rückte, hatte es nicht leichter. Da gab es Bretter, Balken, Schwarten,
Lehm und anderes mehr heranzuschaffen. Früh um sechs Uhr wurde zu
Herrn Pilz nach dem zweieinhalb Stunden entfernten Niederschmiedeberg
mit einem Tafelwagen gefahren. Im oberen Preßnitztal lag Schnee,
im unteren war er weggeschmolzen. Mit leeren Wagen abwärts zu Tale
ließ sich gut fahren. Ganz anders aber wieder zurück: vierzig große
schwere Bretter hatten wir aufgeladen. Wir mußten tüchtig schieben
und zerren, um den Wagen durch den aufgeweichten Schmutz der Straße
vorwärtszubringen. Toll aber wurde die Sache, als wir wieder in die
Region des Schnees kamen. Da brach natürlich der schwer beladene Wagen
erst recht ein. Wir griffen in die Speichen, um ihn vorwärtszubringen.
Nur stückweise. Wir schwitzten. Die Zeit verging rasend schnell. Ich
schickte einen Läufer nach dem eine Stunde entfernten Heim, daß die
Leute aus dem Heim uns mit Schlitten entgegenkämen. Indessen versuchten
wir mit unserer Last weiterzukommen. – Ein Geschirr auf der einsamen
Straße! – Ob wir anhängen dürften? – Ja, wenn wir mitschöben! –
Natürlich! – Mit drei Seilen banden wir fest. Gleich beim ersten Anzug
des Pferdes rissen alle drei Seile mitten durch. Also das nächste
Mal vorsichtiger anfahren! Es ging. Noch drei-viermal rissen uns die
Seile. Der Kutscher hatte eine bewundernswerte Geduld mit uns. Aber
wir kamen doch vorwärts. Bis das Gefährt nach Grumbach die neue Straße
abbog. Nun wieder allein. Nach einer Stunde kommt die Ablösung mit
zwei Schlitten. Umgeladen. Mit nur wenig Brettern auf dem Wagen fährt
die alte Transportmannschaft ins Heim, während die Ablösung mit dem
Schlitten nachkommt. Es ist bereits fünf Uhr nachmittag. Wir haben seit
diesen Morgen noch nichts als eine Schnitte Brot gegessen. Wir sind im
Heim, als ein Bote ankommt: der eine Schlitten sei zerbrochen. Also
alles noch einmal raus! Teils auf dem anderen Schlitten, teils auf den
Schultern bringen wir das letzte, immerhin noch große Stück die Bretter
ins Heim. Wir waren froh, diese Tagesarbeit hinter uns zu haben.
Nicht besser war es anderntags mit der Lehmfuhre. Die war noch ein
bissel schwieriger. In dem Moor, in dem Walde bei Grumbach gruben wir
den Lehm, den wir zum Ofensetzen und Ausbessern der Holzverkleidung im
Obergeschoß verwenden wollten. Den Waldweg bis zur Grumbacher Straße
mußten wir erst ausschaufeln, so gut es ging. Und trotzdem wären wir
kaum noch durchgekommen, wenn uns nicht der Förster zu Hilfe kam,
Eisenketten mitbrachte und sich selbst gleich mit ins Zeug legte.
Sein Dackel lugte nicht schlecht. Unter lautem »Hühott« zerrten wir
die schwere Lehmfuhre durch den schneeigen Waldweg auf die offene
Landstraße. Dort konnten wir fahren bis durch Grumbach durch. Aber am
Ausgang des Dorfes lag wieder eine gewaltige Schneewehe, die wir nicht
überwinden konnten. Wir holten uns kurz entschlossen einen Ochsen vom
Bauern, spannten ihn vor den Wagen. Und nun vorwärts. Der Bauer hieb
auf den Ochsen ein und wir brüllten und schrien und schoben mit, bis
die kleine Anhöhe und die Schneestelle unter beängstigendem Gestöhne
des Wagens überwunden war. Seit jenem Tage sind wir mit dem Bauer gut
Freund. – Dann konnten wir die Straße wieder allein fahren; Schnee lag
da keiner mehr.
So galt es noch manchen Transport zu vollbringen. Und die
Transportabteilung wurde darum nicht beneidet.
