Was war der Tag, was war die Heimat schön!
Mit leuchtenden Augen stieg Stephan aufwärts, immer aufwärts, und die
schneebedeckten Berge stiegen mit. Alles versank, alles verschwand, nur die
Berge blieben und wurden deutlicher und massiger, je höher er stieg.
»Ihr Schelme ... Ihr alten Schelme!«
Er drohte ihnen mit seinem derben Knotenstock, wie man Kindern droht, und
weil er gerade einen schönen Ausblick erreicht hatte, blieb er stehen
und sah dem bärenhaften Schlern ihm gegenüber ins trutzige Auge.
Dann wanderten seine Blicke nach rechts, weiter und weiter entlang der
herrlichen Kette der Dolomitenberge. Entlang dem zierlichen Rosengarten,
dem wunderbaren Karersee, dem geheimnisvollen Latemar, und zu ihren
Füßen, da und dort in Grün versenkt, klebten Burgen und Klöster und
heilige Wallfahrtorte ...
Was war der Tag, was war die Welt so schön!
Voll Glück und Stolz sog er die Heimatluft. Sie roch da oben noch ein
wenig nach Schnee, aber die Sonne und der Föhn hatten ihre Arbeit schon
getan. Davon zeugten die Blumen. Stephan kniete nieder und strich mit
den Händen darüber. Himmel, diese Blumen! Millionen weiße und blaue
Blumen ... aber keine Alpenrosen? Nein, noch keine. Knospen? Ja, aber
nicht viele. Das wird wieder ein Gesuche geben unter den Fremden, die aus
Bozen heraufkommen und den Berg überschwemmen. Eine Million für eine
Alpenrose! Und hatte man sie ihnen verraten -- denn sie selbst fanden nie
die richtigen Plätze --, ruinierten sie die Stöcke und vergaßen dann
die schönen Blüten irgendwo. Oft genug hatte er schon so verdorrte
Sträuße gefunden. Und Stephan träumte von einem großen Zaun, der um den
ganzen Herrgottsgarten wachsen sollte, mit einem Tor in der Mitte, das sich
nur öffnete für die Sorgsamen und Guten.
Nach einer Weile aber vergaß Stephan die Berge und die Blumen und besann
sich seines Geschäftes. Also eingebrochen hatten sie ... so Spitzbuben,
so Haderlumpen! Aber es war gut, daß er einmal heraufkam. Vorigen Sommer
wollte er schon immer kommen ... damals nach dem Gewitter ...
Nach drei guten Wegstunden kam er auf die Alm, wo seine Ochsen weideten und
das Häuschen stand. Der Viehhüter saß in der Sonne, und als er Stephan
kommen sah, stand er auf und humpelte ihm entgegen. Er war ein uralter Mann
und erzählte gleich von der Räuberei. Aber er redete so viel verwirrtes
Zeug, daß Stephan nicht klug daraus werden konnte.
»Wann sagtest du, daß es eigentlich geschah?«
»Letzten Sonntag, Herr.«
»Vormittag?«
»Es muß schon Vormittag gewesen sein, weil ich noch genau weiß, daß die
Pfanne fehlte.«
»Als du kochen wolltest?«
»Ja, Herr. Es war eine starke Pfanne, wir hatten sie bald an dreißig
Jahre.«
»Und was hat noch gefehlt?«
»Alles, Herr. Der Löffel war auch fort.«
»Und was noch?«
»Und das Mehl und der Speck.«
»Davon, hast du gesagt, war nimmer viel da.«
»Nein, nimmer viel, aber ...«
»Und wen hast du in Verdacht?«
»Das soll einer wissen, Herr ...!«
Er begann zu weinen.
»Und wie steht's mit den Ochsen?«
Der Michl trocknete seine triefenden Augen.
»Keine Sorg', Herr.«
»Und die Ställe? Ist da alles in Ordnung?«
»Keine Sorg', Herr.«
Sie gingen in die Hütte, und Stephan mußte sich setzen, weil sein Kopf an
die Decke stieß. Dann nahm er den Rucksack ab und packte sein Mittagessen
aus.
»Du mußt auch mithalten, Michl!«
»Tät ich gern, Herr. Aber es geht nimmer.«
Und er riß mit den beiden Zeigefingern den Mund auseinander, daß man die
zahnlosen Kiefern sehen konnte.
»Geht schon lang nimmer, Herr.«
Stephan nickte und kümmerte sich für die nächsten zehn Minuten nicht
um den Alten. Herrgott, wie das schmeckte nach so einem Marsch! Und Maria
hatte auch so eine Art, die Dinge herzurichten.
Ein kreischendes Geräusch, als drehe sich ein verrosteter Schlüssel in
einem verrosteten Schlosse, ließ ihn aufschauen. Da stand der Alte vor
einer großen, eisenbeschlagenen Truhe, dem einzig anständigen Möbel im
Raume, und versuchte, sie aufzusperren.
»Geht es?« sagte Stephan und hielt einen Augenblick das Fleisch zwischen
den blanken Zähnen.
»Ei freilich.«
Dann hob sich der uralte Deckel, und der Michl nahm aus der Truhe eine neue
Pfanne, einen hölzernen Löffel und ein Töpfchen mit Ziegenmilch. Dabei
erläuterte er:
»Seit der Luderei sperr' ich jetzt alles ein.«
»In die Truhe?«
»Ja, das ist eine feste Truhe.«
»Muß uralt sein.«
»Noch vom Adalbert.«
Stephan hörte plötzlich zu kauen auf.
»Von wem hast du gesagt?«
»Vom Adalbert.«
»Vom Adalbert Klausen?«
»Gewiß auch noch ... drinnen liegt ja noch das Zeug von ihm.«
»Was für ein Zeug?«
»Das weiß ich nicht, Herr ... es war schon drin bei mein' Vater selig.«
Darauf erhob sich Stephan und schaute in die Truhe. Am Boden derselben
lagen ein paar weiße, vergilbte Fetzen Papier. Er nahm sie heraus und
sah, daß sie beschrieben waren. Als er sie aber umdrehen und lesen wollte,
bröckelten sie unter seinen Fingern. Behutsam legte er sie auf den Tisch,
und nun sah er, daß es Gedichte waren. Der Schreiber mußte sich endlose
Mühe genommen haben, denn die Titel und die einzelnen Strophen waren mit
kunstvollen Schnörkeln verziert. Die Schrift selbst aber war einfach,
kindlich und ohne Mühe lesbar: