II

Während Lauda sich zum Abend umzog, vernahm er im Garten die Stimmen der

Gäste; man redete englisch, französisch und deutsch in reiner,

schweizerischer und fremdländischer Aussprache. Als er ans Fenster trat,

bemerkte er Graumann, den Mann, von dem Hannah geschieden war, so

beleibt und lebhaft wie ehemals in München. Er war froh, ihn zu sehn, er

hatte ihn gern, und es war ein bekanntes Gesicht.

Graumann unterhielt sich mit einem untersetzten Herrn, der Schweizer

Dialekt sprach und aussah, als sei er gewöhnt, vor Volksversammlungen

auf der Rednertribüne zu stehn, nicht eben wählerisch in Gesten und

Argumenten. Da öffnete sich das Gebüsch, in dem d'Arigos Büste stand,

und es trat ein junges Paar heraus, gleich durch herrenhafte Schlankheit

-- Volk mußte empfinden: sie sind schön.

Das Mädchen war Miß Lilian, die Lauda geentert hatte, der Mann gab ihm

ein seltsames Wort ein: Bruder, nicht im übertragnen Sinn, sondern im

physischen. Er sah seinen eignen Kopf, vielleicht war das Profil

geschnittner, kameenhaft griechisch, und der Körper durch Sport

durchgearbeiteter, aber am ähnlichsten der Hauch einer Geistigkeit, die

untertan zu werden ablehnte -- fast hochmütig bei diesem und in dem

kleingeformten Kopf viel Eigensinn. Er vermutete, daß es d'Arigo war,

und sich erinnernd, daß Miß Lilians Jacht Caramba hieß, reimte er

Beziehung von ihr zu dem Künstler, von dem Hannah gesagt hatte, daß er

Deutschspanier sei.

Lauda ging hinunter, begrüßte den Mann, der an dem Tag, an dem er mit

Hannah auf dem bayrischen See gewesen war, den Browning vor ihn gelegt

und gesagt hatte: »Damit könnte ich mich erschießen, oder Sie, oder erst

Sie, dann mich, keins von den drei, ich hatte nur daran gedacht.«

Zeichen seiner Sachlichkeit auch, daß er im Haus seiner Frau verkehrte.

Hannah trat hinzu, nahm Laudas Arm, ihn mit den Gästen bekannt zu

machen.

»Es ist, Lilian als Freundin d'Arigos für sich gerechnet, eine einzige

Frau dabei,« sagte sie, »dort das ältliche Mädchen, Madeleine Betz,

Elsässerin von deutscher Mutter, eingebornem Vater; solches

Mischverhältnis bestimmte sie, war ihr vor dem Krieg Glück und Vorzug,

jetzt ist es ihre Qual. Sie war in Paris und Berlin zu Haus, fand ihre

Aufgabe darin, Fäden zu knüpfen, wurde als Pazifistin in Deutschland nur

von literarischen und einigen bürgerlichen Kreisen aufgenommen, in

Frankreich höflicher und mondainer behandelt, Männer der Öffentlichkeit

schätzten sie dort.«

Lauda ließ Hannah ausreden, aber Madeleine Betz war ihm bekannt. Er

empfand sich selbst nicht als Elsässer, obwohl er in Straßburg

aufgewachsen war, vor der Auswandrung des Vaters nach Holland. Noch

einmal danach hatte es eine Zeit gegeben, wo er sich für elsässische

Möglichkeiten interessierte, und was Madeleine Betz zu einem Programm

erhoben hatte, war für ihn Versuchung gewesen: Vermittlung zweier Völker

zu dienen. Er hatte damals, ein Semester opfernd, die Straßburger

Gesellschaft studiert; aber was er vorfand, war eine Bourgeosie, die

Inzucht trieb, ein verblaßtes Salonideal pflegte, geistig in den Ideen

aus der Zeit vor der Amputation lebend, sie durch gelegentliche Reisen

nach Frankreich bestärkend.

Er hatte geurteilt, dieses Kleinbürgerland ohne eigne Tradition, von je

dazu verurteilt, von einem Erobrer verwaltet zu werden, sei nicht

geeignet, Pfeiler der Brücke von Frankreich nach Deutschland zu sein --

Urteil, das vielleicht voreilig war, aber ihn bestimmte: er hatte darauf

verzichtet, Wirkung in der Provinz zu werden, und war nach Berlin

gegangen.

»Auch ein Lothringer ist anwesend,« sagte Hannah, wies auf einen

untersetzten Mann, der mit dem gleichgebauten Schweizer redete, »hast du

Blick dafür, daß sie nicht nur dasselbe Format haben, sondern auch

Gleichheit der Bewegungen und der lauten Sprache? Sie sind beide

Sozialisten, beide Volksredner von erprobter Wirkung, die weniger

geistig als elementar ist. Der Schweizer ist Doktor Nüßli vom Züricher

Blatt, augenblicklich ein wichtiger Mann, weil er sich bemüht, die

Partei für die Taktik der heimreisenden Russen zu gewinnen.

Der Lothringer ist Virgile Spieß, Vertreter eines Industriebezirks im

Reichstag, wandte sich am vierten August sofort gegen den Beschluß der

deutschen Sozialisten, die Kredite zu bewilligen, kam über die Grenze,

erklärte, der Frankfurter Vertrag sei hinfällig geworden,

Elsaß-Lothringen werde zu Frankreich zurückkehren -- der erste Deserteur

aus Grundsätzlichkeit, den du siehst. Um die Sozialisten gleich zu

erledigen, ist noch Thomas Schreiner da, der zu den Unabhängigen gehört

und schwankt, ob er nicht Kommunist im Sinn Kropotkins sei, dessen

Bücher seine Bibel sind, sodann Doktor Shiller, ein Deutschamerikaner,

der nun in Zürich Fühlung mit Mitgliedern der deutschen Opposition

sucht, und Mitrofan, einer der heimreisenden Russen, der ohne Einladung

kam, mit dem Auftrag, darüber zu wachen, daß ich mich meinem Versprechen

nicht entziehe.«

Es war weder schwer, den blonden Amerikaner herauszufinden, noch den

Russen mit dem Popenhaar. Blieben zwei Herrn, der eine magrer Methodist,

der andre kleine ein Poet romanisch melancholischer Prägung.

»Der wie ein Methodist aussieht,« sagte Hannah, »ist Fünfkorn, ein

deutscher Journalist, der seiner Gesandtschaft unbequem ist, er ließ

sich, um der drohenden Einziehung zu entgehn, von der militärischen

Nachrichtenstelle hierher schicken, warf alsbald die Maske ab, machte

Enthüllungen über diese Spionageeinrichtung, wurde Spezialist in den

verschiednen Weiß- und Gelbbüchern, wies, Antipode Davids in Berlin, die

Schuld Deutschlands am Krieg nach, vertritt bedingungslos die Ansicht,

daß die Entente die Sache der Gerechtigkeit führt, wünscht Fortführung

des Kriegs, bis der deutsche Militarismus wie ein Reptil ausgerottet

ist, beginnt Mittelpunkt aller Bestrebungen zu werden, die ein Organ für

nicht kaiserliche deutsche Demokraten schaffen wollen, und wird es

vermutlich mit Hilfe Shillers, das heißt amerikanischen Propagandagelds

gründen. Der Poet, wie du sagst, ist neben d'Arigo der einzige, der der

Politik ganz fern steht, Haupt einer neuen Gruppe, von der ich dir

neulich sprach, den sogenannten Ungegenständlichen. Er ist Portugiese,

nennt sich Lisbao, und wird nach seiner Gewohnheit aus dem Manuskript

vorlesen.«

* * * * *

Die Gastfreunde Hannahs blieben acht Tage versammelt, selbst Nüßli

kehrte nicht in die Züricher Redaktion zurück, er ließ sich seine Post

schicken. Da auch die andren Politiker die Verbindung mit der Welt

organisierten -- Graumann hatte seine Sekretärin mitgebracht und stellte

sie und ihre Maschine zur Verfügung -- konnte Virgile Spieß sagen, man

habe sich zu einer dritten, privaten Zimmerwalder Konferenz vereinigt;

die Tage waren mit Debatten gefüllt.

Spieß war der einzige, der sich den Ideen von Zimmerwald und Kiental von

allem Anfang an entgegenstellte und ihre Notwendigkeit leugnete. Für ihn

bedurfte die Haltung der französischen Sozialisten, bei denen er, die

deutschen verlassend, Anschluß gefunden hatte, keiner Rechtfertigung:

sie hatten die Kredite zur Landesverteidigung bewilligt, und

Landesverteidigung im klaren, eindeutigen Fall eines Angriffs war, seit

es Sozialismus gab, von allen Parteiprogrammen und Parteitagen anerkannt

worden; er berief sich auf Jaurès, mit dem er bei ungezählten Pariser

Aufenthalten verkehrt und jene Formel ausgearbeitet hatte, daß

Frankreich auf den Revanchegedanken verzichte, wenn Elsaß Lothringen

deutscher Bundesstaat mit allen Rechten der Autonomie werde.

Die deutschen Sozialisten, waren für Spieß nicht in der gleichen

moralischen Lage wie die französischen; wohl wurde ihr Land von Rußland

bedroht; aber es hatte die letzte Möglichkeit einer Verständigung

vereitelt, weil es von dem Gedanken eines Präventivkriegs hypnotisiert

war, und die Partei hatte die Kredite bewilligt, trotzdem sie bereits

von dem Einfall in Belgien, also einer Völkerrechtsverletzung ersten

Rangs, wußte, und sie hatte bedingungslos bewilligt, während die

Minderheit der französischen Genossen sich nur bis zu dem Augenblick

band, wo der Feind aus dem Land vertrieben war.

Spieß sah keine Notwendigkeit, eine Konferenz einzuberufen, um die Frage

zu besprechen, wie die zerrißne Internationale auf neuer Grundlage

wiederhergestellt werden konnte. Es gab für ihn neben der großen

Schuldfrage eine sozialistische Schuldfrage; ihre Anerkennung durch die

deutsche Partei bedeutete die Beilegung des Bruderzwists -- sein

Programm für die Zeit nach dem Krieg.

Er war den Argumenten unterlegen, die von den in der Schweiz lebenden

russischen Sozialisten aufgestellt worden waren. Lenin, Trotzki, Radek,

denen dann auch Axelrod zustimmte, erklärten, die Schuldfrage

interessiere klardenkende Sozialisten nicht, der Krieg sei zugleich

Produkt des Kapitalismus und Mittel ihn zu zersetzen. Die Zeit sei

gekommen, die Antwort auf die alte Grundfrage, Evolution oder Revolution

zu geben, sie heiße Revolution, saubre Abgrenzung der sozialistischen

Gedankenwelt gegen die bürgerliche, zu der es keine Brücken gebe --

radikale Gegnerschaft, Unversöhnlichkeit.

