Fragen in der Immunitätslehre gestreift, deren endgiltige Beantwortung
vielleicht in langer Zeit noch nicht möglich sein wird. Die
Erörterung derselben war aber unvermeidlich, wenn es verständlich
sein soll, wie ich zu der Wahl des gegenwärtig von mir bevorzugten
Diphtherie-Immunisirungsverfahrens gekommen bin, von welchem im
experimentellen Theil dieser Arbeit in dem Capitel „Ueber die
Heilserumgewinnung zum Zweck der Behandlung diphtheriekranker Menschen“
(„Die Diphtherie“, 2. Heft) die Rede sein wird.
Es hat sich nämlich gezeigt, dass die bei der Immunisirung
gegenüber dem Tetanus der Mäuse gemachten Erfahrungen auch
für die Tetanusimmunisirung aller anderen bis jetzt daraufhin
untersuchten Thiere Geltung haben. Und nicht bloss das: Auch für
die Diphtherieimmunisirung sind die aus den Beobachtungen an
tetanusimmunisirten Thieren abgeleiteten Grundsätze maassgebend
gefunden worden.
Diese Grundsätze lassen sich nach dem gegenwärtigen Stande meiner
Kenntniss hierüber in folgender Weise zusammenfassen.
_Bei der Anwendung von gifthaltigen Culturflüssigkeiten zum Zweck der
Immunisirung ist der Immunisirungseffect abhängig:_
_I. von den Reactionen, welche das Gift erzeugt,_ _II. von der
absoluten Menge des Giftes._
_ad I. 1) Bei gegebener Culturflüssigkeit mit constantem Giftwerth ist
die Dosirung derselben durchaus nach der individuellen Empfänglichkeit
des zu immunisirenden Individuums für das Gift zu bemessen. Eine
immunisirende Wirkung durch dasselbe tritt dabei nur in dem Falle ein,
wenn durch das Gift Reactionen ausgelöst werden._
_2) Unter sonst gleichen Bedingungen ist der infolge der
Einzelreaction schliesslich resultirende Immunisirungseffect um so
grösser, je kräftiger dieselbe gewesen war._
_3) Dagegen erfolgt der Eintritt der Immunität um so später, je
stärker die Reaction gewesen war, und der Immunisirungserfolg kann
gänzlich vereitelt werden, wenn infolge von zu heftiger Reaction der
Tod eintritt, oder wenn die als Krankheit sich äussernde Reaction in
Siechthum übergeht._
_4) Die am meisten gefahrlose und sicherste Art der Immunisirung wird
erreicht durch Erzeugung von Reactionen nach dem Typus mässig starker
Tuberkulinreactionen bei R. Koch’s Behandlung der Tuberkulose des
Menschen. Diese Reactionen lassen ausser einer schnell vorübergehenden
Temperatursteigerung keinerlei Krankheitserscheinungen erkennen._
_ad II. i) Obwohl wir noch nicht wissen, ob das für die Immunisirung in
Frage kommende Gift überhaupt ein chemisch definirbarer und wägbarer
Stoff ist, so können wir doch bis zu einem gewissen Grade dasselbe
schon jetzt zahlenmässig durch seine Wirkung auf bestimmte Thiere
umgrenzen._
_2) Sowohl das Diphtheriegift wie das Tetanusgift erfahren durch höhere
Temperatur und durch chemische Agentien verschiedenster Art eine
willkürlich zu dosirende Abschwächung, von der es noch nicht feststeht,
ob dabei das Gift in seiner specifischen Wirkung qualitativ verändert
wird, die aber dadurch zum Ausdruck gebracht werden kann, dass man erst
durch höhere Dosen die gleichen Vergiftungserscheinungen hervorrufen
kann._
_3) Mit einer Culturflüssigkeit, deren tödtliche Minimaldosis für
die zur Bestimmung des Giftwerthes gewählte Thierspecies bekannt ist,
lassen sich die zur schnellen und gefahrlosen Immunisirung geeigneten
Reactionen um so besser erzielen, je grösser die Dosis ist, mit
Hilfe deren man die Einzelreaction auslöst. Aus diesem Grunde ist
es zweckmässig, bei Thieren, die für die Giftwirkung der in Frage
kommenden Culturflüssigkeit sehr empfänglich sind, was an der geringen
Höhe der tödtlichen Minimaldosis erkannt werden kann, zur Erreichung
einer gefahrlosen und schnellen Immunisirung die Abschwächungsmethode
zu wählen, während man bei weniger empfänglichen Individuen die gleiche
Culturflüssigkeit in unverändertem, vollgiftigem bezw. vollvirulentem
Zustande anwenden kann._
_4) Auch ursprünglich sehr empfängliche Individuen werden für die
Behandlung mit unverändert giftiger Culturflüssigkeit geeignet, wenn
man sie mittelst der Abschwächungsmethode weniger empfänglich gemacht
hat._
VIII.
