Seit dem Unwetter floß im Klausenhof das Wasser aus dem Brunnen gelb und
schlammig. Es mußte daher mit der Quelle etwas nicht in Ordnung sein. Weil
es Erntezeit war und die Knechte alle Hände voll Arbeit hatten, um den
Segen des Jahres heimzubringen, zog Stephan seinen schlechtesten Rock
an, nahm eine Picke auf die Schulter und ging selbst, nach dem Übel zu
schauen. Die Quelle lag weit oben im Wald, und er mußte an der neuen Villa
vorbei. Obwohl er alle Sprüche darauf kannte und sie oft genug gelesen
hatte, blieb er doch stehen und las den Spruch, der sich dem Wald zukehrte:
»Auf hoher Warte rag' ich da,
Dem Tale fern, dem Himmel nah,
Blick' weit hinaus ins freie Land
Und stehe so in Gottes Hand.«
Gerade als er weiter gehen wollte, sah er im Garten etwas Weißes durch die
Büsche schimmern. Es war ein Kleid, und nun blieb er noch einmal stehen,
als ob er hoffte, noch mehr zu sehen als das Kleid. Aber dann dachte er
an Agnes, dachte daran, wie lieb und gut sie sei und welch weiten Weg sie
machte, nur um ihn zu sehen, als er damals kam von Innsbruck. Da ging er
wieder und beschäftigte sich vorsätzlich weiter mit ihr. Er hatte sie
jetzt schon längere Zeit nicht gesehen, aber ehe er nach Innsbruck ging,
waren sie viel beisammen. Als Kinder jagten sie oft die Berge hinauf und
hinunter, und er fing sie bei den Zöpfen, die mit roten Bändern geputzt
hinter ihr flogen ... Ja, früher ging er nicht ungern hinab zur Mühle
und verirrte sich auch oft, denn genau muß man den Weg dorthin kennen ...
Über gefällte Bäume und wüstes Geröll muß man klettern, dann findet
man sie versteckt zwischen Felsen und Fichten, und ein schwarzbrauner
Waldbach treibt ihre großen, hölzernen Räder ... Und wenn man just
Glück hat, kommt einem Agnes entgegen, im kurzen, kleidsamen Dirndlgewand.
Und sie führt den Gast über holprige Dielen und knarrende Treppen in
die gemütlichste Stube, plaudert dabei über lustige Dinge und lächelt
schelmisch die ganze Zeit ... Ja, so ist des Müllers Jüngste, und ein
liebes Kind ist sie ... Immer weiter spann Stephan seine Gedanken, und
immer leichter und froher wurde er. Alles Schöne fiel ihm neben Agnes und
der Mühle ein: daß im Stalle alles so gut stand, daß die Ernte so reich
war, daß die Mutter nimmer kränkelte, und daß Maria so ein frohes Licht
im Auge trug ... Ja, es ging gewiß alles gut auf seinem Hofe, und er war
vielleicht doch kein allzu schlechter Bauer.
Oben bei der Quelle fand er Arbeit, und nun wurde er praktisch und hörte
zu träumen auf. Der heftige Regen hatte die Felsen abgeschleift, Schutt
und Schlamm herangeschwemmt und Felsblöcke auf den Mund der Quelle gelegt.
Die Erde aber war fortgewaschen, und das Rohr lag stellenweise bloß.
Stephan zog seinen Rock aus, rollte die Hemdärmel zurück, und bald
zitterte der ganze Wald von den Schlägen seiner Picke. Weil er aber die
schweren Felsstücke fortrollte, als wären sie nur Kieselsteine, und den
Boden mit den dicken Baumwurzeln so leicht aufriß, als träge er nur Moos,
verdroß ihn die Arbeit insgeheim, da er meinte, sie brauche keine Kraft.
Trotzdem arbeitete er weiter und stand oft bis zu den Knien im Schlamm. Es
dämmerte schon, als er endlich fertig war. Erst wollte er denselben Weg
zurückgehen, den er gekommen war, dann aber änderte er seinen Sinn und
schlug einen Pfad ein, der in die Felder führte. Er schlug diesen Pfad
ein, vielleicht weil er sehen wollte, wie weit seine Leute mit dem Korn
gekommen waren, vielleicht aber auch, weil er vermeiden wollte, daß er
wieder an die Villa kam. Als er aus dem Walde trat, sah er schon von weitem
in langen Reihen die Garben aufgestellt. Die Knechte aber waren nimmer
da, und das ganze Feld lag einsam im Sonnenuntergang. Stephan faßte seine
Picke fester und eilte rascher vorwärts. Eine feierliche Freude war über
ihn gekommen, denn nun dachte er an die Winternächte, in denen er nicht
schlafen konnte aus lauter Sorge um den Samen. Und weil sein Herz so voll
war, sagte er: »Schau, Vater, schau ...!« Dann schritt er das ganze Feld
entlang, blieb bei jedem Büschel stehen und streichelte es liebevoll ...