Die Arbeit ging rüstig vorwärts. Der Boden der Stube war fünfundzwanzig
Zentimeter tief herausgeholt. In der Mitte hatten wir ein Wasserloch
gegraben, quer durch den Fußboden eine Schleuse und die Fensterwand an
einer Stelle durchstoßen, um Abfluß zu schaffen. Außen am Hause bauten
wir einen unterirdischen Flußlauf.
Nun das Betonieren. Der Wassergraben im Fußboden wurde mit Steinen
ausgesetzt und überdeckt, dann legten wir eine Packlagerschicht von
Ziegelbrocken, die wir aus dem Herrenhaus herüber gehandlangert hatten,
wobei es manchen Riß in der Haut gab. In diese Schicht bauten wir
sieben Querbalken und zwei Längsbalken ein für die Dielung, nahmen sie
sorgfältig in die Wage, was gar nicht so einfach war, als wir es uns
vorgestellt hatten. Aus dem Herrenhaus schleppten wir nun die Säcke
Zement herüber, mischten den Zement mit Sand. Ein alter Schachtmeister
half uns dabei redlich mit. Es war das sein Palmsonntagsvergnügen,
wie er uns sagte. Solche Leute gibt es doch heute selten. Bis abends
neun Uhr betonierten wir. Da galt es tüchtig und sachkundig Zement
mischen, die Mischung in die Stube zu schleppen und Wasser zum Gießen
herbeitragen. Eine Zementschicht von fünf Zentimeter Dicke entstand.
Die Balken ragten noch drei Zentimeter heraus, damit das Dielenholz
nicht auf den Beton zu liegen kommt, sondern Luftzug möglich ist. In
der rechten Stubenecke gossen wir einen zehn Zentimeter hohen, zwei
Meter dreißig Zentimeter langen und ein Meter zehn Zentimeter tiefen
Sockel für den Ofen mit Herd. Mit einem gelernten Ofensetzer zusammen
setzten wir den Ziegelofen auf. Einen eisernen Ofen setzten wir nicht
hinein, da die Größe des Zimmers und die geschwungenen Fensterbögen
einen mächtigen Ofen mit Herd forderten. Für den Herd bestellten wir
eine Platte von ganz gewichtiger Größe, die uns zweitausendzweihundert
Mark kostete, eine ganz erkleckliche Summe für unsern Geldbeutel. Aber
dafür haben wir ein stilgerechtes Zimmer, in dem wir, wenn es nun ganz
fertig ist, uns wohlfühlen können.
Unterdessen zimmert ein Junge mit einem gelernten Zimmermann, den
wir für einen Tag zur Verfügung gestellt bekommen haben, für die
Fenster die Mauerrahmen. Am ersten Tage wurden zwei Stück fertig, der
dritte angefangen, die nächsten zimmert der Junge kunstgerecht allein
mit Winkelmaß und allem Werkzeug. Zwei Mann mauern die Rahmen ein.
Auch hier muß mit der Wasserwage gearbeitet werden. Dann werden die
Fensterläden gebaut mit drei Querleisten in der ~Z~-Form und Angeln
und Sturmhaken. Auch hier lernen wir, daß der untere Winkel der
Querstreifen seinen Scheitelpunkt in der unteren Angel haben muß, damit
sich der Fensterladen nicht senkt. Alles will bedacht sein. Und weißt
du, wieviel Nägel man zu einem solchen Fensterladen von ungefähr einem
Quadratmeter Größe braucht? oder zu einem Quadratmeter Diele?
Auf die Dielenbalken legten wir vorläufig Bohlen und Bretter und
besserten die Wände aus, putzten und verkalkten sie. Diese Arbeit war
gar nicht so einfach. Besonders schwierig waren die Fensterbogen, die
arg in Verfall geraten waren, auszubessern. Aber zwei von uns, die im
sonstigen Beruf sich ~stud. iur.~ und ~stud. med. vet.~ nennen, hatten
den Schwung, den Mörtel anzusetzen und zu verreiben, besonders gut weg.
Und nun ging es ans Weißen. Nachdem der Zement abgebunden hatte und
trocken war, wurden die gespundeten und feingehobelten Dielenbretter
genagelt. Sie zu schonen und vor allem vor dem Kalk zu bewahren,
streuten wir Sägespäne.
