Fünfundzwanzigstes Kapitel

Mit langen, hallenden Schritten kam einer herab vom Titschen. Er trug

ein Hemd mit weit zurückgelegtem Kragen, eine rauhe Joppe und eine kurze

Lederhose. Den Hut hatte er vor ein paar Tagen bei einer tollen Kletterei

verloren. So wanderte er barhaupt mit der Sonne auf den wilden blonden

Locken, auf den schmerzdurchbebten Zügen, auf dem weißen Hals, auf den

bloßen Knien, mit der Sonne auf dem ganzen prächtigen edlen Wuchs und sah

aus wie ein verirrter oder verjagter Königssohn.

Ohne Ruhe, ohne Aufenthalt, blind für die tausendfache Schönheit der

erwachenden Wälder, hastete er abwärts, schalt sich einen »Hund« und

schämte sich sogar vor Adalbert.

Denn Adalbert hatte ihm heute nacht bei den heimlichen Zwiegesprächen,

die er dort oben beständig mit ihm führte, gesagt: »Und wenn ich sieben

Gräfinnen geliebt hätte, und sieben Gräfinnen hätten mich geliebt,

so hätte ich doch nicht meinen Hof in den schwachen Händen eines Weibes

gelassen.«

Da hatte er sich noch im Finstern auf den Weg gemacht.

Ja, Adalbert hatte recht. Herrgott! ... die ganze Wirtschaft, den ganzen

Hof mit den störrischen Leuten einem Mädchen überlassen! Wie leicht

etwas geschehen konnte. Dann war sie allein mit dem fremden Volk, ohne

Rat und Hilfe. Arme, kleine Maria ... soviel fremde Bürde zu der eigenen

Bürde. Weiß der Himmel, wie sie es trug, aber sie trug es und war nur ein

schwaches Mädchen.

»O die Schande ...!«

Er knirschte mit den Zähnen und machte in seinem Herzen feierliche

Gelübde. Nie ... nie wird er sie wieder allein lassen. Und ein Bauer wird

er fortab sein, wie sich's gehört. Ein musterhafter Bauer. Und beginnen

wird er damit, daß er den besoffenen Knecht entläßt, denn solche Leute

gehören nicht auf einen ordentlichen Hof ... und der Mensch war ihm von

jeher zuwider ...

Darauf fühlte er sich etwas erleichtert, und während er die erregten

Schritte mäßigte, verlor er sich in Sinnen, wie es künftighin auf seinem

Hofe gehen würde. Nichts und niemand störte ihn darin. Als er aber auf

die große Lärchenwiese kam, von der man schon die Türme der schönen

Villa ragen sah und von der es nimmer weit zum Klausenhofe war, sagte

jemand unendlich süß und unendlich schelmisch:

»Nun haben Sie wieder gedichtet, Herr Klausen.«

Wie einfach immer die großen, die wahrhaft großen Dinge sind! Er staunte

nicht darüber, daß sie plötzlich da war, daß sie vor ihm stand in ihrer

ganzen jungen wunderbaren Holdseligkeit, sondern er staunte nur darüber,

daß etwas so Großes, etwas so Schönes so einfach sein konnte. Und mitten

in diesem Staunen dachte er daran, daß er ohne Hut, mit freiem Hals und

bloßen Knien war. Da schämte er sich und wurde rot bis hinauf zu den

blonden Büscheln. Gleich aber ärgerte er sich dieser Scham.

»Herrgott! ... er war doch in Innsbruck gewesen und wußte mit Frauen

umzugehen ...« Und sein Blut sprang auf wie eine Woge im Sturm.

»Ja,« sagte er, »ich habe gedichtet. Ich habe etwas gedichtet von einem

alten Bären, der um eine junge Prinzessin freit.«

Darauf errötete sie ganz leicht, sagte aber rasch und sicher:

»Das könnte nie wahr sein.«

Er nickte.

»... und dann habe ich noch etwas gedichtet. Etwas von einem Bauer, den

eine schöne Gräfin liebt.«

Nun errötete sie tief und sagte langsam und leise:

»Das könnte schon eher wahr sein.«

Dann schwiegen sie, aber es war ein merkwürdiges Schweigen. Ein Schweigen

voll widerredenden Stimmen und trunkenen Lauten. Das tat vielleicht der

Wind. Er strich durch die Lärchen und wickelte um seine Finger ihre langen

grünen Haare, daß sie knisterten wie die Haare einer Frau, und dazwischen

klang manchmal ein Aufschrei, wie ihn Mädchen an sich haben, nicht laut

und schmerzhaft, nur erschrocken ...

Stephan lächelte voll grausamer Genugtuung. Aber als er sah, daß ihre

feinen Hände zitterten, fühlte er sich plötzlich als der Stärkere und

sah in ihr die Schwache, die Bedrängte. Da sank sein wilder Sinn zusammen,

und er wurde kühl und gut.

Für die Karte müsse er ihr danken ... für die schöne Weihnachtskarte.

Sie neigte das blonde Haupt und sagte zögernd:

»Ich dachte, wie einsam Sie es haben da oben während des Winters.«

Er war jetzt ganz Herr seiner selbst.

»Einsam? O ja ... aber wir Bergler sind daran gewöhnt.«

»Dann haben Sie uns wohl auch gar nicht vermißt letzten Sommer?«

»Letzten Sommer?« Stephan tat, als ob er sänne. »... es gab soviel zu

tun.«

Sie nickte.

