4. Holz und Stein.

Wir setzen gewohnheitsmäßig an den Anfang aller Kulturentwicklung die

Steinzeit; und wenn wir neuerdings vor deren älteren Zeitraum, vor das

Paläolithikum, noch das Eolithikum mit seinen ganz urtümlichen Geräten

setzen, so verstehen wir unter diesen Geräten doch auch wieder nur

solche aus Stein.

Dieses Bild ist nur sehr bedingt richtig. Man kann sich sehr wohl

vorstellen, daß der Urmensch in Gegenden gelebt hätte, die wie die

Steppe oder so mancher tropische Urwald mit seinem tiefen Humus ohne

jeden Stein war. Dann wäre die Erfindung steinerner Waffen und

Geräte ganz von selbst unterblieben, der Mensch hätte sich vielmehr

mit Holz, Knochen, Muscheln, Horn u. dergl. Dingen zu behelfen

gelernt, bis die Entdeckung der Metalltechnik ihn schließlich in eine

günstigere Lage versetzt hätte. Alle diese Stoffe hat er nun aber

auch dort herangezogen, wo ihm die Benutzung des Steins offenstand,

ja von ihnen hat das Holz in demselben Maß vorgewaltet, wie es bis

in die Neuzeit bei den Naturvölkern der Südsee und Amerikas der Fall

gewesen ist, und wie man es selbst im Kulturbesitz entlegener Gegenden

Europas überraschenderweise noch heute feststellen kann. Wenn die

vorgeschichtlichen Funde ein anderes Bild ergeben, so liegt das einfach

daran, daß wohl Stein, Muscheln und unter günstigen Umständen Knochen

sich erhalten haben, nicht aber das vergänglichere Holz. An diesem und

dem Stein hat also der Mensch sein Erfindungstalent zu üben zuerst

Gelegenheit gehabt. Beim Stein können wir es mühelos noch an den

vorgeschichtlichen Erzeugnissen selbst nachprüfen, hier und da auch bei

einigen zurückgebliebenen Völkern der Gegenwart, während wir beim Holz

auf diese allein angewiesen sind.

[Illustration: Abb. 7. Der indirekte Schlag.]

Bei der Steinbearbeitung ist das Nächstliegende der Schlag. Auch

jeder von uns wird den Versuch einer Klingenherstellung nicht anders

beginnen. Für unsere Altvordern handelte es sich dabei entweder um das

Nachschärfen stumpf gewordener Schneiden, oder um das Behauen eines

passenden Knollens zur Herstellung eines selbständigen Werkzeuges,

oder um das Absplittern einer besonderen Klinge von einem größeren

Kernstein oder Nuklëus und deren etwa noch weiteres Zurechtstutzen.

Die einfachste und nächstliegende Methode war der Schlag mit einem

passenden anderen Stein auf die zu bearbeitende Stelle selbst. Das

ist der direkte Schlag, den jeder Laie anwenden wird. Feiner ist die

Methode, die zu treffende Stelle des in Arbeit befindlichen Steines auf

eine besondere Unterlage zu setzen und nunmehr auf einen bestimmten

Punkt _oben_ auf dem Stein zu schlagen; dann springt ein Splitter in

jeder gewünschten Größe ab. Die Unterlage kann der runde Rücken eines

anderen Knollens sein oder auch die Oberkante eines prismatischen

Steins, wie ihn Abb. 7 zeigt. Das Weimarer Städtische Museum, dessen

herrliche urgeschichtliche Abteilung gerade nach der technologischen

Seite hin mustergültig durchgeführt ist, führt jedem ernst zu

nehmenden Besucher auf Wunsch beide Methoden vor, wobei die Vorteile

des indirekten Schlages ohne weiteres in die Augen springen. Bis auf

Bruchteile eines Millimeters kann bei einiger Übung das Arbeitsstück

eingestellt werden.

Ermöglicht wird diese Sicherheit durch das Walten eines physikalischen

Prinzips, welches bei allen Arbeiten mit Schlag, Druck oder Zug zur

Geltung gelangt. Das ist der bekannte Satz vom Parallelogramm der

Kräfte, welches unsere Vorfahren, ohne sein Wesen zu erkennen, seit

Zeiten benutzt haben, die aller Schätzung spotten. Da er uns auch sonst

noch oft entgegentreten wird, sei er durch die Abbildung 8 erläutert.

[Illustration: Abb. 8. Das Parallelogramm der Kräfte.]

