trachéotomie 1855), welches durch die Schnelligkeit der Ausführung
zuerst sehr imponirte, ist allgemein wieder verlassen worden. Nach
_Chassaignac_ soll die cartilago cricroidea mit seinem „ténaculum“
fixirt werden, und danach könne man mit _einem_ Schnitt die Trachea
eröffnen, indem man ein Bistouri dem „ténaculum“ entlang durch die
Haut bis in die Trachea auf einmal („sans hésitation“) einsticht und
dann drei bis vier Trachealringe durchschneidet. („Saisissant le
ténaculum de la main gauche, attirant en avant le cartilage cricoïde
et par conséquent la trachée, puis présentant le bistouri adossé à
la convexité du ténaculum, le chirurgien le plonge par un mouvement
de ponction dans la trachée, immédiatement au contact du point où le
ténaculum est implanté et _divise le conduit d’un seul coup en même
temps que la peau_. Immédiatement aprês cette première ponction on
introduit dans la petite plaie un bistouri boutonné et l’on incise, en
suivant la ligne médiane, tous les tissus, depuis la peau jusqu’à la
trachée, dans une étendue de deux centimètres environ.“) Man hat diesem
Operationsverfahren namentlich chirurgischerseits manche ungerechten
Vorwürfe gemacht; aber beglaubigte Fälle von Scheintod und wirklichem
Tod in Folge der andauernden Fixation der Trachea bei den an sich
schon in Erstickungsgefahr befindlichen Kindern hat auch _Chassaignac_
selbst nicht zu leugnen vermocht; dagegen ist nach dem Urtheil mehrerer
Autoren (_Isambert_, _Millet_) die Gefahr der _Blutung_ nicht so gross,
wie man von vornherein glauben sollte, und die Einführung der Canüle
macht keine Schwierigkeiten, wenn man sich des von _Chassaignac_ eigens
für diesen Zweck construirten „dilatateur“ bedient.
Auch das ingeniös erfundene „_Tracheotom_“ von _Maisonneuve_, welches
derselbe 1861 der Akademie demonstrirte, hat nur wenige Anhänger
gefunden, und auch andere Bestrebungen, den Act der Operation zu
beschleunigen, wurden nach vorübergehendem Aufsehen bald wieder
vergessen; man hat sich immer mehr von der Richtigkeit des Ausspruchs
_Trousseau_’s überzeugt, dass die Tracheotomie nicht zu denjenigen
Operationen gehört, bei welchen es auf besondere Schnelligkeit ihrer
Zuendeführung ankomme; im Gegentheil, sie könne nicht langsam genug
gemacht werden („elle doit être faite lentement, très-lentement, trop
lentement“).
Als einen wesentlichen Fortschritt dagegen kann man die Einführung
der _Chloroformnarkose_ bei der Tracheotomie ansehen. Zwar sind die
Meinungen über den Nutzen derselben noch nicht ganz geklärt; indessen
auf die Frage: „_Soll man chloroformiren?_“ werden gegenwärtig die
meisten Chirurgen nur wenig gegen die Antwort einzuwenden haben,
welche _F. König_ in seinem Lehrbuch der speciellen Chirurgie (1878
S. 574) giebt. Er sagt daselbst: „Ich war früher mit vielen Anderen
aus theoretischen Gründen ein Gegner der Narkose, aber die Praxis hat
mich bekehrt. Gern gestehe ich zu, dass es Fälle giebt, in denen Zeit
zum Chloroformiren überhaupt nicht mehr bleibt, in denen auch oft
schon die Kohlensäure eine fast vollkommene Anaesthesie herbeigeführt
hat, auch sind mir ganz seltene Fälle vorgekommen, in welchen das
Chloroform die Aufregung und Erstickungsangst so vermehrte, dass man
sich dadurch bestimmen liess, lieber auf die Anwendung desselben zu
verzichten; aber im Allgemeinen ist, besonders, wenn man im Stadium
der Erstickungs_angst_ operirt, die Anästhesie ein entschiedenes
Erleichterungsmittel der Operation. Die tobenden Kleinen werden ruhig,
ja sie athmen auch weit ruhiger, und die Chloroformnarkose pflegt die
Kohlensäurenarkose durchaus nicht zu vermehren. Dazu kommt, dass die
heftigen Bewegungen und das exspiratorische Drängen durch die Narkose
aufgehoben wird und somit auch die venösen Blutungen bei weitem nicht
von der Bedeutung sind, wie bei den meisten unnarkotisirten Kranken.“
An die Ausführung der Tracheotomie schliesst sich noch eine grosse
Zahl anderer wichtiger Fragen an, die zum Theil auch jetzt noch immer
discutirt werden.
