verschiedenen Behandlungsweisen unterworfen wurden, so kommen wir zu
jenen Durchschnittszahlen, welche, zwar immer fehlerhaft, dennoch uns
zu einem Urtheil über die therapeutischen Methoden gelangen lassen. Ich
kenne nichts Gröberes, als ein solches Untersuchungsverfahren, allein
ich weiss nicht, was man ihm substituiren soll. _So hat sich eine neue
Methode gebildet, die statistische Therapeutik. Sie ist fehlerhaft
im Princip, fehlerhaft im Verfahren, sie ist nichts weiter als ein
ungezügelter Empirismus, und dennoch zweifle ich, dass man ohne sie den
Werth einer Behandlungsmethode feststellen kann_; denn sie ist nichts
Anderes als die Beobachtung, die Beobachtung, welche im allgemeinen
Ganzen gewinnt, was sie an Genauigkeit im Einzelnen verliert. Diese
empirische Methode beurtheilt nicht allein den Werth der empirischen
Mittel, sie schätzt alle anderen Methoden ab und spricht sich über die
relative Wirksamkeit aller Behandlungsarten aus, ihrerseits setzt sie
also allgemeine Indicationen fest. _Diese so hoch gepriesene und so
sehr verschrieene Methode erfindet nichts, aber sie richtet, und ihre
Gerichtsbarkeit erstreckt sich auf Alles, was auf Heilenwollen Anspruch
macht. Welchen Vorbehalt man auch in Hinsicht auf die Infallibilität
ihres Urtheils machen, mit welcher Geringschätzung man auch auf
die numerische Methode herabsehen mag, kein Arzt kann sich ihrer
Beweiskraft entziehen, denn es giebt keinen Arzt, welcher sich nicht
eine Meinung über den relativen Werth der Behandlungsarten macht oder
machen will._ Keiner wird diese nach dem glücklichen oder unglücklichen
Erfolge abschätzen, welche er in einem _einzelnen_ Falle beobachtet
hat, alle warten ab, ehe sie sich erklären, bis ihre Erfahrung
sich _vervielfältigt_ hat. Der Arzt, welcher, auf seine eigenen
Verfahrungsweisen sich stützend, den Eindruck in Betracht zieht, den
er aus einer ausgebreiteten Praxis gewonnen hat, treibt statistische
Therapeutik, nur macht er seine Statistik aus dem Gedächtniss und von
ungefähr. Wir haben alle solche Eindrücke, und es kann geschehen,
dass, wenn wir die Beobachtungen im Gedächtniss behalten, die diese
Eindrücke haben entstehen lassen, wenn wir sie zusammenstellen, wenn
wir sie analysiren, wenn wir sie zählen, wir uns oft genöthigt sehen
zu erkennen, dass unsere Verstandesrechnung irrthümlich, dass unsere
Eindrücke ungenau waren. Ein dieses Namens würdiger Arzt wird die
Elemente seiner Berechnung auswählen: er wird z. B. numerische Daten,
welche für die Behandlung der Kinder richtig sein mögen, nicht auf die
Therapie bei Greisen anwenden; er wird sich misstrauisch verhalten
gegenüber den Statistiken en bloc, welche auf Beobachtungen gegründet
sind, die wer weiss woher gekommen sind und den Horizont der Kritik
überschreiten. Aber er wird das Uebergewicht der Schlüsse aufrecht
erhalten, welche er aus den Thatsachen gezogen hat, die er selbst
beobachtete, abwog und zählte. _Daraus folgt, dass die individuellen
Statistiken die besten von allen sind._ Wenn ähnliche Statistiken,
von Aerzten geliefert, die zu beobachten und zu urtheilen verstehen,
übereinstimmende Resultate geben, so stellt sich in der Therapeutik
eine Durchschnittsannahme her, welche zwar der Revision unterliegt,
welche nicht in Rechnung zu ziehen aber Vermessenheit wäre.“ --
Leider spricht gerade bei der Behandlung der Diphtherie die Erfahrung
nicht dafür, dass durch die Wahrscheinlichkeitsrechnung der Zählmethode
ein einigermaassen sicheres Urtheil über den Werth einzelner Mittel
und Behandlungsmethoden gewonnen wird. Ich habe in vielen hundert
Einzelabhandlungen über die Diphtherietherapie, welche ich durch Herrn
Geh. Rath Prof. _G. Lewin_ in elf voluminösen Bänden gesammelt erhielt,
zu verfolgen gesucht, was dabei herausgekommen ist; und ich kann danach
nicht sagen, dass das Resultat ermuthigend wäre.
