»Exkursionsflora für Sachsen« als »sehr selten« bezeichnet wird, ist
die fleischfarbene _~Erica carnea~_ oder _Schneeheide_. Im Gegensatz
zu ihren Schwestern, die sämtlich an der Schwelle zwischen Spätsommer
und Frühherbst in Blüte stehen, ist die Schneeheide ein Kind des
Vorfrühlings, und ihre roten Polster sind ein hervorragender Schmuck
der sächsisch-böhmischen Bergwälder bei Brambach, Schönberg, Wildstein.
Ihr Vorkommen beschränkt sich im allgemeinen auf die südvogtländische
Granitinsel rund um den Kapellenberg, wenn auch hier und da in den
Kontaktgebieten, so im Muskowitschiefer bei Hennebach und Dürrngrün
in Böhmen, Schneeheide vorkommt. Als im Jahre 1885 der Eisenbahndamm
zwischen Ölsnitz und Adorf mit Brambacher Granitschutt beschottert
wurde, gedieh auch dort Schneeheide; sie kränkelte aber bald und
ging schließlich ein. Im Jahre 1906 versuchte ich, an der Südseite
des Hasenpöhles bei Ölsnitz Schneeheide zu akklimatisieren. Kräftige
Pflanzen aus den der Fürstenschule St. Afra in Meißen gehörigen
Brambacher Rittergutswaldungen wurden eingesetzt. Jedem Steckling
war ein großer Ballen heimatlicher Erde und reichlich Granitsand in
die Fremde mitgegeben worden, um die Lebensbedingungen möglichst
günstig zu gestalten. Vier Jahre später habe ich Schneeheidesamen
aus Mieders und Fulpmes im unteren Stubaital in Tirol ebenfalls am
Ölsnitzer Hasenpöhl unter Zuhilfenahme von vogtländischem Granitsand
ausgesät. Und der Erfolg beider Versuche? Die gepflanzte ~Erica
carnea~ gedieh zunächst ganz prächtig, ging aber dann stockweise
ein, und die letzten spärlichen Exemplare starben 1919 am Heimweh.
Der ausgesäte Same mag von vornherein die Aussichtslosigkeit der
Entstehung fortpflanzungsfähiger Schneeheideexemplare geahnt haben und
– ging gar nicht erst auf. Granitner Grund scheint eine Mitbedingung
des Fortkommens der Schneeheide zu sein. Wesentlicher jedoch als
die Kausalität zwischen Granit und Schneeheide scheint mir die
hochinteressante Beziehung zwischen dem Vorkommen der Schneeheide und
dem Vorhandensein radioaktiver Wässer zu sein. Es fällt unwillkürlich
auf, daß die Schneeheide ausgerechnet im Bereich der sächsischen
und böhmischen Bäder: Bad Elster, Brambach, Franzensbad, Karlsbad,
Königswart und Marienbad vorkommt. Alle diese Bäder besitzen, wie schon
Felix Heller in Band X, Heft 4–6, Jahrgang 1921 der »Mitteilungen des
Landesvereins Sächsischer Heimatschutz« ausführt, Quellen mit mehr
oder weniger starkem Radiumgehalt. Brambach, mit der weitaus größten
Zahl Macheeinheiten (2200), hat auch die stärkste Bodenbedeckung
mit Schneeheide. »Es liegt da nahe, die Radioaktivität des Wassers
als Ursache des Gedeihens der Pflanze anzusehen oder eine durch
Radium-Emanation bedingte höhere Bodenwärme.« Wissenschaftlich
ausgeführte pflanzenbiologische Untersuchungen könnten hier Klarheit
schaffen.
Die Schneeheide ist stark gefährdet, da sie in den blütenarmen Monaten
März und April Verkaufsobjekt, Handelsware, Erwerbsgegenstand geworden
ist. Trotz strenger Verbote der Amtshauptmannschaft Ölsnitz und der
Bezirkshauptmannschaft Eger setzt bei beginnender Schneeschmelze
alljährlich ein förmlicher Vernichtungskampf ein; und so ist das
Fortbestehen der obervogtländischen Schneeheide genau so gefährdet wie
das in den Alpenländern von einer rücksichtslosen Fremdenindustrie
bedrohte Edelweiß.
