sind auf mich zurückzuführen.
Bei der sub 4. genannten Methode hat Sanitätsrath _Boer_ mitgewirkt;
bei der sub 5. zum Theil (soweit es sich um Kaninchen handelte)
Stabsarzt _Lübbert_ (jetzt in Dresden).
Die sub 6., 7. und 9. genannten Methoden sind in gemeinschaftlich von
Stabsarzt _Wernicke_ und mir ausgeführten Arbeiten gefunden worden;
die sub 8. von _Wernicke_ allein, und unabhängig von ihm auch von Dr.
_Aronson_.
Die diesbezüglichen Mittheilungen sind erfolgt für die Methoden sub
2. bis 5. in meiner Arbeit „Untersuchungen über das Zustandekommen der
Diphtherie-Immunität bei Thieren“ Deutsche med. Wochenschrift 1890
No. 50; für die Methode sub 6. in einem auf dem VII. internationalen
Congress in London vorgelesenen Vortrag „Ueber Desinfection am
lebenden Organismus“ (im August 1891), für die Methode sub 7. und zum
Theil der sub 9. in der Arbeit: „Ueber Immunisirung und Heilung von
Versuchsthieren bei der Diphtherie“ von _Behring_ und _Wernicke_ (im
Februar 1892; in dieser Arbeit ist auch die Anwendung der Methode sub
7. auf _Schafe_ mitgetheilt worden); die Methode sub 8. hat _Wernicke_
am 19. December 1892 im Verein für öffentliche Gesundheitspflege
beschrieben und dabei ausserdem auch die Verfütterung eines
diphtherieverendeten Schafes an _Hunde_ erwähnt; _Aronson_ brachte in
der Sitzung vom 21. December 1892 der medicinischen Gesellschaft, also
2 Tage später als _Wernicke_, seine Mittheilung.
Es ist dann noch zu Beginn des Jahres 1892 eine
Diphtherie-Immunisirungsmethode von _Brieger_, _Kitasato_
und _Wassermann_ angegeben worden, welche mit Hülfe von
Thymusdrüsenextract den Immunisirungsvorgang erleichtern sollte, indem
Diphtheriebouillonculturen, welche mit solchem Extract behandelt waren,
zur Vorbehandlung von _Meerschweinchen_ benutzt wurden. Indessen diese
Behandlungsweise kann auf den Namen einer selbstständigen Methode
nicht Anspruch machen, da die Culturen von jenen Autoren, ebenso
wie von _C. Fraenkel_, erhitzt wurden; immerhin würde das Verfahren
derselben noch in dem Falle als besondere Methode aufgeführt werden
können, wenn die Voraussetzung und Behauptung stichhaltig wäre, dass
das Thymusdrüsenextract vermöge einer antitoxischen Wirkung das
Diphtheriegift zu verändern im Stande sei. Diese Voraussetzung hat sich
aber als irrig erwiesen.
* * * * *
Untersuchen wir nunmehr, inwieweit durch die oben aufgezählten
Immunisirungsmethoden nicht bloss für die _Diphtherie_, sondern
für die Immunisirung gegenüber den Infektionskrankheiten überhaupt
etwas Neues hinzugekommen ist, dann finden wir, dass zwar jede
derselben ihre Besonderheiten hat, dass aber mit Ausnahme der
Wasserstoffsuperoxydmethode bei allen das immunisirende Princip sich
an die in Frankreich von _Pasteur_ bei der Hühnercholera und beim
Milzbrand entdeckte, und dann von seinen Schülern und Nachfolgern beim
Rauschbrand, bei der Pyocyaneus-Erkrankung und anderen Krankheiten
weiter ausgebildete Vaccinationsmethode anschliesst, während
andererseits bekanntlich die _Pasteur_’sche Methode auf _Jenner_’s
Schutzpockenimpfung fusst, und diese wieder zurückzuführen ist auf
Beobachtungen von der Schutzwirkung des Ueberstehens der Pocken
nach Spontanerkrankung und von der Schutzwirkung der willkürlichen
Pockenerzeugung durch den Contact gesunder Menschen mit Pockenkranken,
wovon Lady _Montague_ im Anfang der 40ger Jahre des vorigen
Jahrhunderts die Kunde aus China nach West-Europa brachte.
