

sie habe in das Schlafzimmer allen Besitz von Wert und Liebe gebracht,

die Teppiche, die Felle, die auf Reisen erworbnen Gegenstände, oder sie

habe in einen Raum, der diese Dinge enthielt, auch noch das Bett

gestellt, es kam auf dasselbe hinaus, Mittelpunkt und Sinn war das Bett.

Es war ein kühler Abend, und im Kamin brannte ein Feuer.

Er hatte sie für ein etwas altjüngferliches Mädchen gehalten, nun wurde

sie durch die Dankbarkeit, mit der sie vom Bett sprach, das Ruhe, Wärme

und denkende Lage spendet, und die Unbefangenheit, mit der sie es tat,

mütterlich. Es gab ihr Realität, hier war sie nicht mehr die ein wenig

melancholische Einsame, durch die Welt irrende Geistige; in diesem Bett

hatte ihre Mutter sie geboren und war gestorben -- etwas von solcher

Frauenatmosphäre war nun um sie selbst, und darin wiederum ein Hauch

vergangner französischer Jahrhunderte, denn es war ein abstehendes

Himmelbett, wie es Montaigne gepriesen hatte, mit einer richtigen

Bettgasse, der Ruelle, wie sie sagte; fast konnte man sich die

Geschichten Brantomes hier erzählt denken. Die Altruistin, die die Welt

nicht mehr begriff, weil sie sich zerfleischte, hatte ihre kleine Welt,

in der sie Genügen fand; die Pazifistin, die ruhelos als Wanderapostel

umherreiste, verstand sich auf sich selbst zurückzuziehn, und wenn es

Resignation war, in dieser Zeit an einem Schreibtisch für die Idee

weiterzuarbeiten, enthielt die Resignation doch die Möglichkeit des

letzten zähen Willens: bis zu einem Tischchen in die Enge getrieben,

nahm er daran Platz. Sie trug ein loses Hauskleid, man sah ihre Gestalt,

zarte, so viel mädchenhaftre als das Gesicht mit den nie durch Erleben

entspannten Zügen.

Sie stand am Kamin, vor ihr, im Sessel, saß Lilian und schaute mit

blauen Augen, das hartnäckige amerikanische Kinn gehoben, verzückt zu

ihr hinauf, denn Fräulein Betz sprach von Amerika. Lilian stieß kleine

Schreie der Freude aus, zum erstenmal sah Lauda sie bewegt. Madeleine

erzählte, wie sie an dem Eiswasser des Hotels magenkrank geworden war:

Begeistrung Lilians für ihr Land.

Lauda hörte aufmerksam auf die Worte des Mädchens, den augenblicklichen

Sinn und den tiefren, aussagenden, der vielleicht in ihnen verborgen war

-- doch was sie sagte, war plaudernde Nichtigkeit, Freude am

Belanglosen; Unterhaltung über rückwärts gelegne Dinge verhalf ihr zu

der Illusion, gesehn und erlebt zu haben -- dumme kleine Puppe, hübsche

schlanke Puppe mit den gotisch vorgewölbten Hüften.

Sie schlug die Beine übereinander, und wenn sie wechselte, war es wie

die Bewegung zweier Arme, die sich öffnen, um an sich zu ziehn --

unmöglich, daß sie sich der erregenden Gebärde nicht bewußt war. In ihm

ein Hin und Her. Ihre Harmlosigkeit und Dankbarkeit, reden zu dürfen,

rührte ihn, die junge hilflose Sinnlichkeit, die an den Exhibitionismus

kleiner Mädchen vor Fremden zurückdenken ließ, verstärkte dieses Gefühl,

aber danach war alles Auslegung, sowohl: sie ist ein Mensch, der

geschont sein will, ein Recht auf Leben hat, als auch: sie ist ein

Mensch, der nicht geschont sein will, mir wider meinen Willen, dank

einer Deutlichkeit, die ihre Angelegenheit ist, diese vergewaltigende

Vorstellung der zweiten Arme und des geheimren Munds mit schwellenden

Lippen gibt. Suche ich mir ein Bild von ihr zu machen, bleibt alles

ungeformt, wenn ich an ihre »Seele« denke; Bestimmteres, Züge stellen

sich erst ein, wenn ich von der sinnlichen Seite sie betrachte, da erst

bieten sich Vorstellungen ihres möglichen Temperaments, Warten auf

Angriff, Provokation, die dann vielleicht in Empörung umschlägt -- das

heißt, daß man ihr zu einem moralischen Faktum verhelfen soll, das ihr

erlaubt, endlich eine klare Haltung einzunehmen.

