Und es ward nimmer gut.
Das merkte nicht nur Maria, das merkte auch Stephan, merkte es am
allerdeutlichsten, wenn er sich nach der Rückseite des Hauses unter die
langen Fänge der Windmühle schlich und mit einem alten Fernrohr, das
noch aus Innsbruck stammte, den Weg nach Bozen hinauf und hinunter sah. Den
steilen, steinigen, fünf Stunden langen Weg, den der Postbote aus Bozen
einige Male im Jahre heraufkroch, um den Steuerzettel oder einen anderen
dienstlichen Wisch im Klausenhofe abzugeben. Ja, immer nur dienstliche
Sachen! Die Verwandten und Bekannten der Klausen waren ja nicht eben
gewandt im Lesen und Schreiben. Auch Therese nicht, die nur öfters einen
Knecht zu der Mutter sandte mit der Botschaft, daß es ihr gut ginge und
daß Maria doch einmal kommen möge.
Immer nur dienstliche Sachen! ... und doch schlich sich Stephan jeden Tag
nach der Rückseite des Hauses unter die langen Fänge der Windmühle und
schaute mit seinem alten Fernglas den Weg nach Bozen hinauf und hinab.
Aber die Steuern waren wohl noch immer nicht fällig, denn der Postbote
kam nicht, so eifrig Stephan auch schaute, so sehr er das Fernglas auch
drehte ... Und voll tiefer Beschämung ging er jedesmal in das Haus
zurück und nahm sich vor, nie wieder auszuschauen. Aber den nächsten
Morgen stand er doch draußen, an der Rückseite des Hauses, unter den
langen Fängen der Windmühle ...
Da geschah es jetzt aber schon ein paarmal, daß er einen tiefen Schreck
erlebte. Maria stand auch dort. Genau an derselben Stelle, wo er immer
zu stehen pflegte, wo man den Weg am besten überschauen konnte. Mit
straffgespanntem, weit vorgeneigtem Oberkörper, die Augen mit den Händen
gegen den blendenden Schnee geschützt, schaute sie den Weg hinab, schaute
starr hinab und suchte ...
Stephan war jedesmal schnell zurückgetreten, noch ehe sie ihn bemerken
konnte, und ging schließlich nur mehr auf Ausguck, wenn er Maria
dringendst im Haus beschäftigt wußte. Aber es dünkte ihn eine
lächerliche, wahnsinnige Sache, daß sie, ohne es einander zu verraten,
auf ein und dasselbe warteten, von dem sie beide wußten, daß es
nie kommen würde, auf eine Nachricht aus dem fernen, schönen,
prachtumrauschten Wien ...
Und die Stadt, die sie früher manchmal nennen hörten, ohne sich
etwas dabei zu denken, wurde ihren Herzen der Mittelpunkt brennendsten
Verlangens, sehnsüchtigster Träume ...
Wien! Du wunderbares, märchenhaftes, weitentrücktes Wien! ...
Und nach und nach wurde ihnen die Heimat enge, die Heimat mit den Bergen
ringsherum, die alle Aussicht wehrten in die Ferne. O du Ferne! du
glänzende, glückliche Ferne! ...
Vergrämt, verdrossen, mit äußerster Anstrengung gingen sie ihrer Arbeit
nach. Wie böse Geister versanken die Novembernächte, wie böse Fragen
kamen die Dezembertage ... Wenn nur Weihnachten erst vorüber wäre ...!
Weihnachten, das sie sonst so festlich in innigster Eintracht begangen
hatten und das sie diesmal fürchten mußten, wegen der Klüfte, wegen
der Fremde, die der Sommer, ein einziger kurzer Sommer, unter sie getragen
hatte. Und je näher das Fest der Freude, das Fest der Liebe kam, desto
mehr wurde der Wunsch in ihnen rege, sich einander anzuvertrauen, einander
alles zu sagen, miteinander alles zu tragen ...
Aber so oft sie damit anfangen wollten, färbten sich ihre Wangen, stockte
ihnen der Atem, versagten ihre Zungen ...
Nein! es geht nicht. Es geht nicht! ...
Und Maria beugte sich tiefer über ihren Rocken, und Stephan beugte sich
tiefer über sein Buch ...
So war das auch am Vortag des 24. Dezember. Die ganze Woche hatten sie
es auf diesen letzten Tag verschoben. Erst für den Morgen, dann für den
Mittag, dann für den Abend, und jetzt saßen sie sich gegenüber, mühten
sich zu reden und konnten nicht. Aber als Maria der Faden wieder riß, und
er riß heute unzählige Male, dachte sie: »Es muß sein.«
Und ohne den Faden anzudrehen, lehnte sie sich in ihren Sessel zurück und
sagte:
»Stephan ...«
Er hob unsicher den Kopf.
»... ich wollte dir sagen, Stephan ...« und nach einer blitzschnellen
Vorstellung von kreisförmig sich drehenden Bildern, lächerlichen,
unseligen, unmöglichen Bildern ... »daß ich morgen gerne zu Therese
ginge ...«
Dankbar, befreit atmete Stephan auf.
»Ja ... warum denn nicht?«
Sie lächelte bitter. »Warum denn nicht?« fragte er ...
Weil Weihnachtstag ist, könnte sie sagen, und weil wir nie auseinander
waren am Weihnachtstag, und weil ...
Aber sie war zu müde, zu gleichgültig, um etwas zu sagen.
Schweigend drehte sie den Faden an, und Stephan fiel plötzlich ein, daß
er draußen etwas nachschauen müsse. Eilig erhob er sich. Draußen hatte
sich ein scharfer, schneidender Wind erhoben, der von den Bergen niederfuhr
und wütend gegen den Hof prallte. Aber rückwärts, an der Scheune, stand
die Windmühle, kampflustig, kampfgerüstet, wartend wie ein Recke auf
den andern, und gleich darauf wälzten sich Wind und Mühle in heulender
Umarmung. Stephan stand neben dem kleinen, matterleuchteten Fenster, und
unwillkürlich blickte er hinein. Da sah er, daß Maria weitvornüber
gebeugt im Stuhle saß, die Arme auf dem Schoß, den Kopf auf den Armen,
und manchmal ging ein Stoß durch ihren Körper, ein Stoß, als ob sie
weinte ...
Da schaute er weg und schaute hinüber zu der Villa. Sie stand unter
den schneegebeugten Fichten, weißbehangen, bläulichschimmernd, wie ein
leibgewordnes Märchen ...
Aber Stephan dachte an den Vater, wie er blutüberströmt im Bette lag, an
Maria, wie sie in der Stube saß und weinte, an sein eigenes grimmes Weh,
und plötzlich hob er die Arme wie in einer mächtigen Verzweiflung und
sagte:
»Du Unglückshaus!«