dem Hohen Meißner im Oktober 1913 besiegelte den Bund zwischen dem
Heimatgefühl der Jungen und dem Heimatwollen der Alten. Diese große
Bewegung konnte nicht ohne Einfluß auf Art und Stil aller Wanderer
bleiben, zumal auch die dem Wandervogel verwandten Jugendbünde diesen
von ihm übernahmen. Eine der erfreulichsten Erscheinungen unsres
sonst bisher so wenig erfreulichen Jahrhunderts ist die Tatsache, daß
sich alle diese Bewegungen: Touristik, Jugendbünde und Heimatschutz
gegenseitig befruchten und ergänzen. Und eines der angenehmsten
Produkte dieser Wechselbeziehungen ist der _Wanderer unsrer Tage_.
Das zeigt sich schon rein äußerlich. Er legt ebensowenig Wert auf die
komfortable Korrektheit des Touristen wie auf die Formlosigkeit des
Wandervogels. Er wandert barhäuptig und halsfrei, aber wenn die Sonne
brennt oder wenn es stundenlang regnet, dann hindert ihn kein Prinzip,
den Hut aus dem Rucksacke zu holen oder den Kragen zuzuknöpfen. Seine
Unterkunftshäuser sind keine Hotels mit Speisekarte und Himmelbett,
aber sie bestehen auch nicht nur aus einem Dach, einem Tisch und einem
Heuhaufen. Dagegen legt er großen Wert darauf, daß sie sich in die
Landschaft einfügen, in der sie stehen, und daß ihre Ausstattung so
beschaffen ist, daß der eben geschilderte Wanderer hineinpaßt. Nichts
dokumentiert besser die gekennzeichnete Entwicklung des Wanderers von
1900 bis 1920 als seine Unterkunftshütten. Welchen hervorragenden
Anteil der _Heimatschutz_ gerade auf diesem Gebiete hat, brauche ich
hier nicht darzulegen.
Auch die Wahl der _Wandergebiete_ zeigt den neuen Menschen. Er zieht
nicht nur in Heide und Moor, aber er schätzt ihre feineren Reize
neben den großartigen der Alpen und des Schwarzwaldes, durchwandert
Gebirge, die bisher die Touristik nicht gewürdigt hatte und findet
in Vogelsberg und Rhön, Jura und Erzgebirge, Weserbergland und Eifel
Schönheiten, von denen die Touristenweisheit sich nichts hatte träumen
lassen. Er würdigt von Kulturstätten im Gegensatz zum Wandervogel
nicht nur Burgruinen und mittelalterliche Nester; der Hafen von Emden
und die Parks der Barockschlösser, der Leipziger Hauptbahnhof und die
Münchner Galerien haben ihm nicht weniger zu sagen als die malerischen
Gäßchen von Rothenburg und Kronach oder die zerfallenen Mauern von
Hanstein und Hirsau. Wichtiger noch als der Gegenstand ist die Art
seiner Betrachtung. Hier handelt es sich nicht nur um Mischung von
Touristen- und Wandervogeleigenschaften, wenngleich ihm auch die mehr
beobachtende Einstellung des einen ebenso vertraut ist, wie die mehr
gefühlsmäßige des anderen. Hier setzt eine ganz neue Betrachtungs- und
Erfassungsweise ein, die ich kurz bezeichnen möchte als das _denkende
Erleben_ der Landschaft. Man muß schon bis auf Goethe zurückgehen, um
einen Wanderer zu finden, wie er sich jetzt als Gattung auszubilden
beginnt. Es ist unmöglich, an dieser Stelle alle die Wurzeln, die
zu dieser Entwicklung führen, aufzudecken (Ratzels Deutschland; die
amerikanischen Einflüsse in der geographischen Wissenschaft; die
Wanderfreude der jungen Geographengeneration; die Erweiterung des
erdkundlichen Unterrichts auf der Mittelschule; die zentrale Stellung
der Heimatkunde im Gesamtunterricht der Grundschule usw.). Nur auf
eine Institution muß ich hinweisen, die diese Entwicklung unter den
alten Wanderern mächtig gefördert hat, die _Volkshochschule_ mit ihren
verschiedenen Ausstrahlungen. Schließlich möchte ich noch versuchen,
diesen neuesten Wanderertyp, den ich den _denkenden_ nennen will,