Währenddem ging die Sonne unter. Stephan fiel jetzt die Mutter ein, die
zu Hause wohl wartend an der Türe stand, und er wußte, daß es Zeit
war heimzugehen. Darum schritt er aus dem Feld heraus, hinüber zu dem
Fußpfad, der das Korn von den Wiesen trennte. Als er hinkam, sah er von
unten eine weiße Gestalt herankommen ...
Vielleicht eine Frau ...
Vielleicht ein Mädchen ...
Stephan beschattete die Augen mit der Hand, denn die Abendröte lag
blendend nach dieser Seite.
Ja, ein Mädchen ...
Leicht und sicher, ohne das lange Kleid zu raffen, schritt es durch das
hohe, blühende Gras. Von seinem Kopfe wehte ein feiner weißer Schleier,
in der Hand trug es einen Hut mit Mohnblüten. Da sie demselben Pfad
zustrebte, auf dem Stephan stand, dachte er daran, sie vorangehen zu
lassen. Nicht etwa aus Höflichkeit, sondern weil er nicht leiden konnte,
wenn jemand hinter ihm ging. Weil die Fremde aber noch ein gutes Stück
unten war und Stephan nicht auf dem Wege stehenbleiben wollte, schritt
er in das Feld zurück und machte sich an den Garben zu schaffen. Dadurch
verlor er sie aus den Augen, doch tauchte sie bald auf der Höhe des
Weges auf. Als sie den einsamen Mann gewahrte, hemmte sie plötzlich ihre
Schritte, zauderte einen Augenblick, bog dann vom Wege ab und trat zu
ihm ...
Stephan lehnte sich ein wenig schwer an die Garben.
Das Mädchen, das plötzlich vor ihm stand, sah er heute zum erstenmal und
kannte es doch schon lange. Das waren dieselben blonden Haare, dieselben
scheuen Augen, dieselbe weiche Hand ... Unter tausend Händen hätte er
diese Hand herausgekannt. Er wollte an Agnes denken, aber er konnte nicht.
Dumm und verwirrt wie ein Knabe stand er vor ihr. Sie aber wußte nichts
von seinen Gedanken und sagte mit einfacher Herzlichkeit:
»Wir haben erst vor ein paar Tagen erfahren, was für ein großes Unglück
Euch traf, als man unsere Villa baute ... es tut mir ...« sie stockte
und verbesserte sich, »ich meine uns allen so leid.« Nun kam er zu sich,
und weil er sich schämte, daß ein ganz fremdes Mädchen ihn so erregen
könne, nahm er alle Kraft zusammen, wandte den Kopf zur Seite, als ob sie
gar nicht da wäre, und sagte leichthin: »O, das ist jetzt schon lange
her, und wir haben es überwunden ... einmal hätte es doch kommen
müssen, so oder so.« »Allerdings ...« Dann schwieg sie, blickte
auf seinen beschmutzten Anzug und dachte: »Was nützt diesen Leuten
Mitgefühl? Sie brauchen Geld.« Und während ihr Ton kühler und ihre
Haltung stolzer wurde »... aber es wäre vielleicht nicht so plötzlich
gekommen. Wenn Sie darum irgendeine Hilfe brauchen ... mein Papa ist sehr
gut.« Da flammte eine heiße Röte in seine blassen Wangen, seine Augen
blitzten, und er sagte verächtlich: »Sie irren sich vollkommen. Wir haben
Geld genug, daß wir dreißig solche Villen bauen könnten, als die dort
drüben ist ...« und nach einer Pause, während der sie erstaunt und
verletzt dastand »... aber Sie verschwenden Ihre Zeit mit einem einfachen
Bauer ... sehen Sie dort das Alpenglühn.« ... Und er wollte gehen und
konnte nicht, weil ihn das Schauspiel selber bannte.