Das Diphtherieheilserum und seine Eigenschaften.
Detaillirte Angaben über die Eigenschaften des Diphtherieheilserums
sind bisher nur an zwei Stellen gemacht worden; zuerst in der
Arbeit „_Ueber Immunisirung und Heilung von Versuchsthieren bei der
Diphtherie_“ von _Behring_ und _Wernicke_ (Zeitschr. f. Hyg. (1892) Bd.
XI, S. 10-44) und dann neuerdings in einem _Vortrage von Wernicke_,
dessen wesentlichster Inhalt in den Verhandlungen der _Physiologischen
Gesellschaft_ zu Berlin (No. 6 u. 7 10./2. 93, S. 5 ff.) abgedruckt ist.
In meiner gemeinschaftlich mit _Wernicke_ publicirten Arbeit
(l. c. S. 18 ff.) sind eine Reihe von wichtigeren Merkmalen des
Diphtherieheilserums genauer erörtert worden.
Als solche führe ich hier an:
_Erstens_: Durch einen Carbolsäurezusatz zum Serum bis zu einem Gehalt
von 0,5% lassen sich die Heilkörper in demselben gut conserviren (S.
18).
_Zweitens_: Die Wirkungsweise des Heilserums ist keine solche, wie
ich sie für die immunitätverleihende Action der Bacterienproducte
supponire; diese ist nach meiner Auffassung eine fermentähnliche
in dem Sinne, „_dass sie nur den Anstoss zu gewissen Veränderungen
im behandelten Organismus liefert, die dann ihrerseits erst die
Immunität bedingen_“ (S. 18); „_durch die Serumzufuhr dagegen geben
wir einem Thiere ein anderes Blut und damit gewisse Eigenschaften und
Fähigkeiten desjenigen Individuums, von welchem das Serum, gewonnen
ist. Dementsprechend kommen wir nicht mit einfachen Blutimpfungen aus,
sondern wir müssen ausgerechnete Serummengen transfundiren_“ (S. 18).
_Drittens_: Die Hauptmenge der heilbringenden Substanz, welche im Blute
immunisirter Thiere enthalten ist, wird in dem bei der Blutgerinnung
ausgeschiedenen Serum wieder gewonnen (S. 19).
_Viertens_: „Zur Erreichung von Heileffecten braucht man
grössere Mengen Serum als für die Immunisirung; und zwar sind
die zur erfolgreichen Behandlung von vorher diphtherieinficirten
Meerschweinchen erforderlichen Serummengen um so grösser, je später
nach der Infection die Behandlung eingeleitet wird. „_Bei solchen
Infectionen, an welchen Meerschweinchen nach 3 bis 4 Tagen zu Grunde
gehen, wurde sofort nach der Infection das 1½ bis 2fache derjenigen
Dosis zur glatten Heilung gebraucht, die zur einfachen Immunisirung
ausgereicht hatte, wenn das Serum vor der Infection eingespritzt wurde;
8 Stunden nach der Infection mussten wir das 3fache nehmen; und wenn
wir erst nach 24 bis 36 Stunden die Behandlung begannen, so mussten wir
bis zum 8fachen steigen_“ (l. c. S. 19).