Unsere Bauarbeit zog sich bis auf die Sonntage nach Ostern, bis in die
Pfingstferien; zu den Großen Ferien hoffen wir leidlich fertig zu sein.
Denn dann entfaltet der Wandervogel seine Schwingen und fliegt weit
hinaus in die Welt, bis in fremde Länder. Und in seinem Heim wohnen
geladene Gäste aus dem fernen Süden.
Nach des Tages Last und Müh’ zogen wir uns in unser warm geheiztes
Quartier zurück. Zum Singen, das wir so sehr lieben, brachten wir es
in den Osterferien kaum, dazu waren durch das schlechte Wetter unsere
Kehlen zu rauh und heiser geworden. Aber der oder jener spielte auf der
Laute, oder wir lasen vor. Aus Selma Lagerlöfs »Gösta Berling«. Und
denen, die voriges Jahr mit oben in Schweden waren, tauchten frohe,
freudige Erinnerungen auf, wir sahen wieder die herrlichen Seen,
umschlossen von ernsten, rauschenden Wäldern, dachten an die schönen
Stunden, die wir auf stolzen Schlössern verlebten, wie weiland die
Kavaliere auf Eckeby im frohen Vermland.
Und so haltens wir Wandervögel. In der sonnigen Sommerszeit schweifen
wir weit in die Ferne. Die Große Fahrt ist uns das Höchste, sie gibt
uns das Meiste und Wertvollste. Aber gern kehren wir zurück in unsere
Heimat, die unser ist.
Annaberg im Erzgebirge.
_Fritz Wollmann_, ~stud. rer. merc.~
Heimatschutzbewegung und Hotel
Aus dem Bewußtsein der Kürze des eigenen Lebens ergibt sich für den
denkenden Mann, der seine Kraft an eine edle Aufgabe und ein hohes
Ziel gesetzt hat, die Aufgabe, Motive und Ergebnisse seines Daseins an
andere Männer weiterzugeben, daß, auch wenn sein Licht erlosch, sein
Werk nicht stirbt. Aber damit in seinem Geist weiter gearbeitet werden
kann, ist es nötig, Freunde und Schüler zu bilden. Es gibt keine große,
geistige Gemeinschaft, die ihr Werk erhalten wissen will, die nicht
ebenso verführe. Auch diejenigen, die ihre Heimat lieb haben, wirken
in diesem Sinne. Es darf gefragt werden, ob durch unsere Bestrebungen
schon alle erreichbaren Kreise berührt worden sind. An einen Stand
zu erinnern mag erlaubt sein, an den Stand der Kellner. Niemand
bezweifelt, daß seine Aufgabe nicht in der Sorge um gutes Essen und
Trinken für die Gäste aufgeht; des tüchtigen Kellners Ziel ist es,
dem Gast das Heim möglichst zu ersetzen. Er ist bemüht, dem Reisenden
Unterhaltungsmöglichkeiten nachzuweisen; er wird oft zum Berater für
Ausflüge, für Sehenswürdigkeiten. Um das tun zu können, wird er bemüht
sein, aus den Reisehandbüchern sich selbst eine umfassende Kenntnis
anzueignen. Aber sind diese Bücher ohne weiteres Hilfsmittel für den
Heimatschutz? Niemand wird über die bekannten Reisehandbücher gering
denken; sie bieten eine Fülle von Stoff. Aber es kann nicht von
ihnen verlangt werden, daß sie die stillen Schönheiten, daß sie das
Stimmungsvolle einer ganz schlichten Landschaft weitergeben, mitteilen
können. Das ist nur persönlichem Erleben und, wenn ich so sagen darf,
in der individuellen Mitteilung möglich. In dieser Art Mitteilung aber
bewegt sich hauptsächlich die hierher gehörige Aufgabe der Kellner.
Um sie zu erfüllen, bedürfen sie einer Einführung in das Wesen der
Heimatschönheit, brauchen sie selber Mitteilung erlebter Schönheit
und Stimmung. Für die Mitglieder des Heimatschutzes liegt hier eine
Aufgabe. Wir werden – wenn es die Gelegenheit gibt – auch dem Kellner
gegenüber es nicht an Mitteilung über die Schönheit seiner Stadt fehlen
lassen dürfen, wir werden doch auch in den größeren Hotels nach den
»Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz« fragen
müssen. Jedermann weiß, daß man in Gasthöfen bisweilen Lektüre trifft,
deren Wert man als fragwürdig bezeichnen darf. Warum sollen wir da
nicht für wirklich Wertvolles freudig eintreten? So möchten diese
Zeilen bitten, für die Heimatschutzbewegung in einem ganz besonderen
Berufe Freunde und Förderer zu gewinnen.