Daß das absolutistisch-kapitalistische Deutschland über das

demokratisch-kapitalistische Frankreich siege oder umgekehrt, sei

gleichgültig, auch die Landesverteidigung gegen einen Angreifer liege

außerhalb des sozialistischen Denkens. Ob die Kosaken an der Oder

ständen oder die Ulanen bei Noyon, habe nur den Sinn, daß jedes Mittel

recht sei, um die Verhältnisse auf die Spitze zu treiben, Verteidigungs-

oder Angriffskrieg sei für Sozialisten schlechthin Krieg, das

Abzulehnende. Proklamation der abstrakten Idee, hinter der nicht mehr

Weltfremdheit stand, sondern im Gegenteil die schärfste, logischste

Berechnung, der entschlossne Wille, alle Wirren der bürgerlichen Welt

auszunützen, das Ziel auf dem direktesten Weg zu erreichen.

Die Beschlüsse der Konferenzen hatten mit einer Verurteilung der

französischen und deutschen Genossen geendigt und mit der Ablehnung des

Prinzips der Landesverteidigung, diene sie zur Abwehr eines erfolgten

Angriffs (Frankreich) oder der Wahrung der Neutralität (Schweiz). Dieser

Proklamierung der nur revolutionären Taktik trat, zwischen Zimmerwald

und Kiental, der schweizerische Parteitag von Aarau bei, erstaunlicher

Beschluß, wie Spieß nun in Diskussionen mit Mitrofan ausführte.

Spieß war schlagfertig, angreiferisches Temperament, und in seinem Kopf

stand mit erstaunlicher Klarheit jedes Datum, jeder Zeitungsartikel,

jede grundsätzliche Äußrung eines der führenden Sozialisten gebucht, war

gegenwärtig. Er trieb Mitrofan in die Enge, indem er nachwies, daß auch

Lenin bei irgendeiner Gelegenheit das Selbstbestimmungsrecht anerkannt,

der Schweizer Grimm, Präsident der Konferenzen, nach Kriegsausbruch die

Verteidigung der Neutralität empfohlen hatte, der Schweizer Parteitag in

Aarau sich über die Folgen seiner Resolution nicht klar war, in allen

Hirnen Widerspruch herrschte, jeder zwischen der Frage Evolution oder

Revolution hin- und herschwankte, die französische Minderheit, von

Zimmerwald heimgekehrt, die Kredite weiter bewilligte.

Mitrofan gab sich nicht besiegt. Was er nicht leugnen konnte, leugnete

er nicht, zog sich auf den Standpunkt zurück, daß eben eine radikale

Umformung des Denkens begonnen habe, schöpfte aus diesem Gedanken Kraft,

stieß vor, fanatisierte sich, entwickelte den ungeheuren Gewinn an

Energie, wenn jede Verbindung mit dem evolutionistischen Prinzip

aufgegeben wurde, ließ die Schönheit und Geschlossenheit logischer

Kettenreihn aufblitzen: das Ziel ist alles; die Mittel nicht zu wollen,

bürgerliche Sentimentalität; die Macht in der Hand des Proletariats die

wahre Grundlage eines lückenlosen Aufbaus der neuen Gesellschaft.

Für Lauda ergab sich folgendes Bild: straffe Rotation um eine als Achse

dienende Idee bei Spieß, dasselbe bei Mitrofan; die andren zersetzt in

der Mitte. Fragte sich, welcher von beiden Ideenkosmen die Zukunft

hatte. Spieß vertrat die alte Taktik, glaubte nicht, daß der Krieg

nötige, sie zu ändern. Es war aber nicht schwer zu ahnen, daß dieser

Krieg, ungeheuerste Erschüttrung bestehender Welt, nicht ohne Wirkung

vorübergehn werde. Der Entschluß der deutschen Partei, sich mit dem

kaiserlichen System zu verbünden, bedeutete eine Verschiebung, die nicht

mehr rückgängig gemacht werden konnte, und Lauda zweifelte, sich an

Liebknechts Prozeß erinnernd, nicht daran, daß die Mehrheitssozialisten

das von Spieß geforderte Bekenntnis zur Schuldfrage ablehnen würden.

Es vollzog sich in ihm, auf seine Weise, gereinigt, aber darum doch

verwandt, dasselbe, was sich in Menschen vollzieht, wenn Feststehendes

und Vertrautes angegriffen wird -- Mensch geht zum Neuen über. Und er

empfand die Lockung, die in der Proklamierung der absoluten Idee

enthalten war. Ein Krieg mußte kommen, um das zu erleben; Ideologie

wurde Möglichkeit, zum ersten Mal unternahm der Geist den Versuch, die

Umwege der Natur abzuschneiden, langsame Entwicklung, die sich nach dem

Gesetz des Gegensatzes vollzog, souverain zu überspringen. Er sprach mit

Mitrofan, erfuhr, daß es die Partei der Bolschewiki schon seit Beginn

des Jahrhunderts gab, wünschte zu hören, wie sich die heimreisenden

Russen die Verwirklichung dachten.

»Es ist kein Zweifel,« sagte Mitrofan, »daß wir Kerenski stürzen. Wir

benutzen dabei einfach die Tatsache, daß er das des Kriegs müde Volk

zwingt, den Krieg weiterzuführen. Eine Revolution, die den Zar stürzt,

übernimmt nicht den vom Zarismus begonnenen Krieg. Ist die Macht in

unsrer Hand, dann schließen wir Frieden um jeden Preis, es kann uns

gleichgültig sein, ob Polen und die Ostgrenze an die Deutschen fällt,

denn wir warten ab, bis diese Gebiete und mit ihnen Europa von unsrem

Beispiel fortgerissen wird. Dieser Friede wird sehr einfach sein: dank

unsrer Propaganda werden die Soldaten die Gräben verlassen und nach

Hause gehn.

Danach, dritte Etappe, ordnen wir die neue Gesellschaft nach dem

strengsten Zentralismus, womit ich natürlich den der Idee meine, die den

der Verwaltung nach sich zieht. Wir sind nicht wie der Bourgeois oder

mit ihm verbündete Nationalsozialisten an gegebne Verhältnisse gebunden,

wir schaffen sie neu. Es ist klar, daß solche Erschaffung einer Welt

nicht etwa aus dem Nichts, sondern, was schwerer ist, aus der Anarchie

der kapitalistischen Privatwirtschaft, freien Konkurenz,

Ständeverschiedenheit, nicht möglich sein wird ohne eine Übergangszeit

der Diktatur, deren Sinn darin besteht, der Idee der Einheitlichkeit und

der Ordnung zum Sieg zu verhelfen. Das Ziel heißt Abschaffung der

Klassen, das Mittel ist, der bisher rechtlosen und zahlreichsten Klasse,

also der Majorität, die Gewalt zu übertragen -- eine Paradoxie, die doch

nur das Mittelstück zwischen Vergangenheit und Zukunft darstellt. Wir

werden also die Bürger entwaffnen, die Arbeiter und Bauern bewaffnen,

und das Provisorium so lange durchführen, bis der Bürger freiwillig oder

gezwungen die neuen Verhältnisse anerkennt.«

»Werden Sie die Nationalversammlung berufen?« fragte Lauda.

»Es steht auf unsrem Programm, aber ich will Ihnen offen gestehn, daß

ich nicht zu denen gehöre, die glauben, daß die kapitalistischen Kreise

ohne Gewalt zu gewinnen sind.«

»Was würden Sie in diesem Fall tun?« sagte Lauda und war auf die Antwort

gefaßt, aber nicht auf die schneidende Unerbittlichkeit, mit der sie

gegeben wurde und die für seine Vorstellungskraft wie ein Licht war, das

rückwärts auf die Diskussion derer fiel, die, noch in der Fremde, schon

in dem Augenblick lebten, in dem sie die Nachfolger des Zaren wurden --

märchenhafter Wechsel im Schicksal hungernder Verbannter.

»In diesem Fall,« antwortete Mitrofan, »werden die andren sich wie ich

entschließen müssen, noch einmal die Mittel des alten Machtstaats zu

benutzen, um den Staat der durchgeführten Gerechtigkeit zu gründen:

Belagrungszustand, Armee und Terror. Für Schonung ist kein Raum,

verwirklichen wir die Idee nicht, ist sie für hundert Jahre erledigt.

Jetzt oder nie. Fühlen Sie, welcher Abgrund uns von Leuten wie Spieß

trennt? Unsre Hirne sind verschieden wie zwei Weltkörper, in ihnen lebt

das neue nicht, in uns erzeugt es Ketten von Assoziationen, es ist die

größte geistige Stimmung, die je in Menschen war.«

Lauda verstand. Assoziationen bilden, mathematische Reihen entwickeln,

Logik triumphieren lassen, war für das Lebewesen, dessen Hirn an die

Kausalität geschmiedet war, der tiefste Genuß, so tief wie die Lust, die

Achse Gott zu finden, um die sein Mikrokosmos schwingen konnte. Es kam

vermutlich, Folge des Kriegs, eine Zeit, in der der Kausalitätsrausch

elementar durchbrach, die freigewordnen Körperchen des alten Kosmos --

als Beispiel eines solchen bot sich immer der preußischmilitaristische

an -- mit der Inbrunst von in das All geschleuderten Atomen den neuen

Kristallisationspunkt suchten: religiöser Vorgang mit dem Triumph aller

derer, die nicht in sich kreisen, sondern nach dem Zwang, dem Druck, dem

Gebot ungeheurer Atmosphären lechzen.

Und schon fanden sie den Gott: die Logik, die zum Dämon wurde, stärker

als sie, ihnen Gewalt antuend. Grundgesetz im Reich der Ideen: das Hirn

erzeugt sie, der Gezeugte wächst dem Zeuger unter den Händen zum Herrn,

ist er Herr, wird er Dämon; wer Ideen nicht mehr besitzt, wird von ihnen

besessen. Die Zeit kam so der Beseßnen, in denen die dynamische Wut des

in die Existenz schießenden Weltwillens war. Man konnte

Weltuntergangsstimmung haben. Und in der Tat, die Mutation war

Weltuntergang.

Es war nicht richtig, den Begriff Mutation auf die kleinen Störungen,

fünfhundertmal am Tag, anzuwenden, die jedesmal eintraten, wenn der

geringste Eingriff der Außenwelt in unsre Welt erfolgte -- diese

Schwankungen wurden rasch überwunden. Mutation war eine Störung der

Lagrungsverhältnisse.

Wenn diese Russen die Macht erlangten, dann brach ein religiöser

Wahnsinn aus, den die Psychologen nur darum nicht erkennen würden, weil

das Wort Gott nicht fiel, dem aber alle zuströmten, die nicht so

selbständig waren, daß sie auf den Krampf der Demut und Unterordnung

verzichten konnten, alle, in denen die unterirdischen Spannungen zerrten

-- und wer war ohne solche Spannung, von der Hannah gesprochen hatte?

