Alles in allem nochmals: Nicht die Tatsache, _daß_ Reklame gemacht

wird, ist es, was uns grämt, sondern _wie_ sie gemacht wird, wie

häßlich, wie wenig überlegt, wie kunstlos. Und doch ist gegenwärtig

gerade die Werbekunst derjenige Zweig der angewandten Kunst, dem Not

und ungeheuerliche Teuerung im Gegensatz zu anderen Gebieten noch am

wenigsten schwere Fesseln anlegten. Wir sehen ja allenthalben auch

recht erfreuliche Anzeichen dafür, daß sich hier eine zielbewußte

Fortentwicklung fühlbar macht. »Daß wir die Reklame als Kunst ernst

nehmen, ist ein Zeichen unserer Zeit.« Man sucht und findet neue Wege.

Mit Wohlgefallen ruht das Auge da und dort auf einer schönen alten

Schauseite, die in neuem, kräftig farbigem Gewand erstrahlt, mit einer

klaren ruhigen Schrift das verkündend, was noch vor kurzem viele grelle

Schilder und Tafeln durcheinanderbrüllten. Trefflich ausgeführte

Plakate finden wir allerorten. In der eindrucksvollen Dresdner

Werbeschau konnten wir viel finden von dem, was wir suchen und in

weitester Verbreitung wünschten: wie, von den besten Künstlern geführt,

eine neuartige Werbekunst neue Bahnen sucht und zu schönen Hoffnungen

wohl berechtigt. Weite Gebiete stehen dieser Kunstart offen, große

Entwicklungsmöglichkeiten liegen auf ihrem Wege: auch in der Gegenwart,

denn die Reklame birgt, wenn sie gut ist, schon in sich die Deckung

der für sie aufgewendeten Kosten. Umsomehr gilt es jetzt, diejenigen

Kreise, die die praktische Ausübung des Reklamewesens betreiben, auf

die hohe Bedeutung der ihnen anvertrauten Kulturaufgabe hinzuweisen.

Die Werbekunst im heutigen Sinne ist eine durchaus neuzeitliche

Kunstart, die Überlieferung fehlt ihr. Darum ist sie bisher so

fremd gewesen im Stadtbild, darum wird es ihr noch immer so schwer,

sich mit ihrer Sprache hineinzuleben und hineinzufühlen in die

Formensprache der Baukunst. Das wird ihr um so rascher gelingen,

je gründlicher und sicherer der junge Nachwuchs der Ausübenden die

Grundbegriffe von Formen- und Farbenschönheit, Schriftwirkung, Stil

und Materialgerechtheit beherrscht. Daran muß vor allem an Lehr- und

Studienanstalten des Kunstgewerbes gearbeitet werden, wenn Handwerk

und Industrie das Reklamewesen zu künstlerischer Höhe führen wollen.

