unterhalten wird, sei es direkt durch die parasitische Existenz
derselben im Wirthsorganismus, sei es indirekt durch chemische Gifte,
die von den Mikroorganismen erzeugt werden, wie sollen wir uns dann
vorstellen, dass dem Leben der Parasiten, ihrer Vermehrung und der
Giftproduction ein Ende gesetzt wird, ohne dass ein neues Kraftmoment
eingreift? Der _progressive_ Charakter der Infectionskrankheiten
ist durch die Lehre von den belebten Krankheitsursachen in durchaus
befriedigender Weise verständlich geworden; und ohne Weiteres verstehen
wir es, wenn die Tendenz der Parasiten zur ungemessenen Vermehrung und
Ausbreitung das Verderben und den Tod des Wirthsorganismus zur Folge
hat.
Wie aber ist es zu begreifen, dass dieser tödtliche Ausgang zuweilen
ausbleibt; wie sollen wir die _Heilung_ von einer schweren Infection
erklären?
Wenn im einzelnen Fall der behandelnde Arzt zu einer schweren
Infection hinzugezogen wird und ein Medicament dem kranken Organismus
einverleibt, dann können wir sagen, dass mit dem Medicament eine neue
den Krankheitsprocess alterirende Kraft zur Wirkung gelangt.
Wie aber, wenn ohne jeden äusseren Eingriff die Heilung eintritt?
Die alten Aerzte wussten sich nicht anders zu helfen, als dass sie
eine besondere Kraft im Innern des erkrankten Individuums annahmen;
sie personificirten dieselbe gewissermaassen und waren nur darüber
uneinig, ob sie solche eclatante Umstimmung eines Krankheitsprocesses,
wie wir sie bei der Pneumonie beobachten, der allgemeinen Lebenskraft
oder einer besonderen Naturheilkraft zuschreiben sollten. Unter allen
Umständen war es für sie kein Zweifel, dass etwas Metaphysisches hinter
den Heilungsvorgängen stehe; auch da, wo offenbare Beeinflussung durch
Medicamente zu constatiren war, fassten sie die medicamentöse Wirkung
immer nur so auf, dass durch dieselbe die Thätigkeit der Naturheilkraft
in andere Bahnen gelenkt wurde; immer aber war es diese geheimnissvolle
_vitale_ Kraft, welcher bei günstigem Ausgang die Genesung zu danken
war. In unserer Zeit ist die Lebenskraft und die Naturheilkraft in
Misscredit gekommen. Wir bemühen uns auf’s sorgfältigste bei unseren
naturwissenschaftlichen Erklärungsversuchen, derartige metaphysische
Kräfte auszuscheiden, und an Stelle derselben physische und mechanische
zu setzen, die nicht willkürlich und capriciös in das Geschehen der
Dinge eingreifen, sondern den allgemeinen Naturgesetzen folgen.
Und so sind wir auch hier nicht auf dem Standpunkt stehen geblieben,
dass wir die Heilung von parasitären Krankheiten einer nicht weiter
zu untersuchenden Naturheilkraft zurechnen, sondern wir bemühen uns,
in der scheinbaren Willkürlichkeit und Regellosigkeit ein Gesetz zu
entdecken, dem Alles sich fügt.
Aus diesem Bestreben sind die Untersuchungen hervorgegangen, welche
nach _Pasteur_’s Vorgang dazu geführt haben, in einer solchen Weise
gesunde Individuen vorzubehandeln, dass sie durch sonst tödtliche
Infectionen nicht mehr gefährdet werden.
Aus dem gleichen Bestreben sind die Untersuchungen entstanden, welche
darauf gerichtet waren, den Mechanismus aufzudecken, dessen der lebende
Organismus sich bedient, wenn er einer schon bestehenden Krankheit Herr
wird.
Zu dem Zweck wurden lebende und leblose Theile gesunder, kranker und
geheilter Individuen daraufhin geprüft, ob etwa ganz regelmässige
Unterschiede in ihren Eigenschaften den verschiedenen Zuständen, die
zwischen Gesundheit, Krankheit und Heilung liegen, entsprechen.
