Sie nickte verträumt ... »und einmal wirst du auch kommen, Maria.«

»Zu dir?«

»Ja, zu uns.«

Maria versprach es und half ihr in das Kleid. Als die Braut angezogen war,

kam die Bäuerin in das Zimmer. Sie weinte, als sie Therese fertig sah, und

machte ihr das Zeichen des Kreuzes auf Stirn und Brust. »O Therese ...«

und alles andere, das sie sagen wollte, schwemmten neu hervorbrechende

Tränen hinweg. Maria versuchte, sie heiter zu stimmen. »Aber, Mutter,

Therese geht doch nicht aus der Welt.«

»Daran dachte ich auch gar nicht.«

»Woran denkst du dann?«

»Ich weiß es nicht ... aber wenn ich Therese wäre, würde ich ihn nicht

heiraten.«

Dann wischte sie sich die Tränen aus den Augen und blickte auf die beiden

Mädchen, um zu sehen, wie sie das aufnahmen. Therese stand still beim

Bett, und Maria lehnte sich gegen einen Stuhl. Sie hatte einen Augenblick

das Gefühl, als ob sie schwanke, hielt sich aber aufrecht und sagte fest:

»Meinst du wegen dem Fluch?«

Endlich war es heraus. Den ganzen Winter hatte es zwischen ihnen gelegen,

und keines hatte gewagt, darüber zu reden. Endlich heute ... Maria hatte

es gut gemeint. Ohne Scheu, ohne Rücksicht, ohne Ängstlichkeit, glaubte

sie, müsse man darüber reden ... es sich ausreden. Nun es aber gesagt

war, erschrak sie aufs tiefste ... wollte alles ungesagt machen ... das

gräßliche Wort zurückholen. Aber es hing schon in der Luft, flatterte

schon durch die Stube. Die Mutter hatte es schon gehört, denn sie bejahte

schluchzend, und Therese mußte es auch gehört haben. Langsam wandte Maria

den Kopf nach ihr. Die stand noch immer beim Bett, ruhig wie vorher. Als

aber die Bäuerin jetzt laut zu beten begann, Gebete gegen den Teufel und

gegen die Zauberei, trat Therese vor. Im starren, schwarzen Seidenkleid,

Gesicht und Hände blaß, sagte sie mit schweren, zwingenden Lauten: »Ich

habe den ganzen Winter Kerzen geopfert.« Sie errötete vor Scham über

das Geständnis, gleich aber nahm ihr Gesicht die vorige Ruhe und Blässe

wieder an, und sie schritt ihrem Bräutigam entgegen, den sie durch das

Fenster über den Hof kommen sah.

Als sie von der Trauung zurückkehrten, blieben sie nun aber nicht mehr

lange, denn sie mußten zu Fuß in das neue Heim. Der Weg dorthin ging

steil bergab und war nicht fahrbar. Die Bäuerin verabschiedete sich von

den Neuvermählten im Zimmer, aber Stephan und Maria begleiteten sie bis

an das Tor. Dort blieben sie dann noch stehen und schauten den zweien

nach. Als sie so weit waren, daß man sie nicht mehr sehen konnte, blickte

Stephan hinüber zu dem Berg, wo Therese fortan leben sollte. Düster und

stolz, ein wenig wie Therese selbst, schied er sich von den andern Bergen

und trug wie eine Krone den Hof an seiner Spitze. Maria lehnte indessen

still beim Tor. Sie dachte an die Försterei in Kampenn und an Förstereien

im allgemeinen und kam zu dem Entschluß, daß es auch in kleinen

Förstereien schön zu leben sein müsse, wenn man nur das Zeug in sich

hat, zufrieden zu sein ... Stephan merkte plötzlich ihre Versonnenheit,

und mit einem Male war ihm, als ginge Maria denselben Weg, den Therese eben

ging, mit einem Mann an ihrer Seite ...

Mißtrauen und Eifersucht quoll in seinem Herzen auf, aber er beherrschte

sich, und zum erstenmal an diesen Gegenstand rührend, fragte er wie im

Scherz: »Nun, und du, Maria?«

Darauf fuhr sie zusammen, wurde rot und verlegen, faßte sich aber rasch

und sagte schlagfertig: »Nun, und du, Stephan?«

Da wurde sein Gesicht, das so lebhaft jede Regung seiner Seele spiegelte,

noch ernster als vorher, und nach einem sinnenden Schweigen sprach er:

»Du weißt ja, Maria, daß wir immer davon geredet haben, beisammen zu

bleiben.« Nun drückte Maria, wie ihn zu besänftigen, ihre weichen Wangen

an den rauhen Ärmel seines Gewandes und sagte, wie ihn auf andere Gedanken

zu bringen, zögernd, einschmeichelnd und voll süßer Schelmerei: »Weißt

du schon, Stephan, daß seit gestern Leute in der neuen Villa wohnen? ...