Nach diesem Satz der Mechanik können zwei Kräfte, die unter irgendeinem

Winkel an einem Punkt angreifen, durch eine Mittelkraft, die

Resultante, ersetzt werden, die ihrer Größe und Richtung nach gleich

ist der Diagonale des Parallelogramms das aus den Seitenkräften und dem

von ihnen eingeschlossenen Winkel konstruiert wird. ~AC~ und ~AB~ seien

die Seitenkräfte oder Komponenten, die auf ~A~ wirken; dann ist ~AD~

die Resultante. Ein Boot z. B., das durch den Wind oder die Dampfkraft

allein quer über den Fluß von ~A~ nach ~C~, durch die Strömung allein

in der gleichen Zeit stromabwärts von ~A~ nach ~B~ getrieben würde,

wird durch beide zugleich auf dem Weg ~AD~ zu dem weiter stromabwärts

gelegenen Punkte ~D~ des jenseits gelegenen Ufers gelangen. Beim Schlag

ist die Sachlage umgekehrt; hier ist die Resultante ~AD~ mit der Stärke

und Richtung des Schlages gegeben, so daß es nunmehr gilt, sie in 2

Komponenten zu zerlegen, die zusammen dieselbe Wirkung hervorrufen wie

jene allein. Das ist aus dem Grund ein schwieriges Beginnen, weil die

Komponenten jede beliebige Richtung annehmen können. Eine bestimmte

Lösung ist erst möglich, wenn die Komponenten bestimmte Voraussetzungen

nach Richtung und Größe erfüllen. In der Praxis des Schlagens sind

diese Unbekannten in der Härte und der Struktur des Steines, der Länge

und Stärke des beabsichtigten Absplisses begründet, mit denen also

jeder Schlagkünstler rechnen muß.

Das Weimarer Museum ist auch hier wieder mit praktischen

Versuchen vorbildlich vorangegangen, indem es die Sprung- und

Splittererscheinungen des Feuersteins an durchsichtigem Glase

studierte. Man benutzte dazu polierte Briefbeschwerer von Würfel- und

Säulenform. Schlug man mit einem Treibhammer der Klempner, der eine

kugelähnlich vorgewölbte Schlagfläche besitzt, senkrecht auf eine

ebene Fläche, so entstand eine Figur, wie Abb. 9 sie zeigt: unter

dem Treffpunkt entstand in dem Glas ein vollkommener Kegel von der

Form einer Lampenglocke, der sich je nach der Heftigkeit des Schlages

bis zur Basis des ganzen Körpers fortsetzte, so daß man den äußeren

Glaskörper wie eine Haube abheben konnte. Das kommt daher, daß die

Energie im Augenblick des Auftreffens auf den harten Körper nicht mehr

ausschließlich nach unten wirken kann, sondern auch nach den Seiten

ausstrahlen muß.[2] Die Resultante ist in ihre Komponenten zerlegt

worden.

[Illustration: Abb. 9. Schlagwirkung in einem Glaskörper.]

In der Praxis der Naturvölker von einst wie von heute spielt dieser

senkrechte Schlag keine Rolle, wohl aber der schräge. Weitaus die

meisten Feuersteinklingen des Paläolithikums zeigen, soweit sie von

einem Nuklëus abgesplittert worden sind, an ihrem dickeren Ende eine

auffällige Hervorwölbung mit zentralem, stets an der Kante liegendem

Treffpunkt. Das ist der Schlagbuckel oder Schlaghügel, auch Bulbus

oder Schlagzwiebel genannt, mit seinen konzentrischen Wellenringen und

Längssprüngen, wie Abb. 10 sie zeigt. Er entsteht dadurch, daß der Hieb

schräg auf die Fläche des Kernsteins erfolgt. Dann kann sich nur ein

Teil des Kegelmantels ausbilden, indem auf dem von der Schlagfläche aus

in spitzem Winkel abspringenden Abspliß nur ein Schlagbuckel entsteht.

Ganz große Meister der jüngeren Hälfte der älteren Steinzeit haben

auf diese Weise Feuersteinklingen fast von der Länge eines kleinen

Schwertes abgeschlagen; aus Obsidian, dem vulkanischen Glas, bringen

die Bewohner der Admiralitätsinseln im Norden des Bismarck-Archipels

ganz gleiche Kunstwerke noch heute mühelos zuwege.

[Illustration: Abb. 10. Entstehung der Schlagzwiebel durch schrägen

Schlag.]