Es ist nun in der That, zunächst allerdings nur für einzelne
Infectionen, ein solches Verhalten festgestellt worden, indem nämlich
in den zellenfreien Körperflüssigkeiten ganz specifische Differenzen
nachgewiesen wurden, je nachdem die Untersuchung eines und desselben
Individuums _vor_, _während_ und _nach_ der Infection stattfand.
Die specifischen Differenzen, welche im Verhalten der
Körperflüssigkeiten eines Individuums in gesundem, krankem und
geheiltem Zustande zu constatiren sind, bestehen in Folgendem:
1. Die Körperflüssigkeiten des gesunden Individuums, wenn sie auf
Individuen gleicher oder ähnlicher Art übertragen werden, sind an sich
nicht im Stande, krankmachende Wirkungen hervorzurufen.
2. Die Körperflüssigkeiten des kranken Individuums sind befähigt,
die gleiche Krankheit auch auf andere Individuen zu übertragen, auch
wenn die Anwesenheit lebender Krankheitserreger mit aller Sicherheit
ausgeschlossen wird.
3. Die Körperflüssigkeiten, insbesondere das Blut, des geheilten
Individuums besitzen die Fähigkeit, andere gesunde Individuen so zu
beeinflussen, dass sie auf die Infection nicht mehr mit Kranksein
reagiren, dass sie dadurch also, wie wir sagen, „immun“ werden.
Ebendasselbe Blut, nachdem es von allen körperlichen Elementen befreit
ist, besitzt auch die Fähigkeit, Individuen nach der Infection mit den
in Frage kommenden Infectionsstoffen zu heilen.
Es sind dies die _Endresultate_ der Blutuntersuchungen, wie sie zuerst
für die Diphtherie und dann für den Tetanus ausgeführt wurden. Man
darf aber im einzelnen Fall nicht darauf rechnen, so ohne Weiteres den
Nachweis jener im Princip ganz ausnahmslos bestehenden Beziehungen
führen zu können.
Im einzelnen Fall kann das Blut eines ganz gesunden Individuums durch
Uebertragung auf ein anderes Krankheit und Tod desselben herbeiführen.
Wir wissen, dass mit dem Blut aus der Luft und von unreinen
Instrumenten krankheitserregende Agentien zur Wirkung gelangen können,
dass die Bluttransfundirung als solche bei unzweckmässiger Ausführung
Gefahren mit sich bringt; vor Allem aber ist es wichtig zu wissen,
dass in das Blut eines ganz gesunden Individuums heterogene Stoffe von
aussen hineingelangen können, welche zwar für dieses unschädlich sind,
für andere Individuen aber krankheitserzeugend wirken können. All das
hat aber mit unserem ersten Satz nichts Wesentliches zu thun, welcher
nur den _specifischen_ Unterschied im Verhalten des Blutes _vor_ und
_nach_ der Infection zum Ausdruck bringen soll.
Noch viel mehr Schwierigkeiten kann die Bestätigung des zweiten Satzes
machen.
Wenn wir erwägen, dass die Ursache einer krankmachenden Wirkung
des von allen körperlichen Elementen befreiten Blutes nur in einem
gelösten, also zweifellos chemisch wirksamen Agens, welches einer
Reproduction nicht fähig ist, gesucht werden kann, dann ist es auf
den ersten Blick gar nicht einmal so leicht, den Gedanken zu fassen,
dass man mit Blutserum überhaupt die gleiche Krankheit auf ein
anderes Individuum zu übertragen vermag. Chemisch wirksame Stoffe
kann man quantitativ begrenzen und berechnen; bezeichnen wir nun
beispielsweise diejenige Menge des diphtherieerzeugenden Giftes, welche
ein Meerschwein zu tödten im Stande ist, mit der Zahl 1, dann werden
wir mit einem Bruchtheil der gesammten Blutmenge dieses Meerschweins
offenbar auch nur einen Bruchtheil der den Tod herbeiführenden
Giftmenge auf ein anderes übertragen können. Im günstigsten Fall
wird durch eine solche Blutübertragung höchstens eine leichte
Localerkrankung erzeugt werden, aber nicht eine tödtliche Vergiftung.
