Er erklärte daselbst mit vollkommener Bestimmtheit, dass die in

Diphtheriemembranen fast regelmässig sich vorfindenden Streptococcen

„mit der Aetiologie der typischen Infectionskrankheit, „der

Diphtherie“, nichts zu thun haben, da Reinculturen derselben, wenn

sie auf Mäuse, Meerschweinchen, Kaninchen, verschiedene Vögelarten,

Affen und Hunde verimpft wurden, nie Veränderungen hervorriefen,

die mit den durch die Diphtherie beim Menschen gesetzten auch nur

entfernte Aehnlichkeit gehabt hätten. „Die Meerschweinchen und Vögel

waren gänzlich unempfänglich für diese Coccen, sei es, dass man diese

unter die Haut spritzte, oder in die Trachea einführte, oder in die

Augenbindehaut einimpfte. Die Mäuse verhielten sich etwas anders;

einzelne starben nach Einführung grösserer Mengen der Coccen. Bei ihnen

fanden sich zierliche Ketten in den Blutgefässen der inneren Organe.

Wenn man die Coccen in die Bauchhöhle einspritzte, entstand Peritonitis

und es erfolgte Aufnahme der Coccen in die Lymphbahnen. Bei den

Kaninchen entstand nach der Impfung in die Haut ein erysipelasähnlicher

Process mit Schwellung der Lymphdrüsen an der Ohrbasis; nach einiger

Zeit ging dieser Process zurück; weitere Erkrankung wurde nicht

beobachtet. Interessant war es, dass nach Injection grösserer

Mengen der Coccen in die Blutbahn von Kaninchen sich eitrige

Gelenkentzündungen entwickelten. 6-7 Tage nach der Injection begannen

die Thiere lahm zu gehen; meist schwollen zuerst die Hinterfussgelenke

an, dann auch die Vorderfussgelenke, die Schultergelenke und andere

Gelenke. Bei der Untersuchung der Gelenke fand ich kettenbildende

Mikrococcen in dem dieselben erfüllenden käsig-eitrigen Materiale.

Dieselbe Affection erzielte ich durch Injection von Erysipelascoccen in

die Blutbahn bei einer Anzahl von Kaninchen ....

Meine Ansicht über die Bedeutung der kettenbildenden Coccen geht nun

dahin, dass dieselben eine Complication der Diphtherie darstellen.“

Was die von ihm gefundenen Stäbchen betrifft, so gab er ein Verfahren

an, wie man dieselben leicht und sicher in Reinculturen auf schräg

erstarrtem Blutserum gewinnen kann, beschrieb ihre Eigenschaften

auf diesem, wie auch auf allen anderen gebräuchlichen Nährböden,

das Aussehen im mikroscopischen Bilde, ihre Widerstandsfähigkeit

gegenüber höheren Temperaturgraden, wobei er constatirte, dass sie bei

60° C. schon absterben, und dass schon aus diesem Grunde die Annahme

sporentragender Diphtheriebacillen von _Klebs_ irrthümlich sein müsse.

Weiterhin schildert _Löffler_ die Resultate der Uebertragung von

Reinculturen bei cutaner und subcutaner Impfung, bei Injection in die

Blutbahn, bei Verimpfung auf verletzte und unverletzte Schleimhaut

des Rachens, der Conjunctiva, der Trachea und der Vulva. Er theilte

mit, dass Mäuse und Ratten sich dabei immun erwiesen; Meerschweinchen

und kleine Vögel dagegen sehr empfänglich; gab den Vertheilungsmodus

der Bacillen im inficirten Organismus an und constatirte schon hier

folgende grundlegende Thatsachen: „In Schnitten findet man, dass nur an

der Impfstelle Bacillen nachweisbar sind, dagegen in keinem der inneren

Organe. _Es ist daher unzweifelhaft der Verlauf der Impfung der, dass

von den Bacillen an der Impfstelle ein chemisches Agens producirt wird,

welches von den Blutgefässen aufgenommen wird, zu Hämorrhagien in den

Drüsen führt und zu Ergüssen in die Pleurahöhlen._“

Bei Kaninchen erzeugte er an der Conjunctiva dicke Pseudomembranen, in

der Trachea membranöse Tracheitis; das gleiche gelang ihm bei Tauben

und Hühnern.