mit wenigen Worten zu charakterisieren. Der Hauptzug seines Wesens
ist, daß er Zusammenhänge sucht und findet, wo seine Vorgänger nur
Einzeltatsachen sahen. Für ihn ist ein Dorf nicht eben ein Dorf, ein
Berg ein Berg, ein Tal ein Tal, ein Wald ein Wald. Die Rundlinge der
Elbaue und des Niederlands haben für ihn ein anderes Gesicht als die
Waldhufendörfer des mittleren Erzgebirges und die Streusiedelungen
auf dem Kamme, denn er kennt ihre Geschichte und den Zusammenhang
mit der Landschaft, in der sie liegen. Wenn er in den Tharandter
Wald geht, genießt er _vier_ Wälder, wo der Normaltourist nur
_einen_ sieht; denn einen ganz anderen Charakter hat der Buchenwald
auf dem Basalt des Landberges als der Fichtenwald auf den weiten
Porphyrdecken um Grillenburg, der Kiefernforst auf den Sandsteinhöhen
des Markgrafensteins als der Mischwald an den Gneishängen des
Weißeritztales. Jedes Tal, in dem junge und greisenhafte Formen
wechseln, in dem auf die vom Sturzbach durcheilte Schlucht die
weiche Mulde folgt, in der derselbe Bach in großen Windungen in
selbstgeschaffener Aue müde dahinschleicht, läßt vor seinem Auge nicht
nur die Geschichte des Tales, sondern diejenige der ganzen Landschaft
aufsteigen, in die es eingebettet ist.
Für ihn bekommen die _Namen_ der Berge, Straßen, Siedlungen, die
unsre Vorfahren ihnen mit feinem Gefühl gaben, weil sie ihr Vaterland
_kannten_ und nicht nur im Munde führten, neues Leben. Die groteske
Welt des Elbsandsteins klingt ihm entgegen aus den mit Stein, Horn,
Hörnel, Turm, Tor, Wand, Schlucht, Schlüchtel, Klamm und Gründel
zusammengesetzten Namen. Nur eine bedeutende Erhebung in der
Sächsischen Schweiz führt den Namen: Berg, und diese besteht nicht
aus Sandstein, sondern aus Basalt: der Winterberg. Er trägt auch
nicht wie alle andern den dürren Kiefernwald auf seinem Rücken,
sondern Buchenwald. Ähnliche Gegensätze spiegeln sich in Namen wie:
Sandschlucht – Steingrund, Verlorenes Wasser – Nasse Aue. Die Geologie
des Vaterlandes wird lebendig, wenn sie uns entgegentritt in Namen
wie: Grauberg (Gneis), Blauberg (Schiefer), Roter Berg, Rotes Vorwerk,
Purpurberg (Porphyr, roter Quarz), Rotes Wasser (Zinnwäschen),
Weißenstein, Weißenfels, Weißwasser (Kalk, Quarz, Granit), Eisenborn
und Kupferberg. – Eschenhau, Eschdorf, Eichwald, Eichberg, Eichleite,
Buchholz, Buchberg, Erlenschlucht, Lindhardt, Lindigt, Tanndorf,
Tännigt, Kiefernhöhe, Fichtelberg und unzählige ähnliche Namen spiegeln
den ursprünglichen Baumbestand wider, der leider bis auf die Flecke,
wo der Untergrund es verbot, der nivellierenden Forstwirtschaft zum
Opfer gefallen ist oder vom Kulturlande verdrängt wurde. Von den
fränkischen und thüringischen Auswanderern, die in unsre Gebirge
mit Axt und Pflug eindrangen, oder den Agenten (Locatores), die sie
dahin führten und dann als Schulzen (Erbgerichte) betreuten, künden
uns folgende Dorfnamen: Ullersdorf (Ullrich), Cunnersdorf (Konrad),
Dittersdorf (Dietrich), Hartmannsdorf, Waltersdorf, Rathmannsdorf,
Ottendorf, Leupoldishain, Nikolsdorf, Erkmannsdorf, Nenntmannsdorf,
Hennersbach und Reinholdshain. Fürstennamen tragen einerseits die neben
deren Schlössern gebildeten Ortschaften: Moritzburg, Augustusburg,
Karlsruhe, Ludwigsburg, anderseits die Exulantensiedelungen, die unter
ihrem Schutz entstanden: Georgenfeld (Gottgetreu), Johanngeorgenstadt,
Carlshafen. Endlich noch ein paar Namen, die Leben und Wirtschaft
unsrer Vorfahren widerspiegeln: Hammergut, Schäferei, Butterstraße,
Salzstraße, Kirchweg, Mühlweg, Leichenweg, Rabenhügel und Galgenberg.
