6. Der Luftdruck.

Die meisten Flüssigkeiten verdampfen an ihrer Oberfläche bei jeder

Temperatur. Das Wasser z. B. verdampft schon bei 0 Grad langsam, bei

Zimmertemperatur schneller, bei höheren Temperaturen noch schneller.

Dabei aber verdampft es immer nur an der Oberfläche, bis durch weiteres

Erhitzen schließlich eine Temperatur erreicht wird, wo sich auch im

Innern Dampf bildet. Diese Temperatur nennt man den Siedepunkt einer

Flüssigkeit; sie besagt, daß die Spannkraft der in ihr enthaltenen

Dämpfe dem auf der Flüssigkeit lastenden Druck das Gleichgewicht hält.

Das Wesen des Siedepunktes ist für die Mehrzahl selbst der sogenannten

Gebildeten ein Buch mit sieben Siegeln; wir dürfen also mit um so

weniger Recht gegen die Naturvölker den Vorwurf erheben, die Tatsache

der Luftschwere nicht erkannt zu haben. Kochen können viele von ihnen

trotzdem vielleicht ebensogut wie manche weiße Bürgersfrau. Auch von

der exakten Feststellung des Luftgewichts, wie es unsere Barometer uns

täglich vorführen, ist keinem jener Völker jemals Kunde geworden, und

trotz alledem haben etliche von ihnen von der Tatsache selbst in ganz

angemessener Weise Gebrauch gemacht.

[Illustration: Abb. 14. Der Schiffshalter.

(Nach Brehms Tierleben.)]

In allen Meeren tropischer und gemäßigter Breiten, auch im Mittelmeer,

lebt die Fischgattung Echeneïs, im Volksmund Schildfisch oder

Schiffshalter genannt. Jenen Namen führt er von einer ovalen Scheibe

her, die, wie die Abbildung 14 zeigt, an Kopf und Nacken sitzt und

aus zahlreichen kleinen, aufrichtbaren Platten besteht, die von einem

erhöhten Rand umgeben und von einer Längsleiste geteilt werden. Drückt

der Fisch den Rand mit dem die Scheibe umgebenden Ringmuskel an einen

anderen Gegenstand an und richtet darauf die Platten hoch, etwa so, wie

wir die Blätter einer Jalousie hochrichten, so entsteht zwischen diesen

Platten ein luftverdünnter Raum, und die Scheibe heftet sich fest an.

Das ist eine Folge des atmosphärischen Druckes, zu dem im Wasser noch

der Druck der über der Haftungstiefe lagernden Wassersäule hinzutritt.

Auf diese Weise saugt sich der Echeneïs an größeren Fischen,

namentlich an Haien, fest und läßt sich fortschleppen, vermutlich, um

sich seine Nahrung so bequem wie möglich zu verschaffen. Gern heftet

er sich aber auch an Schiffe, und da das Volk in seinem naiven Glauben

Tieren stets Übermächtiges zutraut, so ist er schon früh in den Geruch

gekommen, Schiffe sogar anhalten zu können. Daher die Bezeichnung

Schiffshalter.

Die Unterart ~Echeneïs Remora~, der diese Macht im Gebiet der alten

Mittelmeerkultur zugeschrieben wurde, ist nur 20-25 ~cm~ lang; von ihr

ist also eine wirkliche Kraftleistung nicht zu erwarten. Dahingegen

haben sich die Bewohner von Westindien, der Insel Sansibar und der

Torresstraße die ungleich gewichtigere Masse des bei ihnen heimischen

~Echeneïs Naucrates~ (des »Schiffsmächtigen«) zunutze gemacht, indem

sie mit ihm zwar keine Schiffe, nicht einmal kleine Boote, wohl aber

Schildkröten aufhalten und fangen. Das geschieht in der Weise, daß

sie sich mehrere Exemplare des 1 Meter langen Fisches einfangen und

bis zum Fangtage gefangen halten. Den armen Geschöpfen durchbohrt man

dabei den Schwanz, zieht einen Strick hindurch und schlingt diesen

sicherheitshalber noch um den Schwanz herum. Am Fangtage selbst fährt

man aufs Meer hinaus, die »Meute« an der Leine. Ahnungslos treiben in

süßem Schlummer Schildkröten auf den Wellen. Da jagt es in der Tiefe

von allen Seiten unhörbar heran, saugt sich jäh, aber unlösbar ringsum

fest; der Fischer zieht langsam die Leinen an -- das Wild ist gefangen.