Wenn wir nun doch tödtliche Diphtherievergiftungen mit dem Blutserum
diphtherieverendeter Thiere zu Wege bringen können, dann kann das erst
durch Ausnützung ganz besonderer Verhältnisse geschehen, welche durch
weitere Studien aufgedeckt sind.
Wir wissen, dass, auf das Körpergewicht eines Thieres berechnet, die
tödtliche Minimaldosis an Diphtheriegift für verschiedene Thierarten
verschieden ist.
Für Ratten z. B. ist sie viel grösser als für Meerschweinchen,
und so kann es verständlich werden, dass man mit dem Blut einer
diphtherievergifteten Ratte leichter bei Meerschweinen Diphtherie
hervorzurufen vermag, als mit der gleichen Menge Blut von einem
diphtheriekranken Meerschwein.
Ebenso ist die tödtliche Minimaldosis für ein Meerschwein, das schon
Diphtherieerkrankungen durchgemacht hat und dadurch immun wurde,
grösser als 1. Daher kann man auch mit dem Blut solcher immuner
Meerschweine, wenn sie durch eine intensivere Infection doch noch
diphtheriekrank gemacht sind, zuweilen andere gesunde Meerschweine an
Diphtherie sterben lassen. Man kann aus alledem erkennen, dass der
Satz „mit bacterienfreiem Blutserum eines an einer Infectionskrankheit
leidenden Individuums kann anderen Individuen die gleiche Krankheit
übertragen werden“ nicht unrichtig zu sein braucht, wenn im einzelnen
Fall es nicht gelingt, die Richtigkeit durch’s Experiment zu erweisen.
Vollends mühsam und auf fast unüberwindlich scheinende Schwierigkeiten
stossend, erwies sich Anfangs die Beweisführung für die beiden, in
dem dritten Satz ausgesprochenen Principien, welche besagen, dass die
Körperflüssigkeiten, in specie das Blutserum geheilter Individuen,
andere Individuen gegen die gleiche Krankheit zu schützen und von
derselben zu heilen vermag. Erst die Erkenntniss, dass die Production
von Heilkörpern um so grösser ist, je intensiver der Krankheitsprocess
war und weiterhin das Auffinden des merkwürdigen Verhaltens, dass
durch öfteres Ueberstehen der gleichen Krankheit eine Anhäufung der
Heilkörper zu Stande kommt, schaffte überhaupt die Möglichkeit, die
Heilkörper durch’s Experiment nachzuweisen, und wenn Jemand der Meinung
sein sollte, dass zum Nachweis der specifischen Heilwirkung bei einer
Infectionskrankheit das Blut eines jeden Individuums, welches schon
einmal diese Krankheit überstanden hat, genüge, dann würde er in der
Mehrzahl der Fälle sich täuschen.
_Virtuell und qualitativ ist in der That bei jedem Individuum nach dem
Ueberstehen einer Infectionskrankheit der specifische Heilkörper im
Blute desselben vorhanden, ob er aber in solcher Menge darin enthalten
ist, dass man mit grösseren oder kleineren Quantitäten solchen Blutes
bei anderen Individuen die gleiche Krankheit heilen kann, das ist eine
Frage, die mit jener Thatsache im Princip nichts zu thun hat._
Wenn ich nun nach diesen Ausführungen die Untersuchung der oben
aufgestellten Frage von Neuem aufnehme: „Was ist es, was in den
Krankheitsprocess der Diphtherie, der Pneumonie und anderer
Infectionskrankheiten eingriff, wenn derselbe zum Stillstand und
zur Heilung gebracht wird?“ dann werden wir jetzt geneigt sein, für
den Versuch der Beantwortung die Heilkörper chemischer Art im Blut
zu berücksichtigen, die ja auch bei der _Pneumonie_, wie die Brüder
_Klemperer_ gezeigt haben, mit dem Eintritt der Genesung im Blut
nachweisbar sind; und dass diese Heilkörper in Wirklichkeit eine
wesentliche Beziehung zur Spontanheilung haben, dass sie unter den
Momenten, die dieselbe herbeiführen, ein integrirendes darstellen,
darüber dürfte gegenwärtig wohl kaum noch irgendwo ein Zweifel sein,
nachdem auch bei von der Cholera geheilten Menschen ihr Vorhandensein
von allen Seiten bestätigt ist.