Trefflich hat kürzlich in Dresden der Reichskunstwart ~Dr.~ Redslob

den Weg zur Erreichung dieses Zieles vorgezeichnet: »Unser Streben

muß dahin gehen, die Kunst aus ihrer vereinzelten Stellung als Fach

zu befreien, und wieder alles mit Kunst zu erfüllen, wie es einst

selbstverständlich war. Der Wunsch nach Formengebung muß wieder etwas

ganz Notwendiges sein. Höchst wichtig ist dabei, die enge Verbindung

zwischen Kaufmann und Künstler zu schaffen, ohne die unser ganzes

Wirtschaftsleben leiden muß.«

Aber auch du, der du deine Heimatstadt, dein Heimatdorf lieb hast,

sollst an dem Ziel, die Reklame zu veredeln, mitarbeiten, kannst

mitarbeiten. Denn dein Auge ist mehr, als du denkst, geübt, wohl

zu entscheiden, was dem vertrauten Straßenbild, dem schönen alten

Marktplatz mit dem Brunnen, den schlichten Bürgerhäusern oder dem guten

Gasthof schadet mit zu Vielem und zu Häßlichem an Reklame, was ihnen

frommt an schönem guten Beiwerk dieser Art. Betrachte aufmerksam,

was da und dort an Trefflichem neu entstand und versuche, das auch

in deinem Heimatort heimisch werden zu lassen. Ein gutes Wort, ein

wohlmeinender Rat tun schon viel. Und sei gewiß: allmählich wird es

gelingen, jene schlichtbescheidene Straßen-Werbekunst zurückzugewinnen,

die vordem das Straßenbild schmückte, die nur vorübergehend von

einer traditionslosen, überlauten Unkunst verdrängt worden war. Dann

aber könnte etwas Unerwartetes geschehen: Reklame und Heimatschutz,

bisher zwei leider so oft feindliche Brüder, würden sich verbünden zu

gemeinsamem Werke, das dem schönen alten Heimatbilde wieder zu einer

würdigen, bescheidenen und dabei doch wirkungsvollen Belebung durch

gute Reklame verhilft.

Nicolaus

Die Osterblume am Wachtelberg bei Wurzen

Von Professor ~Dr.~ _Arno Naumann_

Mit Aufnahmen von ~Dr. med.~ _Hoffmann_, Wurzen

Nach einem im Leipziger Zentral-Theater am Karfreitag gehaltenen

Vortrag beschloß ich, in Wurzen zu übernachten, um am Ostersonnabend

früh ein Naturdenkmal aufzusuchen, das mir als Mensch wie als Botaniker

gleich beachtenswert erschien: »die Osterblume am Wachtelberg«.

Als _Mensch_ reizte mich die _Schönheit dieser heimischen Pflanze_,

die mich vordem ein einziges Mal als vereinzelter Herbstblüher am

Staffelstein in Franken entzückt hatte, als _Botaniker_ trieb es mich,

diesen interessanten _sächsischen Standort einer pflanzengeographisch

bedeutsamen Pflanze_ zu besuchen.

Früh schon begab ich mich zu meinem pflanzenkundigen Vereinsbruder,

Herrn Konrektor Oberstudienrat ~Dr.~ Hoffmann, Wurzen, und wanderte mit

ihm bei herrlichstem Frühjahrssonnenschein zu dem eine halbe Stunde

südlich von Wurzen gelegenen, Bismarckturm-gekrönten Porphyrhügel des

Wachtelberges. Seine vereinzelten Birken zeigten schon den lichtgrünen

Schleier sprossenden Laubes, und östlich des Gipfels breitete ein

Kiefernwald seine dunklen Kronen (Abb. 1). Der Wachtelberg bietet einen

erfreuenden Blick auf den Muldenlauf, dessen tote Arme der Landschaft

einen besonderen Charakter verleihen. Unsere Blicke schweifen über den

Wald des Rehberges, umfassen den Planitzwald und ruhen schließlich auf

den fernen Auenwäldern, die sich längs eines diluvialen Flußbettes bis

gegen Leipzig ziehen. Aus ihnen hebt sich die Ruine von Machern.

Wir waren zur rechten Zeit gekommen, denn überall am Südhang und an

den trockenen Böschungen des Kiefernwaldes erblühte im herrlichsten

Blauviolett dieses lenzholde Florenwunder, dem Linné den Namen ~Anemone

Pulsatilla~ verlieh. Besser erscheint mir hierfür der selbständige

Gattungsbegriff ~Pulsatilla~ mit ~vulgaris~ als Artnamen. Als deutsche

Bezeichnung für diese Pflanze findet man in den Floren vielfach den

Namen »Küchenschelle«, einen Namen, der in den meisten Pflanzenbüchern

gedankenlos nachgedruckt worden ist. Er müßte, da er sich von der

Ähnlichkeit der Blüte mit einer Kuhglocke abzuleiten scheint, besser

in »Kühchenschelle« abgeändert werden. Deshalb ist der von Hallier in

seiner Flora von Deutschland gewählte Name _Kuhschelle_ annehmenswert.