Nicht? ... O, du hättest sehen sollen, was für prachtvolle Dinge man

hineingeschafft hat. Feine, große Schränke, Spiegel mit breiten,

goldenen Rahmen, Waschtische mit Marmorplatten, Stühle mit rotsamtenen

Überzügen ... und dann an allen Fenstern ... hast du die Vorhänge

nicht gesehen? ... sie sind aus himmelblauer Seide.«

Stephan, leicht getäuscht wie alle harmlosen Naturen, merkte ihre Absicht

nicht und fragte interessiert: »Und Leute hast du auch gesehen, Maria?«

»Ja, Stephan. Eine alte Frau und einen alten Mann. Aber ich glaube, das

sind nur Bedienstete. Wahrscheinlich aber kommt die Herrschaft schon diesen

Sommer.«

»Wahrscheinlich.«

Dann befreite er sich aus der leichten Umarmung seiner Schwester und

blickte nach der Villa. Das Gebäude lag im Dunkel; plötzlich aber flammte

Licht hinter einem Fenster auf. Die Geschwister beobachteten es atemlos,

und nach einer Weile sagte Maria: »Es ist weiß wie das Licht der Sonne.«

Darauf Stephan: »Ja, ich kenne es. Wir hatten es in Innsbruck in der

Schule und bei der Kostfrau, wo ich zuerst wohnte.«

Sie nickte auf seine Worte und fragte nach einer Pause:

»Warum bist du eigentlich nicht Geistlicher geworden? Hattest du keine

Freude am Lernen?«

»Erstens. Und zweitens, weil ich einmal einem Mitschüler ein paar Rippen

brach. Ich hatte natürlich nichts Schlechtes im Sinne, sondern wollte ihn

nur ein wenig drücken ... aus plötzlicher Freude, weißt du, weil nach

langer Regenzeit auf einmal die Sonne durch die Fenster auf die Bänke

schien. Das machte mich so froh, ich kann dir nicht sagen wie froh, und ich

legte meinen Arm ein wenig um meinen Nachbar. Der aber wurde leichenblaß,

schrie auf und sank zurück, als wäre er tot. Den Schreck, den ich damals

erlebte, werde ich nie vergessen ... Seit diesem Tag grüßten mich die

Lehrkörper immer zuerst, solche Angst hatten sie vor meiner Stärke ...

Ich aber dachte dann viel an die heilige Hostie, die der Priester bei der

Messe in die Höhe heben muß, und träumte oft, ich hätte den lieben

Herrgott mitten entzweigebrochen. Es fing auch wieder zu regnen an, und

wenn es regnete, fiel mir das Lernen immer schwerer als sonst ... Aber du

mußt nicht denken, daß ich ein Faulenzer war. Es gab nur gewisse Dinge,

die mir durchaus nicht in den Kopf wollten. Rechnen zum Beispiel. Am

liebsten wäre ich Altertumsforscher geworden. Ja, dazu hätte ich Lust

und vielleicht auch Talent gehabt. Aber unser Vater hätte so etwas

nie erlaubt. Nach seinen Begriffen gab es nur zwei ehrenvolle Stände:

Geistlicher oder Bauer.«

»Und was war dann weiter?«

»O, ich weiß es nimmer. Die Professoren tuschelten, so oft sie mich

sahen, und einmal schrieben sie an Vater. Er kam nach Innsbruck, und sie

hatten mit ihm lange, geheime Unterredungen. Darauf nahm er mich heim.«

»Und ich weiß noch genau den Tag, an dem du gekommen bist. Unsere Mutter

weinte den ganzen Abend, weil sie dachte, du würdest sicher sterben, weil

du gar so mager warst ... und weißt du noch, wieviel du damals gegessen

hast?«

»Und weißt du noch, wieviel du damals gekocht hast? Es wäre schade

gewesen um die guten Sachen.«

Sie lachten und schritten engumschlungen zurück über den Hof. Plötzlich

erschien im Rahmen der offenen Küchentür die Bäuerin mit einem Licht

in der Hand und hielt Ausschau nach ihren Kindern. Da lösten Stephan und

Maria schnell die Arme voneinander, weil sie sich vor der Mutter schämten,

daß sie sich so liebhatten, und schritten hintereinander in das Haus.

Der Klausenhof: Roman · 第 8 / 46 题