Ihr dazu zu verhelfen, sind andre nötig: Auffordrung an andre, den

Dienst zu erweisen. Erweisen sie ihn, werden sie vermutlich abgelehnt --

was ist das? Not, verständlich und zugestanden; aber auch Unmoralität im

Sinn von Undankbarkeit und Unaufrichtigkeit. Vielleicht tat er ihr

unrecht, er wußte es nicht, aber er war nun geneigt, sie in die Sphäre

Masochs zu stellen.

Widersprechende Empfindungen auch Madeleine gegenüber. Es rührte ihn

sowohl, sie in ihrer frauenhaften Häuslichkeit gesehn zu haben, als sie

mit Lilian menschlich, fast mütterlich plaudern zu hören, doppelte

Einsicht in Güte; aber als sie das Gespräch mit dem Mädchen abbrach,

erhielt er einen Blick von ihr, der Achselzucken über die Trivialität

der Amerikanerin war, mokanten einer schmallippigen Schulleiterin, die

sich durch Abhören einen Einblick in die Reife eines Zöglings verschafft

hat. Es deprimierte ihn; von Natur aus war stärkre Neigung in ihm, das

»Gute« im Menschen zu sehn als das Egoistische, gut im Sinn von Duldung,

Gerechtsein, Existierenlassen ohne Urteilen und Verwerfen. Stand sie mit

dem Rücken gegen ihn, sah er die zarte Gestalt; sah er das Gesicht, las

er darauf die in die Jahre wachsende Verbittrung. Er kannte die

Versuchung, aus einem Mensch einen Charakterzug herauszunehmen und als

wesentlich hinzustellen, so gut aus seinem Handwerk und dem der

Schriftstellergefährten; es war so bequem. In Wirklichkeit mußte man

neben den einen Zug viele andre setzen und darauf verzichten, die

Einheitlichkeit zu geben -- Mensch war vielleicht nur ein Nebeneinander

von Zügen, Wesen in der Zeitlichkeit.

* * * * *

D'Arigo wurde erwartet, kam nicht, Lauda ging mit Lilian allein nach

Haus. Der Weg führte über den Zürichberg, entlang dem Wald, der einst

bis zum See hinabgestiegen war, jetzt nur noch auf der Höhe die

geregelten Irrlichter der Stadt umkränzte.

Ein Ton drang herauf, Lauda blieb betroffen stehn. Es war ein

wiederkehrender Klagelaut, wie wenn Wind durch eine Aeolsharfe zieht, er

hatte ihn einst vor Paris aus der bewohnten Ebne gehört und Stimme der

Ebne, des geheim lebenden Geschöpfs genannt -- nun schwebte er über der

Stadt am See.

»Auch die Dinge aus Stein sind belebt,« sagte er, »Städte sind

Himmelskörper, wesenhaft. Paris ist eine Frau, bereit, jedem, der zu ihr

kommt, Südamerikaner Schweden Tonkinesen, Erlebnis zu werden -- ein

wenig kokottenhaft mag es sein und doch so fröhlich, jung. Paris ist die

einzige Stadt, die Gegenwart hat, die andren haben Zukunft oder

Vergangenheit.«

»Neuyork oder Berlin hätten keine Gegenwart?«

»Materielle wohl der Arbeitsstätte; sie sind Stadium einer Jagd nach

Geld und Macht; geistige Gegenwart, Wissen um den Sinn des Augenblicks

haben sie nicht. Daß man in der Zeitlichkeit lebt, einmal nur, fühlt man

auch anderswo, aber dann ist es immer ein losgelöstes Gefühl, für sich

gedanklich existierend -- in Paris ist es wie ein Duft in das unbedingte

Ja gemischt, ein Hauch von Geist und Geistigkeit im Treiben der

Materialität. Verstehn Sie, Miß Lilian, was ich sage?«

»Ein wenig, nicht sehr, freimütig gesagt nein, in Amerika philosophiert

man nicht,« antwortete sie. Er sagte spöttisch:

»Nein, das tut man dort nicht. Die einzige Form von Vergeistigung des

Sinnlichen, die ich bei Amerikanern kenne, ist der Flirt, und er

allerdings hält von dem nahliegenden Urteil ab, sie seien eine junge

Rasse. Sie sind darin älter als die Deutschen, die von der

Raffiniertheit des Flirts nichts wissen. Lieben Sie ihn?«

»Sehr.«

»Warum wohl?« forschte er.

