„Die Polygala (S. 241) ist ein Brechmittel und Abführmittel, wenn

sie in der Dosis von einigen Gran Kindern verabreicht wird. Auf

die Schleimhautsecretion der Luftwege übt sie einen moderirenden

Einfluss aus; bei bestehendem chronischem Katarrh der Luftwege mit

schleimig-eitriger Absonderung macht sie, in kleineren Dosen öfters

gegeben, das Secret dünnflüssiger und reichlicher.“ Diese letztere

Eigenschaft, welche _Bretonneau_ namentlich bei tuberculösen Kranken

an der Polygala kennen und schätzen gelernt hatte, versuchte er nun in

denjenigen Diphtheriefällen zu verwerthen, in welchen ein quälender,

trockener Husten andeutete, dass die Schleimhautsecretion sehr gering

war, und dass in Folge dessen die Loslösung und das Aushusten der

Pseudomembranen erschwert wurde. In der That leistete ihm auch dieses

Mittel gute Dienste, namentlich wenn er es mit der Calomelbehandlung

combinirte.

Diese wurde von ihm soweit getrieben, dass eine mässige Abführwirkung

bei Kindern davon erfolgte. Für ein 2½jähriges Kind (32. Beobachtung

S. 189) waren hierzu ½stündlich je 2 Gran, Tag und Nacht dargereicht,

erforderlich. Bei eben demselben Kinde, das wegen einer sehr schweren

Diphtherie des Pharynx und des Larynx am dritten Krankheitstage in die

Behandlung kam, wurde bei fortgesetzter Calomelbehandlung am fünften

Krankheitstage der Husten auffallend trocken und heiser; als nunmehr

noch „polygala sénéka“ in der Dosis von 5 Gran, alterirend mit Calomel,

stündlich einmal gegeben wurde bis zum Eintritt brechenerregender

Wirkung, erfolgte sehr bald die Expectoration von Membranstücken.

In diesem Falle, wie in mehreren anderen genau beschriebenen, ist

_Bretonneau_ der Ansicht, dass diese combinirte Behandlung eine

lebensrettende Wirkung gehabt habe; aber, um dieselbe zu erzielen,

mussten Calomel und event. die Polygala consequent bis zum Verschwinden

der gefahrdrohenden Symptome fortgegeben werden. Jenes 2½jährige Kind

hatte innerhalb von 63 Stunden nicht weniger als 216 Gran (3 gros) = 12

g Calomel und 72 Gran (1 gros) = 4 g Polygala bekommen, ohne dass die

Reconvalescenz ungünstig durch diese energische Behandlung beeinflusst

worden wäre.

Bei Erwachsenen wurde zuweilen die Calomelbehandlung noch mit

energischer Schmiercur vereinigt. In einem Falle (30. Beobachtung S.

180 ff.), bei einem 23jährigen Soldaten mit sehr weit vorgeschrittener

und schwerer Diphtherie, wurden vom vierten Krankheitstage ab

stündlich 3 Gran Calomel (= 0,18 g) gegeben und ausserdem nach

einander der Hals, die Brust und die Arme mit je 4 g (1 gros)

grauer Salbe in dreistündlichen Intervallen eingerieben. Am

fünften Krankheitstage wurden die Einreibungen mit etwas längeren

Intervallen und ebenso die Calomelbehandlung fortgesetzt. Bis zum

siebenten Krankheitstage waren 30 g (eine Unze) Ungu. hydrarg,

cinerei duplic. in Form von Einreibungen und gleichzeitig 10 g (2½

gros) Calomel (innerhalb von nicht ganz 60 Stunden) verbraucht! --

Trotz dieser energischen Quecksilbercur sind Stomatitis und andere

locale Intoxicationserscheinungen vermieden worden. Allerdings waren

Abmagerung, schneller Puls und sehr starker Durst Folgeerscheinungen

dieser Cur; aber bei dem sehr starken Appetit des Patienten während

der Reconvalescenz stellte sich bald volle Gesundheit und blühendes

Aussehen ein.

