Einundzwanzigstes Kapitel

Um Ostern herum kamen die ersten Turisten.

Einzeln, paarweise, haufenweise erklommen sie den Berg und bedrängten die

Bewohner des Klausenhofes mit Fragen nach dem nächsten Gasthaus. Es gab

aber auch Naturfreunde unter ihnen, Idealisten, die auf den Titschen, auf

die Rotwand wollten oder sogar noch weiter.

Und jedesmal, wenn ein neuer Trupp kam, ruhte Stephan in seiner Arbeit,

musterte scharf jeden einzelnen, und Maria tat hinter den weißen Gardinen

verborgen dasselbe.

Aber die, die sie erwarteten, kamen nicht, und die Fensterläden an der

schönen Villa öffneten sich nicht, den ganzen Sommer nicht. Da wich aller

Frohsinn aus Stephans Augen und alle Hoffnung aus Marias Brust.

»Sie kamen nicht ...«

Das war es, woran sie unablässig dachten, was sie unablässig quälte.

Aber sie sprachen sich nicht aus darüber und warteten auf den Herbst.

Viele Leute kommen ja erst im Herbst. Ja viele ... Und jeden Tag schauten

sie auf die Fensterläden. Aber die Fensterläden öffneten sich nicht,

auch im Herbst nicht.

Da wurde Stephan wieder bitter und übellaunig, wie er es eine Zeitlang im

Frühjahr war, und eines Tages ließ er alle Arbeit stehen, stopfte seinen

Rucksack und ging auf die Alm.

Er blieb ein paar Tage oben, kam dann heim, ging aber gleich wieder. Die

Knechte schüttelten die Köpfe, aber Maria freute sich, daß sie jetzt

allein war mit ihren Gedanken. Und weil die Hoffnung sich in einem

Frauenherzen nicht niederringen läßt, ging sie wieder jeden Tag hinaus

unter die langen Fänge der Windmühle und schaute den Weg nach Bozen hinab

und hinauf. Als sie aber nach einiger Zeit sah, daß der Altknecht sie

beobachtete, gab sie das auf. Es fehlte ohnehin schon stark an Respekt,

seit Stephan so wunderlich war. Es galt, sich zusammenzunehmen. Und

sie nahm sich zusammen und ließ hier und da ein Wort fallen von neuen

Gründen, die Stephan weiter oben erstehen wollte, und von einer neuen

Almhütte, die er zu bauen gedächte. Ob die Leute das glaubten? ...

So wurde es Winter. Die Ochsen waren wie jedes Jahr seit Allerheiligen

herunten, aber Stephan war noch oben, ganz allein auf der tiefverschneiten

Alm.

Eines Tages brachte der Altknecht Maria einen Brief. Er gab ihn ihr

zugleich mit ein paar anderen Dingen, die er auf seinem Wege über den Hof

aufgelesen hatte: einen Blumentopf, der vom Fensterbrett gefallen war, ein

Stück rote Schnur, und Maria nahm das alles sorgfältig und hielt noch

überdies die kleine Kuhmagd, die zufällig daher kam, mit eingehenden

Fragen über die Kühe auf, alles, nur damit der Alte nichts von ihrem

Zittern und ihrer Erregung merken sollte. Als sie dann endlich allein war,

wollte sie den Brief öffnen, besann sich aber ... nein, nicht jetzt,

während der vielen Arbeit ...

Sie kochte das Essen fertig, beteilte die Leute, räumte fort und tat alles

wie sonst. Nachmittag fand sie dann wieder keine Zeit, so wartete sie

bis abends. Sie wartete, bis der letzte Knecht und die letzte Magd »Gute

Nacht« gewünscht hatten, dann legte sie noch Scheite auf das Feuer,

stellte die Lampe auf den Tisch und zog die Vorhänge mit doppelter

Sorgfalt zu. Danach nahm sie den Brief aus ihrer Jacke, betrachtete ihn von

allen Seiten und las die Adresse: »Fräulein Maria Klausen ...«

Ja, er gehörte ihr. Aber sie konnte ihn trotzdem nicht öffnen, und es

dauerte lange, bis sie sich dazu überwand. Endlich riß sie den Umschlag

auf. Ein paar engbeschriebene Seiten Papier, dazwischen welke Blumen. Mit

zitternden Fingern strich sie darüber, und heiße Tränen stürzten in

ihre Augen:

»Maria ...

