Neuntes Kapitel

In der neuen Villa war Besuch angekommen. Herr von Kletten, Industrieller

und Großgrundbesitzer, hatte seine geliebten Güter einige Tage dem

Verwalter überlassen, um seine Familie in Tirol aufzusuchen, und brachte

eine Schar Bekannte mit. Die ersten Tage blieb die Gesellschaft vollzählig

beisammen. Sie tauschten untereinander ihre wechselseitigen Eindrücke

über die Gegend, besprachen Tagesneuigkeiten und machten Pläne für

den kommenden Winter. Aber schon gegen Ende der Woche teilten sie sich in

mehrere Gruppen. Die Herren unternahmen Ausflüge in die Berge, die Damen

blieben zu Haus. Die Jüngeren unter ihnen verfertigten feine Handarbeiten,

und die Älteren spielten Schach. Dadurch kam Frau von Kletten etwas zu

sich, kümmerte sich wieder mehr um ihre Töchter und entdeckte nun,

daß ihre blonde Jüngste irgendein Geheimnis barg. Sie zeigte der Mutter

gegenüber eine merkwürdige Scheu, und Frau von Kletten zweifelte keinen

Augenblick, daß die Liebe mit im Spiele war ...

Wen aber liebte ihre Margarete? ... Hugo von Rotenau ... Das war

eigentlich das Nächstliegende, denn er war, ob er schwieg oder redete,

eine bestrickende Persönlichkeit, und von seinen dunklen Augen strömte

eine Macht aus, der zu widerstehen beinahe unmöglich war. Aber daß

gerade Margarete ihn liebte, schien der kleinen, nervösen Frau etwas

Schreckliches. Seine Lebensauffassung ... Lebensbrutalität nannte sie

es insgeheim ... stand im schlagenden Gegensatz zu der weichen,

schwärmerischen Gemütsart ihrer Tochter. Für Margarete paßte

zum Beispiel der junge Waldburg. Der war reich, vornehm, nicht allzu

geistreich, gutherzig, nachgiebig und viel auf Reisen. Da hatte sie ihr

Kind viel bei sich. Gerade, was sie wollte. Hugo von Rotenau dagegen

hatte sie, so unsympathisch er ihr auch in vielen Dingen war, für

Frida bestimmt. Die war mehr für das Praktische, Positive, fand sich

ausgezeichnet in die Gesellschaft und würde einmal Lebensklugheit

genug haben, um einzusehen, daß ein Mann wie Hugo unmöglich treu sein

könne ... denn treu würde er niemals sein, und so ein Mann bräche der

armen, kleinen Margarete das Herz.

