Bei allen außerkörperlichen Betätigungen des Menschen gelangen Gesetze
der Physik und der Chemie oder beider zugleich zur Anwendung. Der
Physik gehören dabei alle die Vorgänge an, die nicht die stoffliche
Zusammensetzung der gebrauchten Körper beeinflussen, während es die
Chemie gerade mit den Veränderungen der stofflichen Natur der Dinge
zu tun hat. Der systematische Ausbau der Physik seit Aristoteles und
die ungeheure Vervielfältigung der Lebensbetätigungen auf den höheren
Kulturstufen haben es mit sich gebracht, daß wir das Gebiet dieser
Wissenschaft, deren Rolle im Haushalt der Naturvölker uns hier zunächst
beschäftigen soll, in eine ganze Anzahl von Unterabteilungen haben
zerlegen müssen, je nachdem es sich um bewegte oder ruhende Körper
handelt und ob diese fest, flüssig oder gasförmig sind. Wir fassen den
ganzen Komplex dieser Erscheinungen unter dem Namen Mechanik zusammen,
die wir dann je nach den Aggregatzuständen der ruhenden oder bewegten
Körper als Statik und Dynamik für die festen, als Hydrostatik oder
Hydrodynamik für die flüssigen und als Aërostatik und Aërodynamik für
die gasförmigen bezeichnen. Zu ihnen treten des fernern die Wärmelehre,
die Akustik und die Optik, von Elektrizität und Magnetismus hier zu
schweigen, da sie für die niederen Kulturen nicht in Betracht kommen.
Fast möchte es gewagt erscheinen, die einfachen Lebensäußerungen
der Naturvölker in die prunkvollen Hallen dieses wissenschaftlichen
Riesengebäudes zu übertragen. Aber einmal hat gerade die Völkerkunde
die Pflicht, den Anfängen oder doch den Frühformen aller Wissenschaften
bei ihren Schutzbefohlenen nachzugehen, sodann aber besitzen auch wir
mehr als ein Buch, welches die Physik des täglichen Lebens in unseren
Volkskreisen behandelt. Dieses aber unterscheidet sich nicht dem Wesen,
sondern höchstens dem Grade nach von dem der Naturvölker. Hinsichtlich
des Verständnisses physikalischer Vorgänge schließlich besteht nicht
einmal mehr jener Gradunterschied. Weder Wilder noch Weißer gibt sich
überflüssigem Nachdenken hin.
Bei alledem bestehen nicht unwesentliche Unterschiede in der
Darstellungsmöglichkeit des tatsächlich vorhandenen. Unsere
Lebensverhältnisse sind jedermann vollkommen geläufig, so daß die
Darstellung die physikalischen Prinzipien zur Grundlage nehmen kann,
ohne die ethnographischen Verhältnisse, unter denen sie zur Anwendung
gelangen, zu schildern. Das geht bei unseren Fremdvölkern nicht, ohne
Gefahr zu laufen, einen blutleeren Organismus zu schaffen. Hier wird es
vielmehr angezeigt sein, beides in der Weise miteinander zu verknüpfen,
daß man die einzelne technische Erfindung möglichst mitten in die
lebendige Natur hineinsetzt, sie förmlich aus der Notwendigkeit der
Anpassung an den Lebensraum der einzelnen Völker herauswachsen läßt.
Nur so darf man ein einigermaßen wirkungsvolles Bild erhoffen. Es wird,
zumal bei der Enge des zur Verfügung stehenden Raums, kaum mehr als
skizzenhaft sein, doch bedeutet es ja auch nur einen Anfang, einen
Versuch in der Technohistorik der Naturvölker.