_Bretonneau_ hatte es noch nicht so leicht, wie wir jetzt durch den

Nachweis des heterogenen ursächlichen Moments der Diphtherie in

Gestalt des Diphtheriebacillus, zu entscheiden, was dieser Krankheit

zuzurechnen und was von anatomisch ähnlichen Krankheitsproducten von

ihr auszuscheiden ist. Erst durch mühsame epidemiologische Studien,

durch sorgfältigste Beobachtung jedes einzelnen Krankheitsfalles und

überaus zahlreiche vergleichend anatomische Untersuchungen ist er dazu

gelangt, alles was wir jetzt als ätiologisch zusammengehörig kennen,

in seinem Krankheitsbild der Diphtherie zu vereinigen; überall, wo

eine Epidemie war, ging er selbst hin und in den Jahren 1818-1826,

über welche er genauer Bericht erstattet, hat er in den Epidemieen von

_Tours_, _La Ferrière_ und _Chenusson_, ausserdem aber noch in vielen

sporadisch auftretenden Fällen die Aetiologie mit solchem Aufwand von

unermüdlicher Thätigkeit und mit solchem Scharfsinn verfolgt, wie

ausser ihm nur noch _Robert Koch_ es fertig gebracht hat.

Ich will nur ein Beispiel für viele citiren. Zu einer Zeit, wo die

meisten Aerzte überhaupt noch an dem Charakter der Diphtherie als einer

ansteckenden Infectionskrankheit zweifelten, war _Bretonneau_ fast

überall darauf angewiesen, selber dem Ursprung der Einzelerkrankung

nachzuforschen. In manchen Fällen war das leicht, wenn z. B. (S. 342)

eine Frau an Diphtherie stirbt, vier Tage später das Kind, welches sie

noch während der Krankheit gesäugt hatte; wenn ferner, ohne dass sonst

am Orte (in _La Ferrière_ mit 250 Einwohnern) Diphtherieerkrankungen

vorkamen, eine junge Frau, der jenes Kind zur Pflege übergeben war,

acht Tage nach der Inpflegenahme des Kindes an typischem Kehlkopfcroup

zu Grunde geht; ebenso wenn (S. 339) von allen Nachbarorten kein

einziger von der Diphtherie befallen wird mit Ausnahme eines Gehöftes,

in welchem ein 45jähriger Mann Diphtherie bekam, der vorher viel in

einem Hause von _La Ferrière_ war zu einer Zeit, als in demselben zwei

Kinder an bösartiger Diphtherie krank lagen und starben.

Aber in anderen Fällen war die Ansteckungsquelle auf keine Weise

zu finden; da ist es denn geradezu bewunderungswürdig, mit welchem

Scharfsinn _Bretonneau_ alle Möglichkeiten für das Zustandekommen der

Diphtherie erwägt, und wie gewissenhaft er zu Werke geht, ehe er eine

eigene Meinung äussert. S. 289 berichtet er, dass im Jahre 1823 in

_Tours_ mitten in diphtheriefreier Zeit ein einziges fünfjähriges Kind

an Croup starb, ohne dass hinterher Diphtheriefälle auftraten.

Alle Zweifel, dass es wirklich Diphtherie war, mussten Angesichts

des typischen Krankheitsverlaufes im Verein mit dem typischen

Sectionsbefunde schwinden. Aber in Ermangelung eines gegenwärtigen

Ansteckungsheerdes forscht _Bretonneau_ weiter nach und erfährt

endlich, dass vor drei Jahren in derselben Wohnung drei andere Kinder

an diphtherischem Croup gestorben sind. „Peut-on soupconner que le

germe de cette affection ait été conservé et transmis après un si long

espace de temps?“

Wir stehen auch jetzt noch oft genug vor dieser Frage und unsere

Antwort kann auch jetzt noch nicht viel anders lauten, als wie sie von

_Bretonneau_ gegeben wird (S. 342): „Sans doute cette affection est

contagieuse; mais c’est certainement sous des conditions particulières,

et qui lui sont propres qu’elle se transmet. Comment se conserve le

germe qui la reproduit?“

Ausser diesen epidemiologischen Nachforschungen, um sich des

ätiologischen Zusammenhanges zu vergewissern, hat _Bretonneau_

auch von allen anderen Mitteln Gebrauch gemacht, die ihm zur

Erforschung der Natur der Krankheit zu Gebote standen; und was die

pathologisch-anatomische Untersuchung betrifft, so haben wir schon oben

gesehen, dass er soviel Sectionen selber ausführte, wie sich dessen

heutzutage nur wenige Aerzte, pathologische Anatomen mit eingerechnet,

rühmen können.