Er constatirte ferner, dass in der Mundhöhle der meisten gesunden

Menschen die Bacillen nicht vorhanden sind; indessen unter 29 Fällen

züchtete er einmal bei einem gesunden Kinde aus dem Rachensecret

„Colonien von identischem Aussehen, welche auf Meerschweinchen

verimpft, dieselben Erscheinungen machten, wie die aus den

Diphtheriemembranen gezüchteten Stäbchen“.

Er wies nach, dass die bei Kälbern und bei Tauben spontan vorkommenden

diphtherieähnlichen Infectionskrankheiten parasitologisch ganz

verschieden sind von der Diphtherie des Menschen.

Diese Mittheilungen wurden dann noch vervollständigt durch die

Beschreibung eines Färbeverfahrens für die Bacillen mittelst

alkalischer Methylenblaulösung, das namentlich für die Schnittfärbung

sich bald allgemeiner Anerkennung erfreute.

Wenn wir jetzt auf die späteren Untersuchungen einer unzähligen Schaar

von anderen Autoren zurückschauen, im Speciellen auf das, was für die

Aetiologie der Diphtherie neu hinzugekommen ist, dann sind wir erst im

Stande, die imponirende Fülle und Vollständigkeit der positiven Angaben

_Löffler_’s zu würdigen. Nur in unwesentlichen Dingen, beispielsweise

in Bezug auf die Temperatur, bei welcher die Diphtheriebacillen noch

in Gelatine wachsen, sind seine Befunde etwas zu modificiren. Die

Diphtheriebacillen wachsen da in der Mehrzahl der Fälle nicht erst bei

22-23° C., sondern auch schon unter 20° C., bei Zimmertemperatur. Alles

Wesentliche aber ist vollauf bestätigt worden, und gerade dasjenige,

was anfänglich die Ursache einer etwas skeptischen Aufnahme von

_Löffler_’s Mittheilungen gewesen ist, namentlich, dass auch bei einem

gesunden Individuum sich die Bacillen vorfanden, müssen wir jetzt als

ein hervorragendes Zeichen der Schärfe und Gewissenhaftigkeit seiner

Beobachtungen ansehen.