»Weil er hübsch und kurzweilig ist.«

»Weil er eine Einrichtung ist, die allen Vorteil der Frau gibt. _Sie_

fordert heraus, _sie_ bestimmt die Grenze, die erstaunlich weit gesteckt

ist, und _sie_ macht den erregten Mann reif zu dem, wonach sie verlangt,

der Heirat, einer Heirat, die ihr erlaubt, auch jetzt noch die

Prinzessin zu sein, verwöhnte in Luxus.«

»Ich weiß, die deutschen Männer lieben es nicht, die Frau zu verwöhnen.«

»Wenn es das allein wäre, warum nicht? Aber es ist eine Lüge in dieser

Verherrlichung der Frau. Theoretisch ist Flirt wundervoll, weil er kühn

die Sinnlichkeit in den Verkehr schon der jungen Leute einstellt und ihr

nicht gestattet, mehr als ein Spiel zu sein. In amerikanischer Praxis

aber wird er ein Mittel, den Mann zum Knaben zu machen, seine Kenntnisse

der Frau zu verfälschen, die vollkommenste Gynokratie einzuführen. Was

weiß er von euch? Nichts, er ist euer Schemel. Er wird gelockt, aber

danach soll er anbeten. Es ist nicht eine einfache Moralität, die ihn

zum Heiraten zwingt, sondern eine komplizierte, die die weiblichen

Versprechungen nicht scheut; es ist die Verheißung der Amazone, die im

Oberleib männlich ist, aber in den Hüften Weib. Wenn ihr nach Europa

kommt, erfüllt ihr die Männer mit bösen und harten Gelüsten, mit einem

schlimmen Wunsch, euch zur Eindeutigkeit zu zwingen.«

»Sie sprechen wie d'Arigo.«

»Wie stehn Sie mit ihm?« fragte er und war neugierig, wie sie solche

Frage aufnahm.

»Ich lernte ihn in Paris kennen, er war sofort rücksichtslos wie Sie,

verlangte, ich solle ihm stehn. Er besuchte mich bei meiner Familie in

Trouville, reiste über Nacht ab. Er bot mit halbem Wort die Ehe an,

zögerte vor dem ganzen. Dann traf ich ihn in Zürich wieder.«

»Und hoffst, daß er das ganze doch finden wird,« dachte er, »gute

Lilian, wo der Flirt versagt, bleibt dem Mädchen aus der neuen Welt

nichts übrig, als wie das der alten auf die Initiative des Manns zu

warten.«

Aber warum ging sie nicht nach Amerika zurück, einen der jungen Leute zu

heiraten, die in Hemdsärmeln und Schweiß des Angesichts arbeiteten,

damit die Frau keinen Finger zu rühren nötig hatte?

Die Antwort enthüllte private Bedingungen ihrer Existenz. Solang sie

studierte, empfing sie Unterhalt; kehrte sie ohne Examen zurück, wäre

ihr nichts übrig geblieben, als Sekretärin zu werden.

»Aber das ist ja das Sprungbrett zur typischen Prinzessinnenkarriere

Amerikas,« sagte Lauda.

Gleichwohl, es war unsicher, und sie zog vor, als Dame zurückzukehren.

