Es können aber auch tetanische Erscheinungen gänzlich fehlen und dabei

doch recht erhebliche und langandauernde krankhafte Veränderungen

bestehen; die Thiere haben dann wochenlang Fieber, verlieren die

Fresslust und magern ab; bei mehreren _Schafen_ zog sich ein solches

Kranksein, auch nachdem die immunisirende Vorbehandlung gänzlich

eingestellt war, sogar zwei bis vier Monate lang hin. Prüfte man

während dieser Zeit die Widerstandsfähigkeit der Thiere gegenüber dem

Tetanusgift, so wurde dieselbe im Vergleich zu derjenigen, welche

vor dem Krankwerden constatirt war, nicht grösser, sondern geringer

gefunden. Zuweilen war die Giftwiderständigkeit um mehr als das

hundertfache zurückgegangen. Erst wenn nicht bloss die Körpertemperatur

wieder normal geworden ist, sondern auch das Gewicht seine alte Höhe

erreicht hat, fängt die Zunahme der Giftimmunität an, und diese Zunahme

lässt sich dann wochenlang und monatelang weiter verfolgen, auch wenn

man inzwischen keine weiteren Gifteinspritzungen macht.

Eine dritte Art der Reaction äussert sich in kurzdauerndem Fieber

ohne nennenswerthe Gewichtsabnahme. Diese Reaction kann man kaum

als eine Krankheit bezeichnen. Auch wenn die Temperatursteigerung,

welche in diesem Fall schon wenige Stunden nach der Gifteinspritzung

beginnt, sehr hoch wird, bei Pferden von 37,0 bis 41°, bei Schafen

von 39,5 bis 41,5° und darüber, merkt man äusserlich den Thieren kein

Kranksein an; ihre Fresslust ist unvermindert; die Munterkeit zuweilen

scheinbar noch gesteigert; und die Gewichtsmessungen ergeben höchstens

am zweiten und dritten Tage nach der das Fieber hervorrufenden

Injection eine geringe Abnahme; dieselbe wird aber an den folgenden

Tagen nicht bloss ausgeglichen, sondern erheblich übercompensirt. Der

Verlauf der Temperatursteigerung und des Temperaturabfalls entspricht

genau dem, was wir von kräftigen Reactionen bei einer gut geleiteten

Tuberkulinbehandlung wissen.

Endlich lässt sich noch eine vierte Art der Reaction auf das

Tetanusgift beobachten, die dadurch charakterisirt ist, dass das

Fieber vollständig fehlt oder bloss durch Decigrade angedeutet ist,

dass auch ein Gewichtsverlust gar nicht eintritt, dass aber die

Blutuntersuchung objectiv nachweisbare Veränderungen erkennen lässt.

Ich habe meine Aufmerksamkeit nach dieser Richtung besonders dem

Gerinnungsprocess des Aderlassblutes zugewendet und gefunden, dass

derselbe in Fällen von einer solchen Vorbehandlung mit Tetanusgift,

die ohne ein Erkennbarwerden sonstiger Krankheitssymptome zur Erhöhung

der Tetanusgiftwiderständigkeit führte, verlangsamt ist, und ausserdem

dass die Ausbeute an Serum auch bei längerem Stehen des Blutes eine

geringere wird.

Die sehr zahlreichen Einzelbeobachtungen haben ergeben, dass diese

vier Arten der Reaction, von denen die letzte den leichtesten Grad,

die erste den schwersten repräsentirt, ohne markante Unterschiede

in einander übergehen. Im Allgemeinen liess sich dabei erkennen,

dass die der vierten Art der Reaction zukommende Veränderung des

Gerinnungsprocesses bei der dritten, zweiten und ersten Reaction,

ferner das hohe Fieber der dritten als Initialfieber bei der zweiten

und ersten und das continuirliche bezw. remittirende Fieber der zweiten

Reaction nebst dem Gewichtsverlust bei der ersten wiederzufinden

sind. Hierzu bedarf es jedoch einiger einschränkender Bemerkungen.