So war durch die _Löffler_’sche Entdeckung von Neuem die glänzende

Leistungsfähigkeit der durch _R. Koch_ in die ätiologische Forschung

eingeführten Principien erwiesen. Das zielbewusste Suchen nach

geeigneten Thierarten für die Uebertragungsversuche, die Trennung

der verschiedenen Mikroorganismen in den Krankheitsproducten durch

ihre Züchtung auf festen Nährböden, die Ausscheidung derjenigen

Mikroorganismen, welche für das Zustandekommen des specifischen

Charakters der Krankheit unwesentlich sind, die künstliche Züchtung

der muthmasslichen Krankheitserreger, ihre Reincultur und das genaue

morphologische Studium derselben, das Arbeiten mit _Reinculturen_

bei Versuchen, willkürlich durch Impfung die Krankheit zu erzeugen

-- diese methodischen Errungenschaften erfüllten damals noch mit

gerechter Bewunderung und mit Staunen die ganze wissenschaftliche

Welt. Zwei Jahre waren erst vergangen, seit mit ihrer Hilfe die

parasitäre Natur der _Tuberculose_ unwiderleglich und in solcher

Vollständigkeit klargelegt war, dass andere Autoren bis heute etwas

Erhebliches nicht hinzugethan haben; bald darauf wurde durch _Löffler_

und _Schütz_ die Aetiologie des _Rotz_ klar gelegt, und gerade zur

Zeit der _Löffler_’schen Arbeiten über _Diphtherie_ kamen aus Egypten

und Indien die Nachrichten _Koch_’s von dem Krankheitserreger einer

anderen mörderischen Seuche, der _asiatischen Cholera_, welcher mit

den gleichen Mitteln der Untersuchung aufgefunden war. Schon hatte

sich damals _R. Koch_ einen festen Stab von Mitarbeitern herangezogen,

und die Ueberlegenheit der _Koch_’schen _deutschen_ Schule über die

in der Meinung vieler noch dominirende _französische_ war durch all’

diese epochemachenden Forschungsergebnisse fest begründet; der Einfluss

_Hallier_’s aber und _Nägeli_’s auf die Aerzte, dem selbst ein so

scharfer Beobachter wie _Oertel_ sich nicht hatte entziehen können,

war für immer zu Grabe getragen. Von jetzt ab wurde die Lehre _R.

Koch_’s von der Specificität und Artverschiedenheit der differenten

Krankheitserreger, welche sich an die von _F. Cohn_ vertretene

botanische Systematisirung anlehnte, die herrschende, und seine

Methoden, die im Wesentlichen schon in den „Untersuchungen über die

Aetiologie der Wundinfectionskrankheiten“ vom Jahre 1878 enthalten

sind, wurden nunmehr überall, besonders aber auch in Paris, ja sogar in

München acceptirt; hier allerdings nur mit Widerstreben und daher wohl

auch nicht mit so grossem Erfolge wie anderswo.

Jede einzelne der vier genannten Infectionen, deren parasitäre

Natur durch den Nachweis eines specifischen, die Krankheit

erzeugenden Mikroorganismus erwiesen wurde, bot aber eine Fülle

neuer Beobachtungen, die nicht nutzlos blieben für die Theorie der

Infectionskrankheiten, sondern theils eine Erweiterung, theils aber

auch eine Modifikation der theoretischen Betrachtungsweise zur Folge

hatten.

Durch die Untersuchungen bei der Diphtherie ist namentlich nach

_der_ Richtung eine Wandlung eingetreten, dass nicht mehr die

Forderung aufrecht erhalten wurde, welche _R. Koch_ 1878 (l. c. S.

22) aufstellte, wonach „die Bacterien ausnahmslos und in derartigen

Verhältnissen betreffs ihrer Menge und Vertheilung nachgewiesen werden

müssen, dass die Symptome der Krankheit ihre vollständige Erklärung

dadurch finden“.

War schon bei der Tuberculose und beim Rotz diese Forderung lange nicht

mehr in dem Grade erfüllt wie bei den zuerst von _Koch_ studirten

Krankheiten, dem Milzbrand, der Mäusesepticämie, der Pyämie und

Septicämie der Kaninchen, so wurde bei der Cholera es auf das höchste

wahrscheinlich, dass der Tod an dieser Krankheit nicht in Folge der

„Menge und Vertheilung der lebenden Bacterien im Blut und in den

Organen“ sondern in Folge der Resorption eines von den Kommabacillen

im Darm producirten Giftstoffes, also einer Intoxication, eintrete.

Für das Verständniss der Choleraätiologie postulirte daher _Koch_

als nothwendige Voraussetzung die Entstehung eines specifischen

Cholera_giftes_, und in der ersten Choleraconferenz (1884) sprach er

sich darüber in folgender Weise aus (Berl. klin. Wochenschr. 1884 No.