Dass nicht bloss die Uebertragung _lebender_ Keime die Schutzwirkung
ausüben könne, wie _Pasteur_ anfänglich annahm, sondern auch die von
lebenden Krankheitserregern befreiten specifischen Krankheits_gifte_,
hatte zuerst wohl _Toussaint_ in einem am 12. Juli 1880 der
französischen Akademie übergebenen und am 2. August desselben Jahres
geöffneten „pli cacheté“ thatsächlich angegeben, indem er dort das
Gelingen der Milzbrandimmunisirung durch erhitztes Milzbrandblut
mittheilte. Als jedoch die Immunisirung gegen Milzbrand durch Anwendung
_lebender_ Culturen, nachdem dieselben durch höhere Temperaturen
_abgeschwächt_ sind, Seitens _Pasteur_, _Chamberland_ und _Roux_ (am
28. Februar 1880) ihre epochemachende Bedeutung documentirt hatte, gab
_Toussaint_ seine Hypothese von der vaccinirenden Wirkung durch ein
_chemisch_ wirksames Agens wieder auf, und der alleinige Vertreter
dieser Idee blieb nunmehr _Chauveau_, welcher der französischen
Akademie am 19. Juli 1880 bekannt gegeben hatte, dass die Föten
von milzbrandvaccinirten Mutterschafen, wenn sie nach der Geburt
heranwuchsen und dann versuchsweise geimpft wurden, einen gewissen
Grad von Milzbrandimmunität erkennen liessen. _Chauveau_ hatte daraus
den ganz richtigen Schluss gezogen, dass hier das immunisirende
Princip ein chemischer löslicher Körper sein müsse, der aus dem Blute
des mütterlichen Organismus in den fötalen Kreislauf übergetreten
sei. Auf Grund unserer gegenwärtigen Kenntnisse kann freilich der
weitergehende Schluss _Chauveau_’s, dass dieses chemische Agens
von den Milzbrandbakterien producirt werde, nicht als einwandsfrei
bewiesen betrachtet werden; es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass
es sich hier nicht um die immunisirende Wirkung eines supponirten
Milzbrandgiftes handelt, sondern um die Wirkung von direkten
Heilkörpern des mütterlichen Organismus. Der einwandsfreie Beweis einer
„vaccination chimique“ ist erst 6 Jahre später durch _Salmon_ und
_Smith_ im September 1887 und durch _Charrin_ in einer Mittheilung vom
24. October 1887 geliefert worden. Die beiden ersteren hatten Tauben,
wie _Bouchard_ S. 50 seines Buches „Les microbes pathogènes“ (Paris
1892) berichtet, „avec les produits solubles du choléra des porcs“
immunisirt; und _Charrin_ hatte ähnliches für die Pyocyaneus-Erkrankung
der Kaninchen bewiesen. In einem Briefe _Pasteur_’s an _Duclaux_ vom
25. Januar 1887 (veröffentlicht in _Pasteur_’s Annalen) war jedoch
auf die Thatsächlichkeit und Wichtigkeit der „vaccination chimique“
schon vorher hingewiesen worden auf Grund von theils experimentellen
Beobachtungen, theils theoretischen Erwägungen.
