Wir setzen gewohnheitsmäßig an den Anfang aller Kulturentwicklung die
Steinzeit; und wenn wir neuerdings vor deren älteren Zeitraum, vor das
Paläolithikum, noch das Eolithikum mit seinen ganz urtümlichen Geräten
setzen, so verstehen wir unter diesen Geräten doch auch wieder nur
solche aus Stein.
Dieses Bild ist nur sehr bedingt richtig. Man kann sich sehr wohl
vorstellen, daß der Urmensch in Gegenden gelebt hätte, die wie die
Steppe oder so mancher tropische Urwald mit seinem tiefen Humus ohne
jeden Stein war. Dann wäre die Erfindung steinerner Waffen und
Geräte ganz von selbst unterblieben, der Mensch hätte sich vielmehr
mit Holz, Knochen, Muscheln, Horn u. dergl. Dingen zu behelfen
gelernt, bis die Entdeckung der Metalltechnik ihn schließlich in eine
günstigere Lage versetzt hätte. Alle diese Stoffe hat er nun aber
auch dort herangezogen, wo ihm die Benutzung des Steins offenstand,
ja von ihnen hat das Holz in demselben Maß vorgewaltet, wie es bis
in die Neuzeit bei den Naturvölkern der Südsee und Amerikas der Fall
gewesen ist, und wie man es selbst im Kulturbesitz entlegener Gegenden
Europas überraschenderweise noch heute feststellen kann. Wenn die
vorgeschichtlichen Funde ein anderes Bild ergeben, so liegt das einfach
daran, daß wohl Stein, Muscheln und unter günstigen Umständen Knochen
sich erhalten haben, nicht aber das vergänglichere Holz. An diesem und
dem Stein hat also der Mensch sein Erfindungstalent zu üben zuerst
Gelegenheit gehabt. Beim Stein können wir es mühelos noch an den
vorgeschichtlichen Erzeugnissen selbst nachprüfen, hier und da auch bei
einigen zurückgebliebenen Völkern der Gegenwart, während wir beim Holz
auf diese allein angewiesen sind.
[Illustration: Abb. 7. Der indirekte Schlag.]
Bei der Steinbearbeitung ist das Nächstliegende der Schlag. Auch
jeder von uns wird den Versuch einer Klingenherstellung nicht anders
beginnen. Für unsere Altvordern handelte es sich dabei entweder um das
Nachschärfen stumpf gewordener Schneiden, oder um das Behauen eines
passenden Knollens zur Herstellung eines selbständigen Werkzeuges,
oder um das Absplittern einer besonderen Klinge von einem größeren
Kernstein oder Nuklëus und deren etwa noch weiteres Zurechtstutzen.
Die einfachste und nächstliegende Methode war der Schlag mit einem
passenden anderen Stein auf die zu bearbeitende Stelle selbst. Das
ist der direkte Schlag, den jeder Laie anwenden wird. Feiner ist die
Methode, die zu treffende Stelle des in Arbeit befindlichen Steines auf
eine besondere Unterlage zu setzen und nunmehr auf einen bestimmten
Punkt _oben_ auf dem Stein zu schlagen; dann springt ein Splitter in
jeder gewünschten Größe ab. Die Unterlage kann der runde Rücken eines
anderen Knollens sein oder auch die Oberkante eines prismatischen
Steins, wie ihn Abb. 7 zeigt. Das Weimarer Städtische Museum, dessen
herrliche urgeschichtliche Abteilung gerade nach der technologischen
Seite hin mustergültig durchgeführt ist, führt jedem ernst zu
nehmenden Besucher auf Wunsch beide Methoden vor, wobei die Vorteile
des indirekten Schlages ohne weiteres in die Augen springen. Bis auf
Bruchteile eines Millimeters kann bei einiger Übung das Arbeitsstück
eingestellt werden.
Ermöglicht wird diese Sicherheit durch das Walten eines physikalischen
Prinzips, welches bei allen Arbeiten mit Schlag, Druck oder Zug zur
Geltung gelangt. Das ist der bekannte Satz vom Parallelogramm der
Kräfte, welches unsere Vorfahren, ohne sein Wesen zu erkennen, seit
Zeiten benutzt haben, die aller Schätzung spotten. Da er uns auch sonst
noch oft entgegentreten wird, sei er durch die Abbildung 8 erläutert.
[Illustration: Abb. 8. Das Parallelogramm der Kräfte.]