Freilich hat einige Male auch eine sehr üble Wirkung der

Quecksilberbehandlung sich bemerkbar gemacht. Wenn bei bestehender

hartnäckiger Obstipation Calomel weitergegeben wurde, ohne dass danach

Stuhlgang erfolgte, beobachtete _Bretonneau_ häufig den Eintritt

heftiger Salivation. Dieselbe wurde besonders störend bei Patienten,

die an cariösen Zähnen oder anderweitigen präexistirenden krankhaften

Veränderungen der Mundhöhle litten. „Un tel effet (die Salivation) sera

d’autant plus prompt, qu’une fluction, entretenue par la carie d’une

dent, ou toute autre irritation préexistante, attirera vers la bouche

l’action de la préparation métallique qui a été avidement absorbé“ (S.

197).

Zuweilen war scheinbar Alles gut abgelaufen, und erst nach

Jahr und Tag traten Veränderungen allgemeiner Art ein mit

scorbutähnlichem kachektischem Charakter, die auf frühere energische

Quecksilberbehandlung zurückgeführt werden mussten (S. 198).

Diese üblen Erfahrungen gaben _Bretonneau_ Veranlassung, sich

von den eigenartigen und merkwürdigen Quecksilberwirkungen durch

Thierexperimente genauere Kenntniss zu verschaffen. Er arbeitete dabei

an Hunden. Da erkannte er sehr bald, dass die Wirkung verschiedener

Präparate recht verschieden ausfiel. Ein Quecksilberchlorür, welches

er durch Sublimation mit Wasserdampf erhielt (e vapore paratum,

_calomel anglais_), hatte die gleichmässigste Wirkung. Andere

Chlorüre, die er durch einfache Sublimation und durch Fällung aus

einer Mercur_o_nitratlösung mittelst kochsalzhaltiger Soda- oder

Ammoniaklösung gewonnen hatte, zeigten eine sehr ausgesprochene

brechenerregende und durchfallerzeugende Wirkung; bei jenem _calomel

anglais_ dagegen war das gar nicht oder doch in viel geringerem Grade

der Fall. Nach 12-15tägiger Behandlung dreier Hunde mit kleinen,

öfters wiederholten Calomeldosen, die dreimal kleiner gewählt wurden,

als die für kleinere Kinder verabreichten, also höchstens zu je 1

Gran, entstanden Lippengeschwüre von ganz eigenthümlichem Aussehen:

„Ulcérations chancreuses, exubérantes, se montrèrent à la partie

interne des lèvres; elles étaient disposées symmétriquement et

correspondaient aux saillies des dents; la sertissure des canines

offrait, de plus, un commencement d’érosion.“

Mit Quecksilber_oxydul_ gelang die Erzeugung solcher Geschwüre nicht;

es traten danach heftige Durchfälle auf, die schnelle Abmagerung zur

Folge hatten, und obwohl in einem Falle die Behandlung sistirt wurde,

weil der Hund jede weitere Quecksilberdosis refüsirte („on ne pouvait

plus le tromper; il reconnaissait la présence de la moindre quantité

de mercure, sous quelque forme qu’on cherchât à l’introduire dans ses

aliments“), blieben doch die Entleerungen sehr häufig, wurden blutig

und enthielten viel Schleim, bis schliesslich das Thier an Marasmus zu

Grunde ging. Andere Hunde, die Quecksilberoxydul bekamen, verendeten,

weil sie gar nicht zu bewegen waren, Nahrung anzunehmen. Mehrere

aber, die _Bretonneau_ dann wieder vorsichtig mit _Calomel_ fütterte,

zeigten wiederum die Geschwüre an den Lippen und ausserdem auch solche

am Zahnfleisch und an der Zunge; bei einem Hunde von mittlerer Grösse

waren im Ganzen 42 Gran Calomel verfüttert worden (S. 203); einmal war

auch die Glans penis davon befallen, nachdem 1½ Monate mit Calomel

gefüttert worden war.