Alles das und noch viel mehr erwägte Frau von Kletten, während sie

in ihrem Schaukelstuhle lag, sich leise schaukelte und feine Schokolade

naschte. Sie erwägte hin und sie erwägte her, aber es kam doch immer

dasselbe dabei heraus: Ihre scheue, stolze Margarete liebte, und der Mann,

den sie liebte, war ein grausamer, unverständlicher, übersinnlicher

Egoist. Und als ob sie einen plötzlichen Einfall bekommen hätte, stand

sie auf, zog aus einem kunstvoll gearbeiteten Schrank ihr Tagebuch

und schrieb hinein: »Der schmerzlichste Undank der Kinder ist ihre

Selbständigkeit.« Sie lächelte zufrieden über den eigenen, schönen

Gedanken, legte das Büchlein wieder zurück und ging dann, sich für den

Abend umzukleiden. Ehe sie sich aber in den gemeinsamen Speisesaal begab,

suchte sie Margarete auf. Sie wollte sie wenn möglich warnen, sie ein

klein wenig merken lassen, welch schrecklich gefährlicher, unmöglicher

Mensch Hugo von Rotenau sei, ein Mensch, dem sie nie und nimmer Vertrauen

schenken dürfe. Als sie aber in Margaretens reine Kinderaugen blickte,

fehlte ihr doch der Mut dazu, und sie sagte nur: »Bist du auch ganz wohl,

Liebling?«

Margarete bejahte lächelnd, hing sich dann an den Arm der Mutter und

erzählte von einer Freundin, die ihr geschrieben hatte. Aber während sie

plauderte, kam es Frau von Kletten vor, als ob das Mädchen ihre Gedanken

wüßte und vorsätzlich so viele und so gleichgültige Dinge über die

ferne Freundin brachte. Darum konnte sie sich doch nicht enthalten, ganz zu

schweigen, und als sie auf der Schwelle zum Speisesaal standen, sagte

sie: »Weißt du auch, daß du immer recht kühl sein mußt mit Hugo von

Rotenau?«

»Warum, Mama?«

»Weil er ein böser Wildfang ist, der mein kleines Mädchen nie glücklich

machen könnte.«

»Aber, Mama ...« und der große, erstaunte Blick, den ihr Margarete gab,

beschämte Frau von Kletten so sehr, daß sie das Gespräch abbrach und

hastig in den Saal schritt.

Die Mahlzeit verlief ruhig in leichter angenehmer Unterhaltung, ganz im

Sinne der Hausfrau. Sie konnte geistreiche Dinge, wobei man denken, witzige

Dinge, wobei man lachen, und schaurige Dinge, wobei man zittern mußte,

durchaus nicht leiden. Anfangs hatte sie zwar befürchtet, daß man über

die letzten Opfer der Schweizer Berge -- alle Zeitungen waren voll davon --

reden würde, aber niemand dachte daran. Sie machten dem Essen Ehre, lobten

das Wetter, nahmen sich Dinge vor, die sie niemals zu tun gedachten, und

Hugo von Rotenau, der einen oft ganz unerwartet mit außergewöhnlichen

Dingen überfiel, war glücklicherweise in einer schweigsamen Laune ...

Ja, glücklicherweise, trotzdem er Fridas Tischnachbar war und das arme

Kind auffallend vernachlässigte. Zum Glück hatte sie Takt und Temperament

und unterhielt sich mit dem Rittmeister nebenan. Der wieder war Feuer und

Flamme ... O, sie waren Probleme, diese Männer ... Frau von Kletten

seufzte und sah sich nach Margarete um. Die saß steif und korrekt neben

dem jungen Waldburg, das feine Näschen leicht gebläht, wie in Hochmut,

wie in Abwehr ... Der junge Waldburg erzählte ihr etwas über Pferde.

Frau von Kletten hörte es deutlich durch das Geklirr der Gabeln und

Messer. Er war ohne Zweifel ein wunderbarer Mann mit einem schönen Schloß

und einem schönen Titel, devot und unverdorben, das Ideal von einem

Schwiegersohn ...