Nach diesem Satz der Mechanik können zwei Kräfte, die unter irgendeinem
Winkel an einem Punkt angreifen, durch eine Mittelkraft, die
Resultante, ersetzt werden, die ihrer Größe und Richtung nach gleich
ist der Diagonale des Parallelogramms das aus den Seitenkräften und dem
von ihnen eingeschlossenen Winkel konstruiert wird. ~AC~ und ~AB~ seien
die Seitenkräfte oder Komponenten, die auf ~A~ wirken; dann ist ~AD~
die Resultante. Ein Boot z. B., das durch den Wind oder die Dampfkraft
allein quer über den Fluß von ~A~ nach ~C~, durch die Strömung allein
in der gleichen Zeit stromabwärts von ~A~ nach ~B~ getrieben würde,
wird durch beide zugleich auf dem Weg ~AD~ zu dem weiter stromabwärts
gelegenen Punkte ~D~ des jenseits gelegenen Ufers gelangen. Beim Schlag
ist die Sachlage umgekehrt; hier ist die Resultante ~AD~ mit der Stärke
und Richtung des Schlages gegeben, so daß es nunmehr gilt, sie in 2
Komponenten zu zerlegen, die zusammen dieselbe Wirkung hervorrufen wie
jene allein. Das ist aus dem Grund ein schwieriges Beginnen, weil die
Komponenten jede beliebige Richtung annehmen können. Eine bestimmte
Lösung ist erst möglich, wenn die Komponenten bestimmte Voraussetzungen
nach Richtung und Größe erfüllen. In der Praxis des Schlagens sind
diese Unbekannten in der Härte und der Struktur des Steines, der Länge
und Stärke des beabsichtigten Absplisses begründet, mit denen also
jeder Schlagkünstler rechnen muß.
Das Weimarer Museum ist auch hier wieder mit praktischen
Versuchen vorbildlich vorangegangen, indem es die Sprung- und
Splittererscheinungen des Feuersteins an durchsichtigem Glase
studierte. Man benutzte dazu polierte Briefbeschwerer von Würfel- und
Säulenform. Schlug man mit einem Treibhammer der Klempner, der eine
kugelähnlich vorgewölbte Schlagfläche besitzt, senkrecht auf eine
ebene Fläche, so entstand eine Figur, wie Abb. 9 sie zeigt: unter
dem Treffpunkt entstand in dem Glas ein vollkommener Kegel von der
Form einer Lampenglocke, der sich je nach der Heftigkeit des Schlages
bis zur Basis des ganzen Körpers fortsetzte, so daß man den äußeren
Glaskörper wie eine Haube abheben konnte. Das kommt daher, daß die
Energie im Augenblick des Auftreffens auf den harten Körper nicht mehr
ausschließlich nach unten wirken kann, sondern auch nach den Seiten
ausstrahlen muß.[2] Die Resultante ist in ihre Komponenten zerlegt
worden.
[Illustration: Abb. 9. Schlagwirkung in einem Glaskörper.]
In der Praxis der Naturvölker von einst wie von heute spielt dieser
senkrechte Schlag keine Rolle, wohl aber der schräge. Weitaus die
meisten Feuersteinklingen des Paläolithikums zeigen, soweit sie von
einem Nuklëus abgesplittert worden sind, an ihrem dickeren Ende eine
auffällige Hervorwölbung mit zentralem, stets an der Kante liegendem
Treffpunkt. Das ist der Schlagbuckel oder Schlaghügel, auch Bulbus
oder Schlagzwiebel genannt, mit seinen konzentrischen Wellenringen und
Längssprüngen, wie Abb. 10 sie zeigt. Er entsteht dadurch, daß der Hieb
schräg auf die Fläche des Kernsteins erfolgt. Dann kann sich nur ein
Teil des Kegelmantels ausbilden, indem auf dem von der Schlagfläche aus
in spitzem Winkel abspringenden Abspliß nur ein Schlagbuckel entsteht.
Ganz große Meister der jüngeren Hälfte der älteren Steinzeit haben
auf diese Weise Feuersteinklingen fast von der Länge eines kleinen
Schwertes abgeschlagen; aus Obsidian, dem vulkanischen Glas, bringen
die Bewohner der Admiralitätsinseln im Norden des Bismarck-Archipels
ganz gleiche Kunstwerke noch heute mühelos zuwege.
[Illustration: Abb. 10. Entstehung der Schlagzwiebel durch schrägen
Schlag.]