Jakobiner, Terroristen, Inquisitionshenker, sie waren die Religiösen im

primären Zustand, Zurückgekehrte zur Zeitlosigkeit vor aller

Zivilisation.

Mitrofan und Lauda saßen sich an Hannahs türkischem Rauchtischchen

gegenüber; es zog jeder, Auskunft erteilt, Gespräch beendet, seine

innren Kreise. Madeleine Betz kam vom Klavier, wo sie Mitrofans Rede

angehört hatte, zu ihnen; melancholisch ihr Versuch, den Pazifismus zu

retten, für sie genügendes Heilmittel der kranken Menschheit.

»Pazifismus,« sagte Mitrofan, »ist eine rein bürgerliche Angelegenheit;

seine Ohnmacht besteht darin, daß dieselbe Gesellschaft, die aus der

kapitalistisch-imperialistischen Idee der unbeschränkten

Machtvergrößrung geboren ist, in Verabredungen einwilligen soll, die

eine Hemmung dieses Triebs bedeuten. Jeder starrt in Waffen, aber man

will vereinbaren, daß sie nicht benutzt werden; man will die auf Raub

und Gewalt gegründete Existenz von Staaten verschiednen Rangs in einem

gegebnen Augenblick zum status quo erklären: wer viel hat, behält es,

wer wenig hat und klein ist, begnügt sich damit. Eine Horde hungriger

Hunde kommt überein, friedlich nebeneinander zu leben -- glauben Sie,

daß Mißtrauen und Raubtiergelüste plötzlich unterdrückt werden können?

Was machen Sie mit den Offizieren, den Diplomaten, dem ganzen Geist, mit

dem die Gesellschaft durchsetzt ist? Fühlen Sie denn nicht, daß diese

Ändrung so radikaler, grundsätzlicher Natur wäre, daß sie gar nicht

durch materielle Verabredungen, sondern nur durch Auflösung der

seelischen, moralischen Verfassung erzeugt werden kann?

Es ist seltsam, daß die Menschen immer flicken, immer überleiten wollen.

Wenn sie noch eingeständen, daß sie so aus Angst vor der

Unbequemlichkeit und der Schädigung persönlicher Interessen

argumentieren -- nein, sie stellen die Kulissen großer Ideen auf, sagen,

Gleichheit und Gerechtigkeit verlangten, daß niemand Zwang erleide, die

Ändrung freiwillig vollzogen werde. Da aber niemand freiwillig auf Macht

und Geld verzichtet, so bedeutet das demokratische Prinzip der

Friedlichkeit in Wahrheit nichts, als daß nichts Ganzes geschieht, alles

beim alten bleibt. Reformen innerhalb der kapitalistischen Welt sind

möglich, sogar Deutschland kann republikanisch werden, aber sie werden

kapitalistisch bleiben. Ersetzung des kapitalistischen Fundaments durch

das sozialistische ist nur durch das Eisen des Pflugs möglich.«

»Sagen Sie ruhig, durch Blut und Eisen,« antwortete Madeleine Betz,

»warum scheuen Sie, die Formel Bismarcks zu gebrauchen? Das Mittel, das

Sie wählen, ist nichts andres als der variierte preußische Militarismus,

das Ziel, das Sie wollen, nichts andres als eine Abart des

zentralistischen Zwangsstaats, schlimmer als der Bismarcks.«

»Ich kann Ihnen zynisch zugeben, daß Sie recht haben, aber ich kann mit

einem Herzenston der Not sagen, daß es keine andre Möglichkeit gibt, die

Wirklichkeit nach einer Idee zu formen.«

Lauda dachte: »Wie, wenn bei diesen Dingen der Sozialismus, die

Republik, die Demokratie, der Kapitalismus, also praktische Fragen, gar

nicht Kern, sondern Projektion, Symbol, Veranschaulichung sind? Wenn es

sich um ganz etwas andres handelt, um den Kampf dynamischer und

unmaterieller Energien? Mit dem materiellen Begriff Atom kommt

Wissenschaft nicht mehr aus, sieht sich widerwillig genug gezwungen, in

ihnen, die doch das sichtbare System der Elemente ergeben, raum- und

zeitlose Phänomene rein dynamischer Natur zu sehn.

Es ist erlaubt, in Ideen eine Analogie zu den sichtbaren Körpern zu

ahnen, sie Manifestation von Kräfteverhältnissen, ihren Kampf

Manifestation von Kräftekämpfen zu nennen -- wir (als Körper) ein

Vorwand unbekannter Vorgänge, unsre Ideen Vorwand von Machtkämpfen

zwischen Entfeßlung und Bindung. Mitrofan sagt: der radikale Sozialismus

und glaubt, er wolle damit das Glück der Gesellschaft, aber in Wahrheit

muß er einem Gebot seines innren Kosmos gehorchen, der offenbar der

geschloßnen Rotation widerstrebt, auf der Suche nach einer neuen ist.

Madeleine Betz sagt: ungewalttätige Entwicklung und drückt damit aus,

daß sie den elementaren Explosionen ausweicht. Ich von mir stelle fest,

daß ich nach einigen Minuten gar nicht auf den materiellen Inhalt ihrer

Worte acht gebe, sondern die Schwingungsvorgänge in ihnen empfinde,

Gravitationsgesetze in ihnen fühle -- meine alte Definition, daß

Phantasie Fähigkeit ist, die Lagrungsgesetze eines fremden Organismus zu

empfinden.

Welch eine phantastische und mehr, grauenhafte Sache ist also

menschliche Geschichte und Geistigkeit: einer sucht den andren zu

überzeugen, daß man zur definitiven Lagrung durch Entfeßlung des

rasenden Drehns gelange, der andre ihn, daß man nur vorsichtige

Modifikation vornehmen dürfe -- Illusion beides, denn die Welt ist, als

Schauplatz der rasenden Partikelchen, nie definitiv, Rasen ist

Selbstzweck. Es steht frei, die beiden und mit ihnen alle andren, mich

eingeschlossen, nach Belieben als arme Narren oder tragische Helden zu

betrachten.«

Er hörte Madeleine Betz zu Mitrofan sagen:

»Wenn Sie so zu mir sprechen, funkelnd vor Energie, verbissen vor

Entschlossenheit, empfinde ich etwas, was Sie nicht verstehn werden, die

Abneigung der Frau vor der Vitalität des Manns, dieser triumphierenden,

zu sinnlichen Herausforderung. Ich sah Offiziere auf Urlaub im

Familienkreis, sie waren gütig gegen die Ihrigen, höflich gegen Fremde,

aber wenn die Rede auf gewisse Augenblicke ihrer Tätigkeit im Feld kam,

auf Exekutionen fremden Lebens, grauenhafte Verletzungen, dann trat in

ihre Augen das Unheimliche: die Freimaurerei der Männer, die das Morden

betreiben, von der sie zu den Frauen sagen: es ist nichts für euch.

Dieser Ausdruck ist auch in Ihren Augen, Mitrofan, wenn Sie von der

revolutionären Tat sprechen, und das beweist, daß Sie, Sozialist, für

den es keinen Unterschied der Geschlechter gibt, männlicher Freimaurer

sind, die Sphäre der männlichen Grausamkeit vor mir abschließen und das

heißt vor allen, die menschlich sind.

Was Sie Diktatur zugunsten einer Idee nennen, ist der diktatorische

Wille schlechthin, Sie richten nicht auf das neue Reich, sondern

variieren nur das alte, in dem es Herrn und Sklaven gibt. Was Sie

Paradoxie nannten und worin Sie eine eminente Überlegenheit sehn, ist

nur die Volte, die Sie schlagen, um Ihr Spiel nicht aufzudecken, vor

andren und vor sich. Menschen glauben so überlegen zu sein, daß sie den

Punkt bestimmen können, wo eine Idee verabschiedet wird, in Ihrem Fall

die Idee der zum letztenmal angewandten Gewalt -- die Idee wird Ihnen

über den Kopf wachsen, Sie immer weiter treiben, und am Ende werden Sie

so blutbefleckt dastehn wie ein preußischer General, der in einem Dorf

zweihundert Menschen niederschießen ließ. In Ihnen werden die Iwane

Ihrer Geschichte wiedergeboren werden.«

* * * * *

Zum Berg steigend sah Lauda Fräulein Betz auf einer Bank, beobachtete,

wie sie ein Buch öffnete, wieder sinken ließ.

»Ich kann nicht mehr lesen,« sagte sie, »alles ist Lüge oder alles

gemacht. Wer garantiert, daß in diesem zarten Dichter, den ich in der

Hand halte, nicht wie in Mitrofan die Bestie erwacht, deren Triebe um so

grausamer werden, desto geistiger die Form ist, in der sie auferstehn?«

Lauda gestand sich, daß sie zu den Frauen gehörte, die er unter

gewöhnlichen Umständen nicht aufgesucht hätte. Physischer Charme der

Frau fehlte ihr, es blieb nur übrig, den geistigen zu suchen. Daß nur

Zufall dazu bewog, empfand er als Ungerechtigkeit, die sie gewohnt sein

und dank ihrer Intelligenz festgestellt haben mußte. Er erriet

Bitterkeit in ihrem Urteil über Leute, von denen sie sprachen;

Bitterkeit wurde nicht selten zu kleiner Gehässigkeit, die ihr

Genugtuung verschaffte -- es war nebensächlich, er war sich unklar,

welcher Grad von Energie dazu gehörte, so einsam zu sein, auf

Herzensbeziehung zu verzichten, sie bei andren Frauen zu beobachten,

Altjüngferlichkeit entgegenzusehn. Hinter solcher Energie stand wohl

viel Güte, Glaube an Vermenschlichung, der nun durch den Krieg auf

härteste Probe gestellt wurde. Er erinnerte sich, Artikel von ihr

gelesen zu haben, Melancholie und Zähigkeit seltsam vermischt, geheime

Ermahnungen an sich selbst, nicht verbittert zu werden.

Es war nicht leicht, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie mochte mit

differenzierten und mißtrauischen Nerven empfinden, daß Mann, der nicht

ganz vom Reiz des Geschlechts absehn konnte, falsch vor ihr war, sein

Interesse das einer Stunde.