Die Ungleichmässigkeit der experimentell zu erzeugenden

Calomelvergiftungserscheinungen konnte nicht immer auf ihre

Endursachen zurückgeführt werden. Ganz zweifellos von Einfluss war

aber die Lufttemperatur und der Umstand, ob die Versuche in feuchter

oder trockener Zeit angestellt wurden. Racenunterschiede machten

demgegenüber nicht so viel aus (S. 204 ff. und besonders auch S. 449).

In der Mehrzahl der Fälle glichen die Quecksilbervergiftungssymptome

den beim Menschen zu beobachtenden. „On voit survenir presque dans tous

les cas la liquéfaction et la décoloration du sang, la prostration des

forces, le marasme et la mort.“

Diese experimentellen Resultate und die am Menschen in ganz

unvorgesehener Weise zuweilen eingetretenen Vergiftungen waren Grund

genug, um _Bretonneau_ zu der Mahnung an andere Aerzte zu veranlassen:

„_zu der Quecksilber-Allgemeinbehandlung der Diphtherie, trotz ihrer

specifischen Beeinflussung des Krankheitsprozesses, nur im Nothfall zu

greifen_.“

Abgesehen von der _Allgemeinwirkung_ kommt dem Calomel nach

_Bretonneau_ auch eine locale zu, indem der Contact diphtherisch

erkrankter Schleimhäute mit dem Calomel die Membranabstossung

beschleunigt und die Neubildung aufhält.

Eine ausschliesslich locale Behandlung ist bei _beginnender_ Diphtherie

einzuschlagen, wenn die ersten Anzeichen eines Belages sich auf den

Tonsillen zeigen.

Die Menge der hierfür empfohlenen Mittel war schon damals eine sehr

grosse. Eine strengere Kritik hielten aber nur zwei davon aus: Der von

_Aretaeus_ empfohlene _Alaun_ in Pulverform und die von _van Swieten_

zuerst angewendete _Salzsäure_.

Die Salzsäure hat _Bretonneau_ zuerst in der Weise mit Erfolg

angewendet, dass er 1 Theil derselben mit 3 Theilen Honig mischte;

später fand er die _reine concentrirte Salzsäure_ vorteilhafter. In

je 24 Stunden ist selbe nicht öfter als einmal zur Cauterisation zu

verwenden, dann aber in energischer Weise; das sei viel zweckmässiger,

als wenn man weniger concentrirte Säure und dieselbe öfter am Tage

benütze (S. 92). Einathmung von Salzsäuredämpfen erwies sich auch

wirksam, aber wegen der danach leicht eintretenden Erstickungsanfälle

bedenklich.

Andere Säuren, wie Schwefelsäure, leisteten weniger.

In späterer Zeit, gelegentlich der Epidemie von _Chenusson_ im Jahre

1825 (S. 444), liessen zahlreiche Beobachtungen den Schluss zu, dass

die im Allgemeinen von _Bretonneau_ bevorzugte _Salzsäureätzung_ der

diphtherischen Primärerkrankung doch wohl durch die beiden anderen

Mittel, deren specifischen Einfluss auf den membranbildenden Process er

erkannt hatte, mit Vortheil ersetzt werden könne, durch _Calomel_ und

durch _Alaun_.

Die günstige _allgemeine_ Umstimmung der Krankheit durch energische

Calomelbehandlung schreibt er der Fähigkeit dieses Mittels zu, das Blut

so zu verändern, dass seine Consistenz dünnflüssiger wird; ferner der

Fähigkeit, den Blutzufluss nach schon vorher entzündlich veränderten

Gewebspartieen zu vermehren und dieselben zur Mortification zu bringen,

wodurch die specifisch-diphtherische Entzündung modificirt und die

Neubildung von Membranen verhindert werde (S. 444).

Gegenüber dieser erwünschten Calomelwirkung stehe nun aber die

Vergiftungsgefahr bei Anwendung so grosser Dosen, wie sie zur

Erreichung jener Effecte erforderlich seien; und es fragte sich, nach

Constatirung der _localen_ Calomelwirkung, ob man nicht mit dieser

allein auch zum Ziel kommen könne, ohne Intoxicationsgefahr.