»Verzeihung,« sagte ihr Nachbar, »haben Sie es gelesen?«

Sie dachte an die Schweizer Berge ... also doch ... und weil sie nicht

wieder alle Einzelheiten des gräßlichen Unglücks hören wollte, sagte

sie rasch: »Ja, es waren Berliner und ihrer sieben ... aber warum bleiben

sie nicht zu Hause?«

»Sehr richtig ... aber ich meine die Frau mit den Fünflingen.«

»Wie interessant,« Frau von Kletten errötete wie ein junges Mädchen,

»wahrscheinlich eine ... wie heißen sie nur? ... eine von den wilden

Rassen.«

»Nein, eine Frau aus Südtirol, ganz in der Nähe.«

»Und sind die Babys alle am Leben?«

»Vorläufig, ja.«

»Entzückend!«

Aber sie fand es schauderhaft und im höchsten Grade unsittlich. Die Stimme

ihres Mannes, die laut und vernehmlich durch das Zimmer klang,

beruhigte sie wieder. Er gab harmlose Schilderungen landwirtschaftlicher

Verhältnisse, und als er sich trocken geredet hatte, ergriff eine Dame das

Wort und hielt einen Vortrag über japanische Seide. Das waren alles ganz

ungefährliche Dinge, und Frau von Kletten erhoffte sich einen gemütlichen

Abend. Plötzlich aber fuhr sie erschrocken zusammen. Am unteren Ende war

ein erregtes Gespräch entstanden, und ein junger Mann sagte: »Ein Arzt,

ein Freund von mir, sitzt seit acht Monaten im Zuchthaus, weil er einen

Patienten, der an einer äußerst schmerzvollen und absolut unheilbaren

Krankheit litt, vergiftet hat. Zu bemerken ist, daß der Kranke seinen Tod

wünschte ... Nun frage ich: Ist der Mann schuldig oder nicht schuldig?«

»Schuldig!«

»Schuldig nach dem Gesetz, und das Gesetz ist das Oberste ...«

»Schuldig nach der Religion, und die Religion ist unfehlbar ...«

»Ja, schuldig, denn es ist ein Mord.«

»Und was sagen Sie, mein Herr?«

»Ja ... Nein ... das heißt ...« der Angeredete wickelte bedächtig

an seiner großen Zigarre, »die Herrschaften sprechen von einem Mord. Ein

Mord kann aber nur sein, wo Leben ist. Wohlverstanden, Leben. Ich habe vor

dem Worte Leben einen hohen Respekt. Es bedeutet für mich vor allem

die Fähigkeit zur Freude; dann alles, was stark ist, gesund ist und die

Bürgschaft liefert, daß es diese Eigenschaften fortpflanzen kann und

fortpflanzen wird ... Bringen Sie mir einen unheilbaren Kranken, der auch

nur eine dieser Eigenschaften besitzt, und ich gebe Ihnen recht.«

»Und was ist Ihre Meinung in der Sache, Herr von Rotenau?«

»Einen Augenblick!« rief Frau von Kletten und riß nervös an ihrem

kostbaren Halsband, »in der englischen Zeitung stand wieder ein so

hübscher Artikel über die Frauenfrage. Hat ihn jemand gelesen?«

Aber niemand beachtete sie. Aller Augen waren auf Hugo von Rotenau

gerichtet, der über die Köpfe der Anwesenden hinweg durch das offene

Fenster auf die Berge blickte, die sich in schweren, schwarzen Linien vom

Firmamente hoben. Dann sagte er: »Meine Meinung ist, daß nicht nur

alle unheilbaren Kranken, alle Lahmen, alle Blinden, sondern auch alle

Häßlichen vertilgt werden sollten.

Meine Meinung ist, daß eine schiefe Nase, ein dicker Hals, ein kurzes Bein

Fehler der Natur sind und daß diese Fehler weggeschafft werden müßten,

wie die Fehler der Menschen weggeschafft werden müßten.

Meine Meinung ist, daß nur vollkommen schöne und vollkommen gesunde

Menschen lebensberechtigt sind, alle andern aber weggeräumt werden

sollten, wie man etwa ein mißlungenes Bild aus einer guten Sammlung

räumt, oder eine widerwärtige Raupe von einer schönen Blüte streift,

denn,« und er hob sein Glas wie zu einem Trinkspruch, »schön ist das

Leben. Aber tausendmal schöner würde es sein, wenn es von dem Menschen,

den ich jetzt im Sinne habe, gelebt würde.

Dieser Mensch würde das Ideal der Denker und Philosophen sein. Dieser

Mensch würde eine Gleichheit und eine Harmonie auf die Erde bringen, wie

sie sich unsere Sinne, die an Krasses und Häßliches gewöhnt sind, nicht

vorstellen können.

Dieser Mensch würde einen Jubel auf die Erde bringen, wie ihn bisher nur

die Dichter in erlesenen Stunden kannten.

Dieser Mensch würde die wahre Liebe auf die Erde bringen, weil man ihn

sofort, ohne Rückhalt und ohne Überwindung lieben müßte ...«

Als er schwieg, herrschte eine peinliche Stille. Es gab viele unter der

Gesellschaft, die so strengen Gesetzen nicht hätten standhalten können

und sich insgeheim wunderten, daß er so rücksichtslos sein konnte. Aber

Hugo von Rotenau selbst hob den Eindruck, den seine Worte hervorgerufen

hatten, indem er ganz zu vergessen schien, worüber soeben die Rede war,

und fragte:

»Ist kein Wein mehr da?«

Und während Frau von Kletten dem Diener läutete, dachte sie:

»Ich habe nicht gewußt, daß er so entsetzlich ist. Wenn er nicht bald

geht, reise ich mit den Kindern ab.«

Der Klausenhof: Roman · 第 14 / 46 题