Zur Darstellung des _actuellen_ Standes der Frage von den

diphtherischen Lähmungen führe ich dasjenige hier an, was _Henoch_

darüber in seinem Lehrbuch der Kinderkrankheiten sagt (S. 747): „Die

„_diphtherische Lähmung_“ ist eine so häufige Nachkrankheit der

Diphtherie, dass man in jedem Fall auf dieselbe gefasst sein muss.

Ich selbst sah die Lähmung immer nur im Gefolge der Rachendiphtherie

auftreten. Andere wollen sie auch nach der Diphtherie der Haut, z. B.

der Finger, beobachtet haben. Die Ansichten über die Bedingungen dieser

Paralyse, die schon dadurch merkwürdig ist, dass die Beeinträchtigung

des Nervensystems durch den Infectionsstoff sich meistens erst zu

einer Zeit geltend macht, in welcher die Kranken die Infection längst

überwunden zu haben scheinen, waren sehr getheilt. Erst in neuester

Zeit haben sorgfältige Untersuchungen ergeben, dass es sich hier

vorzugsweise um einen _neuritischen_ Process in den peripherischen

Nerven handelt, wobei aber analoge Veränderungen auch im Rückenmarke

vorhanden sein können. _Déjérine_ (Arch. de phys. normale et

pathologique 1878) fand in den vorderen Wurzeln der Spinalnerven,

wie auch in vielen peripherischen Nerven Fettkörnchenbildung und

Schwinden der Achsencylinder, ausserdem Atrophie der Ganglienzellen

in den Vorderhörnern und Vermehrung des interstitiellen Bindegewebes,

also eine „_parenchymatöse Neuritis und Myelitis_“ und _P. Meyer_

(Virch. Arch. Bd. 85 Heft 2) sah in einem Fall von sehr verbreiteter

diphtheritischer Lähmung fast in allen peripherischen Nerven

deutliche Zeichen einer parenchymatösen Neuritis (Zerklüftung des

Markes, Kernwucherung in der _Schwann_’schen Scheide, Umwandlung

in Körnchenzellen, Knötchenbildung durch Oedem und Schwellung des

Bindegewebes). Dieselben Veränderungen fanden sich in den Wurzeln der

Spinalnerven und in vielen Spinalganglien, während im Rückenmark selbst

viele Ganglienzellen ihre Fortsätze ganz oder zum Theil eingebüsst

hatten. Diese Befunde, sowie einige schon 1862 von _Charcot_ und

_Vulpian_, und 1867 von _Buhl_ gemachte Beobachtungen fordern zu

fortgesetzter Untersuchung des _peripherischen_ Nervensystems bei der

diphtherischen Lähmung auf. Auch in einem Falle von diphtherischer

Herzlähmung mit plötzlichem Tode fand _Gombault_ (bei _Gadet de

Gassicourt_ „Diphthérie prolongée“, Revue mens. 1883 Janvier III. S.

349) zwar den Vagus, die Medulla oblongata und die Herzmusculatur

durchaus intact, aber, gleichwie in zwei anderen analogen Fällen, die

vorderen Wurzeln der Spinalnerven wenigstens theilweise in ähnlicher

Weise verändert, wie es von _Déjérine_ beschrieben wurde.

Daneben können auch die Muskeln selbst entzündliche Veränderungen,

interstitielle und fibrilläre, (_Hochhaus_, Virch. Arch. Bd. 124 Heft

2) darbieten, was besonders an denen des Gaumens und des Rachens leicht

begreiflich ist. Wahrscheinlich handelt es sich um die Einwirkung des

von den Bacillen producirten toxischen Stoffes auf das Muskel- und

Nervensystem, da nach den Untersuchungen von _Roux_ und _Yersin_ (Ann.

de l’Institut Pasteur 1889 Juin. -- _Hansemann_, Virch. Arch. Bd. 115,

1889) dieser Stoff auch bei Thieren paralytische Symptome hervorbringt,

die mit den bei Menschen beobachteten grosse Aehnlichkeit haben.

