Nach einer genaueren Besprechung der Untersuchungen von _Hlasiwetz_

und _Habermann_, besonders aber der von _Schützenberger_, welcher

letztere die Spaltungsproducte des Hühnereiweiss untersuchte, nachdem

er dasselbe in geschlossenen Gefässen bei 200° einer Behandlung mit

Barythydrat unterworfen hatte, und welcher dabei ausser Kohlensäure,

Oxalsäure und Essigsäure, zur Hälfte Amidosäuren und zwar am

reichlichsten Leucine fand, daneben aber auch Tyrosin, einen Körper,

welcher sich von jenen Körpern der Fettreihe durch die Anwesenheit

des Benzolkerns wesentlich unterscheidet, ferner Körper, die mit dem

Pyrrol in Zusammenhang stehen, -- stellt _Duclaux_ folgende Erwägungen

an: „Es fragt sich, ob abgesehen von der _Hydratation_, die bei dieser

Zerlegung des Hühnereiweiss eine Rolle spielt, dasselbe nicht in

erheblicherer Weise verändert ist, und ob die neu gewonnenen Körper

thatsächlich im Hühnereiweiss präformirt waren; etwa wie wenn man

einen Baum zerlegen würde in den Stamm, die Aeste, Blätter u. s. w.

Das letztere würde sehr wahrscheinlich gemacht werden, wenn man das

Hühnereiweissmolecül oder wenigstens ein ihm nahestehendes Molecül aus

den Spaltungsproducten wieder reconstruiren könnte, wie denn in der

That _Schützenberger_ behauptet, auf diese Weise Peptone componirt zu

haben.

Aber jene Behauptung stützt sich auf nicht genügend gesicherte

Fundamente. _Die Analogien der künstlichen Compositionen mit

Eiweisssubstanzen werden aus der Gemeinsamkeit gewisser Reactionen

abgeleitet, die man vielfach als charakteristische Eiweissreactionen

ansieht, ohne dass dieselben diesen Anspruch mit Recht erheben könnten._

Die _Millon’sche Reaction_ ist weiter nichts als eine

Tyrosin-Reaction, welche auch dem Phenol, Kresol und anderen

hydroxylirten Benzolabkömmlingen zukommt.

Die _Xanthoproteïn-Reaction_ stammt vom Indol, Skatol und verwandten

Körpern her.

Die _Adamkiewicz’sche Reaction_ tritt bei der Indolgruppe und

besonders schön dann auf, wenn die zu prüfende Flüssigkeit „l’acide

scatolcarbonique“ enthält.

Die _Biuret-Reaction_ fand _Grimaux_ bei der Asparaginsäure und _O.

Löw_ bei Aethern des Glykocoll.

Die _Liebermann’sche Reaction_ wird durch Körper aus der Fettreihe

erzeugt.

Keine der fünf oben genannten Reactionen bietet eine Sicherheit, dass

sie durch unveränderte Eiweisssubstanzen erzeugt werde.

Noch viel weniger einwandsfrei sind die Fällungsreactionen mit Tannin,

Phosphormolybdänsäure, alkalischen und erdigen Salzen.

_Die letzteren werden benutzt zur Unterscheidung verschiedener Arten

von Eiweisskörpern und man bezeichnet beispielsweise als Globuline

Alles, was sich unter der Einwirkung eines Ueberschusses von

Magnesiumsulfat aus einer Eiweisslösung niederschlägt, als Albumine

Alles, was durch Ammoniumsulfat im Ueberschuss ausgefällt wird._

Je nach dem Grade der Löslichkeit in salzfreiem Wasser, in verdünnten

und concentrirten Salzlösungen, sind dann drei Hauptgruppen von

Eiweisskörpern unterschieden worden, die _Nucleoalbumine_, _Globuline_

und _Albumine_. Dieselben werden in folgender Weise differenzirt:

_Nucleoalbumine und Globuline sind in reinem Wasser unlöslich,

Albumine löslich. Nucleoalbumine und Globuline wiederum unterscheiden

sich dadurch, dass in verdünnten Salzlösungen die ersteren unlöslich,

die letzteren aber löslich sind. Endlich dient noch zur Unterscheidung,

dass in concentrirten Salzlösungen nur die Globuline gefällt werden,

nicht aber die Albumine. Zur schnellen Orientirung ist folgendes Schema

sehr instructiv, in welchem L = löslich, U = unlöslich bedeutet_:

===============+========+============+===============

| Reines | Verdünnte | concentrirte

| Wasser | Salzlösung | Salzlösung

===============+========+============+===============

Nucleoalbumine | U | U | U?