Zu den aussterbenden Gewächsen der heimischen Wälder gehört noch ein
anderes Vorfrühlingskind: der Kellerhals oder Seidelbast (~Daphne
Mezereum~). In Wildrosenhecken und im Schlehdorngesträuch leuchten
an kahlen, holzigen Stengeln scharlachrote Blüten und hellgrüne
Blattspitzen. Ein starker Geruch, wie von bitteren Mandeln, entströmt
den Giftblüten. Auch das prächtige Pfaffenhütchen (~Evonymus europaea~)
unsrer Wälder wird seltener. Je charakteristischer und auffallender
eine Pflanzenerscheinung ist, desto mehr fällt sie der Beachtung und –
Vernichtung anheim.
Unsre Heimat hat in ihrem großen Lebeweseninventarium nicht nur
aussterbende Tiere zu verzeichnen, sondern auch untergehende Pflanzen.
Insoweit dieses völlige Verschwinden mit unbedingt notwendigen
Kulturfortschritten ursächlich in Zusammenhang steht – ich denke
an das Zurückgehen der Sumpf- und Moorflora infolge Urbarmachung
bisher brachliegender Hochmoore –, ist dies wohl bedauerlich,
kann aber im Interesse gesunder kultureller Weiterentwicklung des
Menschengeschlechts nie und nimmer aufgehalten werden. Die Menschheit
kann nicht hungern, um etwa eine seltene Torfmoosart der Nachwelt
zu erhalten. Aber die gefährlichsten Feinde der seltnen Flora sind
nicht die Pioniere der Kultur, sondern sogenannte »Naturfreunde«. Ihr
deutschen Jungen, gefährdet nicht die letzten Reste einer sterbenden
Pflanzenwelt, indem ihr die wehrlosen Leiber derselben zusammenpreßt
und euerm furchtbaren Herbarium einverleibt! Diese Totenkammern,
diese Leichenhäuser, diese Mumiensammlungen tragen die Schuld, wenn
die eigenartigsten und charaktervollsten Vertreter unsrer heimischen
Pflanzenwelt dem Tode geweiht sind. Andachtsvoll stehe ich vor der
einzigen und letzten ~Erica Tetralix~ meiner Heimat. Ich rühre sie
nicht an. So gehe hin und tue desgleichen!
Zur Geschichte des Bibers in Sachsen
Von _Rud. Zimmermann_, Dresden
Zu den Mitteilungen über das Vorkommen des Bibers in Sachsen von ~Dr.~
Koepert in Band X, Heft 1–3, Seite 56–58 der Heimatschutz-Mitteilungen
seien mir einige ergänzende Angaben gestattet.
Der Biber, dessen einst viel weiter ausgedehntes Verbreitungsgebiet
in Deutschland heute zu dem letzten, räumlich kleinen Vorkommen
im Gebiet der Mulde und der Elbe zwischen den Städten Dessau und
Magdeburg zusammengeschrumpft ist, hat sich in unserem Vaterlande
Sachsen ziemlich lange gehalten; sein letztes Vorkommen an der
Mulde bei Wurzen ist erst in den vierziger Jahren des verflossenen
Jahrhunderts erloschen. Allerdings hat er es bei uns nie zu einer
besonders großen Verbreitung gebracht; die ganze Natur des Landes, das
nur in seinen nördlichen Teilen dem Tiere zusagende Aufenthaltsorte
bieten konnte, ist einer weiteren Ausdehnung seines Vorkommens von
vornherein hinderlich gewesen. Bereits in vorgeschichtlicher Zeit
stoßen wir auf seine ersten Spuren im heutigen Sachsenlande: Funde
eines Unterkieferastes einmal in einer neolithischen Erdgrube bei
Zauschwitz nahe bei Pegau (unweit der Elster) und zum anderen in der
Heidenschanze bei Coschütz südwestlich von Dresden, sei er aus der
slawischen oder der vorslawischen Zeit, denen sich spätere weitere
sechs Kieferreste von Leckwitz unweit der Elbe aus slawischer Zeit
angeschlossen haben, sind die ersten sicheren Belege vom Vorkommen des
Tieres in nachdiluvialer Zeit und geben uns gleichzeitig Kunde von