_Bretonneau_’s Quecksilberbehandlung ist von der Mehrzahl der Aerzte
verurtheilt worden als unwirksam oder als schädlich, und die Zahlen,
welche man dafür anführt, scheinen in der That zu beweisen, dass
dieses abfällige Urtheil begründet ist. Aber wenn man genauer zusieht,
so zeigt sich, dass die von _Bretonneau_ so sorgfältig studirten
Bedingungen, unter welchen die Inunctionscur und die Localbehandlung
mit Calomel Gefahren bringt, vergessen waren, die Dosirung aber für
eine wirksame Therapie ganz unzureichend gewählt wurde. Für die
Salzsäure-, Alaun- und Höllensteinbehandlung ist einerseits die
sorgfältige Auswahl der dafür geeigneten Fälle vernachlässigt worden,
andererseits sind diese Präparate nicht in der richtigen Concentration
ihrer Lösung und der zweckmässigen Applicationsweise verwendet worden.
Allermeist aber kann man die betrübende Thatsache erkennen, wie die
einzelnen Beobachter in ihren Statistiken mit ganz verschiedenem
Maass messen; die alten Mittel und Methoden werden auf’s strengste
kritisirt und an ihre Leistungsfähigkeit stellt man ganz unberechtigte
Anforderungen; die neuen Mittel derselben anspruchsvollen Kritiker
werden auf Grund von so ungenügenden Erfahrungen empfohlen, dass man
sich verwundert fragt, wie es nur möglich ist, dass wahrheitsliebende
und sachlich urtheilende Autoren in dieser Weise sich selbst betrügen
können.
Wie es aber mit dem Ergebniss der Statistik betreffend den Werth der
Tracheotomie steht, darüber möchte ich einen Mann reden lassen, über
dessen Objectivität in der Beurtheilung medicinisch-chirurgischer
Fragen nur eine Stimme herrscht, und dessen Competenz nicht
angezweifelt werden kann; ich meine _F. König_. Dass derselbe im
Uebrigen gerade bezüglich der Tracheotomie nicht zu scharf kritisirend
verfährt, wird aus dem Tenor seiner diesbezüglichen Schilderung erkannt
werden können. Auf S. 547 ff. seines Lehrbuches (l. c.) sagt _König_:
„Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass von manchen Seiten Angriffe
gegen die Berechtigung der Tracheotomie bei Diphtherie gemacht worden
sind, weil eben trotz der Operation viele, ja zuweilen alle operirten
Kinder sterben. Wir werden noch auf die statistischen Ergebnisse
zurückkommen, aber hier muss ich schon als meine feste Ueberzeugung
hervorheben, dass, wenn auch noch weniger Kranke gerettet würden, als
die Statistik ergiebt, der Chirurg trotzdem nicht nur die Berechtigung,
sondern die Verpflichtung hat, dem durch diphtheritische Stenose
erstickenden Kranken zu helfen, so lange er noch kann. Ob der Kranke
vielleicht später den Folgen der bösartigen Krankheit erliegen wird,
das kann den Chirurgen ebensowenig abhalten, seine Pflicht zu thun und
durch die Eröffnung der Luftröhre die bestehende Beengung momentan
zu beseitigen, als ihn etwa eine bestehende, wahrscheinlich zum Tode
führende Pyämie abhalten kann, eine während des Verlaufs derselben
auftretende schwere Blutung durch Zubinden des Gefässes zu stillen. Ich
stehe also nicht an, das Unterlassen des Vorschlags zur Tracheotomie
von Seiten des Arztes für eine Fahrlässigkeit hinzustellen, kann
aber dazu die aus meiner Praxis entnommene tröstliche Versicherung
hinzufügen, dass man für das energische Festhalten an dieser
Verpflichtung nicht selten durch die Rettung eines Lebens belohnt wird,
welches man selbst für äusserst bedroht halten musste, und dass auch
in den Fällen, in welchen der tödtliche Ausgang nicht abgewandt werden
konnte, das Sterben nach der Operation fast stets leichter wurde, als
die Erstickung bei uneröffneter Trachea.
