Lauda: »Und wenn ihr Rußland erobert habt?«

Hannah: »Wird zum erstenmal menschliche Gesellschaft radikal aus der

Idee gestaltet, Weg der Natur verlassen, der ein Umweg, langsame

Evolution mit allen Zwischenstufen und Kompromissen ist. Du, der von

Mutation und Selbständigwerden eines Organs wie dem Hirn sprichst,

sollst du nicht an die Möglichkeit solchen Versuchs glauben?«

Lauda: »Ich beginne die Tragweite eurer Fahrt zu begreifen. Sagtest du

nicht, jedes Mittel sei ihnen recht, selbst Pakt mit Ludendorff, da sie

nur ihr Ziel wollen? Unsympathischer Jesuitismus, doch verständlich. Es

wird der Versuch sein, die Idee über die Geschichte zu setzen, den

Intellektuellen zum Schöpfer zu machen. Fast könnte es mich verlocken,

mitzufahren -- laß, ich tue es nicht; warum? Mein Instinkt warnt mich,

die Summe meiner Lebenskräfte. Schlösse ich mich an, könnte es sein, daß

die Logik mich zwänge, Kriegsminister in Petersburg zu werden oder dem

Standgericht zu präsidieren. Die Dämonie der Logik wird teuflisch sein.

Hannah, wärst du bereit, Jakobinermegäre zu werden?«

Hannah: »Niemand weiß, was aus ihm wird, wenn die Hemmungen fallen. Im

Anfang war die Tat, denn Existenz ist Eintritt in die Handlung, Gott ist

die Tat, Nichthandlung ist Nichtexistenz.«

* * * * *

Später im Zimmer allein, dachte Lauda diesen Dingen weiter nach. Für

Hannah gab es keine andre Möglichkeit als solche »Tat«, mochte sie nach

Rußland führen oder in andre Sphäre, denn sie war Frau und das hieß,

wenn der Ausweg, Hausfrau oder Lehrerin der heranwachsenden Generation

zu sein, verschmäht wurde, tragisch sein, nicht in sich selbst Ziel

finden. Das Jahrhundert verlangte die Emanzipation der Frau, aber das

war Beglückung nur für diejenigen, die mit festen Füßen in der

Irdischkeit standen. Für die andern, die den Instinkt des Absoluten

hatten, also den Gegensatz zwischen Ego und Gesellschaft empfanden,

Erfüllung des Ego für wichtiger hielten als Dienst in der Gesellschaft,

gab es nicht den männlichen Ausweg, geistiger Kosmos zu sein, durch den

alle Ströme, alle Existanzen der andren fluten.

Im Mann deckten sich Sinnlichkeit und geistige Energie, in der Frau

nicht. Mann konnte Pantheist sein, Zusammenfassung der Welt -- die Frau?

Nein. Seltsame Erkenntnis im Zeitalter der siegreichen Demokratie, in

dem angelsächsischer Feminismus die Welt eroberte. Aber daraus eine

Apotheose des männlichen Primats machen, Geltung als Prophet der

Virilität erlangen wie noch Nietzsche? Das war für ihn verlegter Weg,

obwohl er die Möglichkeit sah, durch ihn Wirkung zu erreichen, denn das

Geheimnis der Wirkung war, den Zeitgenossen einen Kristallisationspunkt

zu bieten, um den sich das Chaos des Denkens lagern konnte.

Er war vielmehr unbedingt für Emanzipation der Frau; menschlichen Wesen

nichts versagen, was ihnen das Gefühl gab, ausgeschlossen zu sein.

Unmöglich, eine Lehre aufzustellen, die dem Schöngeist erlaubte, von der

Überlegenheit des Manns zu reden, mochte diese Überlegenheit auch

existieren. Es war einfach Einsicht in die Konsequenzen, was ihn

abhielt. Was ausgesprochen wahr war, wurde gelehrt falsch, stieg in die

Arena des Praktischen herab und diente nur der Reaktion, den

Konservativen, den Vereinsrednern, die sich dumm in Männlichkeit

spreizten, weil sie ahnten, was Männlichkeit war, und es doch nicht

gereinigt sichtbar machten.

Er konnte es auch so ausdrücken, daß er die Ansicht, die Frau habe die

schwächre Position, ursprünglich gar nicht mitgebracht hatte, vielmehr

von der Tatsache ausgegangen war, daß Wesen der gleichen Gattung a

priori Recht auf Gleichheit besaßen -- seine Art von Ritterlichkeit, die

auf dem Begriff Würde beruhte, eine geistige Ritterlichkeit. Erst

empirisch war er gezwungen worden, diese Bereitwilligkeit aufzugeben und

zwischen den Geschlechtern einen Unterschied der Denkenergie

festzustellen, für die es dann Gründe konstitutioneller Art zu finden

galt.