Die Methoden sub 1, 2, 4, 6, 7 und 8 sind ihrem Princip also bis
in das Jahr 1887 und dann weiter bis 1880 und schliesslich bis
zu _Jenner_ und bis zu dem Pockenschutz der Chinesen in alten
Zeiten zurückzuverfolgen, und gegenwärtig mag es einigermaassen
unverständlich sein, wie seinerzeit die gelungene Immunisirung von
diphtherieempfänglichen Thieren als die Lösung eines sehr schwierigen
Problems gelten konnte, da ja doch die Idee der Immunisirung eine schon
längst bekannte sei und da es auf so viele Arten gelinge, zum Ziele
zu kommen. Demgegenüber ist es vielleicht nicht unnöthig, daran zu
erinnern, dass die Mehrzahl der Aerzte und Bakteriologen beim Beginn
der Versuche von _C. Fraenkel_ und von mir der Meinung war, dass die
Diphtherie eine Krankheit sei, bei welcher eine Immunisirung überhaupt
nicht gelingen _könne_. Es wurde da das schon gegenüber _Pasteur_’s
Milzbrandimpfungen von _Löffler_ benutzte Argument (I. Band der Mitth.
aus dem Reichsgesundheits-Amt) in’s Feld geführt, dass eine Krankheit,
deren einmaliges Ueberstehen keinen Schutz gegen eine Neuerkrankung
gewähre (und als solch’ eine Krankheit wurde die Diphtherie ebenso
wie früher der Milzbrand angesehen) keine Aussicht biete, dass man
bei ihr, wie bei den Pocken, durch Einimpfung der Krankheitsprodukte
eine Schutzwirkung erreichen könne. Jetzt ist freilich von solchen
apriorischen Argumenten nicht mehr die Rede; jetzt hält man selbst eine
Immunisirung gegenüber den Streptokokkenkrankheiten nicht mehr für
unmöglich. Aber dabei wird dann wieder leicht die Schwierigkeit des
Auffindens von geeigneten Immunisirungs_methoden_ gegenüber solchen
Krankheiten übersehen, die nicht erfahrungsgemäss, jedes Mal, nachdem
sie überstanden sind, einen Infectionsschutz hinterlassen.
In der That kann man es _heute_ noch als ein Zeichen sehr guter
Schulung ansehen, wenn unter Benutzung der schon bekannten
Immunisirungsmethoden Jemand ohne erhebliche Verluste eine grössere
Zahl von _Meerschweinchen_ bis zu einem nennenswerthen Grade der
Diphtherieimmunität zu bringen vermag.
Die _Möglichkeit_ der Diphtherieimmunisirung war übrigens schon durch
_Löffler_ bewiesen.
In dem Bericht „Ueber den gegenwärtigen Stand nach der Frage der
Diphtherie“, (Dtsch. med. Wochenschrift 1890 No. 5 u. 6) findet sich
folgende Notiz darüber: „Ein schwarzweisses Meerschweinchen wurde am
30. Mai 1888 mit einer vom 14.-29. Mai auf Agar gewachsenen Cultur der
Stäbchen geimpft. Das Thier wurde schwerkrank, es entwickelte sich eine
ausgedehnte Hautnekrose. Als der grosse Defekt der Haut verheilt war,
was etwa 4-5 Wochen nach der Impfung der Fall gewesen war, impfte ich
das Thier mit einer frischen Blutserumcultur. Es entwickelte sich nur
eine lokale Schwellung, wenige Tage später aber fand ich eines Morgens
das Meerschweinchen in folgendem Zustande. Die Haare waren struppig,
das Thier sehr mager, die Athmung mühsam. Das hintere Körperende lag
glatt auf dem Boden, nur mühsam vermochte das Thier bei Anreizungen
zu Bewegungen diesen Körpertheil mit Hilfe der Rumpfmuskulatur
nachzuschleppen. Es bestand eine ausgesprochene Lähmung der hinteren
Körperhälfte. Dabei frass das Thier vorgehaltene Kohlblätter mit
Begier. Ich glaubte nicht, dass das Meerschweinchen diesen Zustand
überleben würde. Im Verlauf der nächsten 14 Tage indes besserten sich
die Erscheinungen. Das Haar wurde glatter, die Parese nahm ab, die
Respiration wurde freier, und nach etwa 3 Wochen war das Thier als
geheilt zu betrachten. Es ist noch jetzt in meinem Besitz. Seit jener
Zeit ist es mehrere Male mit Bacillenculturen geimpft worden, hat die
Impfungen aber überstanden ohne erhebliche locale Reaction.“
Ganz ähnliche Beobachtungen habe ich selbst im Laufe der beiden letzten
Jahre mehrfach gemacht, und es ist gegenwärtig gar kein Zweifel
mehr, dass man durch die von _Löffler_ berichtete Behandlungsweise
gleichfalls immune Meerschweinchen sich verschaffen kann. Wollte man
dieselbe methodisch verwerthen, und als Methode classificiren, so würde
sie ihre geeignetste Stelle neben der von mir sub 4 angeführten finden,
die ja gleichfalls von diphtherieinficirten Thieren ausgeht, bei der
aber der Heilungsvorgang durch eine Nachbehandlung mit Jodtrichlorid
in höherem Grade sichergestellt wird, als wenn man denselben ganz der
Natur überlässt.