Die hier berührten Verhältnisse sind es hauptsächlich, welche in
_Wernicke_’s Vortrag in der Berliner physiologischen Gesellschaft
vom 3./II. 93 noch präciser auseinandergesetzt und an der Wirkung
eines von _Hunden_ gewonnenen Diphtherieheilserums auf Meerschweine
demonstrirt wurden. In den Verhandlungen der phys. Ges. (l. c. S. 6)
drückt sich _Wernicke_ in folgender Weise hierüber aus: „Je immuner die
Hunde gegen Diphtherieinfection würden, desto stärker immunisirende
und heilende Eigenschaften entfaltete ihr Blutserum. _Bei so starken
Diphtherieinfectionen, dass Controlthiere in 36 bis 48 Stunden sterben,
wurden Meerschweinchen durch Seruminjectionen von 1 : 5000 bis
1 : 10000 (auf das Körpergewicht der Thiere berechnet) noch gerettet,
wenn man ihnen das Heilserum ¼ Stunde nach der Infection einspritzte.
Bei 8 Stunden nach der Infection in Behandlung genommenen Thieren
hatten Serummengen von 1 : 500 noch heilenden Einfluss; aber auch
Meerschweine, die erst 24 Stunden nach der Infection, während sie schon
sehr schwere locale und allgemeine Krankheitserscheinungen zeigten, mit
Serum behandelt wurden, konnten durch Injectionen grösserer Dosen, wie
1 : 100, 1 : 200, 1 : 300, ja 1 : 500, sicher gerettet werden._“
Die Multipla des Serumbedarfs sind nach diesen Angaben _Wernicke_’s
etwas grösser, als die aus unserer gemeinsamen Arbeit oben citirten
Zahlen; es erklärt sich das daraus, dass dort die Behandlung von
Thieren berichtet wird, welche mit der _einfachen_ tödtlichen
Minimaldosis einer Diphtheriebouilloncultur inficirt waren, an der sie
erst nach ca. 4 Tagen zu Grunde gehen, während in _Wernicke_’s neueren
Versuchen die Infection viel stärker gewählt wurde. Wie sehr aber durch
diese Differenz der Serumbedarf zur Heilung einer Infectionskrankheit
beeinflusst werden kann, das habe ich in einer besonderen Arbeit
in Gemeinschaft mit Dr. _Knorr_ („Ueber den Immunisirungswerth und
Heilwerth des Tetanusheilserums bei weissen Mäusen“, Zeitschr. f. Hyg.
u. Inf. K., Bd. XIII (1893) S. 407 ff.) für den _Tetanus_ zu zeigen
versucht.
Eine Vergleichung der diesbezüglichen Versuchsergebnisse beweist
übrigens, dass trotz aller principiellen Analogien und trotz
_qualitativer_ Gleichheit doch _quantitativ_ sich überaus grosse
Unterschiede erkennen lassen, wenn man das Verhältniss der zur
_Immunisirung gesunder_ und zur _Heilung kranker Individuen_
erforderlichen Serumquantität genauer untersucht. _Zur Heilung
von tetanuskranken Individuen in vorgeschrittenem Stadium braucht
man schliesslich millionenmal mehr Heilserum als zur Immunisirung
gesunder; während die Heilung diphtheriekranker Thiere, selbst wenn
sie schon Pleuraexsudat haben und wenn ihre Athmung sehr erheblich
erschwert ist, nur ein mässiges Multiplum der zu ihrer Immunisirung
ausreichenden Dosis erfordert. Selbst wenn wir die grösste von Wernicke
für die Heilung benutzte Serumquantität für die Berechnung zu Grunde
legen (1 : 100), so beträgt dieselbe doch immer nur das 100fache der
immunisirenden Dosis._
Es ist ohne Weiteres verständlich, wie durch diesen Umstand die
Diphtherieheilung auch in weiter vorgeschrittenen Krankheitsstadien
günstigere Chancen darbietet als die Tetanusheilung.
_Fünftens_: Bezüglich der differenten Applicationsweise des Serums
erwies sich die intraperitoneale Injection desselben etwas wirksamer
als die subcutane, jedoch nicht in dem Grade, dass man deswegen die
bequemere und weniger gefährliche letztere Art der Injection durch die
erstere zu ersetzen einen Anlass sehen müsste (l. c. S. 20).