Geradeaus vor ihnen, jäh sich hebend vom dämmrigen Himmel wie Edelsteine
auf dunklem Sammet, lohten eng aneinander gerückt die Königskinder der
Dolomitenberge, und die weißen Mauern eines einsamen Bergkirchleins, das
sich im äußersten Osten gegen den Himmel schob, brannten in einem tiefen,
lilafarbenen Schein ...
Das dauerte einige Minuten, dann sprang am Fuße des mächtigen Schlern
ein Schatten auf, der langsam höher kroch und Licht fraß. Es floh in die
äußersten Spitzen und leuchtete dort noch intensiver als vorher, aber der
Schatten warf sich darauf wie ein riesiger Mantel und löschte die Glut.
Nun standen sie grau wie die andern Berge und zeigten ihre Furchen, ihre
Schluchten und ihren Schnee ...
Da erwachten die beiden auf dem Feld aus ihrer Versunkenheit. Schweigend,
atemlos, jedes die Gegenwart des andern vergessend, hatten sie sich in die
ferne Pracht versenkt. Nun sahen sie sich in die Augen, schämten sich,
daß sie noch da waren, und freuten sich doch darüber, denn sie fühlten,
daß sie sich verstanden und versöhnt hatten. Sie schritten aus dem Feld
heraus, hinüber zum Fußpfad, und als ob es selbstverständlich wäre,
gingen sie nebeneinander her. Erst gingen sie ohne zu reden, aber dann
sagte das Mädchen: »Sie sind hier aus der Gegend und wissen vielleicht
besser Bescheid als wir Fremden. Warum trägt der Rosengarten diesen
merkwürdigen Namen?«
Darauf lächelte Stephan im freudigen Eifer, denn die Berge waren ihm immer
das Liebste, und mit gedämpfter Stimme erzählte er ihr das Märchen von
König Laurin und dem tapfern Ritter Dietrich von Bern. Er erzählte
dieses Märchen mit so viel Bewegung, mit so viel eigener Phantasie und
Begeisterung, daß sie auch davon begeistert wurde. Aber zum Schluß schien
sie das Märchen und den Zweck des Märchens vergessen zu haben, denn sie
lächelte fein und sagte: »Ich habe nicht gewußt, daß die Bauern so
gelehrte Leute sind.« Da schämte und ärgerte er sich, denn sie hatte,
ohne es zu ahnen, seine wunde Stelle getroffen, und er antwortete: »O, ich
bin ein schlechter Bauer.«
Und weil sie nicht mehr weit vom Hofe waren, grüßte er rauh und ging.
Aber er ging nicht direkt ins Haus, sondern lief um den Hof herum wie
jemand, der etwas Heimliches mitbringt, das er gern verbergen möchte, ehe
es die anderen sehen, und als er endlich in die Stube kam, freute er sich,
daß die Lampe nimmer brannte. Er tastete nach den Streichhölzern, aber
als das Licht aufflammte, sah er, daß Maria in der dunklen Stube saß. Zu
einer andern Zeit wäre ihm das befremdend aufgefallen, aber heute fiel
es ihm nicht weiter auf. Doch auch Maria schien es nicht zu wundern, daß
Stephan so spät kam. Sie brachte sein Essen ohne ein Wort des Erstaunens,
begann dann über die Ernte zu reden und erzählte, daß der Brunnen wieder
in Ordnung sei. Aber unter all dem Gerede über die Ernte und den Brunnen
fragte sie plötzlich: »Sag, Stephan, wann gehen denn gewöhnlich die
Fremden fort?« Die Frage schien nichts bedeuten zu wollen, aber Marias
Gesicht war totenblaß, und ihre Augen brannten dunkel. Und plötzlich
wußte Stephan ihr Geheimnis, weil ihn die Frage mit demselben Schreck und
derselben Wucht traf. Er schwieg lange, als ob er sänne, aber er dachte:
»Mein Gott ... mein Gott.« ... Dann zwang er sich zum Gleichmut und
sagte: »Das hängt vom Wetter ab.«
»Ja ... aber gewöhnlich, Stephan?«
»Anfang Oktober.«
»Und jetzt haben wir schon September ...«
»Ja, Maria.«
Danach griff sie nach einer Kerze, entzündete sie, und ihre Hand zitterte
stark über der Flamme. Das preßte Stephan das Herz zusammen, und er
dachte: »Könnten wir es nicht ausreden miteinander?« Gleich aber fühlte
er deutlich, daß so etwas zwischen zwei Klausen unmöglich sei, und ohne
aufzuschauen sagte er ihr gute Nacht.