Die sub 5 aufgeführte Immunisirung mit Wasserstoffsuperoxyd hat kaum
bisher ein Analogen; je mehr die Immunitätsstudien vertieft werden, um
so mehr gewöhnen wir uns an die Annahme einer derartigen Specificität
der Immunisirungsmittel, dass dieselben in irgend einem directen oder
indirecten Zusammenhang stehen mit dem Krankheitserreger selbst, gegen
welchen man immunisiren will, oder mit seinen Stoffwechselproducten.
Es sind ja Bedingungen bekannt, die bis zu einem gewissen Grade
die Widerstandsfähigkeit gegenüber verschiedenen Infectionen
dadurch beeinflussen, dass sie auf den allgemeinen Ernährungs- und
Gesundheitszustand einwirken; wir wissen namentlich auch, dass das
Aelter- und Grösserwerden der Individuen nicht gleichgiltig für die
Empfänglichkeit ist; aber eine so sehr der specifischen Immunisirung
gleichende Wirkung, wie die des Wasserstoffsuperoxyds gegenüber der
Diphtherie der Meerschweinchen, habe ich bei keiner Krankheit und durch
keine Beeinflussung bisher gefunden, ausgenommen vielleicht noch durch
das Goldnatriumchlorid auch gegenüber der Diphtherie.
Was die Besonderheit der Methode sub 3 betrifft, welche
darin besteht, dass bacterienfreie diphtheriegifthaltige
Körperflüssigkeiten eine Immunisirung zu Stande bringen können,
so ist auch das Princip _dieser_ Methode nicht neu. An sich macht
es ja überhaupt keinen _principiellen_ Unterschied aus, ob die
chemisch vaccinirenden Bacterienprodukte sich in einer bacterienfrei
gemachten Culturflüssigkeit oder -- nach ihrer Isolirung -- wieder
aufgelöst im Wasser befinden, oder ob sie im Urin oder im Blut
oder in Exsudaten gelöst zur Wirkung kommen; ihr naheliegendes
Analogon findet diese Methode in der Immunisirung gegen die
Pyoceanuskrankheit, welche _Bouchard_ und seine Schüler erzielten,
als sie den pyoceanusgifthaltigen Urin von Kaninchen dazu benutzten
(Mittheilung vom 4. Juni 1884); das ist ohne Weiteres verständlich.
Entgangen ist es aber den meisten Autoren, die über die Entwicklung
der Immunisirungslehre nachgedacht haben, dass auch die Versuche von
_Héricourt_ und _Richet_ hierher gehören, in welchen eine Immunisirung
gegenüber dem „staphylococcus pyosepticus“ bei Kaninchen mit dem
_Blute_ solcher Hunde erreicht wurde, denen vorher eine Cultur eben
desselben Staphylococcus eingespritzt worden war, und welche eine
darauf erfolgende Erkrankung überstanden. Die Hierhergehörigkeit dieses
Versuchsresultates ist wohl nur deswegen übersehen worden, weil in der
Benutzung von Blut für die Immunisirung eine äussere Aehnlichkeit mit
der immunisirenden Wirkung eines aus dem Blute immunisirter Thiere
gewonnenen Heilserums besteht. Aber abgesehen davon, dass _Héricourt_
und _Richet_ selber, sowie auch andere französische Autoren, z. B.