Pfarrer _Herzog_, Aue i. E.
Die Pfarrlinde in Markersbach bei Gottleuba
Eine wichtige Aufgabe des Heimatschutzes ist von jeher die Erhaltung
alter Bäume. Die erheblichen Mittel, welche bisher für diese Art
Altershilfe Verwendung fanden, haben manchen ehr- und denkwürdigen Baum
vor völliger Zerstörung und Zusammenbruch bewahrt.
[Illustration: =Die Markersbacher Pfarrlinde= (Phot. R. Wiehl, Dresden)]
Auch der alten Pfarrlinde in Markersbach bei Gottleuba drohte
dieses Schicksal. Es wäre ein besonders schwerer Verlust gewesen,
stellt doch dieser Baum nicht nur ein durch Alter geweihtes
Naturdenkmal dar, sondern er ist auch als getreuer Schicksalszeuge
der Gemeinde kulturgeschichtlich von hohem Werte. Soll doch hier
unter seinem grünen Blätterdache, der Überlieferung nach, der erste
evangelisch-lutherische Gottesdienst abgehalten worden sein,
und da Markersbach 1576 seinen ersten evangelisch-lutherischen
Pfarrer erhielt, kann das Alter dieser Linde auf etwa vierhundert
Jahre angenommen werden. Daß bei diesem hohen Alter auch alle
lebensfeindlichen Einflüsse sich besonders geltend machten, ist
trotz des gesunden Aussehens des eineinhalb Meter im Durchmesser
habenden Stammes und der vollen Laubkrone nicht verwunderlich. Durch
die Öffnungen zweier vor langer Zeit abgebrochenen Hauptäste hatten
Regen und Schnee ungehindert Zutritt in das unzugängige, völlig hohle
Stamminnere und förderten die Fäulnis in besorgniserregender Weise.
Diese Gefahr für den Weiterbestand des Baumes ist jetzt beseitigt.
Die nicht ungefährliche, auf hohen Leitern auszuführende Arbeit des
Verschließens der Astöffnungen wurde in zweckentsprechender Weise von
Herrn Baumeister Reppchen in Gottleuba ausgeführt. Die Mittel hierzu
stiftete ein seit Jahren mit Markersbach und seinen Bewohnern innigst
verbundener Freund aller Heimatschutzbestrebungen, Herr Geheimer
Kommerzienrat Meinel-Tannenberg.
Zum Danke dafür aber rauscht jetzt die alte ehrwürdige Pfarrlinde in
Markersbach besonders freudig und aus ihrer mächtigen Krone klingt
nicht nur in leisen Flüstern ein Lied aus längst vergangenen Tagen,
sondern sie kündet auch laut und vernehmlich das hohe Lied ihrer
Wohltäter. –
_Georg Marschner._
Die Bekämpfung der Nonne
Von Oberforstmeister _Feucht_, Bad Schandau
Während der letzten Kriegsjahre hat im südwestlichen Böhmen,
zunächst in der Umgebung von Pilsen eine Massenentwicklung der Nonne
stattgefunden, die wegen Mangel an Arbeitskräften wie an Leim, für
den die Rohstoffe fehlten, überhaupt nicht bekämpft werden konnte und
bereits zu gewaltigen Kahlfraßflächen geführt hatte, ehe im Jahre
1919 überhaupt die erste Kunde davon zu uns nach Sachsen gekommen
ist. Aus diesen Kahlfraßgebieten sind nun bei schwüler Wärme und
starkem südöstlichen Winde gewaltige Schwärme meist weiblicher
Nonnenfalter abgeflogen, die in der Nacht vom 17. zum 18. Juli 1920
die Staatsforstreviere der Oberforstmeisterei Schandau von Sebnitz bis
Gottleuba in einer Breite von fünfunddreißig Kilometer und etwa zehn
Kilometer Tiefe überfluteten.
