Neunzehntes Kapitel

In der Villa Waldfriede wurden eines Tages die grünen Fensterläden

aufgestoßen, und ein sorgsam betüchelter Altweiberkopf zeigte sich hinter

den Scheiben. Nach einer Weile öffneten sich auch die Fenster, und der

Altweiberkopf hob sich vorsichtig heraus. »Herrgottl, war's da oben

schön! So schön, nein, nicht zum Sagen. Das viele dürre Holz in den

Wäldern, das man zusammenklauben durfte, ohne viel nach jemand zu fragen,

und die vielen heilsamen Kräutlein in den Wiesen, die niemand gehörten

als dem lieben Herrgott und dem, der sie gerade fand.

Wunderschöne Kräutlein, gegen Husten und Brustweh und Brust- und

Kopfgeschwüre und Krampfadern. Ja, wegen den Kräutlein, die man da oben

gleich zur Hand hat, ist es ein Gutes, da zu leben. Aber insonsten ...,«

und der Altweiberkopf wackelte verdrossen hin und her, »ist das Leben da

oben ein' Sünd' und ein Greuel ... Wie die Klausen das aushalten können,

jahrein, jahraus ohne Kirchen und Ablässe, und nur alle Sonntag eine

heilige Messe unten in Kampenn ... O, das arme Jesulein ...«

Noch immer verdrossen wackelnd zog sich der betüchelte Kopf zurück, und

Stephan, der vom Felde aus den Vorgang gesehen hatte, starrte fassungslos

auf den leeren, gähnenden Fensterschlund. Schreck und Freude malte sich

auf seinem Gesicht, und eine Weile war es, als schwankten seine Knie.

Die alte Kathi, die jeden Sommer zuerst kam, um die Wohnung für die

Doktorsleute zu säubern und zu richten, war da. Himmel! so nah war der

Sommer ...

Am liebsten hätte er die Hacke fortgeworfen und wäre auf dem Felde auf

und ab gestürmt, aber es war möglich, daß die alte Kathi ihn sah, und

das war ein böses, klatschsüchtiges Frauenzimmer, vor der man sich

in acht nehmen mußte. So arbeitete Stephan weiter und beruhigte sich

allgemach. Was war es schließlich und endlich auch Großes? ... Die alte

Kathi war da. So ein nichtsnutziges, ränkesüchtiges Frauenzimmer, das

schon dreimal unter einen vollen Heuwagen zu liegen kam, ohne Schaden

zu nehmen, und deren Maul man wird extra totschlagen müssen, wenn es

vielleicht doch einmal mit ihr ans Sterben geht. Und der Anblick dieses

zahnlosen Ungeheuers gab ihm diesen tollen, freudigen Schreck ... Ja, was

anders war es, als vor ein paar Tagen der Kuckuck rief.

»Kuckuck ... Kuckuck ... Kuckuck.«

Da hatte er ein Gefühl gehabt, als müsse er den ganzen Berg aus den

Fugen rücken, und als er spät abends nach Hause ging, hatte er ein

übermütiges Lied geschmettert:

»Diandl, woas suachst denn doa,

Hoast woas valoarn?

Liegt eppa dei Jungfernkranz

Drinnen in Koarn?

Juchei! Juchei! Juchei!«

Das konnte man schon verstehen, daß man sich freute, wenn der Kuckuck

rief. Aber wegen der Alten ...

Stephan drehte sich so, daß er Waldfriede im Rücken hatte ..., was ging

ihn das alles an? Und sogar der Kuckuck! Er bedeutete den Sommer ... nun

ja, aber was geht ihn der Sommer an? Er ist der Klausen, ein einfacher

Bauer, der keine Zeit und keinen Sinn hat für den Sommer. So etwas ist

für Stadtleute. Aber er ist ein Bauer und macht sich nichts aus

dem Sommer, denn die heiße Jahreszeit bringt oft Viehseuchen und

Waldbrände ... ganz abgesehen von Hagel und Gewittern. Nein, er macht

sich nichts aus dem Sommer ...

