Erstes Kapitel

Die Baukommission war wieder einmal den Berg heraufgekommen. Östlich vom

Klausenhof, keine fünfzig Meter davon, gerade an der Stelle, wo der Wald

mit tiefdunklen Tannen und hellgrünen Lärchen einsetzte, machte sie halt

und begann den Boden zu prüfen und zu messen.

Unten auf der Wiese standen der Klausenbauer und sein Sohn. Sie hatten die

Fremden den steilen Weg emporkommen sehen, hatten sie ihre rätselhaften

Geräte auf dem grünen Waldboden ausbreiten sehen, und nun stockten sie in

ihrer Arbeit und sahen sich schweigend an. Der Sohn hinab zu dem Vater, der

Vater hinauf zu dem Sohn. Und respektvoll wartete der Junge, bis der Alte

reden würde. Aber der Alte redete nicht. Er spuckte in seine ledernen

Hände, griff nach der Hacke und führte gegen den fetten, lockeren Boden

zähe, energische Streiche. Da nahm auch der Junge seine Arbeit wieder auf.

Aber seine Finger zitterten nicht um den Schaft der Hacke, und in seinen

Augen lag kein Zorn. -- Was war auch so sehr Böses daran, daß sie hier

oben bauten? Die Schuld lag beim Vater. Hätte er doch den Wald vor sechs

Jahren erstanden. Damals fing es an. Erst das Haus am äußersten Bergrand.

Breit, behäbig, als ob es ein uraltes Recht hätte dort zu stehen,

erhob es sich aus dem Boden, und als es fertig war, erhielt es den Namen

»Waldfriede«. Den Winter über merkten die Klausen kaum etwas davon, aber

mit dem Sommer begannen sie es zu spüren. Die Eigentümer der Villa zogen

herauf, und nun wehten bald im Wald, bald auf den Wiesen die Schleier

der Frau Doktor. Noch im selben Jahre erbaute man zwei andere Villen, im

nächsten Jahr noch eine. -- Und der Klausenhof, der seit Jahrzehnten stolz

und einsam auf dem Berg gestanden, stand nicht mehr allein.

Das kam den Klausenbauern vor wie ein Unglück.

Seit Generationen und Generationen war kein fremder Mensch auf den Berg

gekommen, und nun traf man bald da, bald dort diese neuen Leute mit ihrem

weichlichen Getue. Aber ihre Villen lagen doch tiefer unten, denn die

weiten Wiesen, die den Klausenhof umgaben und zum Klausenhof gehörten,

wehrten jede Ansiedelung in der Nähe. Nur der Wald war fremdes Gut. Das

hatte den Klausenbauern längst Sorge gemacht, und sie hätten ihn gerne

erstanden. An Geld hätte es auch nicht gefehlt, denn sie waren reiche

Bauern. Aber der Alte war langsam, bedächtig und schwer von Entschluß.

-- Ja, schwer von Entschluß -- und der Junge erschrak über seine

Respektlosigkeit und schaute scheu auf den Alten. Der aber war ruhig

geworden und arbeitete fort, als gäbe es nichts. Nur den Blick des Jungen

vermied er geflissentlich, und als Stephan das merkte, fiel ihm ein, daß

er zu den Knechten müsse. Darauf nickte der Alte, aber es war wie eine

traurige Antwort auf eine traurige Frage. Das schnitt Stephan ins Herz, und

er dachte: »Könnte ich ihn nicht trösten? Er meint, mir liegt etwas an

dem Wald.« Aber die Worte, die er reden wollte, freundliche, begütigende

Worte, überschlugen sich in seiner Kehle mit dumpfem Geräusch, und als

sie endlich heraus waren, sagten sie etwas Gleichgültiges über eine der

Wiesen weiter unten. Ganz beschämt nahm er seine Hacke und ging.

Das war die Art der Klausen. Vater und Sohn innerlich voll Liebe

zueinander, aber im Verkehr herb und stolz wie Herr und Diener. Ja, es

herrschte Zucht unter den Klausen.

Vor dem Bauernhaus stieß Stephan auf die Knechte. Sie brachten das erste

Heu herein und schoberten es haushoch auf. Er sprach ein paar Worte mit

ihnen, dann schritt er in den Hof und begegnete seiner älteren Schwester

Therese. Sie kam aus den Ställen, die derben Lederschuhe bis zu den

Knöcheln voll Kot. Mürrisch lief sie an ihm vorbei, hastete irgendwohin.

