Denn mit einer nur äußerlichen Betrachtung kann man den Zielen und den
Notwendigkeiten des Heimatschutzes nicht beikommen. (Mit diesem Wort,
das auch den Schutz der Bau- und Naturdenkmäler einschließen will,
faßt man bekanntlich die Bestrebungen zur Pflege unsrer schönen Heimat
zusammen.) Es handelt sich beileibe nicht um eine Liebhaberei. Der
Heimatschutz ist vielmehr ein Teil einer großen Kulturbewegung. Der
materiell so günstige Aufschwung unsres Vaterlandes seit dem Kriege
von 1870 war unstreitig in mancher Beziehung nicht gleichbedeutend
mit Kultur. Man vergaß vielfach, daß materielles Wohlergehen nicht
Selbstzweck sein kann, sondern nur ein Mittel zu einer höheren
Entwicklung, die möglichst weiten Volksschichten Vervollkommnung
und Glück ermöglicht. Diese Überschätzung des Materialismus und
Kapitalismus ließ unter anderm auch die Rücksichten außer acht, die
man auf die Erhaltung der Schönheit und Eigenart des Bildes der Heimat
nehmen muß; denn die Heimat mit allen ihren Schönheiten ist schließlich
doch Gemeingut aller, ist etwas mehr als nur ein Objekt der Ausbeutung,
als eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Die ärgsten Verunstaltungen
unsrer früher überall so schönen Orts- und Landschaftsbilder waren
die Folge. Andre wurden obendrein angerichtet bloß durch den Mangel
an Verständnis und an Fähigkeit, ein Haus, eine Wegeanlage usw.
vernünftig zu gestalten. Soweit man z. B. etwas Besonderes »für die
Kunst« tun zu müssen glaubte, wie beim Hausbau oder bei der Errichtung
von Denkmälern, machte sich ein übler Parvenügeschmack, ein hohles
Protzentum breit.
Gegen diese Schädigungen der Heimat wandte sich die
Heimatschutzbewegung, als ein Teil jener Gegenströmung gegen den
Materialismus, die etwa seit der Wende des Jahrhunderts eine Erneuerung
unsrer gesamten Kultur erstrebt. Der Heimatschutz begann den Kampf
zum Schutze von idealen Gütern, die seines Erachtens das Leben in
der Heimat erst lebenswert machen. Von Anfang an hat er jedoch dabei
betont, daß er durchaus nicht überspannt und weltfremd vorgehen
wolle, und hat darauf hingewiesen, daß, von einer höheren Warte
aus betrachtet, seine Forderungen, die auf allgemeine kulturelle
und speziell vielfach auf schönheitliche Gründe gestützt werden,
schließlich doch auch das für die volkswirtschaftliche Entwicklung auf
die Dauer allein Segensreiche und Notwendige sind. »Es ist das, was wir
anstreben, keineswegs rückschrittlich, reaktionär oder romantisch, wie
man es vielleicht schelten wird; wir denken nicht daran, dem Rade der
Entwicklung, auch der wirtschaftlichen, in die Speichen zu fallen, um
es aufzuhalten oder gar zurückzudrehen, was wir doch nicht vermöchten,
– aber wir können und wollen es lenken, daß es nicht unnötig die
Schönheiten unsrer Heimat zermalmt und uns nicht hinabführt in den
Abgrund, sondern hinauf auf die Höhen wahrer Kultur. Daß diese Höhen,
die früher nur von einer privilegierten Minderheit beschritten werden
konnten, jetzt allen zugänglich gemacht werden, – das ist der einzige
wahre Sinn des modernen technischen Fortschritts!« (Fuchs, Professor
der Nationalökonomie an der Universität Tübingen, in »Heimatschutz und
Volkswirtschaft«, 1905.) Der Heimatschutz will, indem er für den Schutz
der Heimat wirkt, weitesten Kreisen den Blick öffnen für die Schönheit
und Eigenart unsrer Heimat. Er will mit seiner Arbeit allen Menschen
Möglichkeiten des Glücks und von Freuden erhalten, die doch gewiß zu
den besten gehören.