_Wann soll operirt werden?_ Da stehen sich die Ansichten Derer
gegenüber, die so früh wie möglich, und Derer, die so spät wie möglich
operiren wollen. Allgemein wird aber anerkannt, dass das Auftreten
erheblicher inspiratorischer Einsenkungen im Jugulum, in der Fossa
supraclavicularis, im Scrobiculum cordis ein wichtiges Anzeichen
für die beginnende Erstickungs_gefahr_ ist. Es ist das zwar, wie
_König_ sich ausdrückt, noch ein _actives_ Stadium, in welchem noch
Sauerstoff genug im Blut ist, um das Gehirn soweit zu ernähren, dass
das Bewusstsein frei bleibt; durch forcirte Athmung wird ein Ausgleich
der durch die Stenose bedingten Erschwerung der Luftzufuhr versucht;
es besteht die äusserste Erstickungs_angst_, aber die Wangen sind noch
geröthet als Zeichen dafür, dass Kohlensäureüberladung des Blutes
noch nicht eingetreten ist. Wie lange aber dieses Stadium andauert,
ob es spontan überwunden wird, oder bald in das der Apathie mit
Schläfrigkeit übergeht, wobei das weisse Gesicht und die bläulichen
Lippen die Sauerstoffarmuth des Blutes anzeigen, das lässt sich
nicht vorausberechnen. Die meisten Chirurgen operiren in jenem
activen Stadium; freilich kann man auch im Somnolenzstadium noch
tracheotomiren; aber die Chancen für eine lebensrettende Wirkung der
Operation sind viel grösser bei früherer Ausführung derselben.
Bezüglich der Frage, ob man statt der Tracheotomie die _Laryngotomie_
oder die _Laryngo-Tracheotomie_ anwenden solle, können wir uns an
folgendes Urtheil _Chassaignac_’s („Leçons sur la trachéotomie“, Paris
1855) halten: „De toutes les opérations qui ont été préconisées pour
ouvrir l’arbre aërien, la trachéotomie est la meilleure à nos yeux;
elle est même la seule qui soit bonne et qui mérite d’être adopté comme
méthode générale. La laryngotomie est une mauvaise opération; on en
atténue un peu les défauts quand on la combine avec la trachéotomie;
mais dans ce dernier cas, l’incision du larynx a l’inconvénient d’être
à peu près inutile. La seule opération vraiment rationelle pour
l’ouverture chirurgicale des voies aëriennes, c’est la trachéotomie.
Sans entre dans toutes les considérations qui motivent notre manière
de voir, nous nous bornerons à dire que _la condition essentielle de
toute bonne opération faite sur les voies aëriennes, c’est de permettre
l’établissement d’une canule dans la plaie de l’opération. Or, il n’y a
que la section des anneaux de la trachée qui mette à même de réaliser
cette condition d’une manière satisfaisante._“
Welche Methode man aber auch wählen mag für die Operation, und in
welchem Stadium der Erstickungsgefahr bei _schwerer_ Diphtherie die
Tracheotomie ausgeführt sein mag, es haben sich die Erfolge seit
_Bretonneau_ nicht wesentlich gebessert, und die Mühen, welche _die
Nachbehandlung_ in dem ersten, glücklich verlaufenen Verfall bei
der kleinen _Elisabeth Puységur_ erforderte, sind gleichfalls nicht
geringer geworden. „Der Chirurg, welcher glaubt (sagt _König_ l. c.
S. 579), es sei mit dem Niederlegen des Messers und dem Einführen der
Canüle bei dem wegen Diphtherie tracheotomirten Kinde Alles geschehen,
hätte für die meisten Fälle besser gethan, die Operation überhaupt
nicht vorzunehmen.“
Abgesehen davon, dass durch die Tracheotomie ja nur ein Symptom der
Krankheit, die Kehlkopfstenose, beseitigt wird, während die Tendenz
des Krankheitsprocesses, sich auf die Luftröhre und ihre Verzweigungen
auszubreiten, sowie im Lungengewebe Veränderungen hervorzurufen, nicht
aufgehoben wird, abgesehen von dem Eintritt asphyktischer Zustände
in Folge von Verstopfungen der Canüle, welche die sorgfältigste
Beobachtung und sachverständige Behandlung erfordern, sind noch
mancherlei Folgezustände der Operation selbst oft genug unheilbringend
geworden.