Daß eine solche Meisterschaft nur auf Grund einer endlos vererbten

und gesteigerten Übung hat erreicht werden können, unterliegt keinem

Zweifel. Welche Erfahrung gehört allein dazu, die Eigenschaften des

Materials zu erkennen, seine Spaltrichtung, seine Härte, und wieviel

Berechnung muß dann noch vorausgehen, um den Schlag mit Sicherheit und

der Aussicht auf ein gutes Gelingen zu führen! Die Alten sind unbewußt

große Physiker gewesen.

Auf demselben Satz vom Parallelogramm der Kräfte beruht auch jene

andere Methode der Steinbearbeitung, wie sie bei den Feuerländern

und Eskimo noch neuerdings beobachtet worden ist, und wie sie auch

während des ganzen jüngeren Paläolithikums Verwendung gefunden hat.

Das ist das _Abdrücken_ von Splittern bei der feineren Bearbeitung der

Steinklingen. Wie es bei den genannten amerikanischen Völkerschaften

ausgeführt wird, habe ich bereits in den »Kulturelementen der

Menschheit«, S. 25, unter Beifügung einer Abbildung beschrieben,

die hier in Fig. 11 wiederholt sein mag. Es handelt sich dort um

die Verwendung einer gebogenen Druckstange mit einem weicheren

Einsatzstück, das man in bestimmtem Winkel auf die Kante des zu

bearbeitenden Steins setzt, um nun durch einen starken Druck eine

Lamelle zum Abspringen zu bringen. Der Leser begreift leicht, daß auch

hier Richtung und Stärke des Drucks die Resultante darstellen; die

eine der Komponenten verläuft dann tangential an der Schlagzwiebel,

während die andere schräg durch den Abspliß geht. Ob die Paläolithiker

den gleichen oder einen ähnlichen Apparat verwendet haben, läßt sich

nicht mehr feststellen; das gleiche Prinzip haben sie indessen benutzt,

auch wenn sie ihre Splitter nur mit einem einfachen Knochen oder einem

Holzstab abgepreßt haben sollten.

[Illustration: Abb. 11. Abdrücken von Steinlamellen bei den

Alaska-Eskimo.]

Wir nennen unsere Gegenwart mit Stolz nicht nur das Zeitalter des

Kindes, sondern vielleicht mit noch mehr Berechtigung dasjenige

der Maschine. In der Tat sind wir von solchen umgeben, wohin wir

auch blicken: in der Industrie, in der Landwirtschaft und auch

im anscheinend so elementaren Betrieb unseres Haushaltes. Die

Begriffsbestimmung Maschine ist viel umstritten. Im physikalischen

Sinn versteht man unter ihr eine Vorrichtung, die es ermöglicht,

die Richtung, den Angriffspunkt oder die Größe einer Kraft in der

gewünschten Weise abzuändern, wobei das, was an Größe der Kraft

gewonnen wird, an Hubhöhe oder Schnelligkeit der Leistung verloren

geht, oder umgekehrt. Man unterscheidet einfache und zusammengesetzte

Maschinen. Als einfache Maschinen oder mechanische Potenzen bezeichnet

man Hebel, Rolle und Rad an der Welle, schiefe Ebene, Keil und

Schraube, weil sie keine Zerlegung in noch einfachere Maschinen

zulassen. Die zusammengesetzten stellen Kombinationen der einfachen dar.

Mit Ausnahme der Rolle reicht die Verwendung einfacher Maschinen im

Wirtschaftsleben der Menschheit ebenfalls bis in deren Frühzeit

zurück, wie wir im Lauf unserer Betrachtungen mehrfach sehen werden.

Schon das hölzerne Urgerät verknüpft ihrer zwei miteinander. Das

ist der in der neueren Völkerkunde viel besprochene _Grabstock_,

dessen wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung ich bereits in der

»Urgesellschaft und ihrer Lebensfürsorge« zu würdigen versucht habe.

Physikalisch vereinigen sich in ihm die beiden Maschinen des Keils

und des Hebels. Das Wesen des Keils ist jedermann bekannt; er ist ein

dreiseitiges Prisma, das mit einer Kante zwischen zwei Körper dringt,

um diese vermöge einer auf seinem Rücken zur Wirkung gelangenden

Kraft voneinander zu entfernen. Man kann ihn als ein System von zwei

schiefen Ebenen auffassen, die mit ihren Grundflächen aneinander

gelagert sind. Die Wirkung, allerdings auch der Weg, ist um so größer,

je beträchtlicher die Seitenlänge des Keils im Verhältnis zu seinem

Rücken, d. h. je spitzer oder schärfer er ist. Unter einem Hebel

verstehen wir jeden um einen festen Punkt oder eine feste Achse

drehbaren Körper, an dem Kräfte wirken. Schaukelbrett und Brecheisen

sind gemeinverständliche Hinweise auf sein Wesen.