Wenn männliches Denken darin bestand, daß das Hirn ein Hemmungsapparat

war, in dem sich die Weltkraft brach, also Sichtbarkeit erlangte,

prismatisch in ihre sämtlichen Strahlen zerlegt wurde, sich gedanklich

rekonstruierte, dann war der weibliche Kosmos diffuser, nicht imstand,

die gesamte Sinnlichkeit der Existenz in sich aufzunehmen, ohne von ihr

vergewaltigt zu werden -- er war unfähig, das Material restlos zu

verarbeiten, in Geist zu überführen; er war materieller.

Fragte sich nur, ob der so fruchtbare Gedanke der Mutation, die

Möglichkeit, aus Funktion selbständiges Organ zu werden, nicht auch der

Frau die Freiheit von der Funktion in Aussicht stellte. Kaum ein

Zweifel, daß durch bewußte Züchtung und Vermeidung jenes Zustands von

neun Monaten, in dem die Frau ins Geschlecht zurückkehrt, das

Funktionelle reduziert werden konnte; aber das Ergebnis war -- eine

Karikatur des Manns; der Kopf eines alten Philosophen war machtvoll, der

einer greisen Frau vielleicht klug, mild, gütig -- alles Werte, die aufs

praktische Leben verwiesen. Es war nicht einfach so, daß der Mensch in

einen männlichen und weiblichen Teil zerfiel und der durch die Frau

ergänzte Mann mit der durch den Mann ergänzten Frau identisch gewesen

wäre.

Das alles vom Absoluten her; in der sozialen Sphäre spielte der

Unterschied der Geschlechter eine so geringe Rolle, daß hier die

Fordrung der Gleichberechtigung Postulat sein durfte. Daß es nicht

weiblichen Plato und Kant gab, damit konnten sich die Frauen abfinden in

einem Zeitalter, das von absoluten Ideen zu praktischen, wie denen der

großen Revolution übergegangen war -- der Mensch war bei seinem

rationalen Stadium angelangt, die heimkehrenden Senegalneger würden die

Keime einer Mutation mitbringen, die sogar Afrika aus der irrationalen

Epoche des Kriegs herausführen mußte. Die letzten Irrationalisten in

Europa waren die Deutschen, sie waren im Begriff, ihre Lehre zu

empfangen.

Was blieb Hannah, wenn das russische Abenteuer erledigt war und sie

dabei nicht das Leben verloren hatte? Der Sprung in ein neues Abenteuer

-- das eben war die weibliche Tragik. Er dachte an die Erzählung, die in

Brüssel Leutnant Berger vorgelesen hatte, darin die Figur Nellys, die

wie Schwester Hannahs war. Ihre Biographie ein fortlaufender Versuch,

den Durchbruch des Absoluten zu erzwingen -- am Ende heiratete sie den,

den sie schon am Anfang hätte heiraten können, Rückkehr zum Gegebnen,

der Arena.

* * * * *

Am nächsten Tag begleitete er Hannah nach Interlaken; sie machte

Einkäufe für die zum Abend erwarteten Gäste.

Der Ort gefiel ihm, weil sein Aufbau so klar war, daß er sich

beschreiben ließ. Gegebne Punkte waren Ende des einen Sees, Anfang des

andren. Zog man dazwischen eine Gerade, so erhielt man die Linie der

Hotel- und Geschäftssiedlung. In der Mitte war sie nur auf einer Seite

bebaut, auf der andren der Promenadenweg mit dem Musiktempelchen,

dahinter Wiesen, die bis zu den Bergen gingen, Grasebne, Sitz der

melancholischen Frösche.

Wo die zweiseitige Bebauung wieder begann, stand ein Pavillon;

Korbstühle, Spiegelscheibe vor Patisserie, heitre Tischchen. Einkäufe

besorgt, lud er Hannah dahin ein, war zauberhaft versetzt in

Kurortsommertage, wie es sie vor dem Krieg gegeben hatte: Kurgast der

unbeschwerte Mensch, der Landschaft und Zivilisation freundlicher

Gasthöfe genoß, als gebe es nicht Bergwerk, Armut, harte Fron, und

Reisen sei die legitimste Handlung in einer Welt, die glücklicher Garten

ist.

Er war froh an diesem Tag, leicht, so jung, Fähigkeit ganz, im

Augenblick zu leben; die Freundin entspannt wie er, Gefährtin des

Augenblicks; Rückkehr nachher zum Schiff schon frohe Erwartung,

Versprechen für den Körper, sich spielerisch zu bewegen.