Die diphtherische Lähmung, welche grade nach den leichteren Fällen der

Krankheit am häufigsten aufzutreten pflegt, kündigt sich in der Regel

zwei bis drei Wochen nach Ablauf der Krankheit durch Paralyse des

Gaumens an. Seltener tritt sie früher auf, so in einem meiner Fälle

am zehnten, in einem anderen sogar schon am fünften Krankheitstage,

worauf wenige Tage später der Tod an Herzlähmung erfolgte. Sehr häufig

bleibt die Paralyse des Gaumens das einzige Lähmungssymptom. Die Kinder

bekommen eine nasale mehr oder weniger unverständliche Sprache u. s. w.

S. 748: „Die Gaumenlähmung kann, wie ich wiederholt beobachtete,

besonders in den niederen Ständen, das _erste_ Zeichen sein, welches

eine vorausgegangene, aber von den Eltern ganz übersehene, und spontan

geheilte Rachendiphtherie verräth.“

Ferner erwähnt dann Henoch Störungen des _Sehvermögens_ durch Paralyse

des tensor choroideae; weiterhin Parese der _Rachenmuskeln_, Ataxie und

Kraftlosigkeit der unteren Extremitäten, _Aphonia_ paralytica, Lähmung

der _respiratorischen Muskeln_ mit sehr frequenter Athmung; Fehlen der

_Sehnenreflexe_, insb. der patellaren.

Hemiplektische Formen hat _Henoch_ nicht gesehen.

Sensibilitätsstörungen seien sehr selten.

Aus dieser kurzen Uebersicht über das Krankheitsgebiet der

diphtherischen Lähmungen ergiebt sich allein schon eine solche

Mannigfaltigkeit der symptomatisch in Erscheinung tretenden

Diphtherieformen, dass dem _Polymorphismus dieser Krankheit_ vielleicht

bloss noch die durch den Streptococcus longus entstehenden Erkrankungen

des Menschen an die Seite gestellt werden können.

Demgegenüber nehmen selbst die Tuberculose und die Syphilis, klinisch

betrachtet, einen relativ einförmigen Verlauf.

Noch weniger polymorph sind andere Infectionen des Menschen,

wie die durch Malariaparasiten, durch den _A. Fraenkel_’schen

Pneumoniebacillus, durch den Typhusbacillus erzeugten.

Und gar erst die Cholera asiatica, die Ruhr, der Tetanus, die Gonorrhoe

sind in der Regel ganz scharf abgegrenzte Krankheiten.

Berücksichtigen wir aber die _gesammten_ Erscheinungsformen

der Diphtherie mit ihren örtlich, zeitlich und individuell zu

Tage tretenden Differenzen, dann wird es begreiflich einerseits,

dass es der Lebensarbeit und der Genialität eines Mannes wie

_Bretonneau_ bedurfte, um innerhalb derselben das einheitliche

Band der gemeinsamen Aetiologie aufzufinden, und andererseits,

dass für weniger weitblickende und weniger in das Wesen der Dinge

eindringende Geister dieser Ariadnefaden, mit Hilfe dessen man sich

in dem Labyrinth von Krankheitsformen zurechtfinden kann, immer von

Neuem abriss und verloren ging, so lange, bis durch die Entdeckung

des Diphtheriebacillus ein neues, für den Kundigen einfaches und

zuverlässiges Orientirungsmoment gegeben war.

In der That, wie sollte Jemand ohne epidemiologische Erfahrung

auf den Gedanken kommen, dass eine Ataxie nur eine verschiedene

Aeusserung derselben Ursache ist, die vor längerer Zeit bei den

von ihr befallenen Individuen eine membranöse Gingivitis, oder

eine Angina, oder einen Croup erzeugt hatte, wo doch der Sitz, das

Aussehen und der Verlauf dieser ebenerwähnten Krankheitsformen so

different sind, dass 60 Jahre nach den denkwürdigen Untersuchungen

_Bretonneau_’s ein so hervorragender Kliniker wie _Gerhardt_ ihre

ätiologische Zusammengehörigkeit wieder in Frage stellen konnte?