_Bouchard_, diesen Immunisirungseffect ganz richtig als „vaccination“
bezeichneten, bedarf es nur einer Nachuntersuchung, um sich davon zu
überzeugen, dass man auf die Art, wie _Héricourt_ und _Richet_ es
machten, nämlich bei einmaliger Staphylokokkeninfection, nie zu einem
_heilenden_ Blut, d. h. zu einem solchen gelangen kann, welches bei
schon erkrankten Thieren lebensrettende Wirkung ausübt, sondern bloss
zu einem immunisirenden, welches einige Zeit _vor_ der Infection zur
Anwendung kommen muss. Solch eine immunisirende Wirkung _kann_ von
Heilkörpern herstammen, die sich bei immunisirten Thieren infolge
specifischer Reactionen allmählich im Blute ansammeln; sie kann aber
auch herstammen von den im Blute inficirter Thiere noch kreisenden
Bakterien oder von Bakterienproducten. Welche dieser drei Möglichkeiten
im einzelnen Falle zutrifft, das muss jedesmal besonders untersucht
werden. Speciell in Bezug auf den Staphylococcus pyogenes aureus habe
ich mich davon überzeugt, dass _Heil_körper in so kurzer Zeit, wie es
von _Héricourt_ und _Richet_ in ihren Versuchen berichtet wird, sich
nicht in solcher Menge im Blute einfinden, dass man damit Kaninchen
immunisiren, geschweige denn heilen könnte. Es wäre gewiss der Mühe
werth, wenn solche Autoren, die in den Versuchen von _Héricourt_
und _Richet_ den Beginn der Blutserumtherapie erblicken, sich durch
_eigene_ Nachforschungen das Recht zu einer solchen Behauptung erwerben
wollten.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam machen, dass es
Mittel giebt, um sich davon zu überzeugen, ob die noch nicht ganz
geschwundenen Staphylokokken bezw. ihre Producte die Schutzwirkung
ausüben, oder ob in der That _Heilkörper_ im Blute vorhanden, aber
zur Rettung schon kranker Thiere nicht ausreichend sind. Man inficire
mehrere Kaninchen von gleichem Alter, Körpergewicht und Race mit
der als sicher tödtlich erprobten Dosis einer Staphylokokkencultur
und bringe einem Theil derselben die zur Immunisirung ausreichende
Blutmenge bei zu einer Zeit _nach_ der Infection, in welcher
Krankheitserscheinungen noch nicht deutlich bemerkbar sind. Handelt
es sich nun um immunisirende Heilkörper im eingespritzten Blute, dann
wird mindestens eine Verzögerung des Todes erkennbar sein müssen;
sind es aber Staphylokokken oder giftige, von denselben herstammende
Substanzen, welche im Blute immunisirend wirken, dann tritt eine den
Tod verzögernde Wirkung voraussichtlich nicht zu Tage; ja es werden
dann möglicherweise die blutbehandelten Thiere noch in kürzerer Zeit zu
Grunde gehen als die Controlthiere.
Wir werden in dem folgenden Capitel uns mit solchen Versuchsbedingungen
zu beschäftigen haben, unter denen auch giftige Producte krankmachender
Bacterien nicht bloss bei einer _Vor_behandlung Krankheitsschutz
gewähren, sondern auch _nach_ stattgehabter Infection; es ist
selbstverständlich, dass in solchen Fällen eine den tödtlichen Ausgang
hinausschiebende oder gänzlich verhütende Wirkung nicht als Beweis für
das Vorhandensein von _directen_ Heilkörpern gelten kann. Derartige
Versuchsbedingungen kommen aber bei dem Immunisirungsverfahren von
_Héricourt_ und _Richet_ nicht in Frage.