»Die Welt ist vom Mann gemacht,« sagte sie, »kein Vorwurf feministischer

Art, Vorwurf erst, wenn er die Wahrheit leugnet. Männlicher Geist ist

dem Götzen Tat untertan, er will durch Handlung und Umwandlung der

Zustände reformieren. Nutzloses Beginnen, Umweg bloß, die Ändrung ist

nur durch Umwandlung des Herzens möglich. Hängt das Glück der Menschheit

vom Triumph des Sozialismus ab? Ich komme Ihrem Einwand zuvor und frage

mich selbst, hängt es vom Pazifismus ab? Nicht vom äußren der

Verabredung, nur von der innren Vorbereitung und Bereitwilligkeit, deren

Symbol danach die Tat ist, nicht mehr. Sind Männer, männliche Männer, zu

solcher Geistigkeit fähig? Ist Geist Wirkung des weiblichen

Teils im Menschen? Wer sieht klar? Wir wissen nichts von den

Mischungsverhältnissen in uns. Ist es überhaupt erlaubt, von einem

weiblichen und männlichen Prinzip zu sprechen?«

»Gewiß nicht, es wäre ein Dualismus, der zwei absolute Regulative

annimmt, eins ist schon zweifelhaft.«

Weitergeführtes Gespräch enthüllte das, was man die Stimmung nennen

konnte, die diese Frau von sich selbst hatte. Sie stand in der

internationalen Frauenbewegung, referierte, saß vor, schrieb, gehörte

zur führenden Schar. Für ihre angelsächsischen Kolleginnen lag das

Problem einfach, war praktischer Art: die Frau wurde von der

Gleichberechtigung künstlich ferngehalten, es galt sie zu erzwingen,

Zweifel über eine geistige Verschiedenheit der Geschlechter fochten

nicht an. Die Kontinentale, Mitteleuropäerin, fühlte anders. Die

Verschiedenheit war da, es war nicht nur Zufall oder Böswilligkeit, daß

der Mann die Geschichte gemacht hatte. Sie gab es zu, aber was besagte

es? Nichts. Sie war überzeugt, daß der Mann, der der eigentliche

Schöpfer war, dieses Schöpferische von den Müttern erhielt, den Trägern

des namenlosen und wesentlichen Funkens; nicht die Energie war geistig,

sondern die Erregbarkeit, die Fähigkeit, beunruhigt zu werden,

weiterzudenken, Sehnsucht zu haben, Phantasie und Vorstellungskraft im

weitesten Sinn.

Die Frau war der stille Triumphator der Welt, nicht anerkannt, anonymer

Mächtiger, Salz des Bluts. Es aussprechen, unendlich schwer, weil

Aussprechen die Einheit zerstörte, mit dem Gegensatz arbeitete, denn

Aussprechen hieß auch: angreifen, einen Gegner erfinden. Nah lag,

solches Wissen um das Wesen der Frau wie ein schönes, tiefes Geheimnis

zu hüten, aber das Leben zwang, aus der Anschauung in die Arena der

Fordrung zu treten. Widerstreben in Madeleine, manchmal Müdigkeit

angesichts der Worte und Proklamationen, und Einsamkeit in der, die

kompliziert fühlte, vereinfacht handeln sollte.

»Die Liebesbereitschaft,« dachte Lauda, »spricht so in ihr, sie möchte

selbst Mutter sein, den Funken weiter geben. Es bleibt ihr versagt, weil

-- ihrem Arm und Busen ein paar Rundungen fehlen.«

Aber wenn man sich ganz in einen Mensch versenkte, stieß man immer auf

den einen Grundkonflikt: Verhältnis von Tat und Beharren, Handeln und

Sein; dieses Verhältnis war kein andres, als das primäre von Erzeugen

und Erzeugtwordensein; das Erzeugte verlangte, etwas für sich zu werden,

dem Prinzip, durch das es Leben erlangt hatte, Widerstand zu leisten,

aus dem Kreislauf auszuscheiden.

Was wir Güte nannten, war die Anerkennung des Rechts auf eigne Existenz,

von einem Lebewesen ausgesprochen, das doch keinen Einfluß auf die

Tatsache seiner Existenz hatte. Wer Güte sagte, ging von der vollzognen

Existenz aus; wer Energie sagte, von der noch nicht vollzognen.

Wer wie Mitrofan Energie, Rücksichtslosigkeit, Diktatur, Machtwille

sagte, ging von der Tatsache des Urwillens aus, der Existenz erst

schafft; darum war in ihm die Grausamkeit und Mißachtung der

Einzelexistenz, dieses bereits selbständig Gewordnen.

Was war eine Lehre, die über die Einzelexistenz hinwegging, andres als

ein Einbruch des Elementaren in das Geordnete: Ruhe einer Generation,

Wunsch einer Generation, ihr kurzes Leben nicht selbst zu zerstören,

wurde für nichts erachtet und die Natur, allerdings nur eine der Natur

untergeschobne Absicht, künftiges Glück genannt, über den Augenblick

gesetzt. Der letzte, äußerste Glaube dieser russischen Diktatoren mußte

sein, sie seien Träger der Natur, Bevollmächtigte mit der Verfügung über

Leben und Tod -- Cäsarenstimmung, alle Mittel erlaubt um des höhren

Zwecks willen.

Verborgenster Gedanke, von Lauda längst gesucht, begann sich zu

enthüllen: das Leben, dort betrachtet, wo es in die Erscheinung schoß,

verurteilte sich zu einem unlösbaren Konflikt: um sich zu manifestieren,

brachte es Existenzen hervor, die ihm also nur Vorwand,

Kristallisationspunkt, waren; die Existenzen wurden selbständig, waren

da, traten in Gegensatz zu ihrem Erzeuger, dem nur an unaufhörlichen

Weitermanifestationen gelegen war.

Banal ausgedrückt trat die Unvereinbarkeit von Tod und Leben ein,

philosophisch ausgedrückt der Gegensatz von Monismus und Dualismus --

dieser von jenem erzeugt. Wo ein unversöhnlicher Gegensatz war, war

Leid, das Leben war Leid, Leid philosophisch erwiesen; die Paradoxie der

Existenz ward sichtbar, was man auch so ausdrücken konnte, daß der

»Wille« sich selbst aus der Hand gab; die Tat war etwas andres als der

Drang zu ihr.

Abends, allein, kam er auf die Auffassung zurück, die Fräulein Betz von

der Frau und der Mutter hatte. Geistigkeit als femininer Zustand, das

erinnerte ihn an Gedanken, die gelegentlich in ihm aufgetaucht waren.

Aber Geist war auch nichts als verwandelte Energie, also das männlichste

aller Phänomene. Dies wies darauf hin, daß die Unterschiede der

Geschlechter nicht primärer Natur sein konnten. Zwei Gegensätze lösten

sich auf, wenn man sie als Differenzierung eines dritten ansah, das

besser das Erste, vor der Spaltung Gelegne genannt wurde.

Ging man davon aus, daß die Welt nur ein Ding im Fluß war, dann

verschwand der letzte Rest jener Theologie, die zwei Extreme als feste

Pole ansah -- es gab nur Bewegung nach den Polen hin, nicht die Pole

selbst, wie es nicht Seele, sondern nur Seelenhaftes gab.

Die Pole waren höchstens sekundärer, geschichtlicher Natur. Männlich und

weiblich konnten nur Aggregatzustände sein, wie Wasser, Dampf, Eis

Variationen waren, unterschiedlich nur an Dichtigkeit. Erhob sich die

heikle Frage, ob Weiblichkeit der flüssigere oder komprimiertere Zustand

war. Ohne Zweifel der undichtere, das paßte zu Laudas eigner Definition,

daß Geist das Symptom einer Beunruhigung, das heißt einer Mutation

zwischen zwei vorläufig definitiven Lagrungen war.

Soweit schien diese Frage gelöst. Wenn er nun daran dachte, wie er

Mitrofan ideell, als energetisches Phänomen sah, wie ihm die männliche

Energie in diesem Phänomen gerade Zerstörung des komprimierten

Aggregatzustands war, dann schien sich Ja in Nein zu verwandeln, und die

Tatsache, daß Frauen, noch eben Trägerinnen des Geistigen und

Undefinitiven, konservativer, beharrender waren, verwickelte das Problem

noch mehr.

Der Widerspruch war nur scheinbar, bot nur Schwierigkeit, wenn man

dualistisch Weiblich und Männlich als getrennte Elemente behandelte. Man

mußte den Begriff der Tat untersuchen, die Madeleine Betz dem Mann

zuschrieb. Tat entsprang dem rasenden Trichter der Energie, ihr Ziel

war, einen Zustand zu schaffen, das heißt ein Definitivum, die Ruhe; die

Tat, das Geschaffne, suchte zu beharren, aber die nicht abstellbare

Energie, dieser Taumel und Trieb zur ewigen Variation ihrer selbst,

zersetzte das Produkt der ersten Tat, drängte zu neuen Lagrungen mit

neuer Achse der Rotation. Die Überwindung der Trägheit verlangte eine

äußerste Anstrengung der Energie, diese Anstrengung war genau so groß

wie die Urenergie; nannte man die Fähigkeit zum Maximum dieser Energie

männlich, so war verständlich, daß ein Mann mit derselben Kraft die

erste Tat zersetzte, mit der er sie geschaffen hatte. Der undichtere

Aggregatzustand des weiblichen Organismus erklärte dann sowohl dessen

undefinitivre Lagrung, aus der das Unruhephänomen Geist geboren wurde,

als seine größre Trägheit, wenn es galt, sich in Bewegung zu setzen.

Zunächst war der Mann beharrender, weil er komprimierter war

(Energieleistung), dann wurde er Zerstörer (ebenfalls Energieleistung);

zunächst war die Frau fluktuierender (geringre Energie), dann wurde sie

konservativer (schwerere Trägheitsüberwindung).

Der erste Schritt zur innren Mathematik, zur dynamischen Geographie war

getan, die Stadt des Hirns, schon längst Kosmos des Hirns geworden,

begann ihre Pforten zu öffnen, hinter denen die Metaphysik lag, so nah.

* * * * *

D'Arigo hielt sich ein wenig fern; er lag den ganzen Tag mit Lilian auf

dem See. Lilian war es, die zuerst entdeckte, was Lauda so stark

empfunden hatte, daß d'Arigo ihm wie Bruder sei. Sie nahm an,

Verwandtschaft des Äußren lasse auch Verwandtschaft der Ansichten

vermuten, bemühte sich, sie zusammenzubringen, liebte es, beide

nebeneinander sich gegenübersitzen zu sehn, zog Lauda in den Umkreis des

auf den Freund gerichteten Lächelns ein, eines erstaunten, knabenhaften

Lächelns, in dem immer Erwartung irgendeiner unerwarteten Handlung war

-- sie wußte wohl allein nicht viel mit ihrer Zeit anzufangen, brauchte

Gesellschaft andrer dazu, den Ablauf von Spaziergang Rudern Teestunde

Flirt; rätselhaft für Lauda die Nötigung zum Hochschulbesuch --

Geheimnis der amerikanischen Seele. Reizend ihr Tailormade über den

gotischen Hüften, leises Pariser Parfum darin, und siehe, die schmalen

Puritanerlippen kannten den Rotstift.

