Sie blickte auf die herrlichen Lärchen, deren Zweige bis auf den
Wiesenboden niedertropften, und ihr Gesicht wurde betrübt.
»Es ist so schade um die schönen Bäume.«
Nun vergaß Stephan, daß er ein Bauer war, und sagte lebhaft:
»Ja, nicht wahr? ... ich denke es mir immer, wenn die Knechte fällen
gehen.«
Sie nickte, ohne recht zu überlegen, was er sagte, und schritt neben ihm
über die Wiese. Er lauschte auf ihr Kleid, das leise hinter ihr rauschte,
und sie sah hinab in die Tiefe, wo nach drei Seiten hin sich drei
fruchtbare Täler spannten, in denen heiß in der Sonne die Etsch und der
Eisack brannten. Plötzlich aber blieb das Mädchen stehen und wies nach
einem Berg, der, mit einer Burg gekrönt, weit unten lag.
»Ist das nicht ein Schloß?«
Er folgte der Richtung ihrer schlanken Hand und nickte.
»Ja, ein Schloß mit einer schönen Geschichte.«
»Mit einer Geschichte? ... O bitte!«
Sie verlangsamte ihre Schritte und sah auf ihn, erwartungsvoll. Stephan
freute sich wie ein Kind und begann die Geschichte in der Redeart, wie er
sie in Innsbruck gelernt hatte.
»Vor langer Zeit lebte dort unten ein sehr reicher Ritter mit seiner Frau
und seinem einzigen Sohn. Plötzlich brach im Lande Krieg aus, und der
Ritter mußte fort. Ehe er aber gegen den Feind auszog, ließ er zwei
große, hohle Kugeln gießen und füllte sie heimlich mit den besten
Kostbarkeiten, die er besaß. Viel Gold und Silbergeschirr wanderte da in
den Leib der Kugeln, und so schwer wurden sie, daß nur ein vierpaariges
Ochsengespann sie von der Stelle brachte. Als die beiden Kugeln geschlossen
waren, gab der Ritter Befehl, sie zu Seiten des großen Tores aufzustellen.
Nachdem er in dieser Weise seine Schätze geborgen hatte, nahm er Abschied
von den Seinen und verließ die Burg. Viele Jahre vergingen nun, ohne daß
er wiederkam. Seine Frau betrauerte ihn schon als tot und schenkte ihre
ganze Liebe ihrem Sohn, der zum stattlichen Jüngling heranwuchs. Eines
Tages erschienen im Schloß Abgesandte der Stadt Bozen und baten um Spenden
für eine Glocke, die sie gießen lassen wollten. Als der Jüngling gehört
hatte, worum es sich handle, sagte er schnell: ›Vor unserem Schloß
liegen zwei große, schwere, metallene Kugeln, die ihr als Glockenspeise
haben möget. Ob sie da draußen nutzlos liegen oder auf eurem Turm das
Ave Maria läuten, ist wohl dasselbe.‹ Darauf ließ er die Kugeln ins Tal
hinabschaffen, und bald tönte mit wunderbar reinem Klang allabendlich eine
Glocke durch das Land.
Nun geschah es aber, daß eines Tages ein bestaubter Fremder in das Schloß
kam, und die Burgfrau erkannte mit unendlicher Freude ihren Gemahl. Darob
herrschte großer Jubel im Schloß, nur der Burgherr selbst blieb düster,
und als er den nächsten Tag mit seinem Sohn allein war, fragte er
plötzlich:
›Wo aber sind die beiden Kugeln, die ich vor dem Tore aufstellen
ließ?‹ Darauf der Jüngling: ›Die Stadt unten brauchte so notwendig
eine Glocke. Da gab ich ihnen die beiden Kugeln ... und o Vater, eine
wunderbare Glocke wurde daraus.‹
Kaum aber hatte er ausgeredet, wurde sein Vater bleich vor Zorn, griff
nach seinem Schwert, und schrie: ›Das sollst du mit dem Leben büßen, du
wahnwitziger Knabe du!‹
Der Jüngling erschrak, faßte sich aber rasch und sagte:
›Tötet mich, Vater, wenn es sein muß. Aber erlaubt, daß ich vorher ein
Vaterunser bete.‹
Und weil der Ritter schweigend nickte, begann er leise und inständig sein
Gebet. Als er zu Ende war, entblößte er selbst die Brust und bog den
Kopf. Aber gerade, als der Ritter das blitzende Schwert in die Höhe hob,
ertönte plötzlich die Glocke, und so süß und mächtig war ihr Ton,
daß dem Ritter das Schwert aus den Händen fiel und Tränen in die Augen
traten. Er hob den dankbar staunenden Jüngling vom Boden auf, umarmte,
küßte ihn und führte ihn der Mutter zu.
Der Ritter und sein Sohn sind längst tot; das Schloß ist auch schon arg
verfallen, aber die Glocke besteht noch immer, und ihr Ton ist der reinste
im Land.«
Als Stephan mit seiner Erzählung fertig war, schwieg Margarete noch lange,
und endlich sagte sie wie aus weiter Ferne: »Wenn wir wieder in der Stadt
sind, werde ich noch oft an all das Schöne denken, das Sie mir erzählt
haben.«
Da schwand alle Freude aus seinem Herzen, denn nun wußte er, daß sie
abreisen würde.
»Wenn Sie wieder in der Stadt sind, werden Sie nicht mehr an die Bauern
denken.«
»An den Bauer« wollte er sagen, aber er wagte es nicht.
Darauf schaute sie ihm ernst in die Augen, und während sich ihre Wangen
mit einer feinen Röte deckten, erwiderte sie:
»Ich werde Tirol nie vergessen.«
Sie schien noch etwas sagen zu wollen, noch auf etwas zu warten. Aber weil
er nur fassungslos dastand, nichts redete und nicht begreifen konnte,
daß sie wirklich gehen werde, schlug sie den Weg zur Villa ein. Aber
sie winkte, während sie ging, sah zurück und winkte noch einmal. Dann
schlossen sich die grünen, tropfenden Zweige, und er sah ihr weißes Kleid
nur mehr hie und da wie eine ferne huschende Sonne gehen.