Ueberblicken wir jetzt zum Schluss die bei der Diphtherie zum Ziele
führenden Immunisirungsmethoden, welche oben beschrieben sind, und
versuchen wir es, dieselben dem Schema einzufügen, welches ich in
meiner _Blutserumtherapie I_ (Leipzig, bei Thieme 1892) S. 60 ff.
aufgestellt habe, so finden wir fast alle Arten der Immunisirung
vertreten.
_Die Abschwächungsmethode durch Anwendung abgeschwächter lebender
Culturen_ (Pasteur’s vaccination) ist die einzige, von welcher bisher
Erfolge nicht publicirt sind. Dagegen ist _die Abschwächungsmethode
durch Anwendung abgeschwächten Giftes_ in den sub 1, 2, 4, 7
und 9 aufgezählten Methoden repräsentirt. Ich rechne auch die
sub 9 (Fütterung von Meerschweinchen, Kaninchen und Hunden mit
Diphtheriegift) hierher, weil in der That durch die Einwirkung der
Verdauungssäfte, hauptsächlich wohl durch die Magensäure, eine
Abschwächung des Diphtheriegiftes resultirt, ehe die Aufnahme desselben
in die Blutbahn erfolgt.
Für diejenige Methode, welche ich als _Verdünnungsmethode_ bezeichnet
habe, und deren Wesen darin besteht, dass man die Behandlung
mit kleineren Dosen vollvirulenter Cultur und vollgiftiger
Culturflüssigkeiten beginnt, worauf dann die Dosirung allmählich
gesteigert wird, bieten die sub 3 und 8 genannten Verfahren Beispiele.
_Meine combinirte Methode_ ist sub 6 angeführt.
_Die Immunisirung endlich mit Hilfe von krankmachenden Stoffen anderer
Art, als diejenigen sind, gegen welche immunisirt werden soll_, gelangt
in der Wasserstoffsuperoxydmethode (sub 5) zur Anwendung.
Von vornherein hat sich nicht voraussehen lassen, auf welchem
dieser verschiedenen Wege man am schnellsten und sichersten zu hohen
Immunitätsgraden gelangen kann, und ich habe daher jede dieser
Methoden eine Weile weiterverfolgt. _Gegenwärtig bevorzuge ich für die
Immunisirung von grossen Thieren (Schafen) zum Zweck der Gewinnung
von Diphtherieheilserum meine combinirte Methode._ Ich gehe dabei
in der Weise vor, dass ich abgeschwächtes Diphtheriegift in einer
solchen Dosis den Schafen unter die Haut spritze, dass dieselben
ähnliche Fieberreactionen bekommen, wie das bei der nach _R. Koch_’s
Vorschrift geleiteten Tuberkulinbehandlung des Menschen der Fall
ist. Diese Einspritzungen werden solange wiederholt, bis keine
Temperatursteigerung mehr eintritt. Danach steigere ich zunächst die
Dosis des abgeschwächten Giftes, um immer neue Reactionen zu bekommen,
und erst wenn auch auf grosse Quantitäten desselben (50 bis 100
ccm) keine Reaction mehr erfolgt, gehe ich zu nicht abgeschwächten
Culturflüssigkeiten über. Die Frage, ob bezüglich der letzteren sich
vollvirulente _lebende_ Culturen oder vollgiftige _bacterienfreie_
Culturflüssigkeiten mehr bewähren werden, ist für mich noch nicht
abgeschlossen; positive und befriedigende Resultate habe ich sowohl mit
den ersteren wie mit den letzteren bekommen. Misserfolge habe ich im
Laufe der letzten 6 Monate nicht mehr gehabt, obwohl ich während dieser
Zeitdauer mehr als 40 Schafe gegen Diphtherie immunisirt habe.