Von der Staatsforstverwaltung wurde sofort der Kampf gegen diese
unwillkommenen, gefürchteten Feinde unserer Fichtenwaldungen
mit allen verfügbaren Arbeitskräften an Männern, Frauen und
Schulkindern durch Sammeln und Töten namentlich der weiblichen
Falter aufgenommen. Das Ergebnis waren hundertdreitausend männliche
und zweihundertdreiundsechzigtausend weibliche Falter. Auch die
Gemeindevorstände und Privatwaldbesitzer sind auf Anregung der
Forstverwaltung zum sofortigen Sammeln veranlaßt worden. Leider konnte
diese Sammeltätigkeit bei der gewaltigen Größe der mit einem Schlage
befallenen Fläche von gegen dreihundertfünfzig Quadratkilometer nicht
so gründlich und vollständig mit den vorhandenen Arbeitskräften
durchgeführt werden, daß ein voller Erfolg der Sammeltätigkeit
möglich gewesen wäre. Dies zeigte sich bei den im Herbst und Frühjahr
vorgenommenen Eierzählungen, die in einzelnen Beständen schon Eiablagen
von tausend bis dreitausend und mehr Eiern an manchen Stämmen ergaben.
Es war also für das Jahr 1921 nichts Gutes zu erwarten.
Der Falterflug des Jahres 1921 hat dies, zumal das Frühjahr und
der Sommer mit seiner anhaltenden warmen, trockenen Witterung,
die für die Entwicklung der Nonne äußerst günstig war, durchaus
bestätigt. Die Sammelergebnisse bei der Vertilgung von Raupen und
Puppen waren folgende: zweimillionenzweihundertvierzigtausend
Raupen, zweimillionenfünfhundertvierzehntausend Puppen und
fünfzehnmillionensiebenhundertzweiundfünfzigtausend Falter,
darunter dreizehnmillionensiebenhundertsiebenunddreißigtausend
weibliche Falter. Diese ungeheure Zunahme und das Ergebnis der
Probeeierzählungen an gefällten Stämmen gaben der Forstverwaltung
Veranlassung für das Jahr 1922 umfassende Volleimungen in Aussicht zu
nehmen. Diese Leimungen umfaßten eine Fläche von nicht weniger als
zweitausendachthundertdreißig Hektar.
Leider war auch der Witterungsverlauf des Frühjahrs und des Sommers
1922 für die Entwicklung der Nonne wieder außerordentlich günstig. Das
Frühjahr trat zwar spät ein, es herrschte aber dann fast ununterbrochen
trockenes, windstilles Wetter, so daß die Entwicklung der Raupen bis
zur Verpuppung völlig ungestört vor sich ging.
Die Folge war in vielen Beständen mehr oder weniger starker Lichtfraß,
stellenweise in den besonders stark belegten Flächen auch Kahlfraß,
jedenfalls war aber später festzustellen, daß viele Bestände, die
sonst unfehlbar dem vollen Kahlfraß zum Opfer gefallen wären, durch
den Leimring, der ungezählte Millionen von Spiegelräupchen vernichtete
und später ebensoviel alte Raupen abfing, nur lichtgefressen und
daher erhalten geblieben sind, so daß sich die Kosten für die Leimung
reichlich bezahlt gemacht haben.
Gewaltig war in diesem Jahre der Falterflug, zeitweise machte er den
Eindruck eines starken Schneegestöbers.
Ebenso wie 1920 uns aus Böhmen große Überflüge heimgesucht haben, sind
nun in diesem Jahr aus den Hauptbefallsgebieten der Sächsischen Schweiz
große Überflüge in nördlicher Richtung erfolgt und haben vermutlich die
Gebiete des Fischbacher Waldes, der Dresdner und der Lausnitzer Heide,
des Tharandter Waldes usw. heimgesucht und dort ihre Eier abgelegt, so
daß nunmehr auch diese Gebiete und ebenso die dortigen Privatwaldungen
für nächstes Jahr gefährdet erscheinen.