Leider erwies sich die Hoffnung, dass das Calomel durch die

Pseudomembran hindurch das darunter liegende lebende Gewebe in der

beabsichtigten Weise beeinflussen würde, als trügerisch („cette

action ne peut s’excercer à travers la fausse membrane qui recouvre

les tissus affectés. On ne doit pas en être surpris quand il s’agit

d’une substance aussi insoluble que le protochlorure de mercure“), und

überdies komme man nicht überall hin zu den erkrankten Partieen.

Immerhin versuchte er durch energische Insufflation in den

Nasenrachenraum möglichst viel Calomelpulver hineinzubringen, wobei die

unerwünschte Allgemeinwirkung durch die Anwendung von Abführmitteln zu

verhüten gesucht wurde, indem hierdurch eine schnellere Ausscheidung

des Quecksilbers erzielt werden sollte (S. 446).

Aber auch so noch blieben unangenehme Nebenwirkungen nicht aus; und

deswegen nützte später _Bretonneau_ die den diphtherischen Process

gleichfalls günstig beeinflussende Fähigkeit des _Alaunpulvers_ aus,

welches allgemeine Vergiftungserscheinungen auch in grösseren Dosen

nicht zur Folge hat. Auf die günstigen Resultate, die er mit dem

Alaun in ganz einwandsfreier Weise namentlich bei der Behandlung von

Hautdiphtherie und der Gingivitis diphtheritica bekam, bezieht sich die

in seinem „Offenen Brief“ enthaltene Stelle, wo er von dem „Geschenk“

spricht, „das uns _Aretaeus_ hinterlassen hat“.

Man findet noch öfter in dem Buche _Bretonneau_’s den Kampf

geschildert, den er mit sich selber immer von Neuem durchzuführen

hatte, wenn es sich darum handelte, ob er auf die Ueberlegenheit der

specifisch den Krankheitsprocess alterirenden Quecksilberwirkung in

schweren Fällen verzichten sollte. Immer von Neuem aber wurde er durch

die damit verbundene Gefahr für das behandelte Individuum abgeschreckt;

eine Gefahr, die nicht so sehr von der Grösse der angewendeten

Dosis abhängig war, als von den zufällig die Krankheit begleitenden

Umständen, die sich jeder Berechnung entzogen.

Während die Allgemeinbehandlung mit Quecksilberpräparaten und die

Localbehandlung mit Salzsäure, Calomel und Alaun einer Indicatio

_causalis_ entsprechen, bleibt dann noch ein rein _symptomatisches_

Behandlungsverfahren zu nennen, das durch _Bretonneau_ zu hohen Ehren

gekommen ist: _Die Tracheotomie_.

Bis zum Jahre 1826 hat er dieselbe fünfmal ausgeführt, viermal, ohne

den tödtlichen Ausgang damit verhüten zu können, darunter aber dreimal

mit deutlich lebensverlängerndem Erfolg; einmal, bei seiner _dritten_

Tracheotomie, mit lebensrettender Wirkung.

Diese historisch berühmt gewordene Tracheotomie betraf die jüngste

vierjährige Tochter des Grafen _von Puiségur_, Elisabeth, welche im

Jahre 1824 an Diphtherie erkrankte, nachdem drei Geschwister vorher

dieser Krankheit erlegen waren. Am siebenten Krankheitstage war fast

jede Hoffnung auf die Lebenserhaltung geschwunden. Fortwährende

Somnolenz und äusserste Schwäche liessen trotz der zur Operation

auffordernden Asphyxie _Bretonneau_ lange zweifelhaft bleiben, ob er

noch die Tracheotomie ausführen sollte, da kaum eine Hoffnung auf mehr

als vorübergehende Erleichterung, wenn man die bisherigen Misserfolge

der Tracheotomie berücksichtigte, vorhanden war: „A en juger par

l’issue des deux cas rapportés (die zwei ersten Tracheotomieen),

que pouvait-on s’en promettre? Dans l’un, la vie avait à peine été

prolongée pendant douze heures, et, dans l’autre, des espérances qui

semblaient mieux fondées, avaient été cruellement déçues. Devais-je

donc ajouter à un malheur qui semblait inévitable, le tourment d’une

longue et inutile perplexité?“

Indessen in den beiden voraufgegangenen Jahren hatte _Bretonneau_,

belehrt durch seine früheren Beobachtungen und durch eigens angestellte

Thierexperimente, die Verbesserungsfähigkeit in der Ausführung der

Tracheotomie erkannt.