Wir aber wollen in unserer Arbeit den um Wurzen gebräuchlichen, so

treffenden Namen »Osterblume« beibehalten und uns dieser volkstümlichen

Bezeichnung freuen. Die fünf deutsche Arten zählende Gattung

~Pulsatilla~ ist besonders blütenschön und wird daher in mehreren Arten

auch als lenzverkündender Gartenschmuck gepflegt, selten freilich mit

glücklichem Erfolg.

[Illustration: Abb. 1 =Der Wachtelberg mit der Osterblume=]

Zwei _weißblühende Arten_ besitzen wir in der hochgebirgischen

_~Pulsatilla alpina~_, die auch im Harz und den Sudeten wächst und in

der oft _rosa überhauchten_ heidegewohnten _~Pulsatilla vernalis~_,

die besonders häufig in Westpreußen trockene Hügel im ersten Frühling

schmückt, aber auch im sächsischen Heidegebiet vorkommt (Lausa,

Pulsnitz, Großenhain).

In der _hellvioletten Blütenfarbe_ gleicht unserer süd- und

westeuropäischen Osterblume die osteuropäische Schwester _~Pulsatilla

patens~_, deren Grundblätter aber nicht eine doppelte Fiederung,

sondern eine reizende Fingerung zeigen. Mit Entzücken denke ich

noch der herrlichen Ostertage, an denen ich mit meinem lieben Vater

in Nordböhmen am Kahleberg bei Kundratitz diese herrliche Pflanze

zu Tausenden erblühen sah, die dunklen Basaltrücken in leuchtendes

Blau hüllend. Einen ganz anderen Eindruck macht die _nickende_

~Pulsatilla pratensis~, deren glockig zusammengeneigte Perigonblätter

braunrot bis dunkelviolett schimmern. Im nordböhmischen Elbtal ist

dieselbe, ebenfalls zur Osterzeit, auf allen trockenen Höhen und

rasigen Wegrändern zu finden und führt dort den ansprechenden Namen:

»Osterglocke«. In Deutschland besitzt sie besonders nördliche und

östliche Verbreitung. In Sachsen besiedelt sie sonnige Stellen des

Elbtalgebietes, fand in unseren Heimatschutzheften bereits in meinem

Aufsatz über das Ketzerbachtal Erwähnung und ist dort auch nach

Aufnahmen »unseres Ostermaier« bildlich dargestellt[1].

Die Osterblume findet sich am Wachtelberg auf trockner Grastrift mit

vorherrschendem Feinrasen des Schafschwingels (~Festuca ovina~).

Das nackte Gestein von Pyroxen-Quarzporphyr wird oft überzogen

von den fingerblättrigen Polstern des Frühlingsfingerkrautes

(~Potentilla verna~), welches zur Zeit unseres Besuches seine

niedlichen goldgelben Blüten erschloß. Duftende Polster des Quendels

(~Thymus Serpyllum~) schoben sich dazwischen, und der Besenginster

hatte an seinen immergrünen Ruten bereits Blütenknospen angesetzt,

während dunkle Heidekrautbüsche noch in winterlicher Zerzaustheit

wie leblos dazwischenstarrten. Von anderen Pflanzen konnte ich

teils aus winterlichen Resten, teils frisch sprießend erkennen:

Pechnelke, Hornkraut (~Cerastium arvense~), Johanniskraut (~Hypericum

perforatum~), Fetthenne (~Sedum maximum~), Mauerpfeffer (~Sedum acre~),

Färbeginster (~Genista tinctoria~), Silberfingerkraut (~Potentilla

argentea~), Feldbeifuß (~Artemisia campestris~), Habichtkraut

(~Hieracium Pilosella~), Rispenflockenblume (~Centaurea paniculata~)

und Golddistel (~Carlina vulgaris~); alles Pflanzen, welche sich mit

dem Verwitterungsgrus von Silikatgesteinen begnügen.