Ich glaube, diese Namenübersicht, die selbstverständlich zu einem
dicken, höchst interessanten Buch ausgebaut werden könnte, zeigt
schon, wie weit und wie tief das Gebiet des »denkenden« Wanderers
ist. Sie zeigt aber auch, daß man nicht von heute auf morgen in
diese Wandererkategorie übergehen kann. Schule, Volkshochschule,
Heimatschutzvorträge und eine reiche Literatur bieten aber dem
Wollenden und Ausdauernden die Mittel, um diese Ziele zu erreichen.
Vielleicht ist ein andermal Gelegenheit, die sämtlichen Hilfswerke des
denkenden Wanderers wohlgeordnet aufmarschieren zu lassen; an dieser
Stelle will ich nur auf die Bücher hinweisen, die _ausgearbeitete
Touren_ bieten. Es sind dies in erster Linie die Dresdner, Chemnitzer,
Lausitzer[2] und Leipziger[3] Wanderbücher, herausgegeben von
Erdkundelehrern der betreffenden Orte. Dem vorwiegend historisch
eingestellten Wanderer werden Schmidts Kursächsische Streifzüge,
dem geologisch interessierten die Führer von Beck, Nessig (Dresdens
Umgebung), Krenkel (Nordwestsachsen), Beger (Lausitz) und Credner
(Granulitgebirge) reiche Anregung geben[4].
Der unselige Krieg hat uns siebzigtausend Quadratkilometer deutschen
Landes geraubt. Wie viele von uns haben sie gekannt? Wer kennt von
den uns verbleibenden vierhundertsiebzigtausend Quadratkilometern nur
den hundertsten Teil so, wie es eines Volkes der Denker und Dichter,
Goethes und Humboldts, würdig ist? – Schöne Anfänge auf diesem Gebiete
lassen schöneren Fortgang erhoffen. Die Volkshochschulkurse, die
sich dieser Aufgabe widmen, sind überlaufen, und die geographischen
Wanderbücher, die ebenfalls denkende Wanderer erziehen wollen,
»gehen« beinahe wie Courts-Mahlersche Romane. Erfreulicherweise
zeigt sich dabei auch wieder die Wahrheit des Karl Brögerschen
Kriegsliederrefrains: »daß Deutschlands ärmster Sohn auch sein
getreuester war.« Möchten diese Pioniere auf dem behandelten Gebiete
recht bald viele Kameraden aus _allen_ Schichten finden, die mit
ihnen ein neues gemeinsames Glück sich erkämpfen in der _schauenden_,
_fühlenden_ und _denkenden_ Eroberung der Heimat.
Fußnoten:
[2] Erschienen bei Wittig und Schobloch, Dresden-Wachwitz
1921/22.
[3] Verlag von Bressendorf, Leipzig 1920.
[4] Vergleiche auch die weniger geographisch als literarisch
bedeutungsvollen Schilderungen in Johanna M. Lankaus
_Dresdner Spaziergängen_ und Edgar Hahnewalds _Grünen
Film_. Weitere Wanderaufsätze von letzterem (Oschatz,
Leisnig, Mühlberg, Strehla, Pulsnitz, die Röder, der
Valtenberg, der Triebenberg, Stolpen, Bischofswerda, der
Schraden usw.) erschienen in der Dresdner Volkszeitung. –
An gleicher Stelle finden sich des Verfassers erdkundliche
Wanderungen: 2. November 1921: Moritzburg, 23. November:
Gottleuba-Nollendorf, 4. März 1922: die Heide, 1. April:
Auf den Spuren der Eiszeit, 15. April: Durchs Meißner Land,
26. April, 13. Mai: Auf der Wetterwarte, 24. Juni: Auf der
Zille.
Das Abkochverbot.
Das vom Finanzministerium im Sommer 1921 erlassene Verbot des
Mitführens von Geräten zum Abkochen in den fiskalischen Waldungen
außerhalb der öffentlichen Wege hat manche Verstimmung in der
Bevölkerung erregt und ist mehrfach als unbegründete Beschränkung der
persönlichen Freiheit bezeichnet und deshalb auch in der Sitzung des
Vorstandes Abteilung Naturschutz des Sächsischen Heimatschutzes zur
Erörterung gestellt worden.
