Auch Stephan wurde das allmählich klar. Mit jedem neuen Tag spürte er
deutlicher und deutlicher, daß das nicht, wie er immer glaubte, seine
eigenste Sache, sondern auch Sache des Hofes sei. Allerdings, da war Maria.
Tüchtig, pünktlich, umsichtig und fest hinter dem Gesinde wie die Mutter.
Aber es war doch nicht dasselbe. Das merkte man da und dort und überall.
Mit den Leuten hatte es auch schon einige Male Zwistigkeiten gegeben, und
der älteste Knecht, der seit dreißig Jahren auf dem Hofe war, wollte
gehen.
»Es sei keine Zucht mehr,« sagte er, »keine Zucht!«
Und nur Marias Zureden hatte ihn gehalten.
Bleich und verstört ging Stephan auf seinem Hof herum und dachte: »Wo
fehlt es denn? wo fehlt es denn? ...«
Aber er konnte es nicht ergründen. Im Haus, im Hof, in den Ställen und
Scheunen herrschte nach wie vor Segen und Ordnung.
Die Pferde und Zugochsen waren sauber gestriegelt, die Kühe trugen
schweres Euter, die Hennen gackerten unverdrossen, und die Bütten beim
Brunnen waren schneeweiß gescheuert.
»Wo fehlt es denn? wo fehlt es denn? ...«
Und weil Stephan der Sache auf den Grund kommen wollte, ging er in die
Vorratsräume.
Aber auch dort war alles in Ordnung. In der Fruchtkammer standen
schwergefüllte Säcke mit Mehl und Getreide. In der Fleischkammer hingen
lange Reihen mit Fleisch und Speck. Im Keller drängte sich Faß an Faß
mit Wein und Apfelwein.
»Nein, da fehlte nichts.«
Und Stephan ging in das Haus. Die Küche war frisch getüncht, die Geräte
an der Wand vollzählig und sauber. Auf dem Herde dampfte es aus Pfannen
und Kesseln, und zuoberst auf den warmen, grünen Kacheln lag die Katze
und surrte leise. An dem großen Küchentisch aber stand Maria im
frischgewaschenen Kattunkleid und richtete Gemüse. Die Uhr zeigte die
Mittagsstunde, und der Tisch war gedeckt.
»Nein, da fehlte auch nichts.«
Und Stephan ging in das Zimmer, in das große eheliche Schlafzimmer, das
jeder junge Klausen mit dem Hofe übernahm.
Er selbst wäre lieber in seinem Knabenstübchen geblieben, aber der Leute
wegen hielt er sich an die Tradition.
Die Fenster waren weit offen, und der frische Frühlingswind fuhr in die
Falten der großgeblümten Vorhänge, daß sie aufflatterten und sich
wichtig blähten. Und der frische Frühlingswind strich über die uralte
Kommode, über den uralten Schrank bis hinüber zu dem uralten Bett ...
ja, dort fehlte etwas ... dort fehlte das andere uralte Bett. Es war
auch zeitlebens dort gestanden, aber er hatte es gleich am Anfang seiner
Herrschaft hinausräumen lassen ... und nun fehlte es ... fehlte ein
Bett.
Aber Herrgott, weil ein Bett fehlt, das kann es doch nicht sein!
... Aber es war doch so, und Stephan kniff die Lippen ein, wie er es
manchmal tat, wenn er scharf nachdachte, und schaute hinüber zu dem Wald,
wo die Lärchen und Fichten den letzten Schnee abwarfen, wie Frauen, die
das letzte Kleid abwerfen und frei und froh sich dehnen. Und er sagte:
»Frühling, Frühling, du toller, wahnsinniger Frühling, sei still,
ich bin der Klausen. Der Klausen, der ein Bauer ist und ein Fürst sein
möchte ... O Frühling, sei still ...!«
Aber der Frühling ward nicht still. Er tobte und schmeichelte, er drohte
und streichelte, und in all die tausend Blumenkränze, die er aus dem Boden
zog, zeichnete er Gesichter, blasse, feine Mädchengesichter.
Und Stephan haderte mit dem Frühling und haderte mit der Welt. Er wurde
ungerecht gegen das Gesinde, scharf gegen Maria und sah und wußte nicht
einmal mehr, daß sie auch mit dem Frühling stritt.