Wenn im 16. Jahrhundert _Ghisi_ nach der Heilung seines Kindes von

der Rachendiphtherie die Unfähigkeit desselben, flüssige Speisen zu

schlucken und die Eigenthümlichkeit, durch die Nase zu sprechen, auf

die überstandene Krankheit zurückführte, dann darf man die Erkennung

eines solchen Causalnexus schon als Zeichen scharfer Beobachtungsgabe

ansehen; indessen hier, wo die Lähmung an demselben Ort auftrat,

der vorher den diphtherischen Belag zeigte, lag die Annahme eines

ursächlichen Zusammenhangs noch ziemlich nahe.

Was alles aber musste voraufgehen, ehe der Scharfsinn medicinischer

Forscher zu dem Resultat gelangen konnte, dass eine mikroskopisch

sichtbare Kernvermehrung der Ganglienzellen in den grauen

Vorderhörnern des Rückenmarks im letzten Grunde demselben ursächlichen

Moment zuzuschreiben ist, welches viele Wochen vorher zu einem

Exsudationsprocess an der Kehlkopfschleimhaut den Anstoss gegeben

hatte, und dass auch eine Lähmung des tensor chorioideae, welche

eigenthümliche Sehstörungen hervorruft, wieder nur eine differente

Aeusserung desselben ist.

Leichter ist es geworden, ein anderes Krankheitsgebiet der Diphtherie

einzuverleiben, von welchem bisher hier nur flüchtig die Rede war:

ich meine _die diphtherischen Erkrankungen der äusseren Haut_. Aber

auch hier, welche Fülle von Beobachtungen, ehe man einigermaassen

unterscheiden lernte, was von den membranbildenden und anderweitigen

Hautkrankheiten zur Diphtherie gehört und was von derselben

auszuscheiden ist!

Als erste Beobachter von Hautdiphtherie werden von _Bretonneau_ citirt

_Chomel_ (1759) und _Samuel Bard_ (1771). _Bretonneau_ selbst sah nur

wenig Fälle und _Trousseau_ ist der eigentliche Begründer der Lehre von

der Hautdiphtherie; in seinem Kinderhospital zu Paris und bei seinen im

Regierungsauftrage erfolgten Reisen in die verschiedenen Departements

von Frankreich zur Erforschung der Diphtherie, vor allem im département

Loir-et-Cher, hat er ein riesiges Beobachtungsmaterial angesammelt.

Seine die Hautdiphtherie betreffenden Bemerkungen finden sich in

einem „mémoire“ (1830 publicirt in Archives générales de médecine t.