Über die Gründe, die zu dieser Maßnahme geführt haben, gab
Oberforstmeister Feucht als Vorstand des Forstbezirks Schandau, der in
erster Linie von zahlreichen und umfänglichen Brandschäden im Jahre
1921 betroffen worden war, folgende Aufklärung:
Bei dem anhaltend schönen, trocknen und heißen Wetter, das im Frühjahr
1921, Sommer und Herbst mit ganz kurzen Unterbrechungen geherrscht
hatte, ergossen sich in die Sächsische Schweiz Ströme von Wanderern,
von wilden und zahmen Wandervögeln, Pfadfindern und Bergsteigern, die
zum großen Teile Geräte zum Abkochen mit sich führten.
Durch das Abkochen und vielfach grobe Fahrlässigkeit beim Rauchen sind
in den Waldungen der Sächsischen Schweiz mit ihren dürren Sandböden
und flachgründigen Felsbestockungen zahllose Brände von zum Teil
erheblichem Umfange verursacht worden, deren Verhütung die Forstbeamten
fast machtlos gegenüberstanden, da alle Warnungen und Verbote nichts
fruchteten.
Das Abkochen ist, wie man hier vielfach beobachten konnte, in eine
bloße Spielerei und einen groben Unfug ausgeartet, denn wenn jemand
einen eintägigen Ausflug von Dresden in die Sächsische Schweiz macht,
liegt wirklich keine Notwendigkeit vor, deshalb sich mit großen
Kesseln zum Abkochen abzuschleppen, um so weniger, als gerade in der
Sächsischen Schweiz an allen Ecken und Enden Wirtshäuser und sonstige
Erfrischungsgelegenheiten in reichlichem Maße vorhanden sind.
Das kurze Vergnügen des Abkochens, das namentlich für jugendliche
Gemüter mit einem gewissen romantischen Schimmer umgeben ist, kommt
schließlich dem Lande und der Allgemeinheit der Steuerzahler sehr
teuer zu stehen. Beträgt doch die Summe der Waldbrandschäden und
Löschungskosten allein in den Staatsforsten im Jahre 1921 über
dreiviertel Million Mark.
Besonders gefährlich ist dieses Abkochen neuerdings noch dadurch
geworden, daß leider jetzt vielfach auch die Kletterer begonnen
haben, auf für gewöhnliche Sterbliche unzugänglichen Felsen und
Hörnern abzukochen, wo für die Forstbeamten das Löschen bei der
schwierigen Zugänglichkeit der Brandherde und bei der Unmöglichkeit,
das Bodenfeuer auf solchen Felsen durch Überwerfen mit Erde und Sand
zu löschen, eine ebenso undankbare wie lebensgefährliche Arbeit
ist, weil genügend Erde auf diesen nur mit einer Rohhumusschicht
bedeckten Felsen fehlt. Wenn sich bei solchen Löschungsarbeiten
plötzlich der Wind dreht, wie dies bei Waldbränden häufig der Fall
ist, so können die Arbeiter kaum schnell genug ausweichen und geraten
selbst in Lebensgefahr. Wurden doch mehrfach an solchen Brandstellen
die Kochgeräte aufgefunden, welche die Wanderer, die vielfach keine
Ahnung von der Gefahr und dem raschen Umsichgreifen eines Waldbrandes,
namentlich bei heftigem Winde, haben, bei ihrer raschen Flucht vor dem
Feuer im Stiche lassen mußten.
Solche Brände auf kaum zugänglichen Felskegeln und Hörnern dauern
oft wochenlang und verursachen durch die ständige Bewachung der
bedrohten Bestände unterhalb dieser Felsen gewaltige Kosten, da
Tag und Nacht Arbeiter zur Stelle sein müssen, um die immer wieder
herabstürzenden glimmenden Humusmengen und die schließlich an den
Wurzeln durchgebrannten abstürzenden alten Kiefern der Felsbestockung
zu löschen, um neue Brände in den Beständen am Fuße der Felsen zu
verhüten.