D'Arigo war in Madrid aufgewachsen. Die Stadt: katholische

Vergangenheit, die Schule: englisches Internat, das Haus:

kosmopolitische Modernität -- Gang durch sie drei wie Gang durch drei

verschiedne von Dingen geworfne Schatten. Der Vater Spanier aus Ehe mit

einer Norwegerin, die Mutter Deutsche. Die Elemente einer Seele schienen

offen zu liegen, Verführung zu Konstruktion: Gestalt und Blondheit von

der nordischen Großmutter oder der deutschen; Künstlertum im Sinn der

Velasquez Greco Loyola vom Vater, die formale Energie darin durch

englische Willenserziehung gestärkt bis zum Starrsinn: der Bildhauer

erklärte sich und Gentleman mit Training.

Jugend zwischen zwanzig und dreißig ward in Paris und England verbracht,

wo, in Salon und Landgut, gleiche Resultanten aus großer Vergangenheit

und nervenbestimmender Schulung lebten, die Europäer, die Späten. Er

trieb Sport, jeden denkbaren, empfand dabei Geistiges, Konzentration und

Willen zur Bändigung. Ging von der Jacht zu Picasso ins Atelier, der

gerade von seinen wunderbar gekonnten und aus Überlegenheit

leidenschaftslosen Figuren den Vorstoß in die neue Welt des abstrakten

Dahinter unternahm -- keine Figur mehr, keine Landschaft, nichts vom

Mensch, nur wunderbar gekonnte Statik aus Gerade, Tangente,

Kreisabschnitt; Realität durch drei Spiegel gesehn, durch zehn

gebrochen, mathematische Vegetation, aus Überlegenheit leidenschaftslos

bis zur Zärtlichkeit.

Hier erhob sich erstmalig in d'Arigo die Stimme des Anteils deutschen

Bluts; solche Vortreibung der Kunst in Sphären, die jenseits des

Seelischen lagen -- wenn man Seele die Sphäre nannte, woraus das

Geschöpf Nahrung für seine Individualität, Trost, Erschüttrung, Rührung,

Sehnsucht bezog -- solche Neuerung war für germanisches Gefühl

Überzüchtung, Artistentum, äußerster Gegensatz zu Rembrandts

Menschlichkeit.

Der Lateiner in ihm widersprach, vermochte willig mitzugehn, empfand

stolz die größre Geistigkeit, die späte Reife dieser Kunst, die nicht

religiöse Kommunion mit dem All, sondern Florettstoß in das Herz des

Erschaffnen war. Er schloß sich in seinem eignen Atelier ein, formte die

Statue eines Gladiators, in dem nichts mehr vom anatomischen Muskelspiel

des Modells war, nur vier in die Luft gestoßne Stümpfe, Muskellianen, in

der Mitte ineinandergedreht um die Mutterfalte des Nabels;

Mannequinkopf, Holzspeck des Nackens.

Ausstellung ergab die Paradoxie, daß dieselbe Gesellschaft, deren

Verfeinerung Voraussetzung solcher nicht mehr realen Kunst war, hilflos

nur den Maßstab der Salonkunst hatte, und ein Deutscher, in dessen Blut

keine Tradition zu Greco führte, die Statue kaufte, den Künstler einlud,

Aufträge gab. Als d'Arigo in Deutschland war, kam der Krieg. Ihm blieb

der Sturm des Enthusiasmus fremd, aber es wuchs wie in einem versetzten

Strauch ein Trieb nach; er empfand es als zweite Jugend, Bereichrung. Er

begann Musik zu lieben; er, Anbeter des Sichtbaren, Künstler durchs

Auge, stieß in den deutschen Kontinent vor, ward verwirrt, ging in die

Schweiz, Klärung zu suchen -- die deutsche Lockung blieb stärker. Er

kehrte zur Gestaltung des weiblichen Körpers zurück und suchte wie alle,

die Gegensätzliches in sich tragen, Ausgleich, indem er die Form, mit

romanischster Männerhand herausgearbeitete, durch deutsche Musikalität

beseelte.

D'Arigo betrachtend, während er von sich erzählte, empfand Lauda die

Stockung, mit der es geschah, wohl als herrischste Straffheit, Willen

zur Form, und empfing doch noch unbestimmten Eindruck einer der

Produktion gefährlichen Verbissenheit, Ausgleich erzwingen zu wollen,

etwa als überließe d'Arigo sich nicht fessellos genug dem deutschen

Gefühl, führe zu früh die Bändigung ein.

Und die Zurückhaltung, mit der jener von der zärtlichen Keuschheit

sprach, die er nun seinen Frauen zu geben versuchte, schien Lauda selbst

Keuschheit zu sein, neue, unvereinbar mit diesem antiken Kameenkopf und

den Liebeserfahrungen der Pariser Gesellschaft. Wie, wenn die deutsche

Bereichrung nur eine Rückbildung war, zersetzend frühere Klarheit? Er

wußte es nicht, hatte nur den Eindruck der Möglichkeit. Was hatte

d'Arigo zu Lilian geführt, die neue Lockung oder die alte? Und sie

selbst, auch zwischen die Rassen Gestellte, was war sie, Sweegirl, durch

Paris Gegangne?

* * * * *

Manchmal begegnete man Lisbao, und das war, als sei man nicht in einem

Privathaus, sondern im Hotel; er nickte unmerklich, ging weiter. Er

schien flüchtige Bekanntschaften unter den Gästen zu haben, aber nie

redete er sie an, sie nur ihn. Kleine, zierliche Gestalt, blasser

Teerosenteint unter schwarzen Haaren, die Stimme so leise, daß sie

unvernehmlich war, zwanzigjähriges Kind, gestern noch Kind in einem

Stift mit mönchischen Brüdern.

»Er sieht aus,« sagte Lauda, »als besinge er den Mond und die

verheiratete Geliebte unzugänglich.«

»Sprich mit ihm,« antwortete Hannah mit einem feinen Lächeln, »er liebt

zwei Dinge nicht, Politik und Philosophie.«

Lauda tat, wie ihm geheißen war, bat Lisbao, ihm eins seiner Bücher zu

leihn. Lisbao hatte kein Buch herausgegeben, kein Verleger war zu finden

gewesen. Er veröffentlichte seine Gedichte in italienischen

Zeitschriften, war Gast bei Futuristen, obwohl er die Achseln über sie

zuckte, sie waren Naturalisten, denn sie stellten Fordrungen auf, mit

dem Schmutzigen verbunden, dem Krieg, den sie als befreiende Barbarei

priesen, kämpften gegen den Bürger und genossen seinen Zorn, wenn sie

ihm vorschlugen, den Schatz der Sentimentalität, die Museen mit Inhalt

von Raffael bis Tizian an noch Sentimentalre, die Amerikaner, zu

verkaufen. Gegen den Bürger führte man nicht Krieg, der Bürger bestand

nicht -- Vakuum, über das man hinwegsah; die Welt der Realität war

Vakuum.

Es beschäftigte sich diese Welt mit: Geschichte, Pädagogik, Philosophie,

dreimaligen Sisyphuserfindungen, das Nichts der Hirne auszufüllen.

Geschichte: man durchwühlte die Vergangenheit, das Gesetz der Kausalität

zu finden. Kausalität bewies ihnen, daß ihre Existenz Zweck hatte --

Geburt des Freisinns, der den Enkeln vermitteln will, was Väter

erschaffen hatten, Zeugungskette von Wilhelm Tell bis Gottfried Keller.

Wilhelm Tell war ihm Guillaume tel et tel, was ging er ihn an. Von

allem, was gewesen war, gedacht, geschrieben, übernahm er einen Satz des

Descartes: Ich will nicht einmal wissen, ob es Menschen vor mir gegeben

hat, der Rest war ihm Papyrus, unverständliche Hieroglyphe, wohltätig

tot -- Tod war die einzige Gerechtigkeit, die es gab, das Gesetz, mit

dem man sich identifizieren konnte, der große Würger: recht so, drücke

mit zwei Knochenfingern die Kehle des Menschen zu, wie der Mensch die

eines Vogels, écrasez l'infâme.

Pädagogik: denn Mensch in seiner Feigheit und Armseligkeit verwandelte

sein Hirn in ein System von Schubladen, Apotheker des Daseins, der das

sinnlos Seiende in sinnvoll Seinsollendes umzuschaffen glaubte, wenn er

kann, soll und muß aufklebte. Verwesender Pedant, der durch Erfindung

der Ideale Unsterblichkeit zu erlangen meinte, Schulmeister, der sich

durch Gase des Gefühls aufblies und doch nur ein Ballon war, mit nichts

gefüllt. Kunst die unreine Seßhaftigkeit in den eignen Exkrementen,

statt daß er sie über Bord warf, leicht und vegetativ zu sein; Seele,

die Selbstzufriedenheit der verseuchten Hure vor dem Spiegel, wenn sie

sich schminkt und dreht. Vernahm er die Worte Ideal und Wissenschaft,

vernahm er das Bumbum des großen Kalbfells der Jahrmärkte.

Es gab keine andre Kunst als die, die Beschäftigung mit sich selbst war,

saubre, reinliche Angelegenheit, die andre nicht bekehren wollte. Es saß

im Irrenhaus der Welt jeder in seiner Zelle -- Korridor davor, auf dem

man sich begegnen konnte, wenn er zugleich erlaubte, sich zurückzuziehn,

und in der Zelle saß jeder, spann aus seinem Nabel. Kunst tat niemand

weh, und wer sich damit abzugeben wußte, erfuhr Angenehmes und gute

Gelegenheit, das Land der Unterhaltung zu bevölkern. Kunst war

Privatangelegenheit, genau wie wenn einer Knöpfe sammelte oder Kaktus

mit der Birne pfropfte -- falls es ihm Spaß machte? Aber Kunst der

Ausstellungen und Museen, Lehrstühle und Kritiker -- o Freunde. Er

löschte aus, was von Praxiteles bis vor Picasso gestaltet war, mit

Picasso begann das Neue, darin nicht mehr Belehrung, Moralität,

Gottsuchen, Gegenständlichkeit war. Philosophie war Bildungstrieb,

Vermehrung der Qualligkeit des Hirns, das tönende Pathos,

Sentimentalität, Rührung des armen Teufels über sich selbst.

»Und Sie wollen heute Abend,« fragte Lauda, »Manifest und Verse

vorlesen, die diesen Auffassungen entsprechen? Warum tun Sie das? Wenn

der Bürger eine schleimige Kröte ist, bösartig, seßhaft in seinen Büros,

vom eignen Gift vergiftet, wendet man sich nicht an ihn. Warum tun Sie

es also? Denn selbst die hier Anwesenden, die sich für die

fortgeschrittensten Europäer halten werden, da sie ja ebenfalls der

Bourgeosie Todfeindschaft geschworen haben, sind für Sie nichts andres

als Narren ihrer Ernsthaftigkeit, Moralisten und Pädagogen.«

»Um sie herauszufordern,« antwortete Lisbao.