Bei einer solchen Auffassung ist es überhaupt nicht nöthig, darüber zu
debattiren, ob man auch operiren soll, falls bereits eine Affection der
Lunge besteht. Diese Complication kann die Prognose sehr erschweren,
aber falls eben durch die Kehlkopfstenose der grössere Antheil der
augenblicklich bestehenden Erstickungsgefahr bedingt wird, die von uns
aufgestellten Grundsätze nicht erschüttern.
Leider sind wir nicht im Stande, in der Art, wie wir es bei anderen
Operationen können, durch zuverlässige statistische Belege die
Ungefährlichkeit und günstige Wirkung der Operation zu stützen.
_Kühn_ hat in seiner Bearbeitung des betreffenden Gegenstandes in der
_Günther_’schen Operationslehre verschiedene, diese Frage betreffende
Zahlen zusammengestellt, aus welchen hervorgeht, dass manche Operateure
von ihren sämmtlichen Operirten auch nicht einen, während andere bis
zur Hälfte durchbrachten. Eine Zusammenstellung, welche er dann von
allen den zusammengebrachten Zahlen macht, ergiebt auf 1048 Operationen
195 Heilungen, also etwa 17½%. _Sestier_ hat aber dagegen eine
Statistik aufgestellt, welche viel bessere Ergebnisse liefert, welche
beweist, dass vielleicht ⅓ aller Operirten mit dem Leben davonkamen.
Es gehört wenig dazu, um einzusehen, wie gering der Werth aller dieser
Zusammenstellungen ist. Vorerst wissen wir ja nicht, wie viele von
den operirten Diphtheritischen ohne die Operation noch hätten genesen
können, denn diese Möglichkeit ist ja, falls wir früh operiren, nicht
ausgeschlossen.
Aber auch wenn wir von dieser nicht zu beantwortenden Frage absehen,
so bleiben doch noch eine Reihe von Ursachen, welche für sich ganz
unabhängig von der Operation die Prognose beeinflussen. Vor Allem
ist hier zu berücksichtigen die Verschiedenartigkeit der einzelnen
Epidemien. Die Diphtherie kann in einer Epidemie einen so bösartigen
Verlauf nehmen, dass das Befallen werden von der Krankheit so gut wie
ein Todesurtheil ist, während ein andermal fast nur leichte Fälle,
nur croupöse Affectionen beobachtet werden. So kann es kommen, dass
_Gosselin_, _Deguise_, _Huguier_ und Andere bei 95 Operationen auch
nicht ein Kind genesen sahen, während Andere zu bestimmten Zeiten über
die Hälfte durchbrachten, wie ich selbst einmal in etwa einem Jahre bei
12 Operationen 7 Kinder am Leben erhielt.
Freilich influiren auch noch andere Umstände sehr wesentlich. Von
der allergrössten Bedeutung ist der Zeitpunkt, in welchem die Kinder
operirt werden. Die frühe Operation rettet immer eine Anzahl Kinder
mehr. Da kann nun allerdings eingewendet werden, dass ein Theil
dieser Kinder auch noch ohne Operation hätte durchkommen können, ein
Einwand, welcher für den einzelnen Fall absolut nicht zu widerlegen
ist. Operirt also ein Chirurg früh, so wird er im Durchschnitt mehr
Kinder am Leben erhalten als der, welcher den Kehlschnitt als ultimum
refugium ansieht. Doch ist dies nicht der einzige Grund, weshalb der
einzelne Operateur bessere Resultate erzielt als der andere. Sehen wir
hier von der grösseren oder geringeren technischen Befähigung bei der
Operation selbst ab, so liegt der Schwerpunkt offenbar in der Methode
der Nachbehandlung, wenn bei gleichem Material der eine günstigere
Resultate erzielt als der andere. Dass aber auch individuelle
Differenzen des Operirten vorhanden sind, das ist unzweifelhaft. Ich
brauche hier nur an ein absolut unleugbares Verhältniss zu erinnern,
nämlich daran, dass die Prognose der Operation um so schlimmer wird,
je junger das Kind, so dass Kinder unter einem Jahre nur in seltenen
Ausnahmefällen durch die Tracheotomie am Leben erhalten bleiben.