Da müssen wir aber sofort weiter fragen, wo kommen diese Heilkörper
her, in welchem Moment der beginnenden und fortschreitenden Krankheit
stellen sie sich ein, und was ist es, was den lebenden Organismus
veranlasst, diese Heilkörper das eine Mal in solcher Menge zu
produciren, dass die Krankheit überwunden wird, das andere Mal nicht?
Da stehen wir genau wieder auf demselben Fleck, wie unsere Vorfahren,
und mir scheint, dass auch bei der Fortführung unserer Studien bis
zur äussersten Grenze des menschlichen Könnens immer noch die Frage
nach dem primum movens übrig bleiben, dass immer noch ein mechanisch
unerklärbarer Rest speculativen Köpfen zu schaffen machen wird.
In meiner Eigenschaft als Mediciner habe ich nicht geglaubt, der
Neigung zu weiteren theoretischen Untersuchungen gar zu sehr nachgeben
zu sollen. Vielmehr habe ich mich begnügt, den Mechanismus, dessen
der lebende Organismus sich bedient, wenn er der Krankheit Herr wird,
soweit zu verfolgen, dass die Bedingungen, unter welchen die Production
der specifischen Heilkörper erfolgt, _experimentell_ wiederholt werden
konnten.
Vor Allem aber habe ich dann versucht, die experimentellen Arbeiten
bei Versuchsthieren so zu gestalten, dass die Ausbeute an Heilkörpern
eine so grosse wird, um mit derselben auch für den _Menschen_ die
Blutserumtherapie brauchbar zu machen.
Das ist jetzt, wie ich glaube, für zwei Krankheiten der Fall, für den
Tetanus und für die Diphtherie.
Ich werde in dem experimentellen Theil, welcher dieser meiner
geschichtlichen Darstellung folgen wird, über gelungene Immunisirung
von 40 Schafen berichten, die ein Serum liefern, welches
nachgewiesenermaassen für den Menschen ebenso unschädlich ist, wie das
Tetanusheilserum, und dort Gelegenheit nehmen, über den gegenwärtigen
Stand der Diphtherieheilungsfrage mich auszusprechen. In diesem
geschichtlichen Ueberblick bleibt mir aber noch übrig, der Methoden,
mit Hülfe deren zum Zweck der Gewinnung von Diphtherieheilserum Thiere
gegenüber der Diphtherie immunisirt werden können, zu gedenken.
VI.
Aufzählung und Classificirung
der bisher bekannt gegebenen Methoden der Diphtherie-Immunisirung.
Die künstliche Immunisirung gegenüber der Diphtherie wurde im
Hygienischen Institut des Geh. Raths _R. Koch_ im Jahre 1890 von
Prof. _C. Fraenkel_ und von mir in Angriff genommen und ist von
mir dort auch zu Ende geführt worden, während _C. Fraenkel_ seine
Arbeit in _Königsberg_ beendigte. Wir gingen von ganz verschiedenen
Gesichtspunkten aus. Während _C. Fraenkel_ gleich von vornherein
sein Augenmerk auf die Immunisirung mit Hülfe von Diphtherieculturen
und den Stoffwechselproducten der Diphtheriebacillen richtete, ergab
sich mir diese Art der Immunisirung erst als Resultat von Versuchen,
die ursprünglich auf die _Heilung_ der Diphtherie mit _Chemikalien_
gerichtet waren. In meiner ersten Diphtheriearbeit sagte ich darüber
Folgendes (Deutsche med. Wochenschrift 1890 No. 50): „Eine bis jetzt
wohl noch nicht benutzte Immunisirungsmethode ... _besteht darin,
dass man die Thiere zuerst inficirt und dann die deletäre Wirkung der
Infection durch therapeutische Behandlung aufhebt_. Es erinnert diese
Methode einigermaassen an das Zustandekommen der Immunität nach dem
Ueberstehen mancher Infectionskrankheiten des Menschen.