Das ist die hohe soziale Aufgabe, die er übernommen hat, und das
macht auch seine besondere Bedeutung für unsre arme Gegenwart aus!
Gewiß, erst muß der Mensch – in dieser schweren Zeit doppelt – bemüht
sein, sein Brot zu verdienen und überhaupt zu leben. Aber so heißt es
auf jede Kultur verzichten, wenn man sagt, er könne in dieser Zeit
überhaupt für nichts andres mehr Sinn haben. Das ist aus äußeren
Gründen falsch. Solange es zu Alkohol und Tabak reicht, muß es auch
noch zu höheren, kulturellen Bedürfnissen reichen. Es ist aber auch aus
inneren Gründen unrichtig. Der Mensch lebt nicht von Brot allein, und
der Reichtum ist eine Sache, die nicht nur auf äußere Dinge gegründet
ist, sondern die ebenso in uns selbst liegt. Das bekannte Beispiel:
Ein Reicher, der sich das teuerste Klavier gekauft hat, kann allein
deshalb noch nicht darauf spielen. Aber auch ein Armer kann mit den
vielen geistigen Genüssen und Werten, die ihm trotz seiner Armut zu
Gebote stehen, nichts anfangen, solange er es nicht gelernt hat. Hier
liegt das Geheimnis. Noch heute gilt das Dichterwort: In deiner Brust
sind deines Schicksals Sterne. Je ärmer wir werden, je schlechter
es uns geht, um so mehr müssen wir lernen, unser Leben mit idealen
Werten auszustatten. Vor allem mit den Werten, die uns nichts kosten,
die jedem, auch dem Ärmsten im Volke, zu Gebote stehen, wenn er nur
seine Augen für die Schönheit dieser Welt offen hält. Man behaupte nun
etwa nicht, der »Mann aus dem Volke« habe dafür doch keinen Sinn! Das
ist einfach nicht wahr! Dutzende von Beispielen könnten zum Beweise
beigebracht werden. Und für den, der uns trotzdem nicht glaubt, ergibt
sich doch schließlich nur die Forderung an den Staat, besser als bisher
für die Erziehung der »breiten Massen« zu sorgen, damit sie auch an den
Genüssen der »sozial Höherstehenden« teilnehmen können. Zweifellos wird
die Volksbildung gar nicht genug tun können, die Kenntnis der Heimat
und die Freude an ihr zu vertiefen. Die Volkshochschule hat hier eines
ihrer besten Tätigkeitsfelder. Vor allem aber wird es natürlich Sache
der Schule sein, dieses Ziel weit mehr als früher in den Vordergrund zu
stellen. Es ist bekannt, daß sie sich dieser Aufgabe bewußt ist. Sie
kann dabei des Dankes und der Mitarbeit weitester Kreise sicher sein.
»Die Schönheit unsres Vaterlandes ist ein nationaler Reichtum.«
Diesen Satz tragen die Veröffentlichungen des Heimatschutzvereins von
Frankreich (das schon im Frieden Millionen für diese Bestrebungen
aufwandte). Wir fügen hinzu: Sie ist ein Reichtum, den uns kein Feind
rauben kann, nur wir selbst. Vor dem Kriege wollte man oft mit einem
gewissen Schein des Rechtes geltend machen, es wäre nicht so schlimm,
wenn auch viele Gegenden verunstaltet würden. Bei den billigen
Verkehrsmöglichkeiten habe auch jeder Arbeiter, der in einer dumpfen
freudlosen Vorstadt lebe, die Möglichkeit, am Sonntag in eine schöne
Gegend zu fahren und sich dort zu erholen. Das ist bekanntlich jetzt
anders. Jetzt müssen wir darauf dringen, daß jeder Wohnort und jede
Landschaft nicht etwa nur gerade noch menschenwürdig, sondern so schön
bleibt, daß man sich dort wohl fühlen kann.