Eine sehr dankenswerthe Arbeit für die Würdigung der Tracheotomie hat
Krönlein geliefert. Er berichtet nämlich über die Resultate, welche in
Langenbeck’s Klinik bei der Behandlung von 567 diphtheritischen Kindern
erzielt wurden. Im Allgemeinen bestätigt sie das, was wir in den
vorhergehenden Zeilen angeführt haben, zum Theil erweitert sie unsere
Kenntniss, indem sie eine Anzahl von Fragen auf statistischem Wege
beantwortet.
Die grösste Zahl der aufgenommenen Kinder befand sich im Alter von
3-4 Jahren, nahm dann allmählich ab, so dass nach dem 16. Jahr fast
keine Diphtheriekranke zum Zweck der Tracheotomie mehr aufgenommen
wurden. Die Prognose der Krankheit war am schlechtesten in den ersten 2
Lebensjahren. Es starben von diphtheritischen Kindern in diesem Alter
89,4 pCt. Am geringsten war die Letalität der Krankheit im 7.-8. Jahr
(44,4 pCt.)
Bei 504 Kranken musste die Tracheotomie vorgenommen werden. Nach
derselben starben 70,8 pCt. Selbst aus dem allerfrühesten Lebensalter
(7. Monat) bis zum 2. Jahr wurde eine Anzahl von Kindern erhalten (11
unter 85).“
Ich schliesse hiermit die kritische Uebersicht über die
_therapeutischen_ Bestrebungen bei der Diphtherie und gehe noch kurz
ein auf ihre Prophylaxis.
War schon bezw. der Therapie das Ergebniss ein wenig erfreuliches,
so ist es noch schlimmer bestellt mit dem, was man in der _Verhütung_
der Diphtherie erreicht hat. Man sollte glauben, dass eine Krankheit,
die in allen Ländern gegenwärtig ungezählte Opfer in den Hütten der
Armen und in den Palästen der Reichen in tückischer Weise dahinrafft,
mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln auszurotten versucht würde.
Nun ist es gar keine Frage, dass die _Möglichkeit_ dazu vorhanden
ist. Auch die hartnäckigsten Zweifler an der Lehre _Bretonneau_’s von
der Entstehung der Diphtherie einzig und allein durch Uebertragung
von kranken Individuen bezw. von deren Krankheitsprodukten auf
Gesunde, sind schliesslich, wenn sie mehr Erfahrungen sammelten und
vorurtheilsfrei die Sache betrachteten, überzeugte Anhänger derselben
geworden.
Um ein Beispiel für viele zu citiren, will ich bloss daran erinnern,
dass _Gerhardt_ im Jahre 1859 die Contagiosität für mindestens
zweifelhaft hielt und erklärte, dass der Croup bezüglich seiner
Verbreitungsweise streng an bestimmte Verhältnisse von Temperatur und
Jahreszeit gebunden ist, dass ferner „die grössere Häufigkeit, ja
Endemicität desselben in grösseren Städten, seine erwiesene Vorliebe
für die unreinen und feuchten Wohnungen der Armen, besonders sofern
eine grössere Anzahl von Kindern darin zusammengedrängt lebt“,
sowie der Umstand, dass (nach _Guersant_) „im Hôpital des enfants
sich die Zahl der innerhalb zu Stande kommenden Crouperkrankungen
mit der verminderten Zahl der Betten und der besseren Lüftung der
Säle beträchtlich verringerte“, „die Annahme einer _miasmatischen_
Entstehung wahrscheinlich“ und die _Contagiosität_ unwahrscheinlich
machen.
