In der neuen Villa war Besuch angekommen. Herr von Kletten, Industrieller
und Großgrundbesitzer, hatte seine geliebten Güter einige Tage dem
Verwalter überlassen, um seine Familie in Tirol aufzusuchen, und brachte
eine Schar Bekannte mit. Die ersten Tage blieb die Gesellschaft vollzählig
beisammen. Sie tauschten untereinander ihre wechselseitigen Eindrücke
über die Gegend, besprachen Tagesneuigkeiten und machten Pläne für
den kommenden Winter. Aber schon gegen Ende der Woche teilten sie sich in
mehrere Gruppen. Die Herren unternahmen Ausflüge in die Berge, die Damen
blieben zu Haus. Die Jüngeren unter ihnen verfertigten feine Handarbeiten,
und die Älteren spielten Schach. Dadurch kam Frau von Kletten etwas zu
sich, kümmerte sich wieder mehr um ihre Töchter und entdeckte nun,
daß ihre blonde Jüngste irgendein Geheimnis barg. Sie zeigte der Mutter
gegenüber eine merkwürdige Scheu, und Frau von Kletten zweifelte keinen
Augenblick, daß die Liebe mit im Spiele war ...
Wen aber liebte ihre Margarete? ... Hugo von Rotenau ... Das war
eigentlich das Nächstliegende, denn er war, ob er schwieg oder redete,
eine bestrickende Persönlichkeit, und von seinen dunklen Augen strömte
eine Macht aus, der zu widerstehen beinahe unmöglich war. Aber daß
gerade Margarete ihn liebte, schien der kleinen, nervösen Frau etwas
Schreckliches. Seine Lebensauffassung ... Lebensbrutalität nannte sie
es insgeheim ... stand im schlagenden Gegensatz zu der weichen,
schwärmerischen Gemütsart ihrer Tochter. Für Margarete paßte
zum Beispiel der junge Waldburg. Der war reich, vornehm, nicht allzu
geistreich, gutherzig, nachgiebig und viel auf Reisen. Da hatte sie ihr
Kind viel bei sich. Gerade, was sie wollte. Hugo von Rotenau dagegen
hatte sie, so unsympathisch er ihr auch in vielen Dingen war, für
Frida bestimmt. Die war mehr für das Praktische, Positive, fand sich
ausgezeichnet in die Gesellschaft und würde einmal Lebensklugheit
genug haben, um einzusehen, daß ein Mann wie Hugo unmöglich treu sein
könne ... denn treu würde er niemals sein, und so ein Mann bräche der
armen, kleinen Margarete das Herz.
Alles das und noch viel mehr erwägte Frau von Kletten, während sie
in ihrem Schaukelstuhle lag, sich leise schaukelte und feine Schokolade
naschte. Sie erwägte hin und sie erwägte her, aber es kam doch immer
dasselbe dabei heraus: Ihre scheue, stolze Margarete liebte, und der Mann,
den sie liebte, war ein grausamer, unverständlicher, übersinnlicher
Egoist. Und als ob sie einen plötzlichen Einfall bekommen hätte, stand
sie auf, zog aus einem kunstvoll gearbeiteten Schrank ihr Tagebuch
und schrieb hinein: »Der schmerzlichste Undank der Kinder ist ihre
Selbständigkeit.« Sie lächelte zufrieden über den eigenen, schönen
Gedanken, legte das Büchlein wieder zurück und ging dann, sich für den
Abend umzukleiden. Ehe sie sich aber in den gemeinsamen Speisesaal begab,
suchte sie Margarete auf. Sie wollte sie wenn möglich warnen, sie ein
klein wenig merken lassen, welch schrecklich gefährlicher, unmöglicher
Mensch Hugo von Rotenau sei, ein Mensch, dem sie nie und nimmer Vertrauen
schenken dürfe. Als sie aber in Margaretens reine Kinderaugen blickte,
fehlte ihr doch der Mut dazu, und sie sagte nur: »Bist du auch ganz wohl,
Liebling?«
Margarete bejahte lächelnd, hing sich dann an den Arm der Mutter und
erzählte von einer Freundin, die ihr geschrieben hatte. Aber während sie
plauderte, kam es Frau von Kletten vor, als ob das Mädchen ihre Gedanken
wüßte und vorsätzlich so viele und so gleichgültige Dinge über die
ferne Freundin brachte. Darum konnte sie sich doch nicht enthalten, ganz zu
schweigen, und als sie auf der Schwelle zum Speisesaal standen, sagte
sie: »Weißt du auch, daß du immer recht kühl sein mußt mit Hugo von
Rotenau?«
»Warum, Mama?«
»Weil er ein böser Wildfang ist, der mein kleines Mädchen nie glücklich
machen könnte.«
»Aber, Mama ...« und der große, erstaunte Blick, den ihr Margarete gab,
beschämte Frau von Kletten so sehr, daß sie das Gespräch abbrach und
hastig in den Saal schritt.
