Im Klausenhof begann diesen Sommer eine so nachsichtige Wirtschaft, wie sie
der stramme Hof noch nie erlebt hatte, denn gleich der Natur, die Wald und
Feld für den bösen Winter mit dem schönen Frühling lohnt, zeigte
sich Stephan voll überströmender Güte gegen jede Kreatur. Die Leute
arbeiteten darum auch nicht minder fleißig und gewissenhaft. Sie
schätzten seine neue Art, dachten nur ungern an die Angst, die sie noch
letzten Winter vor ihm hatten, und liebten ihren jungen blonden Bauer, wie
ihn jeder lieben mußte, der ihn sah. Und wenn er gar zu ihnen trat, mit
gedämpfter Stimme redete und dabei wohl gar die Hand auf den Arm des einen
oder des andern Knechtes legte, daß er neben ihnen stand wie ein Freund
und Bruder, nicht wie ein Herr, quoll in ihre rauhgewohnten Seelen
zitternde Dankbarkeit, und sie hätten für ihn mit Drachen gekämpft,
hätte er es gewollt. Aber er wollte beileibe solche Sachen nicht von
ihnen, ließ ihnen im Gegenteil in allen Dingen freie Hand und begutachtete
alles, was sie für gut hielten. Nur mit der Ernte wollte er nicht beginnen
lassen, und die Knechte wunderten sich baß darüber, denn die Zeit dafür
war da, und das Korn lag schwer vornüber. Aber so oft sie davon redeten,
schüttelte er den Kopf und sagte:
»Nein! nein, solange das Korn steht ist Sommer. Es ist ein so schöner
Sommer heuer ...«
Und er lächelte geheimnisvoll.
Wagten sie es dann aber, ihm vorzustellen, wie wichtig es sei, endlich zu
schneiden, sprang in seine Augen ein Flackern, daß sie scheu zurückwichen
und betroffen an ihre Arbeit gingen.
Was hatte er denn diesmal mit dem Sommer? Sie schüttelten ihre struppigen
Köpfe und konnten ihn nicht verstehen. Was hatte er denn diesmal mit
dem Sommer? Es war doch ein Sommer wie jeder andere Sommer, ein bißchen
heißer vielleicht und ein wenig mehr Alpenrosen als gewöhnlich.
Nur Maria wußte, was es an sich hatte mit diesem Sommer.
Sie wußte, warum Stephan diesen Sommer so störrisch, so töricht halten
wollte. Ja, Maria wußte noch mehr. Sie wußte, daß Stephan mit den ersten
Wintertagen wieder ungerecht und grausam werden, und daß er schließlich
wieder davongehen und den Hof verlassen würde, wie ein ungetreuer
Fähnrich seine Fahne.
Und voll schwerer Sorge dachte sie an das Ende. Aber auch Stephan sann
über das Ende. Nicht über das Ende, das Maria meinte, sondern über das
Ende der Geschichte von Adalbert und der Gräfin.
»Wie war denn das Ende?«
Aber niemand, selbst die ältesten Leute, die er heimlich ausholte, wußten
etwas von der Geschichte. Und der alte Michl oben auf der Alm, der einzige,
der vielleicht hätte Auskunft geben können, behauptete starrsinnig, er
wisse kein Sterbenswörtlein weiter. Da nahm Stephan sich vor, den Adalbert
selbst zu fragen, und weil er meinte, daß man mit Toten nur um Mitternacht
reden könne, blieb er eines Abends auf seinem einschichtigen Bett
sitzen, und als es zwölf Uhr schlug, fragte er laut in die leere
monddurchleuchtete Stube:
»Wie war denn das Ende, Adalbert?«
Und jemand sagte:
»Ich bin schon so lange tot und habe es vergessen. Nur den Anfang weiß
ich noch.«
»Wie war denn der Anfang?«
»O, den werde ich nie vergessen ... Ich pflügte das Feld und freute
mich, daß die Erde so fett und locker war, so schwarz aussah, so gut roch
und der Pflug so blitzeblank dazwischen fuhr.
Da flog auf einmal ein feines weißes Tuch daher und blieb vor mir liegen.
Gerade vor meinem blitzeblanken Pflug. Ich reiß' ihn noch schnell zurück,
sonst hätte er das feine Tüchlein in die schwarze Erde gegraben. Und wie
ich es aufhebe und mich wundere, wie zart und fein es ist, kommt ein Zug
Reiter dahergesprengt, und ganz vorne auf einem schneeweißen Pferd sitzt
die Gräfin. Sie sah, daß ich das Tüchlein hatte und trieb ihr Pferd
dicht an meinen Pflug. Ich wollte ihr das Tüchlein aufs Pferd reichen,
aber in dem Augenblick sah sie mich an, und da zitterte ich so heftig, daß
es mir aus der Hand fiel. Ich wollte es aufheben, aber da hatte sich schon
einer ihrer vornehmen Begleiter von seinem Roß geschwungen, das Tüchlein
rasch genommen und es ihr gegeben. Da schämte ich mich und stand beiseite,
bis sie alle vorbei waren. Aber am nächsten Tag kam die Gräfin allein an
meinem Acker vorbei und warf mir im Vorüberreiten eine Blume zu ...
Von dem Tag an ging ich jede Nacht um ihr Schloß herum, bis sie dann in
der grauslichen Nacht voll Donner und Blitz zu mir herunterkam ...«
»Und dann ...?« sagte Stephan mit gespanntestem Lauschen.
Aber es blieb still, und plötzlich lachte er laut auf.
Diesen Anfang hatte ihm sicher nicht Adalbert erzählt, sondern den hatte
er selbst gedichtet ... und wenn er einen Anfang dichten konnte, konnte er
wohl auch ein Ende dichten ...
Es wurde ihm gar feierlich zumute, und er sagte, während er sann:
»... dann haben wir uns geküßt, und ich habe sie fest in ihren seidenen
Mantel gehüllt und durch den Blitz und Donner auf den Berg getragen.
Mitten am Wege aber sagte sie:
›Wohin trägst du mich, Adalbert?‹
Und ich sagte:
›Zum Klausenhof. Er ist der schönste Hof im Land und wird dir auch
gefallen.‹
Aber sie sagte:
›Du vergißt, daß ich eine Gräfin bin. Der schönste Bauernhof wäre zu
schlecht für mich. Hast du kein Schloß?‹
Da wurde ich erst traurig, denn ich hielt viel auf den Klausenhof, aber
weil sie nicht hinein wollte, sagte ich:
›Ein wenig weiter unten steht ein Schloß. Es ist schon ganz zerfallen,
aber ein paar Mauern stehen noch. Es wird uns auch niemand hinausjagen,
denn es gehört Leuten, die schon lange, lange tot sind. Willst du?‹
Darauf nickte sie, und nun trug ich sie hinab in das Schloß. Dort wuchsen
Bäume in den Zimmern, und wir richteten uns unter den Bäumen ein.
Aber wir wohnten doch in einem Schloß, und ich weiß, daß sie dort
glücklicher war, als sie in dem schönsten Bauernhof hätte sein können.
Und trotzdem ich den Klausenhof sehr gern hatte, denn er war damals ganz
neu, ließ ich ihn doch stehen, wo er stand, und kümmerte mich nicht mehr
darum ...«
Stephan stieß jetzt trotz der tiefen Nachtstunde einen kletternden Juchzer
aus ...
Nun mochten sie seinetwegen auch das Korn schneiden.