5. Das Leitungsvermögen.

Die Wärme hat die Eigenschaft, sich auszubreiten, indem sie von Stellen

höherer Temperatur zu solchen von niedrigerer übergeht. Das geschieht

sowohl innerhalb ungleich erwärmter Körper selbst, wie auch zwischen

zwei nebeneinandergelagerten verschiedenartigen Substanzen. Halten wir

eine Metallstange ins Feuer, so wird auch das andere Ende warm, und

halten wir an die heiße Metallstange irgendeinen anderen Körper, so

erwärmt sich auch dieser. Jene Leitungsfähigkeit nennt man die innere,

diese die äußere.

Diesem Wärmeausgleich gegenüber verhalten sich die verschiedenen

Substanzen nun höchst ungleich; während die Metalle im allgemeinen

gute Leiter sind, gehören alle übrigen Substanzen zu den schlechteren.

Setzen wir, wie es üblich ist, das Leitungsvermögen des Silbers

gleich 100, so zeigt die Tabelle für eine Anzahl von Körpern folgende

Vergleichszahlen:[3]

========================+==================

Substanz | Leitungsvermögen

------------------------+------------------

Silber | 100

Kupfer | 74

Eisen | 12

Wismut | 2

Eis | 0,5

Glas | 0,2

Wasser | 0,14

Holz längs der Fasern | 0,15

Holz quer zu den Fasern | 0,07

Baumwolle | 0,05

Papier | 0,03

Schafwolle | 0,02

Seide | 0,02

Luft | 0,005

Diese Verschiedenheiten haben die Menschheit zu den mannigfaltigsten

Maßnahmen und Verhaltungsregeln veranlaßt. Zunächst in Kleidung und

Wohnung, dann auch in der Küche; schließlich und vor allem in der

Technik.

Die Völkerkunde unterscheidet in der heutigen Tracht nach Georg

Gerland die tropische, die subtropische und die boreale oder nordische

Form. Jene ist am schwächsten; sie fehlt oftmals ganz oder doch bei

bestimmten Bevölkerungsteilen und bedeckt nie größere Körperflächen,

sondern beschränkt sich im großen und ganzen auf die Hüftpartie. Nur

wo großflächige Stoffe leicht erhältlich sind, nimmt die tropische

Kleidung ebenfalls größere Dimensionen an, wie bei den Haussa in

Westafrika, den Baganda im Nordwesten des Viktoria Nyansa und

neuerdings den Massai und Wahehe in anderen Teilen Ostafrikas.

Die subtropische Kleidung besteht aus einem hemdartigen Unterkleid und

dem Mantel, wie die altrömische Tunika und die Toga dartun. Große Teile

des Körpers bleiben dabei frei; der Mantel ist zudem leicht ablegbar --

kurz, es handelt sich offensichtlich um eine Übergangsform.

Das boreale Kleid endlich bedeckt den ganzen Körper und besteht aus

vielen neben- und übereinandergetragenen Stücken, von der Kopfbedeckung

bis zu Strumpf und Schuh herunter. Sie ist im Begriff, sich die ganze

Welt zu erobern.

Die menschliche Kleidung ist nach alledem sichtlich eine

Anpassungserscheinung an das Klima. Sie ist als Folgewirkung unserer

Ausnahmestellung rein außerkörperlich, im strengen Gegensatz zum Tier,

welches sich einer rauheren Außenwelt durch einen natürlichen Pelz

anpaßt. Pelzwerk ist in der Tat der gegebene Kleidungsstoff für den

hohen Norden, denn es vereinigt in sich alle Eigenschaften, die an

ein zweckentsprechendes Gewand gestellt werden müssen: ein eigenes,

schlechtes Leitungsvermögen und zugleich die Fähigkeit, in seinen

lockeren Haar- oder Federmassen -- es gibt bei den Hyperboräern auch

Vogelbalgpelze -- viele Luft einzuschließen und zurückzuhalten. Nach

dem treffenden Vergleich von A. Byhan in dessen hübschem Buch »Die

Polarvölker« (Leipzig 1909) läuft die dortige Kleidung auf das gleiche

Prinzip wie unser Doppelfenster hinaus; wie dieses zwischen den an sich

schon schlecht leitenden Glasscheiben noch eine ganz schlecht leitende

stehende Luftschicht beherbergt, verringert auch die arktische Kleidung

den Zutritt äußerer Kälte und den Verlust an Eigenwärme auf ein

Minimum. Auf beides kommt es bei aller warmen Kleidung an; daher die

zwiebelartige »Vielschaligkeit« auch unserer Wintertracht im Gegensatz

zur sommerlichen.

