Nun konnte das aber nimmer so weitergehen mit dem alten Ratterkasten!
Die ganze wackelige Bude mußte niedergerissen werden bis auf den letzten
Stein; und ein Haus muß erstehen von solcher Ausdehnung und Schönheit,
wie es kein Bauer in Tirol besitzt.
Und gleich mußte damit begonnen werden, daß es bis zum Sommer fertig
ist ... bis zum Sommer ... und Stephan warf den Kopf zurück und blähte
die Nasenwände wie ein heißblütiges Pferd.
Dann ging er mit großen Schritten um den Hof herum, prüfte mit Genugtuung
die alten, rissigen Mauern, rüttelte an Pfählen, die schon lose staken,
daß sie ganz einfielen, und richtete soviel Schaden an, als er ungesehen
und unauffällig anrichten konnte.
Darauf ging er mit hochgezogenen Augenbrauen in die Stube und redete der
Bäuerin zu, sich einmal den Hof anzusehen. Er sei so sehr schadhaft, daß
er morgen oder übermorgen einstürzen werde, wenn man nicht schleunigst
zum Maurermeister nach Bozen schicke ...
Die Bäuerin ließ ihn ruhig ausreden, aber als er fertig war, sagte sie:
»Dich hat der Hochmut gepackt, Stephan. Du meinst, weil du lesen und
schreiben kannst, ist der Hof für dich nicht mehr gut. Höre, Stephan ...
es gibt Leute, die gescheit sind, und Leute, die gescheiter sind. Und es
gibt Leute, die ehrsam sind, aber keine Leute, die ehrsamer sind, denn die
Ehrsamkeit hat nur ein Kleid. Was ich also meine, ist: du bist gescheiter
als dein Vater war, aber ehrsamer bist du nicht, und wenn der Hof gut war
für deinen Vater, muß er auch gut sein für dich. Darum will ich es nicht
haben, Stephan, und so lange ich lebe, kommt kein Stein von dem andern.«
Es nützte nichts. Stephan mochte reden und drängen, so viel er wollte,
die sonst so weiche und nachgiebige Frau war unerbittlich. Trotzdem gab er
seinen Vorsatz nicht auf und sandte heimlich einen Boten nach Bozen. Der
brachte von dem Maurermeister ein Büchlein mit Ansichten und Plänen, und
Stephan studierte hinter festverschlossenen Türen darin herum. Aber es
dünkte ihm nichts gut genug. Er wollte etwas mit Erkern und Gesimsen, mit
Bildern und mit Sprüchen, und so schrieb er ein paar Tage später direkt
nach Innsbruck. Merkwürdigerweise aber sandte er den Brief nicht weg,
sondern trug ihn Woche um Woche in der Tasche herum.
Jeden Abend nahm er sich vor, ihn morgen zu schicken, und wenn der Morgen
kam, tat er es wieder nicht. Tat es nicht, vielleicht weil man ... und das
war ihm erst später eingefallen ... ja doch nicht bauen konnte, solange
der Boden nicht ausgetrocknet war, vielleicht auch, weil die Mutter zu
husten begann und so merkwürdig spitz wurde. Und schließlich hatte sie
recht. Es gibt Leute, die gescheit sind, und Leute, die gescheiter sind.
Und Leute, die ehrsam sind, aber keine Leute, die ehrsamer sind ...
die waren auch nicht besser da drüben, trotzdem sie ein feines Haus
bewohnten ...
Wie Trotz und Wut überkam es ihn, und mit doppelter Zärtlichkeit umgab er
die scheidende Mutter. Nein, er wollte nicht mehr daran denken. Eigentlich
war es ja auch ein Wahnsinn, daran zu denken. Denn was berechtigte ihn
dazu? Ein Kärtchen ... ein einziges weißes Weihnachtskärtchen ...
geschickt aus Langeweile, aus Laune, aus Mitleid, oder sonst einem tollen
Grund, wie sie nur die Weiber haben ... O, er war in Innsbruck nicht
so ganz ohne Erfahrung geblieben ... zum Teufel auch, ihn sollte keine
necken! ...
