Zweites Kapitel

Der Sommer hatte in diesem Jahre besonders früh eingesetzt, und die

Junitage kamen mit heißem Atem und Dunstmänteln. Erst lungerten sie im

Tale herum, hatten nichts Schlechtes im Sinne und lachten nur unbändig

über die Erde, die unter den Tritten ihrer ungestümen Gäste keuchte und

an Blüten und Blumen brachte, was sie besaß. Nach einer Weile aber wurde

ihnen ihr eigenes sanftes Spiel zuwider. Sie spien Staub, daß das Land

rauchte, verbrannten Blüten und Blumen, soffen die Bächlein leer, hockten

sich an die Landesflüsse und steckten ihre glühenden Mäuler hinein,

daß das Wasser aufzischte und schwand. Und als im Tale kein Tropfen

Feuchtigkeit mehr war, wurden sie matt vom eigenen Ungestüm und klommen

auf die Höhen. Oben war es frisch und kühl. Da kamen sie wieder zu

sich, rollten lachend über die Hänge, und wo sie einen Menschen trafen,

sprangen sie ihm auf die Schultern und preßten ihre Finger um seine Kehle.

Aber die Leute da oben waren zäh.

Am allerzähesten die Leute vom Klausenhof.

Die Knechte warfen ihre Joppen, die Mägde ihre Tüchlein weg, und

unablässig arbeiteten sie weiter. Heute auch. Plötzlich aber hielten sie

inne, stützten sich auf ihre Schaufeln und Rechen und horchten auf.

-- Durch die Hitze und den Dunst des Mittags klang vom Hof her die

Alarmglocke. Schrill und schneidend, wie um Hilfe rufend, ertönte sie und

zeigte an, daß etwas Entsetzliches geschehen sei. --

»Feuer!«

Dieses eine Wort fuhr durch die Köpfe der Leute, und nun kam Leben in die

erstarrten Gruppen. Und noch etwas anderes kam. Etwas Merkwürdiges, bei

diesem treuen, jahrelang erprobten Gesinde nie Dagewesenes: eine wilde

Angst um die eigene Habe. Die Mägde dachten an ihren Sonntagsstaat, die

Knechte an ihre silbernen Uhren. Aber keines unter ihnen dachte an den

Bauer, an die Bäuerin oder an den alten Hof. Mit großen Schritten

hasteten sie heimwärts, rochen Rauch in der Einbildung und sahen ihre

geringen Schätze bereits verkohlt. --

Gerade als sie auf die Höhe kamen und den Klausenhof still und friedlich

ohne Rauch und Flammen auf dem gewohnten Orte sahen, hörte die Glocke auf.

Darauf herrschte eine so unheimliche Stille, daß sie sich fürchteten,

obwohl es heller Tag war.

Unwillkürlich rückten sie zusammen, und der älteste Knecht sagte: »Es

muß eine plötzliche Seuche unter das Vieh gekommen sein.« Und ohne eine

Antwort abzuwarten, faltete er die Hände und begann das Bittgebet, das sie

bei Seuchen immer beteten. Die andern folgten Wort für Wort, und als sie

damit fertig waren, langten sie bei der Haustüre an. Aber obwohl keines

unter ihnen dachte, daß irgendetwas Schreckliches im Hause zu sehen sei,

wagte sich doch niemand hinein. Scheu aneinandergedrückt blieben sie

stehen und wunderten sich nur, daß alles so still blieb.

Plötzlich öffnete sich die Tür mit einem Ruck nach innen, und auf der

Schwelle erschien eine Schar Männer und Frauen. Allen voran der junge

Klausen, den rechten Arm um die Mutter geschlungen, die sich schwer auf ihn

stützte und leise weinte. Als sie die fassungslosen Gesichter der Leute

sah, schluchzte sie laut auf. Dann aber beherrschte sie sich und sagte:

»Der Bauer ist tot.«

Das traf wie ein Schlag. Alles hätten sie eher erwartet.

Der Bauer tot! Der Bauer, der nie eine Stunde krank gewesen, der bei keiner

Arbeit fehlte und rüstiger war als mancher Junge. -- Der Bauer tot! -- Und

nun fiel ihnen ein, wie gut er war. Wie reichlich er den Wein bemaß und

jedes Jahr um einen halben Silbergulden ihre Löhne besserte. -- Und voll

Scham dachten sie an ihre Bänder und Uhren, die ihnen im Augenblick der

Gefahr zuerst einfielen. -- Dann stolperten sie in die Stube, worin der

Tote war. Ein weißes Tüchlein lag auf seinem Gesicht, aber sein Anzug,

das Bett und die Dielen waren voll Blut. Während die Leute ihre schweren

Hände, die so viele Jahre für den Bauer gearbeitet hatten, steif und

mühsam ineinanderfalteteten, suchten ihre stumpfen Gehirne nach einer

Erklärung. Was war denn eigentlich geschehen? -- Endlich sagte es ihnen

jemand. Drüben beim neuen Bau hatten fremde Arbeiter mit dem Sprengen

begonnen, und ein Felsstück traf den Bauer, als er auf der Wiese Heu

einfuhr. Man könne aber niemand zur Verantwortung ziehen, denn die Tafel,

die gegen das Betreten der nahen Gründe während der Sprengzeit warnte,

war aufgepflanzt gewesen. Es wäre des Bauern eigene Schuld. --

Die ganze Nacht wurde gebetet, und Stephan, als der neue Herr, betete vor.

Einmal aber gegen Mitternacht trat er hinaus. Er durchschritt den Hofraum

und öffnete das Tor. Die Nacht war kühl und hell. Weiß und glatt wie

ausgespannte Tücher lagen die Wiesen vor dem Haus. Aber östlich, wo der

Wald begann, war der Grund zerrissen, und gestürzte Lärchen lagen links

und rechts ... lagen steif und lang wie Tote ... Da hob Stephan die Arme

wie in einer mächtigen Verzweiflung und sagte: »Du Unglückshaus!«

Der Klausenhof: Roman · 第 6 / 46 题