_Wernicke_ und ich haben (l. c. S. 37 ff.) auch darüber Auskunft
gegeben, wie wir vorzugehen beabsichtigten, um die allgemeinere
Einführung des Diphtherieheilserums in der Behandlung der Diphtherie
vorzubereiten. Wir sagten in unserer Arbeit:
„Wir untersuchen von Zeit zu Zeit das Serum des Blutes der immunisirten
Thiere auf seine immunisirende und heilende Leistungsfähigkeit.
Finden wir schliesslich dieselbe so gross, dass wir damit eclatante
therapeutische Resultate bekommen können, dann suchen wir uns von
den Eigenschaften und Fähigkeiten dieses Diphtheriemittels genauere
Kenntniss zu verschaffen.
Der Endzweck unserer Versuche bleibt immer der, das Mittel in solcher
Menge und Wirksamkeit zu gewinnen, dass damit auch beim Menschen die
Diphtherie behandelt werden kann.
Man erkennt ohne Weiteres, dass für den einwandsfreien Beweis
unserer Behauptung, „jetzt so weit zu sein, dass an die Verwerthung
unseres Diphtherieheilmittels auch beim Menschen gedacht werden
könne,“ es genügt, wenn wir unser Mittel in applicabler Form fertig
solchen Personen behufs eigener Prüfung in die Hand geben, die ein
sachverständiges Urtheil über die hierher gehörigen Fragen haben.
Wenn dann zunächst bei Versuchsthieren bestätigt wird, dass dieses
Mittel in der That ein specifisches Diphtherieheilmittel ist, welches
von der Blutbahn aus überall im Körper die krankmachenden Wirkungen
der Diphtheriebacillen aufhebt, wenn dann weiter bestätigt wird,
dass dasselbe für das behandelte Individuum absolut unschädlich ist,
dann haben wir zum Beweise jener Behauptung Alles beigebracht, was
billigerweise verlangt werden kann; und es ist sachlich dabei ganz
gleichgültig, wie wir zu unserem Heilmittel gekommen sind.
Man hört jetzt oft die Forderung erheben, dass bei Neueinführung
eines Heilmittels dessen Zusammensetzung genau bekannt sein müsse, ja
womöglich „dasselbe müsse rein dargestellt sein“.
Nun, wir wissen selber noch gar nichts Genaues über die chemische Natur
der im Blute wirksamen Heilkörper; und nur soweit sind wir darüber
orientirt, dass wir selbst auf eine sogenannte „Reindarstellung“
verzichten.
Gleichwohl, wenn wir so weit gekommen sein werden, dass, auf das
Körpergewicht eines Kindes berechnet, eine Einspritzung von wenigen
Cubikcentimetern einer im Uebrigen indifferenten Flüssigkeit
sichere Heilwirkung gegenüber einer sonst absolut tödtlichen
Diphtherieinfection zu Stande bringt, -- dann haben wir keine Sorge
darum, dass das Mittel auch beim Menschen angewendet werden wird, auch
wenn es nicht in seiner Zusammensetzung genau bekannt und nicht rein
dargestellt ist, ja selbst wenn über seine Herkunft gar nichts bekannt
wäre.
Soweit sind wir jetzt noch nicht; die grösste Wirkung, welche wir
mit den bis jetzt untersuchten Serumsorten erzielt haben, ist die
Heilwirkung des Serums von einigen Meerschweinchen mit 1 : 1000 bei
sofort nach der Infection eintretender Behandlung und 1 : 400 nach dem
Auftreten deutlicher und allgemeiner Erkrankung.
Wenn wir nun unter Berücksichtigung der Thatsache, dass der
Mensch nicht in gleichem Grade wie die Meerschweinchen als
diphtherieempfänglich angesehen werden kann, und dass die Infection
in der Regel nicht so stark ist, wie wir sie künstlich machen,
voraussetzen dürfen, dass die Heilung des Menschen leichter gelingen
wird, als die der Versuchsthiere, so kommen wir doch noch zu recht
erheblichen Zahlen für die Serummenge, die voraussichtlich zur Heilung
eines schwer diphtheriekranken Kindes nothwendig ist.