XXIII. S. 383), ferner in seiner „clinique médicale“ und in einem

Bericht, der im „Journal de médecine et de Chirurgie pratiques“

VI. (p. 125) enthalten ist. Diese letzterwähnte Arbeit ist noch

dadurch bemerkenswerth, dass hier zum ersten Male die egyptische

Krankheit nicht, wie es von _Bretonneau_ geschah, als _diphthérite_

(Diphtheritis) bezeichnet wird, sondern als _diphthérie_; _Trousseau_

wollte durch diese Namensänderung zum Ausdruck bringen, dass er

_Bretonneau_’s Ansicht nicht theile, wonach die Krankheit local

beginne, dass vielmehr die specifische diphtheritische Phlegmasie

am Pharynx, an der Trachea, an der Haut u. s. w. Localisationen

einer im Blut ablaufenden krankhaften Veränderung sind. Die von den

pathologischen Anatomen später versuchte Scheidung des Wortsinnes

in „Diphtherie“ und „Diphtheritis“ ist vielleicht auf _Trousseau_’s

Vorgehen zurückzuführen, von welchem wir jetzt wissen, dass es von

falschen Voraussetzungen den Ausgang genommen hat. Die Diphtherie ist

thatsächlich, wie _Bretonneau_ lehrte, eine Impfkrankheit, die in

der Regel im Pharynx ihre Eingangspforte findet und hier erst locale

Entzündungserscheinungen hervorruft, bevor sie zu einer allgemeinen

Vergiftung führt; und eine diphtherische Pharynx- und Larynxaffection

ist nicht etwa gleich den Pockenpusteln als Localeruption bei einer

primär im Blute beginnenden Krankheit aufzufassen. Uebrigens wurde in

Frankreich für die locale diphtherische Hauterkrankung auch noch ein

besonderes Wort „diphthéroide“ einzuführen versucht von _Boussuge_

(„de la _diphthéroide_“, Thèses de Paris, No. 184 im Jahre 1860,

eine Arbeit, bemerkenswerth durch anatomische Untersuchungen). Die

Beobachtungen und Untersuchungen _Trousseau_’s haben noch eine weitere

Verarbeitung erfahren durch seinen Schüler _Moynier_, welcher vier

Fälle von Hautdiphtherie aus _Trousseau_’s Klinik beschrieben hat

(Compte rendu des faits de diphthérie observés dans le Service du

professeur _Trousseau_ pendant le premier sémestre de l’année 1859).

Von Wichtigkeit ist dann fernerhin _Robert_’s „diphthérie des plaies“

(conférence chirurgicale 1860); in dieser Publication wird einer

Verwechslung der fälschlich oft als „Wunddiphtherie“ bezeichneten

„pourriture d’hôpital“ (Hospitalbrand?) mit wirklicher Hautdiphtherie

vorzubeugen gesucht.

Wieder eine andere Krankheitsform schildert _Jobert de Lamballe_

mit seinen Schülern _Chavanne_ und _Blin_, welcher Diphtherieformen

beschreibt, die er im Anschluss an operirte Urogenitalfisteln bei

Frauen beobachtete.

Die am ausführlichsten alles zusammenfassende Arbeit über

Hautdiphtherie dürfte aber die von _Gyoux_ aus Bordeaux sein, welcher

in einer Monographie vom Jahre 1869 („L’Etude statistique et hygiénique

sur la diphthérie cutanée“) 32 eigene Fälle beschreibt und eine

erschöpfende Literaturübersicht daselbst bringt, aus welcher auch ein

grosser Theil der obigen Citate entnommen ist.

Trotz der im Laufe der Zeit recht stattlich gewordenen Zahl von

Specialarbeiten und gelegentlich mitgetheilten Untersuchungen über

die „diphthérie cutanée“ scheint mir doch grade diese Krankheitsform

auf Grund der gegenwärtig genauer erkannten bezw. besser beweisbaren

Aetiologie der Diphtherieinfectionen noch einer Neubearbeitung

bedürftig zu sein, und so mag zur leichteren Orientirung für spätere

Untersuchungen dieser Literaturauszug hier stehen, ohne dass ich auf

eine Analyse des Inhalts der citirten Arbeiten eingehe.

Hier und da wird gelegentlich der Mittheilung meiner eigenen

experimentellen Untersuchungen auf manches darin Enthaltene noch

zurückzukommen sein.

Ich schliesse hier denjenigen Theil der historisch-kritischen

Uebersicht ab, in welchem von der Abgrenzung des Geltungsbereiches

der Diphtherie die Rede war, soweit eine solche auf Grund von

klinischen Beobachtungen kranker Individuen, auf Grund ferner

von epidemiologischen Nachforschungen und endlich auf Grund von

anatomischen Untersuchungen erfolgt ist, und übergehe absichtlich dabei

die Geschichte der Irrungen, wie sie in den einseitigen Darstellungen

namentlich der _englischen_ Literatur, in nicht geringem Grade aber

auch bis in die letzten Jahre hinein in der _deutschen_ sich abgespielt

hat. Unter den Publicationen, die ich dabei im Auge habe, befinden

sich ganz ausgezeichnete Detailuntersuchungen; aber für das gesammte

Krankheitsbild der Diphtherie liefern sie nur Beiträge, die kaum eine

episodische Bedeutung in Anspruch nehmen können.

