Sechsundzwanzigstes Kapitel

Im Klausenhof begann diesen Sommer eine so nachsichtige Wirtschaft, wie sie

der stramme Hof noch nie erlebt hatte, denn gleich der Natur, die Wald und

Feld für den bösen Winter mit dem schönen Frühling lohnt, zeigte

sich Stephan voll überströmender Güte gegen jede Kreatur. Die Leute

arbeiteten darum auch nicht minder fleißig und gewissenhaft. Sie

schätzten seine neue Art, dachten nur ungern an die Angst, die sie noch

letzten Winter vor ihm hatten, und liebten ihren jungen blonden Bauer, wie

ihn jeder lieben mußte, der ihn sah. Und wenn er gar zu ihnen trat, mit

gedämpfter Stimme redete und dabei wohl gar die Hand auf den Arm des einen

oder des andern Knechtes legte, daß er neben ihnen stand wie ein Freund

und Bruder, nicht wie ein Herr, quoll in ihre rauhgewohnten Seelen

zitternde Dankbarkeit, und sie hätten für ihn mit Drachen gekämpft,

hätte er es gewollt. Aber er wollte beileibe solche Sachen nicht von

ihnen, ließ ihnen im Gegenteil in allen Dingen freie Hand und begutachtete

alles, was sie für gut hielten. Nur mit der Ernte wollte er nicht beginnen

lassen, und die Knechte wunderten sich baß darüber, denn die Zeit dafür

war da, und das Korn lag schwer vornüber. Aber so oft sie davon redeten,

schüttelte er den Kopf und sagte:

»Nein! nein, solange das Korn steht ist Sommer. Es ist ein so schöner

Sommer heuer ...«

Und er lächelte geheimnisvoll.

Wagten sie es dann aber, ihm vorzustellen, wie wichtig es sei, endlich zu

schneiden, sprang in seine Augen ein Flackern, daß sie scheu zurückwichen

und betroffen an ihre Arbeit gingen.

Was hatte er denn diesmal mit dem Sommer? Sie schüttelten ihre struppigen

Köpfe und konnten ihn nicht verstehen. Was hatte er denn diesmal mit

dem Sommer? Es war doch ein Sommer wie jeder andere Sommer, ein bißchen

heißer vielleicht und ein wenig mehr Alpenrosen als gewöhnlich.

Nur Maria wußte, was es an sich hatte mit diesem Sommer.

Sie wußte, warum Stephan diesen Sommer so störrisch, so töricht halten

wollte. Ja, Maria wußte noch mehr. Sie wußte, daß Stephan mit den ersten

Wintertagen wieder ungerecht und grausam werden, und daß er schließlich

wieder davongehen und den Hof verlassen würde, wie ein ungetreuer

Fähnrich seine Fahne.

Und voll schwerer Sorge dachte sie an das Ende. Aber auch Stephan sann

über das Ende. Nicht über das Ende, das Maria meinte, sondern über das

Ende der Geschichte von Adalbert und der Gräfin.

»Wie war denn das Ende?«

Aber niemand, selbst die ältesten Leute, die er heimlich ausholte, wußten

etwas von der Geschichte. Und der alte Michl oben auf der Alm, der einzige,

der vielleicht hätte Auskunft geben können, behauptete starrsinnig, er

wisse kein Sterbenswörtlein weiter. Da nahm Stephan sich vor, den Adalbert

selbst zu fragen, und weil er meinte, daß man mit Toten nur um Mitternacht

reden könne, blieb er eines Abends auf seinem einschichtigen Bett

sitzen, und als es zwölf Uhr schlug, fragte er laut in die leere

monddurchleuchtete Stube:

»Wie war denn das Ende, Adalbert?«

Und jemand sagte:

»Ich bin schon so lange tot und habe es vergessen. Nur den Anfang weiß

ich noch.«

»Wie war denn der Anfang?«

»O, den werde ich nie vergessen ... Ich pflügte das Feld und freute

mich, daß die Erde so fett und locker war, so schwarz aussah, so gut roch

und der Pflug so blitzeblank dazwischen fuhr.

Da flog auf einmal ein feines weißes Tuch daher und blieb vor mir liegen.

Gerade vor meinem blitzeblanken Pflug. Ich reiß' ihn noch schnell zurück,

sonst hätte er das feine Tüchlein in die schwarze Erde gegraben. Und wie

ich es aufhebe und mich wundere, wie zart und fein es ist, kommt ein Zug

Reiter dahergesprengt, und ganz vorne auf einem schneeweißen Pferd sitzt

die Gräfin. Sie sah, daß ich das Tüchlein hatte und trieb ihr Pferd

dicht an meinen Pflug. Ich wollte ihr das Tüchlein aufs Pferd reichen,

aber in dem Augenblick sah sie mich an, und da zitterte ich so heftig, daß

es mir aus der Hand fiel. Ich wollte es aufheben, aber da hatte sich schon

einer ihrer vornehmen Begleiter von seinem Roß geschwungen, das Tüchlein

rasch genommen und es ihr gegeben. Da schämte ich mich und stand beiseite,

bis sie alle vorbei waren. Aber am nächsten Tag kam die Gräfin allein an

meinem Acker vorbei und warf mir im Vorüberreiten eine Blume zu ...

Von dem Tag an ging ich jede Nacht um ihr Schloß herum, bis sie dann in

der grauslichen Nacht voll Donner und Blitz zu mir herunterkam ...«

»Und dann ...?« sagte Stephan mit gespanntestem Lauschen.

Aber es blieb still, und plötzlich lachte er laut auf.

Diesen Anfang hatte ihm sicher nicht Adalbert erzählt, sondern den hatte

er selbst gedichtet ... und wenn er einen Anfang dichten konnte, konnte er

wohl auch ein Ende dichten ...

Es wurde ihm gar feierlich zumute, und er sagte, während er sann:

»... dann haben wir uns geküßt, und ich habe sie fest in ihren seidenen

Mantel gehüllt und durch den Blitz und Donner auf den Berg getragen.

Mitten am Wege aber sagte sie:

›Wohin trägst du mich, Adalbert?‹

Und ich sagte:

›Zum Klausenhof. Er ist der schönste Hof im Land und wird dir auch

gefallen.‹

Aber sie sagte:

›Du vergißt, daß ich eine Gräfin bin. Der schönste Bauernhof wäre zu

schlecht für mich. Hast du kein Schloß?‹

Da wurde ich erst traurig, denn ich hielt viel auf den Klausenhof, aber

weil sie nicht hinein wollte, sagte ich:

›Ein wenig weiter unten steht ein Schloß. Es ist schon ganz zerfallen,

aber ein paar Mauern stehen noch. Es wird uns auch niemand hinausjagen,

denn es gehört Leuten, die schon lange, lange tot sind. Willst du?‹

Darauf nickte sie, und nun trug ich sie hinab in das Schloß. Dort wuchsen

Bäume in den Zimmern, und wir richteten uns unter den Bäumen ein.

Aber wir wohnten doch in einem Schloß, und ich weiß, daß sie dort

glücklicher war, als sie in dem schönsten Bauernhof hätte sein können.

Und trotzdem ich den Klausenhof sehr gern hatte, denn er war damals ganz

neu, ließ ich ihn doch stehen, wo er stand, und kümmerte mich nicht mehr

darum ...«

Stephan stieß jetzt trotz der tiefen Nachtstunde einen kletternden Juchzer

aus ...

Nun mochten sie seinetwegen auch das Korn schneiden.

Der Klausenhof: Roman · 第 37 / 46 题