Die ungeheuren Schäden, die man von den Bergen der Sächsischen Schweiz
gegenwärtig bei einem Blick nach Böhmen hinüber, aber auch schon in
den sächsischen Waldungen selbst, stellenweise zu Gesicht bekommt
und die großen Überflüge dieses Sommers, die auch die bewohnten
Ortschaften und offenen Fluren und Gärten überfluteten, haben nun
die öffentliche Meinung und weite bisher gleichgültigere Kreise
aufgerüttelt und auf die Größe der unseren Waldungen drohenden Gefahren
aufmerksam gemacht und die vorher vielfach fehlende Geneigtheit bei der
Bekämpfung der Nonne werktätig Hilfe zu leisten, geweckt. Dies zeigen
auch die zahlreichen in der Presse von mehr oder weniger berufenen
Verfassern gemachten, gutgemeinten Vorschläge, die Wahres und Falsches
durcheinandermischen und längst versuchte und als unwirksam wieder
aufgegebene Bekämpfungsmaßnahmen mit großer Begeisterung erneut
empfehlen.
Es seien daher zur Aufklärung die bisher bekannten und in der Praxis
bewährten Bekämpfungsmaßnahmen in aller Kürze etwas näher beschrieben.
[Illustration: Abb. 1 =Weiblicher Nonnenfalter=
(Phot. Emil Wünsche Nachf., Dresden)]
Die erste und sinnfälligste Maßnahme ist der Fang der Falter,
namentlich der weiblichen, um die Eiablage zu verhüten. (Abbildung 1
zeigt einen weiblichen Falter an einen Fichtenstamm.) Diese Maßnahme
ist bei einer _beginnenden_ Nonnenkalamität oder bei eben erfolgten
Überflügen in bisher nicht befallene Waldgebiete die wirksamste
Vertilgungsmaßnahme, wenn sie _sofort_ nach dem Auftreten der Falter
mit möglichster Beschleunigung, also mit möglichst viel flinken und
raschen Arbeitskräften, vorgenommen wird. Man kann also in diesem
Falle, wenn man wirkliche Erfolge erzielen will, auf die Mitwirkung
von Schulkindern nicht verzichten, um so weniger als das erfolgreiche
Faltersammeln sich nur auf die _kurze_ Zeit vor und während der
Eiablage erstreckt. Falter zu sammeln, die ihre Eier abgelegt haben,
hat keinen Zweck, sie tun keinen Schaden mehr und sterben in Kürze ab.
Sehr lebhaft sind zur Faltervertilgung neuerdings wieder Leuchtfeuer,
Fackeln, Scheinwerfer oder irgendwelche andere starke Lichtquellen
empfohlen worden, alle diese Mittel sind bereits bei früheren
Nonnenplagen, so z. B. in den Jahren 1908 bis 1910 in Sachsen und
1890/91 in Bayern in großem Maßstabe versucht worden, sämtlich
ohne durchschlagenden Erfolg. Herrscht zufällig einmal bei einem
Hochzeitsflug günstiges warmes Wetter, so fliegen wohl einige
Zehntausende Falter in die Leuchtfeuer, meistens aber sind es Männchen,
denn sowie die Weibchen mit der Eiablage beschäftigt sind, kümmern
sie sich um Feuer und Fackeln nicht im geringsten mehr und bei rauhem
kühlen Wetter tun dies auch die Männchen nicht.
Weiter kommt in Frage das Sammeln von Eiern. Diese Maßnahme ist mühsam
und schwierig, denn die Eier sind gut unter Rindenschuppen verborgen,
die erst mit dem Messer abgeblättert werden müssen, um die Eier zu
finden. Will man die Eier abkratzen, fallen viele zu Boden und bleiben
entwicklungsfähig. Besser ist daher die Eier mit Teer zu überstreichen.
Im ganzen ist dieser Maßnahme nur geringe Bedeutung beizumessen, da man
nur den geringen Teil der Eier im untersten Stammabschnitt vernichten
kann.
Bei sehr starkem Befall kann auch das Eiersammeln lohnen, wie
die Sammelergebnisse des Herbstes 1921 beweisen, die über
einundzwanzigmillionen Eier im Forstbezirk ergeben haben.
Das Sammeln von Raupen kommt zumeist in Kulturen, in denen man die
Raupen ablesen kann, in Frage. In Althölzern kommen zeitweilig,
namentlich bei großer Hitze und kurz vor der Häutung große Massen von
Raupen aus den Kronen bis in den untersten Stammteil herab, so daß sie
hier ebenfalls mit gutem Erfolg in größeren Mengen vernichtet werden
können, wenn diese Erscheinung rechtzeitig bemerkt wird.