der Verwendung seines Fleisches in der »Küche« der vorgeschichtlichen
Bewohner unseres Landes. In geschichtlicher Zeit nennt den Biber
Lehmann in seinem »Historischen Schauplatz derer natürlichen
Merckwürdigkeiten in dem Meißnischen Ober-Erzgebirge«, 1699. Er
schreibt: »Biber sind nicht so gemein als die Fischotter, welche aber
von den dazu bestellten Otternfängern aufgesucht und ausgegraben
werden.« Jedoch dürfte er sich dabei, da der Biber seinem ganzen Wesen
und seiner Lebensweise nach aber wohl kaum jemals im Erzgebirge, auf
das sich ja die Lehmannsche Darstellung bezieht, vorgekommen sein
dürfte, schwerlich auf eigene Erfahrungen und Kenntnisse gestützt,
sondern lediglich unverbürgtes Gerede wiedergegeben haben. Wie Lehmann,
so erwähnen auch andere spätere Schriftsteller den Biber nur dem Namen
nach, geben aber niemals einen Fundort an oder sprechen sich über
solche so allgemein aus, daß wir uns daraus kaum ein genaueres Bild
von der ehemaligen Verbreitung des Tieres im heutigen Sachsen machen
können. v. Fleming in seinem »Vollkommenen deutschen Jäger«, 1719, und
ebenso Döbel in seiner »Jäger-Practica«, 1746, gedenken des Tieres nur
kurz; v. Fleming sagt, daß »dieses Tier hier zu Lande sehr rar ist, und
man nur wenige oder keinen antreffen wird,« während Döbel genauer ein
Vorkommen nur aus dem Dessauischen, also überhaupt nicht aus Sachsen,
anführt. Erst Dietrich aus dem Winckell erwähnt ihn 1805 in seinem
»Handbuch für Jäger« »von der Mulde«, fügt dem aber leider auch wieder
keine genauere Ortsbezeichnung bei, so daß sich nicht entscheiden
läßt, ob er dabei auch die Mulde heute sächsischen Anteiles im Auge
gehabt hat. Ebenso sagt Pölitz in seiner »Geschichte, Statistik und
Erdbeschreibung des Königreichs Sachsen«, 1808–1810 (das damals aber
ja noch die jetzt preußische Provinz Sachsen mit umfaßte), »daß man
Biber allgemein in der Elbe und Neiße findet«, bis dann schließlich
1822 Schumann im achten Bande seines »Lexikons von Sachsen« sich als
erster Schriftsteller genauer über das Vorkommen des Tieres ausläßt und
uns mitteilt, daß »Biber nur an der Mulde bei Wurzen und an der Elbe
bei Strehla vorkommen.« Ein uns erhalten gebliebenes Verzeichnis des
während der Regierungszeit des Kurfürsten Johann Georg I. (1611–1656)
auf Jagden entweder von diesem selbst oder in seinem Beisein erlegten
Wildes führt 37 erbeutete Biber auf, und ein weiteres aus der
Regierungszeit seines Nachfolgers Johann Georg II. (1656–1680) gibt gar
597 Biber als erlegt an (die Angabe im neuen Brehm, Säugetiere, zweiter
Band, Seite 443, von 347 Stück – nach Genthe – muß dementsprechend
berichtigt werden) von denen neun vom Kurfürsten selbst erbeutet worden
sind. Doch darf man dabei nicht vergessen, daß damals das Land eben
auch noch die Provinz Sachsen mit umfaßte, die ja wohl ohne allen
Zweifel den Löwenanteil an den erlegten Bibern geliefert haben wird.
Der Fang der Biber, die man lange Zeit hindurch fälschlicherweise als
arge Fischräuber ansprach – erst Döbel in seiner »Jäger-Practica« läßt
sie als solche nicht mehr gelten – lag im ehemaligen Kursachsen den
Fischotter- und Biberfängern ob, die im Frühjahr und Herbst in ihren
Bezirken von einem Amt zum anderen zu reisen und neben den Fischottern
und dem übrigen kleinen Raubzeug auch dem Biber nachzustellen hatten.