32 S. 498):

„Mit der Annahme, dass die Kommabacillen ein specifisches Gift

produciren, lassen sich die Erscheinungen und der Verlauf in folgender

Weise erklären: Die Wirkung des Giftes äussert sich theils in

unmittelbarer Weise, indem dadurch das Epithel und in den schwersten

Fällen auch die oberen Schichten der Darmschleimhaut abgetödtet

werden, theils wird es resorbirt und wirkt auf den Gesammtorganismus,

vorzugsweise aber auf die Circulationsorgane, welche in einen

lähmungsartigen Zustand versetzt werden. Der Symptomencomplex des

eigentlichen Choleraanfalles, welchen man gewöhnlich als eine Folge

des Wasserverlustes und der Eindickung des Blutes auffasst, ist meiner

Meinung nach im Wesentlichen als eine Vergiftung anzusehen; denn er

kommt nicht selten auch dann zu Stande, wenn verhältnissmässig sehr

geringe Mengen Flüssigkeit durch Erbrechen und Diarrhoe bei Lebzeiten

verloren sind, und wenn gleich nach dem Tode der Darm ebenfalls nur

wenig Flüssigkeit enthält.“

Die Diphtherie aber ist es gewesen, bei welcher nicht bloss ein

specifisches Gift als schliessliche Ursache der Krankheit und des Todes

_supponirt_, sondern auch in _greifbarer_ Form nachgewiesen wurde und

von den Untersuchungen bei der Diphtherie ist daher der _Beginn der

neuen Aera in der Lehre von den Infectionskrankheiten herzudatiren,

welche durch die Auffassung der infectiösen Krankheitsprocesse als

Reactionen auf die Giftwirkung belebter Organismen charakterisirt wird_.

Wenn wir einen bestimmten Zeitpunkt für den Beginn dieser neuen Aera

nennen sollen, so werden wir ihn an die im December des Jahres 1888

in _Pasteur_’s Annalen erschienene Arbeit von _Roux_ und _Yersin_

anknüpfen müssen, in welcher zuerst die Beschreibung der Gewinnung des

Diphtheriegiftes und seiner Eigenschaften in solcher Weise enthalten

ist, dass es seitdem jedem halbwegs geschulten Bacteriologen leicht

gemacht war, sich durch eigene Versuche von der Existenz desselben zu

überzeugen. Auf diesen letzteren Umstand lege ich einen besonderen

Werth, wenn ich in dieser historischen Darstellung die Abgrenzung der

Perioden, in welchen neue und epochemachende Ideen zur Herrschaft

gelangten, mit bestimmten Arbeiten und Namen vornehme; denn hier, wie

überall bei wichtigen Ereignissen kann man die Beobachtung machen, dass

für dieselben der Boden vorbereitet sein muss, und dass, wenn man mit

kundigem Blick in vergangenen Zeiten nachforscht, gleiche oder ähnliche

Ideenkeime schon lange vorhanden gewesen sind, aber sei es wegen

ungünstiger Zeitverhältnisse, sei es wegen der geringeren Klarheit und

Energie ihrer Vertreter eine grosse Wirkung und eine werbende Kraft

nicht entfalten konnten.

Bei der Diphtherie hatte schon in seiner ersten Mittheilung _Löffler_

davon gesprochen, dass sein Bacillus „ein für so viele Thiere,

ausserordentlich deletäres Gift erzeugt;“ später (1887) versuchte

er aus Culturen das wirksame Gift, ohne die Mitwirkung von lebenden

Bacillen, zur Action zu bringen, zunächst aber ohne Erfolg; erst

als er im Anschluss an die Enzymlehre und an die Erfahrungen von

_Salomonsen_ und _Christmas-Dirckink-Holmfeld_ über die geringe

Widerstandsfähigkeit des enzymähnlichen Giftes in den Iequiritysamen

gegenüber höheren Temperaturen (65-70°), zusammen mit _Holz_, im

Sommer 1888 erneute Versuche unternahm und das Eindampfen der Culturen

sowie andere differente Eingriffe vermied, kam er zu einem positiven

Resultat; er beschickte Glaskolben mit frischem Fleisch, welches

zerhackt, neutralisirt, mit Diphtheriebacillen inficirt, dann 4-5

Tage bei 37° C. im Brütschrank gehalten wurde, und es gelang ihm,

daraus einen Glycerinauszug herzustellen, welcher das specifische

Diphtheriegift enthielt. Fällte er nämlich den Glycerinauszug mit

dem fünffachen Volum von absolutem Alkohol und löste er schliesslich

den gereinigten Alkoholniederschlag in wenig Wasser auf, so bekam er

mit 0,1 bis 0,2 ccm nach subcutaner Injection bei Meerschweinchen an

den Injectionsstellen „derbe fibröse Knoten mit Hämorrhagien in der

Muskulatur und Oedemen in der Umgebung, welche zu Hautnekrose führten.