Faßt man, wie manche Kulturhistoriker es tun, den menschlichen

Wohnbau als eine Erweiterung unserer Kleidung auf, sozusagen als

das gemeinsame weitere Gewand einer ganzen Menschengruppe, so darf

es uns nicht wundern, die auf das Kleid verwendeten physikalischen

Leitsätze auch beim Hause wieder zu finden, diesmal allerdings mit der

Maßgabe, daß man in den heißen Ländern die Wärme nicht in das Haus

hinein-, sie in den kalten aber nicht herauslassen will. Daher das

sehr weit nach außen überstehende oder tief nach unten ragende Stroh-

oder Palmendach so vieler tropischer Häuser und Hütten; daher die

Fensterlosigkeit ebendort; daher schließlich die verschiedenartigen

Abschlußmethoden arktischer Völker gegen die eisige Außenluft. Von

diesen am bekanntesten ist der lange, in den Schnee oder auch den

Boden gegrabene Gang bei den Eskimo, der entweder gekrümmt oder

unterhalb des Niveaus der Hüttensohle angelegt ist. In Verbindung mit

der luftdichten Bauart der Winterhütten verhütet besonders der tief

angelegte Gang den Abfluß der Wärme nach außen und den Zustrom äußerer

Kälte nach innen, indem die in dem unterhalb der Hüttensohle gelegenen

Teile der Gangröhre lagernde schwere Luft ganz wie ein Stöpsel wirkt.

Bei den Wandertschuktschen und Korjaken des nordöstlichsten Asiens

beruht die Isolation weniger auf dem Gewicht als auf dem Einschluß

der Luft. Diese leitet nur dann schlecht, wenn sie an der Bewegung

verhindert ist, so daß sie nicht wechselt und solange sie nicht durch

Verdampfung von Wasser Wärme entzieht. Daher für die Eingebornenkinder

dort am Kältepol die Möglichkeit, bei mehr als 60° unter Null nackend

im Schnee zu spielen, solange die Luft sich nicht regt. Um auch im

Zelt dagegen geschützt zu sein, legt man in ihm eine Isolierkammer

aus Renntierfellen an, die mit der Haarseite nach innen gekehrt sind.

Sie nimmt etwa den dritten Teil des Innenraumes ein, wird tagsüber

mit Lampen geheizt und dient des Nachts als Schlafraum. Die um sie

herumlagernde starke Luftschicht sichert ihr durchaus genügende

Temperaturverhältnisse zu.

Das geringe Leitungsvermögen von Schnee und Eis ist gleichfalls in

mehrfacher Weise ausgenutzt worden. Zunächst in der des Iglu, der

bekannten Schneehütte der Zentraleskimo (vergl. Kulturelemente, Seite

83 ff.), die physikalisch nach jeder Richtung hin gut begründet

ist; denn zu dem schlechten Leitvermögen der Schnee- oder richtiger

Firnwand selbst gesellen sich der soeben geschilderte Abschluß durch

die Gangröhre und das ebenso geringe Leitvermögen des Fensters aus

Seehundsdarm oder Eis. Sodann in einer primitiveren Form, indem sich

der Sibirier, sofern er in den polaren Einöden von einem Schneesturm

überfallen wird, ein Loch in den Schnee scharrt, gerade groß genug, um

darin kauern zu können, und es mit Zweigen u. dergl. überdeckt. Etwas

ähnliches unternimmt nach Heilborn[4] auch der nordamerikanische Elch,

indem er sich richtige umwallte Schneeburgen schafft, nur daß er nicht

für deren Bedachung zu sorgen weiß.

In ein neues Verhältnis zum Leitungsvermögen der Substanzen tritt

der Mensch mit der Hereinziehung des _Feuers_ in seinen Bereich,

insonderheit seine Küche und die Technik. Solange er es nur zum Rösten

und Braten benutzte, konnte es seinen Händen nicht gefährlich werden,

denn der Stock, auf den er das Fleisch steckte, der Rost, auf den er

es legte, waren beide schlechte Leiter, die er ruhig angreifen konnte,

ohne sich zu verbrennen. Viel später kommt dann das Kochen auf, die

Aufschließung der Speisen in siedendem Wasser. An Möglichkeiten, den

Siedepunkt zu erzielen, gab es zwei, die auch beide benutzt worden

sind. Die eine ist das Kochen von oben her mit Hilfe glühender Steine,

die man in das Wasser hineinwirft (Abb. 12 ~a~), bis es siedet, um

es durch weiteren Nachwurf auf dieser Temperatur bis zur Erreichung

des jeweiligen Endzwecks zu erhalten. Dabei mußte das Auswechseln der

Steine Nachdenken verursachen, bis ein Schlaukopf die Kelle erfand,

oder auch die Zange, indem er einen Zweig einfach in der Mitte

zerknickte, um nunmehr die Steine einzeln zwischen die Zweigenden

zu klemmen (Abb. 12 ~b~). Schlechte Wärmeleiter und darum praktische

Küchengeräte waren Kelle wie Zange aus bekannten Gründen.