In einem Briefe an den Landesverein Heimatschutz vom Mai 1920 sagt mein

Freund, Herr Universitätsoberbibliothekar ~Dr.~ R. Schmidt, Leipzig:

»Von der sonstigen Flora des Wachtelberges erfreuten mich besonders ein

paar in schönster Blüte stehender Holzbirnensträucher (~Pirus Achras~)

mit den charakteristischen Zweigdornen und große Trupps der ~Teesdalea

nudicaulis~. Pflanzen, die als Seltenheiten zu bezeichnen wären, habe

ich außer Kuhschelle nicht bemerkt.«

[Illustration: Abb. 2 =Die Osterblume=]

Die Seltenheit dieser Blume bewog schon im Jahre 1910 den einsichtigen

Stadtrat von Wurzen, sich an die Amtshauptmannschaft Grimma _mit der

Klage zu wenden, »daß die Gefahr besteht, daß sie, wenn weiterhin

das Abpflücken der Osterblume durch Spaziergänger erfolgt, völlig

verschwinde«_. Die Amtshauptmannschaft riet dem Stadtrat, sich

zunächst an den Landesverein »Sächsischer Heimatschutz« zu wenden.

Dieser beauftragte den leider so früh heimgegangenen Kustos des

Sächsischen Herbariums, Herrn Professor ~Dr.~ B. Schorler, mit der

Bearbeitung der Angelegenheit. Schorler erkundete, daß für die von

der Osterblume besiedelten Triften als Besitzer der Gemeindevorstand

Schmidt, Dehnitz, und der dortige Gutsbesitzer Robert Rasch in Frage

kämen. Dabei betont Schorler in seinem Gutachten, »daß unsere Pflanze

eine west- beziehungsweise südwesteuropäische Art ist, welche im

Osten Deutschlands völlig fehlt.« In Mitteldeutschland sind die zwei

sächsischen Standorte _Bienitz_ und _Wachtelberg_ die am weitesten

nach Osten vorgeschobenen Posten und werden in fast allen Floren von

Deutschland erwähnt. Die Osterblume wird am Wachtelberge sicherlich

einen weit ausgedehnteren Standort besessen haben, ist aber durch

Steinbruchsbetrieb und Feldwirtschaft schon recht eingeschränkt worden.

Nimmt man nun hinzu, daß der Bismarckturm als Aussichtspunkt viele

Besucher heranzieht, so ist die Gefahr des Verschwindens nahegerückt,

zumal sie als erster Frühlingsblüher besonders lockt und in manchem

Gartenbesitzer den Wunsch rege macht, dieselbe auszugraben und in

seinen Garten zu verpflanzen, um sich im eigenen Heim alljährlich

dieser Blütenschönheit zu freuen. Herrlich ist ja auch der in der

Sonne weitgeöffnete, violette, sechszählige Blütenstern, aus dessen

Mitte sich die zahlreichen goldgelben Staubgefäße wirkungsvoll abheben

(Abb. 2). Die doppelt gefiederten Grundblätter der Pflanze erscheinen

erst später, nur ein dicht unter der Blüte befindliches, gleich dem

Stengel weißlich behaartes Hochblatt ist zur Blütezeit erkennbar.

Das freiblättrige Perigon, die vielen Staubblätter und zahlreichen

Pistille, welche beide auf dem Blütenboden stehen, erweisen die

Zugehörigkeit der ~Pulsatilla~ zur _Familie der Hahnenfußgewächse_,

die so manches Giftgewächs umfaßt, darunter auch unsere Osterblume,

welche früher infolge eines kampferartigen Stoffes als Arzneipflanze

geschätzt wurde.

Nach dem Abblühen verlängert sich der Blütenstengel bis zu fast

einem halben Meter Höhe und trägt die nunmehr herangereiften, mit

Federschwanz versehenen Einzelfrüchte, ganz ähnlich wie die nahe

verwandte Clematis. Der fedrige Fruchtschopf erinnert auch an den

bekannten »Teufelsbart« ihrer Hochgebirgsschwester ~Pulsatilla alpina~.

Es ist ein köstlicher Anblick, wenn die Sonne durch die hochstengeligen

Federköpfe scheint und sie wie Silberfiligran aufleuchten läßt.

