Als Stephan aber den nächsten Abend die stattlichen Garben überschaute,
die die fleißigen Hände seiner Knechte freudig und eilfertig auf dem
untersten Felde, wo sie zuerst begannen, aufgerichtet hatten, verschwand in
ihm die stille Freude, die er den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte.
Ein wenig barsch mahnte er die Leute daran, daß längst Feierabend sei,
und schritt, nachdem sie endlich fort waren, ruhelos zwischen den Garben
hin und her. Er dachte wieder an das Ende, an das Ende wie er es in
der Nacht gedichtet hatte, und es kam ihm jetzt im Angesicht des
goldstrotzenden Bauernsegens lächerlich und unmöglich vor. Den Hof stehen
lassen, wo er stand, und sich nicht mehr darum kümmern, das hätte der
Adalbert bestimmt nicht getan. Es war auch gegen alle Wirklichkeit, denn
wäre Adalbert mit seiner Gräfin unten im Schloß geblieben, wie wären
dann die späteren Klausen zum Klausenhof gekommen? Nein, das Ende war
anders. Vielleicht war es so:
»... dann habe ich sie fest in ihren seidenen Mantel gehüllt und durch
den Blitz und den Donner auf den Berg getragen. Mitten am Wege aber sagte
sie:
›Wohin trägst du mich, Adalbert?‹
Und ich sagte:
›Zum Klausenhof. Er ist der schönste Hof im Land und wird dir auch
gefallen.‹
Aber sie sagte:
›Meinst du den Kasten da? Er hat keine Zugbrücken und keinen Graben,
keine Anlagen und keinen Teich, keine Erker und kein Wappen. Ich habe nie
ein so häßliches Haus gesehen, und es ist ein Glück, daß es so hoch
oben und so verborgen steht. Mich aber trage in mein Schloß zurück.‹
Da trug ich sie zurück und eilte mich sehr, denn sie befürchtete nun,
daß ihre Frauen sie vermissen könnten. Als ich sie dann sicher im
Schlosse wußte, ging ich nach Bozen und kaufte mir eine schöne rote
Farbe. Damit schrieb ich auf den Klausenhof den Spruch, den du ja kennst
und der dir auch so gut gefällt. Danach fand ich den Klausenhof noch
schöner als vorher. Ich arbeitete fleißig und dachte auch nicht mehr so
oft an die Gräfin. Als ich sie aber ganz vergessen hatte, heiratete ich
eine brave Müllerstochter ...«
Leise stöhnend lehnte sich Stephan an ein Büschel Garben.
Ja sicher, so war das Ende. Denn den Hof stehen lassen, wo er stand, und
sich nicht mehr darum kümmern, brachte kein Klausen zuwege. Und was hatte
auch Maria gesagt, als er ihr vor ein paar Tagen beiläufig erzählte, daß
der Staffler Bauer vom Ritten drüben anstatt zu pflügen und zu säen, in
Bozen unten herumsitze und Weinhandel treibe ...?
»Wo ein Hof ist, muß ein Bauer sein. Der Bauer gehört zu seinem Hof ...
und Schuster bleib bei deinem Leisten ...« hatte sie gesagt. Und sie
hatte recht. Eine Gräfin kann keine Bäuerin, und ein Bauer kann kein Graf
werden. Bei der einen stand das Schloß und bei dem andern stand der Hof im
Wege ...
Und während Stephan noch so sann und gar nicht merkte, daß es längst
finster war, stand plötzlich Margarete vor ihm.
Nicht fest und greifbar, wie sie damals auf der Wiese vor ihm gestanden
hatte, sondern ein wenig verschwommen und beinahe unkenntlich unter einem
feinen silbernen Nebel.
Aber er kannte sie an ihrem Haar und an ihrer Stimme.
»Du bist so dumm, Stephan,« sagte sie, »was geht uns der Adalbert und
seine Gräfin an? Das ist eine alte Geschichte und kann für dich und
für mich nicht passen. Erstens bist du kein gewöhnlicher Bauer, wie der
Adalbert war, und zweitens bin ich keine Gräfin, wie es die Gräfin
von Adalbert war. Wir sind ganz andere Menschen. Du bist im Gegensatz
zu Adalbert ein Studierter ... nein, sage nichts ... du bist doch in
Innsbruck gewesen, und ich bin im Gegensatz zu der Gräfin ein einfaches
Mädchen, das einen Landmann zum Vater hat. Denn mein Vater ist, wie
du schon gesehen haben wirst, ein schlichter Mann, der dich lieb haben
wird ... Nur meine Mutter ist ein wenig stolz, und es wird einen kleinen
Kampf mit ihr geben. Aber ich fürchte mich nicht, wenn du dich nicht
fürchtest ...«
Auf diese Rede hin fuhr Stephan freudig zusammen und sagte:
»So meinst du, Margarete, daß dir der Klausenhof gut genug wäre, so wie
er ist, ohne Graben und Zugbrücken, ohne Anlagen und Teich, ohne Erker und
Wappen ...?«
Darauf senkte sie den Kopf ein wenig verwirrt, ein wenig beschämt.