Beider Wirkungsweise vereinigt sich also im Grabstock und damit wohl

dem urtümlichsten und ältesten Werkzeuge der Menschheit überhaupt.

In dem Augenblick, wo unser ältester Vorfahr denselben Stock, den er

mutwillig vom nächsten Baum abgerissen hatte, mit der durch diese

Abtrennungsart bedingten abgeschrägten Endfläche in den Erdboden

stieß, um irgendeinen genießbaren Gegenstand herauszuholen, war der

Keil erfunden, und wenn er darauf den Stock mit dem Schwung eines

jugendkräftigen Geschlechts zur Seite bog, um die Knollenfrucht, oder

worum es sich sonst handelte, dem Schoß der Erde zu entheben, so hatte

sich ihm auch die Entdeckung des Hebels hinzugesellt, denn mit der

Drehung um einen festen Punkt, in diesem Fall die Übergangsstelle in

den Erdboden, wird der Stock eben zu dieser einfachen Maschine. Nach

der einmal gewonnenen Erkenntnis ihres Wesens und ihrer Wirkung hat

der Mensch dann gerade mit ihr förmlich gewuchert, denn wir finden den

Hebel fortan fast bei allen außerkörperlichen Betätigungen verwendet.

Uralte und dabei universale Formen des Keils sind alle unsere Schneid-,

Hieb- und Stichgeräte und -waffen, ohne daß uns die physikalische

Seite dieser Dinge für gewöhnlich so recht zum Bewußtsein kommt. Trotz

ihrer Einfachheit sind sie dabei streng auf den Menschen beschränkt,

indem kein Tier sich zur Höhe außerkörperlichen Schneidens, Hauens und

Stechens emporzuschwingen verstanden hat.

Im Sinn der Kappschen Theorie von der Selbstbeobachtung und der

Organprojektion gibt dieser Umstand sehr zu denken. Diese berühmte

Lehre sagt, daß zum Erkennen der Zweckmäßigkeit eines einmal

erprobten Werkzeugs die Fähigkeit des Vergleichs mit den eigenen

körperlichen Organen gehört (Kulturelemente S. 10 ff.). Erst wenn

ich endgültig festgestellt habe, daß ein Steinsplitter, mit dem ich

ein Fell zerschneide, vorteilhafter wirkt als meine eigenen Zähne

oder meine Fingernägel, werde ich dem Werkzeuge den Vorzug geben, es

beibehalten und gegebenenfalls vervollkommnen. Wenn nun nicht einmal

die intelligentesten Tiere, trotzdem sie mit Stöcken schlagen und mit

Steinen werfen, fähig gewesen sind, den Schritt zu den auf dem so

einfachen Prinzip des Keils beruhenden Werkzeugen zu tun, so spricht

das doppelt stark zugunsten der Kappschen Theorie. Lediglich der

Mensch verfügt eben über jene Fähigkeit der Selbstbeobachtung, und

nur er hat es in der Folge verstanden, die mangelhafte Wirkung seiner

eigenen Schneid-, Hieb- und Stichorgane, also des Gebisses und der

ausgestreckten Finger und ihrer Nägel, durch Messer und Zange, Stemm-

und Hobeleisen, Beil und Säge, Lanze, Schwert und Dolch u. dergl. zu

ersetzen. Das aber sind alles Dinge, die wiederum nur mit der Hand

geführt werden können, so daß sich unser Wunderorgan also auch hier

wieder als die unerläßliche Vorbedingung zum Aufstieg des Menschen

darstellt.

Nach diesem vorläufigen Einblick in die Gesetze der Physik, unter denen

die beiden urtümlichsten Stoffe in den Dienst der jungen Menschheit

gestellt worden sind, können wir die Flugbahn in das Reich der Mechanik

nunmehr etwas ungebundener und kühner wählen, indem wir fortan auch

solche Erscheinungen heranziehen, die ein tieferes, wenn auch immer

noch unbewußtes Eindringen in die Geheimnisse der Natur zur Schau

tragen. Manche von ihnen blicken auf ein ehrwürdiges Alter herab,

während andere wieder viel jüngeren Datums, menschheitsgeschichtlich

neue Erfindungen oder Entdeckungen sind. Sinnbilder des systematischen

Hineinwachsens unseres Geschlechts in die Herrscherrolle über alles

Organische und Unorganische bleiben sie dabei ohne Ausnahme.

Die Anfänge der Naturbeherrschung. 1. Frühformen der Mechanik · 第 16 / 39 题