Im Tale reiften die Pfirsiche und Frühtrauben. Dick und saftig standen
Bäume und Reben von der Erde, die in ihrem Innern noch den letzten Regen
trug. Die Berge aber waren ausgetrocknet, und alles litt unter der Dürre.
Verzweifelt blickten die Bergbewohner zum Himmel auf, aber kein Wölkchen
zeigte sich, und die Hitze wuchs. Sie grub sich in den Wiesenboden, daß er
hell und hart wurde wie Stein. Sie bohrte sich in den Fels, daß er sprang
und zerstob wie Staub. Sie fraß sich in den Wald und brannte die Nadeln
dürr, daß sie abfielen wie Spreu.
Da ließ die Klausenbäuerin eines Morgens das große Holzkreuz aus der
Stube tragen, und ein Knecht stellte es mitten auf der Wiese auf. Dann
schickte sie Boten in die entlegensten Höfe, und nun kamen jeden Abend
Bauern und beteten vor dem Kreuze Rosenkranz und Litanei. Aber noch immer
zeigte sich kein Wölkchen am Himmel, und die Hitze wuchs. Niemand hatte
je auf den Bergen einen solchen Sommer erlebt. In der fünften Woche, da
geschah etwas. Es war Sonntag und ein Uhr. Tiefblau und unbeweglich
wie immer stand der Himmel, und die Sonne darin eine senkrechte Flamme.
Sämtliche Bewohner des Klausenhofes standen vor dem Brunnen und blickten
auf das Wasser, das dünn wie ein Seidenfaden floß. Sie dachten an die
Hilfe der armen Seelen und sprachen über eine Messe, die sie lesen lassen
wollten. Da kam ein Fetzen Rauch. Er war nicht viel größer als eine
ausgespannte Hand, und als er an den Köpfen der Leute vorbeiflog, brachte
er einen Geruch von Brand. Eine Weile schwankte er unentschlossen hin und
her, dann drehte er sich gegen die Wiese und hockte sich auf das große
Kreuz, gerade auf die Spitze. Gleich danach kam ein zweiter Fetzen. Niemand
hatte ihn kommen sehen. Wie aus der Erde gewachsen war er da, und der
Brandgeruch verstärkte sich. Der Himmel aber stand noch immer tiefblau und
unbeweglich. Nun kam ein dritter Fetzen, lang und fein wie ein Schleier.
Aber er wuchs wie eine Wolke und füllte das Tal mit unendlicher
Schnelligkeit. Dann sprang ein weißes Licht nieder, aber kein Donner
folgte, und der Himmel war noch immer blau.
Plötzlich schob sich ein Schatten vor die Sonne, und es entstand ein
Getöse. Oben? Unten? in dem Wald, oder in den Wiesen? Man hätte es nicht
sagen können, denn die Wipfel der Bäume waren unbeweglich, und kein
Grashalm regte sich. Aber es war da, und man empfand die Gegenwart
unheimlicher Kräfte. Dann begann es von unten auf zu dampfen und zu
steigen. Überallhin warf der Nebel seine Riesenschleppen aus. Der ganze
Himmel schien im Tale zu liegen. Das dauerte einen Augenblick, dann wurde
es schwarz, und als ob das das Zeichen wäre, kam der Sturm. Das ganze Land
zitterte unter seinen Tritten, und der Wald stöhnte wie ein Mensch. Aus
einer Wolke im Westen sprang der Blitz. Eine Sekunde lang war alles blau,
und der Donner, der folgte, übertönte den Sturm. Dann wurde es Nacht wie
vorher, und prasselnd setzte der Regen ein. Da erwachten die Leute um den
Brunnen aus ihrer Erstarrung und liefen in das Haus. Sie hatten nur ein
paar Schritte bis zur Türe, aber als sie in die Stube kamen, lag auf den
Hüten der Knechte ein Kranz von Eis. »Hagel«, sagten sie und fingen
laut zu beten an. -- Den nächsten Morgen stand Stephan allein im Hof und
schaute mit verschränkten Armen in das Land. Die Luft war klar, der Himmel
wunderbar blau, und die Wiesen und die Wälder leuchteten im doppelten
Grün. Ringsum auf den hohen Bergen aber lag der Winter. Weiß und
glänzend hoben sie ihre Spitzen in das blaue Firmament und trugen ihre
Schneekronen leicht und froh wie junge Mädchen ihr Geschmeide. Da freute
sich Stephan und sprach:
»Wie schön! wie schön!«
Dann fuhr er zusammen, denn jemand hatte plötzlich seinen Arm berührt. Er
drehte sich um, und neben ihm stand der älteste Knecht. Sein Gesicht
war blaß wie von einer großen Erregung, und seine Knie schlotterten.
»Herr,« sagte er fassungslos, »Herr, das arme Vieh auf den Almen.«
Darauf wandte Stephan den Blick und sprach lange nicht, so schämte er
sich. Endlich aber faßte er sich und sagte: »Ja, das Vieh ... das arme
Vieh ...« Und als er sah, daß der Knecht die Worte, die er vorhin aus
einem großen Empfinden heraus gesagt hatte, nicht gehört hatte, wurde
er ruhig und sprach mit sachlichem Eifer über die Almen und die Hütten
darauf: daß die Dächer ausgebessert und mit schwereren Steinen beschwert
werden müßten, daß er Fürsorge treffen würde mit dem Futter und
dergleichen für den Fall eines Unwetters wie gestern, und daß er in
den nächsten Tagen selbst hinaufgehen werde, um genau zu sehen wie alles
stünde ... Über das und vieles andere redeten sie, und der Knecht
erzählte noch über den Schaden, den der Hagel in den Tälern angerichtet
hatte. Endlich ging er mit bekümmertem Gesicht. Stephan aber blieb im
Hofe stehen. Seine Blicke waren finster, zwischen seinen Brauen stand eine
senkrechte Falte, und als ob die schöne Villa, die östlich von ihm aus
einer Gruppe grüner Lärchen grüßte, schuld an seinem Kummer wäre,
schaute er starr hinüber. Dann schüttelte er sich, wie um etwas
abzuschütteln, und dabei sagte er:
»Vielleicht ist es doch besser, daß ich einmal zum Müller gehe und ihn
wegen der Wiese frage ...«