Die in einer später mitzutheilenden, gemeinschaftlich mit Herrn Hofarzt
Dr. _Boer_ ausgeführten Arbeit erzielten Versuchsresultate bei ca. 30
Mitteln beweisen, dass es nicht leicht ist, diphtherieinficirte Thiere
zu heilen. Sehr vorzügliche Desinficientien, wie das Silbernitrat
und das Quecksilber in seinen verschiedenen Verbindungen, das
Goldkaliumcyanid u. s. w. lassen da vollkommen im Stich. Aber es
giebt einige wenige Desinfectionsmittel, welche Meerschweinchen, die
nach subcutan erfolgter Infection alsbald in Behandlung genommen
werden, zu heilen vermögen. So besitzt Dr. _Boer_ vereinzelte
Meerschweinchen, die durch _Goldnatriumchlorid_, durch Naphtylamin,
durch Trichloressigsäure, Carbolsäure geheilt sind.
Obenan in der Leistungsfähigkeit steht aber das Jodtrichlorid. Von
acht Meerschweinchen, die ich mit 0,3 ccm Cultur subcutan inficirte,
starben zwei nicht behandelte Thiere nach 24 Stunden. Vier Thiere,
welchen sofort nach der Infection 2 ccm einer Jodtrichloridlösung (zwei
kleinere erhielten 1%ige, zwei grössere 2%ige Lösung) an die Stelle der
Infection subcutan eingespritzt wurden, blieben sämmtlich am Leben; bei
zwei Thieren wurde die Behandlung erst nach sechs Stunden begonnen;
eins derselben starb nach vier Tagen, das andere blieb am Leben;
bei allen Thieren wurde an den drei nächstfolgenden Tagen eine neue
Jodtrichlorideinspritzung gemacht. Ueber sechs Stunden hinaus nach der
Infection habe ich bei Meerschweinchen einigermaassen sichere Resultate
nicht mehr bekommen, auch dann nicht, wenn die Thiere so schwach
geimpft wurden, dass dabei normale Thiere erst nach vier Tagen starben.
Die überlebenden Meerschweinchen sind lange Zeit krank; ihre
Heilung wird eingeleitet durch eine demarkirende Entzündung an der
Injectionsstelle; später bildet sich ein trockener Schorf, der immer
weniger festsitzend wird, bis man ihn schliesslich abheben kann;
_unter diesem Schorf sind noch nach drei Wochen lebende und virulente
Diphtheriebacillen nachweisbar gewesen_.
Inficirt man nun solche Thiere, bei denen zwar das Allgemeinbefinden
schon ganz gut geworden ist, bei denen aber noch eine offene
Geschwürsfläche besteht, so zeigen sie eine erheblich grössere
Widerstandsfähigkeit gegen die Infection als normale; jedoch
erst nach vollkommener Verheilung und Narbenbildung habe ich
mehrere jodtrichloridgeheilte Thiere, und hat Dr. _Boer_ ein mit
Goldnatriumchlorid geheiltes soweit immun gefunden, dass diese
Meerschweinchen vollvirulente Diphtherieimpfung vertrugen, an der die
Controllthiere in 36 Stunden starben.
Ich will noch beiläufig erwähnen, dass man mit dem Jodtrichlorid
bessere Heilerfolge bei Kaninchen erzielen kann. Diese Thiere können
geheilt werden, ohne dass sie einen Aetzschorf bekommen, und es gelingt
noch nach 24 Stunden eine erfolgreiche Behandlung, wenn die Infection
etwa so stark war, dass Controllkaninchen in vier Tagen starben. Ueber
die etwa eintretende Immunität der geheilten Kaninchen bin ich bis
jetzt noch nicht in der Lage, etwas aussagen zu können.