Die Erstickungsgefahr nach dem Entfernen der Canüle kann nicht bloss
durch zu frühzeitiges Entfernen, sondern auch, nachdem sie sehr lange
getragen war, eintreten; ich sah in der Praxis von Dr. _Pauly_ in Posen
solche Fälle, wo Granulationswucherungen das Leben bedrohten, nachdem
schon lange Zeit die Canüle weggelassen und die Hautwunde fast verheilt
war. Die Stimmbandmuskeln können in Folge des langen Nichtgebrauchs
gelähmt werden (_Bose_ und _Trendelenburg_). Trachealgeschwüre und
Blutungen aus denselben sind als Todesursachen beobachtet worden, wenn
schlecht passende Canülen die Trachea erodirt hatten. Narbige Stenosen
können die Kranken zum fortwährenden Tragen der Canüle verurtheilen.
Knorpelnekrose und phlegmonöse Processe an der tracheotomischen Wunde
sind zwar selten, kommen aber vor. Kurz, auch die vom Erstickungstode
durch die Tracheotomie zunächst geretteten Kranken sind noch so vielen
Gefahren ausgesetzt, dass das Wort _Malgaigne_’s sich noch jetzt immer
bewahrheitet: „Die Einführung des Luftröhrenschnitts in die Behandlung
der Diphtherie war ein grosses Verdienst um die Menscheit, ein noch
grösseres aber würde es sein, wenn es gelänge, denselben vermeidbar zu
machen.“
_Loiseau_, ein Arzt in Montmartre, hatte im Jahre 1857 der Académie
française ein Verfahren unterbreitet, welches diesen Zweck erfüllen
sollte. Er versuchte das Athemhinderniss der in Erstickungsgefahr
befindlichen Kinder dadurch zu beseitigen, dass er den Larynx
kathetrisirte, und die Commission, welche zur Prüfung seines
„_catheterisme laryngien_“ eingesetzt war (_Trousseau_, _Blache_ etc.),
bestätigte, dass in der That das Einführen von elastischen Kathetern
in den Larynx und die Trachea bei genügender Uebung gut gelinge; aber
_Loiseau_’s Methode, die übrigens nach _Trousseau_ schon in ähnlicher
Art 1839 von _Dieffenbach_ angegeben war, hat die Tracheotomie nicht
verdrängt.
Ebensowenig ist das geschehen durch _Bouchut_’s „_tubage de la
glotte_“. Bouchut führte mit Hülfe von an beiden Enden offenen
Kathetern cylindrische Silberringe („des viroles d’argent
cylindriques“) von 1½-2 cm Länge in den Kehlkopfeingang ein, wo ein
solcher Ring mit seinem oberen Rande unterhalb der oberen Stimmbänder,
mit dem unteren an der Innenfläche der cartilago cricoïdea zu liegen
kam. Die Ränder des Ringes (oder besser der kurzen „Canüle“) waren oben
und unten mit Einfassungen von elastischem Material („bourrelets“)
versehen und hatten Oeffnungen, an denen Seidenfäden befestigt waren,
welche dazu dienen sollten, die Canüle aussen festzuhalten. Diese
„tubage de la glotte“ wurde von _Trousseau_ in der Académie française
auf’s heftigste angegriffen. Sie mache Ulcerationen, Nekrosen,
Phlegmonen und schliesslich Glottisoedem, so dass schliesslich doch die
Tracheotomie nothwendig werde.
* * * * *
Verfolgt man die Entwicklung, welche in _Frankreich_ die
Diphtheriebehandlung bis zu unserer Zeit weiter genommen hat, so
lässt sich erkennen, dass man dort sich nicht allzuweit von den
durch _Bretonneau_ aufgestellten Principien entfernte. Zwar ist seit
dem siegreichen Vordringen der antiseptischen Wundbehandlung die
_Localbehandlung_ des beginnenden diphtherischen Krankheitsprocesses
insofern etwas modificirt worden, als in Frankreich ziemlich allgemein
die Methode von _Gaucher_ acceptirt ist, welche im Wesentlichen darin
besteht, dass zunächst die Pseudomembranen künstlich entfernt und dann
die erkrankten Stellen mit einer starken antiseptischen Lösung geätzt
werden, wobei lösliche Quecksilberpräparate der Mercurireihe den Vorzug
erhalten haben vor dem unlöslichen Quecksilberchlorür _Bretonneau_’s;
auch hält man es für erforderlich, hinterher Ausspülungen der Mundhöhle
und des Rachens mit _dünnen_ antiseptischen Lösungen vorzunehmen
(_Bourges_, „La diphthérie“ S. 201); indessen einflussreiche Autoren
halten die gewaltsame Entfernung der Pseudomembranen für keinen
Fortschritt in der Behandlung; so sagt _Roux_: „Je ne suis pas du
tout partisan du raclage à outrance des fausses membranes pharyngées.