Die Mahlzeit verlief ruhig in leichter angenehmer Unterhaltung, ganz im
Sinne der Hausfrau. Sie konnte geistreiche Dinge, wobei man denken, witzige
Dinge, wobei man lachen, und schaurige Dinge, wobei man zittern mußte,
durchaus nicht leiden. Anfangs hatte sie zwar befürchtet, daß man über
die letzten Opfer der Schweizer Berge -- alle Zeitungen waren voll davon --
reden würde, aber niemand dachte daran. Sie machten dem Essen Ehre, lobten
das Wetter, nahmen sich Dinge vor, die sie niemals zu tun gedachten, und
Hugo von Rotenau, der einen oft ganz unerwartet mit außergewöhnlichen
Dingen überfiel, war glücklicherweise in einer schweigsamen Laune ...
Ja, glücklicherweise, trotzdem er Fridas Tischnachbar war und das arme
Kind auffallend vernachlässigte. Zum Glück hatte sie Takt und Temperament
und unterhielt sich mit dem Rittmeister nebenan. Der wieder war Feuer und
Flamme ... O, sie waren Probleme, diese Männer ... Frau von Kletten
seufzte und sah sich nach Margarete um. Die saß steif und korrekt neben
dem jungen Waldburg, das feine Näschen leicht gebläht, wie in Hochmut,
wie in Abwehr ... Der junge Waldburg erzählte ihr etwas über Pferde.
Frau von Kletten hörte es deutlich durch das Geklirr der Gabeln und
Messer. Er war ohne Zweifel ein wunderbarer Mann mit einem schönen Schloß
und einem schönen Titel, devot und unverdorben, das Ideal von einem
Schwiegersohn ...
»Verzeihung,« sagte ihr Nachbar, »haben Sie es gelesen?«
Sie dachte an die Schweizer Berge ... also doch ... und weil sie nicht
wieder alle Einzelheiten des gräßlichen Unglücks hören wollte, sagte
sie rasch: »Ja, es waren Berliner und ihrer sieben ... aber warum bleiben
sie nicht zu Hause?«
»Sehr richtig ... aber ich meine die Frau mit den Fünflingen.«
»Wie interessant,« Frau von Kletten errötete wie ein junges Mädchen,
»wahrscheinlich eine ... wie heißen sie nur? ... eine von den wilden
Rassen.«
»Nein, eine Frau aus Südtirol, ganz in der Nähe.«
»Und sind die Babys alle am Leben?«
»Vorläufig, ja.«
»Entzückend!«
Aber sie fand es schauderhaft und im höchsten Grade unsittlich. Die Stimme
ihres Mannes, die laut und vernehmlich durch das Zimmer klang,
beruhigte sie wieder. Er gab harmlose Schilderungen landwirtschaftlicher
Verhältnisse, und als er sich trocken geredet hatte, ergriff eine Dame das
Wort und hielt einen Vortrag über japanische Seide. Das waren alles ganz
ungefährliche Dinge, und Frau von Kletten erhoffte sich einen gemütlichen
Abend. Plötzlich aber fuhr sie erschrocken zusammen. Am unteren Ende war
ein erregtes Gespräch entstanden, und ein junger Mann sagte: »Ein Arzt,
ein Freund von mir, sitzt seit acht Monaten im Zuchthaus, weil er einen
Patienten, der an einer äußerst schmerzvollen und absolut unheilbaren
Krankheit litt, vergiftet hat. Zu bemerken ist, daß der Kranke seinen Tod
wünschte ... Nun frage ich: Ist der Mann schuldig oder nicht schuldig?«
»Schuldig!«
»Schuldig nach dem Gesetz, und das Gesetz ist das Oberste ...«
»Schuldig nach der Religion, und die Religion ist unfehlbar ...«