Daß eine solche Meisterschaft nur auf Grund einer endlos vererbten
und gesteigerten Übung hat erreicht werden können, unterliegt keinem
Zweifel. Welche Erfahrung gehört allein dazu, die Eigenschaften des
Materials zu erkennen, seine Spaltrichtung, seine Härte, und wieviel
Berechnung muß dann noch vorausgehen, um den Schlag mit Sicherheit und
der Aussicht auf ein gutes Gelingen zu führen! Die Alten sind unbewußt
große Physiker gewesen.
Auf demselben Satz vom Parallelogramm der Kräfte beruht auch jene
andere Methode der Steinbearbeitung, wie sie bei den Feuerländern
und Eskimo noch neuerdings beobachtet worden ist, und wie sie auch
während des ganzen jüngeren Paläolithikums Verwendung gefunden hat.
Das ist das _Abdrücken_ von Splittern bei der feineren Bearbeitung der
Steinklingen. Wie es bei den genannten amerikanischen Völkerschaften
ausgeführt wird, habe ich bereits in den »Kulturelementen der
Menschheit«, S. 25, unter Beifügung einer Abbildung beschrieben,
die hier in Fig. 11 wiederholt sein mag. Es handelt sich dort um
die Verwendung einer gebogenen Druckstange mit einem weicheren
Einsatzstück, das man in bestimmtem Winkel auf die Kante des zu
bearbeitenden Steins setzt, um nun durch einen starken Druck eine
Lamelle zum Abspringen zu bringen. Der Leser begreift leicht, daß auch
hier Richtung und Stärke des Drucks die Resultante darstellen; die
eine der Komponenten verläuft dann tangential an der Schlagzwiebel,
während die andere schräg durch den Abspliß geht. Ob die Paläolithiker
den gleichen oder einen ähnlichen Apparat verwendet haben, läßt sich
nicht mehr feststellen; das gleiche Prinzip haben sie indessen benutzt,
auch wenn sie ihre Splitter nur mit einem einfachen Knochen oder einem
Holzstab abgepreßt haben sollten.
[Illustration: Abb. 11. Abdrücken von Steinlamellen bei den
Alaska-Eskimo.]
Wir nennen unsere Gegenwart mit Stolz nicht nur das Zeitalter des
Kindes, sondern vielleicht mit noch mehr Berechtigung dasjenige
der Maschine. In der Tat sind wir von solchen umgeben, wohin wir
auch blicken: in der Industrie, in der Landwirtschaft und auch
im anscheinend so elementaren Betrieb unseres Haushaltes. Die
Begriffsbestimmung Maschine ist viel umstritten. Im physikalischen
Sinn versteht man unter ihr eine Vorrichtung, die es ermöglicht,
die Richtung, den Angriffspunkt oder die Größe einer Kraft in der
gewünschten Weise abzuändern, wobei das, was an Größe der Kraft
gewonnen wird, an Hubhöhe oder Schnelligkeit der Leistung verloren
geht, oder umgekehrt. Man unterscheidet einfache und zusammengesetzte
Maschinen. Als einfache Maschinen oder mechanische Potenzen bezeichnet
man Hebel, Rolle und Rad an der Welle, schiefe Ebene, Keil und
Schraube, weil sie keine Zerlegung in noch einfachere Maschinen
zulassen. Die zusammengesetzten stellen Kombinationen der einfachen dar.
Mit Ausnahme der Rolle reicht die Verwendung einfacher Maschinen im
Wirtschaftsleben der Menschheit ebenfalls bis in deren Frühzeit
zurück, wie wir im Lauf unserer Betrachtungen mehrfach sehen werden.
Schon das hölzerne Urgerät verknüpft ihrer zwei miteinander. Das
ist der in der neueren Völkerkunde viel besprochene _Grabstock_,
dessen wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung ich bereits in der
»Urgesellschaft und ihrer Lebensfürsorge« zu würdigen versucht habe.
Physikalisch vereinigen sich in ihm die beiden Maschinen des Keils
und des Hebels. Das Wesen des Keils ist jedermann bekannt; er ist ein
dreiseitiges Prisma, das mit einer Kante zwischen zwei Körper dringt,
um diese vermöge einer auf seinem Rücken zur Wirkung gelangenden
Kraft voneinander zu entfernen. Man kann ihn als ein System von zwei
schiefen Ebenen auffassen, die mit ihren Grundflächen aneinander
gelagert sind. Die Wirkung, allerdings auch der Weg, ist um so größer,
je beträchtlicher die Seitenlänge des Keils im Verhältnis zu seinem
Rücken, d. h. je spitzer oder schärfer er ist. Unter einem Hebel
verstehen wir jeden um einen festen Punkt oder eine feste Achse
drehbaren Körper, an dem Kräfte wirken. Schaukelbrett und Brecheisen
sind gemeinverständliche Hinweise auf sein Wesen.