»Das Epatez le bourgeois ist nun ein Jahrhundert alt, die deutschen

Romantiker übten es zuerst, die französische Boheme formulierte es.«

»Ein Stachel in ihrem Fleisch zu sein, ihre Sicherheit zu beunruhigen,

aus sonst einem Grund, ich weiß es nicht, ich bin nicht

Psychoanalytiker.«

Einem bürgerlichen Betrachter standen zur Erklärung eines Phänomens wie

dieses Ungegenständlichen verschiedne Schlagworte bereit: Weltschmerz

der zwanzig Jahre; Artistentum; geistige Ratlosigkeit gegenüber dem

Ansturm des ersten Denkens; Irrsinn.

Weltschmerz war pathetischer Genuß des Leids, das nicht ganz der

Überzeugung entsprach -- in Lisbao war offenbar Haß gegen Pathos und

eine Stimmung vom letzten her, als sei Seele ein Geschwür, krebshafte

Wuchrung in entarteten Organismen. Ob damit ein Gott getroffen werden

sollte oder er selbst, blieb unklar.

Die andren Erklärungen waren nicht wesentlicher; Vorwurf des

Artistentums traf nicht, denn hier galt nur noch die kleine Sphäre, in

der sich ein Individuum einspann, aus seinem Nabel zu spinnen. Warum

aber verwarf er nicht auch diese letzte Beschäftigung? Um dem in der

Zelle Eingesperrten nicht das letzte Vergnügen zu rauben, oder weil er

eben persönlich -- Künstler war? Es wäre ihm nichts übrig geblieben, als

sich zu erschießen. Irrsinn, wenn auch nur in der mildren Form der

Dämonie? Es gab Kunst, die Stammeln der unter dem Griff Aufstöhnenden

war, oder Anklage der Gepeitschten, Flamme, die aus denen schlug, die

verbrannten; aber das portugiesische Kind war von einer Ruhe, die eine

sinnliche Empfindung gab: Körper wie der eines Pelztiers in Wärme

gebettet, ruhig atmend in dieser Wärme. Radikalismus, der sich mit Ruhe

verband, war hohe Geistigkeit, ja man konnte Geistigkeit schlechthin so

definieren.

Lauda folgte Lisbao auf sein Zimmer, die italienischen Zeitschriften zu

sehn. Er fand auch französische, spanische und erfuhr, daß

ungegenständliche Kunst sich als eine übernationale Bewegung zu

dokumentieren begann, der erweiterten westlichen, lateinischen

Hemisphäre. Ein Vorstoß war bis Neuyork gedrungen, wo das erste Heft

einer Zeitschrift erschienen war, das zweite darauf in Barcelona. Das

war wie das Aufflackern anarchistischer Attentate -- Gleichnis nur,

durch irgendeine dem Wort Barcelona entspringende Assoziation bei Lauda

sich meldend, aber im selben Augenblick durchfuhr ihn der Gedanke, diese

Bewegung, die den Strich unter das Bürgerliche setzte, berge einen

kalten Fanatismus, der dem der bolschewikischen Russen verwandt sei an

Ursprung und Energie, gleich ihm vielleicht die Welt überziehn könne.

Aus der Mutation des europäischen Kosmos, Weltkrieg genannt, brachen

zwei Entladungen, elektrische Ströme, die über den Ball griffen, die

soziale und die geistige Revolution.

War nicht in dem Haß gegen den Selbsternst des Bürgerlichen und seine

gepachteten Domänen Kunst, Wissenschaft, Politik Möglichkeit eines

Lachens, das im Zeitalter der Weltorganisation unbekannte Formen

annehmen konnte? Lisbao lachte nicht, aber der nächste aus seinem Kreis

schärfte vielleicht schon des Florett, das auf andre Art den Stoß ins

Herz der Dinge führte.

* * * * *

Am Abend las Lisbao. Es war, als trete in einem Hotel der Herr, den man

schon gelegentlich sah, auf und enthülle den Zweck seiner Anwesenheit,

Engagement. Er las Italienisch, Französisch und Deutsch; seine eignen

Arbeiten waren französisch geschrieben. Sein Manifest wandelte die

Gedanken ab, die er Lauda vorgetragen hatte.

Ich suche, las er, eine Bezeichnung für unsre Auffassung, ein zugleich

täglicheres und fanfarenhafteres Wort für das, was wir zu feierlich

ungegenständlich nennen, ich habe es noch nicht. Nennen wir es vorläufig

X, so lauten meine Sätze, die dem Ekel gewidmet sind, folgendermaßen:

Alles, was geeignet ist, das Ideal der Familie zu zerstören, ist X.

Protest mit allen Fäusten der Energie gegen tätliches Handeln ist X.

Abschaffung der Logik, Tanz der Ohnmächtigen ist X.

Ausschneiden des Gedächtnisses mit dem Messer der innren Chirurgie: X.

Verabschiedung der Propheten, der Zukunft und der geistigen Schubladen:

X,

Freiheit, Taumel, der Widerspruch ist X; nur unkonsequent sein. An

nichts glauben, auch nicht an X, ist X. Jeder schreie hinaus: es ist

eine große Arbeit zu tun, ganz Negation: Wegfegen, Säubern, Ausmisten.

Moralisten sind Bauernfänger, Söhne Eisenbarts. Seht ihr den Jahrmarkt

der menschlichen Gesellschaft, Pferch für Herdenvieh, von einem Kranz

von Tribünen eingezäunt: darauf stehn sie im Kreis. Kopfbedeckung

Magisterhut, rote phrygische Mütze, Schlapphut der Philosophen,

demokratischer Zylinder, Berliner Sozenkappe, Pfaffenkrönchen,

Frauenrechtlerins Strohhut mit der Nadel, und reden aus den zehn Ecken

des ersten Mai auf das Vieh, ihm die Pillen des Glücks aufzuschwatzen,

pinkpink bummbumm. Wer von Glück redet, ist ein Schwein, seien wir doch

Schweine ohne Glück, nur Schweine, über die ich weine, es gibt im Koben

kein Unten und Oben, kein Jenseits und Droben.

Er hatte unbewegt vorgetragen, den Blick aufs Manuskript gesenkt, als

gehe ihn der Gegner, den er angriff, nichts an. Schreiner sprang auf,

drängte mit geballten Fäusten auf Lisbao; Lilian lächelte ungläubig, das

Unerwartete war eingetreten; d'Arigo gebot dem Portugiesen in seiner

Heimatssprache zu schweigen; Madeleine Betz saß mißbilligend angewidert,

der Schweizer schlug aufs Knie und begann zu jodeln, als Lisbao

weiterreden wollte.

Ein Äderchen groß wie ein Regenwurm trat aus der Schläfe Lisbaos, er

stieß den Stuhl zurück, schrie fast:

»Ich weiß, werte Herren, daß ich ein Majestätsverbrechen an dem Ernst

Ihrer Würde begangen habe, bin bewußt, vor mir die Creme der

europäischen Gesinnung zu haben. Nicht wahr, der Krieg, über den Sie zu

Gericht sitzen, Sie segnen ihn im geheimen, denn er erst hat Sie zu

Halbgöttern gemacht, Schiedsrichtern über Tölpel und Barbaren. Eure

Selbstherrlichkeit reizte mich; wenn ihr so hoch steht, laßt mich unten

im Staub euch in die Zehen beißen, kratzt euch und redet weiter vom

Glück.«

Er setzte sich erschöpft, Augen waren Kohlenstückchen in Teerosenblätter

gewickelt. Lauda trat zu ihm, roch den Atem eines jungen Kinds, sagte:

»Lesen Sie andres, nicht Manifest, Verse,« gab ihm den Band in die Hand,

der vor ihm lag. Lisbao schlug auf, las die Hymne Rimbauds auf die

Vokale, nahm ein andres Heft und sagte:

»Hören Sie etwas Deutsches, Gedichte meines Freunds Hans Arp; wenn Sie

nicht böswillig sind, werden Sie empfinden, wie rein, von

Seelenproblemen unbeschwert, phantastisches Spiel hier die Welt geworden

ist, ausgeschaltet Kausalität, übersprungen Zwischenglieder,

gleichzeitig alles, Silberkugeln auf Fontänen.«

* * * * *

Obwohl der mond mir wie ein spiegel gegenüberhängt schmerzt mich der

engel im auge / auf den tischen laufen die sämereien auf und pochst du

an die pflanzen so springen ihre blumen hervor / die löwen verenden vor

ihren schilderhäusern mit gießkannen voll diamanten zwischen den krallen

/ die führer tragen schürzen aus holz die vögel tragen schuhe aus holz

die vögel sind voll widerhall / unaufhörlich rollen ihnen die eier aus

ihren kleinen herzen / ihr scheitel trägt den himmelsmast ihre sohlen

stehen auf schreitenden flammen / reißt die schneekette so rufen sie den

herrgott an / senkt sich das himmelsrad so treten ihre hufe auf schwarze

körner

die nachtvögel tragen brennende laternen im gebälk ihrer augen / sie

lenken zarte gespenster und fahren auf zartadrigen wagen / der schwarze

wagen ist vor den berg gespannt die schwarze glocke ist vor den Berg

gespannt die toten tragen sägen und stämme zur mole herbei / aus den

kröpfen der vögel stürzen die ernten auf die tennen aus eisen / die

engel landen in körben aus luft / die fische ergreifen den wanderstab

und rollen in sternen dem ausgang zu

verschlungene knaben blasen das wunderhorn / engel in goldenen schuhen

leeren säcke voll roter steine in jedes glied / schon bilden sich maste

und sternbilder / die schwestern zeigen spuren von luftschlössern

geldkatzen findlingen dampfkuhbissen gesattelten hasen frisch

gepolsterten löwen / auf flammenden speichen rollen vögel über den

himmel sterne niesen aus ihren wachsnasen blumengarben / betrunken sind

mann und maus und schwimmen an weichen Fingern / brennende löwen sausen

über zitternde birken / wer einen schwanz hat bindet sich eine laterne

daran / die ganze nacht wird auf dem kopf gestanden rittlings auf

drachen getanzt / stangenklettern und leiblicher Ringkampf erfüllen die

nacht mit wauwau

Die seraphim und cherubim steigen die weißen bauleitern auf und ab und

wissen nicht warum / auf wattekugeln schreiten die starken tiere sie

sieben glühende kohlen auf die betten werfen speere nach den befiederten

höckern und häufen steine über die wegweiser / die kinder ziehen ihre

totenstiefel an und warten auf die zeit die in kleine schwarze schlitten

und kisten zerfällt und warten auf den kosmetischen Löwen mit dem

schwanz aus dünnem draht voll feiner knötchen / in den schattensesseln

sitzen die gekalkten toten sie klatschen in die hände und bellen /

riesenvögel röhren in den holzschluchten keiner findet mehr die spur von

seinen kinderschuhen / die pistille fallen aus den sternen die sterne

verzucken in ihren volieren die sterne spalten sich und speien atrappen

/ die muskeln in den Sternen reißen entzwei die knochenlosen prinzen

fließen wie Teig um die räder der mitternacht / in dem metallenen zelt

aber sitzt die riesin eisenkopf mit den falschen waden die litfaßsäule

und der uhu / die riesin stülpt sich ihren feuerzylinder ihren

rauchzylinder aufs haupt verbeugt sich und spricht fröhlich fröhlich

fröhlich / also wird der erdball durchsichtig und wie in einem

fischglase schweben die magistri horti deliciarum darin / die welttore

schlagen auf und zu die wachspuppezeit zerfließt unaufhörlich das

übernichts das wohllautei beschießt.