Bei der ersten Reaction _kann_ das hohe Initialfieber vorhanden sein,

es kann aber auch gänzlich fehlen oder nur angedeutet sein; und zwar

fehlt es um so gewisser, je schwerer die tetanische Erkrankung ist.

Die verlangsamte Gerinnung aber des Aderlassblutes hält nicht während

der _ganzen_ Dauer des Krankseins an, sondern nur so lange, als

dabei Temperatursteigerung besteht, und wenige Tage nach dem Ablauf

derselben; in der Periode des Gewichtsverlustes erfolgt bei _niedriger_

Temperatur sogar die Beendigung der Blutgerinnung schneller, als bei

normalem Verhalten der Thiere, und die Serumausbeute ist eine abnorm

grosse.

Nachdem ich diese bemerkenswerthen Verhältnisse erkannt und

classificiren gelernt, und nachdem ich für die Leitung der Immunisirung

die genaue Verfolgung des Ablaufs der Reactionen als ein überaus

werthvolles Kriterium ausgenützt hatte, ging das weitere Bestreben

dahin, diejenige Art derselben ausfindig zu machen, welche für meine

Zwecke am vorteilhaftesten erschien.

Nun sind meine Immunisirungsarbeiten stets auf das Ziel gerichtet,

mit Hülfe derselben ein möglichst heilkräftiges Blut von den Thieren

zu bekommen; zur Erreichung dieses Zieles aber ist es _im Princip_

gleichgültig, ob wir die Immunisirung so handhaben, dass wir die

Thiere schwere Erkrankungen überstehen lassen, oder ob wir alle

äusserlich wahrnehmbaren, oder auch durch Temperaturmessungen und

Gewichtsbestimmungen zu constatirenden Gesundheitsstörungen vermeiden

und nur durch sorgfältige Blutuntersuchungen kenntlich werdende

Reactionen auslösen.

Es erwies sich dagegen die Art des Vorgehens _nicht_ gleichgiltig, wenn

nicht bloss ein hoher Grad der Tetanusimmunität und dementsprechend

ein kräftiges Heilserum bekommen, sondern wenn dieses Ziel auch in

möglichst kurzer Zeit und möglichst ohne die Gefahr von Verlusten

erreicht werden sollte.

Positive und befriedigende Resultate habe ich gewonnen sowohl bei

solchen Thieren (Pferden), die einen regulären Tetanus überstanden, wie

bei solchen, die zu keiner Zeit nennenswerthe Krankheitserscheinungen

erkennen liessen. _Aber die schnellste und sicherste Art der

Immunisirung ist bisher diejenige gewesen, welche durch häufige

Wiederholung von Reactionen der dritten Art erhalten wird, die also

nach dem Typus der von R. Koch empfohlenen Tuberkulinbehandlung

beginnender Tuberkulose verläuft._ Es verdient hier erwähnt zu werden,

dass vielleicht die günstigen Erfolge bei meinem Immunisirungsverfahren

gegenüber dem Tetanus nicht sobald gewonnen worden wären, wenn nicht

ganz analoge Beobachtungen bei der Diphtherieimmunisirung von Schafen

voraufgegangen wären; und diese wiederum ist in ganz bewusster Weise

angelehnt worden an _R. Koch_’s epochemachende Mittheilungen über den

Eintritt der Tuberkulinimmunität nach subcutaner Injection allmählich

gesteigerter Tuberkulindosen.

Auf welche Weise man diese schnell und ohne sonstige krankhafte

Veränderungen ablaufenden Fieberreactionen im Verlauf der

Tetanusimmunisirung erreicht, ob durch lebende Tetanusculturen,

oder durch Culturen, in denen die Tetanusbacillen durch Carbolsäure

abgetödtet sind, sodass bloss noch das Tetanusgift und vielleicht die

Tetanussporen für die Wirkung in Frage kommen, ob durch filtrirte

Culturen, in denen das Gift sicher allein als wirksames Princip

enthalten ist, ob endlich durch _unverändertes_ oder ein durch langes

Stehenlassen und Einwirkung des atmosphärischen Sauerstoffs, durch

Hitze oder Chemikalien _abgeschwächtes_ Gift, das alles ist wiederum

_an sich_ ganz gleichgiltig.