Damit ist schon übergeleitet zu der Tatsache, daß der Heimatschutz
sich nicht nur auf ideale Forderungen gründet, sondern sich auch
mit vielen schwerwiegenden materiellen Interessen deckt; hier mit
der Pflege der Volksgesundheit. So ist er z. B. längst, bevor diese
Forderungen durch die neue Wendung der Politik vertreten wurden, für
Bodenreform eingetreten, für innere Kolonisation, vor allem dafür, daß
jedermann auch sein Gärtchen und sein Stück Land bekäme, weiter für
Verstaatlichung der Naturkräfte usw. Und wenn der Heimatschutz sich
gegen die Begradigung aller Wasserläufe wendet (deren Übertreibung
Hochwasserschäden, Austrocknung des Landes, Verminderung des
Fischreichtums mit sich gebracht hat) und gegen die Verunreinigung
der Gewässer, und wenn er sich für den Schutz der nützlichen Vögel
einsetzt, wenn er – um einige weitere Beispiele zu nennen –, vor
den schematischen Bebauungsplänen mit viel zu breiten kostspieligen
Straßen ebenso wie vor der Errichtung vieler überflüssiger Denkmäler
gewarnt hat, so vertritt er damit auch schwerwiegende Interessen rein
volkswirtschaftlicher Art.
Ganz besonders gilt dies für die Ziele des Heimatschutzes auf dem
Gebiete des Bauwesens. Allenthalben ist von der Verbilligung des
Bauens die Rede, und doch müssen die amtlichen Stellen fast in jedem
Falle die Erfahrung machen, daß die Bauherren die Grundbedingung dazu
außer acht lassen. Sie wollen nicht einsehen, daß man bei den jetzigen
Verhältnissen (wenn man nicht zu den Reichen gehört) seinen Bau nur
dann durchsetzen kann, wenn im Äußern wie im Innern so einfach und
so sparsam wie möglich und auch wesentlich kleiner gebaut wird als
früher. Fast alle Bauherren lassen sich Bauzeichnungen machen, wie man
sie vor dem Kriege gewohnt war, möglichst im sogenannten »Villenstil«,
sehr reichlich groß, mit Vor- und Anbauten, Verzierungen und sonstigem
Aufwand. Und doch waren alle Einsichtigen schon vor dem Kriege längst
darüber einig, daß nur ein irregeleiteter Geschmack und die Sucht nach
dem Mehr-Scheinen-Wollen solche Bauten sich wünschen, und daß die
schlichten Wohnhäuser viel schöner sind. Was aber in der Zeit früheren
Reichtums in erster Linie Geschmacksfrage war, das ist heute zwingende
Notwendigkeit. Wir können uns solchen verfehlten Luxus einfach nicht
mehr leisten. Wir müssen heute schlicht bauen, praktisch, solid und
dauerhaft natürlich (denn das Unsolide ist auf die Dauer das Teuerste)
und bei aller Einfachheit trotzdem oder richtiger gerade deshalb
schön. »Die erste Bedingung für die Verbilligung eines Baues ist also
eine gute, der Armut unserer Zeit entsprechende Bauzeichnung. Fehlt
sie, dann nützt alle Sparsamkeit bei der Bauausführung nichts, es ist
dann unmöglich, daß der Bau billig wird.« (Aus einer Bekanntmachung
des Stadtrats Rennert in Meiningen, betreffend Baukostenzuschüsse.)
So sind die Forderungen, die der Heimatschutz auf dem Gebiete der
Architektur aus Gründen der Sachlichkeit und Wahrhaftigkeit seit Jahren
erhoben hat, durch die wirtschaftlichen Zeitverhältnisse glänzend
gerechtfertigt worden.
Aber nicht nur am Bauwesen, sondern überhaupt ist heute die
Notwendigkeit der Bestrebungen des Heimatschutzes in allen einsichtigen
Kreisen des Publikums anerkannt und ebenso auch durch den Staat. Der
Heimatschutz findet jetzt seine feste Stütze in der Reichsverfassung.