O, sie hatte ihre Wünsche, Passivität verband sich mit Anspruch, belohnt

zu werden, daß man hübsch war und Männer gern mit einem durch die

Straßen gingen. Aber wie andeutungsweise, ungeformt das alles in ihr

ruhte; wie gering jene Beunruhigung durch das Bewußtsein,

Widersprechendes in sich zu tragen, aus der das Temperament entspringt

-- Temperament war die moralische Manifestation dieses Bewußtseins, der

tapfere Entschluß, sich durch Erlebnis zu ordnen. Hätte er ihr von der

Sweetgirllüsternheit gesprochen, die er in ihr vermutete, von der

sinnlichen Vorstellung, zu der sie ihn vorhin im Zimmer herausgefordert

hatte, wäre sie nicht weiter mit ihm gegangen; hätte er ihr gesagt, daß

man die Verpflichtung habe, solche Elemente im Blut selbst einzugestehn,

durch Tat so oder so blühn zu lassen oder auszuscheiden, würde sie ihn

nicht verstanden haben. Hirn im Stadium des Ungefähr, Egoismen verankert

im Anspruch auf Recht zu existieren, und vermehrt durch Bewußtsein der

Jugend und dessen, was man in Deutschland Holdheit eines jungen Mädchens

nannte. Sweet girl, warum soll ich sentimentalistisch dieser Holdheit

untertan werden und übersehn, daß du von der Kokotte das Lippenrot

adoptierst, um ihre Sphäre unverbindlich zu streifen? Du gibst mir

Barbarengedanken ein, Männergedanken, dich zum Bekenntnis zu zwingen,

durch Gewalttat das erste wirkliche Faktum in dein Leben zu setzen,

unpersönlicher Rächer zu sein, denn es ist nicht erlaubt, unverbindlich

zu bleiben.

Er wagte es die Hand um sie zu legen, die negative Brust, die positiven

Hüften, und Mephistowunsch, sie zur Tatsache dieser Hüften hinzuleiten,

ward stark. Sie standen an einem Gartenpförtchen, dahinter eine dunkle

Tür, die in ein Zimmer führte. Da ward Licht angedreht, und sie sahn in

den Raum hinein, es stand ein Bett ohne Leinenzeug darin, im übrigen war

es unmöbliert, nur Stickereien an der Wand. Drei junge Leute, brüderlich

durch Knabengröße, hüpften auf und ab, als hingen sie an Fäden von der

Decke und würden angezogen, die grotesk troddelhaften Bewegungen eines

Grizzlitanzes auszuführen -- es schwankten die Köpfe hin und her wie

schwere Birnen an zu schwachem Stiel.

»Ich bin dreihundert Jahre zu spät geboren,« sagte der mittlere, »wäre

Hofnarr in ernster Zeit gewesen. Meine Mutter trug mich nicht aus, die

zwei letzten Monate sollte ich in der Organisation des Zeitalters

unterrichtet werden, da kam sie nieder, bin der Organisation nicht

gewachsen.«

»Lieber Mitembryo,« sagte der zweite und hob eine Stickerei von der

Wand, »erinnerst du dich, wie wir in der Nacht des Schoßes vom

gegensätzlichen Licht träumten, blauen Tagen mit rauschendem Birnbaum

und roten Tomaten? Das Licht langweilt mich nun, ich träume mich in den

Schoß zurück und sticke seine Landschaft, die grünblaugelben Stränge,

Korallen des Bluts, Flechten der Schleimhäute, Hälften der Niere.«

»Kunst ist Traum der innren Geographie, Nach-traum der Vorgeburt,« sagte

der dritte, in dem Lauda Lisbao erkannte, »Uterus stellt sich selber

dar, Land der vegetativen Existenz, da noch nicht Individualität ist,

und noch nicht Lüge. Ich sehe zehntausend Embryos in ihrer Zelle,

Händchen ohne Finger spielen mit dem Nabelstrang, dem wahren Band der

Totalität.«

Sie lachten, drehten Auftritt abgestellt das Licht aus, verließen das

Haus, man hörte die Stimmen sich bergabwärts entfernen.

Lauda lenkte Lilian zu dem Pförtchen, als sei das der Weg, führte sie

ins Zimmer. Ihr Fuß sieß sich an die Wand.

»Mein Gott, wo sind wir?« schrie sie auf.

»In der Mitternacht, der erste Schlag hebt aus. Bis der zwölfte

verklingt, ist mir Freiheit vor mir selbst, Erlaubnis dem Dämon gegeben,

der, wenn er Salambo sieht, die Begierde fühlt, das goldne Kettchen zu

sprengen. Sie sind feig, Lilian, denn sie gehn zum Spiel, ohne den

Einsatz bereitzuhalten.«

Der zwölfte Schlag verklang, aber eine andre Uhr hob aus, und Lilian

lächelte im ungewissen Licht der Tür wie ein Kind, das schlau Dialektik

treibt -- war sie ihm willig?