Schmidt, welcher an einem Osterblumenstock des Wachtelberges

dreiundvierzig Blüten in verschiedenen Entwicklungsstadien zählte,

bemerkt hierzu:

Nicht weniger angenehm wie der Anblick dieser Blütenpracht war

mir die große Menge der Fruchtstände mit ihren heranwachsenden

Federschweifen; ich schätze sie an die Tausend. Es steht somit

fest, daß eine recht stattliche Zahl Blüten pflückenden Händen

entronnen ist und Gelegenheit findet, ihre Samenanlagen zu

reifen und sich zu verbreiten. Ich konnte beobachten, daß die

~Pulsatilla~ von ihrem ursprünglichen Gelände aus mit einigen

Stöcken in die Sohle des ehemaligen Steinbruches vorgedrungen

war. _Dagegen fand ich an den anderen Seiten des Berges,

zwischen Bismarckturm und Windmühle, nur ein einziges Exemplar._

Dies letzte beweist augenfällig, wie an den Orten regen Begängnisses

dieser Pflanze von den Bergbesuchern nachgestellt wird. Es wäre

aber _nicht nur eine ästhetische Einbuße_, wenn dieser herrliche

Frühlingsbote vom Wachtelberg verschwände, sondern auch _ein

unersetzlicher floristischer Verlust_, da uns dieses Vorkommen der

Pflanze auf einen von Südwesteuropa zu uns herstrahlenden Wanderweg

dieser Pflanzen hinweist, den sie mit so manchem andern Gewächs

genommen. Es ist in Wahrheit eine Urkunde, welche eindringlich vom

Entstehen unseres heimischen Florenbildes aus nach der Eiszeit zu uns

hergewanderten Bürgern entlegener Pflanzengebiete zu uns spricht.

Die mit Federanhang versehenen Früchte können, vom Winde entführt,

sicherlich eine weite Luftreise unternehmen. Es ist daher sehr

wahrscheinlich, daß der Wachtelberg dereinst seinen Osterblumenbestand

von dem etwa zwanzig Kilometer westlich gelegenen Bienitz bei Leipzig

empfangen hat. Der Bienitz selbst verdankt diesen Schmuck indirekt

einem präglazialen Saalelauf, der diesen pflanzenberühmten Hügel

mit herangeführtem Muschelkalk versorgt und die an den Saaleufern

verbreitete Pflanze darauf angesiedelt hat.

Nach alledem kann es jedermann nur dankbarst begrüßen, daß auf

Anregung der Amtshauptmannschaft Grimma schon im Frühjahr 1912 auf dem

Wachtelberggelände Verbotstafeln angebracht worden sind mit folgendem

Wortlaut:

Heimatschutz!

»Das unbefugte Betreten dieses Grundstücks, sowie das

Abpflücken, Abzupfen und Abschneiden von Feld- und Wiesenblumen

ist bei Strafe bis zu 30 Mark oder entsprechender Haft

_verboten_.

§§ 19 und 14 des Forst- und Feldstrafgesetzes.

_Grimma_, den 27. März 1911. Die Amtshauptmannschaft.«

»Der Wachtelberg trägt inmitten der fruchtbaren Getreidefelder

noch heute seine ursprüngliche Pflanzenwelt und zeigt uns,

wie die Flora der sonnigen Hügel östlich von den Leipziger

Auenwäldern zusammengesetzt war, bevor der Mensch mit seinen

Kulturflächen sie zerstörte. Er ist also als Naturdenkmal

anzusehen, das uns wie eine wertvolle Urkunde von alten Zeiten

berichtet. Dieses auch für unsere Nachkommen zu erhalten,

ist unsere Pflicht. Leider sind die seltenen Pflanzen des

Berges durch Abrupfen und Ausgraben schon so vermindert, daß

die Gefahr ihrer völligen Vernichtung vorhanden ist. Um dies

zu verhindern, hat die Amtshauptmannschaft auf die Bitte des

Sächsischen Heimatschutzes das obige Verbot erlassen.«

Diese Art, Pflanzenschutz zu treiben, erscheint mir vorbildlich! Der

Wortlaut eines _Verbotes_, das bei unerzogenen Menschen meist auf

Widerstand stößt, muß eben in seiner polizeimäßigen Schärfe _gemildert_

werden _durch eine belehrende und fesselnde Angabe der Verbotsursache_.