Die der Injectionsstelle entsprechenden Lymphdrüsen waren geschwollen,

von Blutungen durchsetzt.“ ... „Injectionen in die Bauchhöhle tödteten

die Thiere mit den Erscheinungen einer heftigen Entzündung des

Peritoneums“ (Deutsche medic. Wochenschrift 1890 No. 5 u. 6).

Es kann darnach gar kein Zweifel für uns sein, dass _Löffler_ im

Jahre 1888 das specifische Diphtheriegift in Händen gehabt hat. Die

Mittheilung seiner Befunde erfolgte im Beginn des Jahres 1889 im

_Greifswalder_ medicinischen Verein, zu einer Zeit, als die erste

Arbeit von _Roux_ und _Yersin_ schon im Druck vorlag.

Erst durch die Untersuchungen dieser Autoren sind wir mit den

Bedingungen bekannt geworden, unter welchen das Diphtheriegift in

den Culturen leicht nachweisbar wird und von denen es abhängig

ist, dass man das eine Mal mit Bruchtheilen eines Cubikcentimeters

Meerschweinchen und Kaninchen in kurzer Zeit unter den

charakteristischen Symptomen der Diphtherievergiftung tödten kann,

während ein andermal erst die Einspritzung von 35 ccm und darüber

Intoxicationserscheinungen hervorruft. Sie zeigten nämlich, dass es gar

nicht besonders kunstvoll zusammengesetzter Nährböden bedarf, um das

Gift in reichlicher Menge zu gewinnen, sondern dass die gewöhnliche

Bouillon dazu genügt; es ist dies auch von principieller Wichtigkeit,

da hierdurch schon es unwahrscheinlich gemacht wurde, dass das Gift

etwa präformirt in den Nährböden enthalten und durch die Thätigkeit der

Diphtheriebacillen nur abgespalten werde; beinahe zur Gewissheit ist

dann die Abstammung der Giftsubstanz direct von den Zellenleibern der

Bacterien gemacht worden durch _Guinochet_, welcher im Laboratorium

von _Straus_ in Paris im eiweissfreien alkalisirten menschlichen Urin

die Diphtheriebacillen züchtete und daraus in gleicher Weise, wie aus

Peptonbouillonculturen das Diphtheriegift extrahiren konnte (_Gamaleïa_

„Les poisons bactériens“ 1892).

Die Versuchsbedingungen, unter welchen eine ergiebige Giftproduction zu

erzielen ist, sind nach _Roux_ und _Yersin_ hauptsächlich folgende:

_Erstens muss die Cultur, von welcher der flüssige Nährboden geimpft

wird, einen hohen Grad von Virulenz besitzen._ Es darf _Roux_ und

_Yersin_ zu besonderem Verdienst angerechnet werden, dass sie auf die

grossen Unterschiede hingewiesen haben, welche die aus verschiedenen

Diphtheriefällen beim Menschen gezüchteten Culturen erkennen lassen;

manchmal genügen schon die kleinsten Culturquantitäten, um eine sehr

acut verlaufende Diphtherieinfection zu erzeugen, und andere Male

zeigen sich Culturen so wenig infectiös, dass selbst mit grösseren

Quantitäten kaum deutlich erkennbare Krankheitserscheinungen

hervorgerufen werden, so dass man zweifelhaft wurde, ob es sich hier

überhaupt noch um echte Diphtheriebacillen, trotz morphologischer

Identität, handle, und dass man eine besondere Art, den

„Pseudodiphtheriebacillus“, für die unwirksamen Bacterien aufstellte;