»Das habe ich mir auch gedacht. Aber es hat mir doch sehr leid getan, daß

wir nicht kommen konnten.«

»Nicht konnten?«

»Es war ein außergewöhnliches Jahr. Erst das Unglück mit Hugo von

Rotenau. Erinnern Sie sich an ihn? Ich glaube, Sie haben ihn gut gekannt,

denn er sprach oft über Sie und fing auch noch in der Stadt manchmal ganz

plötzlich von Ihnen an.«

Stephans Mienen umdüsterten sich.

»Ja ... ich habe ihn öfters gesehen.«

»Er stürzte vom Pferde und lag lange krank. Er wäre auch nie wieder

gesund geworden. Ich glaube, er wäre sogar ein Krüppel geblieben. Aber

eines Tages fand man ihn tot. Der Arzt sagte, er habe zuviel Morphium

genommen. Absicht oder Zufall, man weiß es nicht.«

»Das ist sehr traurig,« sagte Stephan. Aber er sagte es nur und empfand

es nicht, denn er hatte in diesem Mann nur den Nebenbuhler gesehen ... und

an Maria dachte er nicht.

»Ja, sehr traurig. Mama wurde krank von dem Vorfall, und es war ein

Glück, daß Fridas Hochzeit kam. Das gab viel zu denken und zu sorgen. Als

aber alles vorbei war, fühlte sich Mama doch sehr schwach und wollte an

das Meer.«

»Wie schön das Meer sein muß!«

Sie vergaß Hugo von Rotenau und sagte rasch:

»Aber die Berge sind tausendmal schöner. Ich habe so oft an die Gegend

hier gedacht und konnte besonders den Rosengarten nicht aus dem Sinn

bringen. Er war auch so wunderbar schön, als wir unten am Bahnhof standen.

Ganz rot wie richtige Rosen sah er aus.«

Nun lächelte Stephan und sagte:

»Das hat wahrscheinlich der Schelm, der Laurin, getan ... und richtig!

Habe ich Ihnen schon gezeigt, wie es der tapfere Dietrich machte, als er

dort oben die edle Kühnhilde fand?«

»Nein. Wie machte er es?«

Da bog Stephan ein Knie nach Ritterart, ergriff ihre weiße Hand und

küßte sie und sagte:

»So machte er es ...«

Schalk und Liebe hatten ihn getrieben. Hatten ihn getrieben, kühn zu

sein und alles zu wagen. Aber nun es geschehen, war er doch tiefernst und

tödlich blaß. Zürnte sie ...?

Nein! sie zürnte nicht. Das merkte er an ihren Augen, die sich zaghaft

in die seinen senkten. Darum nahm er ihre Hand wieder und küßte sie noch

einmal. Zürnte sie ...?

Nein! sie zürnte nicht. Das merkte er an ihren Wangen, die sich vertrauend

an seine Finger legten. Nun hätte er sie auch auf den Mund küssen

können, aber er tat es nicht. Ganz leise richtete er ihren blonden Kopf

in die Höhe, blickte ihr tief in die bangen Augen und sagte beschämt und

bekümmert:

»Ich bin nur ein Bauer.«

Darauf wandte sie den Blick, um seinen Augen auszuweichen, und erwiderte

halb scherzhaft, halb scheu:

»Und ich bin nicht einmal eine Gräfin.«

Nun wurde Stephan wieder blaß, aber nicht aus Angst und Traurigkeit,

sondern aus einem Jubel, der ihm tödlich schien mit seiner erschütternden

Seligkeit. Margarete aber machte sich plötzlich frei und fragte:

»Wie war denn das Ende der Geschichte?«

»Von Dietrich und Kühnhilde?«

»Nein ... von dem Bauer und der schönen Gräfin.«

Stephan errötete stark.

»Oh, ich weiß es nicht. Nur, daß sie ihn geliebt hat, weiß ich, denn

sie kam einmal zu ihm herunter in einer grauslichen Nacht voll Donner und

Blitz.«

Margarete machte große gedankenvolle Augen.

»Und das Ende wissen Sie nicht?«

»Nein, das weiß ich nicht.«

Er schämte sich jetzt, daß er das Ende nicht wußte, und sinnend gingen

sie über die Wiese. Den ganzen Weg redeten sie nichts, und als sie bei

der Villa standen und sich trennen mußten, sah sie ihn ohne Worte an. Er

wartete, bis ihr weißes Kleid zwischen den Büschen verschwunden war, dann

setzte er den Weg zum Klausenhof mit versonnenen Augen fort. Als er durch

das Tor trat, glaubte er erst, der Hof sei leer. Dann sah er neben dem

großen Leiterwagen eine Gestalt, die zu beben und zu schlottern begann.

Unter dem Leiterwagen aber stand eine Flasche, deutlich sichtbar und halb

geleert. Stephans Mienen aber veränderten sich nicht. Mit dem versonnenen

Ausdruck noch immer in den Augen, ging er auf den zitternden Knecht zu und

sagte:

»Ich sehe, du trinkst den Wein gerne. Du sollst jeden Tag einen Liter

haben statt einen halben.«

Der Klausenhof: Roman · 第 36 / 46 题