Der Hauptfehler, dessen er sich in den beiden ersten Fällen

anschuldigte, war die zu geringe Weite der Canülen, die er in die

eröffnete Luftröhre eingebracht hatte. In dieser Richtung waren ihm

Beobachtungen an zwei Pferden ausserordentlich lehrreich. Fortwährend

während eines Zeitraumes von mehr als zwei Jahren hatte er den Einfluss

verfolgt, welchen die Canülenweite auf den Athmungsprocess dieser

Thiere ausübte. Dieselben waren wegen einer mit Erstickungsgefahr

verbundenen keuchhustenähnlichen Erkrankung („_cornage_“, gêne

bruyante de la respiration S. 219) tracheotomirt worden, wonach ihnen

zunächst Canülen eingelegt wurden, die wegen ihres zu geringen Lumens

die Athmung behinderten. Dann ging es besser, als Canülen mit einer

lichten Weite von 6-7 Linien in die Luftröhren eingeführt wurden, aber

nur so lange, als sich die Thiere im Ruhezustande befanden; bei jeder

Anstrengung trat wieder Athemnoth ein; erst als die Canülendicke die

Stärke des Daumens (tuyau d’un pouce de diamètre) eines erwachsenen

Menschen besass, blieb die Athmung unter allen Umständen unbehindert;

vier Jahre lang sah _Bretonneau_ diese Pferde mit 12 Linien im

Durchmesser betragenden eisernen Röhren in der Trachea ihre nicht

leichte Arbeit (in einer Bleifabrik) verrichten.

Neben der Canülenweite hatte er dann seine Aufmerksamkeit der Frage

nach der Wahl der Operationsstelle und nach der Ausdehnung der

Trachealöffnung zugewendet. In dieser Beziehung kam er nach Versuchen

an Hunden, nach Leichenoperationen und unter Berücksichtigung seiner

Erfahrungen bei den erstoperirten Kindern zu dem Resultat, dass der

Einschnitt in die Trachea am besten oberhalb der Schilddrüse beginnt,

deren beide seitliche Hälften ohne Gefahr getheilt werden können

(divisé); nach unten soll der Schnitt möglichst weit geführt werden,

jedoch nicht bis an die Kreuzung mit dem oberen Sternalrand (au delà

de l’échancrure sus-sternale); und zwar aus folgenden drei Gründen:

Erstens stosse man dort alsbald auf die rechte-Carotis, welche in

dieser Höhe über die Trachea hinwegzieht, zweitens entspringen hier die

Schilddrüsenvenen, deren Verletzung unangenehme Blutung verursache, die

um so heftiger sei, als in der Regel in den zur Operation gelangenden

Fällen die Venen sehr stark erweitert sind; drittens liege hier

die Luftröhre schon ziemlich tief, da sie ja, der Wirbelsäule nahe

bleibend, um so weiter von der vorderen Halsgegend sich entferne, je

mehr man sich dem Sternum nähert.

Als eine weitere Vorsichtsmaassregel, die sehr zu beachten sei,

erklärt _Bretonneau_ dann die Verhinderung des Einströmens ungenügend

vorgewärmter Luft in die Luftröhren und die Lungen (S. 219).

Endlich sei von grosser Wichtigkeit die Nachbehandlung, welche

nicht bloss auf die zweckmässige Entfernung der Membranen aus den

Luftröhrenästen und auf die sorgfältige Reinigung und Freihaltung

der Canüle ihr Augenmerk zu richten habe, sondern auch auf die

Anwendung geeigneter Mittel, um die Neubildung von Pseudomembranen

nach Ausstossung der alten zu verhüten. Für diesen Zweck finden wir

ihn wieder oftmals auf der Suche nach einem Ersatz des Calomels durch

Einathmung von Säuredämpfen u. ä. Er ist aber schliesslich doch immer

wieder auf das Calomel zurückgekommen. Erst viele Jahre später fand er

im _Höllenstein_ ein Mittel, welches bei geringerer Vergiftungsgefahr

eine noch bessere Localwirkung entfaltete.