_Gerhardt_ kannte auch 1859 schon _Bretonneau_’s Argumente für
die Contagiosität des Croup und führte selbst (l. c. S. 9) ein
Beispiel an, welches ich anderweitig nicht citirt gefunden habe: Ein
anticontagionistischer Arzt „von den Ufern des Weener Sees bettete
sein eigenes Kind zu einem Croupkranken, und sah es erkranken und
bald sterben -- ein Opfer seines Versuches, dem er bald aus Gram
in’s Grab gefolgt sein soll.“ Indessen damals (1859) war _Gerhardt_
der Meinung, (l. c. S. 10) dass viele und gewichtige Autoritäten die
Contagiosität in Abrede stellen, „dass alltäglich vereinzelte Fälle
beobachtet werden, von welchen Niemand weiss, woher sie eingeschleppt
sein könnten, und die keine weiteren Erkrankungen trotz vielfacher
Gelegenheit zur Uebertragung des Contagiums nach sich ziehen.“ Es sind
das ganz dieselben Bedenken, welche auch gegenwärtig noch wieder bei
der Entstehung der _Cholera_ zu ernsten oder scherzhaften Bemerkungen
hervorragenden Klinikern Veranlassung geben, wenn sie den Versuch für
vergeblich erklären, herauszubekommen, woher wohl die Cholerakeime nach
_Nietleben_ gekommen sein mögen.
Im Jahre 1883 dagegen, auf dem II. Congress für innere Medicin,
ist _Gerhardt_ zu der ganz bestimmten Anschauung gekommen, dass die
Diphtherie eine contagiöse Krankheit sei. Er sagt daselbst (Verh. S.
128) „Die Diphtherie ist ansteckend und zwar wenn man unterscheiden
will zwischen ansteckend und ansteckend, so ist sie zunächst
überimpfbar. Das hat nicht allein das Thierexperiment, das haben
zahlreiche Verluste, die der ärztliche Stand erlitten hat, bewiesen,
von _Valleix_ und _Blache_ bis zu _O. Weber_ und _Carl Heine_, und
wir kennen von vielen dieser traurigen Fälle die Geschichte so
genau, dass die Ansteckung wohl kaum bezweifelt werden kann. Das
Ueberimpfbarsein beweist ja noch nicht, dass sie ansteckend ist im
gewöhnlichen Sinne. Die Intermittens ist auch überimpfbar aber gewiss
nicht ansteckend. Ich habe Blut von einem Intermittenskranken einem
Gesunden subcutan injicirt und nach 14 Tagen Incubation begannen
Frostanfälle von gleichem Rhythmus. Nun, die Diphtherie ist ansteckend;
der Ansteckungsstoff ist in den Membranen selbst enthalten.“
Was lag nun näher als die consequente Durchführung von Maassnahmen,
die in der Familie, in den Gemeinden, im Staat und im internationalen
Verkehr die Weiterverbreitung der Diphtherie durch die Ansteckung
gesunder Menschen durch kranke auf jede Weise verhüten? Aber was sehen
wir in Wirklichkeit geschehen?
Selbst die Anfänge einer zweckmässigen Prophylaxis _staatlicherseits_,
wie sie von _Bretonneau_ für die _Diphtherie_ erstrebt und von _R.
Koch_ gegenwärtig für die _Cholera_ durchgeführt wird, fehlen noch
im neu projectirten Seuchengesetz des deutschen Reiches; und was in
Krankenhäusern und in der Familie geschieht, um die Uebertragung der
Diphtherie von einem Individuum auf das andere und die Entstehung von
Infectionsmöglichkeiten durch inficirte Kleider, Wäschegegenstände,
Betten, Utensilien und Möbel jeder Art zu vermeiden, das lässt nur zu
oft jedes Verständniss für die Bedingungen des Zustandekommens der
Ansteckung vermissen. Hatten wir doch jüngst noch Gelegenheit, einen
Kliniker in angesehener Versammlung von Medicinern davon reden zu
hören, dass es in seinem Krankenhause so reinlich zugeht, dass eine
diphtherische Infection daselbst unmöglich ist! Von einem ernsthaften
Bestreben, einen allgemeinen Infectionsschutz gegenüber der Diphtherie
zu erreichen, kann da bis jetzt noch nicht die Rede sein.