Bei Zugrundelegung der Zahl 1 : 400 würden wir für ein Kind mit
einem Körpergewicht von 20 kg noch 50 ccm Heilserum gleich am Anfang
verbrauchen müssen und zur Weiterbehandlung dann wahrscheinlich noch
ebensoviel.
Wir möchten noch besonders hervorheben, dass Niemand mit Sicherheit
voraussagen kann, ob die Diphtherie des Menschen leichter oder schwerer
durch unser Mittel zu heilen ist, als die der Versuchsthiere; wir
müssen aber mit der ungünstigeren Möglichkeit rechnen und uns auch auf
den Fall gefasst machen, dass nicht gleich die ersten Heilversuche
unzweideutig positiv ausfallen.
Unter diesen Umständen und aus dem weiteren Grunde, weil wir
selbst darauf verzichten, orientirende Vorversuche am Menschen zu
machen, halten wir es für zweckmässig, demjenigen, der mit unserem
Diphtherieheilmittel solche Versuche anstellen will, nicht bloss an
Thieren die vollkommene Unschädlichkeit desselben zu demonstriren,
sondern auch ihm ein selbstständiges Urtheil darüber zu verschaffen,
dass die therapeutische Leistungsfähigkeit unseres Mittels einer noch
nicht abzusehenden Steigerung fähig ist.
In dem hier dargelegten Sinne sind wir im Laufe der beiden letzten
Jahre ununterbrochen thätig gewesen, und gegenwärtig können wir sagen,
dass das Ziel, welches wir uns gesteckt haben, erreicht ist.
_Wernicke_ und ich haben in dieser Zeit aus äusseren Gründen bis zu
gewissem Grade eine Arbeitstheilung vorgenommen.
Das Ziel „_Diphtherieheilserum in solcher Menge und Wirksamkeit zu
gewinnen, dass damit auch beim Menschen die Diphtherie behandelt werden
kann_“, liess sich nur erreichen, wenn mit grossen Mitteln an vielen
Schafen oder anderen blutliefernden Thieren die Immunisirungsarbeit
ausgeführt wurde. Ich habe es mir angelegen sein lassen, diese Mittel
von solchen Stellen zu beschaffen, deren Interesse für die Sache ich
wachzurufen versuchte. Einen solchen Appell an die Mitbetheiligung
weiterer Kreise liess ich zunächst ergehen am Schluss meiner
Abhandlung „Die praktischen Ziele der Blutserumtherapie“ (_Behring_,
Blutserumtherapie I., Thieme, Leipzig 1892) S. 17 u. 18.
„Wenn ich es unternommen habe, nicht bloss die bisherigen Leistungen
auf dem Gebiete der Blutserumtherapie, sondern auch die Perspective
zu schildern, welche die Resultate von Laboratoriumsarbeiten uns
zu gewähren im Stande sind, so geschieht das hauptsächlich aus dem
Grunde, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass die Mittheilungen der
experimentell-wissenschaftlichen Originalarbeiten in Fachzeitschriften
nur einem kleinen Theile des ärztlichen Publicums zugänglich sind,
während es doch wünschenswerth ist, dass vor der Uebertragung der
durch Thierexperimente gewonnenen Ergebnisse auf den kranken Menschen
die Principien und die Ziele der neuen Heilmethode in der Hauptsache
_allgemein_ bekannt werden.
Wie man aus meiner Schilderung erkennen kann, wachsen jetzt die
Arbeiten aus dem Rahmen der eng begrenzten Laboratoriumsthätigkeit
heraus.
So lange es sich darum handelte, die wissenschaftlichen _Vorarbeiten_
für die Begründung der neuen Heilmethode auszuführen, konnte es der
Sache nur förderlich sein, wenn von derselben nicht viel Geräusch
gemacht und die öffentliche Discussion darüber möglichst vermieden
wurde. Die Controlle der Arbeiten durch meinen hochverehrten Lehrer,
Herrn Geheimrath _Koch_, sein Rath und seine Hülfe in allen Stadien
derselben bot die beste Gewähr dafür, dass ich nicht gar zu sehr auf
Abwegen mich verlor.