»Habe ich denn auch mit Ihnen gespielt,« sagte sie, und es konnte

heißen, daß sie nicht widerstand. Aber die Frage dämpfte seine

Rücksichtslosigkeit; nein, ihn hatte sie nicht herausgefordert; er sagte

sanft: »Wir sind auf falschem Weg,« und führte sie zurück. Zu spät, die

Tür ward aufgerissen, und vom Revolver Lisbaos gedeckt, schaltete der

knabenhafte Erste das Licht ein. Sein ängstliches Gesicht hellte sich

auf, als er Lilian sah, schnell gefaßt beugte er ein Knie und sagte:

»Schöne Blancheflor, ich bin entzückt, daß Ihr zum Stelldichein mit

diesem Ritter mein Haus gewählt habt. Wisset, daß Ihr bei Puck seid, dem

aus dem Sommernachtstraum; es tut mir leid, daß ein Eigentumsdünkel, den

Ihr dem Jahrhundert zuschreiben wollt, mich einen Augenblick an Diebe

und Mörder denken ließ. Verzeiht, wir ziehn uns zurück und bedauern nur,

das Lager nicht mit Euch zukommenden Rosen geschmückt zu haben.«

Er machte Miene, die Freunde hinauszudrängen. Lauda sagte: »Miß Lilian

wurde von einem Unwohlsein befallen, ich hatte vorhin Herrn Lisbao

gesehn und nahm an, es sei sein Haus.«

»Allrigt, so wollen wir die Schwäche mit Kognak lindern,« antwortete

Puck und führte in die vordre Stube, niedre eines Bauernhauses,

Tafelwerk; es stand ein Tisch, kondensierte Milch, Papiere drauf, drei

Stühle, eine Kiste; Adresse daran wie auf den Briefen: Puck, Dr. phil.

»Doktor Puck, der Zeit entsprechend,« sagte er, »das erstaunt Sie? Im

übrigen fühle ich mich voll und ganz, wie die Deutschen in ihren Reden

sagen, als aus dem Märchenstamme Pucks entsprossen. Sehn Sie mich an,

neunundneunzig Pfund schwer, das ist fast engelhaft und gibt Gedanken

ein an Fliegenkönnen; bartlos wie ein Chinese und die Hasenscharte in

der Lippe Stigma der kleinen Dämonie. Es wundert Sie, daß ich kaum

zwanzigjährig schon den Doktor habe? Little Puck war ein Wunderkind,

schlüpfte im siebten Monat aus und erweckte alle Hoffnungen, spielend

das Reich der Realität zu meistern, drei Tanten suchen nun Erbinnen für

ihn aus -- die Brüder fallen im Krieg, die Erbinnen steigen. Hehe, Puck

wird nicht heiraten, will das Lachen organisieren, Hofnarr der ernsten

Zeit. Erlauben Sie, daß er seine Gehilfen vorstellt: Lisbao, der düstre

Poet, Hans mit den opalisierenden Augen, in dem ein pflanzenhafter

Elementargeist wohnt; Fleisch ist ihm ein Greuel, hat noch nie einen

Pfennig verdient, nie einen Feind gehabt, sein Gutsein ist negativ, weil

ihm die positive Energie fehlt, und positiv, weil Gutsein immer sieghaft

ist -- Sie haben vor sich das Triumvirat der Drei im feurigen Ofen

dieser Zeit: sie verbrennen nicht, denn es ist keine Materie in ihnen,

die dem Staub der Zeit verwandt wäre, sie schießen nicht, töten nicht,

spekulieren nicht in Aktien, sie sind Vorboten der metaphysischen Welt,

darum lacht der eine über die Realität, der andre fällt sie grimmig an,

der dritte bestaunt sie hilflos und verwundert.«

»Lieber Puck,« sagte Lauda, »das sind große Worte, sagen Sie nun, was

Sie tun.«

»O, hängen Sie der Tat an? Hören Sie?«

Er setzte eine Hornbrille auf, nahm am Tisch Platz und las aus einem

Buch, langsam, laut, als öffne sich die Wand und die Arena senke sich

bis zum See. Das Schalksgesicht war demütig ernst, geglättet

quecksilberne Beweglichkeit. Er las:

Die Welt erobern wollen durch Handeln

ich habe erlebt daß das mißlingt.