Der Infectionsschutz aber für den _einzelnen_ Menschen, wie er
gegenwärtig empfohlen wird, lässt sich in die Worte zusammenfassen,
die im 17. Jahrhundert _Carnevale_ seiner Beschreibung der damals in
Italien herrschenden Diphtherieepidemie voranstellte:
„Cede cito, longinquus abi, serusque reverte.“
Solange, wie noch mit Erfolg Discussionen ins grosse Publikum getragen
werden, die immer wieder die Specificität der Krankheitsursachen
in Frage stellen, wird das wohl auch nicht anders werden, und wenn
_Bretonneau_ wieder auflebend _v. Pettenkofer_ und _Hüppe_ gelegentlich
der gegenwärtig discutirten Abwehrmaassregeln gegenüber der Cholera an
der Arbeit sähe, dann würde er schwerlich das geringe Verständniss für
das, was Noth thut, als ein Zeichen bloss seiner Zeit erklären.
Es kann keine Frage sein, dass Krankheiten wie die Syphilis, die
Diphtherie, die Cholera _vermeidbare_ Infectionen sind, und man
mag noch so sehr darüber spötteln, dass der Verkehr sich nicht
„_pilzdicht_“ gestalten lässt, -- für denjenigen, der in zielbewusster
experimenteller Arbeit erfahren ist, kann gar kein Zweifel darüber
bestehen, dass wir in früherer oder späterer Zeit diese Krankheiten für
das Menschengeschlecht ebenso ungefährlich machen werden, wie das für
die _Pocken_ schon jetzt geschehen ist.
Allerdings werden wir zur Beurtheilung darüber, welche Mittel hierfür
zu wählen sind, uns nicht auf die Statistik verlassen dürfen,
weder wenn wir diese Mittel auffinden, noch wenn wir sie auf ihre
Leistungsfähigkeit prüfen wollen.
[5] Die Quecksilberinunctionen hat _Frerichs_ specifisch wirksam
gefunden, wie _Bartels_ (Deutsches Archiv f. klin. Med. II. Bd.
S. 367 bis 452) aus seiner Assistententhätigkeit bei demselben
berichtet (1852); auch _Bohn_ in Königsberg und _G. Lewin_ rühmen
eine energische Quecksilberbehandlung bei der Diphtherie.
V.
Die wissenschaftlichen Voraussetzungen der Blutserumtherapie.
Es stände schlimm um die medicinische Kunst, wenn sie auf immer in der
_therapeutischen Statistik_ das einzige Mittel besitzen sollte, um zu
neuen Heilmitteln zu gelangen.
Wir wollen jetzt Anderes und Besseres, wir wollen in noch höherem
Grade, als wie _Bretonneau_ schon es sich zum Ziele setzte,
_specifische_ Mittel anwenden, die im _Experiment_ constant
und ausnahmslos unter gegebenen Bedingungen den diphtherischen
Krankheitsprocess in eigenartiger Weise beeinflussen. Unsere
specifischen Mittel müssen freilich _jeder_ Kritik und so auch
derjenigen, welche auf die Zählungsmethode begründet ist, Stand
halten, wenn sie das leisten, was wir von ihnen erwarten; aber die
therapeutische Statistik hat weder bei dem Auffinden dieser Mittel
mitgewirkt, noch ist sie entscheidend für die Zuversicht, mit welcher
wir darauf rechnen, dass sie uns in der Heilung und Verhütung der
Diphtherie weiter bringen werden.
Eine Geschichte über die Auffindung der specifischen Heilkörper für die
Diphtherie zu schreiben, wird die Aufgabe späterer Zeiten sein.
Ich möchte aber meine historisch-kritischen Untersuchungen über
die Wandlungen, welche im Laufe der Jahrhunderte die ärztlichen
Anschauungen in Bezug auf die Diphtherie erfahren haben, doch nicht
weiterführen, ohne wenigstens den Ideengang anzudeuten, der nach vielen
Irrwegen mich schliesslich zur Entdeckung specifischer Heilkörper
führte. Man wird auch hier die Verbindungsfäden wahrnehmen, welche die
uns beschäftigenden Probleme mit denen früherer Zeiten auf’s engste
verknüpfen.