Sie erhielten, solange sie unterwegs waren, für sich, ihre Gehilfen
und ihre Hunde eine tägliche Auslösung, und gegen Aushändigung der
erlegten Tiere oder ihrer Felle noch einen besonderen Fanglohn. Der
Biber scheint sich auch einer gewissen Schonzeit, allerdings weniger
aus rein weidmännischen Gründen, sondern, wie es scheint, mehr einer
bestimmten Verwendung seines Wildbretes wegen (als Fastenspeise),
erfreut zu haben, wie aus einer Verordnung des Oberhofjägermeisters
von Wolffersdorf vom 28. Februar 1750 an den Otter- und Biberfänger
Kluge in Dittersbach bei Chemnitz hervorgeht. In dieser Verordnung
wird dem Genannten vorgehalten, daß er »die Biber ohne Unterschied
der Zeit gefangen und eingeliefert, da doch laut bereits erteilter
Verordnung solches nicht eher als zur jetzigen Fastenzeit, da es
hergegen daran mangelt, geschehen sollen,« und ihm von neuem anbefohlen
wird, »künftig keinen Biber eher als zur Fastenzeit zu fangen und in
der Haut ins Dresdener Provianthaus einzuschicken.« »Dafern ein Biber
von ungefähr eingeht, so ist solcher jedoch jedesmal in der Haut
zum Dresdener Provianthaus einzuschicken.« Von den Fischotter- und
Biberfängern waren außer dem bereits von ~Dr.~ Koepert erwähnten, der
in Hintergersdorf seinen Sitz hatte, noch drei weitere angestellt,
je einer in Elbenau an der Elbe (Regierungsbezirk Magdeburg) und in
Liebenwerda an der Schwarzen Elster, also in der heutigen Provinz
Sachsen, der dritte in Dittersbach bei Chemnitz, dessen Bezirk gleich
dem Hintergersdorfer nur auch heute noch sächsisches Gebiet umfaßte,
nämlich die Ämter Augustusburg, Wolkenstein, Grünhain, Schwarzenberg,
Stollberg, Chemnitz, Rochlitz, Colditz, Grimma, Wurzen, Leisnig und
Sachsenburg. Im Jahre 1764 wurde durch eine Verordnung des damaligen
Landesverwesers, des Prinzen Xaver, die Einrichtung der Fischotter-
und Biberfänger, die mindestens bis ins siebzehnte Jahrhundert
zurückreicht, aufgehoben. Es scheint, als ob neben diesen, von der
Landesregierung bestellten Biber- und Otterfängern aber auch noch
einzelne Ämter eigene Fänger verpflichteten. Pfau wenigstens berichtet
uns, daß das Rochlitzer Amt 1651 einen solchen anstellte, der 1656 vier
Biber an der Zschopau bei Waldheim fing.
Leider aber sind uns weder über die Mengen der von den Fängern
erbeuteten Biber – und noch weniger über die Orte der Erbeutung
sichere Angaben überliefert, es müßte dann sein, daß die
fünfhundertsiebenundneunzig Biber aus der Zeit Johann Georgs II. zum
großen Teil den Fängern zum Opfer gefallen sind. Aus den Verordnungen
an den Dittersbacher und den Hintergersdorfer Fänger aber wissen wir
jedenfalls mit voller Sicherheit, daß auch im Gebiete des heutigen
Sachsens Biber erbeutet worden sind, und wir werden dabei wohl kaum
fehlgehen, wenn wir annehmen, daß sie ausschließlich im nordsächsischen
Flachland teils an der Mulde, teils an der Elbe und wahrscheinlich auch
in der Oberlausitzer Niederung, die wohl zum Bezirk des Liebenwerdaer
Fängers gehört hat, gefangen worden sind.