Das Sammeln von Puppen ist nur neben dem gleichzeitigen Raupensammeln
und bei starkem Befall von Wert; da die Puppen in borkigen Beständen
ziemlich schwer zu finden sind, lohnt das Sammeln nicht sonderlich.
Mehrfach ist auch das Bespritzen mit giftigen Flüssigkeiten
versucht worden. Dies empfiehlt sich namentlich zur Vertilgung
von Spiegelräupchen unter Verwendung der bekannten auch gegen
die Kiefernschütte gebräuchlichen Platzschen Pflanzenspritze mit
fünfprozentiger Lösung von Obstbaumkarbolineum. Unter Verwendung des
Verlängerungsrohres dieser Spritze kann man die Stämme bis hoch hinauf
mit dem Verstäuber erreichen.
Auch mit giftigen Gasen, wie sie im Kriege Verwendung gefunden haben,
sind in Böhmen umfassende Versuche gemacht worden. Leider zeitigte auch
dieser Versuch keinen Erfolg. Es starben höchstens die Bäume ab, aber
nicht die widerstandsfähigen Raupen.
[Illustration: Abb. 2 =Nonnenraupengespinste unter den Leimringen=
(Phot. Oberverwaltungs-Inspektor Herrmann, Zittau)]
Als letztes uns zu Gebote stehendes Mittel bliebe nur noch der
viel umstrittene Leimring zu besprechen. Seine Wirkung ist eine
doppelte. Zunächst fängt er alle unterhalb des Leimringes aus den
Eiern gekommenen Spiegelräupchen, die zum Fraße in die Baumkronen
hinaufsteigen wollen, ab, und verurteilt sie zum Hungertode. Wer
in der Sächsischen Schweiz in diesem Frühjahre derartige geleimte
Bestände besichtigt hat, wird bestätigen können, daß durch die
Leimringe schon in einem einzigen geleimten Bestande Millionen und
Milliarden von Räupchen vernichtet worden sind, bevor sie irgendwelchen
Schaden anrichten konnten. Die Abbildungen 2 und 3 geben davon ein
anschauliches Bild. Da man nun damit rechnen kann, daß etwa die Hälfte
der Raupen sich zu weiblichen Faltern entwickelt haben würden, so sind
für das nächste Jahr ebensoviel eierablegende Weibchen, die man beim
Sammeln im Falterzustande in gleichem Maße niemals gefangen hätte, mit
vernichtet worden.
Zum besseren Verständnis der Abbildungen 2 und 3 sei noch folgendes
hinzugefügt: die im Frühjahr aus den Eiern ausgeschlüpften Räupchen
sitzen zunächst einige Tage dicht gedrängt in sogenannten Spiegeln
beisammen, ehe sie den Aufstieg in die Baumkronen beginnen. Bei ihren
Wanderungen spinnen sie ununterbrochen ihre feinen Fäden, die sie
auf den Unterlagen stellenweise festheften, so daß zuletzt feinste
schleierartige Gespinste entstehen. Diese Gespinste werden um so
dichter, je mehr Räupchen denselben Weg nehmen. Das ist namentlich
unter den Leimringen der Fall, unter denen sich schließlich gewaltige
Mengen von Spiegelräupchen ansammeln, die immer spinnend rastlos den
Stamm umwandern, am Leimring, den sie nicht überschreiten können, sich
an einen Gespinstfaden fallen lassen, um dann denselben Weg ruhelos zu
wiederholen, bis sie schließlich an Nahrungsmangel zugrunde gehen.
Vielfach werden die leichten Räupchen, an ihrem feinen Spinnfaden
hängend, vom Winde nach Nachbarbäumen verweht, dadurch bildet sich
eine Querverbindung von einem Baum zum anderen, bei zahlreichen Raupen
vermehren sich diese Fäden rasch, kreuzen sich und werden von den
Räupchen nun gewissermaßen als Brücke von Baum zu Baum und von Ast zu
Ast benutzt und immer dichter versponnen, so entstehen schließlich auch
dichte Schleier zwischen nahe beieinanderstehenden Bäumen, in denen
ebenfalls Massen von Räupchen zugrunde gehen.