Naturforschenden Aerzten war von jeher bei ihrer Beobachtung des
Verlaufes von Krankheiten die spontane Heilbarkeit derselben eines der
schwierigsten Probleme.
Am meisten musste dieses Problem bei kritisch endigenden Krankheiten
sich dem medicinischen Denken aufdrängen.
Eine Krankheit beispielsweise wie die Pneumonie, wenn sie den kräftigen
gesunden Menschen befällt, von Tag zu Tag immer bedrohlicheren Umfang
annimmt, immer mehr die normaler Weise ablaufenden Lebensfunctionen
revolutionirt, sieht man von einem bestimmten Tage, ja von einer
bestimmten Stunde an rückläufig werden; zu einer Zeit, wo die
Perturbationen am heftigsten geworden sind und der Lebensfaden
abzureissen scheint, nimmt Alles eine andere Wendung. Die heisse
trockene Haut wird feucht, bedeckt sich mit Schweiss, die stürmische
und mühsame Athmung wird ruhiger, die Delirien hören auf, es
tritt Schlaf ein, und nach dem Erwachen sehen wir statt eines
lebensgefährlich kranken einen genesenden Menschen vor uns; schwach
zwar noch und wie von einem schweren Kampfe erschöpft, aber in nichts
mehr erinnernd an den stürmisch aufgeregten und die beobachtende
Umgebung aufregenden Zustand von vorher.
Es ist, wie wir sagen, die Krisis eingetreten.
Was ist es da, was diese wunderbare Wendung herbeigeführt hat?
Gewohnt, überall, wo wir eine Wirkung sehen, auch eine Ursache
vorauszusetzen, stehen wir hier vor einer ähnlichen Frage, wie wenn
wir in einem stürmischen Gebirgsbach die herunter rollenden Wässer mit
einem Male stillstehen und schliesslich sogar wieder zurückfliessen
sehen würden.
Unser Causalitätsbedürfniss zwingt uns, nach der Kraft zu forschen,
die diesen Stillstand und die rückläufige Bewegung bewirkt hat,
und so sehen wir in der That, wie die Aerzte von _Hippokrates_
an in der Krisenlehre die Kräfte, welche in den fortschreitenden
Krankheitsprocess eingreifen, zum Gegenstand ihrer tiefsinnigsten
Studien gemacht haben.
Ist nun im Laufe der Jahrtausende, während welcher die scharfsinnigsten
Köpfe mit dem hier vorliegenden Problem sich beschäftigt haben,
dasselbe gelöst oder auch nur der Lösung näher gebracht worden?
Ich will gleich hier meine Meinung dahin abgeben, dass das nicht der
Fall ist.
Zwar sind eine grosse Menge von Begleiterscheinungen, die in näherer
oder entfernterer Beziehung zur Beendigung ursprünglich progredienter
Krankheitsprocesse stehen, aufs sorgfältigste analysirt worden; aber
das Grundproblem, welches auf den vorurtheilsfreien Beobachter einen
ähnlich verwunderlichen Eindruck macht, wie _Münchhausen_’s Erzählung,
dass er sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpfe gezogen, dieses
Grundproblem ist nach wie vor das gleiche Räthsel für uns geblieben.
Wir sind jetzt in der Erkenntniss einiger Bedingungen für das
Zustandekommen vieler Krankheitsprocesse mit exquisit progressivem
Charakter weitergekommen, als unsere Altvorderen. Es ist der
unanfechtbare Beweis geliefert worden, dass dieselben ausgelöst werden
durch von aussen stammende materielle Ursachen; und durch _R. Koch_’s
bahnbrechende Untersuchungen haben wir für diejenigen Krankheiten,
welche jetzt einer Infection zugeschrieben werden, diese materiellen
Ursachen auf belebte Mikroorganismen zurückzuführen gelernt.
Jenes Grundproblem, welches uns Aerzte beschäftigt, ist dadurch
zunächst aber noch räthselhafter geworden.