Globuline | U | L | L

Albumine | L | L | L

_So präcise nun anscheinend diese Unterscheidungen sind, so wenig

können sie dazu dienen, unsere Kenntniss über die Natur der

Eiweisskörper zu vermehren. Diese Classification, bei welcher

das differente Verhalten derselben gegenüber Neutralsalzen als

Eintheilungsprincip gewählt wird, ist durchaus conventionell. Es wäre

in Wirklichkeit für das Studium der Natur der Eiweisskörper recht

Bedeutendes gewonnen, wenn die durch die Salzfällung differenzirten

Körper, nachdem sie von den Salzen wieder gereinigt sind, sich als

gut charakterisirte Individuen mit constanten Eigenschaften erweisen

würden; aber das ist durchaus nicht der Fall._

_Wenn diese drei Substanzen aus Hühnereiweiss mit Hilfe von

verschiedenen Salzzusätzen ausgeschieden und von einander getrennt

sind, und, wenn wir nun dieselbe Procedur an der Milch oder an einem

Blutserum vornehmen, sind dann die Eigenschaften der aus Hühnereiweiss,

Milch und Serum gewonnenen Albumine identisch? Stimmen die Globuline,

die Nucleoalbumine in ihren Eigenschaften dann überein?_

_Es ist das so wenig der Fall, dass selbst die überzeugtesten Anhänger

des Studiums der Eiweisskörper durch Salzfällung ein Serumalbumin, ein

Lactalbumin, ein Ovalbumin von Neuem unterscheiden müssen, und zwar auf

Grund sehr wesentlicher Unterschiede. Und so steht’s mit den anderen

Eiweissgruppen auch. Man hat sich sonst in der Wissenschaft gewöhnt,

trotz gleicher oder ähnlicher Gewinnungsweise von chemischen Körpern

dieselben mit verschiedenen Namen zu belegen, wenn sie verschiedene

Eigenschaften besitzen. Hier geschieht aber Folgendes. Wenn man aus

Hühnereiweiss und aus Blutserum mittelst Ammoniumsulfat das Albumin

abgeschieden, dann bei 100° C. bis zum Constantbleiben des Gewichtes

getrocknet hat, und wenn man nun die noch salzhaltigen Albumine

in Wasser aufnimmt, so dass das mitgerissene Salz aufgelöst wird,

so bildet das aus Hühnereiweiss gewonnene Albumin eine schwammige

hartelastische Masse, auf deren Consistenz das Wasser keinen Einfluss

auszuüben vermag, wogegen das aus Blutserum gewonnene Albumin, ganz

ebenso behandelt, durch Wasser zu einer fadenziehenden Flüssigkeit

aufgelöst wird, die auch durch Erhitzen bis auf 100° nicht wieder

gerinnt. Trotz dieser so grossen Verschiedenheit giebt man nun beiden

Substanzen den gleichen Namen „Albumin“. Ist das nicht geradeso, als

ob man allen Früchten in einem Garten deswegen einen und denselben

Namen geben wollte, weil man sie mit einem und demselben Stocke von den

Bäumen herunterschlagen kann?_

_Die ganze Classification der Eiweisskörper in Nucleoalbumine,

Globuline und Albumine läuft ungefähr auf dasselbe hinaus, wie etwa

eine Classification der Menschen, die mit der Eisenbahn fahren, in

reisende Menschen I., II. und III. Klasse, mit der Supposition, dass

die Individuen einzelner Reiseclassen unter einander wesentlich

verschieden sein müssten._

_In der Chemie aber sollen die Präcipitationsmethoden nicht zur

Artbestimmung, sondern nur zur Trennung behufs Reinigung der Körper

dienen. Die Artbestimmung kann erst durch besondere Arbeiten in Angriff