Für die Oberlausitz erwähnt den Biber die Zittauer Forstordnung
vom Jahre 1730. Jedoch ist nach Tobias hier der letzte bereits
1785 oder 1787 bei Leschwitz oder Deutsch-Ossig in der heutigen
preußischen Oberlausitz gefangen worden, so daß die oben angeführte
Angabe von Pölitz vom Vorkommen in der Neiße schon für ihre Zeit
nicht mehr richtig gewesen ist. Immerhin wurden um die Mitte des
achtzehnten Jahrhunderts in Bautzen noch Biberhüte angefertigt und
weithin verschickt. Wann der Nager an der Elbe sächsischen Anteiles
ausgerottet worden ist, ist leider nicht mehr festzustellen; außer der
Mitteilung Schumanns vom Jahre 1822 besitzen wir von hier keinerlei
Nachrichten mehr über ihn. Wohl aber liegen über sein Vorkommen
und sein Verschwinden an der Mulde bei Wurzen einige verläßlichere
Unterlagen vor. Das fürstliche Museum zu Waldenburg besitzt einen
1846 bei Wurzen erlegten Biber und außerdem befinden sich noch, wie
1909 ~Dr.~ Hesse mitteilt, im Leipziger Zoologischen Museum zwei
Stücke gleichfalls von der Mulde. Das eine, ein altes Tier, trägt
als Datum den 30. Januar 1809, das andere aber ist leider ohne Datum
und nur mit der Fundortsangabe »Nischwitz bei Wurzen« ausgezeichnet.
Hesse vermutet auf Grund der Abfassung und der Schrift des Zettels,
daß es etwa gleichzeitig mit dem Waldenburger Stück, vielleicht aber
auch noch bedeutend früher als dieses erbeutet sein könnte. Ein
1869 zuerst in der Gartenlaube erschienener Aufsatz Guido Hammers,
der dann auch in dessen 1891 herausgekommene »Wild-, Wald- und
Weidmannsbilder« übergegangen ist, berichtet von einem wildernden
Schäfer in einem Dorfe bei Wurzen, der einen Biber an der Mulde in
einem Eisen fing, das Wildbret mit seinen Vertrauten verzehrte,
Fell und Geil aber nach Leipzig schaffte, wo es Hehler heimlich
verwerteten. Nach einer Auskunft Hammers an Fickel ist der Zeit
dieses Vorganges aber nicht mehr sicher nachzukommen, doch dürfte der
letzte Biber auf Püchauer Flur, nördlich von Wurzen erbeutet worden
sein. In dem Waldenburger Biber besitzen wir demnach das nachweisbar
späteste Belegstück für das Vorkommen des Bibers in Sachsen. – Für
ein Vorkommen des Tieres weiter flußaufwärts an der Mulde wie auch
an der Elbe besitzen wir mit Ausnahme jener schon erwähnten Angabe
von Waldheim aus historischer Zeit keinerlei Anhalt – für die Elbe
allerdings läßt der schon eingangs erwähnte Coschützer Fund auf ein
Vorkommen stromaufwärts bis in die Dresdener Gegend wenigstens in
vorgeschichtlicher Zeit schließen – und auch des Tieres Wesen und
Lebensweise sprechen, wie eingangs ebenfalls bereits angedeutet, gegen
eine größere Verbreitung landeinwärts. Aus dem Gebiete der Vereinigten
Mulde dürfte unser Tier in das der Zwickauer Mulde kaum weiter als
über die Strecke Colditz–Rochlitz–Wechselburg vorgedrungen sein –
ein von Pfau als Stütze für ein häufigeres Vorkommen bei Rochlitz
angeführter Flurnamen bezieht sich auf eine Stelle, deren ganzer
Charakter gegen ein dauerndes Vorkommen des Nagers spricht – und für
das Gebiet der Freiberger Mulde, deren Unterlauf für ein Vorkommen
des Tieres viel geeigneter erscheint, als der der Zwickauer Mulde,
wird sein Vorkommen aus dem Charakter des Tales bis über die Gegend
Roßwein–Nossen hinaus wahrscheinlich. Einzeln mag er dann, wie der
schon erwähnte Fund in der Zschopau bei Waldheim beweist, in den
Unterlauf der Nebenflüsse aufgestiegen sein. Ein 1636 beim Fischen in
der Mulde in Zwickau gefangener Biber, und ein anderer, 1748 auf einem
Elbheger bei Niedermuschitz bei Meißen erbeuteter, dürften lediglich
einzelne versprengte Tiere gewesen sein. Darauf deutet ja auch schon
der Umstand hin, daß die zeitgenössischen Chronisten sie besonders
erwähnen, demnach ihre Erbeutung als ein ungewöhnliches Ereignis
aufgefaßt haben. – Aus der Einrichtung der Biber- und Otterfänger auf
ein häufigeres Vorkommen und eine weitere Verbreitung zu schließen,
ist meines Erachtens falsch; die Fänger waren zur Vertilgung von
Raubzeug überhaupt angestellt und hatten dabei eben auch, soweit er in
ihren Bezirken überhaupt vorkam, dem als Fischräuber angesprochenen
Biber mit nachzustellen, und daß sie diesen dabei nie in großen Mengen
fingen, geht deutlich auch aus der oben wiedergegebenen Vermahnung des
Dittersbacher Fängers hervor, in der es heißt: »da es dann hergegen
daran mangelt«, was aber bei einem häufigeren Vorkommen des Tieres
nicht der Fall hätte sein können. Wenn daher Berge annimmt, daß man den
Biber schon damals bei uns nicht mehr in größeren Kolonien, sondern
immer nur einzeln oder familienweise antraf, so wird man ihm darin nur
beistimmen können.