Die Welt ist ein geistiges Ding

das man nicht behandeln darf.

Wer handelt verdirbt sie

wer festhält verliert sie.

Denn die Geschöpfe gehen voran oder folgen

sie seufzen oder schnauben

sie sind stark oder schwach

sie siegen oder unterliegen.

Also auch der Berufene:

Er meidet das Heftige

Er meidet das Üppige

Er meidet das Großartige.

»Die Welt ist ein geistiges Ding, das man nicht behandeln darf -- als

ich das las, beging ich zum einzigen Mal in meinem Leben eine

Nachahmung, ich wollte wie Laotse tun, der nach Westen ritt, zum Reich

hinaus. Dem Wächter an der Grenze gab er sein Buch; aber mich hätten sie

festgenommen und unter die Soldaten gesteckt, das ist der Unterschied.

So blieb nichts übrig, als das zweite zu tun, was er empfiehlt, aus der

Stadt aufs Land zu gehn, da fand ich dieses Haus. Es ist noch der

Schweißgeruch des Bauern darin, heiliger Geruch, weiser Geruch. Es

einzurichten ist unnötig; wer ein Haus schmückt, wird sein Sklave, in

ihm leben ist genug; zweimal am Tag wird es mir lieb: wenn ich es

verlasse, um den Berg hinab zu den Menschen zu gehn, und wenn ich den

Berg ersteige, müde der Stadt. Hans tut nichts im handelnden Sinn, er

sitzt in einem andren Haus und zeichnet mit schwarzer Tusche die innren

Gebilde auf gelbliches Reispapier; an der Wand kauern Mädchen und

sticken mit seidnen Fäden die innren Gebilde; sanfter Pascha schläft er

nicht mit den Mädchen. Lisbao tut nichts, er spinnt um seinen Nabel

Wortfäden, den Strang der Totalität. Nichtstuer sind wir im Sinn derer,

die im Reich des Geschehens leben; die einzige Lüge ist, daß wir von

Vätern, Onkeln das Geld nehmen, so müßig zu gehn. Ihr Entgelt, daß sie

uns verachten dürfen; aber früher, als Blancheflor geheiratet hat, wird

die Zeit kommen, da das Geschehn draußen zusammenbricht und die Menschen

der Tat überdrüssig werden -- unsre Zeit, wir die Verkünder des Geists,

der Anschauung ist.«

»Es drängt sich auf,« sagte Lauda zu Lilian auf dem Heimweg, »daß alle

Elemente des Geistigen jederzeit vorhanden sind. Seit mich die

Unvereinbarkeit von Tun und Anschauung beschäftigt, begegne ich auf

Schritt und Tritt Menschen, deren ganzes Sinnen auf dieses Problem

gerichtet scheint. Wäre ich nicht selbst nun darauf eingestellt, würde

ich die drei vielleicht nur Narren heißen, heute bin ich versucht, sie

zwar nicht die Nornen der Zeit, aber ihre Kobolde zu nennen. Sahn Sie je

eine so seltsame Übereinstimmung der Figuren, des körperlichen Formats?

Das Geschlecht derer, die nicht das Format der Tat haben, kommt aus den

Höhlen, wird Wirkung werden; das Geschlecht auch derer, die leiden und

die Vergewaltigung durch einen Gott suchen, bereitet sich aufzustehn,

der Krieg hält sie noch nieder, der Krieg wird sie entfesseln.« Er

dachte an Schreiner.

»Wer ist Blancheflor?« fragte Lilian.