genommen werden, nachdem man reine chemische Individuen gewonnen hat._

Nun kommt aber noch hinzu, dass bei der Salzbehandlung nicht einmal

von einer richtigen Präcipitation die Rede sein kann, sondern bloss

von einer Congulation, wie wir sie ausser bei den Eiweisssubstanzen

auch noch bei einer Menge anderer colloidaler Körper kennen, bei

der Seife, gekochter Stärke, Inulin, Glycogen, Jodstärke, Gelatine,

bei verschiedenen Farbstoffen; ja nicht bloss bei organischen,

sondern auch bei anorganischen Stoffen, wie Silicium, Aluminium,

Eisenoxydverbindungen. Kurz es ist so, wie _Nasse_ näher ausgeführt

hat, dass für die Fällung nicht die Artbeschaffenheit der Substanzen

von Bedeutung ist, auf welche die in Frage kommenden Neutralsalze

einwirken, sondern der colloidale Zustand, bei dem es sich nicht um

eine wirkliche Lösung, sondern um eine gleichmässige Suspensation

unlöslicher Theile handelt.

Berücksichtigt man das, so würden wir jetzt, unter zu Grundelegung

des Verhaltens gegenüber Neutralsalzen, Globuline beispielsweise zu

definiren haben, als solche Eiweisssubstanzen, die in Gegenwart der in

Frage kommenden Salze ein Papierfilter nicht passiren, während sie das

thun, wenn sie bei Abwesenheit der Salze sich in verdünntem Zustande

befinden, und wir kommen zu dem Resultat, dass die Eiweissfällung nicht

sowohl ein chemischer, als vielmehr ein physikalischer Vorgang ist, der

zur chemischen Charakterisirung nichts beitragen kann.

Auf dieselbe Weise können wir durch Salzfällung aus dem Chininsulfat

ein Nucleochinin, ein Globulochinin, ein Albumochinin abtrennen, ohne

dass wir thatsächlich etwas anderes abgetrennt haben, als neutrale

Chininsulfatkrystalle.

_Aus diesen Auseinandersetzungen lässt sich der Werth abmessen,

den die in jüngster Zeit an’s Tageslicht geförderten Albumotoxine,

Globulotoxine, Toxopeptone u. s. w. besitzen. Wäre z. B. Chinin,

Strychnin, Brucin oder ein anderes giftiges Alkaloid in die auf

Eiweisskörper zu prüfenden Bacterienculturen zufällig hineingekommen,

so würden wir die schönsten Strychnin- u. s. w. Wirkungen mit den

Toxalbuminen, Toxoglobulinen, Toxopeptonen bekommen, ohne dass die

Eiweisskörper das Geringste mit der Giftwirkung zu thun haben._

Nach alledem ist der Satz, mit welchem _Duclaux_ seine Abhandlungen

abschliesst, gewiss beherzigenswerth:

„Dans le mélange de foi et de scepticisme qu’il faut apporter dans

l’étude de toutes les questions scientifiques, c’est le scepticisme

qui doit l’emporter au sujet de la différentiation des matières

albuminoïdes“; und für mich wenigstens hat sich daraus die gleiche

Lehre ergeben, wie für _Duclaux_: „de réagir contre ces subtilités et

cette incohérence.“

Weder in Bezug auf die Bacteriengifte noch in Bezug auf die im Blute

zu findenden Heilkörper habe ich in meinen Arbeiten die neuen Namen

adoptirt, welche zu einer hypothetischen Eiweissnatur in Beziehung

stehen, und ich gedenke auch später das solange nicht zu thun,

als nicht durch solche Bezeichnungen etwas den thatsächlichen und

wesentlichen Eigenschaften dieser Dinge nachgewiesenermaassen mehr

Entsprechendes ausgedrückt wird, als das bis jetzt der Fall war.