Fragt man aber, wie _im concreten Fall_ sich die Sache gestaltet, dann

bedarf es der sorgfältigsten Abwägung der verschiedensten Umstände.

Vor Allem kommt es darauf an, von welcher Art die Thiere sind,

die man immunisiren will, und in welcher Immunisirungsperiode sich

dieselben befinden. Thiere, welche für die Erkrankung an Tetanus durch

Gifteinspritzung und durch Infection mit den lebenden Bacillen weniger

leicht empfänglich sind, wie Hunde und alte Schafe, kann man gleich von

vornherein mit kleinen Dosen des unveränderten Tetanusgiftes behandeln.

Allenfalls angängig ist das auch bei Kaninchen. Mäuse, Meerschweinchen,

Lämmer, Pferde müssen aber, wenn man bei diesen Thieren sicher und

schnell zum Ziel gelangen will, mit _abgeschwächtem_ Gift in der

ersten Immunisirungsperiode behandelt werden. Sind sie erst auf einen

gewissen Immunitätsgrad gebracht, dann _können_ sie nicht bloss mit

unverändertem Gift oder mit vollvirulenter Cultur zur Erreichung sehr

hoher Immunitätsgrade weiter behandelt werden, sondern es _muss_ das

geschehen, da sonst Reactionen ausbleiben und damit auch die Steigerung

der Immunität.

In Gemeinschaft mit Herrn Prof. _Schütz_ habe ich mich durch eigens

darauf gerichtete Versuche an Pferden von der _Möglichkeit_,

durch gleich von vornherein verabfolgte Gaben sehr kleiner

Mengen _unveränderten_ Tetanusgiftes diese Thiere über die erste

Immunisirungsperiode hinwegzubringen, überzeugt. Wir haben dabei aber

Verluste gehabt und gesehen, dass man schneller und sicherer vorwärts

kommt bei der Anwendung abgeschwächter Culturen.

Wie bei Meerschweinchen und Mäusen die principielle Entscheidung der

Frage von der Anwendbarkeit dieser _Verdünnungsmethode_ schliesslich

lauten wird, muss vorläufig noch in suspenso gelassen werden.

Dagegen habe ich in Gemeinschaft mit Dr. _Knorr_ eine andere,

zunächst theoretisch wichtig erscheinende Frage durch Experimente

an Mäusen zu beantworten gesucht, die mit dem fundamentalen Problem

des Unterschiedes zwischen der _Verdünnungsmethode_ und der

_Abschwächungsmethode_ in innigster Beziehung steht.

Das hier in Frage stehende Problem ist folgendes:

Nach der bis vor Kurzem in _Frankreich_ geltenden Doctrin sollen in den

Culturen krankmachender Bakterien Giftstoffe und vaccinirende Stoffe

nebeneinander vorkommen, und man gab sich demgemäss der Hoffnung hin,

dass man durch geeignete Maassnahmen die Giftwirkung aus den Culturen

eliminiren und die vaccinirende Wirkung allein übrig behalten könne.

_Charrin_, _Roger_, später wohl auch die in _Pasteur_’s Institut

dieses Gebiet bearbeitenden Bakteriologen, nahmen das auf _Bouchard_

zurückzuführende Dogma von der Selbstständigkeit und Präexistenz eines

immunisirenden Princips in den Culturen an, wobei namentlich die

Pyocyaneusimmunisirung der Kaninchen als Paradigma diente.

In _Deutschland_ wurde dieses Dogma von _C. Fraenkel_ für die

Diphtherie, von _Brieger_, _Kitasato_ und _Wassermann_ für die

Immunisirung gegenüber dem Tetanus, der Diphtherie, dem Typhus, der

Cholera gläubig acceptirt und womöglich noch bedingungsloser bekannt.

Von dieser Doctrin aus musste selbstverständlich die Immunisirung

als am besten erreichbar betrachtet werden, wenn der Giftstoff von

dem supponirten immunisirenden Stoff reinlich getrennt würde, und es

sind denn auch Versuche nach dieser Richtung hin angestellt worden.

