... und weil alles so seltsam tut,
Bin ich selber so seltsam geworden,
Träume von Kronen, träume von Orden,
Träume von Ketten, träume von Ringen,
Träume von lauter goldenen Dingen ...
Träume von einem weißen Kleide,
Halb aus Spitze und halb aus Seide,
Und von Federn, die wehend ragen,
Wie sie die vürnehmsten Frauen tragen ...
Und unter jedem Gedicht stand »Adalbert«.
Als Stephan alles noch einmal gelesen hatte, deckte er die weißen Fetzen
mit den Händen zu und blickte auf den Alten, der beim Herd stand und sein
Mus kochte.
»Michl!«
»Ja, Herr.«
»Kannst du lesen?«
Er machte das Zeichen des Kreuzes gegen diese sündhafte Zumutung.
»Herr, ich bin ein gottesfürchtiger Mensch.«
»Wie weißt du dann, daß die Sachen da vom Adalbert stammen?«
»Ganz leicht, Herr. Mein Vater selig hat es mir gesagt, so nebenbei mit
der Geschichte.«
»Mit welcher Geschichte?«
»Mit der Geschichte vom Adalbert.«
»Und weißt du die Geschichte noch?«
»Ja, Herr, so etwas vergißt man nimmer. Es war eine sündige Sach'.«
»Was?«
»Das mit der Gräfin, Herr. Sie wohnte irgendwo unten, gegen das Sarntal
zu, in einem schönen Schloß ... und jede Nacht ... und das ist gewiß
wahr, Herr ... ging der Adalbert um das Schloß herum, und einmal, es war
eine grausliche Nacht voll Donner und Blitz, kam sie zu ihm hinunter.«
»Du lügst, Michl!«
»So wahr mir Gott helfe, Herr, in meiner Sterbstund'.«
Stephan wischte sich den Schweiß von der Stirne.
»Weiter!«
»Mehr weiß ich nicht, Herr. Nur daß der Adalbert immer gesungen hat
nachher ...«
Und mit grimmigen Blicken holte sich der Michl sein Mus vom Feuer und
würgte es schmatzend hinab.
Stephan aber stand auf, hängte seinen Rucksack um, nahm kurzen Abschied
und ging.
Aber er ging voll neuer Kraft, voll neuer Trotzäußerung und sah ohne
Blinzeln in die Sonne.
»Was war der Tag, was war das Leben schön!«
Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und griff in seine Brusttasche. Dann
knisterten die vergilbten Papierfetzen, und Stephan lächelte dazu. Einmal
horchte er auf. Irgendwo aus dem Walde her klang das Glöcklein einer
Leitkuh, und eine frische Stimme sang:
»Di-ri-da-ram,
Müller und Müllerin,
König und Königin,
So gehörts z'amm.
Di-ri-da-ram,
Di-ri-da-ram.«
Stephan aber dachte an Adalbert, an seine Gräfin, und sang trotzig
zurück:
»Wenn der Müller fesch is',
Glei' trau' i' ma z'wetten,
Paßta wia a Prinz
In de zwo goldnan Betten.«
Darauf kicherte es im Walde, aber die Stimme erklang nicht mehr, und nur
das Kuhgeläute hörte Stephan noch eine Weile.
Als er gegen Abend an die Villa kam, hatte er ein Gefühl, als wäre er
lange fortgewesen, und sein erster Blick galt den Fensterläden. Aber die
waren fest verschlossen.