Ebensowenig freilich wie durch die Aussage, dass die Bacteriengifte

Eiweisskörper oder Toxalbumine seien, bisher auch nur das Geringste

beigetragen ist zur Kenntniss ihrer chemischen Constitution und

zur Anweisung der Stelle, die sie unter den gut charakterisirten

Körpergruppen der Chemiker einnehmen, ebensowenig wird das durch ihre

Bezeichnung als „Fermente“ oder „Enzyme“ geleistet.

Indessen liegt hier doch die Sache etwas anders, als bei den

Toxalbuminen, Toxopeptonen, Globulotoxinen, giftigen Albumosen u. s. w.

Wenn _Löffler_ den Ausdruck „Enzym“ auf das Diphtheriegift anwendet,

so hat er im _Princip_ wenigstens den richtigen Weg eingeschlagen,

um uns einen Begriff von dem Diphtheriegift zu verschaffen, indem

er nämlich die Eigenschaften und Wirkungen desselben auf uns schon

bekannte und geläufige Anschauungen zurückzuführen sucht. Anknüpfend an

_Salomonsen_’s und _Christmas-Dircking-Holmfeld_’s Untersuchungen über

das Gift in den Jecquiritysamen, wonach dasselbe in Wasser und Glycerin

löslich, in Alkohol, Aether, Benzin und Chloroform unlöslich ist,

durch eine einstündige Erwärmung auf 65° bis 70° vollständig unwirksam

wird, bei Thieren in wirksamem Zustande auf Schleimhäuten heftige

Entzündungen und Pseudomembranen erzeugt, constatirt er ähnliche

Eigenschaften beim Diphtheriegift; und da nun jene Autoren ihr Gift als

„Enzym“ bezeichnet hatten, so ist _Löffler_ ihnen darin gefolgt.

Aehnliche Erwägungen waren es, die _Roux_ und _Yersin_ zur

Charakterisirung des Diphtheriegiftes als eines _Ferments_ veranlassten.

Nun glaube ich, dass wir jetzt die Eigenschaften und Wirkungen

des Diphtheriegiftes besser kennen als die irgend eines Ferments

oder Enzyms, und vielleicht wird durch weitere Untersuchungen der

Bacteriengifte auch ein Licht geworfen auf die mit dem Namen „Fermente“

und „Enzyme“ bezeichnete Klasse von Körpern. Die Einrangirung des

Diphtheriegiftes unter die Fermente und Enzyme schafft aber eine

falsche Vorstellung in gewisser Beziehung von dem Wesen desselben.

Mit dem Begriff „Ferment“ und „Enzym“ verbinden wir immer die

Vorstellung, dass dieselben insofern, als sie andere Körper

physikalisch verändern oder chemisch zersetzen, von anderen ähnlich

wirkenden Agentien dadurch sich unterscheiden, dass ihre Wirkung fast

unbegrenzt ist. Manche Fermente lösen feste Körper auf; das thun andere

Substanzen auch. Wir kennen ferner hydrolytische Fermente; und auch die

besondere Art chemischer Zersetzung, welche als Hydrolyse bezeichnet

wird, kommt nicht den Fermenten allein zu.

Das Besondere der Fermente besteht immer darin, dass, während

andere Lösungsmittel und Mittel mit hydrolytischer u. s. w. Wirkung

in quantitativ zu berechnender Menge angewendet werden müssen, um

Effecte von bestimmter Grösse hervorzurufen dieses bei den Fermenten

und Enzymen nicht der Fall ist; diese äussern, wenigstens bis zu

einem gewissen Grade, _unabhängig_ von der Stoffmenge, die man auf

fermentationsfähige Massen anwendet, ihre Wirkung in’s Unbegrenzte.

Dazu kommt als ein weiterer Nebenbegriff der Fermente und Enzyme, dass

in den Massen, in welchen durch sie die Fermentation eingeleitet ist,

nach stattgehabter Wirkung nicht bloss kein Verbrauch der ursprünglich

angewendeten Stoffmenge von Fermenten und Enzymen zu merken, sondern

dass vielmehr ein Plus zu finden ist.