So währte z. B. der am Sonntag, den 26. Juni, ausgebrochene, mehrfach
in den Tageszeitungen geschilderte Brand auf dem kleinen Lorenzstein
wochenlang. Immer wieder flammte das Feuer, das nach dem leider zu
kurzen Regen am 3. Juli bereits erloschen schien, bei stürmischem Winde
wieder auf und eine der uralten Kiefern nach der anderen stürzte,
nachdem sie an den Wurzeln durchgebrannt war, brennend ab, wie
namentlich in der Nacht weithin beobachtet werden konnte. Auch zwei
weitere Gewitterregen am 20. und 26. Juli löschten den glimmenden Humus
nicht völlig, denn an den heißen schwülen Tagen des 30. und 31. Juli
brach das Feuer infolge stürmischen Windes nochmals aus und erlosch
erst, nachdem aller Humus an den ergriffenen Stellen verbrannt war.
Schweren Schaden hat auch der gewaltige Brand an dem Hangstein,
Lamm und Lokomotive verursacht, woselbst am Sonntag, den 24. Juni,
bei stürmischem Südostwind gegen 6 Hektar mit der ganzen schönen
Felsbestockung dieser weit und breit bekannten malerischen Felsgruppe
am Amselgrund vernichtet worden ist. Die Löschungskosten haben allein
gegen vierzehntausend Mark betragen, der Schaden gegen vierzigtausend
Mark.
Der ebenfalls an einem Sonntag, den 31. Juli, ausgebrochene Brand
der Felsbestockung im Schrammsteingebiete brannte bis zum 11.
August und erforderte eine ununterbrochene Bekämpfung und Bewachung
der Bestände am Fuße der Wände, wofür ein Kostenaufwand von
dreitausenddreihundertneunundsechzig Mark entstanden ist. Kleinere
Brände auf unzugänglichen Felsen brachen noch mehrfach aus, z. B.
auf dem Goldstein, den Thorwalder Wänden und noch am 2. Oktober,
ebenfalls einen Sonntag, auf einem Felsenhorn zwischen Rauschen- und
Falkeniergrund. Dieser Brand schwelte ebenfalls über eine Woche und
verursachte gleichfalls umfängliche Löschungs- und Bewachungskosten von
über dreitausend Mark.
In der Sächsischen Schweiz ist aber fast noch mehr als der materielle
Verlust durch solche Brände vom Standpunkte des Heimatschutzes aus die
unersetzliche Vernichtung der malerischen Felsbestockung der alten
Kiefern mit ihren abenteuerlichen Formen zu beklagen, die vielfach
jahrhundertelang den Stürmen und der Dürre in fast unbegreiflicher
Weise getrotzt haben und nunmehr vielleicht niemals wieder auf diesen
Höhen wachsen werden.
Ein künstlicher Anbau ist auf solchen Standorten ganz ausgeschlossen,
nur die Natur selbst kann durch das eine oder andere Samenkorn, das von
vielen Tausenden der Wind auf eine geeignete Stelle weht, allmählich
wieder einen spärlichen Nachwuchs erzeugen. Aber auch diese Hoffnung
ist nur schwach begründet, denn durch das von unverständigen Menschen
an diese sonst unzugänglichen Orte gebrachte Feuer ist auch die gesamte
Humusschicht, die im Laufe von Jahrhunderten sich auf diesen Höhen
langsam angesammelt hatte und die einer kümmerlichen, aber zähen und
ausdauernden Baumvegetation die spärlichen Nährstoffe lieferte, mit
verbrannt. Die Aschenreste werden vom Regen abgespült oder vom Winde
verweht und schließlich bleiben nur die nackten Felsen übrig, auf denen
vielleicht nie wieder ein Samenkorn wird Fuß fassen können.
Die Versammlung hielt nach diesen Ausführungen weitere Schritte von
seiten des Heimatschutzes nicht für angezeigt.
»Antons«
Von Denkmalpfleger ~Dr.~ _Bachmann_
(Aufnahmen von _J. Ostermaier_, Blasewitz)
Jedem Dresdner ist das kleine Landhaus wohl bekannt, das schräg
gegenüber, flußabwärts der Waldschlößchenbrauerei auf dem Johannstädter
Ufer gelegen ist. Fast das ganze Jahr hindurch lag bisher das Anwesen
mit seinen schönen Baumgruppen trotz nächster Nähe der Großstadt in
idyllischer Ruhe da, die nur von Spaziergängern oder Sporttreibenden
belebt wurde. Einmal aber, im Sommer, zur Zeit der großen Vogelwiese,
bildet »Antons«, wie die Dresdner es nennen, eine Insel in den
hochgehenden Wogen der Volksfeststimmung.