Da kam mit schleppendem Gang ein junger Mann daher, gebeugt der Nacken,

als trage er die Last der Welt. Unlust in Lauda und zugleich ungläubiges

Erkennen: so ging Thomas Schreiner.

»Der erste der Gäste«, sagte Hannah, rief ihn an. Lauda sah zum

zweitenmal das Gesicht, das wie das eines war, der Sträfling in den

Bergwerken gewesen ist und seinen Groll verwandelt hat in den gegen die

arme Bestialität der Menschen, die nur durch Mitleid überwunden werden

kann; in den Augen drohende Auffordrung, es mit ihm zu bekennen, die

Verurteilung der Mächtigen.

Schreiner begrüßte ihn gleichgültig, als wollte er sagen: Du bist deren

einer, die sich dem Einfluß meiner Ideen entziehn werden, darum

existierst du nicht für mich; danach überreichte er Hannah einen Band:

»Mein Buch ist erschienen.«

Hannah war interessiert und höflich, Schreiner lächelte schwer:

»Ein Buch, das mehr sein wird als Literatur, Abschluß zweier

entsetzlicher Jahre. Lesen Sie, lesen Sie; wenn Sie danach nicht zur Tat

übergehn, war alle Qual umsonst.«

Explosion einer Düsterkeit in der Ehrgeiz und Fanatismus schwelten.

Lauda nahm den Band, las folgende Stelle: ein Arbeitersohn, dank einem

Mäzen der hohen Schule zugeführt, durch Einstellung der Zahlung

plötzlich wieder von ihr ausgeschlossen, schleicht durch den lichten

Tag, dumpfe Empörung der Erwachsnen in dem mißhandelten Kind. Er sieht

in einer Kutsche ein Mädchen der Reichen vorüberfahren, Locken, nackte

Beine, meergrüner Musselin. Da bricht in ihm ein Gefühl durch, das der

Dichter mit dem Satz umschrieb: ihm, dem Proletarierkind, wurde klar,

daß hier ein ungeheures Menschheitsverbrechen vorlag.

Lauda schloß den Band. Revolutionäre Gesinnung mochte stark sein;

Fähigkeit, Gesinnung in anschauliche Form zu übertragen, war nach dieser

Probe mäßig. Hätte der Knabe noch empfunden: dieses nackte

Mädchenfleisch ist nicht für dich; wenn es das einer jungen Frau

geworden ist, wird es sich einem Herrensohn entschleiern -- nein, er

mußte statt dessen die Notwendigkeit des Klassenkampfs empfinden. Lauda

saß einem Menschen gegenüber, der, weil er nur Moralist sein wollte, in

Wirklichkeit Dualist war, das Unmoralische nur dadurch aus der Welt

schaffen konnte, daß er es totschlug -- Zwangsmonismus. Er saß seinem

Antipoden gegenüber, Feststellung, die er schon einmal vor zwei Jahren

beim ersten Anblick Schreiners gemacht hatte.

Aber nun war auffällig, daß diese Feststellung nicht mehr genügte,

verflogen seine beschwingte Laune. Als Hannah das Zeichen zum Aufbruch

gab, schlug er ihr vor, mit Schreiner allein zu fahren, er werde das

Abendschiff nehmen; und er bat sich Schreiners Buch aus. Sie gingen, er

begann zu lesen.

Es waren bessre Stücke darin als jenes, in dem er geblättert hatte.

Schreiners Leistung bestand darin, daß er für all diejenigen, die längst

stumpf über die Todesangaben der Heeresberichte hinweglasen, weil ihnen

die Anschauung auch nur eines Tods fehlte, solches Einzelsterben

herausgriff und sie so zwang, sich vorzustellen, was da draußen an

Grauen und in der Heimat, etwa im Herz einer Mutter, an Leid geschah.

Man mußte anerkennen, hier stemmte sich mit allen Mitteln des

anschaulichen Worts ein einzelner Mensch der Gleichgültigkeit, dem

Gewährenlassen aus Hilflosigkeit, dem zynischen Optimismus entgegen,

gestaltete die Idee der Menschlichkeit, deckte Qual der Erleidenden

nicht mit pastoralem Trost zu, sondern riß sie auf, wühlte in ihr, damit

der Aufschrei erzeugt wurde und der Haß gegen den Gehorsam.