VII.
Von den Bedingungen,
unter welchen die Immunisirung gegenüber der Diphtherie sich vollzieht.
Obwohl die verschiedenen Immunisirungsverfahren, welche auf der
Anwendung des Princips der Giftabschwächung basiren, sämmtlich zuerst
bei der Diphtherie ausgearbeitet und später erst für die Immunisirung
gegen andere Infectionskrankheiten verwerthet sind, so hat doch die
Vertiefung in die Bedingungen des Zustandekommens der erworbenen
Immunität besonders gute Früchte getragen, als ich in Gemeinschaft mit
mehreren Mitarbeitern die _Tetanusimmunisirung_ genauer studirte, und
allmählich ist jetzt das Verhältniss ein umgekehrtes geworden. Zuerst
suche ich die neu aufstossenden Probleme in der Immunisirungslehre
durch Experimente zu lösen, die den _Tetanus_ betreffen, und hinterher
erst sehe ich zu, ob die Ergebnisse auch für die _Diphtherie_ Anwendung
finden. Es hat sich im Laufe der Zeit dabei gezeigt, dass in allen
principiellen Fragen eine vollkommene Analogie zwischen diesen beiden
Krankheiten besteht, so sehr sie auch in ihren Erscheinungsformen von
einander differiren. Wegen der mehr in die Augen springenden Art der
Tetanuserkrankung, ferner wegen des Umstandes, dass das Bacteriengift
aus Tetanusculturen schneller und in stärkerer Wirksamkeit zu gewinnen
ist, als aus Diphtherieculturen, endlich wegen der Möglichkeit, die
Tetanusexperimente an einem verhältnissmässig billigen Thiermaterial
auszuführen, ist aber das Arbeiten über die Tetanusimmunisirung
erheblich leichter, als das über die Diphtherieimmunisirung, und das
ist der Grund, aus welchem -- trotz der grösseren Wichtigkeit der
Diphtheriestudien -- in letzter Zeit die Publicationen über den Tetanus
in den Vordergrund gerückt sind.
Es ist nur ein Act der Gerechtigkeit, wenn ich auch an dieser Stelle
bei der Besprechung der Bedingungen, unter welchen die Immunisirung
mit Hilfe von Bacteriengiften sich vollzieht, vom Tetanus ausgehe
und dabei der unermüdlichen Mitarbeit des Herrn Dr. _Knorr_ gedenke,
welche allein es ermöglicht hat, dass in verhältnissmässig kurzer
Zeit eine ganze Reihe von principiellen Fragen entschieden werden
konnte oder wenigstens der Entscheidung näher gebracht worden ist.
_Vor allem bedeutungsvoll ist von den hauptsächlich durch Knorr
eruirten Versuchsergebnissen der Nachweis, dass es gelingt aus
Tetanusbouillonculturen, durch eigenartige Behandlung derselben,
Stoffe herzustellen, welche auch noch nach der Tetanusinfection und
Tetanusintoxication lebensrettend wirken._ Die zunächst in diesem
Capitel zu besprechenden Verhältnisse, betreffend die _Reactionen_,
welche man im Gefolge der immunisirenden Behandlung auftreten
sieht, sind allerdings in ihren wesentlichsten Zügen zuerst bei der
_Diphtherieimmunisirung von Schafen_ beobachtet und dann erst beim
Tetanus genauer studirt worden.
Gelegentlich der Immunisirung von Pferden und Schafen gegenüber
dem Tetanus mit Hülfe von Culturflüssigkeiten zeigte sich, dass dem
Immunwerden mehr oder minder ausgesprochene Reactionen voraufgehen,
welche durch die Immunisirungsmittel ausgelöst werden.
Diese Reactionen können sich äussern durch ein Krankwerden unter den
charakteristischen Symptomen des Tetanus.