Ob schließlich das durch den Zauschwitzer Fund wenigstens für die
vorgeschichtliche Zeit gesicherte Vorkommen des Nagers auch in der
Weißen Elster noch in die geschichtliche Zeit hinein angedauert hat,
läßt sich heute kaum entscheiden, doch spricht meines Erachtens nichts
gegen die Annahme, daß der Biber dort wenigstens noch bis ins frühe
Mittelalter hinein vorkam, und dort erst später seinem Schicksal
erlegen ist.
_Anmerkung_: Eine Zusammenstellung des Schrifttums und der
Quellen zu vorliegender Arbeit findet sich am Schlusse meiner
Untersuchung »Zur Geschichte des Bibers im Gebiete des
ehemaligen Königreichs Sachsen« im »Naturwissenschaftlichen
Beobachter« 62, Frankfurt a. M. 1921, S. 97 bis 104.
Vom romantischen zum denkenden Wanderer
Von ~Dr.~ _Kurt Schumann_
Es dürfte eine reizvolle Aufgabe sein, einmal eine Geschichte _des
Wanderns und des Wanderers_ zu schreiben, von den Tagen an, da Abraham
auf Geheiß des in jenen Zeiten noch sehr menschlich mit seinen
Geschöpfen verkehrenden lieben Gottes fortzog »aus seinem Vaterlande,
aus seiner Freundschaft und aus seines Vaters Hause« ins Gelobte Land
Kanaan bis ins Zeitalter des Wandervogels, der Feriensonderzüge und der
Mount-Everest-Besteigung. Was würde da nicht alles an unseren Augen
vorüberziehen, selbst wenn man von den großen Massenwanderungen in
den Zeiten des Krieges, der religiösen Begeisterung oder des Hungers
absähe: der wandernde Prophet, der Minnesänger, der fahrende Schüler
und der Handwerksbursche, der Bettelmönch und der Pilger, Goethe und
Rousseau, Seume und Scheffel. Jede Zeit hat ihre Wanderer gehabt,
Wanderer, die den Weg ebenso schätzten wie das Ziel, die um des
Wanderns willen die warme Ofenecke mit der Landstraße vertauschten.
Trotzdem kann man wohl behaupten, daß erst das vergangene Jahrhundert
den Wanderer als Allgemeinerscheinung hervorgebracht hat. Mit Rousseau,
dem ersten Wandervogel, fing es an, dann kamen die Romantiker, die uns
die großen Volksliedersammlungen erwanderten, dann der »Spaziergänger
nach Syrakus«, dann Eichendorff, dessen Wanderlieder heute noch in
jedem Wald erklingen, Wilhelm Müller, der Sänger der durch Schuberts
Vertonung überall bekannt gewordenen »Müllerlieder«, und Heinrich
Heine, dessen Lieder aus der Harzreise die herrlichen Verse einleiten:
»Auf die Berge will ich steigen,
Wo die frommen Hütten stehen,
Wo die Brust sich frei erschließet,
Wo die freien Lüfte wehen,
Wo die dunklen Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen
Und die stolzen Wolken jagen.«
Im unberührtesten deutschen Waldgebiet aber steht das Denkmal Adalbert
Stifters, des Dichters des »Hochwald«, am Blöckensteinsee. – Ein
Hinweis auf die »Kulturstudien« Riehls, Rudolf Baumbachs »Lieder
eines fahrenden Gesellen« und Fontanes »Wanderungen durch die Mark
Brandenburg« möge diesen literarhistorischen Überblick schließen; denn
es ist Zeit, auf eine ganz andere Kategorie von Wanderern aufmerksam zu
machen, die Wandertrieb und Wanderstil ebenso stark beeinflußt haben,
wie unsre wandernden Dichter.
Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nahm mit den glänzenden
Erstersteigungen Whympers der Alpinismus einen verheißungsvollen
Aufschwung. Die großen Alpenklubs bildeten sich und in ihrem Gefolge
die verschiedenen Mittelgebirgsvereine, auf deren Tätigkeit und das
gewaltige Wachsen der Großstädte der außerordentliche Aufschwung des
Wanderns im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts zurückzuführen
ist. Der Wandertyp dieser und bis zu einem gewissen Grade auch
noch unsrer Zeit ist der »Tourist«. Er hat die Fehler und Vorzüge
der Periode, die ihn wachsen sah, der Periode des wirtschaftlichen
Aufschwungs. Er schafft sich eine praktische Kleidung, baut Wege und
Hütten, sorgt für gute Karten, gründet allenthalben Sektionen, die Geld
für seine Zwecke in reichem Maße zusammenbringen, macht stramme Touren,
die Körper und Geist allerhand zumuten, nur eines tritt bei ihm in den
Hintergrund, was die romantische Periode vor ihm in überreichem Maße
besaß, die Poesie des Wanderns, das tiefe Erleben und Verstehen der
Landschaft. Oder wäre es sonst möglich gewesen, daß dreißig Jahre lang
vor den Augen von hunderttausend Touristen unsre Heimat in einer Weise
verschandelt wurde, daß die nächsten zehn Generationen es nicht wieder
gut machen können?
Da kam die notwendige Ergänzung von einer Seite, die mit dem
Wandern zunächst gar nichts zu tun hatte, die nichts war als eine
Protestbewegung gegen die »Alten«, gegen den Materialismus der Zeit,
gegen die Unterdrückung einer Altersstufe: die Jugendbewegung, deren
erste Verkörperung der Wandervogel war. Er stellte sich nicht etwa
in Gegensatz zur Touristik, denn die kannte er kaum. Er entstand und
gedieh am besten ja auch da, wo die Touristik nicht zu Hause war, im
Flachland und in den aller Großartigkeit und aller Gebirgsvereine
baren unbeachteten Mittelgebirgen Hessens und Frankens, an den Seen
der Mark und in den Einöden der Heide. Er lief ohne Karte »ins Blaue«,
verschmähte Wege und Unterkunftshäuser, kroch zu den Bauern ins Stroh,
pfiff auf Bergschuhe, Spirituskocher und Thermosflasche, Lodenmantel
und Wanderstock, »tippelte« eine Stunde und lag drei Stunden im Grase,
versunken in die Schönheit eines Kiefernwaldes, eines Sonnenunterganges
oder eines alten Bauerngehöftes, nährte sich von »Heuschrecken und
wildem Honig« und sang dazu Lieder, die so alt waren, daß sie Arnim
und Brentano hundert Jahre früher nicht entdeckt hatten. Eher vergaß
er den Brotbeutel als die Laute. Das war soviel Romantik auf einmal,
daß sie den älteren Zeitgenossen und ihren Vertretern auf dem Gebiete
des Wanderns nur ein Lächeln entlockte. Glücklicherweise blieb es nicht
dabei, und das ist das Verdienst _der_ Alten, die innerlich jung genug
geblieben waren und ähnlich fühlten wie diese Jungen, im Gegensatz zu
ihnen aber deren unausgegorenes Gefühl in Willen und Tat umsetzten. Und
diese Taten hießen: _Dürerbund_ und _Heimatschutz_.