III.

Die Geschichte der ätiologischen Untersuchungen.

In dem vorhergehenden Abschnitte waren es hauptsächlich _französische_

Aerzte, welche Arbeiten von bleibendem Werth für die Construction

des Krankheitsbildes der Diphtherie und für die Beurtheilung ihrer

Entstehungsweise geliefert haben, und wenn wir jetzt den offenen Brief

_Bretonneau_’s aus dem Jahre 1869 mit seinem siegesgewissen Tone,

in welchem der Polymorphismus dieser Krankheit trotz der durchaus

einheitlichen Aetiologie hervorgehoben, ihr contagiöser Charakter in

lebhaften Farben geschildert und die praktische Wichtigkeit der neu

erworbenen Erkenntniss in den Vordergrund gestellt wird, noch einmal

auf seinen Inhalt prüfen, dann werden wir gestehen müssen, dass nur

vorübergehend noch durch die Lehrmeinungen pathologischer Anatomen

und solcher Kliniker, welche durch dieselben sich leiten liessen, die

wissenschaftlichen Errungenschaften _Bretonneau_’s und der grossen

französischen Aerzte der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts verloren

gehen konnten.

In diesem Abschnitt meiner historischen Untersuchungen interessirt

uns in erster Reihe die Frage nach der Uebertragbarkeit der Diphtherie

auf Versuchsthiere durch die Krankheitsproducte des von der Diphtherie

ergriffenen Menschen.

Die ersten Andeutungen über eine Verwerthung experimenteller

Untersuchungen für die Erkenntniss des Wesens der Diphtherie habe ich

in der

_„Sammlung von Beobachtungen und Thatsachen“,

welche die häutige Bräune (Croup) betreffen_.

Von _M. M. Friedländer_ (Paris).

Uebersetzung in Tübingen 1808 (Cotta)

gefunden.

In dieser Sammlung ist das hauptsächlich von _Schwilgué_

zusammengestellte litterarische Material enthalten, welches bei der

Ausschreibung des _Napoléonischen Croup-Preises_ von 12000 Francs

(durch den Minister des Innern _Champagny_ vom 21. Juli 1807) einer

Commission zur Bearbeitung übergeben war. Der Commission gehörten die

Herren _Moreau_, _Laënnec_, _Schwilgué_, _Pariset_ und _Friedländer_

an. _Schwilgué_ selbst starb ganz unerwartet im Jahre 1808. Die

Publication erfolgte gleich nach dem Tode _Schwilgué_’s, um den

Bewerbern um den Croup-Preis „langweilige Nachuntersuchungen zu

ersparen.“

In dieser Sammlung sind nun auch die sieben Kategorien von Fragen

mitgetheilt, die von der Commission aufgestellt waren, und welche unter

allen Umständen von den Preisbewerbern berücksichtigt werden sollten.

In der fünften Kategorie ist von der „Natur der schleimigen Concretion“

die Rede, „welche zum Entstehen der falschen Membran Veranlassung

giebt“, und in der Erläuterung dazu wurde noch folgende Unterfrage

gestellt (S. 70):

„_Besitzt zufolge der natürlichen Ursachen, die diese Concretion in

der membranösen Bräune bestimmen, wohl die Kunst die Mittel, eine

ähnliche Wirkung in lebendigen Thieren hervorzubringen? -- Welches sind

die Erscheinungen, die sich äussern, während man die Untersuchungen,

die sie veranlassen, anstellt?_“

Die „Sammlung“ selbst giebt darauf folgende orientirende Auskunft:

„Herr _Chaussier_ ist der einzige Schriftsteller, der sich besonders

mit dieser Art von Untersuchungen abgegeben hat. „In verschiedenen

Versuchen, sagt er, die wir mit mehreren Thieren angestellt haben,

sind wir durch beständiges Reizen dahin gelangt, auf der Oberfläche

verschiedener Membranen, eine neue Art von Action hervorzubringen,

die den Zustand der Villositäten der Secretionsoberfläche gänzlich

verändert und ein Entwickeln von sehr sichtbaren Gefässen, die

eingespritzt werden konnten, hervorgebracht hat, die wir zuweilen bis

auf 2 ctm sich verlängern gesehen haben.“ (Essay sur les irritations

1807.)