Was dann noch das Material betrifft, aus welchem die Canüle zu bestehen

habe, und ihre Form, so hatte er Anfangs elastische Canülen gewählt,

sah dann aber, dass ein festes Material zweckmässiger sei, nur müsse

dann die Canüle eine geeignete Krümmung haben und unten schief

abgeschnitten sein (coupé en biseau).

Alle diese Erfahrungen und Erwägungen berücksichtigend, entschloss

sich _Bretonneau_ trotz der traurigen Prognose zur Operation, die wegen

der colossalen Venenstauung recht schwierig war; durch Unterbindung

einzelner Venen konnte er eine genügende Blutstillung nicht erwirken,

und erst nach Anlegung von Massenligaturen riskirte er die Eröffnung

der Trachea, von welcher er fünf Ringe durchschnitt. Dann legte er

eine silberne gekrümmte Canüle ein, die etwas abgeplattet war (canule

d’argent courbe et méplate), und befestigte dieselbe mittelst zweier

Bänder, welche durch seitlich am Canülenrande angebrachte Oesen

hindurchgezogen und hinten am Halse zusammengeknotet wurden. Die

Athmung wurde alsbald etwas ruhiger, aber erst nach Herausbeförderung

mehrerer Membranen und zäher Schleimmassen im Laufe der folgenden Nacht

und des folgenden Tages liessen die gefahrdrohenden Störungen nach;

alsbald nach der Operation und während der folgenden Zeit wurde öfters

Calomel durch die Canüle hindurch insufflirt. Mancherlei Zwischenfälle

stellten während der nächsten fünf Tage besonders beim Canülenwechsel

die Erfindungsgabe _Bretonneau_’s auf die Probe. Am fünften und

sechsten Tage, als die ersten deutlichen Zeichen sich bemerkbar

machten, dass Luft durch den Kehlkopf hindurch beim Canülenwechsel

hindurchging, begann er auf Heilung zu hoffen. Das Calomel wird jetzt

in Wasser suspendirt durch die Canüle tropfenweise instillirt (S. 314).

Am siebenten Tage war das Kind munter, sass im Bett, zeigte

Appetit, und die Canüle konnte weggelassen werden. Aber schon in

der folgenden Nacht musste sie wegen plötzlicher Erstickungsgefahr

unter grossen Schwierigkeiten wieder eingeführt werden, worauf eine

ganze Menge von Membranstücken nach und nach ausgehustet wurden.

Erneute Calomelinstillationen schienen die Membranbildung wieder zu

beschränken, jedoch nicht gänzlich zu sistiren. Vom 19. Tage ab nach

der Operation liess _Bretonneau_ wieder die Canüle weg, da ihr Anliegen

an der Larynxwand heftigen Reizhusten verursachte. Die Wunde wurde

dabei zuerst durch ein Schwämmchen offen gehalten; dasselbe schien aber

stark zu reizen und wurde daher entfernt. Alles ging von da ab gut,

und vom 20. Tage nach der Operation an konnte das Kind als geheilt

betrachtet werden.