Lauda zweifelte nicht mehr, daß das Buch den großen Erfolg haben und

Kristallisierungspunkt aller unterirdischen und noch nicht zu

benennenden Auflehnung sein werde; unausgesprochne Lehre des Buchs war:

ein Anfang muß gemacht werden, ich will das schleichende Gift sein, das

eure Bereitschaft, Kredite und Menschen zu bewilligen, lähmt. Daß jede

Szene der beiden symbolisch einander gegenübergestellten Kinder verriet,

wo solche Gesinnungskunst vermutlich endete, bei der direkten Tendenz,

die künstlerische Ohnmacht hieß, war zunächst nebensächlich.

Einen Augenblick dachte Lauda: Es ist mir einer zuvorgekommen, stellt

ein paar Monate früher als ich die grundsätzliche Frage; dann: diese

Feststellung wirst du heute abend und fortan noch öfter machen, und

ahnte, daß in dem seinem Willen nicht zugänglichen Dunkel der innren

Vorgänge sich ein Plaidoyer des natürlichen Egoismus vollzog,

einflüsternd, er möge auf den schon gewiesnen Weg nicht folgen.

Wichtiger als dieses Rudiment einer Versuchung war, daß ihm die Rückkehr

aus der absoluten Sphäre, in der es keine Wertung gab, in die

praktische, in der er, nach eignem Entschluß, Stellung nehmen mußte, als

das Ende der schönen, naiven, überlegnen Zeit erschien; solang sie

angedauert hatte, war der Krieg für ihn Verirrung der andren gewesen,

die ihn nichts anging und erlaubte, abzuwarten, bis ein Geschehnis sich

erschöpfte und nur eine Reihe neuer Zustände schuf, in denen es danach

zu leben galt.

Es war nicht anders, als nehme er von seiner Jugend Abschied. Aber wie

denn, dann war ja jene Zeit der Anschauung und der behaupteten

Suveränität nur eine Vorbereitungsphase und er, Lauda, wie der Held

eines Entwicklungsromans zu dem verurteilt, was er verwarf, dem System

des Nacheinander, da dessen Wesen war, daß einer immer das letzte

Erlebnis und die daraus gezogne Weltanschauung für die allein richtige

hielt und seine Vergangenheit gering schätzte?

Was war mit ihm? Vorstellung von Klarheit, Helle, Heiterkeit,

heidnischer Ablehnung der Feminität stand nicht mehr im Mittelpunkt,

sondern entfernte sich wie ein Stern, der die Kulmination überschritten

hat, stand seitlich. Und doch, wenn er an Thomas Schreiner oder die

Russen auf dem See dachte, wußte er, daß seine Grundstellung den Dingen

gegenüber bleiben würde -- was also lag vor?

Ein Zustand kam in dieser Nachmittagsstunde über ihn gleich der

Selbstversenkung eines Buddhisten; Zeit und Raumgefühl hoben sich auf

wie im Schlaf -- da _erkannte_ er das Gesetz, nach dem er lebte:

Rückkehr in die gestaltete Welt war der Preis, durch den er sich den

Aufenthalt in der anschauenden Sphäre stets neu erkaufen mußte; und sie

war die Rechtfertigung dieses Aufenthalts. Dauernder Aufenthalt, ein für

allemal feststehendes Philosophiesystem hätte den menschlichen

Angelegenheiten entfremdet: er mußte sie von Zeit zu Zeit so restlos

miterleben, als gebe es nur diese Arena.

Das Seltsame war, daß dieser Wechsel seinem Willen sich entzog; das

Gebot stieg aus dem innren Kosmos, war nichts als eine Meldung der

bereits vollzognen Verschiebung -- nie hatte er das Geheimnis der

Vitalität stärker empfunden, fast war ein Grauen, als niste da unten in

ihm ein zweites tierhaftes Lebewesen.

Und er ahnte, daß das Bewußtsein, auf die Dauer doch den Ideen, denen er

sich nun hingeben mußte, überlegen zu sein, ihm nichts von den Kämpfen,

nichts von den Qualen ersparen würde, die von denen, die er die

Femininen nannte, erlitten wurden. Suveränität war ein Regulativ, kein

dauernder Zustand des rotierenden Himmelskörpers Mensch. Ein Gefühl

stellte sich ein ähnlich dem, als er von der Militärmaschine im

Augenblick, als er die rettende Grenze hatte überschreiten wollen,

gepackt worden war, Gefühl des Zwangs und vergewaltigender Monate, die

unentrinnbar waren.

Suveränität war nicht behaglicher Landsitz eines, der klüger als die

war, die sich in den Städten mühten; nicht Vorteil eines, der die andren

für Narren erklären konnte, weil sie sich mit den Ideen herumschlugen;

triumphierender Egoismus war nicht erlaubt.

Nein und Ja: Roman · 第 9 / 26 题