Die Frage, ob es solche Stoffe giebt, brauche ich hier nicht zu

erörtern; aber das ist ganz sicher, dass das Diphtheriegift ebensowenig

ein solcher Stoff ist, wie das Tetanusgift und andere gut studirte

Bacteriengifte. Man kann auf’s genaueste die Menge des Giftes

berechnen, welche erforderlich ist, um Meerschweinchen, Kaninchen,

Schafe von bekanntem Gewicht und Alter zu tödten oder bloss krank zu

machen; und wenn wir Analogien in der Art der Entstehungsweise und des

Verlaufs von Infectionskrankheiten mit fermentartigen Wirkungen suchen,

dann finden wir solche nie bei dem Arbeiten mit Bacterien_giften_,

sondern bloss bei den lebenden, vermehrungsfähigen _Bacterien_.

Mit Rücksicht auf diesen fundamentalen Unterschied wird man es für

sehr gewagt erklären müssen, auf die Bacteriengifte Rückschlüsse zu

machen von dem, was wir über einige Fermente wissen.

Wohin uns die Bemühungen zur Erforschung der chemischen Zusammensetzung

des Diphtheriegiftes noch führen werden, das lässt sich zur Zeit kaum

absehen.

Für sehr wichtig halte ich für das weitere Vorgehen die

Berücksichtigung der Untersuchungen und Ausführungen von _H. Buchner_

über diejenigen Körper, welche er als „Alexine“ bezeichnet. Mit

vollem Recht betont _Buchner_, wie es nicht ausschliesslich auf „den

Stoff als solchen, d. h. auf seine elementaren Bestandtheile ankommt,

sondern dass die _Anordnung_, die gegenseitige Lagerung der Theilchen

wesentlich mitbestimmend ist“ (Münchener medicinische Wochenschrift

1892 No. 8). In rein chemischer Beziehung könne ein hochconstituirtes

Molecül, das mit physiologischen Fähigkeiten begabt ist, unverändert

bleiben und dabei doch die letzteren verlieren, eben in Folge einer

veränderten Lage der Atome; das sei der Fall bei der Einwirkung

verhältnissmässig noch nicht sehr hoher Temperaturen, bei verändertem

Salzgehalt der Lösungen und manchen anderen Eingriffen, die eine

_chemische_ Zersetzung noch nicht zur Folge haben. _H. Buchner_ hat

von solchen physiologischen Fähigkeiten die bacterientödtende und die

globulicide genauer geprüft, und was er dabei im Einzelnen betreffs der

Labilität und der schweren Dialysirbarkeit der Körper, an welche diese

Fähigkeiten gebunden sind, eruirt hat, das gilt auch für die toxischen

Wirkungen des Diphtherie- und Tetanusgiftes.

Sind nun aber die toxischen Eigenschaften gebunden an ein bestimmtes,

leicht veränderliches Lagerungsverhältniss der Atome in einem

hochconstituirten Molecül, _oder vielleicht bloss einer Atomgruppe

in demselben_, dann ist die chemische Analyse selbst nach besserer

Isolirung der Bacteriengifte, als sie bisher erreicht ist, ziemlich

werthlos für uns; eine Auskunft darüber, welche Atomverschiebungen vor

sich gehen, wenn die zu untersuchende Substanz aus dem wirksamen in

den unwirksamen Zustand übergeht, dürfte von viel grösserem Werth für

uns sein, als die schönste quantitative Analyse einer Substanz, die

nothwendiger Weise durch den Act der Analyse schon inactiv geworden

sein muss; denn worauf es uns ankommt, ist doch immer die Kenntniss von

der chemischen Zusammensetzung der _activen_ Substanz.

Wenn wir in dieser Richtung noch so gut wie gar nichts wissen, so

steht es um so besser mit unserer Kenntniss von den _functionellen_

Eigenschaften des Diphtheriegiftes. Und hier ist es namentlich

die Erkenntniss der _Specificität_ der Giftwirkung, welche einen

vollkommenen Umschwung in den Studien über die Entstehung der

Krankheitserscheinungen nicht bloss bei der Diphtherie, sondern bei den

Infectionskrankheiten überhaupt, zu Stande gebracht hat.