Als dieselben resultatlos verliefen, wurde mehr oder weniger bewusst

damit gerechnet, dass der Giftstoff durch Hitze und durch Chemikalien

leichter zerstörbar sei, als die supponirte immunisirende Substanz;

und so hat _C. Fraenkel_ geglaubt, das giftige Princip aus drei Wochen

alten Diphtherieculturen vollständig zu entfernen, wenn er dieselben

auf 65° C. erhitzte, und _Brieger_, _Kitasato_ und _Wassermann_

haben Aehnliches behauptet für die Wirkung von Thymussubstanz auf

Bakterienculturen.

Ich habe nun genügende Veranlassung, die diesen Versuchen zu Grunde

liegende Theorie _Bouchard_’s als nicht zutreffend zurückzuweisen,

insofern als in meinen eigenen Versuchen Alles dafür spricht, dass

die giftige und immunisirende Substanz identisch sind und dass in den

Versuchen _Bouchard_’s und seiner Schüler, sowie in denen der genannten

_deutschen_ Autoren die Giftwirkung nicht _eliminirt_ worden ist,

sondern dass die in Frage kommenden Gifte thatsächlich bloss _schwächer

wirksam_ gemacht worden sind.

Indessen, gar so einfach sind die Verhältnisse nicht, und ein so

scharfsinniger Beobachter, wie _Bouchard_ es ist, wäre gewiss

nicht zu seiner Lehre gekommen, wenn nicht eine Reihe wichtiger

Thatsachen zu Gunsten derselben sprechen würde. Die wichtigste

unter diesen Thatsachen ist aber eben die, dass es Fälle giebt, wo

nach dem bisherigen Stande unserer Kenntnisse eine Immunisirung

mit Bakterienculturen nur dann möglich ist, wenn dieselben durch

physikalische oder chemische Agentien verändert sind, und dass man da,

wo _vor_ der Einwirkung der letzteren schon mit kleinen Culturmengen

der Tod der Versuchsthiere herbeigeführt werden konnte, _nach_ einer

abschwächenden Behandlung der Culturflüssigkeiten selbst mit sehr

grossen Mengen derselben nicht einmal eine deutliche Erkrankung

zu erzielen war, dass aber gerade hierbei, bei der Anwendung

grosser Mengen scheinbar ungiftig gewordener Cultur, die besten

Immunisirungseffekte erreicht wurden.

Die Hoffnung, welche an diese Thatsache geknüpft wurde, dass

es gelingen könnte, unter _gänzlicher_ Ausschaltung des fertigen

Giftes oder der krankmachenden Wirkung lebensfähiger Parasiten, den

Krankheitsschutz zu erreichen, hat sich aber nicht erfüllt. Der

premier vaccin für den Milzbrand der _Schafe_, welcher für diese

Thiere fast inoffensiv ist, bleibt ein tödtliches Virus für _Mäuse_,

die immunisirenden Producte in Pyoceanusculturen, welche durch

Erhitzen und andere Behandlungsmethoden derselben in Erscheinung

treten, rufen immer noch Fieber hervor, wenn sie in genügender Menge

Kaninchen incorporirt werden. Aehnliches gilt für die erhitzten und

mit Chemikalien behandelten immunisirenden Diphtherie-, Tetanus-,

Typhus- und Choleraculturen und Gifte, und ich habe mich durch eigene

Versuche davon überzeugt, dass es ein Irrthum ist, wenn _C. Fraenkel_

glaubt, dass das Diphtheriegift durch Erhitzung auf 65° C. zerstört

werde. Das ist so wenig der Fall, dass man vielmehr genau die gleiche

typische Diphtherievergiftung mit so erhitztem Diphtheriegift erzeugen

kann, wie mit nicht erhitztem und unverändertem, wenn nur die Quantität

genügend gross genommen wird. Man kann eigentlich kaum mit Sicherheit

behaupten, dass das Gift eine _qualitative_ Veränderung durch die

Abschwächung erfährt. Wenn man eine Diphtheriecultur, die nur so wenig

Giftsubstanz enthält, wie das in 3 Wochen alten, _mässig_ virulenten

Diphtheriebouillonculturen der Fall ist, eine halbe Stunde lang auf

65° C. erhitzt, dann wird in der That eine Giftzerstörung vorgetäuscht.