Ein solches, auf der Basis der Lehre von den allgemeinen

Entzündungsreizen erwachsenes Phänomen konnte nur dann zu der

vorliegenden Frage in Beziehung gesetzt werden, wenn der Begriff einer

specifischen, heterogenen Krankheitsursache in den Ideenkreis der

Commission noch nicht eingetreten war; und auch hier wieder ist es

_Bretonneau_, welcher zuerst (1821) im Experiment denjenigen Standpunkt

einnahm, welcher als der einzig richtige zwar nicht ihn selbst, aber

spätere Forscher zum Ziele führte.

_Bretonneau_ zeigt sich in seinen Untersuchungen über die

membranbildenden Fähigkeiten des Ammoniak, des Calomel, besonders aber

des Cantharidenextracts als ein Experimentator ersten Ranges. Mit dem

letzteren (S. 355-364 seines Traité) hatte er bei Hunden ein auf’s

täuschendste croupähnliches anatomisches Bild im Kehlkopf, der Trachea

und den Bronchen von Hunden erzeugt. Aber er war weit davon entfernt,

zu glauben, dass er nun damit einen dem Diphtheriecroup des Menschen

entsprechenden Krankheitsprocess vor sich habe. In dem Capitel „Von der

Specificität der diphtherischen Entzündung“ (S. 365-372) sagt er auf S.

368:

„Welches auch die Natur der diphtherisch entzündlichen Secretion sei,

sie stellt eine Action dar, welche, ich gestehe es zu, in hohem Grade

der des Cantharidenextractes gleicht. Aber damit ist auch die Analogie

zu Ende; und je mehr sie ihren vollständigen Charakter entwickelt,

um so zweifelloser tritt die Specificität in der verschiedenen Art

des Verlaufes zu Tage. Man kommt dann zu der Ueberzeugung, dass diese

beiden Arten der Entzündung, die unter einander eine so grosse Zahl

von Beziehungen besitzen, durchaus nicht identisch sind; und ferner,

dass die Gewissheit nur um so grösser dadurch wird, dass nicht jede

zur Membranbildung führende Entzündung (inflammation couenneuse) wegen

dieser Eigenschaft auch eine diphtherische Entzündung ist.

Es ist ja auch nicht so verwunderlich, dass zwischen zwei Arten der

Schleimhautentzündung eine so grosse Aehnlichkeit herrschen kann, ohne

dass sie deswegen aufhören, differenter Natur zu sein; verhält es sich

denn mit mehreren anderen Entzündungsformen der Haut (phlegmasies

cutanées) nicht ebenso? Obwohl es eines geübten Auges bedarf, um die

Unterschiede, welche zwischen Scharlach und Masern bestehen, schnell zu

erfassen, so wird ja doch kein verständiger Praktiker es für unnöthig

oder für besonders schwierig erachten, diese beiden Krankheiten

auseinanderzuhalten.“

Er erkannte ganz klar, dass der experimentelle Beweis für die

Contagiosität der Diphtherie nur durch die Erzeugung derselben mit den

Producten des diphtherischen Krankheitsprocesses selbst zu erbringen

sei, und dementsprechend hat er auch Thierversuche angestellt; aber

dieselben leisteten ihm nicht das, was er damit beweisen wollte. „J’ai

fait des tentations inutiles pour communiquer la diphthérite à des

animaux“ sagt er auf S. 85 seines „Traité“.

Damit ist nicht ausgeschlossen, dass er gar keine positiven Resultate

bekommen hat; es ist ihm dabei vielleicht gegangen, wie _Lichtheim_,

welcher gleichfalls erklärte (II. Congress für innere Medicin 1883),

dass seine Resultate negativ gewesen seien, während wir aus der

Beschreibung seiner Thierversuche erkennen können, dass er genau

dasselbe gesehen hat, was wir jetzt mit Sicherheit als specifische

Erscheinungsform diphtherischer Hautentzündung bei Thieren kennen. Ich

gebe diese historisch bemerkenswerthe Beschreibung _Lichtheim_’s (S.

