Elftes Kapitel

Vielleicht hatte es eine Magd der andern erzählt, vielleicht hatte sonst

jemand ein zufälliges Wort geredet, vielleicht hatten es ihr die kahlen

Felder und der brausende Herbststurm verraten ... es war nicht zu sagen,

wie Maria es wußte, aber sie wußte es ... wußte, daß die Fremden

morgen gehen würden ...

»Morgen!«

Den ganzen Tag hatte sie an dieses Wort gedacht wie an etwas Unmögliches.

Hatte die Wege hinauf und hinab gesehen, in den brennenden Augen eine

leidvolle Frage:

»Kommt er nicht?«

Und während sie in Zimmer und Küche die gewohnte Arbeit tat und dabei

immer wieder durch das Fenster sah, dachte sie:

»Es kann doch nicht sein, daß er nicht kommt. Daß er fortgeht, ohne zu

reden ...«

So wartete sie von früh bis Mittag, von Mittag bis Abend. Als aber die

Schatten länger fielen, überkam sie eine lähmende Angst. Konnte es doch

sein, daß er ihr nichts zu sagen hatte? Nichts? gar nichts? ... Doch

schon im nächsten Augenblicke lächelte sie über ihre Furchtsamkeit.

Nein, das konnte nicht sein. Er war immer so seltsam gut mit ihr gewesen.

In seiner Stimme barg sich Innigkeit, in seinen Blicken ein Geheimnis.

Tausend süße Kleinigkeiten hatten es ihr aufgedeckt ... Sie schloß

die Augen im glücklichen Sinnen. Als sie sie wieder öffnete, schrak sie

zusammen. Auf der Wiese vor dem Hofe schritt Hugo von Rotenau. Ohne Hut und

Mantel im lichten Sommeranzug, den edlen Kopf zurückgebogen, als schaute

er den Wolken nach, kam er langsam näher. Es fuhr Maria in den Sinn, ihm

entgegenzugehen. Gleich aber schämte sie sich, richtete mit zitternder

Hand das Band an ihrer Schürze, trat vom Fenster zurück und blieb im

Dunkel des Zimmers stehen. Als der Mann auf der Wiese aber so nahe war,

daß sie ihn hätte rufen können, schlug er plötzlich eine andere

Richtung ein. Er drehte dem Hof den Rücken und entfernte sich mehr und

mehr nach unten. Maria erblaßte, als sie das sah, dann aber dachte sie:

»Er weiß nicht, daß ich im Hause bin. Er sucht mich draußen.« Und als

ob unsichtbare Hände sie drängten, schritt sie hinaus. Sie schritt über

den Hof, hinab auf die Wiese und blieb dann unschlüssig stehen. Sollte sie

doch zurückgehen und im Hause warten, bis er kam? Aber noch während

sie überlegte, drehte sich Hugo von Rotenau wieder um, erblickte sie,

schwenkte grüßend seine Hand und blieb dann stehen, als ob er wartete und

als ob es sicher und selbstverständlich wäre, daß sie zu ihm hinabkommen

würde. Maria empfand das, empfand es wie eine Schmach und konnte doch

nicht anders als hinuntergehen. Dann schritten sie mitsammen über die

lautlose Wiese, und Hugo von Rotenau sagte nach einem langen, träumenden

Schweigen: »Die wundervolle Ruhe dieser weiten, grünen Matten ... Sie

wissen nicht, wie der Städter das genießt!«

Und weil er für seine Worte kein Verständnis in ihren Blicken las, gab

er einer ruckweise auftauchenden Laune nach und erzählte ihr von der

Stadt ..., von dem Staub, dem Lärm in den langen, breiten Straßen, von

der Jagd, der Hast in den großen Plätzen, von den Zerstreuungen, den

Vergnügungen, dem Wohlleben der Reichen, von dem Elend, der Zerfahrenheit,

der Zerrissenheit der kleinen Leute, und zuletzt redete er über sich

selbst. Erzählte, wie er ganz durch Zufall hergekommen sei, daß er

anfangs nicht dachte, daß er so lange bleiben werde und dann doch

geblieben sei, weil ihm die Gegend jeden Tag lieber und vertrauter wurde.