[Illustration: Abb. 1 =Antons im Jahre 1754=
(aus Dresdner Geschichtsblätter 1918)]
Antons ist nicht immer, wie bis zum Jahre 1921, Sommersitz einer
Dresdner Familie gewesen. Carl Hollstein gibt uns darüber in Nr. 4 der
Dresdner Geschichtsblätter von 1918 genauen Aufschluß. Danach wurde
das Schlößchen mit dem Garten, ersteres aber noch ohne den Dachreiter
und die Veranda (siehe Abb. 1), von dem Oberfloßinspektor der Elster-
und Erzgebirgischen Flößerei, Christian Gottlob Anton, unter Kurfürst
Friedrich August II. im Jahre 1754 angelegt und mit Gerechtigkeiten
versehen: »sowohl der Gastier und Ausspannung, als auch des
Branntweinbrennens, diesen und einheimische und fremde Biere und Weine
einzulegen, zu verzapfen und verschänken usw.« Auch eine Kegelbahn
wurde in einem der langen Wirtschaftsflügel untergebracht.
Antons war demnach auch Ausflugsort für die Dresdner und Kneipe
zugleich und ist solches bis weit in das neunzehnte Jahrhundert
geblieben. So wird es also auch der exzentrische E. Th. A. Hoffmann
gekannt haben, als er einige Jahre in Dresden verlebte, und so finden
wir ja auch Antons in seinen Novellen genannt.
[Illustration: Abb. 2 =»Antons«.= Schauseite an der Elbe]
Auch Kriegsstürme sind oft darüber hinweggebraust, merkwürdigerweise
ohne besondere Spuren hinterlassen zu haben. Truppen Friedrichs des
Großen lagen hier während des Angriffs und der Beschießung auf Dresden
und besonders heftig tobten im August 1813 um Antons, das benachbarte
»Stückgießers« und das »Lämmchen« die Kämpfe zwischen Napoleons Garden
und den angreifenden Russen, wie das der Freund Dresdner Geschichte in
A. Brabants Buch »In und um Dresden 1813« nachlesen mag.
[Illustration: Abb. 3 =»Antons«.= Blick auf die Gartenrückseite des
Hauptgebäudes mit dem Rondell]
Antons hat verschiedentlich den Besitzer gewechselt. Nach dem Erbauer
war lange Jahre das Anwesen Eigentum des Geh. Kriegsrates von Broizem,
der eine Baumallee von dem Fürstenwege (heute Blumenstraße) bis
zum rückwärtigen Eingang anlegte, die aber vermutlich schon 1813
fortifikatorischen Maßnahmen zum Opfer fiel. Bis 1832 gehörte dann
Antons einem Herrn von Limburger, der es an die bekannte alte Dresdner
Bankiersfamilie von Kaskel verkaufte, in deren Händen es bis zur
Übernahme durch die Stadt, 1921, verblieb.
[Illustration: Abb. 4 =»Antons«.= Die Kegelbahn mit dem Hauptgebäude im
Hintergrund]
Wie die Zeichnung (Abb. 2) erkennen läßt, ist das Schlößchen selbst ein
durchaus anspruchsloser, aber feingegliederter Bau, typisch für den
Landhausstil seiner Entstehungszeit (1754). Was dem Ganzen aber die
charakteristische Note gibt, ist die gutempfundene Eingliederung ins
Landschaftsbild, geschaffen aus jenem untrüglich sicheren Geschmacks-
und Stilempfinden heraus, das die Bauherren und Baumeister jener Tage
auszeichnete und das wiederzugewinnen ja das Bemühen und die Sehnsucht
unserer Tage ist.
[Illustration: Abb. 5 =»Antons«.= Die Aussichtsterrasse im Gartenwinkel]
Im staatlichen Inventarisationswerk (Bd. Dresden 3, Seite 738)
gibt Cornelius Gurlitt uns eine kurze Baubeschreibung, desgleichen
Mackowsky in »Erhaltenswerte bürgerliche Baudenkmäler in Dresden«.