* * * * *

Er las vor, wie man nach Laudas Gefühl vorlesen sollte, monoton, ohne

Akzente von Erfassung oder Verarbeitung, nur das Material liefernd,

nicht das Werteverhältnis, das dem Zuhörer überlassen blieb -- nichts

war so fern von der Konfektionstätigkeit des Schauspielers, der fix und

fertig den Complet liefert, wie man in der Schneiderbranche sagte. Diese

Einförmigkeit entsprach auch der Grundstimmung den Erscheinungen der

Welt gegenüber: sie waren Erscheinungen, nicht mehr, rollend aus dem

Ärmel das Magiers mit dem Zauberhut, stürzend in den Wasserfall der

Zeit, drängend einander auf den Fersen, Foetuszug, keiner dem andern die

Zeitspanne gönnend.

Nüssli war der einzige, der den Unterschied nicht merkte, wie beim

Manifest zu jodeln versucht war; in den andren haftete wohl das eine

oder das andre Bild aus phantastischer Verschlingung von Milchstraße und

Baum, aber sie waren befremdet und fragten, welchen Wert solche Kunst

habe für Denken und innre Not.

»Es sind Märchen,« sagte d'Arigo, »aber schwaches Fundament für

Revolutionierung der Kunst, und selbst die Phantasterei verliert sich

fortschreitend in bloßen Worteinfällen ohne Beziehung.«

»Ganz recht,« antwortete Lisbao, »Beziehungslosigkeit ist eine unsrer

Fordrungen. Die Bilder, die mein Freund malt, denn er ist Maler, beziehn

sich nicht mehr auf das, was abzumalen überflüssig ist, weil es ja schon

existiert. Hängen Sie seine Bilder an die Wand, suchen Sie umsonst Kuh

und Nymphe darauf. Halten Sie sich für bedeutender, ernster, weil Sie

von dreißig bis siebzig unermüdlich Spargel und Mädchen malen? Ist das

eine männlichere Beschäftigung? Spargel und Mädchen haben einen ganz

andren Zweck, als in Ihrem Öl aufzuerstehn -- gegessen und beschlafen zu

werden. Welch eine Existanz führen Sie denn inmitten arbeitender

Bürgerlichkeit? Wäre der Bürger nicht ein so feiger Dummkopf, dann würde

er ehrlich sagen, was er von Ihrer Lebensweise hält: daß Künstler

Tagediebe sind, vorredend, die Ölspargel seien so wichtig wie die echten

und deshalb sei es nötig, Akademien zu unterhalten. Die Gesichte meines

Freunds wollen wenigstens nichts sein als Spiel, ihm so ernst wie Ihnen

der Pan im Garten, aber eben auf ihre Philosophie betrachtet Spiel,

anmaßungslos, ohne das bedeutsame Mundzusammenkneifen.«

»Wo lebt er, wie?« fragte Lauda.

»In Zürich, so reinlich, daß es im Zeitalter von Büro Bank Börse

unwahrscheinlich ist, er hat keinem Kritiker einen Besuch gemacht,

diniert nicht mit Sammlern, Einladung mit Schmeichelei abzahlend, liest

Laotse und Jakob Böhme, hat Hände und Füße wie eine Frau, sein

Organismus ist so unbrutal, daß er Ausschlag bekommt, wenn er Fleisch

ißt.« Zu d'Arigo gewandt: »Was ahnen Sie, was wissen Sie? Nichts, nicht

einmal wie eingesponnen Sie in die kapitalistische Lüge der Kunst

sind. Wenn ein Konsumverein Ihnen den Auftrag gibt, auf sein

Verwaltungsgebäude die Symbole von Arbeit Handel Friede zu stellen,

meißeln Sie Mann mit dem Hammer, Magd mit dem Rocken und als drittes

wieder Mann oder Weib mit irgendeinem Spießeremblem -- er täte es nicht,

das ist der Unterschied. Und wenn der Kommerzienrat sich anmeldet,

lassen wir nicht das Atelier aufwaschen, darum liefern wir ihm auch

nicht Nymphen unter die Zimmerlinde zu stellen.«

D'Arigo maß ihn kalt, sagte: »Daran erlaube ich mir zu zweifeln. Mag

sein, daß Ihr ein paar Jahre weder vom Konsumverein noch vom

Kommerzienrat Bestellung erhaltet. Kommt sie aber, dann werdet Ihr

verlogen, wie Ihr im Innersten seid, denn Ihr beeilt Euch zu liefern,

was man verlangt. Darin sind wir ehrlicher, denen der Bürger die

Akademie bezahlt.«

Er ließ ihn stehn und ging zu den Männern, die von dem sprachen, was sie

interessierte. Lisbao blieb allein, sein Vortrag hatte keinen veranlaßt,

ihn einzuladen. Da sah Lauda, der bei Hannah stand, daß Fräulein Betz zu

Lisbao ging, ihm Gesellschaft zu leisten. Hübsch von ihr, er trat selbst

hinzu, neugierig zu hören, was sie sagte:

»Wenn ich Sie recht verstanden habe, leugnen Sie, daß ein Künstler sich

mit irgendwelchen Dingen abgeben soll, die den Mensch beschäftigen,

Problemen, Konflikten?«

»Durchaus, ich lehne ab Theater Museen Konzerte.«

»Und lesen nicht, was vor Ihnen Geister gedacht und gestaltet haben?«

»Nein, es ist sich jeder selbst genug, die Geister vor mir interessieren

mich nicht.«

»Selbst angenommen, Sie wären so reich, daß Sie sich selbst genügen

können, glauben Sie nicht, daß Sie durch solches Prinzip zu einem

Hochmut kämen, der Dürre würde? Sie hören nicht Musik, lesen nicht

Bücher -- wie bequem Sie sich die Verwerfung der andren machen. Oder:

wenn Sie die Beschäftigung mit Fragen, die uns alle angehn, ablehnen,

warum lassen Sie nicht den andren das Recht, sich mit ihnen zu

beschäftigen? Sie sind ja genau dem verfallen, was Sie bekämpfen, dem

Schulmeistern, dem Moralisieren, denn Sie wollen die Menschen dazu

zwingen, die Welt mit Ihren Augen zu sehn. Proklamation des Egoismus

erschiene mir nur in einem Fall zulänglich: wenn man schwiege und kein

Manifest verfaßte. Manifeste sind Symptome des Pädagogischen. Sie wenden

sich damit an Gleichgesinnte? Also wollen Sie eine neue Schule gründen,

also sind Sie wie alle. Und drittens: wenn Sie den Menschen Theater

Bücher Museen nehmen, was geben Sie ihnen dann? In welche Verdummung

stürzte die Welt, wenn man jedem einredete, er brauche nichts mehr zu

lernen. Sie schütten ihnen ja alle Quellen zu, Kunst ist nicht nur eine

absolute Angelegenheit, sondern auch eine soziale in dem Sinn, daß sie

die Menschen vor der Langeweile schützt. Ich sehe lauter Widersprüche in

Ihnen.«

»Der größte ist,« sagte Lauda, »daß die Theorie des Ungegenständlichen

nur relativ standhält. Denn nicht nur Kuh Spargel Nymphe sind

gegenständlich, auch die mathematischen und statischen Gesetze, deren

direkte Darstellung Sie versuchen, sind es; sie sind Realität im

philosophischen Sinn. Kunst, überhaupt alles, was aus dem innren Kosmos

kommt, ist Nachahmung bestehender Zustände. Man kann wohl variieren,

aber nicht neu erfinden. Man kann Menschen mit Fischschwänzen,

Pferdeleibern und Flügeln erfinden, aber nichts Neues schaffen, das

Groteske ist eine Variation des Seienden, nicht mehr.

In den Gedichten Ihres Freunds ist eine außerordentliche Phantasie:

>unaufhörlich rollen den Vögeln die Eier aus den kleinen Herzen, ihr

Scheitel trägt den Himmelsmast, ihre Sohlen stehn auf schreitenden

Flammen, senkt sich das Himmelsrad, so treten ihre Hufe auf schwarze

Körner.< Das sind freie Assoziationen über der Realität, aber die

Elemente sind aus der Realität genommen; es sind Kombinationen, bei

denen die Kausalität zärtlich ironisiert wird -- bei andren wird sie

vielleicht herausfordernd ironisiert. Ich vermute, daß Sie trotz Ihres

Hasses auf überlieferte Kunst den ganzen unausgesprochnen Hochmut des

Künstlers haben, schöpferischer als der Bürger zu sein, Absolutes zu

fühlen -- ich habe ihn nicht mehr, die Kunst legt sich in den Weg, wenn

wir das Absolute suchen, ich bin entschloßnerer Empörer als Sie. Sie

lassen Rimbaud gelten, rechnen ihn wohl mit Picasso zu ihren Vätern --

Rimbaud ging, nachdem er Paris mit dem Ruhm seiner zwanzig Jahre gefüllt

hatte, zu den Barbaren, fortan ein Anonymer; das war Tat, so fern den

Manifesten. Ich würde Sie ganz verstehn, wenn Sie auch die Kunst auf die

Liste setzten, über der steht Mes Haines.«

* * * * *

»Europa ist dekadent,« sagte Shiller, »wenn es Erscheinungen wie diesen

kleinen Portugiesen hervorbringen kann.«

Lauda hatte ihn beim Croquet beobachtet. Es gab in Hannahs Haus nichts

dergleichen, keinen Spielplatz, keine Stöcke, keine Kugeln; Shiller

hatte den Platz eingerichtet, Material in Interlaken telephonisch

bestellt, danach zog er Fräulein Betz, Doktor Nüßli und Fünfkorn zu

Partnern, nicht unlebhaft, aber zäh. Dem kindlichen Spiel oblag er mit

einer Ausdauer, die wie Hypnose war, Hypnose des Willens, der ein Ziel

sieht, es erreichen wird. So einfach wie die Spielregeln war Bild der

Welt in ihm. Die Wahrheit hieß Demokratie, der Friedensstörer und

Bedroher der Völker Preußen; die amerikanische Demokratie,

ausgebildetste von allen, nahm den Kampf auf, würde ihn bis zum Sieg

durchführen. Daß er Sozialist war, wurde für die Zeit dieser Aufgabe

nebensächlich, zuerst galt es, die Demokratie in allen Ländern

einzuführen.