aber es finden sich, wenn man aus sehr vielen diphtherischen Membranen

Culturen herauszüchtet, alle Uebergänge von den virulentesten Formen

bis zu gänzlich inoffensiven, und es liegt jetzt kein Grund mehr

vor, innerhalb derjenigen Bacterien, die morphologische Differenzen

nicht aufweisen, auf Grund differenter Virulenzgrade besondere Arten

anzunehmen. Im Allgemeinen sind die Diphtheriebacillen um so mehr

virulent, je schwerer der Krankheitsprocess war in dem Falle, von

welchem sie herstammen. Ganz ausnahmslos aber ist ceteris paribus

die Giftausbeute aus Culturen um so grösser, je virulenter die zur

Abimpfung benutzte Cultur gewesen war.

_Die zweite Bedingung für reichlichere Giftansammlung in den Culturen

ist ein längeres Wachsthum derselben._ Die Constatirung dieser

Thatsache ist uns als ein vollständiges novum von _Roux_ und _Yersin_

überliefert worden, und es ist dieselbe um so bemerkenswerther,

als es dabei nicht etwa bloss auf die Reichlichkeit des Wachsthums

ankommt; nach 14tägigem bis 3 Wochen langem Wachsthum ist die Masse

der Bacterien so ziemlich auf der Höhe angelangt, aber nicht damit

auch die Menge des löslichen Giftes. Während dieser Zeit ist die

Quantität desselben noch verschwindend klein im Verhältniss zu

derjenigen, welche von der dritten Woche ab bis in die siebente

hinein und noch später sich allmählich ansammelt. Erst wenn das

reichlichere Wachsthum aufhört, und wenn die zur Zeit der reichlicheren

Vermehrung stark getrübte Bouillon sich in Folge des zu Bodenfallens

der Diphtheriebacillen mehr und mehr klärt, kann man durch die

Prüfung an Thieren die jetzt schnell sich steigernde Giftproduction

constatiren. Noch ein anderes Kriterium fanden dann die Autoren,

welches den Zeitpunkt markirt, von dem ab das Gift schnell an Menge

zunimmt; dasselbe ist gegeben durch das Verhalten der Reaction in der

Cultur. Auch eine ursprünglich sehr deutlich alkalische Bouillon zeigt

ausnahmslos einen Umschlag in immer stärker sauer werdende Reaction,

sobald die Vermehrung der Diphtheriebacillen in erheblicherem Grade

begonnen hat, und die saure Reaction dauert so lange an, als noch die

Cultur sich durchweg deutlich getrübt zeigt. Mit der beginnenden und

fortschreitenden Klärung wird die Reaction dann aber immer weniger

sauer, um schliesslich wieder alkalisch zu werden, und zwar zuletzt

viel stärker alkalisch, als es die ungeimpfte Bouillon gewesen war.

Diese fundamentalen Beobachtungen und ihre classische Darstellung

durch _Roux_ und _Yersin_ wurde dann noch ergänzt durch eine sehr

grosse Zahl äusserst subtiler Untersuchungen, welche sich mit der

Frage der willkürlichen Vermehrung und Verminderung des Virulenzgrades

von Diphtherieculturen und mit der willkürlichen Steigerung ihrer

Toxicität beschäftigten; ferner durch grundlegende Studien über

die Extraction des Diphtheriegiftes aus den Culturen mittelst

verschiedener Fällungsmittel, wobei die Widerstandsfähigkeit des

Giftes gegenüber chemischen Agentien und atmosphärischen Einflüssen

eingehend berücksichtigt werden musste. Es lässt sich noch nicht

überall hier beurtheilen, an welche von den diesbezüglichen Resultaten

anknüpfend die spätere Forschung in ihrem Bestreben, die chemische

Natur des Diphtheriegiftes zu ergründen, am meisten vorwärts kommen

wird. Vorläufig müssen wir gestehen, dass Alles, was andere Autoren

hierüber bekannt gegeben haben, als ein wahrer Fortschritt in der Sache

nicht angesehen werden kann, weder das, was _Brieger_ und _Fraenkel_

von ihren sogenannten Toxalbuminen, noch was _Gamaleïa_ von seinen

Nucleoalbuminen berichtet hat.