Selbst 15 ccm, in die Bauchhöhle von Meerschweinchen injicirt, rufen

bei denselben äusserlich kaum wahrnehmbare Vergiftungserscheinungen

hervor; _erhitzt man dagegen ebenso stark und ebenso lange eine 6

Wochen alte, ursprünglich sehr virulente Cultur, oder ein Filtrat

derselben, so sterben auch grosse Meerschweinchen schon nach 3 ccm

unter den typischen Symptomen der Diphtherievergiftung, und bei

der Section findet man genau die gleichen Veränderungen, wie bei

solchen Meerschweinchen, welche von derselben Cultur die tödtliche

Minimaldosis vor dem Erhitzen bekommen haben. Der Unterschied ist nur

ein quantitativer: Während man nach dem Erhitzen 3 ccm zur tödtlichen

Vergiftung einspritzen muss, genügt zur Erreichung des gleichen

Effektes von der vollen Cultur 0,01 ccm und noch weniger, von dem

Filtrat derselben aber 0,15 ccm. Der Wirkungswerth der Cultur ist nach

der Ausschaltung der noch lebenden Diphtheriebacillen durch Abfiltriren

also um’s 15fache geringer geworden, nach Abtödtung der Bacillen und

nach der Beeinflussung des Giftes durch die Erhitzung auf 65° C.

während ½stündlicher Dauer im Wasserbade mindestens um’s 300fache._

Das Problem, welches uns gegenwärtig noch interessirt, ist nach alledem

ein anderes geworden, als wie es von _Bouchard_ und seinen Nachfolgern

aufgestellt wurde. Wir werden jetzt nicht mehr von der irrigen Annahme

einer _qualitativen_ Differenz der giftigen und immunisirenden Substanz

in Bacterienculturen ausgehend uns bemühen, einen hypothetischen rein

vaccinirenden Stoff aus denselben auszuscheiden; wir werden aber

nichtsdestoweniger uns weiter mit der Frage zu beschäftigen haben, wie

wir die Thatsache von der differenten immunisirenden Leistungsfähigkeit

stark giftiger Culturen vor und nach der Verminderung ihrer Giftigkeit

uns praktisch zu Nutze machen können.

Ich habe diese Thatsache in meinen mit Stabsarzt _Wernicke_ bei

Meerschweinchen, Kaninchen und Schafen ausgeführten und publicirten

_Diphterie_immunisirungsversuchen und bei der mit Prof. _Schütz_

in der thierärztlichen Hochschule erreichten Immunisirung von

Pferden und Schafen gegenüber dem _Tetanus_ in Wirklichkeit schon

früher genügend dadurch berücksichtigt, dass ich ein _combinirtes_

Immunisirungsverfahren einschlug, indem Stabsarzt _Wernicke_, Prof.

_Schütz_ und ich zunächst jodtrichloridbehandelte Culturen und

dann erst vollvirulente anwendeten. Eine genaue Untersuchung der

Unterschiede, welche bei der Anwendung der _Abschwächungsmethode_,

die mit weniger giftig gemachten Culturen arbeitet, und der

_Verdünnungsmethode_, bei der vollvirulente und vollgiftige Culturen

in anfänglich sehr kleinen und dann allmählich gesteigerten Dosen

eingespritzt werden, ist aber erst möglich geworden, seitdem ich in

Gemeinschaft mit Dr. _Knorr_ die subtilen Verhältnisse in der Wirkung

des Tetanusgiftes auf weisse Mäuse kennen gelernt hatte.

Es ist in dieser geschichtlichen Darstellung vielleicht nicht

ohne Werth, wenn ich hier mittheile, wie wir zur Feststellung der

differenten Leistungsfähigkeit jener beiden Immunisirungsmethoden auf

einem weit abseits liegenden Wege gekommen sind, nämlich gelegentlich

von _Untersuchungen über den Wirkungsmodus des Tetanusheilserums_.