Aber für ihn blieb der Sectionstisch immer nur die Stelle „ubi mors

gaudet succurrere vitae“; nicht an sich war ihm der Sectionsbefund von

Bedeutung, sondern nur insoweit, als er durch denselben besser die

bei Lebzeiten des Kranken wahrgenommenen oder supponirten materiellen

Veränderungen der Untersuchung zugänglich machen konnte.

So hat er alle Methoden naturwissenschaftlicher Forschung der damaligen

Zeit ausgenützt, und so ist es ihm gelungen, herauszufinden, was _wir_

erst auf Grund unserer Kenntniss der Eigenschaften und Fähigkeiten der

von aussen stammenden krankmachenden Ursache entdecken konnten, vor

Allem den Polymorphismus der diphtherischen Infection, bedingt durch

örtliche, zeitliche und individuelle Disposition und besonders auch

bedingt durch die Verschiedenheit der Invasionspforten, durch welche

der Krankheitskeim in den Organismus eintritt.

Er selbst ist darauf aufmerksam geworden, dass ausnahmsweise auch

einmal die Zunge und der Oesophagus die Primäraffection zeigen; ferner

hat er auf Grund von Beobachtungen anderer Autoren, wie _Guersant_

(S. 53) und _Starr_ (S. 54) in Frankreich, _Samuel Bard_ in Amerika,

uns überliefert, wie nach Entblössung der Epidermis durch Vesicantien

auch von der Cutis der diphtherische Process ausgehen kann, und seine

Ausführungen darüber entsprechen durchaus schon im Wesentlichen

der Schilderung, die uns _Henoch_ von diesen exceptionellen

Erscheinungsformen der Diphtherie giebt, wenn er (Seite 724 seiner

Vorlesungen) die Lippenschleimhaut, die Conjunctiva, Gesicht und Ohren

(bei vorhandenem Ekzem), die übrige äussere Haut, die Genitalien, auf

Grund eigener Untersuchungen als gelegentlich diphtherisch inficirte

Stellen anführt.

Besonders bewunderungswürdig ist aber, was _Bretonneau_ über das

Stationärwerden der Krankheit beim Einzelnen und über das Aufhören

derselben in der Gesammtbevölkerung sagt, indem er schon dasjenige

Resultat vorgreift und mit grösster Schärfe präcisirt, welches wir erst

als Frucht der neuesten Immunitätsarbeiten anzusehen gewohnt sind,

soweit wir überhaupt uns mit diesem schwierigsten unter allen dem Arzte

aufstossenden Problemen ernsthaft beschäftigt haben. „Ordinairement

(sagt er S. 54) quelques jours après son invasion, la marche rapide

de la diphthérie se ralentit. Ce phenomène ne lui est particulier; il

se reproduit dans plusieurs autres maladies, et les symptomes locaux

de la syphilis, par exemple, après avoir assez rapidement leur plus

haut degré d’intensité et d’étendue, perdent bientôt de leur activité.

Dans le cas présent, cette tendance à l’état stationnaire est d’une

importance toute particulière pour le pronostic, puisque c’est par sa

propagation dans les voies aëriennes que l’inflammation pelliculaire

devient funeste. En effet il n’y a pas le moindre rapport entre le

danger d’une affection pelliculaire de la bouche, si grave qu’on la

suppose, pourvu surtout que le mal en s’étendant ait déjà perdu une

partie de son énergie, et le péril auquel expose une petite tache

diphthéritique qui se montre d’abord à la surface des tonsilles,

d’où elle peut se propager en peu de jours, quelques fois même en

peu d’heures à la trachée et bientôt aux dernières ramifications des

bronches.

L’organisme semble acquérir par accoutumance la faculté de résister

aux maladies, comme il acquiert la faculté de résister à l’action

graduée des poisons et des venins. On l’obtient, pour un temps plus ou

moins durable, en payant un premier tribut à la variole, à la vaccine,

au climat, sans parler de l’inaptitude à contracter la blénorrhagie,

inaptitude qui peut aussi s’acquerir et s’entretenir, si on en croit

les assertions de _John Hunter_.

