Siebentes Kapitel

Im Tale reiften die Pfirsiche und Frühtrauben. Dick und saftig standen

Bäume und Reben von der Erde, die in ihrem Innern noch den letzten Regen

trug. Die Berge aber waren ausgetrocknet, und alles litt unter der Dürre.

Verzweifelt blickten die Bergbewohner zum Himmel auf, aber kein Wölkchen

zeigte sich, und die Hitze wuchs. Sie grub sich in den Wiesenboden, daß er

hell und hart wurde wie Stein. Sie bohrte sich in den Fels, daß er sprang

und zerstob wie Staub. Sie fraß sich in den Wald und brannte die Nadeln

dürr, daß sie abfielen wie Spreu.

Da ließ die Klausenbäuerin eines Morgens das große Holzkreuz aus der

Stube tragen, und ein Knecht stellte es mitten auf der Wiese auf. Dann

schickte sie Boten in die entlegensten Höfe, und nun kamen jeden Abend

Bauern und beteten vor dem Kreuze Rosenkranz und Litanei. Aber noch immer

zeigte sich kein Wölkchen am Himmel, und die Hitze wuchs. Niemand hatte

je auf den Bergen einen solchen Sommer erlebt. In der fünften Woche, da

geschah etwas. Es war Sonntag und ein Uhr. Tiefblau und unbeweglich

wie immer stand der Himmel, und die Sonne darin eine senkrechte Flamme.

Sämtliche Bewohner des Klausenhofes standen vor dem Brunnen und blickten

auf das Wasser, das dünn wie ein Seidenfaden floß. Sie dachten an die

Hilfe der armen Seelen und sprachen über eine Messe, die sie lesen lassen

wollten. Da kam ein Fetzen Rauch. Er war nicht viel größer als eine

ausgespannte Hand, und als er an den Köpfen der Leute vorbeiflog, brachte

er einen Geruch von Brand. Eine Weile schwankte er unentschlossen hin und

her, dann drehte er sich gegen die Wiese und hockte sich auf das große

Kreuz, gerade auf die Spitze. Gleich danach kam ein zweiter Fetzen. Niemand

hatte ihn kommen sehen. Wie aus der Erde gewachsen war er da, und der

Brandgeruch verstärkte sich. Der Himmel aber stand noch immer tiefblau und

unbeweglich. Nun kam ein dritter Fetzen, lang und fein wie ein Schleier.

Aber er wuchs wie eine Wolke und füllte das Tal mit unendlicher

Schnelligkeit. Dann sprang ein weißes Licht nieder, aber kein Donner

folgte, und der Himmel war noch immer blau.

Plötzlich schob sich ein Schatten vor die Sonne, und es entstand ein

Getöse. Oben? Unten? in dem Wald, oder in den Wiesen? Man hätte es nicht

sagen können, denn die Wipfel der Bäume waren unbeweglich, und kein

Grashalm regte sich. Aber es war da, und man empfand die Gegenwart

unheimlicher Kräfte. Dann begann es von unten auf zu dampfen und zu

steigen. Überallhin warf der Nebel seine Riesenschleppen aus. Der ganze

Himmel schien im Tale zu liegen. Das dauerte einen Augenblick, dann wurde

es schwarz, und als ob das das Zeichen wäre, kam der Sturm. Das ganze Land

zitterte unter seinen Tritten, und der Wald stöhnte wie ein Mensch. Aus

einer Wolke im Westen sprang der Blitz. Eine Sekunde lang war alles blau,

und der Donner, der folgte, übertönte den Sturm. Dann wurde es Nacht wie

vorher, und prasselnd setzte der Regen ein. Da erwachten die Leute um den

Brunnen aus ihrer Erstarrung und liefen in das Haus. Sie hatten nur ein

paar Schritte bis zur Türe, aber als sie in die Stube kamen, lag auf den

Hüten der Knechte ein Kranz von Eis. »Hagel«, sagten sie und fingen

laut zu beten an. -- Den nächsten Morgen stand Stephan allein im Hof und

schaute mit verschränkten Armen in das Land. Die Luft war klar, der Himmel

wunderbar blau, und die Wiesen und die Wälder leuchteten im doppelten

Grün. Ringsum auf den hohen Bergen aber lag der Winter. Weiß und

glänzend hoben sie ihre Spitzen in das blaue Firmament und trugen ihre

Schneekronen leicht und froh wie junge Mädchen ihr Geschmeide. Da freute

sich Stephan und sprach:

»Wie schön! wie schön!«

Dann fuhr er zusammen, denn jemand hatte plötzlich seinen Arm berührt. Er

drehte sich um, und neben ihm stand der älteste Knecht. Sein Gesicht

war blaß wie von einer großen Erregung, und seine Knie schlotterten.

»Herr,« sagte er fassungslos, »Herr, das arme Vieh auf den Almen.«

Darauf wandte Stephan den Blick und sprach lange nicht, so schämte er

sich. Endlich aber faßte er sich und sagte: »Ja, das Vieh ... das arme

Vieh ...« Und als er sah, daß der Knecht die Worte, die er vorhin aus

einem großen Empfinden heraus gesagt hatte, nicht gehört hatte, wurde

er ruhig und sprach mit sachlichem Eifer über die Almen und die Hütten

darauf: daß die Dächer ausgebessert und mit schwereren Steinen beschwert

werden müßten, daß er Fürsorge treffen würde mit dem Futter und

dergleichen für den Fall eines Unwetters wie gestern, und daß er in

den nächsten Tagen selbst hinaufgehen werde, um genau zu sehen wie alles

stünde ... Über das und vieles andere redeten sie, und der Knecht

erzählte noch über den Schaden, den der Hagel in den Tälern angerichtet

hatte. Endlich ging er mit bekümmertem Gesicht. Stephan aber blieb im

Hofe stehen. Seine Blicke waren finster, zwischen seinen Brauen stand eine

senkrechte Falte, und als ob die schöne Villa, die östlich von ihm aus

einer Gruppe grüner Lärchen grüßte, schuld an seinem Kummer wäre,

schaute er starr hinüber. Dann schüttelte er sich, wie um etwas

abzuschütteln, und dabei sagte er:

»Vielleicht ist es doch besser, daß ich einmal zum Müller gehe und ihn

wegen der Wiese frage ...«

Der Klausenhof: Roman · 第 12 / 46 题