168 der Congress-Verhandlungen) hier wörtlich wieder.

„Ich meine, wenn man an die Frage der Aetiologie herantritt, soll man

seinen Ausgang nehmen von derjenigen Form, welche vom Halse anfangend

in die Respirationswege herabsteigt ... Die Frage, ob diese im

klinischen Sinne eine einheitliche Krankheit ist, glaube ich, werden

wir nicht Anstand nehmen zu bejahen, und deshalb habe ich mit ihren

Producten eine Reihe von Impfversuchen zu einer Zeit vorgenommen, wo

die Technik noch nicht so entwickelt war, wie heutzutage ... Diese

Versuche schienen zu dem Resultate zu führen, dass auch diese Form

der Diphtherie keine einheitliche Krankheit ist, dass auch von dieser

Affection verschiedene Dinge erzeugt werden können. Es kann davon

erzeugt werden die bekannte Impfkrankheit, die _Oertel_ beschrieben

hat, die ihren Ausgang nimmt von der Impfstelle mit ödematöser

Infiltration der Gegend und längs der Lymphbahnen fortschreitet.

Eine zweite Form, die viel seltener vorkam, war ganz anderer Natur.

Sie bestand in einer eigenthümlichen, von der Impfstelle ausgehenden

nekrotisirenden Entzündung.“

Wenn _Lichtheim_ dazu sagt: „Welchen Schluss habe ich aus diesen

Resultaten gezogen? Den, dass alle diese Krankheiten absolut nichts

mit der Diphtherie zu thun haben“, so spricht das nur für die

Strenge seiner Selbstkritik, welche, auch wenn sie über das Ziel

hinausschiesst, viel höher steht, als wenn Jemand umgekehrt nichts

beweisende Versuche anstellt und daraus ein positives Ergebniss

ableitet, welches dann später sich zufällig als richtig erweist.

Derjenige Autor, welcher zuerst nicht bloss richtige

specifisch-diphtherische Entzündungen bei Thieren willkürlich erzeugte,

sondern auch in beweiskräftiger Form daraus die Contagiosität der

Diphtherie ableitete, ist _Oertel_, der scharfsinnige Begründer

einer rationellen Therapie von Circulationsstörungen, durch deren

Uebertragung in die Privat-Praxis später _Schweninger_ sich in weiteren

Kreisen bekannt gemacht hat.

Vor _Oertel_ hatte schon _Trendelenburg_ in einer Arbeit „Ueber die

Contagiosität und locale Natur der Diphtheritis“ (Arch. f. klin. Chir.

Bd. X S. 720) an Kaninchen und Tauben mit diphtheritischen Membranen

elf mal (bei acht Kaninchen und drei Tauben) eine pseudomembranöse

Entzündung der Luftröhre und einmal der Kropfschleimhaut erzeugt und

damit den Grund gelegt für weitere Untersuchungen; was aber _Oertel_’s

Versuche besonders auszeichnet, das ist die Uebertragung der Diphtherie

nicht bloss direct vom Menschen auf’s Thier, sondern auch die

Fortpflanzung derselben von Thier zu Thier und weiterhin die Erkennung

solcher specifischer Entzündungsproducte als diphtherischer, bei denen

statt einer Membranbildung, die ödematöse Entzündung, Ekchymosirung und

Nekrotisirung in den Vordergrund der Beobachtung treten.

_Oertel_ hat seine Beobachtungen veröffentlicht im Archiv

für klinische Medicin Bd. VIII (1871, 115 Seiten). Von seinen

Versuchsreihen ist es namentlich die fünfte, welche uns hier

interessirt, und über deren Anordnung folgende tabellarische

Darstellung Auskunft giebt.

Die Geschichte der Diphtherie · 第 4 / 16 段