Zehntes Kapitel

Hugo von Rotenau und Stephan sahen sich öfters, und so oft sie sich sahen,

schoß ihnen durch den Sinn:

»Warum reden wir nicht miteinander?«

Und jeder von ihnen verlangsamte seine Schritte und wartete, daß der

andere reden sollte. Aber keiner redete; Stephan nicht, weil er zu

bescheiden war, Hugo nicht, weil er im letzten Moment wieder dachte:

»Wozu?« ... Und er tat, als sähe er Stephan nicht, und sah auch nicht,

daß Stephan stehen blieb und ihm nachschaute, bis er ihm aus den Augen

schwand. Dann nahm Stephan seinen Weg in den Wald oder in die Wiese wieder

auf und dachte: »Diesen Menschen liebt Maria und weiß Gott, wie das enden

wird. Von Rechts wegen sollte ich ihn hassen und könnte ihm doch um nichts

in der Welt böse sein.«

So war das auch heute wieder gewesen. Auf der großen Lärchenwiese hinter

dem Wald hatten sie sich gesehen, hatten gewartet, wie sie immer warteten,

und waren doch weitergegangen, als wäre niemand da. Und als Hugo von

Rotenau ein gutes Stück fort war, blieb Stephan stehen, wie er immer

stehen blieb, und dachte an die Dinge, an die er dann immer dachte.

Er dachte an die merkwürdige Freundschaft, die er für diesen Fremden

fühlte, an Marias dunkle Zukunft und dachte heute zum erstenmal auch noch

an etwas anderes. Er dachte daran, daß dieser schöne, rätselhafte Mann,

der auf jeden Menschen eine so zwingende Gewalt ausübte, Stunde um Stunde,

Tag um Tag unter einem Dach mit Margarete weilte ... Seit jener Begegnung

im Feld hatten sie oft miteinander geplaudert. Mit der Ungezwungenheit

eines Kindes kam sie auf ihn zu, so oft sie ihn sah, und leitete mit der

Selbstverständlichkeit eines guten Bekannten irgendeine Unterredung ein.

Gewöhnlich war es eine Frage, die sie schon in Bereitschaft hielt und die

entweder der Gegend oder den Bergen galt. Und weil Stephan seine Heimat

liebte und jeden Stein und jeden Hügel kannte, und weil es etwas

Wunderbares war, neben diesem Mädchen einherzugehen, oft so nahe, daß

er ihr langes, weißes Kleid streifte, wich er nicht aus, wie er es

anfänglich beschlossen hatte, sondern ging auf ihre Weise ein und

erzählte ihr alles, was sie zu wissen wünschte. Er erzählte ihr von der

Fruchtbarkeit des Föhns, wenn er im Frühling durch die Wälder braust und

die alten Tannen biegt, als ob er sie vom Grunde fegen möchte ... von der

Schönheit der Wiesen, wenn sie im ersten Schmuck des Jahres prangen ...

von der Ruhe des Winters, vom lodernden Herdfeuer, vom surrenden Spinnrad,

und einmal erzählte er ihr auch von seiner Schwester Maria. Wie lieb und

gut sie sei, wie geschickt im Hauswesen und welch treue Stütze für die

Mutter, die anfange alt zu werden ...

Das alles hatte er ihr erzählt und sich dabei insgeheim gewundert, daß

einer aus dem schweigsamen Geschlecht der Klausen soviel zu erzählen

wußte. Aber wenn sie nah war oder wenn er nur an sie dachte, verwandelte

sich sein ganzes Wesen. Alles, worüber er früher träumte, alles worüber

er früher sann, unbestimmte, unbewußte Dinge, die verworren sein Gehirn

umwogten, wurden Farbe und Gesang. Der ganze Wald, das ganze Feld begann zu

klingen, und alle seine Sinne klangen harmonisch mit ...

Das war es, woran Stephan dachte, als er jetzt auf der Wiese stand; und was

die Sorge um die Schwester nicht vermocht, bewirkte plötzlich ein anderes

Gefühl. Eifersüchtige, haßvolle Gedanken wallten in ihm gegen den

schönen, vornehmen Fremden auf, und so vertieft war er darin, daß er die

lichte Gestalt nicht sah, die zwischen den Bäumen auftauchte. Erst als

sie dicht vor ihm stand, gewahrte er sie und fuhr zusammen und vergaß zu

grüßen, so verwirrt war er. Sie aber lächelte und sagte:

»Haben Sie jetzt gedichtet, Herr Klausen?«

Der Klausenhof: Roman · 第 15 / 46 题