Er war Sohn eines Achtundvierzigers, sprach Deutsch, war nach Europa

gekommen, um die Opposition der deutschen Demokraten gegen das

kaiserliche System zu organisieren. Sein Lieblingsdichter war der,

dessen Namen er führte, ohne mit ihm verwandt zu sein, Schiller; bei

Schiller war die Begeistrung für redliche Ideale, das Temperament des

Redners, der große Massen führt, die Dreieinigkeit des Guten Schönen

Wahren. Lauda erinnerte sich der Amerikaner, die er in Brüssel gesehn

hatte; dieser gab ihm dieselbe Empfindung der großen Menschenmaschine

jenseits des Ozeans, die gleichförmige Hirne in Millionen Exemplaren

hervorbrachte -- Banalität und prachtvolle Jugendlichkeit, zähe Frische,

die die Welt nach ihrer Absicht formen wird.

Aber er konnte nicht mit Shiller sprechen. Klang das, was er sagte, nach

dem Sinn des Amerikaners, war er sein Mann, Übereinstimmung der

Ansichten auf der ganzen Linie; paßte es nicht in die Idee Shillers,

hatte er einen Gang zu bestehn, in dem jener heiß und unbefangen mit den

größten Gemeinplätzen argumentierte, wahre Boxerschläge austeilte. Sie

sprachen vom preußischen System. Lauda, fern jeder Billigung, suchte

klarzumachen, daß es eben ein System war, als solches geschlossen, klar,

bewundrungswürdig durchdacht. Solche geistige Betrachtung eines

Augenblicks war Shiller unverständlich, er wollte widerlegen, was nicht

widerlegt zu werden brauchte, sprach Leitartikel.

Hinter ihm stand Geldkraft, er kam mit Vollmachten. Sein Plan war, eine

deutsche Zeitung zu gründen, die Gefangnen in den Lagern mit diesem

Blatt von ihrer Blindheit zu befrein. Herausgeber sollte Fünfkorn sein.

Es kamen die ersten Korrekturen, Lauda las den Eröffnungsartikel

Fünfkorns. Er war logisch und es war erlaubt, daß jemand, der aus

Überzeugung glaubte, daß Deutschland die Schuld am Krieg allein trug und

die Entente, selbst zugegeben, daß auch sie vom Imperialismus herkam,

die Sache des Rechts vertrat -- es war logisch, daß dieser Deutsche

soweit ging, mit der Entente in einer und derselben geistigen Front zu

kämpfen; aber es widerstrebte zu hören, daß er sich das Geld zu diesem

Kampf von ihr geben ließ, von ihr Unterhalt bezog.

Diese Auffassung vertrat auch, mit aller Deutlichkeit, Graumann. Spieß

ließ sich den Bundesgenossen gefallen, Mitrofan und Nüßli zuckten die

Achsel über das bürgerliche Unternehmen. Fünfkorn hatte sich nicht auf

das Studium der verschiednen Weißbücher beschränkt, er hatte auch

gelesen, was in den Pariser Blättern über den deutschen Geist gesagt

wurde, daraus nach dem Gesetz des Gegensatzes die französische

Auffassung von Zivilisation kennengelernt.

Das Ergebnis war ein Versuch, das Gedankengebäude der deutschen

Geistigkeit zu konstruieren, wie es seit der Reformation über Hegel bis

zu Marx und Lassalle errichtet worden war. Die Reformation war der

Abfall vom Prinzip der selbstgewählten Bindung des Menschen durch eine

überreale Idee, sie war, im Keim, die Proklamierung der Souveränität des

Denkens. An Stelle Gottes war der Begriff des Staats getreten, der

profanen Bindung, die Freiheit war also illusorisch, die irdische

Autorität schlug den Freigelaßnen in neue, härtre Bande -- Geburt der

deutschen Subalternität. Hegel erklärte sie als Geist der

Weltgeschichte, Marx und Lassalle waren nicht minder protestantisch,

bereiteten das Bündnis von 1914, zwischen dem Sozialismus, autoritärem

Mikrokosmus im preußischen Makrokosmus, und dem Militarismus vor.

Ernsthafte These, aber sie schwenkte ab zu dem, woran Fünfkorn gelegen

war, der Empfehlung des französischen Systems als der einzig möglichen

Methode, Gesellschaft aufzubaun. Für den denkenden Geist war das

deutsche System ein Versuch der Lösung, das französische ein andrer, wie

Hellas, die mittelalterliche Kirche Lösungsversuche gewesen waren. Die

Grundidee eines Systems bedingte seine Größe und seine Beschränktheit.

Man durfte innerhalb des praktischen Daseins von einem System sagen, es

führe zu Konsequenzen, die unerträglich waren; man durfte nicht im

absoluten Sinn, wie Fünfkorn tat, von ihm sagen, es beruhe seit nun vier

Jahrhunderten auf Betrug, Lüge, List. Die Geschichte eines Volks war nie

Betrug, sie war Schicksal.

Die Unfähigkeit, diese zwei Betrachtungsweisen der praktischen Wertung

und der ideellen Anschauung auseinanderzuhalten, die Kleinlichkeit der

Beweisführung, die nicht verschmähte, aus Boulevardblättern das Argument

zu übernehmen, Goethe habe im Faust das Recht des sinnlichen Genusses

gepriesen (Beweis für die Minderwertigkeit der deutschen Seele), die

Empfehlung französischer Geister dritten Rangs, die als Ersatz für Kant

und Hegel genannt wurden, verstärkte Laudas Abneigung, in Fünfkorn den

geeigneten Führer anzuerkennen.

Graumann zog Lauda in die Whiskyecke und bot ihm eine Importe an,

Zeichen, daß er sich etwas vom Herzen reden wollte.

»Sehn Sie,« sagte er, »es ist bedauerlich, daß wir nicht die Kraft

haben, unsrer Regierung den Krieg ohne fremde Subsidien zu erklären. Die

Schwierigkeit liegt weniger auf finanziellem Gebiet -- ich ließe mit mir

reden -- als auf geistigem, oder soll ich sagen moralischem. Ich lebe

nun sein Jahren unter den Intellektuellen, komme aber selbst aus ganz

andren Schichten, war Kaufmann, machte Geld -- Geld gemacht, suchte ich

es vernünftig anzuwenden, für mich und andre. Man war bereit, mir dabei

zu helfen, gab mir die Rolle des Mäzen. Ich ließ es mir gefallen und

suchte inzwischen den, der, mit schriftlichem oder gesprochnem Wort

begabt, das ausführen konnte, was ich meine. In allen diesen Jahren

wurde ich mit einigen Dutzend Künstlern und Literaten bekannt, es waren

nicht alle Schwätzer, aber keiner so überlegen, daß man empfand: diesem

ist Gabe des Geists ein anvertrautes Gut, für andre zu handeln -- es war

ihnen allen ein persönliches Gut, Ehrgeiz zu befriedigen.

Da ist dieser Fünfkorn. Er legte seine Militärbehörde ordentlich hinein,

guter Anfang, werbende Handlung -- warum zum Teufel läßt er sich nun von

den Fremden, die ihre eignen Zwecke verfolgen, die Mittel geben? Warum

wandte er sich nicht an mich, den Deutschen? Sie werden sagen, ich hätte

vielleicht nicht genug durchblicken lassen, daß ich bereit sei. Aber

eben das, dieser Mangel an Instinkt oder an Mut verrät seine

Beschränkung. Nun geht er hin und verpfuscht eine schöne Sache. Die

Geistigen kommen mir wie Gäule vor, die darauf brennen, Galopp zu

laufen, aber sie haben Scheuklappen an den Augen. Ich lerne allmählich

skeptisch denken vom Zustand der Geistigkeit. Da ist der kleine Lisbao:

schöner Haß gegen bürgerliche Bequemlichkeit, aber können Sie daraus

irgendeinen Hebel machen, die Verhältnisse aus den Angeln zu heben? Es

ist alles bei ihm Nein, müßte er dieses Nein in Energie verwandeln, die

man dem Ja zuführen kann, würde er jämmerlich versagen.

Ein tüchtiger Mensch ist Madeleine Betz, aber Frau, ungeeignet zur

Führung von Männern. Spieß hat sich der Wirkung auf Deutsche begeben,

bleibt hübsch innerhalb der französischen Partei, denkt an die Nachfolge

von Jaurès. Mitrofan wälzt in seinem Kopf die europäischsten Gedanken,

aber er schenkt sich die Mühe, die Zukunft aus den gegebnen

Verhältnissen zu entwickeln. Bleibt Schreiner. Ich bin indiskret, wenn

ich verrate, daß er sich seit Jahren von mir nährt, er kommt von Zeit zu

Zeit, sagt: der Kapitalismus ist hündisch, enteignet ihn -- und

enteignet mich um zehntausend Mark oder Franken, je nach dem Land, in

dem wir weilen. Der eine, der sagte: ich muß monatlich dreihundert

Franken haben, Minimum des Lebens, alle andre Kraft und alles andre Geld

sollen der Idee zugute kommen, auf den warte ich vergeblich.

Resultat: ich langweile mich und gerate in Gefahr, meine

Bereitwilligkeit zu verlieren. Der dicke Graumann mit dem Spruch leben

und leben lassen ist auf dem Weg, eine tragische Figur zu werden. Hätten

Sie nicht Lust, dieselbe Sache in die Hand zu nehmen, die Fünfkorn nun

verdirbt? Sie gefallen mir. Man muß, wenn man gegen die andren denkt,

erst aus ihnen heraus denken können; man muß sie nicht niederknüppeln,

sondern zum Leben zwingen. Überlegen Sie es; wenn Sie mir etwas

vorschlagen, sage ich nicht nein.«

»Wie könnte ich Fünfkorns Rolle übernehmen?« antwortete Lauda, »es wäre

nicht weniger unanständig. Ich war gestern noch in einem deutschen Büro,

bin nur beurlaubt. Griffe ich sie an, würden sie sagen, ich sei gekauft.

Erst muß ich mich lösen, dann in das Neue hineinwachsen.«

»All right, so ist es richtig,« sagte Graumann, »besuchen Sie mich in

Zürich, Frau Hannah ist kein Hindernis, außerdem reist sie ab.«

Dies Gespräch fand am letzten Abend statt. Am nächsten Tag fuhren alle

nach Zürich, Hannah und Mitrofan setzten die Reise zur Grenze fort, um

durch Deutschland nach Rußland zu fahren. Wie sie sich einen Paß

verschafft hatte, war ihr Geheimnis.

Nein und Ja: Roman · 第 10 / 26 题