Hugo von Rotenau und Stephan sahen sich öfters, und so oft sie sich sahen,
schoß ihnen durch den Sinn:
»Warum reden wir nicht miteinander?«
Und jeder von ihnen verlangsamte seine Schritte und wartete, daß der
andere reden sollte. Aber keiner redete; Stephan nicht, weil er zu
bescheiden war, Hugo nicht, weil er im letzten Moment wieder dachte:
»Wozu?« ... Und er tat, als sähe er Stephan nicht, und sah auch nicht,
daß Stephan stehen blieb und ihm nachschaute, bis er ihm aus den Augen
schwand. Dann nahm Stephan seinen Weg in den Wald oder in die Wiese wieder
auf und dachte: »Diesen Menschen liebt Maria und weiß Gott, wie das enden
wird. Von Rechts wegen sollte ich ihn hassen und könnte ihm doch um nichts
in der Welt böse sein.«
So war das auch heute wieder gewesen. Auf der großen Lärchenwiese hinter
dem Wald hatten sie sich gesehen, hatten gewartet, wie sie immer warteten,
und waren doch weitergegangen, als wäre niemand da. Und als Hugo von
Rotenau ein gutes Stück fort war, blieb Stephan stehen, wie er immer
stehen blieb, und dachte an die Dinge, an die er dann immer dachte.
Er dachte an die merkwürdige Freundschaft, die er für diesen Fremden
fühlte, an Marias dunkle Zukunft und dachte heute zum erstenmal auch noch
an etwas anderes. Er dachte daran, daß dieser schöne, rätselhafte Mann,
der auf jeden Menschen eine so zwingende Gewalt ausübte, Stunde um Stunde,
Tag um Tag unter einem Dach mit Margarete weilte ... Seit jener Begegnung
im Feld hatten sie oft miteinander geplaudert. Mit der Ungezwungenheit
eines Kindes kam sie auf ihn zu, so oft sie ihn sah, und leitete mit der
Selbstverständlichkeit eines guten Bekannten irgendeine Unterredung ein.
Gewöhnlich war es eine Frage, die sie schon in Bereitschaft hielt und die
entweder der Gegend oder den Bergen galt. Und weil Stephan seine Heimat
liebte und jeden Stein und jeden Hügel kannte, und weil es etwas
Wunderbares war, neben diesem Mädchen einherzugehen, oft so nahe, daß
er ihr langes, weißes Kleid streifte, wich er nicht aus, wie er es
anfänglich beschlossen hatte, sondern ging auf ihre Weise ein und
erzählte ihr alles, was sie zu wissen wünschte. Er erzählte ihr von der
Fruchtbarkeit des Föhns, wenn er im Frühling durch die Wälder braust und
die alten Tannen biegt, als ob er sie vom Grunde fegen möchte ... von der
Schönheit der Wiesen, wenn sie im ersten Schmuck des Jahres prangen ...
von der Ruhe des Winters, vom lodernden Herdfeuer, vom surrenden Spinnrad,
und einmal erzählte er ihr auch von seiner Schwester Maria. Wie lieb und
gut sie sei, wie geschickt im Hauswesen und welch treue Stütze für die
Mutter, die anfange alt zu werden ...
Das alles hatte er ihr erzählt und sich dabei insgeheim gewundert, daß
einer aus dem schweigsamen Geschlecht der Klausen soviel zu erzählen
wußte. Aber wenn sie nah war oder wenn er nur an sie dachte, verwandelte
sich sein ganzes Wesen. Alles, worüber er früher träumte, alles worüber
er früher sann, unbestimmte, unbewußte Dinge, die verworren sein Gehirn
umwogten, wurden Farbe und Gesang. Der ganze Wald, das ganze Feld begann zu
klingen, und alle seine Sinne klangen harmonisch mit ...
Das war es, woran Stephan dachte, als er jetzt auf der Wiese stand; und was
die Sorge um die Schwester nicht vermocht, bewirkte plötzlich ein anderes
Gefühl. Eifersüchtige, haßvolle Gedanken wallten in ihm gegen den
schönen, vornehmen Fremden auf, und so vertieft war er darin, daß er die
lichte Gestalt nicht sah, die zwischen den Bäumen auftauchte. Erst als
sie dicht vor ihm stand, gewahrte er sie und fuhr zusammen und vergaß zu
grüßen, so verwirrt war er. Sie aber lächelte und sagte:
»Haben Sie jetzt gedichtet, Herr Klausen?«