Sie war immer dort, wo es am meisten zu tun gab, arbeitete mehr als zwei

Dienstboten zusammen, und Stephan hatte große Achtung vor ihr. Aber keine

besondere Liebe. Seine Zuneigung galt der jüngeren Schwester Maria. Sie

war gleich ihm ein wenig aus der Art. Nicht überfleißig, verstohlen

heiter und zu Kurzweil aufgelegt. Das hatte ihnen früher von den Eltern

manches scharfe Wort eingebracht, so daß sie sich gewöhnten, ihre Freude

zu verbergen und ihr Lächeln zu unterdrücken. Aber in den Ställen,

in den Scheunen, im Wald, und wo immer sie allein waren, holten sie

ihre Munterkeit hervor und spotteten oft genug über Therese, über ihre

unschönen Züge und ihren schweren, raschen Gang. Später wurden sie

ernster, unterschieden sich aber doch noch immer von den andern Klausen.

Maria arbeitete im Küchengarten und winkte, als sie den Bruder kommen sah.

Stephan wollte eigentlich in die Küche, doch nun ging er daran vorbei und

trat zu Maria in den Garten. Als sie dann beisammen standen, merkte man

erst, wie groß der junge Klausen war. Einen guten Kopf höher als das

Mädchen, das auch nicht zu den Kleinen zählte. Im Antlitz aber Zug um Zug

Abkömmlinge der Klausen. Hochgezogene Augenbrauen, schwere Lider und einen

festen, schmalen Mund. Nur der strenge Strich um die Lippen fehlte bei den

beiden, den man am Vater und der älteren Schwester so deutlich wahrnehmen

konnte.

Maria zeigte Stephan die Pflanzen, die sie soeben gesetzt hatte, und als

sie nach einer Weile den Weg in das Haus einschlugen, sagte er: »Weißt du

es schon, daß im Wald gebaut wird?«

»Im Wald?« fragte sie schnell, »wo?«

»Gleich hinter uns.«

Da stieg eine feine Röte bis in ihre Schläfen auf, und sie wandte sich an

den Bruder mit blitzenden Augen.

»Warum hast du Vater nicht längst dazu überredet, daß er den Wald

kauft?«

Ihr Vorwurf ärgerte ihn, zugleich aber freute ihn ihr Eifer. Die

Unnahbarkeit der Klausen sprach daraus.

»Du weißt,« sagte er, »Vater läßt schwer mit sich über Geschäfte

reden.«

Sie aber war sehr zornig.

»Daß der Wald nicht längst uns gehört, ist deine Schuld. Die früheren

Klausen hätten natürlich nie daran gedacht, daß Fremde heraufkommen

könnten. Aber als sie vor sechs Jahren zu bauen anfingen, hättest du

daran denken müssen. Vom Vater konnte man so etwas nicht verlangen. Er war

immer so -- du weißt wie ich meine -- zäh am Hergekommenen -- -- aber

du -- --, wenn sie jetzt den Wald niederreißen und eine Stadt aufbauen,

kannst du dir vorstellen, wie das hier oben aussehen wird?«

Es war der erste ernstliche Zwist, den die Geschwister miteinander hatten,

und Stephan sann nach, wie er das erregte Mädchen begütigen könne.

»Den ganzen Wald niederreißen, aber Maria, davon kann keine Rede sein.

Da müßten sie ja den ganzen Berg wegräumen. Ich glaube auch, daß sie

weiter hinauf nicht mehr bauen, denn sie finden keinen Schutz gegen den

Wind. -- Und wenn sie auch den ganzen Berg wegräumten und eine Stadt hier

oben erbauten, du und ich, Maria, würden das kaum mehr erleben.«

Da trat sie dicht an ihn heran und sagte leidenschaftlich: »Du bist ein

schlechter Klausen.«

Dann ließ sie ihn stehen und ging in das Haus.