_Peut-être cette influence de l’habitude contribue-t-elle à

l’extinction de quelques affections contagieuses épidémiques en usant

la disposition à les contracter._“

Es ist ein „vielleicht“, mit dem er seine Zurückführung des Aufhörens

von Epidemieen auf das Immunwerden der Individuen, nachdem sie

leichtere Infectionen erlitten haben, einleitet. Aber schliesslich

sind wir auch jetzt noch nicht über die blosse Möglichkeit dieses

Erklärungsprincips hinausgekommen.

Auf gleicher Höhe, wie diese epidemiologischen Bemerkungen, steht

seine Beschreibung von der specifischen Natur der diphtherischen

Entzündung. Wenn ich diese hier in extenso anführe, dann geschieht es

hauptsächlich auch deswegen, weil ich eine bessere nirgends gefunden

habe und weil ich mir auch kaum einen adäquateren anatomischen Ausdruck

für die specifisch diphtherischen Processe denken kann, als den von

_Bretonneau_ gefundenen.

S. 40 ff. sagt er: „Es ist manchmal ziemlich schwer, den organischen

Process dieser Veränderung zu verfolgen, von welchem die Exsudation,

die hinterher ein festes Produkt liefert, ausgeht. Oft beschränkt sich

diese Veränderung auf punktförmig auftretende rothe, unregelmässig

verbreitete Flecke, ohne jede Spur von Schwellung; selbst eine etwaige

Schwellung des submucösen Zellgewebes involvirt durchaus nicht auch

eine solche der Schleimhaut selbst. Was die letztere betrifft, so ist

sie an einer Schwellung des darunter und in der Nähe befindlichen

Gewebes nicht mehr betheiligt, als die Haut über den geschwollenen

Lymphdrüsen, welche in der Gegend der diphtherischen Schleimhautpartien

gelegen sind.

Die Lymphdrüsenschwellung ist regelmässig vorhanden; und sie ist gleich

Anfangs verhältnissmässig stark ausgesprochen, correspondirt aber

durchaus nicht immer in ihrer Stärke mit der Intensität und Extensität

der diphtherischen Entzündung. Zweimal sah ich, wie die diphtherische

Drüsenschwellung genau den gleichen Verlauf und Ausgang in Eiterung

nahmen, wie das bei Bubonen beobachtet wird.

Diese fleckweise Röthe der Schleimhaut, welche ganz oberflächlich

bleibt und ohne Verdickung der Schleimhaut besteht, trotzdem aber

sich mit festwerdenden Exsudaten von ausserordentlicher Reichlichkeit

vergesellschaftet, ist es, die mir der diphtherischen Entzündung einen

ganz besonderen Charakter zu verleihen scheint.

_Ich würde noch nicht ganz ausdrücken, was ich darüber denke, wenn

ich nicht noch hinzufügte, dass ich in dieser zur Ausscheidung von

speckhautähnlichem Exsudat führenden Entzündung eine ganz specifische

Phlegmasie erblicke, welche von einer katarrhalischen Entzündung ebenso

verschieden ist, wie der Milzbrand von einem Herpes zoster, die ferner

von der scarlatinösen Erkrankung noch mehr verschieden ist, als die

Scarlatina von den Pocken; kurz, dass es sich hier um eine Krankheit

sui generis handelt, welche ebensowenig ein höherer Grad eines Katarrhs

ist, wie die Ichthyosis (dartre squameuse) als höherer Grad des

Erysipels angesehen werden kann._

_Da ich nun unmöglich einer derartig specifischen Entzündung

einen derjenigen Namen geben kann, mit welchen man partielle

Erscheinungsformen derselben belegt hat, so sei es mir gestattet, diese

specifische Phlegmasie als „Diphtheritis“ (von διφθερα, pellis, exuvia,

vestis coriacea und διφθερóω gleich corio obtego) zu bezeichnen._

Je mehr ich meine Aufmerksamkeit den charakteristischen Merkmalen der

diphtherischen Entzündung zuwandte, um so mehr erwiesen sich dieselben

als durchaus verschieden von denen jeder anderen Entzündung. Wenn

man mikroskopisch die am lebhaftesten in der Entwicklung begriffenen

circumscripten Flecke untersucht, welche vom blossen Auge punktförmig

und zwar als rothe und als weisse Punkte gesehen werden, so erkennt

man eine äusserst feine Vascularisirung der Schleimhaut und dass

die lebhaft gerötheten Punkte in derselben kleine Ekchymosen sind,

während die weissen Flecke durch die vorspringenden Oeffnungen der

Schleimhautfollikel repräsentirt werden.

