3. Der Aufmarsch.

Bei allen außerkörperlichen Betätigungen des Menschen gelangen Gesetze

der Physik und der Chemie oder beider zugleich zur Anwendung. Der

Physik gehören dabei alle die Vorgänge an, die nicht die stoffliche

Zusammensetzung der gebrauchten Körper beeinflussen, während es die

Chemie gerade mit den Veränderungen der stofflichen Natur der Dinge

zu tun hat. Der systematische Ausbau der Physik seit Aristoteles und

die ungeheure Vervielfältigung der Lebensbetätigungen auf den höheren

Kulturstufen haben es mit sich gebracht, daß wir das Gebiet dieser

Wissenschaft, deren Rolle im Haushalt der Naturvölker uns hier zunächst

beschäftigen soll, in eine ganze Anzahl von Unterabteilungen haben

zerlegen müssen, je nachdem es sich um bewegte oder ruhende Körper

handelt und ob diese fest, flüssig oder gasförmig sind. Wir fassen den

ganzen Komplex dieser Erscheinungen unter dem Namen Mechanik zusammen,

die wir dann je nach den Aggregatzuständen der ruhenden oder bewegten

Körper als Statik und Dynamik für die festen, als Hydrostatik oder

Hydrodynamik für die flüssigen und als Aërostatik und Aërodynamik für

die gasförmigen bezeichnen. Zu ihnen treten des fernern die Wärmelehre,

die Akustik und die Optik, von Elektrizität und Magnetismus hier zu

schweigen, da sie für die niederen Kulturen nicht in Betracht kommen.

Fast möchte es gewagt erscheinen, die einfachen Lebensäußerungen

der Naturvölker in die prunkvollen Hallen dieses wissenschaftlichen

Riesengebäudes zu übertragen. Aber einmal hat gerade die Völkerkunde

die Pflicht, den Anfängen oder doch den Frühformen aller Wissenschaften

bei ihren Schutzbefohlenen nachzugehen, sodann aber besitzen auch wir

mehr als ein Buch, welches die Physik des täglichen Lebens in unseren

Volkskreisen behandelt. Dieses aber unterscheidet sich nicht dem Wesen,

sondern höchstens dem Grade nach von dem der Naturvölker. Hinsichtlich

des Verständnisses physikalischer Vorgänge schließlich besteht nicht

einmal mehr jener Gradunterschied. Weder Wilder noch Weißer gibt sich

überflüssigem Nachdenken hin.

Bei alledem bestehen nicht unwesentliche Unterschiede in der

Darstellungsmöglichkeit des tatsächlich vorhandenen. Unsere

Lebensverhältnisse sind jedermann vollkommen geläufig, so daß die

Darstellung die physikalischen Prinzipien zur Grundlage nehmen kann,

ohne die ethnographischen Verhältnisse, unter denen sie zur Anwendung

gelangen, zu schildern. Das geht bei unseren Fremdvölkern nicht, ohne

Gefahr zu laufen, einen blutleeren Organismus zu schaffen. Hier wird es

vielmehr angezeigt sein, beides in der Weise miteinander zu verknüpfen,

daß man die einzelne technische Erfindung möglichst mitten in die

lebendige Natur hineinsetzt, sie förmlich aus der Notwendigkeit der

Anpassung an den Lebensraum der einzelnen Völker herauswachsen läßt.

Nur so darf man ein einigermaßen wirkungsvolles Bild erhoffen. Es wird,

zumal bei der Enge des zur Verfügung stehenden Raums, kaum mehr als

skizzenhaft sein, doch bedeutet es ja auch nur einen Anfang, einen

Versuch in der Technohistorik der Naturvölker.

Die Anfänge der Naturbeherrschung. 1. Frühformen der Mechanik · 第 15 / 39 题