Artikel 150 stellt fest: »Die Denkmäler der Kunst, der Geschichte und
der Natur, sowie die Landschaft genießen den Schutz und die Pflege
des Staates.« Damit ist ausdrücklich betont, daß der Staat seine
Verpflichtungen gegen die Heimatschutzsache mit der Schaffung von
Gesetzesvorschriften allein nicht erfüllt, sondern daß er auch sonst
Maßnahmen zum Schutz und zur Pflege der Schönheit und Eigenart der
Heimat treffen muß.
Es sind Maßnahmen und Aufwendungen, die sich hundertfach lohnen.
Das Raubwild im Haushalte der Natur
Von _Hainz Alfred von Byern_
»Wissen Sie,« sagte mir einmal ein Jagdherr, »das ist doch eigentlich
sonderbar, auf meinem ganzen Revier gibt es kein einziges Stück
Raubzeug, und trotzdem werden die Strecken von Jahr zu Jahr schlechter!«
»Jawohl,« entgegnete ich, »eben _weil_ Sie alles Raubwild abschießen
lassen!«
Der gute Mann sah mich ungläubig lächelnd an, er meinte wohl, ich wolle
einen Scherz machen. Aber dann klärte ich ihn auf:
»Können Sie sich eine Großstadt, oder meinetwegen auch ein ganzes
Reich, ohne Sanitätspolizei denken?«
»N–ein, – nein, eigentlich nicht –«
»So, na sehen Sie, und da wollen Sie klüger sein als die Natur,
welche das Haarraubwild und die gefiederten Räuber einzig und allein
aus dem Grunde erschaffen hat, um die Ausbreitung von Seuchen, die
Fortpflanzung kranker und schwächlicher Stücke zu verhindern?! Denn
jeder Fuchs, Marder und Iltis _wittert_ es, ob ein Stück Wild krank
oder gesund ist, jeder Wanderfalke, Hühnerhabicht, Rauhfußbussard und
Milan schlägt das _schwächste_, zur Nachzucht ungeeignetste Stück, weil
er es am leichtesten erbeuten kann!«
Mein Bekannter war recht nachdenklich geworden, und als ich ihn nach
drei Jahren wieder besuchte – ei siehe da! – die Strecken hatten sich
um fünfzig Prozent gehoben und Raubwild gab es gerade so viel, daß die
gesunden und kräftigen Stücke von der »freiwilligen Sanitätspolizei«
verschont blieben! –
Bitte, meine Herren, fragen Sie mal jeden alten, erfahrenen
_Praktiker_! Er wird Ihnen – ich wette tausend zu eins! – sagen:
»Ein Revier, namentlich ein _Niederwildrevier_ ohne Raubwild _muß_
herunterkommen, ist einfach ein Unding!« _Eine_ Ausnahme gibt es: die
Fasanerie! _Da_ freilich soll es heißen: Krieg _allen_ Räubern! Und
mit allen _weidgerechten_ Mitteln: Pulver und Blei, Knüppelfallen
und Kastenfallen, Krähenhütte und Hasenquäke, _aber nicht mit
dem aasjägerischen, hundsgemeinen Gift und diesen furchtbaren,
tierquälerischen Marterwerkzeugen, den Eisen, in denen sich so ein
armes Gottesgeschöpf eine lange, endlos lange Winternacht in stummen
Schmerzen, in Todesangst quält und windet_!
Zwei Arten Raubwild verdienen keine Schonung: wildernde Hunde und
verwilderte Katzen. Die schieße ich ab wo und wann ich ihrer habhaft
werde.
Aber es gibt mir einen Stich, wenn ich lese, daß Herr X. das
»Weidmannsheil« hatte, einen Adler zu erbeuten. Ja, meine Herren,
muß denn _alles_ »verruiniert« werden?! Muß das _wirklich_ sein?!