Die Specificität des Diphtheriegiftes äussert sich in doppelter

Richtung; einmal unterscheidet sich dasselbe durch die besondere

Art der localen und allgemeinen Veränderungen, die es im lebenden

Thierkörper hervorruft; dann aber tritt seine Specificität in

ausserordentlich stark ausgeprägtem Grade darin zu Tage, dass es manche

Thierarten giebt, die auf sehr kleine Dosen einer keimfrei gemachten

alten Diphtheriebouilloncultur schon mit Kranksein reagiren und

schliesslich daran zu Grunde gehen, während Thiere von anderer Art nur

wenig oder gar nicht empfänglich sind, so dass, wenn man Individuen

der letzteren Art zur Prüfung aussuchen würde, die Giftwirkung gar

nicht zum Ausdruck zu bringen wäre. Ich habe gelegentlich des VII.

internationalen hygienischen Congresses in London (1891) von einem

Bouillonfiltrat berichtet, welches noch in der Menge von 0,01 ccm für

Meerschweinchen giftig war. Dieses Filtrat, welches ich noch besitze,

und welches nach länger als zwei Jahren fast unverändert wirksam

geblieben ist, erregt in einer Menge von 0,25 bis 0,5 ccm bei grossen

Schafen subcutan eingespritzt ein hohes Fieber (bis zu 42°); für

Kaninchen ist es ebenso giftig, wie für Meerschweinchen, auch Hunde

sind sehr empfindlich dagegen; aber Ratten vertragen bis zu 1 ccm

davon, ohne deutlich krank zu werden, und für Mäuse ist es als ungiftig

zu betrachten, da selbst 1 ccm höchstens local einen entzündlichen

Process hervorruft. Während also bei Mäusen, auf das Körpergewicht

dieser Thiere berechnet, 1 : 20 noch fast unwirksam ist, ist diese

Diphtheriegiftlösung für Schafe schon bei 1 : 150000 ein Gift, also in

7500mal kleinerer Menge.

Für das Tetanusgift liegen die Verhältnisse ähnlich, nur dass die

giftempfindlichen Thierspecies hier andere sind; und vom Tuberkulin,

der aus den Tuberkelbacillen extrahirbaren Substanz, wissen wir, dass

die Differenzen in der Giftempfindlichkeit noch crasser hervortreten;

kann man doch von demselben einer Maus 0,5 ccm ohne Schaden

einspritzen, während manche Menschen schon auf Bruchtheile eines

Centigramms stark reagiren.

Die Erkennung dieser Specificität der Bacteriengifte ist ein

Ereigniss in der Lehre von den Infectionskrankheiten, welches man

in seiner Bedeutung der Erkennung der Specificität der lebenden

Krankheitserreger an die Seite stellen kann. Sie ist eine rettende That

gewesen, die mit einem Schlage das Hin- und Herwogen der Meinungen

über die Rolle, welche den Krankheitsgiften zuzuertheilen sei, zum

Stillstand gebracht hat, in gleicher Weise, wie die Beseitigung der

Lehre von der Umwandlungsfähigkeit und die Statuirung der Artconstanz

der krankmachenden _Bacterien_ durch _R. Koch_ solche Discussionen

unmöglich gemacht hat, wie sie vor ihm unter den Aerzten die

Tagesordnung beherrschten mit den Schlagworten „Schädlichkeit der

Bacterien“ und „Unschädlichkeit der Bacterien“.

Für die Lehre von der Aetiologie der Infectionskrankheiten beginnt die

Geschichte der Bacteriengifte erst mit der Kenntniss ihrer Labilität

einerseits, ihrer Specifität andererseits, und so interessant das

„_putride Bacteriengift_“ _Panum_’s, das „_Sepsin_“ von _Bergmann_ und

_Schmiedeberg_, die _Ptomaïne_ von _Selmi_, _Nencki_ und _Brieger_

auch in anderen Beziehungen sein mögen, mit unseren jetzt als

integrirenden Momenten in der Entstehung der Infectionskrankheiten

erkannten Bacteriengiften haben alle diese Körper nichts zu thun.