Aus mehrfachen Gründen war es uns zweifelhaft geworden, dass das

Tetanusheilserum in _der_ Weise die Giftwirkung des Tetanusgiftes

und der lebend eingeführten Tetanusbacillen und Sporen unschädlich

mache, wie ich es anfänglich darstellte, dass nämlich das Gift durch

die im Blutserum immunisirter Thiere vorzufindenden Heilkörper

_zerstört_ werde. Ursprünglich nämlich stellte ich mir vor, dass bei

dem Contact der im Serum enthaltenen Heilkörper, der Antitoxine, mit

dem Tetanusgift das letztere thatsächlich zerstört, gewissermaassen

chemisch abgebaut oder demolirt wird. Wenn man eine Tetanusgiftlösung

mit Heilserum zusammen einer Maus einspritzt, dann hört die Lösung

auf, ein Gift zu sein. Da aber andererseits in einer solchen Mischung

auch Antitoxin verbraucht resp. unwirksam wird, so hatte ich weiterhin

angenommen, dass auch dieses sich chemisch zersetzt, so dass wir es

mit einer Wechselwirkung zu thun hätten, bei der Antitoxin und Gift

auf einander wirken und dabei beide ihre specifischen Eigenschaften in

Folge einer chemischen Umsetzung einbüssen.

Wenn aber die lebensrettende Wirkung des Serums auf eine

Gift_zerstörung_ zurückzuführen ist, dann ist nicht recht einzusehen,

aus welchem Grunde so grosse Unterschiede in dem Serumbedarf existiren,

wenn man die Behandlung _vor_ oder _nach_ einer Giftapplication

vornimmt, so dass zur Heilung kranker Mäuse schliesslich das

millionenfache derjenigen Serummenge erforderlich ist, die zur

Immunisirung ausreicht.

Dieses Bedenken und manche andere führten uns zur Untersuchung

der Frage, ob auch die Thatsachen, welche mir früher für eine

Giftzerstörung durch das Serum zu sprechen schienen, zu solch’ einer

Annahme durchaus zwingen.

Das ist nun nicht der Fall. Nehmen wir einmal an, dass das Serum

gar nicht auf das Tetanusgift _direct_ einwirke, sondern dass seine

immunisirende Wirkung auf eine Action zurückzuführen ist, die es auf

irgend welche Theile des lebenden Organismus ausübt, dass z. B. Gift

und Serum auf gleiche Apparate desselben, aber in entgegengesetztem

Sinne, wirken, so wird auch unter dieser Annahme das Tetanusgift in

einer Mischung von Tetanusgiftlösung mit Heilserum unwirksam werden

müssen. Denn wenn bei der _gesonderten_ Gift- und Serumeinspritzung der

Tetanustod verhütet wird, so wird er auch verhütet werden müssen, wenn

beides _zusammen an dieselbe Stelle_ eingespritzt wird, ohne dass man

daraus auf eine Destruction des Giftes mit Sicherheit schliessen kann.

Diese Ueberlegungen gaben Veranlassung zur Aufsuchung einer Methode,

welche die Entscheidung durch das Experiment ermöglichen sollte.

Ich glaubte mit Dr. _Knorr_, auf gutem Wege zur Auffindung einer

solchen Methode zu sein bei der Anwendung folgenden Verfahrens.

Wir erhitzten im Reagensglase eine Mischung von Serum mit Tetanusgift,

welche das letztere im Ueberschuss enthielt, auf 65° eine halbe

Stunde lang. Bei dieser Temperatur wird das Tetanusgift für Mäuse

selbst in grossen Dosen unschädlich; das Heilserum aber behält dabei

seine specifische Wirkung. Wenn nun die nicht erhitzte Mischung Mäuse

unter tetanischen Erscheinungen tödtet, die erhitzte aber nicht,

_und wenn dann weiter die mit erhitzter Mischung behandelten Mäuse

bei gleichzeitiger anderweitiger Intoxication mit Tetanuscultur

gegen die tödtliche Wirkung derselben geschützt sind_, so glaubten

wir, dadurch erwiesen zu haben, dass noch wirksames Antitoxin in der

Mischung vorhanden sein müsse; und wir glaubten, dass dadurch ein

Nebeneinanderexistiren des Tetanusgiftes und der Heilkörper, _ohne eine

eingreifendere gegenseitige Einwirkung derselben aufeinander_, zum

mindesten wahrscheinlich gemacht werde.