Ich meine, wir, unser heutiges Geschlecht, unsere »moderne« Zeit,
sind so bettelarm an ethischen Werten, an Dingen, die sich nicht mit
schmutzigen Markscheinen kaufen lassen! Soll uns denn die Freude an der
Natur, die Liebe zum Mitgeschöpf _auch_ noch genommen werden?!
Wie meinten Sie, Verehrtester? Ein Marderbalg kostet jetzt
fünfzehnhundert Mark? Sehr richtig, und ein Hirsch ist ein brauner
Lappen! Aber, lieber Herr Neureich, Sie haben doch Kinder – Enkel
sogar? Na also, sehen Sie mal, sollen die vielleicht statt Füchse
Ratten, statt Falken Sperlinge schießen?! Dann sind sie nicht Jäger,
sondern »Kammerjäger«.
»Jeder ist sich selbst der Nächste!«
»Ach nein, Herr Neureich, jeder – Sie und ich, – sind ein Glied in
einer Kette, ein einziges Rädchen der gigantischen Maschine, und wir
haben die Pflicht – verstehen Sie mich recht: die _Pflicht!_ – das Erbe
nicht zu verschleudern, sondern zu erhalten und zu mehren!
Sehen Sie nur einmal einem Wanderfalkenpaar bei seinen Flugspielen
zu, beobachten Sie eine Marderfamilie und – wenn Sie dann den rechten
Finger nicht auch mal vom Abzug lassen können, tun Sie mir leid – Sie
_Schießer_!!«
Nun werden meine liebwerten Leser wohl bald aufsässig werden und sagen:
»Nächstens verlangt der Kerl noch eine gesetzliche Schonzeit für das
Raubzeug!« Ganz recht, meine Herren, das tue ich auch, wenigstens für
einige seltene Arten: Fischreiher, Adler, Edelfalken, Baummarder,
Uhu usw. _Warum soll denn bei uns etwas nicht gehen, das z. B. in
Mecklenburg schon seit einiger Zeit Landesgesetz ist?!_
Freilich – wie viele unsrer jetzigen Jäger können wohl einen
Rauhfußbussard von einem Mäusebussard, Wespenbussard oder
Hühnerhabichtweibchen unterscheiden? (Daß es – hm – »Jagdkarteninhaber«
gibt, die jeden Kuckuck als Sperbermännchen ansprechen, sei nebenbei
erwähnt.)
Und – ich kenne Leute, die jedes Stück Raubwild grundsätzlich auf
die unglaublichsten Entfernungen beschießen mit der drastischen
Entschuldigung: »Ach was, das ist ja »_nur_« Raubzeug, hoffentlich
kriegt es ein paar Schrote ab!«
Diesen Schindern und Aasjägern soll ein dreifaches Donnerwetter in die
Knochen fahren! Wie sagt Riesenthal?
»Bewahr’s vor Mensch _und Tier zumal_,
_Verkürze_ ihm die Todesqual!
Sei außen rauh und innen mild,
_Dann_ bleibet blank dein Ehrenschild!«
Laufen solche – solche – solche – (ich finde keinen Ausdruck aber
– platzen soll’n se! Bajonett’ soll’n se schwitzen! Ä Ephei soll’n
se wär’n un wuchern soll’n se um nix!) herum, haben sich als Jäger
kostümiert und sind doch nichts als schlecht verkleidete Henkersknechte!
_Diese_ Sorte ist schuld, wenn das Weidwerk bei den breitesten
Volksschichten in Mißkredit gekommen ist, wenn uns von der grünen
Gilde (wie dies kürzlich eine der verbreitetsten Tageszeitungen tat)
»Sadismus« vorgeworfen wird!
Ihr Gesangbuchchristen und Pharisäer: _ehrt den Schöpfer in seinem
Geschöpf_! Wer sagt euch denn, daß ihr mehr seid, ihr lieblichen
Ebenbilder Gottes, als die stumme, leidende, wehrlose Kreatur?!