»Ja, schuldig, denn es ist ein Mord.«
»Und was sagen Sie, mein Herr?«
»Ja ... Nein ... das heißt ...« der Angeredete wickelte bedächtig
an seiner großen Zigarre, »die Herrschaften sprechen von einem Mord. Ein
Mord kann aber nur sein, wo Leben ist. Wohlverstanden, Leben. Ich habe vor
dem Worte Leben einen hohen Respekt. Es bedeutet für mich vor allem
die Fähigkeit zur Freude; dann alles, was stark ist, gesund ist und die
Bürgschaft liefert, daß es diese Eigenschaften fortpflanzen kann und
fortpflanzen wird ... Bringen Sie mir einen unheilbaren Kranken, der auch
nur eine dieser Eigenschaften besitzt, und ich gebe Ihnen recht.«
»Und was ist Ihre Meinung in der Sache, Herr von Rotenau?«
»Einen Augenblick!« rief Frau von Kletten und riß nervös an ihrem
kostbaren Halsband, »in der englischen Zeitung stand wieder ein so
hübscher Artikel über die Frauenfrage. Hat ihn jemand gelesen?«
Aber niemand beachtete sie. Aller Augen waren auf Hugo von Rotenau
gerichtet, der über die Köpfe der Anwesenden hinweg durch das offene
Fenster auf die Berge blickte, die sich in schweren, schwarzen Linien vom
Firmamente hoben. Dann sagte er: »Meine Meinung ist, daß nicht nur
alle unheilbaren Kranken, alle Lahmen, alle Blinden, sondern auch alle
Häßlichen vertilgt werden sollten.
Meine Meinung ist, daß eine schiefe Nase, ein dicker Hals, ein kurzes Bein
Fehler der Natur sind und daß diese Fehler weggeschafft werden müßten,
wie die Fehler der Menschen weggeschafft werden müßten.
Meine Meinung ist, daß nur vollkommen schöne und vollkommen gesunde
Menschen lebensberechtigt sind, alle andern aber weggeräumt werden
sollten, wie man etwa ein mißlungenes Bild aus einer guten Sammlung
räumt, oder eine widerwärtige Raupe von einer schönen Blüte streift,
denn,« und er hob sein Glas wie zu einem Trinkspruch, »schön ist das
Leben. Aber tausendmal schöner würde es sein, wenn es von dem Menschen,
den ich jetzt im Sinne habe, gelebt würde.
Dieser Mensch würde das Ideal der Denker und Philosophen sein. Dieser
Mensch würde eine Gleichheit und eine Harmonie auf die Erde bringen, wie
sie sich unsere Sinne, die an Krasses und Häßliches gewöhnt sind, nicht
vorstellen können.
Dieser Mensch würde einen Jubel auf die Erde bringen, wie ihn bisher nur
die Dichter in erlesenen Stunden kannten.
Dieser Mensch würde die wahre Liebe auf die Erde bringen, weil man ihn
sofort, ohne Rückhalt und ohne Überwindung lieben müßte ...«
Als er schwieg, herrschte eine peinliche Stille. Es gab viele unter der
Gesellschaft, die so strengen Gesetzen nicht hätten standhalten können
und sich insgeheim wunderten, daß er so rücksichtslos sein konnte. Aber
Hugo von Rotenau selbst hob den Eindruck, den seine Worte hervorgerufen
hatten, indem er ganz zu vergessen schien, worüber soeben die Rede war,
und fragte:
»Ist kein Wein mehr da?«
Und während Frau von Kletten dem Diener läutete, dachte sie:
»Ich habe nicht gewußt, daß er so entsetzlich ist. Wenn er nicht bald
geht, reise ich mit den Kindern ab.«