Gleich darauf aber schlug er erschüttert die Hände vors Gesicht. Daß
er so etwas denken konnte ... von ihr, die süßer war als erste
Sommerblüten, und keuscher war als frischer Firnenschnee ...
Nein! ihresgleichen hatte es in Innsbruck nicht gegeben, gab es nimmer in
der Welt! ...
»Margarete.«
Er wollte es laut sagen, um sich das fremde, blonde Mädchen besser zu
vergegenwärtigen. Aber der feine, ungewohnte Name brach auf seiner Zunge,
und da sagte er halb erschrocken über die Kühnheit, halb glücklich über
die Macht, die ihm doch niemand wehren konnte, »Grete«.
... und der frühe Föhn, der vorüberstrich, nahm das Wort von
seinen Lippen, trug es in die Wälder, warf es in die Lüfte, daß es
tausendfältig wiederklang. »Grete ... Grete.«
Und taumelnd vor Sehnsucht griff Stephan in die Tasche nach der
Weihnachtskarte, die er immer bei sich trug. Da spürte er etwas Hartes,
etwas Festes, einen Brief. Richtig!
Der mußte fort. Heute noch ... mochte die Mutter weinen.
... Aber die Mutter weinte nicht, denn noch ehe die Antwort kam, fand man
sie eines Morgens kalt und steif in ihrem Bett. Da schien es, als ob alle
Freude und alle Wärme im Klausenhof mit ihr gestorben sei, und Maria
weinte zum erstenmal wieder an Stephans Schulter, und Stephan strich ihr
leise übers Haar. Therese wurde verständigt, aber nur der Schwager kam.
Neben Theresens Bett stand seit ein paar Tagen eine sorgsam zugehüllte
Wiege, und Therese war noch viel zu schwach, um den steilen Berg
heraufzukommen.
Ernst und traurig trugen sie die Klausenbäuerin am dritten Tag zu Grabe.
Die Bauern waren aus nah und fern erschienen und schritten im langen Zug
hinter dem weinenden Gesinde.
Es war bitter, an einem so schönen Frühlingstag, wo tausend und
abertausend grüne Spitzen aus eigenem Grund und Boden drängten, ins Grab
gesenkt zu werden. Das empfanden sogar diejenigen, die die Klausenbäuerin
vielleicht nur einmal, vielleicht nie gesehen hatten, und des Betens und
des Weinens ward kein Ende. Beim Totenmahl, bei Wein und Brot, erholten
sich die Gäste dann ein wenig. Aber die Knechte und die Mägde schluchzten
weiter, und auch Maria weinte unaufhörlich.
Nur Stephan, jetzt der unumschränkte Herr am Klausenhof, zeigte sich ruhig
und gefaßt. Umsichtig ging er von dem einen zum andern, fragte die Männer
nach ihren Feldern, die Frauen nach ihren Kindern, und die Leute wunderten
sich insgeheim, was für ein lieber, feiner Herr der junge Klausen geworden
sei.
Ja fein, denn selbst diese einfachen Gemüter merkten den Abstand zwischen
ihm und ihnen. Groß, fremd, blond, wie einer, der gar nicht zu ihnen
gehört, sah er aus und war doch wieder so voll Verständnis für alle ihre
Sorgen, daß die Scheu vor seiner Vornehmheit unwillkürlich schwand vor
seiner Güte.
Ja, gut war er ... und ledig auch ... und in den Jahren auch ...
Und die Bäuerinnen, die schöne Anwesen und ältliche Töchter zu Hause
hatten, zerbrachen sich auf dem Heimweg den Kopf, wie es anzustellen
wäre ... denn der Klausenhof brauchte jetzt eine Bäuerin, das war
klar ...