Obwohl es Mittag war und Stephan wußte, daß seine Mutter auf ihn wartete,

folgte er doch nicht, sondern blieb bei der Mauer stehen, wo er gerade

stand. Und die Luft wurde voll mit einem merkwürdigen Getöse, und von

allen Seiten klang es zu ihm: »Du bist ein schlechter Klausen.«

Aber nein -- das war nur die Glocke, die die Leute zu Mittag rief. Und

Stephan starrte auf die Knechte, die über den Hof kamen. Derbe, tüchtige

Leute, erfahren und erprobt. Bauern von oben bis unten und den Klausen

zäh ergeben. -- Und einmal würde er Herr sein über diese Leute --

ein schlechter Herr -- ein schlechter Klausen -- ja, er hatte es längst

gespürt.

Schweißtropfen traten auf seine Stirn, und er wischte sie ungeschickt

hinweg. Dann schritt er langsam um den Hof. Ohne jede Zierlichkeit, ein

breiter, massiver Kasten lag er da. Aber vornehm durch sein Alter und

seine Weltgeschiedenheit. Das Stammhaus der Klausen, 1300 Meter hoch, mit

rissigen, sturmfesten Mauern, der ragenden Windmühle dahinter, und über

dem Tor in roter, verblichener Farbe den trotzigen Spruch:

»Wer baut an den Straßen,

Muß jeden reden lassen.

Der eine schaut vor,

Der andere hinten,

So wird jeder einen Tadel finden.«

Adalbert Klausen.

Stephan schaute noch immer auf den Namen unter dem Spruch. »Adalbert

Klausen.« Der Name stand allein unter den anderen Namen -- Adalbert. --

Niemand wußte etwas über sein Leben, nur daß er den Hof erbaut hatte,

stand fest -- und daß er ein Geschlecht hinterlassen hatte, das auf sich

stolz sein konnte, bis -- ja, bis auf den einen. --

Stephan straffte sich plötzlich in jähem Trotz.

Warum aber war er ein schlechter Klausen? Sah er etwa die neuen

Ansiedelungen gern? Nein, gewiß nicht. Dann, warum war er schlechter als

die andern Klausen? -- Wie waren eigentlich die Klausen immer gewesen?

Es gab eine Menge Geschichten darüber. Jeden Winter erzählten sie die

Knechte aufs neue. Ein Klausen hatte einmal eine mittlere Eiche samt den

Wurzeln aus dem Boden gerissen. Ein anderer hatte einen wütenden Stier

ohne jede Waffe mit der Kraft seiner Arme gebändigt. Ein dritter hatte

sich an einen Wagen, der schwer mit Steinen beladen war, gespannt und ihn

den Berg heraufgezogen. -- Also stark waren alle Klausen gewesen, stark und

tapfer -- aber war er das denn nicht auch? Stephan spreizte die Finger

und sah hinab auf seine Hände. Große, braune Hände waren es, aber nicht

breit und hart wie die des Vaters, sondern eher schlank und weich. Ja, er

hatte zu lange in der Schule gesessen -- und im plötzlichen Zorn drückte

er die Rechte zur Faust. Die Nägel gruben sich in die Handfläche, und

immer tiefer grub er sie. Erst zeigten sich vier rote Male, dann zeigten

sich vier rote Tropfen, und schließlich zeigten sich vier rote Bächlein,

die durch die Finger sickerten. --

Da erschien im Garteneingang, noch schmollend und gekränkt, aber doch

Versöhnung wünschend nach echter Frauenart, abermals Maria. Zögernd

blieb sie in der Türe stehen, da sie dachte, daß der Bruder ihr

entgegenkommen werde. Weil er aber nicht kam, sich nicht rührte, trat sie

zu ihm. Dann schrie sie laut auf. Stephan aber dachte an die Mutter, die

erschrecken würde, und herrschte sie an: »Schweig.« Darauf spannte er

die erstarrten Finger auseinander, hielt ihr die blutüberströmte Hand

entgegen und fragte:

»Bin ich schlechter als die andern Klausen?«

Da begriff sie. Nun wollte sie aber nicht jammern, sondern zeigen, daß sie

auch eine Klausen sei. Sie löste ihr Halstüchlein und wischte das Blut

von seiner Hand. Dann küßte sie die Wundmale, küßte sie einzeln, leise

und zärtlich, und dabei sagte sie:

»Du bist der beste Klausen.«

Der Klausenhof: Roman · 第 5 / 46 题