Viertes Kapitel

Es war wieder Juni geworden. Die breiten Wiesen vor dem Klausenhof lagen

dunstend in der Sonne, und wer die Hand an ihre Erde drückte, konnte

fühlen, daß sie bebte, wie eine Brust vielleicht, die unter einer Bürde

atmet. Abwärts an die Wiesen schlossen sich die Felder und trugen an

derselben Schwere. Dort, um das drängende Korn verteilt, arbeiteten

die Knechte mit Stephan in ihrer Mitte, der sie alle um Kopfeslänge

überragte. Es war keiner unter ihnen so sehnig, so licht und stark wie er.

Nach der strengen Zucht, die von jeher am Hofe herrschte, wurde bei keiner

Beschäftigung gesprochen. Gleichmäßig, in wortloser Übereinstimmung

arbeiteten sie zusammen, bis der Westen brannte. Dann reckten sie ihre

krummen Rückgrate, entzündeten ihre Pfeifen, nahmen ihre Werkzeuge auf

ihre Schultern und stampften heim. Nur Stephan blieb. Langsam schritt er

noch einmal die Wege ab, prüfte und ordnete, wo es noch etwas zu ordnen

gab, und verfiel in Träumereien, die zuletzt in leisen Zwiegesprächen mit

seinem toten Vater endeten ... »Schau,« sagte er, und beschrieb mit der

Hand einen weiten Bogen gegen das blühende Land, »das erste Jahr, das du

nicht da bist -- ein schweres Jahr und doch voll wunderbarem Segen. Schau

nur das Korn an, es ist noch ganz grün und kann sich doch schon nimmer

halten vor lauter Schwere in den Ähren.«

»Ja, das Korn steht schön.«

»Und im Haus, Vater, geht auch alles viel besser, als wir dachten, daß

es gehen würde. Maria ist viel tüchtiger, als wir alle glaubten, und seit

Therese nimmer da ist, merkt man erst, was sie leisten kann. Freilich, sie

war ja auch schon vierundzwanzig Jahre letzte Woche.«

»Vierundzwanzig ... ja, sie kommt in die Jahre ... sag, Stephan, wie

wird denn dann das mit all der Arbeit werden, wenn sie auch einmal nicht

mehr da ist?«

»Wie meinst du das, Vater?«

»Nun ja, du sagst doch selbst, sie war letzte Woche vierundzwanzig ...«

»Das schon, aber ...«

»Und du, Stephan, wie alt wirst du jetzt?«

»Dreißig, Vater, nächsten Herbst.«

»Dreißig ... Du bist eigentlich auch schon in den Jahren ... und der

Müller hat drei Töchter. Die Älteste ist mager und bissig, die möchte

ich dir nicht raten. Die zweite, glaube ich, ist schon versprochen. Aber

die dritte ist lieb und gut und ging den weiten Weg, nur um dich zu sehen,

als du damals kamst von Innsbruck ...«

»Das schon, Vater, aber ...«

»Darum meine ich, du sollst einmal hinübergehen und den Müller fragen,

wieviel die große Wiese kostet, die er schon so lange feil hat ... und so

im Gespräch, du weißt schon, wie ich meine ...«

»Ja, Vater, des Müllers Agnes ist lieb und gut, aber ich getraute mich

doch nie um sie zu freien, denn die nimmt nur einen ganzen Mann.«

»So meinst du, Stephan, du seiest kein ganzer Mann?«

»Kein ganzer Bauer, Vater. Ich schäme mich immer, daß ich lesen und

schreiben kann und die Berge ringsum beim Namen kenne. Kein richtiger Bauer

kennt sie und kümmert sich darum.«

»Hm, hm, und trotzdem steht das Korn schöner als je ...«

»Das schon, Vater ... aber dafür verdiene ich kein Lob. Ich war nicht

bei dem Säen ...«

»Da hast du recht ... aber denke nach, Stephan, hast du nicht heimlich

in die Stadt um einen der neumodischen Samen geschrieben? Und in der

Gartenecke, wo früher immer nur Brennesseln waren, ist jetzt ein ganzes

Feld von großen, gelben Blumen ... die sind dort auch nicht aus freien

Stücken gewachsen ...«

Da wurde Stephan rot, und als ob sein Vater wahrhaftig an seiner Seite

schritte, wandte er den Kopf und sagte:

»O Vater, ich habe soviel Kummer deswegen gehabt, nicht der Blumen wegen.

Die kosteten nicht viel, und ich dachte, wie sehr Maria sich freuen würde.

Aber des Kornes wegen. Der Samen war nicht billig, und da dachte ich oft,

ich sei ein schlechter Erbe, der das Geld der Klausen leichtsinnig vertut.

Den ganzen Winter konnte ich nicht richtig essen und schlafen aus lauter

Angst, daß das fremde Zeug nicht aufgehen könnte.«

»Und es ist doch so schön aufgegangen, Stephan.«

»Ja, Vater; und die Freude, die ich hatte, als ich die ersten, grünen

Spitzen sah, kann ich nie beschreiben.«

»Aber vorsichtig mußt du doch sein mit neuen Dingen. Es könnte nicht

immer so gut ausfallen ... die Klausen waren stets bedächtige Leute.«

»Das schon, Vater ...« Stephan dachte plötzlich an den Wald und an die

neue Villa, »aber, wer nichts wagt, gewinnt nichts.«

»Hast du das in Innsbruck gelernt?«

»Ja.«

Darauf schwieg sein Vater, als ob er über die Antwort nachsänne, und

Stephan schritt tüchtiger aus. Als er auf dem holprigen Fahrweg ankam,

bemerkte er weiter unten eine Kutsche, die sich langsam näherte. Er

blieb stehen, um sie vorbei fahren zu lassen, und sah, daß es ein fremdes

Gespann war, das er nie gesehen hatte. Ein Mann mit hohem Hut und gelben

Knöpfen lenkte die Pferde, und grünseidene Vorhänge verdeckten an den

Fenstern das Innere des Wagens. Während der Wagen aber langsam an ihm

vorbei fuhr, schob sich plötzlich eine Hand aus dem grünseidenen Vorhang

und legte sich auf den schwarzlackierten Wagenrand. Nichts weiter kam zum

Vorschein, nur diese weiße, müde Hand. Stephan aber konnte die Blicke

nicht davon wenden und schritt dem Wagen nach. Der fuhr die Höhe hinauf,

um die Wiesen herum, am Klausenhof vorbei, und noch immer schritt Stephan

nach. Ohne es zu wissen, ohne es zu wollen, schritt er nach, bis die

Kutsche vor der neuen Villa hielt und das helle, weiße Licht, das aus

jedem Fenster drang, blendend seine Augen traf. Da schämte er sich und

eilte heim.

Der Klausenhof: Roman · 第 9 / 46 题