On traumatise sans cesse de la sorte la surface des amygdales. En
détruisant les fausses membranes, on détruit aussi certaines parties de
la muqueuse, et on crée de nouvelles portes à l’absorption de la toxine
sans cesse produite par les microbes qui pullulent sur l’épithélium“
(_Bourges_ l. c. S. 205).
In der _Allgemeinbehandlung_ wird, dem Zuge der Zeit folgend, die
Ernährungstherapie vorangestellt (l. c. S. 206), aber wir sehen doch
die Tradition der specifischen Quecksilberwirkung sich forterhalten,
wenn _Bourges_ (l. c. S. 207 ff.) sagt: „Quand l’engorgement
ganglionnaire prend des proportions trop considérables, on peut faire
sur les parties malades des onctions d’onguent napolitain“; daneben
werden allerdings auch neuere Antiseptica empfohlen.
In Bezug auf die Beseitigung der Erstickungsgefahr ist man wohl ganz
wieder in die Fussstapfen _Bretonneau_’s gerathen, indem man die
von demselben eingeführte Tracheotomie als das beste Mittel hierfür
betrachtet.
In _Deutschland_ ist man bis auf die Tracheotomie nur mit dem
einen Theil der therapeutischen Erfahrungen _Bretonneau_’s dauernd
in Uebereinstimmung geblieben, nämlich mit der _negirenden Kritik_.
Das Wort _Bretonneau_’s „La multitude même des moyens auxquels on a
eu recours, ne prouve que trop l’insuffisance du plus grand nombre“
hört man in allen Tonarten variirt wiederholen; den _positiven_
Theil der therapeutischen Errungenschaften _Bretonneau_’s hat man
aber immer wieder vergessen;[5] trotz aller Skepsis und trotz aller
streng wissenschaftlichen Kritik hat dabei aber doch jeder Kliniker
zeitweise sein besonderes Diphtheriemittel. Wenn _Gerhardt_ („Der
Kehlkopfcroup“) von der grossen Zahl von Aetzmitteln, von Excitantien,
von ableitenden Mitteln aller Art, Blutentziehungen u. s. w. nichts
hält, wenn er vor der „tubage de la glotte“ warnt, „_ehe Beweise ihrer
Leistungsfähigkeit vorliegen_,“ wenn er die scheinbar so günstigen
Erfolge der Tracheotomie in den Statistiken des „Hôpital des enfants“,
mit ihren 63% Heilungen bei früh ausgeführter Operation, in scharfer,
aber gerechter Weise mit folgenden Worten kennzeichnet: „Schon vor
diesem Stadium (vor Beginn eigentlicher Asphyxie) soll operirt werden,
um zahlreiche Heilungen zu erzielen. Wir glauben es gerne, man wird
mehr Heilungen haben, aber man wird auch den Vorwurf haben, zum
Messer gegriffen zu haben, wo kein Croup vorlag, jenen Vorwurf, den
_Malgaigne_ fest auf einzelne, wenn auch wenige Fälle gestützt gegen
das Verfahren im Hôpital des enfants erhoben hat. Freilich, was liegt
in einem Hospital daran, drei oder vier Croupfälle ohne Croup operirt
zu haben; was liegt daran, wo nur die Zahlen entscheiden, wo es nur
darauf ankommt, entscheidende Zahlen zu gewinnen“ (l. c. S. 79), --
so wird sich gegen seine _Kritik_ nichts Stichhaltiges einwenden
lassen; aber wenn wir nun nach dem _positiven_ Theil der Therapie in
seiner Monographie uns umschauen, dann stossen wir auch wieder auf die
Empfehlung eines Verfahrens, welches sich einer unbedingten Anerkennung
kaum erfreuen wird. Er sagt (S. 81): ... „Wir rathen, schon beim ersten
Verdachte zur Anwendung von Brechmitteln zu schreiten und halten es
zwar nicht für erwiesen, doch auch keineswegs für unwahrscheinlich,
dass so eine frühzeitige Beendigung des ganzen Krankheitsprocesses
erreicht werden könne. Gelingt dies nicht, so wären unter Fortsetzung
der Emetica Aetzungen oder auch je nach Umständen einige Blutegel
an das Manubrium sterni damit zu verbinden; wo diese Mittel sich
nicht bald wirksam erweisen und die Diagnose ganz feststeht, ist die
Tracheotomie vorzuschlagen“; und bei drohender oder hereingebrochener
Asphyxie die Excitantien als unwirksam charakterisirend, fährt _G._
an anderer Stelle fort: „Lange würde ich daher nicht auf die Wirkung
dieser Excitantien warten, sondern mich in ganz desparaten Fällen, um
dem Decorum Genüge geleistet zu haben, auf die Application einiger
Hautreize, Sinapismen u. dergl. beschränken, in etwas besseren Fällen
alsbald zur Anwendung _kalter Begiessungen_ im lauen Bade wenden.