An der Uebertragung der wissenschaftlichen Resultate auf die ärztliche
Praxis sind wir aber nicht wesentlich mehr interessirt, als alle
anderen Aerzte und als die kranken und die krankheitbedrohten Menschen,
denen die neuen Heilmittel zugute kommen sollen.
Es ist jetzt Sache der weiter betheiligten Kreise, dafür zu sorgen,
dass die Arbeiten im Interesse der leidenden _Menschen_ in ähnlicher
Weise ermöglicht werden, wie das durch die thatkräftige Unterstützung
des landwirtschaftlichen Ministeriums im Interesse landwirthschaftlich
werthvoller _Thiere_ schon jetzt geschehen ist.“
Dem Einwand aber, dass für eine solche Arbeit in grösserem Maassstabe,
wie ich sie plante, die Zeit noch nicht gekommen sei, suchte ich zu
begegnen durch folgende Ausführungen (l. c. S. 55 u. 56):
„Nun könnte man sagen: „Dann ist ja der Appell am Schluss des ersten
Theils dieser Arbeit an weitere Kreise, die Inangriffnahme der
Diphtherieimmunisirung von grossen Thieren in erweitertem Maassstabe zu
ermöglichen, verfrüht. Zeigt erst, dass Ihr den Menschen sicher heilen
könnt, dann kommt das Uebrige von selbst, dann werden auch die Mittel
zu weiteren Arbeiten nicht fehlen.“
Bis zu einem gewissen Grade ist das richtig.
Ich glaube aber doch nicht unterlassen zu dürfen, auf die Consequenzen
einer solchen Argumentation hinzuweisen.
Wie schon erwähnt, vergehen voraussichtlich auch später Jahre, ehe
die Diphtherieimmunisirung ein und desselben Thieres uns ein solches
Heilserum liefert, dessen Anwendung für praktische Zwecke allen unseren
Anforderungen Genüge leistet.
Wenn nun mit dem Beginn der Inangriffnahme der Versuche im Grossen
gewartet wird, bis _Wernicke_ und _ich_ sagen, jetzt können wir die
Diphtherie des Menschen ganz sicher heilen (da wir vorsichtige Leute
sind, kann das noch recht lange dauern); 100 und mehr hintereinander
geheilte Fälle liefern den Beweis dafür, -- dann stehen wir vor der
Situation, dass wir wissen, es _giebt_ ein specifisches Heilmittel
gegen die Diphtherie des Menschen, wir _haben_ es bloss nicht und
können es auch im günstigsten Fall -- unsere dauernde Arbeitsfähigkeit
und Arbeitsfreudigkeit vorausgesetzt -- erst in einigen Jahren
bekommen. Da fragt es sich denn doch, ob es nicht besser ist, jetzt
schon anzufangen.“
Dankbar muss ich anerkennen, dass meine Worte nicht ungehört verhallt
sind.
Von den verschiedensten Seiten habe ich bei meinen weiteren
Bestrebungen wirksame Unterstützung gefunden.
Vor Allen aber sind es der Herr Generalstabsarzt der Armee, Excellenz
_von Coler_, der Geh. Med.-Rath Prof. _R. Koch_ und der Geh.
Oberregierungsrath Dr. _Althoff_, die ich zu nennen habe, wenn ich
auch auf den äusseren Erfolg meiner Thätigkeit in der Herstellung von
Diphtherieheilserum mit Befriedigung zurückblicken kann.
Ferner haben mich meine Mitarbeiter bei der Diphtherie, Herr Stabsarzt
Dr. _Wernicke_ und San.-Rath und Hofarzt Dr. _O. Boer_, auch bei den
Arbeiten, welche auf die _Diphtherieheilserumgewinnung im Grossen_
gerichtet sind, unentwegt unterstützt.
