Stephan und Maria verbargen sich etwas. Sie vermieden sogar, soviel es
ging, allein miteinander zu sein, und wenn es einmal nicht anders möglich
war, dann sprachen sie, in hastigem Eifer die gleichen Dinge wiederholend,
über die Knechte, die Ernten, die Mutter und Therese. Aber kein Wort über
die Villa und die neuen, fremden Menschen, deren Kommen sie mit Spannung
und Groll erwartet hatten. Und nun waren diese Menschen schon so lange da,
und beide wußten es, und keines sagte es dem andern ...
Maria nicht, weil sie einen Mann gesehen hatte mit dunklen, merkwürdigen
Augen, der sie grüßte, als ob sie eine Gräfin wäre, und mit ihr über
fremde, traumhafte Dinge redete, wenn er sie im Garten oder im Walde
traf ... und Stephan nicht, weil er einmal in dämmeriger Abendstunde
einem Wagen nachgegangen war, einem Wagen und einer Hand, zu der er sich
seither Augen, Mund und Haare nach dem Bild der Gottesmutter, das er in
Innsbruck sah, geschaffen hatte. Und wenn er vom Felde heimging, dachte
er nicht mehr wie früher an Maria oder an den Vater, sondern an die
Gottesmutter ... und doch wieder nicht an die Gottesmutter, sondern an ein
Mägdlein mit langen, blonden Haaren und tiefen, scheuen Blicken ... Und
eine Unruhe war über ihn gekommen wie über den Wald, wenn die ersten
Frühlingsstürme auf dampfenden Rossen durch die alten Tannen reiten, und
ein Getöse war in sein Blut gekommen, wie wenn ein starker, breiter Strom
sich schwer auf starren Felsen bricht ... So kam es, daß er übersah,
wie Marias Eifer abnahm. Daß sie nimmer aufsprang, wenn er abends heimkam,
sondern sitzen blieb und auf den Weg hinausstarrte ... daß sie oft mitten
in der Arbeit innehielt, die Hände noch in der Luft, den Kopf gesenkt,
gerade als ob sie lauschte ... vielleicht nach einer Stimme, vielleicht
nach einem Schritt, vielleicht nach Gedanken, die plötzlich aus dem Herzen
steigen, ein rasches Licht ins Auge tragen und lautlos wieder gehen ...
übersah, wie sie höher wurde, merkwürdig reifte und erblühte gleich
einer Blume oder Frucht, die nach lauen Tagen plötzlich die Sommersonne
spürt und alle ihre Blätter breitet ... übersah, wie sie edel wurde in
Schritt und Gebärde, wie ein Zauber sie mit leuchtenden Fäden umspann,
bis sie wie etwas Fremdes, Fernes in den niedren Stuben stand ... Das
alles übersah Stephan. Er wurde schwer und verträumt, wie alle Klausen
waren, wenn sie die Liebe packte, denn Stephan liebte, liebte in einer
wundersamen, wesenlosen Weise, wie kein Klausen je geliebt hatte ...