Das andere Vorkommnis gehört nicht im wissenschaftlichen Sinn unter die

Rubrik Luftdruck, wohl aber im volkstümlichen, weshalb es an dieser

Stelle gleichwohl Aufnahme finden soll.

Die Verwandlung von Arbeit in Wärme ist uns allen bekannt und geläufig.

So oft wir ein Zündholz reiben oder mit Stahl und Stein Feuer schlagen,

erzeugen wir Wärme aus Arbeit; erst die durch Reibung oder Schlag

entstandene Wärme entzündet den Phosphor oder den Schwamm. Darauf

beruhen auch alle Feuererzeugungsmethoden der Wilden, das Quirlen

mit dem Bohrstab wie das Reiben in der Längsrinne und das Sägen in

der Querrille. (Vergl. die »Kultur der Kulturlosen«, Seite 60-94.)

Selbst die Erzeugung von Feuer in der pneumatischen Röhre beruht auf

demselben Gesetz: durch die rasche Kompression der Luft in der unten

geschlossenen Röhre wird die Luft so heiß, daß sie den in der unteren

Stempelhöhlung untergebrachten Schwamm entzündet. Ob die Bewohner

Hinterindiens und der großen Sunda-Inseln, wo dieses pneumatische

Feuerzeug im Gebrauch ist, allerdings unabhängig von uns auf die Idee

gekommen sind, bleibe einstweilen dahingestellt. Möglicherweise ist

ein genialer Kopf bei der Herstellung eines Blasrohres, der für jene

Gebiete charakteristischen Fernwaffe, besonders energisch gewesen; in

dem Bemühen, das Internodium einer markhaltigen Pflanze zu durchstoßen,

um einen glatten Lauf zu gewinnen, mag er seinen Stempel mit starker

Wucht nach unten gedrückt haben, um mit Erstaunen festzustellen, daß

sich das fein zerteilte Mark dabei entzündet habe. Dann gehörte nur

noch das Erfassen des Vorgangs hinzu, um die Erfindung bewußt weiter zu

erhalten und auszubauen.

[Illustration: Abb. 15. Afrikanischer Schröpfkopf.]

Auf exakten wissenschaftlichen Prinzipien beruht hingegen wieder

eine medizinische Verwendung des Luftdrucks. Das ist die Anwendung

des Schröpfkopfes, der keineswegs auf die Heilkunst der Kulturvölker

beschränkt ist, sondern sich ganz allgemein auch in Afrika, vereinzelt

auch im Malaiischen Archipel und Nordamerika findet. Bei uns hat er

die Form einer kleinen Metall- oder Glasglocke, die man über einer

Weingeistflamme schwach erhitzt und möglichst schnell auf die zu

schröpfende Hautstelle setzt. Durch die Volumenverminderung der Luft

entsteht ein luftverdünnter Raum, in den die Haut und dabei auch die

Blutgefäße dieser Partie hineingepreßt werden. Das geschieht durch

den atmosphärischen Druck, der alle Teile unseres Körpers füllt,

widrigenfalls wir unter der ungeheuren Last von etwa 300 Zentnern,

die auf unserer rund 1½ Quadratmeter großen Körperoberfläche lagert,

elendiglich zusammenbrechen würden. Hatte man vor dem Ansetzen des

Schröpfkopfes Einschnitte gemacht, so tritt das Blut jetzt aus diesen

heraus; war das nicht geschehen, so wird das Blut aus der Nachbarschaft

des Schröpfkopfes nur unter diesen hingezogen, also von den darunter

liegenden Teilen weggeleitet. Abb. 15 zeigt uns die Schröpfung eines

Ostafrikaners. Der afrikanische Schröpfkopf besteht in der Regel aus

der Spitze eines Kuhhornes, in die man von oben her ein Loch gebohrt

hat. Zur Herbeiführung des Vakuums setzt der Medizinmann das breite

Ende auf die zu schröpfende Hautstelle und saugt mit dem Munde, so

stark er kann. Glaubt er das Horn luftleer genug, so praktiziert er

geschickt mit der Zunge ein Stück Wachs, das er im Munde hält, auf

die obere Öffnung und setzt den Mund ab. Das Horn wirkt nun in genau

derselben Weise, nur vermutlich noch stärker, als unser »zivilisiertes«

Gegenstück.

Die Anfänge der Naturbeherrschung. 1. Frühformen der Mechanik · 第 18 / 39 题