Endlich verdanke ich es der materiellen Unterstützung der Farbwerke
vorm. _Meister, Lucius & Brüning_, dass ich unter bequemen
Arbeitsbedingungen die Serumgewinnung an einem grossen Thiermaterial
ausführen konnte. Zum Theil in _Berlin_, in der Nähe des Instituts für
Infectionskrankheiten, zum Theil in _Höchst a. M._, sind Stallungen
eingerichtet worden, welche für meine Zwecke vorzüglich geeignet
sind; in denselben finden vorläufig ca. 60 Schafe und mehrere Pferde
Unterkunft, und die Wartung, Beobachtung und Behandlung dieser Thiere
hat sich in solcher Weise einrichten lassen, dass meine eigene
Arbeitsleistung dabei nicht übermässig gross ist.
In letzter Zeit habe ich eine Berechnung versucht, was mit dem jetzt
zur Verfügung stehenden Diphtherieheilserum event. geleistet werden
kann. Ich legte bei dieser Berechnung die Schlussfolgerungen zu
Grunde, welche ich aus der Behandlung von ca. 80 diphtheriekranken
Kindern mit Heilserum (in verschiedenen Kliniken)[6] gezogen habe,
die allerdings aber vorläufig nur für mich selbst überzeugende Kraft
haben. Danach ist der Immunisirungsprocess bei 30 Schafen soweit
vorgeschritten, dass dieselben mir brauchbares Heilserum liefern.
Die Leistungsfähigkeit desselben ist bei verschiedener Provenienz
verschieden und nicht überall genau berechnet. Bei mehreren Schafen ist
sie so gross, dass nach meiner Berechnung und Erfahrung 0,5 ccm Serum
für ein Jahr alte Kinder zur Immunisirung ausreichen, zur Heilung aber
nicht sehr schwerer Fälle bei 3 bis 4 Jahre alten Kindern 10 bis 15
ccm. Nun liefert ein einzelnes Schaf, wenn nöthig, alle 4 Wochen eine
Serumquantität von mindestens 50 ccm, ohne dass es dadurch irgendwie
geschädigt wird. _Rechne ich den Serumertrag pro Jahr auf rund 2½
Liter, so kann also von 1 Schaf pro Jahr die zur Immunisirung von 5000
Kindern erforderliche Serummenge gewonnen werden._ Eben dieselbe Menge
würde nach vorstehender Berechnung zur Heilung von ca. 200 Kindern
ausreichen, wenn die Behandlung derselben alsbald nach festgestellter
Diagnose vorgenommen wird.
Ich benutze diese Stelle noch, um die Gründe anzuführen, aus welchen
ich es vorziehe, erst dann das Serum zu Heilversuchen beim Menschen
abzugeben (ohne dass ich mir die Bestimmung über die Art der Anwendung
und über den Ort der Publication der Resultate vorbehalte), wenn die
specifische Heilwirkung klinischerseits, unter meiner Mitbeobachtung,
ganz einwandsfrei festgestellt ist. Diese Gründe sind zu suchen in den
Erfahrungen, welche ich bei der Abgabe von Tetanusheilserum gemacht
habe: Trotzdem ich mich bemühte, so verständlich, wie irgend möglich,
auseinanderzusetzen, („Das Tetanusheilserum und seine Anwendung auf den
tetanuskranken Menschen“, _Behring_, Blutserumtherapie II, _Thieme_,
Leipzig), dass mein bisher verabfolgtes Tetanusheilserum nur für die
Anfangsstadien der Erkrankung ausreicht, haben doch manche Empfänger
auf eigene Hand sich überzeugen wollen, ob noch kurz vor dem Tode, mit
anderen Worten, wenn nach ihrer Ansicht die Prognose _absolut_ schlecht
geworden ist, eine Heilwirkung eintritt; und wenn dann der Erfolg
ausblieb, so bemängelten nicht bloss sie selbst die Heilkraft des
Mittels überhaupt, sondern sie veranlassten auch ihre Umgebung zu einer
Auffassung, die durchaus geeignet war, mein Mittel zu discreditiren;
ich hatte dann alle Mühe, brieflich oder auf anderem Wege diese mir
selbstverständlich unerwünschte Wirkung aufzuheben.