Was die Verbreitungsweise der diphtherischen Entzündung betrifft,

so geschieht dieselbe in ganz eigenartiger Weise; _sie schreitet

in ähnlicher Weise vor, wie ein Flüssigkeitstropfen, der in die

Umgebung sich imbibirt und an abhängiger Stelle heruntergleitet_.

(L’inflammation s’y étend à peu près comme un liquide qui s’épanche ou

qui coule.)

Oft erkennt man, wie ein langer, schmaler Streifen vom tiefsten

Roth, sich in den Pharynx hinein verbreitet, oder nach der Trachea

hinuntersteigt, zuweilen auch mehrere solcher Streifen nebeneinander.

In der Mitte jedes dieser Streifen entsteht nun überall das feste

Exsudat. In diesem frühesten Stadium der Exsudatbildung kann man noch

rundliche Oeffnungen oder vielmehr halbdurchscheinende Bläschen in den

Concretionen beobachten.“

.... „Nun dehnt sich allmählich der Process auch in die Breite

aus, bis zusammenhängende Lamellen entstehen, die bloss durch

Exsudatpfröpfe, welche in die Oeffnungen der Schleimhaut_follikel_

hineingehen, an der darunterliegenden Schleimhaut festhaften. Löst sich

aber solch’ eine Lamelle los, dann nimmt die Röthung der Schleimhaut

zu; es entsteht von Neuem eine Membran, die durch Nachschübe verdickt

wird und gradatim mit zunehmender Verdickung an der organisirten

Schleimhaut immer mehr festhaftet.“

(Ferner S. 51): „Mit zunehmender Verdickung und engerem Connex zwischen

Schleimhaut und Pseudomembran wird auch die Schleimhaut selbst mehr

und mehr verändert: _es kann dann vorkommen, dass sogar das Exsudat in

der Schleimhaut eingelagert ist_. Erosionen und Ekchymosen entstehen

an den einer Reibung ausgesetzten Punkten und wenn nun noch Blut

austritt, dann entstehen jene Veränderungen der ursprünglich weissen

und geruchlosen Membran, die zu einer Putrefaction führen, welche den

specifischen Charakter der Diphtherie ganz verdecken kann.“

_Das_ ist das anatomische Bild des diphtherischen Entzündungsprozesses,

wie ich es auch bei der experimentell zu erzeugenden Diphtherie

bei Thieren fand. Dagegen das Bild, wie es von pathologischen

Anatomen entworfen wird, ist alles andere, bloss keine Diphtherie in

_Bretonneau_’s Sinne.

Hören wir, wie beispielsweise _Orth_ in seinem „Compendium der

pathologischen Diagnostik“ (III. Aufl. 1884) die diphtherischen

Veränderungen schildert (S. 257 ff.):

„Nicht ungewöhnlich kommen auch _diphtherische_ Erkrankungen im

Kehlkopf und Trachea vor. Man wird nicht nur am Kehldeckel, sondern

auch tiefer im Kehlkopf und in der Trachea zuweilen Membranen finden,

welche nur mit grosser Gewalt sich entfernen lassen und unter

denen die Schleimhaut in eine graue nekrotische Masse verwandelt

erscheint. Am häufigsten sieht man in der Trachea diese diphtherischen

Veränderungen in der Nähe von Tracheotomiewunden, deren häufige

diphtherische Infection ja allgemein bekannt ist. Die bei vielen

Infectionskrankheiten, besonders bei acuten Exanthemen vorkommenden

Entzündungen des Larynx und der Trachea nehmen oft einen diphtherischen

Charakter an. Besonders bei Variola kommen kleinere diphtherische

Herde in der Trachea (meist über den Knorpelringen) vor, die oft

fälschlich für Pockenpusteln gehalten worden sind. Gerade zu den

diphtherischen Affectionen des Larynx und der Trachea, aber auch zu

den auf die Pharynx beschränkten, gesellen sich leicht durch Einathmen

kleiner Partikel der diphtherischen Massen entstandene Pneumonieen,

welche meist katarrhalische Bronchopneumonieen sind, aber, wenn

die diphtherischen Massen zugleich Fäulnissstoffe enthielten, auch

einen gangränösen Charakter annehmen können. Die fibrinösen und

diphtherischen Entzündungen kommen hier fast stets im Anschluss an

ähnliche Veränderungen am Rachen vor, doch kann auch der Rachen

frei sein, ohne dass deswegen die Entzündungsursache eine andere zu

sein brauchte.“ Auf Seite 246-249 bespricht _Orth_ eingehender den

makroskopischen und mikroskopischen Befund bei der Pharynxdiphtherie.