„_Ich benutze diese Gelegenheit, um dem Irrthum vorzubeugen, als
ob wir in dem Jodtrichlorid, welches bei Thieren so respectable
therapeutische Wirkungen hervorzurufen im Stande ist, nun auch ein
Diphtherieheilmittel für den Menschen besässen. Abgesehen von der
starken Aetzwirkung dieses Mittels, und abgesehen davon, dass ich über
die Heilungsmöglichkeit solcher Thiere, die von dem Larynx oder der
Trachea aus inficirt worden sind, nur wenig Erfahrungen habe, bin ich
durch besondere, vorsichtig an diphtheriekranken Kindern angestellte
Versuche zur forcirteren Anwendung des Jodtrichlorids nicht sehr
ermuthigt worden, und ich betone, dass ich für den Menschen kein
Diphtherieheilmittel habe, sondern erst danach suche._“
Die im Vorstehenden geschilderten Erfahrungen sind für mich der
Ausgangspunkt geworden für die Aufsuchung einer Methode, durch
deren Anwendung schnell und sicher hohe Diphtherie-Immunitätsgrade
erreicht werden können. Meine diesbezüglichen Versuche sind bis in die
jüngste Zeit fortgesetzt worden; sie haben schon jetzt ein Resultat
ergeben, welches die kühnsten, ursprünglich gehegten Erwartungen
weit übertrifft, ohne dass ich deswegen glaube, an der Grenze der
Verbesserungsfähigkeit meiner jetzt bevorzugten „_combinirten
Immunisirungsmethode_“ angekommen zu sein. Worauf es mir _hier_
ankommt, ist jedoch nicht sowohl die Beschreibung des am meisten
zweckmässigen Immunisirungsverfahrens, als vielmehr die Aufzählung der
einzelnen bis jetzt bekannt gegebenen Methoden.
Die ersten Mittheilungen über gelungene Diphtherie-Immunisirung bei
Thieren sind, nach vorhergehender Besprechung und Verständigung
zwischen Professor _C. Fraenkel_ und _mir_, zwar an verschiedenen
Stellen, jedoch zu gleicher Zeit erfolgt.
Die diesbezügliche Mittheilung von _C. Fraenkel_ ist aus dem
Laboratorium desselben in Königsberg in der Berliner klinischen
Wochenschrift No. 49 vom 3. December 1890 publicirt unter der
Ueberschrift „Immunisirungsversuche bei Diphtherie“.
Meine eigene erste Mittheilung findet sich in der Arbeit „Ueber das
Zustandekommen der Diphtherie-Immunität und der Tetanus-Immunität
von Thieren“ von _Behring_ und _Kitasato_, publicirt in No. 49 der
deutschen medicinischen Wochenschrift vom 4. December 1890.
Die zeitliche Differenz der Publication wurde durch den Umstand
bedingt, dass die deutsche medicinische Wochenschrift am Donnerstag
jeder Woche, die Berliner klinische nominell am Montag, de facto
aber am Sonnabend ausgegeben wird; das ist einigermaassen dadurch
auszugleichen gesucht worden, dass ausnahmsweise zwischen die No.
49 und No. 51 der Berl. klin. Wochenschrift eine Zwischennummer
eingeschoben wurde; diese (No. 50) wurde am Mittwoch, also sogar schon
einen Tag früher, ausgegeben als die No. 49 der Deutsch, medicin.