Und als Stephan jetzt einen Augenblick ausruhte, kroch eine tiefe Röte

unter sein blondes, lockiges Haar. Bedächtig nahm er dann die Arbeit

wieder auf, und später als gewöhnlich ging er heim. Aber er ging mit

strenggefalteten Brauen und geradeaus gerichteten Blicken, wie jemand, der

in eine drohende Ferne schaut.

Und ihm voraus tanzten seine Gedanken mit Kuckucksgelächter und

Altweibergesichtern. Gewaltsam riß er sich endlich los.

Was war es, das der Altknecht gestern gesagt hatte ...?

Richtig, Holzdiebereien waren vorgekommen, und letzten Sonntag hatten sie

in der Almhütte eingebrochen. So etwas durfte nicht wieder geschehen. Aber

wie sollte man es verhüten? Der Viehhüter war ein uralter Mann, erprobt

und verläßlich, Fahrlässigkeiten gab es da nicht. Fenster oder Türen

offen lassen, während er mit dem Vieh war, Gott behüte. Also das Ärgste

an der Sache war, daß die Kerle eingedrungen sind, ohne den Riegel beim

Fenster oder das Schloß an der Türe anzurühren. Teufelsmäßig sah es

aus. Was sollte man dagegen tun? Er wußte es nicht, der Altknecht wußte

es auch nicht. Der Vater hätte es wohl gewußt und hätte es ihm wohl auch

irgendwie gesagt, wenn noch alles so wäre wie früher. Aber seit einiger

Zeit spürte er die Nähe des Vaters nimmer, die er sonst in schweren,

ratlosen Fällen immer empfand. Das war vielleicht auch eine Strafe ...

Voll schwerer Sorge sah Stephan in das frühlingsgrüne Land und voll

schwerer Sorge auf die Höhe, wo der Klausenhof grau und ehrsam in der

Abendsonne stand. Aber ein wenig müde stand er da, wie gedrückt von

vielen Sorgen. Stephan dachte jetzt an die Antwort aus Innsbruck, an das

Büchlein mit Bauplänen und Kostenüberschlag, das er schon so lange in

der Tasche trug. Aber die Mutter hatte recht.

An den Hof durfte man nicht rühren. Alle Klausen, von Adalbert Klausen

angefangen bis hinauf zu seinem Vater, würden dagegen sein. Mit erhobenen

Händen würden sie dagegen sein, und der Adalbert würde sagen: »Das hab

ich nicht gedacht, daß einer aus den Unseren einen Tadel finden könnt.

Schaut, der Junge ...«

Und zum unzähligen Male las Stephan den Spruch:

»Wer baut an den Straßen,

Muß jeden reden lassen.

Der eine schaut vor, der andere hinten,

So wird jeder einen Tadel finden.«

Ja, der Hof mußte bleiben, wie er war. Schon des Spruches wegen. Es war

ein seltener Spruch. Voll Kraft und Trotz und Verachtung für alles im

Tale. Wie der Adalbert zürnen würde, wenn er plötzlich aus dem Grabe

käme und den Jungen da sähe. Den Jungen, seinen Erben, den Herrn

seines Hofes, und so voll wunderlicher Sehnsucht und aufrührerischer

Gedanken ... Aber da kam er schon wieder in dieses fremde Zeug ... Woran

hatte er nur gerade gedacht?

Ja, an die Holzdiebereien in den Wäldern und an die Räuberei auf der

Alm ... feines Handwerk das! ... aber er, der Klausenbauer, wird es ihnen

legen. Und weil der Altknecht gerade im Hof bei den Schweinen stand, rief

ihn Stephan und sagte:

»Ich will morgen auf die Alm gehen. Es wäre eine ewige Schande, täten

wir das Gesindel nicht aufspüren.«

Der Klausenhof: Roman · 第 26 / 46 题