Du wirst nicht böse sein, wenn ich Dich bei Deinem Namen nenne und Du

zu Dir sage. Denn oft schon habe ich jetzt während meiner Krankheit

Dich bei Deinem Namen genannt, und Du hast mich nur angesehen und leise

genickt. Und so deutlich und greifbar bist Du mir vorgeschwebt dabei,

daß ich manchmal dachte, es sei unnötig, Dir das zu sagen, was ich

Dir nun doch sagen will, weil Du alles weißt. Und wäre es auch nur

durch die Hoffnung, mit der Du auf mich wartest. Denn Du wartest auf

mich, obgleich es eine tolle, undankbare Sache ist, auf einen, wie ich

bin, zu warten ...

Erröte nicht. Du hast Dir nichts vergeben. Deine Liebe ist wie Deine

Heimat rein und schön, und kein Mädchen wäre würdiger als Du, daß

man es wiederliebte. Das sage ich mir nicht nur heute, das habe ich mir

auch damals gesagt, gesagt, wenn ich Dich sah und wenn ich Dich nicht

sah, und oft schon flossen mir die Worte auf die Zunge. Aber dann

tatest Du mir immer leid, Maria, denn meine Liebe hätte Dich

erschreckt ... Einmal hatte ich ein paar Blumen gepflückt, und die

wollte ich Dir bringen. Ich traf Dich aber damals gerade nicht, und

so schlich ich mich spätabends an Dein Fenster. Ich sah Dich auch.

Du tatest noch dieses und jenes, kleine süße Hausfrauendinge, dann

decktest Du Dein Bett ab und kämmtest Dein Haar. Ich seh Dich noch

so deutlich im halben Schein der Kerze, im Hintergrund Dein

aufgeschlagenes, schmales Mädchenbett. Erst wollte ich an Dein Fenster

klopfen, dann noch warten ... dann tat ich weder das eine noch das

andere, sondern ich ging heim. Und die Blumen nahm ich mit und gab sie

Dir auch den nächsten Tag nicht ... gab sie Dir gar nicht. Und das

war gut, Maria, denn nicht umsonst gibt ein wilder Mann einem keuschen

Mädchen Blumen. Es war aber nicht allein Du und das Mitleid mit Dir,

das mich abgehalten hat, es war etwas anderes noch, das damals heftig

bei mir mitsprach, und das war Dein Bruder. Wie soll ich Dir jetzt das

erklären? Schau, Maria, es gibt Männer, die wie Teufel sind und

die einen auch zu Teufeln machen, und es gibt Männer, deren Art uns

fortwährend beschämt, deren bloßer Anblick einen wünschen läßt,

nie mehr eine Gemeinheit zu begehen ... So wirkte auf mich Dein

Bruder. Wir begegneten uns sehr oft, und seine Augen sagten jedesmal:

»Was hast Du mit ihr vor?«

Und da hätte ich ihm jedesmal die Blumen zeigen mögen, die ich noch

immer bei mir trug ... als Zeichen ...

Ja, so eingebildet und töricht war ich damals, Maria, daß ich

glaubte, ich wäre gut ...

Das ist jetzt alles vorüber, und Du wirst es mir verzeihen.

Auch die Blumen darf ich Dir jetzt geben, und Du darfst sie nehmen,

denn wenn Du sie hast, sind sie von einem Toten und fordern keine

Gegengabe. Vergib mir das Leid, das ich über Dich gebracht habe, und

vergiß nicht, daß Du bei mir warst bis ans Ende.

Der Klausenhof: Roman · 第 31 / 46 题