Das Ergebniss war nun in der That für die Hypothese des

_Nebeneinanderexistirens von Gift und Heilserum in der Mischung ohne

gegenseitige chemische Zersetzung_ ausserordentlich günstig; die

Mischung war nach dem Erhitzen ungiftig geworden, und nicht bloss

erwiesen sich die mit derselben behandelten Mäuse als immun gegen

_nachfolgende_ Tetanusintoxication, sondern auch wenn sie _vorher_ mit

einer sicher tödtlichen Dosis vergiftet waren, blieben sie nach dem

Einspritzen der erhitzten Mischung am Leben.

Es ist dabei zu berücksichtigen, dass nach den Mittheilungen von

_Kitasato_ und anderen Autoren, besonders aber auch nach den Angaben

von _Brieger_, _Kitasato_ und _Wassermann_, eine Immunisirung von

Mäusen gegen Tetanus mit Hülfe von Tetanusculturen unmöglich sein

sollte, wenn nicht denselben Thymussubstanz hinzugefügt wird; dass

ferner auch bei dieser Immunisirungsmethode, ebenso wie bei meiner

Jodtrichloridmethode längere Zeit, Wochen, mindestens aber mehrere Tage

vergehen müssen, ehe man die Thiere immun findet. Da schien denn der

Einwand geradezu ausgeschlossen, dass vielleicht der Immunisirungs-

und Heilerfolg nach Anwendung der erhitzten Mischung auch zum Theil

oder gar ganz auf Rechnung des in der Mischung enthaltenen erhitzten

Tetanus_giftes_ gesetzt werden könne. Indessen bei einer solchen

fundamentalen Frage hielt Dr. _Knorr_ es doch noch für erforderlich,

durch’s Experiment diesen Einwand zurückzuweisen; er liess das

Heilserum weg, nahm bloss diejenige Menge von Tetanusgift, die mit der

Mischung den Mäusen eingespritzt war, und die beiläufig in unerhitztem

Zustande das 1500fache bis 10000fache der tödtlichen Minimaldosis

betrug, erhitzte dasselbe auf 65° eine halbe Stunde lang, und was

wir für ausgeschlossen hielten, das trat in Wirklichkeit ein: _Das

erhitzte und dadurch abgeschwächte Tetanusgift hatte allein für sich

die Fähigkeit, nicht bloss Mäuse zu immunisiren, sondern auch nach der

Vergiftung noch vom Tetanustode zu retten._

Diese Beobachtung wurde der Ausgangspunkt einer Reihe von anderen

Studien, die sich mit der quantitativen Bestimmung der immunisirenden

und heilenden Leistungsfähigkeit des erhitzten Tetanusgiftes

beschäftigten. An dieser Stelle kommt es mir nur darauf an, zu

constatiren, dass wir für _die Frage nach der differenten Wirkung

kleiner Dosen einer vollgiftigen Cultur und grosser Dosen einer

abgeschwächten_ zu einem Resultat gekommen sind, welches auf den ersten

Blick geeignet scheint, _Bouchard_’s Annahme von der Existenz eines

selbstständigen immunisirenden Princips in den Culturen zu stützen;

in Wirklichkeit beweist es aber auch nicht das geringste für eine

_qualitative_ Differenz zwischen immunisirendem und giftigem Agens.

Auch hier wieder lassen sich die Versuchsbedingungen so herstellen,

dass man bei genügender Steigerung der Dosis von der scheinbar

ungiftig, aber um so mehr immunisirend gewordenen Cultur doch noch

wieder Krankheitserscheinungen mit derselben erzeugen kann.

Die Geschichte der Diphtherie · 第 13 / 16 段