Diese stellen das kräftigste, wirksamste, revulsorische Mittel dar
und vermögen noch am ehesten, wo es überhaupt möglich ist, das
entschwundene Bewusstsein, wenn auch nur auf Momente, zurückzurufen.“
Seit dem Erscheinen der Arbeit von _Gerhardt_ sind jetzt mehr als
30 Jahre vergangen, aber ich glaube, dass sich bei uns noch immer
nicht eine Uebereinstimmung der Kliniker darin ergeben hat, wie man
es mit der Localbehandlung, wie mit der allgemeinen Behandlung und
dem Gebrauch von Brechmitteln, Blutentziehungen, ableitenden Reizen,
Abführmitteln, Calomel, Bädern u. s. w. zu halten habe, und eventuell
ob man überhaupt ernstlich etwas gegenüber einer Diphtherieerkrankung
thun solle.
Ich meine, das wird auch nicht anders werden, bevor wir uns nicht
durchdringen lassen von der Wahrheit des folgenden Satzes, den
_Bretonneau_ (S. 92) seinen therapeutischen Betrachtungen zu Grunde
legt: „_C’est par le fait même de l’efficacité constante du traitement,
que ses avantages doivent être appréciés._“
_Das einzig sichere Kriterium eines Mittels, welches zuverlässig und
zu allen Zeiten bei einer Krankheit Bedeutung behalten wird, ist die
Constanz, die Specificität seiner Wirkung; wie in einem gut gelungenen
Experiment müssen bestimmte Veränderungen in dem erkrankten Organismus
mit Sicherheit vorausberechnet werden können nach der Application des
Mittels, und diese Veränderungen müssen zu dem Wesen der Krankheit in
intimem Zusammenhang stehen und auch objectiv nachweisbar sein._
Solch’ ein Mittel glaubte _Bretonneau_ in der Salzsäure
gefunden zu haben gegenüber der Hautdiphtherie und gegenüber der
Schleimhautdiphtherie bei local begrenztem Krankheitsheerd, unter
der Voraussetzung, dass das Mittel den Krankheitsheerd in seinem
ganzen Umfang treffe. Ich glaube, dass _Bretonneau_ in der That
einen glücklichen Griff mit der Wahl der Salzsäure gemacht hat,
wenn ich berücksichtige, dass _die Salzsäure zu den wenigen Mitteln
gehört, mit welchen man diphtherieinficirte Thiere mit Sicherheit
durch Localbehandlung der Infectionsstelle heilen kann. Die wenigen
anderen Medicamente, die solches leisten, stehen ausserdem in inniger
Beziehung zu der Salzsäure, bezüglich zu der Chlorwirkung. Es sind dies
Chlorzink, Goldnatriumchlorid und Jodtrichlorid._
_Die sonst als vorzügliche Antiseptica bekannten Präparate, welche
Sanitäts-Rath Boer in sehr sorgfältig angestellten Thierversuchen
geprüft hat, nämlich die Quecksilberpräparate der Mercurireihe, die
Anilinfarbstoffe, Arsen, die meisten Präparate aus der Benzolreihe,
viele sonst bei der Diphtherie angewendeten Mittel, wie das Kali
chloricum, leisten überhaupt nichts gegenüber der experimentell
erzeugten Diphtherie oder doch nicht annähernd so viel, wie die
Salzsäure und solche Körper, welche Salzsäure oder freies Chlor im
Contact mit lebendem Gewebe abspalten._
Wir können auch noch in anderem Sinne, abgesehen von der _Constanz_ der
Wirkung auf den localdiphtherischen Process, einen intimen Zusammenhang
der Salzsäure und der chlorabspaltenden Körper mit der Diphtherie
erkennen, nämlich das Zustandekommen der Immunität nach dem Ausheilen
der Heerderkrankung. In der That muss man hierin etwas Specifisches
erblicken, denn wenn Jemand die Salzsäure- und Chlorwirkung einfach