»Hat es Ihnen Eindruck gemacht? Die Schöne aus den Epen, die Junge,

Zarte, die in ihren Gliedern den Gral trägt.«

Er fand den Namen selber gut, und als hätte es nur seiner bedurft, ward

er empfänglicher für das Süße, das die gotischen Hüften des Mädchens

bargen. In den Hüften aller Frauen ruhte es; so gleichgültig, daß es der

einen oder andren, vielen, an Intelligenz gebrach; die Zärtlichkeit

ihrer Bewegungen, lautloser, weicher, war wesentlicher; Zärtlichkeit war

die vermenschlichte Form des Ansichlockenden, Saugenden, des Urdämons,

dem auch in gemilderter Gestalt jeder gehorsam war. Nun sah er, in

zweiter Morgenstunde, Lilian ganz als Bergerin des Zarten, bis zur

Unkenntlichkeit den Begriff von ihr verändert, und war froh, ihr nicht

Gewalt angetan zu haben.

Es gewollt zu haben, war wie Auslösung einer Hemmung, Überwindung eines

Hindernisses zwischen ihm und ihr -- Geburt freundschaftlicher

Bereitschaft. Und als fühle sie dasselbe, zog sie den Schleier von sie

quälenden Gedanken. Sie verstand, was die Männer, in Paris zuerst, von

ihr verlangten, Einsatz der ihr anvertrauten Weiblichkeit; Furcht in

ihr, Vergleich mit der Bequemheit heimatlicher Ehe, Scheu auch vor

d'Arigos Halsstarrigkeit, dessen Bedingung sie nun bekannte: sie sollte

zu ihm kommen, bedingungslos und mit gesprochnem Wort Feigheit

eingestehn.

»Es mag rechthaberische Fordrung eines Hartnäckigen sein,« antwortete

Lauda, »gleichwohl hat er in tiefrem Sinn recht, er verlangt die Tat.

Verwerfung der Tat, wie sie der Kleine aussprach, hat Wert nur nach der

Tat, in der denkenden Sphäre, als Aufhebung, Setzen des Gegenteils. Was

ist Puck? Ein Literat, jemand, der an der einen Seite zieht, ermangelnd

der Polarität.«

»Und wo führt Tat hin die Frau?« klang Lilians Frage an sein Ohr, im

Zwiegespräch, das jeder nach seiner Bedingung führte, »was ist Tat? Der

erste Schritt auf einem Weg, der zum Glück zu leiten verspricht, von ihm

entfernt.«

»Tat ist die Sphäre des Leids,« nahm er das empfangne Wort auf, »das

Reich der Kausalität, des Dämons Logik, des hetzenden Gotts, der

Erlösung verheißt, sie schon verriet, als er sich zur Existenz

entschloß. Tat ist Dämonie des Bösen, darum ist alle Religion Feind der

Tat und weiß nicht, daß sie den Gott lästert, den sie sucht, denn er war

aktiv. Der Kreis schließt sich, ich bin bei Pucks Deklamation wieder

angelangt; Ja ist so wahr wie Nein, gleich unverbindlich, gleich falsch.

Gute Nacht, Lilian, wir sind zu Haus. Morgen gehe ich zu d'Arigo,

vielleicht, daß er mir erlaubt, von Ihnen zu sprechen, denn in mir ist

erstmalig Wunsch, einem andren Mann Bruder zu sein -- ungewiß ob er das

Angebot annehmen wird.«

* * * * *

D'Arigos Atelier stand in einem Hof; auf Hinterfrontbalkonen wurden die

Betten der Bürger und darauf gezeugte Kinderbrut gelüftet.

Häßlich wie der Anblick des Nutzbaus war der innre Raum; auf

Holzpostamenten standen die Figuren, von ihnen abgekratzter Staub

puderte den Zementboden, Ofenrohr ging durch die Decke, kein Diwan zur

Verführung von Damen. So arbeiten verdiente Arbeit genannt zu werden,

Lauda empfand: stoischer Bruder, verzichtend auf Stimmung. Betrachtend

die Figuren, fand er weiterhin: es stellt ein Künstler sich selber dar,

die Proportionen seiner Glieder sind die der von ihm Geschaffnen, der

Schlanke formte keinen Untersetzten.