Letzteres ist unbedingt angebracht, denn der Einsichtige wird sich

dieser Betonung einer unabweisbaren heimatlichen Pflicht nicht

verschließen. Ein in solcher Form begründetes Verbot wird selbst in

unserer verbotsfeindlichen Zeit wirksam sein. Wo es _noch_ versagt,

werden auch alle anderen Mittel, welche zum Schutze von Naturdenkmälern

vorgeschlagen und erdacht sind, hinfällig, _denn ein gefühlsroher

Mensch ist mit Nichts zu packen; er bleibt eben ein Schandfleck auf dem

Kulturgewand seines Volkes_!

Fußnoten:

[1] Vergleiche auch ~Dr.~ Naumann: »Praktische Wege des

Heimatschutzes«, Heft 12, Bd. I, S. 417.

Ein altes Patrizierhaus

Aufnahme von _Konrad Richter_, Auerbach i. V.

Auch in Sachsen stößt der Wanderlustige gar nicht so selten auf

wenig bekannte Bauten, die einer näheren Betrachtung wert sind. Alte

Herrensitze und Baumgehöfte, Dorfkirchen, Rathäuser und Kleinhausbauten

sind oft geschildert und dargestellt worden. Ein Patrizierhaus, wie das

in der Abbildung gezeigte, findet man in Sachsen und vor allem auf dem

Lande oder im Gebirge selten. Die reicheren Bürger, die in der Lage

waren, sich vornehme Häuser zu bauen, suchten den Schutz der Stadt und

das Zusammenleben in ihr; Patrizierhäuser auf dem Lande oder in kleinen

Orten kannte man nicht.

[Illustration: Abb. 1 =Altes Patrizierhaus in Stützengrün= (Ansicht von

Südwesten)]

[Illustration: Abb. 2 =Altes Patrizierhaus in Stützengrün= (Ansicht von

Südosten)]

Um so überraschter ist man, in der kleinen Gemeinde Stützengrün i. V.

ein so behäbiges, auf Wohlstand und Geschmack hinweisendes Haus zu

finden. Der Bauherr hat zweifellos nicht irgendeine zufällige Planung

durch einen Unternehmer zur Ausführung bringen lassen, er hat bewußt

Form und Anlage seines Hauses geprüft und sich seinen Baumeister

gesucht. Die sicherlich nicht in jeder Einzelheit fein durchgebildeten

Formen des Hauses, die fast auf süddeutschen Einfluß hinweisen, lassen

die Gesamtanlage doch außerordentlich wirkungsvoll erscheinen. Die

horizontale Gliederung, die gleichmäßige Verteilung der Fenster und

die Betonung ihrer Achsen durch gleich große Dachgeschoßfenster, die

Durchführung der Achsenbeziehungen, die Hervorhebung des Einganges

durch einen kleinen Giebelvorbau, die schmucken Fensterläden, die

Putzgliederung und die starke Schattenwirkung des weit vorspringenden

Gesimses sind die Bestandteile dieses ausgezeichneten Werkes. Dazu

betont die Besonderheit des Hauses noch das in dieser Gegend sonst

nicht heimische Mansardendach, das aber zu diesem breitgelagerten Hause

mit seiner süddeutschen barocken Form gehört.

Möge die Veröffentlichung die Freude am Finden heimischer Kunstwerke

fördern.

~Dr.~ Conert.

Gefährdete heimische Pflanzenwelt

Von _Paul Apitzsch_, Ölsnitz i. Vogtl.