Ich kann mich daher hier mit dem Hinweis darauf begnügen, dass schon

die Methoden zur Herstellung des „Tetanins“ aus Tetanusculturen, des

„Putrescins“ aus Staphylococcusculturen u. s. w. es ausschliessen, dass

in diesen chemischen Körpern das specifische Tetanusgift bezw. das

Staphylococcengift gefunden sein könnte.

Einige Andeutungen von der _Labilität_ der Bacteriengifte finden

wir bei _Bergmann_, wenn er angiebt, dass bei toxisch wirkendem Blut

die Toxicität nach einigen Tagen geringer werde, und bei _Billroth_,

welcher zeigte, dass toxisch wirkender Eiter gerade dann am giftigsten

wirke, wenn er noch am meisten frisch und am wenigsten „putride“

ist (_Gamaleïa_: „Les poisons bactériens“ S. 5 und 6); bei diesen

Beobachtungen war wohl aber die Action der lebenden Mikroorganismen

nicht ausgeschlossen. Später, als durch _R. Koch_ die krankmachende

Fähigkeit der Bacterien, auch ohne jede Spur von ihnen anhaftendem, aus

dem Thierkörper stammenden Gift, über allen Zweifel erhoben war, und

als man die Giftgewinnung aus _Reinculturen_ beabsichtigte, da begegnen

wir auch dem Begriff der Specificität, wenigstens nach der einen

der oben erwähnten Richtungen, nämlich in Bezug auf die qualitativ

differente Toxicität der gewonnenen Substanzen, je nach der Art der

Culturen; ebenso ist die dritte Haupterrungenschaft der Neuzeit, die

vegetabilische Herkunft der Bacteriengifte, früher schon discutirt

worden, um allerdings wieder in der Lehre von den Ptomaïnen verneint

zu werden: Aber jede dieser drei Eigenschaften für sich kommt auch

noch einer Menge von anderen Substanzen zu, die nichts mit unseren

specifischen Bacteriengiften zu thun haben; und erst die Untersuchungen

von _Roux_ und _Yersin_ und von _Löffler_ über das Diphtheriegift, von

_Koch_ über das Tuberkulin, von _Kitasato_ unter der Leitung von _Koch_

über das Tetanusgift, haben die Möglichkeit der Fortschritte angebahnt,

welche nicht bloss in der Erkenntniss der _Aetiologie_, sondern auch

in Bezug auf die _Heilung_ und _Verhütung_ der Infectionskrankheiten

seitdem gemacht sind.

IV.

Historisch-kritische Uebersicht

über die klinischen Beobachtungen und experimentellen Untersuchungen

betreffend die Heilung und Verhütung der Diphtherie.

Ueber die Heilbarkeit der Diphtherie und über Heilungsmittel finden

sich interessante historische Bemerkungen in dem offenen Briefe

_Bretonneau_’s, welchen ich dieser Arbeit vorangestellt habe. Wir

erfahren dort, dass man schon in vorhistorischen Zeiten versucht hat,

das Fortschreiten des local-diphtherischen Processes im Pharynx mit

einem Metallsalzpräparat (Kupfer) medicamentös zu beeinflussen.

Es wäre jedoch verlorene Mühe, die im Laufe der Jahrhunderte

angewendeten Behandlungsmethoden der Diphtherie im Einzelnen

durchzugehen, und ich fange auch hier gleich damit an, dass ich den

Standpunkt fixire, welchen _Bretonneau_ auf Grund langjähriger eigener

Erfahrung am Krankenbett in therapeutischer Beziehung eingenommen hat.

Er hat den Aderlass schädlich, Brechmittel, Vesicantien und andere

ableitende Verfahren, wie Purgantien, Pediluvien, Sinapismen, von

höchstens zweifelhaftem Nutzen gefunden (S. 88 ff.).

Eine Allgemeinbehandlung hatte überhaupt nur bei zwei der vielen

von ihm angewendeten Verfahren einen unverkennbaren Einfluss auf den

Verlauf der Diphtherie; bei der Anwendung der _Polygala_ (Senega) und

bei _mercurieller_ Behandlung insbesondere mit _Calomel_.

Die Geschichte der Diphtherie · 第 7 / 16 段