Größenwahnsinnig seid ihr! – Vor Gott, dem Lenker aller Weltensysteme,
dem Gestalter und Erhalter dieser Ungeheuerlichkeit, die wir mit unsern
dumpfen, stumpfen Sinnen nicht begreifen können, seid ihr Mikroben,
seid ihr Stäubchen im Weltenall!
_Eines_ allein bleibt: die Liebe, die sich für uns ans Kreuz schlagen
ließ, die Liebe, die auch im hilflosen Geschöpf ein gleichberechtigtes
Wesen sieht!
Oder – _wie wollt ihr Barmherzigkeit erlangen, wenn ihr selbst kein
Erbarmen kennt_?!
Und nicht nur ein Erbarmen aus Nützlichkeitsgründen, nein, _auch dem
verfehmten verfolgten Raubwild gegenüber_!
Wohl bekomm’ euch meine Philippika, ihr Herren!
Landheimbau
Unser altes Landheim, die Sorge am Habichtsberg bei Cranzahl, hatten
wir verloren. Zu Pfingsten 1919 mußten wir sie verlassen, da das Haus
zum Abbruch von der Gemeinde Cranzahl verkauft worden war. Aber die
Amtshauptmannschaft Annaberg verbot den Abbruch, – und uns eröffnete
sich die Aussicht, unser Heim, das uns in so vielen Jahren, seit 1913,
lieb und traut geworden, wieder zu gewinnen, – als Ostern 1920 die
Sorge abbrannte. »Durch Funkenflug der Lokomotive« stand’s in der
Zeitung geschrieben. Aber wir wissen, daß das unmöglich ist.
Wir suchten uns ein anderes Heim. In jetziger Zeit eine recht
schwere Aufgabe. Dieses Jahr, noch war Winter, untersuchten zwei von
unserer Ortsgruppe das Häusel im Schmalzgruber Hammerwerk auf seine
Bewohnlichkeit. Es war bereits stark verfallen, Türen und Fenster
fehlten, innen sah es schwarz und finster aus. Dem Verfall geweiht.
»Das wird ein Heim für uns. Wir bauen es uns wohnlich aus!«
Der Besitzer, Herr Fabrikbesitzer Paul Pilz in Niederschmiedeberg,
zeigte sich uns außerordentlich entgegenkommend, und bald war der
Vertrag abgeschlossen. Wir hatten ein Heim, das wir wieder unser nennen
konnten. Und für den Jungen bedeutet es eine große stolze Freude, wenn
er sagen kann, dies Haus ist unser. Er ist mit seinem Heimatboden näher
nun verbunden.
Aber eine gewaltige Arbeit stand uns nun bevor: das Häusel ausbauen.
Kosten sollte, durfte und konnte es nicht viel. Arbeitslohn brauchten
wir keinen, da wir selbst die Arbeiter stellten. Herr Pilz überließ uns
viel Material für den Ausbau in der freundlichsten und freigebigsten
Weise, so daß wir hier in ihm eine mächtige Stütze fanden. Sein
Betriebsleiter, Herr Leichsenring, ging uns mit Rat und Tat zur Seite.
So war es eine Lust zu schaffen. Und mancher, der vorüberging, hat sich
gewundert, wie eine Handvoll Annaberger Jungens und Studenten »mitten
im kalten Winter« schwer gearbeitet haben und dabei so lustig waren.
Eins stand uns beim Ausbau von vornherein fest: das Häusel bleibt in
seiner Eigenart voll gewahrt.
An einem frühen Sonntagmorgen vor den Osterferien rückte eine Schar
Jungen mit Handwagen, Hacken, Schaufeln, Eimern, Besen, Kellen, Hammer,
Beilen und einem Handofen von Annaberg weg nach dem neuen Heim in
Schmalzgrube.