Beider Wirkungsweise vereinigt sich also im Grabstock und damit wohl
dem urtümlichsten und ältesten Werkzeuge der Menschheit überhaupt.
In dem Augenblick, wo unser ältester Vorfahr denselben Stock, den er
mutwillig vom nächsten Baum abgerissen hatte, mit der durch diese
Abtrennungsart bedingten abgeschrägten Endfläche in den Erdboden
stieß, um irgendeinen genießbaren Gegenstand herauszuholen, war der
Keil erfunden, und wenn er darauf den Stock mit dem Schwung eines
jugendkräftigen Geschlechts zur Seite bog, um die Knollenfrucht, oder
worum es sich sonst handelte, dem Schoß der Erde zu entheben, so hatte
sich ihm auch die Entdeckung des Hebels hinzugesellt, denn mit der
Drehung um einen festen Punkt, in diesem Fall die Übergangsstelle in
den Erdboden, wird der Stock eben zu dieser einfachen Maschine. Nach
der einmal gewonnenen Erkenntnis ihres Wesens und ihrer Wirkung hat
der Mensch dann gerade mit ihr förmlich gewuchert, denn wir finden den
Hebel fortan fast bei allen außerkörperlichen Betätigungen verwendet.
Uralte und dabei universale Formen des Keils sind alle unsere Schneid-,
Hieb- und Stichgeräte und -waffen, ohne daß uns die physikalische
Seite dieser Dinge für gewöhnlich so recht zum Bewußtsein kommt. Trotz
ihrer Einfachheit sind sie dabei streng auf den Menschen beschränkt,
indem kein Tier sich zur Höhe außerkörperlichen Schneidens, Hauens und
Stechens emporzuschwingen verstanden hat.
Im Sinn der Kappschen Theorie von der Selbstbeobachtung und der
Organprojektion gibt dieser Umstand sehr zu denken. Diese berühmte
Lehre sagt, daß zum Erkennen der Zweckmäßigkeit eines einmal
erprobten Werkzeugs die Fähigkeit des Vergleichs mit den eigenen
körperlichen Organen gehört (Kulturelemente S. 10 ff.). Erst wenn
ich endgültig festgestellt habe, daß ein Steinsplitter, mit dem ich
ein Fell zerschneide, vorteilhafter wirkt als meine eigenen Zähne
oder meine Fingernägel, werde ich dem Werkzeuge den Vorzug geben, es
beibehalten und gegebenenfalls vervollkommnen. Wenn nun nicht einmal
die intelligentesten Tiere, trotzdem sie mit Stöcken schlagen und mit
Steinen werfen, fähig gewesen sind, den Schritt zu den auf dem so
einfachen Prinzip des Keils beruhenden Werkzeugen zu tun, so spricht
das doppelt stark zugunsten der Kappschen Theorie. Lediglich der
Mensch verfügt eben über jene Fähigkeit der Selbstbeobachtung, und
nur er hat es in der Folge verstanden, die mangelhafte Wirkung seiner
eigenen Schneid-, Hieb- und Stichorgane, also des Gebisses und der
ausgestreckten Finger und ihrer Nägel, durch Messer und Zange, Stemm-
und Hobeleisen, Beil und Säge, Lanze, Schwert und Dolch u. dergl. zu
ersetzen. Das aber sind alles Dinge, die wiederum nur mit der Hand
geführt werden können, so daß sich unser Wunderorgan also auch hier
wieder als die unerläßliche Vorbedingung zum Aufstieg des Menschen
darstellt.
Nach diesem vorläufigen Einblick in die Gesetze der Physik, unter denen
die beiden urtümlichsten Stoffe in den Dienst der jungen Menschheit
gestellt worden sind, können wir die Flugbahn in das Reich der Mechanik
nunmehr etwas ungebundener und kühner wählen, indem wir fortan auch
solche Erscheinungen heranziehen, die ein tieferes, wenn auch immer
noch unbewußtes Eindringen in die Geheimnisse der Natur zur Schau
tragen. Manche von ihnen blicken auf ein ehrwürdiges Alter herab,
während andere wieder viel jüngeren Datums, menschheitsgeschichtlich
neue Erfindungen oder Entdeckungen sind. Sinnbilder des systematischen
Hineinwachsens unseres Geschlechts in die Herrscherrolle über alles
Organische und Unorganische bleiben sie dabei ohne Ausnahme.