Ein Töpfchen allerfeinsten Honig, aufgespart und aufgehoben den ganzen
Sommer für Therese. Und als Maria ihn jetzt sorgfältig verpackte, fragte
sie:
»Irgendetwas auszurichten, Mutter?«
»Ja ... einen schönen Gruß ... und, warte, Maria ...,« die Bäuerin
zögerte und wollte nicht heraus mit der Sprache, »... schau dich ein
wenig um bei ihr ... Du weißt schon, was ich meine.«
»Ja.«
»... Hauptsächlich unter dem Vieh. Und frag sie auch über die Ernten.«
»Ja.«
»Aufrichtig gesagt, es würde mich groß wundern, wenn wirklich alles gut
bei ihr ginge.«
Maria hüllte sich in ein warmes, dunkles Tuch.
»Also Gott befohlen, Mutter.«
»Gott befohlen ... und vergiß den Gruß nicht.«
»Werde ihn besorgen.«
Sie drückte die Tür ins Schloß und schritt leise fröstelnd über den
Hof. Ob Stephan sich nicht zeigte? ... Aber nein, er war nirgends zu
sehen ... Sie lächelte zornig, und eine trotzige Falte grub sich
zwischen ihre Brauen. Ohne Gruß und ohne Wort ließ er sie fort am
Weihnachtstag ...
Ohne umzuschauen eilte sie den schmalen Pfad hinab, der durch die Wiesen
abwärts führte, und mäßigte erst ihren Lauf, als sie weit unten ein
tannenstarrender Wald aufnahm. Gott sei Dank! Die weiten Wiesen zwischen
ihr und dem Hof, zwischen ihr und Stephan, das gab ein wunderbares
Gefühl der Freie ... Aber mitten in diesen Gedanken blieb sie stehen und
drückte, jäh aufschluchzend, die Hände vors Gesicht. Daß es so weit
kommen konnte ... so weit.
Und während sie wieder weiterschritt, begann sie plötzlich zu reden, als
ob Stephan neben ihr ginge:
»Wir waren böse schon als Kinder. Ja böse, denn unsere Liebe war
ein Unrecht. Weißt du noch, wie oft Therese weinte, weil wir sie nie
mitspielen lassen wollten? Wir spielten immer Graf und Gräfin, und einmal
sagten wir Therese, sie sei zu häßlich für ein so feines Spiel. Weißt
du das noch? Seitdem hat sie uns nie wieder geplagt und lief dann immer
mit dem Vater ins Feld. Und als wir größer wurden und den weiten Weg nach
Kampenn in die Schule mußten, ließen wir Therese immer hinter uns laufen,
weil sie damals arg stotterte und wir uns schämten, daß sie unsere
Schwester war ... und jetzt sind wir zwei so elend geworden ...«
Es hatte zu schneien begonnen. Erst in feinen, weißen Pünktchen, dann
immer dichter und dichter, bis große Flocken niedersanken und wie weiche
Lippen Marias Wangen streiften. Und während sie das Tuch fester um die
Schultern zog, sagte sie:
»Aber es ist auch ein Glück dabei, daß wir so gemeinsam leiden ...«
Plötzlich erschrak sie, und so heftig erschrak sie, daß sie mit den
Händen nach dem Stamm eines Baumes griff, um nicht umzusinken. Gegen den
Schnee und den Wind kämpfend, kam gebückt und schwerfällig, in einen
groben Lodenrock gehüllt, ein alter Mann daher. Auf seinem Kragen
leuchtete ein Stückchen rotes Tuch, um seinen Leib trug er eine breite,
schwarze Ledertasche, und in den bepelzten Händen hielt er Briefe.
Wirkliche Briefe, und er kam den Weg zum Klausenhof.
Maria mußte sich Gewalt antun, um nicht laut herauszuschluchzen in
ungestümer Seligkeit. Und weil sie totsicher war, daß der Mann ihretwegen
heraufgekommen war, blieb sie stehen und sagte:
»Ihr braucht nicht weiterzugehen. Ich kann es Euch abnehmen.«
Der Briefträger freute sich, daß er den Weg ersparen könnte, und suchte
eilig unter den Briefen. Dann zog er ein weißes Kärtchen hervor und
reichte es ihr mit zittrigen Händen. Hastig dankend nahm sie es in Empfang
und ging rasch grüßend weiter. Als sie weit genug war, daß der Alte sie
nicht mehr sehen konnte, blieb sie stehen und drehte das Kärtchen um. Dann
aber fuhr ein Beben durch ihren Leib, und sie wurde blaß. Die Schrift auf
der Karte war keine Männerschrift, wie sie erwartet hatte, sondern eine
feine Mädchenschrift, und die Adresse war ganz deutlich: »Herrn Stephan
Klausen.«
Also nicht für sie ... und sie blieb noch immer stehen und haderte mit
dem Schicksal in wilder Verblendung. Soll sie ihm die Karte geben? ...
soll sie sie ihm geben? ... wie kommt er dazu, daß er so glücklich
wird? ... soll sie sie ihm geben? ...
Gleich aber erkannte sie ihr Unrecht und schämte sich ihrer neuen
Bösartigkeit ... O, gewiß wird sie sie ihm geben ... als allerschönste
Weihnachtsfreude wird sie sie ihm geben ...
Und mit zartester Behutsamkeit schob sie die Karte in die schweren Falten
ihres Kleides.
-- -- -- Therese hatte keine Ahnung gehabt, daß Maria kommen werde, und
wurde purpurrot, als die Schwester plötzlich in die Stube trat.
»O, Maria!«
In echter Freude stieß sie die Worte hervor, nahm ihr das Tuch von den
Schultern, schüttelte den Schnee daraus und zwang Maria in den weichsten
Stuhl beim Feuer. Dann brachte sie wärmenden Tee, weiches, lockeres Brot
und erkundigte sich mit überstürzenden Fragen nach der Mutter, nach
Stephan und nach dem Gesinde.
Aber immer vermied sie Marias Augen, und eine feine, mädchenhafte Röte
kam und ging auf ihren Wangen. Sie schämte sich vor Maria ihres Zustandes,
und Maria, die nichts davon gewußt hatte, war freudig und peinlich
überrascht. Und während sie beim Feuer saß, auf Theresens Reden lauschte
und wohltuend die Behaglichkeit empfand, die aus jedem Ding und Winkel
strömte, drängte sich ihr auf: »Therese ist glücklich.«
Ja, Therese war glücklich. Davon zeugten die traulich gerückten Möbel,
die schützenden Decken und Deckchen, die schneeigen Spitzengardinen und
die leuchtenden Blumen dahinter ... Blumen gedeihen nicht gern neben
Sorgen.
Ja, Therese war glücklich. Das sang der Vogel im Bauer, das sang das Feuer
im Herd, das sangen Theresens Augen, das klang aus jedem Wort. Und
ein Triumph war dahinter, ein Triumph über das Böse, das ihr gedroht
hatte ...
Gegen Mittag kam überschneit und durchgefroren ihr Mann nach Hause, und
nun sah Maria erst, wie glücklich Therese war. Sah, wie süß die Sorge
tat, die er um sie, die sie um ihn bezeigte, sah, wie die beiden sich
verstanden, durchdrangen und ergänzten, sah, daß Therese im Herzen dieses
schlichten Mannes eine Heimat hatte, einen Königinnensitz, und in ihrem
abgemarterten Gehirn sprangen wirre, sehnsüchtige Gedanken auf.
»Zugehörigkeit! für den Mann zum Stamm ...