Ein sonnengoldner Sommertag blauet über den weiten Wäldern des

südwestlichen Vogtlandes. Ich wandre in der Herrgottsfrühe

mutterseelenallein von _Bad Elster_ das Kesselbachtal aufwärts und

erreiche bei der Theresienruh die sächsisch-tschechoslowakische

Grenze. Zwischen Hochwald und mooriger Wiese zieht der mit granitnen

Marksteinen besetzte Grenzweg dahin. Dort, wo vom Grenzpfad schmale

Waldsteige nach den böhmischen Dörfern Krugsreuth und Thonbrunn

abzweigen, liegen die Quellen des Kesselbaches. Lind fächeln im

Frühwind auf geschwellten Moospolstern die weißen Fähnchen des

Wollgrases (~Eriophorum vaginatum~). Dazwischen leuchten zwei

Bergorchideen: die roten Blütenstände des gefleckten Knabenkrautes

(~Orchis maculata~) und die gelblichweißen, stark duftenden Armleuchter

der zweiblättrigen Platanthere (~Platanthera bifolia~). Zwischen

Schachtelhalm und Farnkraut stehen vereinzelt, aus smaragdgrünen

Blattrosetten emporragend, die veilchenblauen Blüten des Fettkrautes

(~Pinguicula vulgaris~) und zu kleinen Genossenschaften vereinigt die

mit roten Drüsenhärchen versehenen Blattsterne des rundblättrigen

Sonntaues (~Drosera rotundifolia~), zwei immer seltner werdende

insektenfressende Sumpfgewächse. An dem Höhenwege von der Theresienruh

nach der Agnesruh und der Alberthöhe wächst im Preiselbeergestrüpp eine

weitere botanische Seltenheit, die, außer im Vogtlande, nirgends in

Sachsen vorkommt: die Buchsbaum-Ramsel (~Polygala Chamaebuxus~). Ihre

starren, dunklen Blätter unterscheiden sich kaum vom Preiselbeerlaub,

während die gelblichen Blüten denen des Waldwachtelweizens ähneln.

Wenn im Spätsommer die Waldblößen im purpurnen Glanze der Weidenröschen

(~Epilobium angustifolium~) glühen, dann erscheinen überall an sonnigen

Hängen die giftigen Blüten des blaßgelben Fingerhutes (~Digitalis

ambigua~). Während dieser noch allerwärts im Vogtland und in andern

Gebirgswäldern häufig vorkommt, ist sein gleichfalls giftiger Bruder,

der rotblühende ~Digitalis purpurea~, bereits dem Aussterben nahe.

Vor zwanzig Jahren waren die purpurnen Fingerhüte im Steinicht

zwischen Plauen und Elsterberg, im Triebtal und Kemnitzbachtale

keine Seltenheit. Heute sucht man sie dort vergebens. Sie sind

verdorben, gestorben. Ebenso gefährdet ist das Dasein der wenigen noch

wildwachsenden Türkenbuntlilien (~Lilium Martagon~) im Burgsteingebiet

und am Kandelhof bei Gutenfürst. Großstädtische Sommerfrischler und

botanisierende Schüler werden dafür Sorge tragen, daß dieser Schmuck

des Bergwaldes demnächst verschwindet. Im Frühherbst erscheinen dann

die Heerscharen der Heidekräuter oder ~Ericaceen~. Die gewöhnliche

Besenheide (~Erica vulgaris L.~ oder ~Calluna vulgaris Salisb.~) ist ja

durchaus nicht gefährdet, wenn auch während der Kriegszeit hektargroße

Flächen in Ackerland umgewandelt und ebenso große Gebiete des oberen

Vogtlandes entheidet wurden und ihr Pflanzenwuchs als Stallstreu

Verwendung fand. Aber sehr selten geworden ist die großblütige Sumpf-

oder Moorheide (~Erica Tetralix~), die meines Wissens nur noch an einer

einzigen Stelle des Vogtlandes vorkommt. Aus leicht begreiflichen

Gründen werde ich diesen einzigen und letzten Standort nicht verraten.

Ich würde sonst vielleicht das Gegenteil von dem erreichen, was ich

beabsichtige.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XI, Heft 7-9 · 第 2 / 7 段