[Illustration: Abb. 12 ~a~ und 12 ~b~. Steinkochen bei kalifornischen

Indianern. (Nach Holmes.)]

Die andere Methode ist das gegenwärtig über die ganze Erde mit

Ausschluß der Südsee geübte Kochen von unten her. Wir benutzen dabei

Metallgefäße, deren Dünnwandigkeit und gutes Leitungsvermögen eine

rasche Erhitzung von Topf und Inhalt verbürgen. Weitaus ungünstiger

ist und war die Lage für alle Köchinnen, die sich lediglich der

Tongefäße bedienen konnten, wie es vom Beginn der jüngeren Steinzeit

an jahrtausendelang in Europa üblich war, und wie es bei vielen

Urbewohnern von Asien, Afrika und Amerika noch heute der Fall ist.

Ton leitet ungleich schlechter als Metall, und zumal die dickwandigen

Gefäße der älteren Perioden müssen der Wärmeübertragung nachhaltigen

Widerstand entgegengebracht haben.

Das gilt nun im Höchstmaß schließlich von den noch urwüchsigeren

Gefäßen, mit denen die Frau vor der Erfindung der Töpferei ihr

Heil versuchte. Das konnten in Afrika Straußeneischalen sein, dort

und anderswo Flaschenkürbisse, abgedichtete Schildkrötenschalen,

Bambusröhren oder Bast- und Rindengefäße oder ähnliches, meist aber

doch wohl eigens ausgehöhlte Holzschalen, jedenfalls lauter Substanzen

von ganz geringem Leitungsvermögen, so daß ihre Verwendung in unserer

Zeit der Kohlenteuerung und Kohlenknappheit kaum empfehlenswert sein

dürfte.

Aber kann man denn in Holzgefäßen überhaupt kochen? Die müssen doch

elendiglich verbrennen, bevor der Inhalt auch nur eine halbwegs

höhere Temperatur erreicht haben wird. Nun, man kann sogar in

einem Papiergefäß kochen, in ihm sogar eine Bleikugel schmelzen,

vorausgesetzt, daß man dafür sorgt, daß die Flamme keine freiliegende

Stelle beleckt. Das Papier gibt die Wärme rasch an den Inhalt ab.

Da die Wassertemperatur dabei nicht über 100° hinaussteigt und auch

Blei schon bei 330° schmilzt, beide Temperaturen dem Papier jedoch

nicht schaden, so bleibt es unverletzt. Bei den übrigen organischen

Kochgeschirren liegen die Verhältnisse ganz ähnlich: zwar können

sie außen verkohlen, doch schlägt die Flamme nicht durch, weil das

benachbarte Wasser mit seiner relativ niedrigen Temperatur dies

verhindert. Noch aus der jüngsten Vergangenheit ist der Gebrauch von

Bastkörben und Bambuszylindern zu Kochzwecken aus Indonesien verbürgt

(Abb. 13); es wäre nicht ohne Interesse zu wissen, ob die dortigen

Hausfrauen für die doch immerhin vorhandene Seltsamkeit des Vorganges

irgendwelches Verständnis haben oder ob sie ihn hinnehmen wie jedes

andere alltägliche Geschehnis im Leben auch.

[Illustration: Abb. 13. Pflanzliches Kochgefäß, Nikobaren.]

Mit dem Aufkommen der Metalle lernt der Mensch schließlich auch die

höheren Leitungsvermögen kennen. Er wird sicher schweres Lehrgeld in

Gestalt verbrannter Finger bezahlt haben, bevor er begriff, daß man

ungestraft kein heißes Metall berührt. Ganz Afrika hatte denn auch

Schmiedezangen uralten Stils in der Form jener geknickten Holzstäbe,

bis die Berührung mit dem Europäer auch hier die eiserne Zange mit den

aufgesteckten hölzernen Handgriffen und damit ein Isoliermaterial von

nur 0,15 oder gar 0,07 Leitungsfähigkeit eingeführt hat. Die Verwendung

anderer Isoliermittel, wie Filz, Stroh, Sägespäne, Kieselgur,

Kork, Kautschuk und dergleichen, gehört erst späteren Stufen der

Metalltechnik an. Ohne diese Hilfsmittel wäre sie gar nicht zu denken.

Die Anfänge der Naturbeherrschung. 1. Frühformen der Mechanik · 第 17 / 39 题