Danach sind ihm Diphtherie und Croup „höhere Grade von Entzündung“

und (S. 248) „die Diphtherie des Gaumens und Rachens kann durch

verschiedene Ursachen erzeugt werden.“ Die vorzugsweise bei Kindern

auftretende Form will er, _Senator_ folgend, als „_Synanche_“

bezeichnet wissen.

Damit wäre denn wissenschaftlich die Diphtherie als ätiologisch

einheitliche Infectionskrankheit aus der Welt geschafft.

Man hat der jüngeren Generation von Aerzten den „historischen Sinn“

in der medicinischen Wissenschaft abgesprochen; ich glaube aber, wir

brauchen diesen Vorwurf nicht zu tragisch zu nehmen in einer Zeit,

wo der medicinischen Forschung neue Gebiete erschlossen sind, deren

Bearbeitung lohnender ist, als die Beschäftigung mit den Lehrmeinungen

einer von der Beobachtung des lebenden kranken Menschen losgelösten

Pathologie. Ja fast möchte ich durch meine historisch-kritischen

Studien bei denjenigen Krankheiten, mit welchen ich mich genauer

beschäftigt habe, zu der Meinung kommen, dass die doctrinären

Anschauungen der pathologischen Anatomie der letzten 50 Jahre erst ein

überwundener Standpunkt werden müssen, ehe man mit Aussicht auf Erfolg

bei den Infectionskrankheiten an eigene productive Arbeit herangehen

kann.

Was die Diphtherie betrifft, so muss sich schon bei der

bisherigen Analyse des Wesens und der Erscheinungsformen dieser

Infectionskrankheit ein solches Urtheil aufdrängen. In noch höherem

Grade wird sich aber bei der Besprechung der weiteren positiven

Errungenschaften in der Diphtherieforschung zeigen, wie die Herrschaft

einer einseitig pathologisch-anatomischen Betrachtungsweise der

Construction eines Krankheitsbildes hinderlich sein musste, in welchem

das _ätiologische_ Moment entscheidend ist für die Zugehörigkeit ganz

verschieden aussehender Krankheitsformen zu demselben.

Ganz besonders deutlich tritt dies zu Tage bei derjenigen

diphtherischen Erkrankung, die uns beim Lebenden in Gestalt von

Lähmungserscheinungen entgegentritt. Nichts von denjenigen Charakteren,

die an der Leiche als Kriterium für die Diphtherie geltend gemacht

werden, ist hier zu finden, und trotzdem ist gerade die Erzeugung

specifisch-diphtherischer Lähmungserscheinungen, mit ihrem ganz

eigenthümlichen Auftreten erst nach Ablauf des local diphtherischen

Processes und mit ihrem zur spontanen Heilung hinneigenden Verlauf,

entscheidend gewesen für die Beweiskraft der ätiologischen

Untersuchungen von _Roux_ und _Yersin_.

Hier ist es einleuchtend, dass nicht der pathologische Anatom das

Superarbitrium darüber abgeben kann, ob wir intra vitam eine richtige

Diagnose gestellt haben; ebensowenig aber kann er es in den zahlreichen

anderen Fällen, wo functionelle Störungen einer Krankheit ihren

specifischen Stempel aufdrücken, beim Tetanus, bei syphilitischen,

leprösen und vielen anderen Infectionen.

Für den gut beobachtenden Arzt sind gewisse Lähmungsformen so

zweifellos diphtherische Erkrankungen, dass beispielsweise _Henoch_

die Diagnose auf Diphtherie auch dann zu stellen sich für berechtigt

hält, wenn er in Diphtherieepidemieen eine _Gaumenlähmung_ zu Gesichte

bekommt, ohne dass vorher eine Rachendiphtherie constatirt worden ist;

und doch würde auch die sorgfältigste anatomische Untersuchung nicht

im Stande sein, hier die ärztliche Diagnose zu bestätigen. Gleichwohl

werden wir zur näheren Erforschung des anatomischen Substrats auch

dieser Krankheitsformen jede Gelegenheit und jedes Mittel benutzen,

aber nicht in dem Glauben, welcher in den letzten Jahrzehnten

grossgezogen wurde, dass wir erst in die pathologischen Institute

gehen müssten, um autoritativen Aufschluss über die bei solchen

Untersuchungen anzuwendenden Methoden zu bekommen.

Diphtherische Lähmungen sind schon in sehr frühen Zeiten

ärztlicherseits beobachtet worden.