Es standen drei Akte derselben Frau, die in verzückter Innigkeit die

Arme senkrecht streckte, die Finger wagrecht spreizte, Gebärde der

Demut, nackt zu sein, und des keuschen Muts. Auffassung betreffend

standen zwei sich nah, es war die eine die Bearbeitung der andren mit

Glaspapier und Spachtel: Werkzeuge schmallippiger Energie hatten die

Rundung der festen Schenkel und des weichen Bauchs auf ein Äußerstes

reduziert, so daß aus Rundung und Nervigkeit ein granitnes Fleisch

entstand, überstreckt, gedreht in Geistigkeit, exzessive Gotik, Inbrunst

sublime, oben nochmals aufgenommen durch das geschwellte Lächeln und die

runde Engelsstirn.

Die dritte Figur war Rückbildung zur primitiven Gotik, die das

Willenserlebnis Loyolas noch nicht kannte, nordisch, deutsch,

seelenhafter, darum materieller. Da sagte d'Arigo:

»Sie irren sich, es ist die mittlere Figur die frühere, die nordische

die jüngste.« Und Lauda erinnerte sich, was er von d'Arigos Entwicklung,

dem Rücktritt aus der geistigen Sphäre, gehört hatte.

»Was haben Sie erreicht?« fragte er, »den Verlust Ihrer Überlegenheit,

die Bindung durch einen Einzelfall, denn diese Frau ist Individuum, Ihr

Werk Porträt, das unbedingt Problematische, in die Niedrung der

Existenz, die Nachahmung, Ziehende; es ist gemilderter Realismus, die

gewalttätige, schöne, suveräne Energie ersetzt durch Tasten,

Unterordnen, Demut, Sehnsucht, Anbetung, Dinge, die dualistisch sind,

weil sie zwingen, einerseits dem sinnlichen Reiz gerecht zu werden,

andrerseits ihn seelenhaft erscheinen zu lassen -- vorher wurden beide

in höhrer Einheit gebunden.«

»Ich bedaure,« antwortete d'Arigo, »Sie Einblick haben gewinnen zu

lassen; es stört mich. Sie verstehn mich nicht, es sind in Ihnen nicht

die Voraussetzungen des Religiösen, wie ich es erlebte. Sie sind

irreligiös. Sie sind im besten Fall katholischer Lateiner, Augenmensch.«

Lauda: »Und Sie, in dem der Fanatismus des Ignatius brennt, wenden sich

dem Protestantischen zu, empfinden es als tiefer, was sich vielleicht

behaupten läßt; aber das ist eine andre Frage, wichtiger bleibt, daß Sie

Ihrem Naturell Gewalt antun, Ihr Blut zersetzen -- warum, um eine

Individualität zu formen? Fühlen Sie nicht, wie arm, belanglos

Individualitäten sind, wie sehr alle Eigenschaften, also das, was man

die persönlichen Züge nennt, dem Religiösen widersprechen? Denn

Religiosität ist Sehnsucht, von der Individualität erlöst zu werden, die

Sphäre des Gestalteten zu verlassen.«

D'Arigo: »Ich habe mich gefragt, warum mir alle Einzelexistenzen so

teuer werden, daß ich mein frühres Leben, das sich unbekümmert über den

Mensch hinwegsetzte, nun Sünde nennen muß; und als Antwort fand ich, daß

jede Einzelexistenz eine Seele hat, unsterblich als Seele ist. Ich

glaube heute inbrünstig an die Unsterblichkeit der Individualität, des

Ich, des Einmaligen, des anvertrauten Guts.«

Lauda: »Wenn das Ich einmalig ist, was wird dann nach dem Tod aus ihm,

wo war es vor der Existenz? Unsterblichkeit und Einmaligkeit

widersprechen sich.«

D'Arigo: »Das ist Dialektik, triumphieren Sie nicht zu rasch. Es ist

nicht anders möglich, als daß mein Ich fortwährend durch die Zeiten

andren Existenzen überwiesen wird, und ich glaube an die moralische

Ordnung dieses Überweisens. Die Vielheit der Menschen hätte keinen Sinn,

die Tatsache, daß es unter ihnen grobe, gemeine, stumpfe Individuen ohne

Zahl, daneben reinere, reinste, schwankende, entschlossen gütige,

halbsinnliche, ganz entsinnlichte gibt, hätte keinen Sinn, wenn diese

Existenzen nicht Rangklassen, Betätigungssphären wären, die in

aufsteigender Linie geordnet sind. Der Sinn heißt: Läuterung.«

Nein und Ja: Roman · 第 11 / 26 题