»Und die Leute?« fragte Maria bleich bis an die Lippen, »wie fanden Sie

die Leute?«

Er fuhr mit der weißen Hand durch sein dunkles, dichtes Haar und lachte

leise.

»Darauf kommt es bei mir nie an.«

»Auf die Leute?«

»Ja.«

Maria streckte die Hände aus, als suche sie eine Stütze, und fragte

mühsam:

»Haben Sie denn nie einen Menschen geliebt?«

Er blickte gerade vor sich auf die Spitzen der Brixner Berge, die sich

safranfarben in den Abendhimmel hoben, und während sein Mund weich und

seine Augen versonnen wurden, sagte er:

»Ich habe einmal eine Polin gekannt. Sie war eine Tänzerin, und wenn sie

tanzte, war es, als ob eine junge Taube in der Sonne flöge. So glatt

und weich war sie. Aber das Wunderbarste und Seltsamste an ihr waren ihre

Füße. Sie trug ihr Herz in den Füßen. Sie weinte mit den Füßen.

Und ich schwöre, ich habe nie Augen gesehen, die so erschütternd weinen

konnten wie ihre Füße. Ein Zittern, ein Kräuseln, von dem Knöchel

angefangen bis zu den milchweißen Zehen, und man wußte, daß sich etwas

in ihr krümmte ... Sie war auch nicht frivol wie viele Tänzerinnen,

sondern tugendhaft, und zugleich mit der Schönheit achte ich die Tugend

beim Weib.« Er schwieg einen Augenblick, und über sein Gesicht

huschte eine verwirrte Röte. Gleich aber faßte er sich und schloß:

»Später ... ein Jahr später, hörte ich, daß sie starb.«

Dann schwieg er ganz, und nun wurde es so still, daß man vermeinte, das

Gleiten des Abendgoldes zu hören, wie es über die Berge rutschte und alle

Helle des Himmels und der Erde mit sich nahm. Hier und da hing noch ein

schimmernder Fetzen, aber auch der verblaßte, verschwand, und plötzlich

lag das ganze Land dunkel, mit reckenhaften Gebilden dräuend ringsherum.

Da zog Hugo von Rotenau den Blick von den fernen Bergen und wandte sich

Maria zu. Sie hatte die Finger zusammengepreßt, und ihre Zähne schlugen

leise aufeinander. Da erschrak er und sagte im Tone aufrichtigster Sorge:

»Sind Sie krank, Maria?«

Zum erstenmal nannte er ihren Namen, und sie zuckte zusammen wie unter

einem Schmerz. Dann bekämpfte sie ihre Erregung und wehrte seiner Angst:

»Es ist nichts ... nein, wirklich nichts. Aber ich glaube, wir verspäten

uns.«

Er drehte sich sofort um, und schweigend legten sie den Weg zurück, den

sie gekommen waren. Hugo von Rotenaus Gedanken hatten sich verstrickt,

verfangen in den Seidenfäden, in den Seidenfalten fraulicher Gewänder,

und Maria dachte. Dachte an junge Tauben, deren Flügel in der Sonne

schimmern, dachte an eine Einsamkeit ohne Worte, ohne Ende.

In der Nähe des Klausenhofes trennten sie sich, und diesen Abend verbeugte

er sich vor ihr, als ob sie eine feine Dame wäre.

Beim Tor sah sie Stephan, und sie senkte ihren Kopf, als sie ihn sah, weil

sie meinte, er müsse ihren Schmerz und ihre Schande sehen. Aber Stephan

sah nichts davon. Stephan sah, wo er ging und stand, ein vornehmes Mädchen

im langen, weißen Kleide, sah, wie es auf einer Lärchenwiese, die

schlanke Hand zum Gruß erhoben, ein tiefes Leuchten in den Augen, einen

schönen Frieden auf den Zügen, gleich einer fernen, huschenden Sonne, im

tropfenden Grün verschwand.

Der Klausenhof: Roman · 第 17 / 46 题