auf eine Zerstörung der kranken Stelle und in Folge dessen einer
Elimination derselben, ähnlich wie wenn man sie aus dem lebenden
Organismus herausgeschnitten hätte, zurückführen wollte, dann steht
dieser Auffassung sofort die Thatsache entgegen, dass in dem letzteren
Fall Immunität nicht eintritt. _Durch die Salzsäurebehandlung wird
der Krankheitsheerd nicht mit einem Male weggeschafft und damit die
Krankheit sofort aufgehoben, sondern es entsteht nur eine Modification
des Krankheitsprocesses, eine leichtere Form der specifischen
Diphtherieerkrankung._
Eine solche Constanz der Wirkung kommt weder den Antisepticis im
Allgemeinen, noch den Blutentziehungen, Brechmitteln, Abführmitteln,
Bädern, guten Nahrungsmitteln u. s. w. zu; und wenn man sich fragt,
woher es denn eigentlich komme, dass trotzdem jene Mittel und
Behandlungsmethoden mit solcher Hartnäckigkeit doch immer wieder auf
der Bildfläche erscheinen, dann ist das _eine_ ganz sicher, dass keines
derselben nachgewiesenermaassen einen specifischen Zusammenhang mit der
Diphtherie besitzt; aber sie haben vielleicht bei _anderen_ Krankheiten
gute Dienste gethan; das Kali chloricum z. B. ist ein ausgezeichnetes
Specificum gegenüber gangränähnlichen Formen von Mundkrankheiten; oder
sie haben einen symptomatischen Erfolg, setzen beispielsweise die
Temperatur herunter, etwas was im Thierexperiment zwar eine ungünstige
Beeinflussung des Krankheitsprocesses bedeutet, beim Menschen aber von
vielen Aerzten in unserer Zeit als Ziel der Behandlung hingestellt
wird; andere Mittel werden auf Treu und Glauben hingenommen, weil
einflussreiche Persönlichkeiten sie empfohlen haben. Kurz überall
haben wir zwar Gründe für die Anwendung derjenigen Mittel, die man
mehr oder weniger als Modesachen ansehen kann, aber es fehlt ihnen das
einzig sichere Kriterium eines wirklichen Heilmittels: Die Constanz
der specifischen Beeinflussung des Krankheitsprocesses unter gegebenen
Bedingungen.
An Stelle dieses Kriteriums ist ein anderes in neuerer Zeit bei den
Klinikern herrschend geworden: _Die Wahrscheinlichkeitsrechnung der
Zählmethode_.
Man ist sich vollkommen bewusst, welche Unzuverlässigkeit derselben
anhaftet, wenn es sich nicht um ganz einfache Fragen und um
überwältigende Majoritäten handelt; aber sie ist eben bei dem Mangel
an specifischen Heilmitteln unvermeidlich, wenn man einen Grund dafür
anführen will, warum kalte Bäder bei der Diphtherie besser sein sollen
als warme, oder gar keine, oder wenn man bei der Neueinführung des
Kairins, des Thallins, des Chinolins, Antipyrins, Salipyrins in die
Behandlung specifischer Infectionskrankheiten schnell ein Urtheil
gewinnen will, ob diese Mittel mehr leisten als diejenigen, welche
vorher Mode gewesen waren. Bei der ausserordentlich grossen praktischen
Bedeutung, welche dem jetzt üblichen Verfahren beigemessen wird, durch
_Zählung_ zu entscheiden, ob ein Mittel in der Therapie einer Krankheit
Existenzberechtigung hat, lasse ich hier die beredte Schilderung
dieser Methode folgen, wie sie von _Bouchard_ in seiner Vorrede zu
der französischen Ausgabe der Arzeneimittellehre von _Nothnagel_ und
_Rossbach_ 1880 entworfen ist (übersetzt von Jul. Grosser S. 12 ff.):