In den epikritischen Bemerkungen, welche _Bretonneau_ an diesen

Fall anschliesst, geht er auf die unangenehmen Zufälle ein, welche

die Verstopfung der Canüle und der dadurch häufig nothwendig

werdende Canülenwechsel mit sich bringt. Das führte ihn darauf, eine

_Doppelcanüle_ anfertigen zu lassen. „Un second tuyau, exactement

adapté à la canule, pouvant être enlevé, nettoyé et remis avec la plus

grande facilité, eût évité les inconvénients d’un déplacement qui, s’il

n’était pas fort douloureux, avait au moins l’inconvénient de causer à

la petite malade beaucoup d’impatience et de contrariété. _J’ai fait

exécuter ce double tuyau par un habile ouvrier_, mais trop tard pour

qu’on ait pu en faire usage (S. 326).“

Man wird gestehen, dass die Ausführung der Tracheotomie und die

Technik der Nachbehandlung durch _Bretonneau_ eine Höhe der Ausbildung

erfahren hat, die nur in weniger wesentlichen Dingen noch durch spätere

Aerzte und Chirurgen überschritten ist. Was das aber für die damalige

Zeit besagen will, das können wir erst recht würdigen, wenn wir

berücksichtigen, dass zwar schon _Home_ die Tracheotomie vorschlug und

Caron dieselbe befürwortete, weil er einen glücklichen Erfolg derselben

einmal gesehen hatte, als er sie bei einem Kinde ausführte, _welchem

eine Bohne in die Trachea gelangt war_, dass aber die allgemeinen

Anschauungen durchaus den Nutzen der Tracheotomie verneinten. _Jurine_,

der _Eine_ von den mit _Napoleons Crouppreis_ gekrönten Bewerbern,

lässt am besten in seiner Arbeit erkennen, worauf dieses Urtheil sich

stützte: „_Die wesentliche Ursache der Croupanfälle sei in einem

Krampfzustande zu suchen, und durch den operativen Eingriff werde der

Krampf bloss noch vermehrt._“ „Ce n’est pas toujours la présence de

la fausse membrane qui fait périr les malades; le retour périodique

des accés de suffocation, même avant la formation de la concrétion,

atteste évidemment l’action d’un autre agent. Ne sait-on pas que la

concrétion, molle et flexible de sa nature, se moule exactement sur le

conduit aërien, et n’intercepte jamais entièrement l’ouverture de la

glotte, comme pourrait le faire un autre corps étranger? Ne sait-on

pas aussi que plusieurs individus ont porté plus ou moins longtemps de

semblables concrétions sans en être suffoqués?“ (S. 259 in der Arbeit

von _Jurine_).

Der Umstand, dass die bedeutendsten Aerzte der damaligen Zeit die

eine solche Anschauung vertheidigende Arbeit des Preises für würdig

erachteten, zeigt besser als alles Andere, wie sehr _Bretonneau_

seine Zeitgenossen überragte, wenn er auf Grund ausschliesslich von

eigenen klinischen Beobachtungen und experimentellen und chirurgischen

Erfahrungen eine Zusammenfassung des Vorgehens bei der Tracheotomie

geben konnte, wie die folgende, welche auch heute noch den besten

Vorschriften sich würdig an die Seite stellen lässt (S. 339): „S’il

me fallait aujourd’hui pratiquer la trachéotomie sur un objet parvenu

au dernier terme de la suffocation croupable, je ferais aux téguments

une incision qui s’étendrait du corps thyroïdien a l’échancrure

sus-sternale; avec la pince à mors recourbés, j’écarterais les muscles

sternohyoïdiens, et si je ne parvenais pas, par ce même moyen, à

dégager la ligne médiane de la trachée du plexus veineux dont elle est

ordinairement recouverté, je prendrais le parti de lier dans le sens

convenable et avant de les ouvrir, celles des veines que je ne pourrais

éviter. Enfin, aprês avoir incisé un des cerceaux cartilagineux de ce

conduit, je terminerais l’opération en divisant ensuite trois ou quatre

autres anneaux avec un bistouri à lame étroite et boutonnée, _et je

me laisserais d’autant moins arrêter par l’effusion d’un peu de sang,

que l’hémorrhagie baveuse fournie par les lèvres de la plaie, s’arrête

aussitôt que la respiration s’exécute librement_.“

_Bretonneau_’s Schüler _Trousseau_ hat 25 Jahre später (1851) in der

Union médicale (91 und 92) viele weitere Details in meisterhafter

Weise geschildert, welche bei der Ausführung der Tracheotomie in Frage

kommen; vor Allem setzte er die Regeln fest für die Art, wie man in

einem geordneten Krankenhause zu operiren hat; jedoch seine Empfehlung,

die Unterbindung kleinerer Gefässe zu unterlassen, hat sich auf die

Dauer nicht bewährt.

Die Geschichte der Diphtherie · 第 8 / 16 段