»So meinte ich es gerade nicht, Stephan. Ich meine ... du bist eigentlich
kein Bauer und brauchtest darum keinen Hof.«
Stephan erbleichte.
»Du meinst den Hof verkaufen?«
»Oder verschenken ...« und sie sah ihm fest in die Augen und faßte nach
seiner Hand. Es dauerte lange, bis Stephan zu sich kam, und endlich sagte
er:
»Du redest, wie du es verstehst, Margarete. Der Klausenhof und die
Klausen, davon läßt sich nichts trennen. Den Hof verkaufen täte mir
vorkommen wie eine Sünde, und den Hof verschenken täte mir vorkommen wie
ein Undank. Stelle dir das einmal vor.
Ich verkaufe den Klausenhof, oder ich verschenke ihn, ganz wie du willst,
und ich ziehe fort mit dir. Irgendwohin. Aber der Klausenhof bleibt da,
immer noch der Klausenhof, trotzdem kein Klausen mehr drinnen ist, denn die
Treuen liegen unten im Kirchhof, und der Untreue ist ... ich weiß nicht
wo. Das weiß ich, und das wissen viele andere, aber der Klausenhof weiß
nichts davon. Er kann es sich nicht vorstellen, daß ihm einer von den
Klausen untreu sein könnte ... daß er einem Klausen nicht genug sein
könnte, wo er ihnen durch so viele Jahre den Sturm von ihrem Feuer
abgehalten hat und Segen und Sorgen und alles mit ihnen teilte. Nein ...
der Klausenhof würde so etwas nicht glauben. Er würde es nicht glauben,
denn ich war schon einmal fort ... damals in Innsbruck ... und als ich
kam, da weinte ich in meinem Knabenstübchen vor Heimweh und Seligkeit und
tausend Dingen, die niemand verstand. Nur der Hof verstand mich, denn er
redete zu mir in seiner alten wunderlichen Weise, und ich wurde still und
froh unter seinen ernsten Augen.
Und wenn ich jetzt wieder fortginge, der Hof würde auf mich warten. Und
ich würde es spüren, Margarete. Immer würde ich ihn vor mir sehen, wie
er wartet. Wie er da oben steht im rauschenden Regen, im peitschenden Sturm
oder im lautlosen Schnee. Tag und Nacht würde ich ihn vor mir sehen, wie
er wartet, daß ich wiederkomme.
... und, o Margarete! ich würde wiederkommen, denn der Hof gibt mich
nicht frei ...«
Darauf wußte Margarete offenbar nichts zu erwidern, denn es entstand ein
langes Schweigen, und Stephan hatte einen Moment lang das Empfinden, als
ob der feine silberne Nebel zerrinne. Er hielt den Atem an, um sie nicht
zu verscheuchen, und endlich redete sie wieder, aber diesmal langsam und
zögernd, als hinge ein schweres Gewicht an jedem Wort:
»Du bist nicht frei ... und weil du nicht frei bist, so mußt du dich
frei machen. Was aber heißt frei sein? ... Frei sein heißt froh sein;
froh sein heißt stark sein; stark sein aber heißt Herr sein. Nicht Herr
über einen Hof und über ein paar Knechte, sondern Herr sein über die
Dinge, die man liebt. Das ist nicht leicht, Stephan. Aber wenn der Feind
ein Land bedrängt, was tut das Volk? ... Es reißt seine Brücken, seine
Dörfer, seine Wälder ein, um die Hauptstadt zu sichern ... denn es gibt
immer noch eine größere Liebe ...
Bei dir handelt es sich auch um einen Feind. Allerdings um einen
unsichtbaren. Nenne ihn Pflicht oder Angst oder wie du willst. Aber der
Weg, auf dem er herankommt, ist etwas Sichtbares, etwas Äußerliches ...
der Hof. Aber etwas Äußerlichem kann man an den Leib, und etwas
Sichtbares kann man unsichtbar machen ... dann bist du frei ...«
Nun erschrak Stephan so heftig, daß er wie in Abwehr beide Hände von sich
streckte und dabei unversehens den silbernen Nebel zerriß. Da sah er,
daß er allein auf dem mondbeschienenen Felde stand. Ein unbekanntes Grauen
schüttelte ihn, und seine Zähne schlugen fröstelnd aufeinander trotz der
warmen, schwülen Nacht. Wie gehetzt lief er an den schweren, blinkenden
Garben vorbei und hielt erst inne, als er auf die Höhe kam.
Dort oben stand sein Hof alt und grau, ernst und feierlich wie eine Kirche.
Stephan aber wagte nicht, ihn anzuschauen. Mit gesenktem Blick, als hätte
er Verrat im Sinne, ging er durch das Tor.