Wochenschrift, und so lässt sich denn die Thatsache nicht aus der
Welt schaffen, dass _C. Fraenkel_’s Publication eine Priorität
von _einem_ Tage besitzt. In Wirklichkeit hat uns, den _Autoren_,
ein Prioritätsstreit so fern gelegen, dass wir monatelang vor der
Publication uns gegenseitig über unsere Arbeiten orientirten, wie ich
denn auch in der Lage war, in meiner eigenen Diphtheriearbeit schon
die _Fraenkel_’sche Immunisirungsmethode als eine „sehr zuverlässige“,
auf Grund _eigener_ Versuche, zu bezeichnen. Andererseits sind auch
die von mir angegebenen vier Diphtherie-Immunisirungsmethoden in
_C. Fraenkel_’s Laboratorium in _Königsberg_ nachgeprüft worden;
die Publication der Resultate dieser Nachprüfung erfolgte freilich
erst zu einer Zeit (durch _Zimmer_), als durch die Mittheilung
wesentlich erweiterter Erfahrungen „Ueber Immunisirung und Heilung von
Versuchsthieren bei Diphtherie“ (von _Wernicke_ und _mir_, Zeitschrift
für Hygiene und Infectionskrankheiten 1892 Bd. XI.) die _actuelle_
Bedeutung meiner ersten Veröffentlichungen sehr verringert war.
Zur Klarlegung des Antheils, welchen verschiedene Autoren an der
Diphtherie-Immunisirung haben, bedarf es noch einiger weiterer
Bemerkungen. Aus dem Umstande, dass meine erste diesbezügliche
Mittheilung in einer gemeinschaftlich mit _Kitasato_ veröffentlichten
Arbeit enthalten war, haben weniger aufmerksame Leser deducirt, dass
auch _Kitasato_ an den Untersuchungen über die Diphtherie-Immunisirung
betheiligt gewesen sei. Das ist nicht der Fall. In unserer
gemeinschaftlichen Arbeit ist expressis verbis darauf aufmerksam
gemacht worden, dass die Diphtherieuntersuchungen von mir allein
ausgeführt worden sind, und dass unsere gemeinschaftlichen Experimente
nur die Anwendung meiner bei der Diphtherie gesammelten Erfahrungen
auf den _Tetanus der Kaninchen_ betreffen. _Die Immunisirung gegenüber
dem Tetanus der Kaninchen ist von mir und Kitasato gemeinschaftlich,
die Immunisirung gegenüber der Diphtherie aber von mir allein gefunden
worden, und zwar vor dem Beginn der Tetanus-Immunisirungsversuche._
Bisher war nur von der gelungenen Diphtherie-Immunisirung _im
Allgemeinen_ die Rede ohne Rücksicht auf die Auffindung der _einzelnen_
Immunisirungsmethoden.
Es sind das folgende:
1. Die Vorbehandlung von Meerschweinchen mit Diphtheriebouilloncultur,
welche durch Einwirkung höherer Temperatur sterilisirt ist.
2. Die Vorbehandlung von Meerschweinchen mit jodtrichloridbehandelten
Diphtheriebouillonculturen.
3. Die Vorbehandlung von Meerschweinchen mit Körpersäften
diphtheriekranker und diphtherieverendeter Thiere.
4. Die Heilung diphtherieinficirter Meerschweinchen durch
Localbehandlung mittelst verschiedener chemischer Agentien.
5. Die Vorbehandlung von Meerschweinchen und Kaninchen mit
Wasserstoffsuperoxyd.
6. Die Vorbehandlung von Meerschweinchen mittelst einer combinirten
Methode zum Zweck der Erreichung hoher Immunitätsgrade, bei welcher
zuerst die Behandlung mit _abgeschwächten_ Culturen und hinterher
mit allmählich gesteigerten virulenten Culturen, bezw. mit nicht
abgeschwächtem Diphtheriegift vorgenommen wird.
7. Die Vorbehandlung von _Kaninchen_ durch subcutane Impfung mit einem
erhitzten diphtheriegifthaltigen Kalkniederschlag.
8. Die Vorbehandlung von _Hunden_ mit steigenden Dosen eines nicht
abgeschwächten Diphtheriegiftes und mit nicht abgeschwächten
Diphtheriebouillonculturen.
9. Die Fütterung von Meerschweinchen, Kaninchen und Hunden mit
Diphtheriegift.