Kräftig ging der Angriff los. Das Wetter war prächtig, die Sonne lachte
dazu, und bald stand das ganze Häusel im Nebel, so kehrten und fegten
alle dienstbaren Geister darin herum und brachten den Dreck und Staub
hinaus aus dem Haus. Nur die Hose auf dem Leib, so schranzte alles,
daß es »nur so roochte«. Die zerfressenen Bretterdielen wurden auch
gleich herausgenommen, es waren nur noch kleine Stücke, »Fragmente«. An
diesem Tage war das Häusel sauber gekehrt, dahinter aber im Steinbruch
hatte sich ein ganz beträchtlicher Schutt- und Kehrichthaufen gebildet.
Schwarzgrau und verrußt sahen die aus, die aus dem Häusel herauskamen.
Im nahen Bache wurde sich gründlich gewaschen, um am späten Nachmittage
den Heimmarsch anzutreten. Nicht schlecht guckte unser lieber
Leichsenring über die Arbeit, die in den paar Sonntagsstunden geschafft
worden war. Ja, das war für die Buben ein ander Zugreifen und Schaffen,
als auf der Schulbank zu sitzen.
Die Osterferien kamen. Mit ihnen neuer unerwarteter Schnee und neue
Kälte, dann wieder Tauwetter, kalter Wind und wieder Schnee. Das alles
in recht bunter Abwechslung.
Das hielt uns nun nicht ab, den Bau mit Wucht weiterzuführen. Ein
Sachkundiger hatte uns einen Bauplan entworfen. Im übrigen half uns
Vater Leichsenring, wo er nur konnte. Und Mutter Leichsenring hatte
nichts weniger zu tun, als zweimal am Tage für durchschnittlich
fünfzehn Mann – alles starke Esser und keine Kostverächter – warmes
Essen zu kochen. Wir kochten diesmal nicht selbst, damit wir hiermit
keine Zeit verloren. Unser Nachtquartier hatten wir in einem
leerstehenden Zimmer des Nachbarhauses bezogen.
Sofort begann die Arbeitsteilung. Die eine Hälfte der Mannschaft
arbeitete im Heim, die andere ging »auf Transport«.
Uns war die Arbeit nicht leicht gemacht durch das böse Wetter.
Verdrießen aber konnte uns das nicht.
In der unteren vorderen Stube arbeiteten immer drei bis vier Mann,
hackten den schwarzen Boden, der steinfest gefroren war mühsam, oft
nur splitterweise los. 25 Zentimeter tiefer wollten wir den Fußboden
legen in einer Fläche von 27 Quadratmetern, weil wir ihn betonieren
und darauf die Diele legen wollten. Acht Tage haben wir gebraucht,
um den förmlich zu Stein gefrorenen Boden herauszuhacken. Die Hände
wurden dabei steif und rissig. Die Hacke prellte ganz ekelhaft in den
Händen. Dabei kam beim Tieferlegen des Bodens das Grundwasser hervor,
so daß von Zeit zu Zeit ein Mann schöpfen mußte, was in der Kälte auch
nicht gerade ein Vergnügen war. Außerdem pfiff der Wind durch die öden
Fensterhöhlen.
In der Hausflur und in der hinteren unteren Stube wurden Stützbalken
eingezogen. Im Obergeschoß rissen wir die Dielen heraus, um den
noch versteckt liegenden Unrat herauszuschaffen. Manch altes Schloß
und anderes verrostetes Eisenwerk fanden wir, so daß wir bald eine
»Raritätensammlung« anlegen wollten. Zwei wohlerhaltene Kinderkutschen
waren auch vorhanden. Wir benutzten den Oberteil davon zum Sand holen.
Der Sand wurde aus dem nahen Teiche von zwei Mann herausgeschaufelt,
in die Kinderkutschen geworfen und dann auf einem Schlitten von zwei
Mann über die abschüssige Wiese ans Haus herangefahren und dort
ausgeschüttet, wo ihn ein Mann durchs Sieb warf. Das Obergeschoß blieb
im übrigen unberührt, nur die gröbsten Löcher im Schindeldach wurden
mit Holzbrettern ausgebessert.