_Roux_ und _Yersin_ haben in Uebereinstimmung mit _Löffler_

das Diphtheriegift als eine ferment- oder enzymartige Substanz

charakterisirt. Nun kann man sagen, das sei eine nicht zulässige

Definition, da sie ein ignotum per ignotius zu erklären versuche;

immerhin knüpft aber diese Classification doch an etwas an, von dessen

Existenzberechtigung die Mehrzahl der heutigen Forscher auf diesem

Specialgebiet überzeugt ist. Dagegen durch die Charakterisirung als

Albumine, als Nucleoalbumine täuschen wir uns selbst bloss über unsere

thatsächliche Unwissenheit hinweg.

Die Charakterisirung des Diphtheriegiftes als eines Toxalbumins durch

_Brieger_ und _Fränkel_, mit anderen Worten eines giftigen Albumins,

ist schon deswegen zu beanstanden, weil bei der Art des Vorgehens

dieser Autoren zur Gewinnung des Giftes Körper mit genau den gleichen

chemischen Eigenschaften schon vorher in dem Nährboden enthalten

waren (_Proskauer_ und _Wassermann_), aus welchem dann später das

Gift zu isoliren versucht wurde. Sie mussten also unfehlbar bei ihren

Fällungsversuchen in die Fällung Körper hineinbekommen, welche -- ganz

gleichgiltig, ob das specifische Gift in derselben mit enthalten war

oder nicht -- die Reactionen der sogenannten Toxalbumine gaben.

Aber auch alle anderen Classificationen des Diphtheriegiftes, sowie

anderer Bacteriengifte, welche die Eiweissnatur der letzteren zur

Voraussetzung haben, leiden an einem Principalfehler, der den Chemikern

zwar längst bekannt, den chemisch denkenden Medicinern in anschaulicher

Weise aber erst durch _Duclaux_ zum klaren Bewusstsein gebracht ist.

Als ich im Jahre 1888 im chemischen Institut des Geh. Raths _Kékulé_

in Bonn von meinem damaligen Lehrer Herrn Prof. _Wallach_ ein Buch

haben wollte, in welchem die Lehre von den Eiweisskörpern am besten

dargestellt sei, da bekam ich die Antwort, dass, wenn man die Sache

im rechten Licht betrachte, ein Chemiker „Eiweiss“ als chemischen

Stoff überhaupt nicht kenne. Auf den ersten Blick war mir das wohl

etwas verwunderlich; indessen von Jahr zu Jahr habe ich mich immer

mehr überzeugen müssen, dass auch wir Mediciner gut daran thun

würden, den Gebrauch des Wortes „Eiweiss“ (und aller Worte, die damit

zusammenhängen) zum Zweck einer Aussage über die Natur eines chemischen

Körpers möglichst zu vermeiden. Nirgends aber habe ich ein so lebhaftes

Gefühl von der Richtigkeit dieser Ueberzeugung gehabt, als bei der

Lectüre der „Revue critique“ von _Duclaux_ „Sur la constitution des

matières albuminoides“ (Ann. de l’Inst. _Pasteur_ 1891 und 1892). Bei

dem grossen Unfug, welcher gerade in unserem Specialgebiet so viel mit

den Eiweisskörpern getrieben wird, halte ich diese Stelle für geeignet,

um das Wesentlichste der lichtvollen Auseinandersetzungen von _Duclaux_

hier wiederzugeben.

Die Geschichte der Diphtherie · 第 6 / 16 段