Die in den Abmessungen durchweg bescheidenen Räume gliedern sich zu
seiten einer Mitteltreppe. Im Erdgeschoß ist unter anderem ein Salon
untergebracht, der sich mit einer breiten gedeckten Holzveranda
nach dem Garteninnern öffnet, gleichzeitig aber auch durch das hier
in der Gartenmauer angebrachte Lattengitter den Blick auf die Elbe
gestattet. Im Obergeschoß ist nach der Loschwitzer Seite ein zweiter
Salon gelegen, mit zierlicher Blumentapete und Rokokostuckdecke
in einfachen Mustern. Auch die fein profilierten Türen tragen
bescheidenes Rokokoschnitzdekor. Freilich die schönen Stilmöbel und die
Kristallüster sind mit dem Auszuge der letzten Bewohnerin verschwunden
und das ehemals so feinsinnig zusammengestimmte Milieu von Antons
ist damit leider für immer dahin. Das Aussichtstürmchen mit der Uhr,
das »Belvedere«, und der von einfach profilierten Pfeilern getragene
Balkonvorbau über dem Haupteingang an der Elbseite sind, wie schon
erwähnt, spätere Zutat des neunzehnten Jahrhunderts, gliedern sich
aber dem Gesamtbild in trefflicher Weise ein, wie ein Vergleich der
Abbildungen 1 und 2 eindrucksvoll lehrt.
[Illustration: Abb. 6 =»Antons«.= Durchblick im Park mit der alten
Platane.]
Antons schönster Schmuck jedoch ist der dicht an das Haus anschließende
Garten, den man trotz seiner verhältnismäßig kleinen Abmessungen von
etwa 150 zu 100 Meter Länge und Tiefe gern als Park bezeichnen möchte.
Riesige Kastanien und Linden umrahmen ein dicht am Hauptgebäude
gelegenes Rasenrondell (siehe Abb. 3) und verdecken es nach dieser
Seite fast gänzlich. Flußabwärts birgt sich die malerische alte
Kegelbahn, von Efeu umsponnen, dicht unter alten Baumriesen, kaum daß
die Sommersonne Platz hat, ein paar goldene Lichter auf Holzwerk und
Weg zu legen (Abb. 4). Verschlungene Wege, nach englischem Geschmack
angelegt und von Efeuhecken umrahmt, führen zu immer neuen, malerisch
schönen Durchblicken. In der südlichen Gartenecke, im Mauerwinkel
liegend, wird ein niedriger Aussichtsaltan sichtbar (siehe Abb. 5), von
herrlichen Kastanien und Linden beschattet, und unweit davon strebt aus
dunklen Efeubeeten eine mächtige Platane hell heraus (siehe Abb. 6).
So klein die Anlage ist, so wirkungsvoll erscheint sie hier durch
gärtnerische Kunst gestaltet.
Lange hat so Antons mit einer Parkanlage im tiefen Frieden geruht,
ein Denkmal feinsinniger Kultur aus vergangenen Tagen. Heute nun
herrscht lebhaftes Bade- und Sportsleben in und um das alte Landhaus
herum und der stimmungsvolle Reiz des Ganzen ist damit wohl für immer
dahin. Der Freund der Heimat und sächsischer Kultur muß sich aber
fragen, ob zu dieser gewaltsamen Änderung wirklich ein zwingendes
Bedürfnis vorlag, ob es wirklich nötig war, ein Stück bester Dresdner
Tradition zu zerstören, um ein Luftbad mehr entstehen zu lassen in
einer Zeit, in der die den Elbufern benachbarte Bevölkerung sich mehr
und mehr gewöhnt, in der freien Elbe und an ihren Ufern ein möglichst
uneingeschränktes Freibadeleben zu genießen. Uns will es scheinen,
als hätten die für die »Modernisierung« von Antons von der Stadt
ausgegebenen Millionen an anderem Platze besser und zweckdienlicher
Verwendung finden können, denn auch die Erhaltung der Denkmäler alter
Kultur ist eine Ehrenpflicht des freien Volkes, und der Ertüchtigung
unserer Jugend dient in erster Linie auch der, der es unternimmt, sie
vom Werte der Tradition und von den Grundlagen unserer heutigen Kultur
zu überzeugen.
Die Pflege der Schönheit und Eigenart der Heimat als soziale Aufgabe
gerade für unsre arme Zeit
Von _Fritz Koch_, Weimar
Wenn man für eine Notwendigkeit eintritt, die Schönheit und Eigenart
unsrer Heimat zu pflegen, so hört man nicht selten die Meinung, unsre
Zeit sei zu hart und zu arm, als daß sie sich mit solchen idealen
Dingen beschäftigen dürfte. Und doch hat unsre arme Zeit dazu erst
recht die Verpflichtung.