_Ghisi_ erwähnt in seinem berühmten Briefe aus dem Jahre 1749

(Cremona), dass sein eigener Sohn, nachdem derselbe von der häutigen

Bräune fast vollständig geheilt war, von einer Gaumenlähmung befallen

wurde und fügt hinzu: „Wir (_Ghisi_ und _Scotti_) überliessen es der

Natur, die Heilung dieser merkwürdigen Nachkrankheit zu besorgen,

welche man ausserordentlich häufig bei solchen Personen beobachtet,

die von der ursprünglichen Krankheit schon wiederhergestellt waren,

und die etwa einen Monat lang nach erfolgter Heilung der Angina und

des sich an dieselbe anschliessenden Drüsenabscesses bei dem eigenen

Kinde andauerte; dasselbe sprach andauernd durch die Nase und flüssige

Speisen liefen oft durch die Nase zurück“ (citirt nach _Bretonneau_,

Traité de la diphtherite S. 460). Der _Ghisi_’sche Brief scheint sehr

schwer zu haben zu sein; _Bretonneau_ fand ihn in keiner Bibliothek,

bekam aber schliesslich ein Originalexemplar durch Dr. _Double_.

In demselben Jahre (1749) gab auch _Chomel_ in seiner Dissertation

„Sur le mal de gorge gangréneux“ eine naturgetreue Schilderung der

Gaumenlähmung; eine Dame (Demoiselle _de Bonac_) wurde in einem Hause,

in welchem mehrere Kinder an häutiger Bräune krank waren, gleichfalls

von dieser Krankheit ergriffen, aber bald geheilt. 40 Tage später

stellten sich Lähmungserscheinungen bei ihr ein: „La malade parlait

beaucoup du nez, était louche et contrefaite; mais en reprenant ses

forces elle a repris aussi de jour en jour son état naturel“ (citirt

nach _Maingault_ „De la paralysie diphthérique“ Paris 1860 S. 3).

Wir sehen also, dass schon in den ersten beglaubigten Fällen von

Diphtherie, und zwar an den weitest von einander entfernten Orten,

Lähmungserscheinungen die Aufmerksamkeit der Aerzte auf sich lenkten;

so citirt _Maingault_ (S. 3), auch _Samuel Bard_, welcher aus

_New-York_ ungefähr zu gleicher Zeit mit den beiden obengenannten

Autoren folgenden Krankheitsfall berichtete. Ein zweieinhalbjähriges

Mädchen, welches Angina und Croup überstanden hatte, und dann

vollständig stimmlos wurde, konnte feste Speisen ziemlich gut zu sich

nehmen, Flüssigkeiten verursachten aber Hustenanfälle und wurden sehr

schlecht geschluckt. Die letzteren Symptome verloren sich ziemlich

schnell; dagegen dauerte die Aphonie und eine allgemeine Schwäche sehr

lange an; das Gehen ohne Unterstützung lernte die kleine Kranke erst 12

Monate später.

_Maingault_, dessen umfangreiche Monographie über die

diphtherischen Lähmungen sehr lesenswerth ist, bringt Auszüge über

Krankenbeobachtungen von dem jüngeren _Sédillot_ (1810), _Guimier_,

_Ozanam_, _Loyateté_, hebt besonders rühmend hervor _Orillard_ (Société

de Poitiers 1834-36), welcher ausser Gaumenlähmungen auch Taubheit

und Sehstörungen als diphtherische Rachenkrankheiten beobachtete,

und eine sehr exacte Schilderung von Muskelschwäche und Zittern der

Extremitäten, sowie von tabischen Erscheinungen entwarf; er zählt

weiter Beobachtungen auf von _Thirial_ (Assistent von _Trousseau_) und

geht dann genauer auf die grundlegenden Untersuchungen von _Trousseau_

selber ein, von denen ab die Litteratur über diphtherische Lähmungen

fast unübersehbar anschwillt.

_Trousseau_’s scharf entworfene Krankheitsbilder sind hauptsächlich

durch seine klinischen Vorlesungen Anfangs der fünfziger Jahre weiteren

Kreisen bekannt geworden. Ich will bloss noch erwähnen, dass in dieser

Zeit auch _Bretonneau_ noch wieder aus dem grossen Schatz seiner

Erfahrungen dieses Specialgebiet der Diphtherie bereichert hat in

seiner Arbeit „Memoire sur les moyens de prévenir le développement et

les progrès de la diphthérie“, Archives générales de médecine (Janvier

1855).

Die Geschichte der Diphtherie · 第 3 / 16 段